Der Nachtwächter hat soeben auf seinem Horn vier Uhr geblasen, die Nacht hängt noch so dicht über dem Dorf, dass man die eigene Hand nicht erkennen kann, und nur im Osten und Norden deutet ein ferner dunkelgrauer Streifen an, wo die endlose Fläche des grauen Haffeises endet. Von dort bläst ein scharfer, durchdringender Ost, der messerscharfe Eiskristalle gegen die kleinen Fenster der Dorfhäuser schleudert, hinter denen längst das Leben erwacht ist.
Aus den Ställen fällt trübes Licht, man hört das beruhigende Mahlen der Pferde, die Hafer und Häcksel kauen, das Stampfen ihrer Hufe und ihr Schnauben. Die kleinen, zottigen Pferdchen der Fischer sind ein besonderer Schlag, unglaublich genügsam und ausdauernd. Ihre Besitzer sind ebenfalls ein besonderer Menschenschlag, und die Beziehung zwischen ihnen ist eine Freundschaft auf Leben und Tod.
Die Fischer der Kurischen Nehrung sind groß und blond, mit leuchtend blauen Augen und durchdringendem Blick. Sie sind Nachkommen der Kuren, eines Volkes von Seefahrern.
Eisfischerei auf dem Haff bei Nidden (Nida).
Jetzt stehen sie in der Stube, die von einem Kerzenstummel schwach erhellt ist, und stampfen mit den Absätzen ihrer bis an die Hüften reichenden Fischerstiefel auf die Schwelle, damit die Füße in den dicken Strümpfen bequemer auf der mit Stroh ausgelegten Gummisohle sitzen. Aus der Küche dringt der appetitanregende Duft von Bratkartoffeln mit Fisch, und bevor die Fischer hinaus in die eisige Kälte ziehen, werden ihre Mägen mit heißem, wärmendem Essen gefüllt.
Solange die Männer aber noch im Haus sind, werden die Frauen auf keinen Fall aufräumen oder fegen, denn das würde das Glück beim bevorstehenden Fang zunichtemachen. Auch darf man den davonfahrenden Fischern nichts nachrufen, denn das bringt dem ganzen Unternehmen unweigerlich Unglück. Viele Aberglauben stammen aus uralter Zeit und werden heilig gehalten, denn so unberechenbar Erfolg und Verdienst des Fischers sind, so unendlich gefährlich ist sein schwerer Beruf. Er ist eine ständige Lebensgefahr, besonders beim Winterfischfang.
Doch nun setzen die Männer ihre Südwester (Südwester) auf und binden deren lange Ohrenklappen unter dem Kinn zusammen, spannen die zottigen Pferdchen vor die Schlitten mit langen Deichseln, werfen Seile, Netze, Eisäxte und Schlittschuhe hinein und stellen die Proviantkiste (Lölschke) dazu.
Die Schlitten setzen sich in Richtung Haff in Bewegung, über dem ein heller Schein schon deutlich den nahen Anbruch des neuen Tages verkündet. Zunächst führt der Weg an den Fuhsen (Fuhsen) entlang – kleinen Kiefernpfählen, Wegweisern von einem Küstendorf zum nächsten, die in etwa 30 Metern Abstand voneinander aufgestellt sind.
Bald sind die Schlitten auf dem Eis des Haffs. Klopp-klopp-klopp – mit einem eigentümlich dumpfen Klang schlagen die Hufeisen der Pferde bei starkem Frost auf das dicke Eis, und das Eis seinerseits kracht von Zeit zu Zeit unheilvoll.
Einer der Fischer schnallt sich holländische Schlittschuhe (Holländer Schlittschuhe) mit langen Kufen an, nimmt eine Eisaxt und läuft voraus, um das Eis auf gefährliche Risse und Packeis zu prüfen.
Die Eisaxt (Eisaxt) ist im Winter die unentbehrliche Ausrüstung des Fischers. Mit ihr wird die Festigkeit des Eises geprüft: Drei kräftige Schläge garantieren, dass es das Gewicht des Schlittens trägt. Bei schwierigen Übergängen bindet man die Eisaxt als Verlängerung der Kufen unter den Schlitten, und schließlich dient sie auf sehr glattem Eis als Bremse und verhindert gefährliches Schleudern des Gefährts.
– So, da wären wir, – der Kundschafter hält an einer scheinbar ganz unauffälligen Stelle, die die Fischer nicht selten im Traum auswählen. Mit den Eisäxten werden viereckige Löcher geschlagen, dann schiebt man die Netze mit langen Stangen unter das Eis. Wenn alle Netze gestellt sind, steckt man in ein Loch abseits der anderen in einem bestimmten Winkel ein langes, schmales Brett und schlägt mit einem Holzhammer darauf. Dadurch entsteht unter Wasser ein dröhnendes Echo, das sich nach allen Seiten ausbreitet. Es treibt die Fische in die gestellten Netze.
Diese Fangmethode heißt „Klappern“ (Klappern). Sie wird sogar von einzelnen Fischern betrieben, doch viel fängt man auf diese Weise nicht.
Ein Eisloch mit der „Klapper“, die die Fische ins Netz treibt. Rechts ein Fischer mit Eisaxt.
Weit ergiebiger ist das Fischen mit dem „Großen Garn“ (Große Garn). Es erfordert unvergleichlich mehr Zeit, Menschen und Gerät und ist vor allem mit enormem Risiko verbunden.
Schema der Eislöcher für die Eisfischerei mit dem Großen Garn. Anders als in der samländischen Terminologie nannten die kurischen Fischer alle von Menschenhand geschlagenen Eislöcher „Zesslöcher“. Das Einbringen des Netzes hieß „Zessen“: 1. Einlassloch (Einlassloch, durch das das Netz hinabgelassen wird); 2. Zesslöcher / Verschiebelöcher (Löcher, durch die das Netz weitergeschoben wird); 3. Zukehrungswake (Wendeloch, an dem die Bewegungsrichtung des Netzes geändert wird); 4. Holung (Loch, durch das das Netz mit dem Fang herausgezogen wird).
Die Pferde sind ausgespannt und mit Decken zugedeckt, die Schlitten zusammengestellt, alte Segel dienen als Schutz vor dem scharfen eisigen Wind.
Es beginnt die lange, schwere Arbeit in der Kälte: Zuerst wird ein großes Eisloch geschlagen, dann werden nach einem besonderen Schema in einiger Entfernung davon kleinere Löcher gehauen. Danach wird das große Netz so weit, wie die langen Stangen reichen, in das große Loch geschoben und durch die benachbarten Löcher noch weiter. Das Loch, das weit entfernt von den übrigen geschlagen wurde, dient dem „Klappern“ (siehe oben), das die Fische ins Netz treiben soll. An jedem Loch steht ein Fischer; Bärte, Jacken und Südwester der Männer sind mit einer Eiskruste überzogen. Sie arbeiten ohne Handschuhe, denn diese saugen sich im beißenden Frost mit Nässe voll, gefrieren augenblicklich und stören nur.
Die Spannung steigt, der Höhepunkt naht: Alle haben sich um das Hauptloch versammelt und beginnen, mit einer am Schlitten befestigten hölzernen Winde das Netz nach und nach aus dem Wasser zu ziehen. Wird der Tag heute erfolgreich sein, oder werden die Netze leer bleiben und die ganze schwere Arbeit vergebens gewesen sein? Die Fischer spucken über die Schulter, um es nicht zu berufen, und schon kommt aus dem Wasser gleichsam nicht ein Netz, sondern ein großer Netzsack zum Vorschein, in dem Zander, Hechte, Brassen, Quappen, Maränen, Barsche, Plötzen, Stinte zappeln, sich winden und springen...
Ein besonderer Schlitten mit Winde zum Herausziehen der Netze.
In den schrägen Strahlen der winterlichen Mittagssonne glänzen die Fischschuppen silbern. Aus dem Stroh im Schlitten wird ein Krug mit Schnaps hervorgeholt und von Hand zu Hand gereicht: Ein reicher Fang muss begossen werden.
Die Fischer freuen sich über einen guten Fang. Links, rechts und im Hintergrund Fischer auf Schlittschuhen.
Doch solches Glück war selten, und die Nachricht davon verbreitete sich in Windeseile von Mund zu Mund durch alle Dörfer der Kurischen Nehrung. Danach sprach man wochenlang von nichts anderem als von dem reichen Fang, als hätte jemand das große Los in der Lotterie gezogen.
Über das Eis des Haffs fuhren die Fischer so lange, wie es die Schlitten tragen konnte, und das bedeutete, dass jeden Winter nicht nur Gerät, Schlitten und Pferde verloren gingen, sondern auch Menschenleben. Immer wieder brachte frühes Tauwetter im Frühling den herzzerreißenden Schrei „Herr, bewahre!“ (De Jes jeihtl!) mit sich, der bedeutete, dass nicht alle Fischer rechtzeitig vom Eis gekommen waren und jemand auf einer Eisscholle aufs Haff hinausgetrieben worden war. Dann kam es vor, dass die Fischer mehrere Tage darauf trieben, bis Hilfe kam oder ein seltener glücklicher Zufall ihnen half, sich selbst zu retten. Doch oft, sehr oft war am nächsten Sonntag die Dorfkirche überfüllt, und der Pfarrer sprach in seiner Predigt von den unglücklichen Opfern des Fischerhandwerks und vom Leid der Frauen und Kinder in schwarzen Tüchern, die vergeblich auf die Heimkehr ihrer Ernährer gewartet hatten.
Quelle
Ostpreußen-Warte, Folge 01 vom Januar 1952 (S. 5)
Eisfischerei auf dem Kurischen Haff. Von Wanda Wendlandt
https://archiv.preussische-allgemeine.de/ow1952/1952_01_01_01.pdf
Fotos
Bildarchiv Ostpreußen bildarchiv-ostpreussen.de.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

