/ Insterburg – Tschernjachowsk

Die Sage vom Kamswikus

Die Sage vom Kamswikus

„Wie der junge Weißkunig schießen lernte“.


Leonhard Beck, Holzschnitt, Anfang 16. Jh.

Bei Insterburg [Tschernjachowsk], am rechten Ufer der Angerapp, unweit der Stelle, wo sie sich mit der Inster vereinigt und den Pregel bildet [heute Angrapa, Instrutsch und Pregolja], erhebt sich der steile Berg Kamswikus. Er ist ganz mit dichtem Gebüsch bewachsen, und auf seinem Gipfel sind bis heute die Reste einer alten Wallburg zu sehen. Schon vor der Ankunft des Deutschen Ordens in diesem Land stand hier eine Burg, deren Herr der Sage nach dem Berg seinen Namen gab.

Die Bauern der Umgebung meiden den Berg in den Abend- und Nachtstunden und halten sich von ihm fern. Sie behaupten, zu dieser Zeit gehe dort etwas Seltsames vor. Eine schwarze Kuh mit feurigen Hörnern rennt, ohne auf den Weg zu achten, und dicht hinter ihr jagt ein wilder schwarzer Kater, der sie unablässig vor sich hertreibt. Andere behaupten, die Kuh werde von einem schwarzen Ritter zu Pferde verfolgt, der sie ständig mit der Peitsche schlägt. Oft sehen die Leute um Mitternacht, wie beide durch das Dickicht am Berg nahe dem Gipfel irren, und jeder, der diesen Gespenstern in den Weg trat, musste sein Leben lassen. Das ist schon mehrmals denen widerfahren, die nachts nach dem auf dem Kamswikus vergrabenen Gold suchten.

Der wilde Kater wie die feurige Kuh waren einst Menschen – der heidnische Fürst Kamswikus und seine Frau. Die Leute erzählen, dieser Fürst sei grausam und zügellos gewesen. Von seinen Raubzügen in die Länder der Christen brachte er reiche Beute mit, Gold, Edelsteine und auch Gefangene, Jünglinge und Jungfrauen, die er den Göttern opferte. Seine Frau war auf den ersten Blick barmherzig und gütig, sorgte für Arme und Kranke und brachte Speise und Arznei in ihre Hütten, doch all das war Verstellung und Trug, und die Frau war eine ihres Mannes würdige Übeltäterin.

Gott allein weiß, wie es geschah, dass diesem gottlosen Paar ein Sohn geboren wurde, gesegnet mit der Gnade der Güte, der Barmherzigkeit und der Sanftmut, und er hieß Medus.

In jener Zeit begann sich im Land der Prußen der christliche Glaube auszubreiten, hier und da entstanden Klöster, und in den Wäldern tauchten Klausen von Einsiedlermönchen auf.

Einmal lernte Medus bei einer Jagd im Herrschaftsgebiet seines Vaters einen dieser Mönche kennen und freundete sich mit ihm an. Seinen Eltern aber erzählte er nichts davon, aus Furcht, sie würden den Mönch töten lassen. Doch die Veränderung im Wesen des Sohnes blieb den Augen der Mutter nicht verborgen, und sie hörte nicht auf, nachzuforschen, warum seine Augen so hell zu leuchten begannen und woher die Sanftheit in seinem Betragen kam. Und schließlich erzählte Medus ihr doch von seinem neuen Freund, nachdem er ihr das Versprechen abgenommen hatte, das Geheimnis zu wahren. Die Mutter versicherte dem Sohn, sie werde niemandem etwas erzählen und selbst alles daransetzen, dass der Vater nie mehr grausam zu den Menschen sei.

Medus war glücklich, als er ihre Versicherungen hörte. Er konnte nicht einmal ahnen, auf welche Weise sie ihr Versprechen zu halten gedachte, denn die Mutter erschien ihm als das genaue Gegenteil des Vaters.

Die Gelegenheit, das dem Sohn gegebene Versprechen zu halten, bot sich der Burgherrin sehr bald, als Kamswikus bei einem Gelage betrunken und bewusstlos zu Boden fiel.

Die Mutter befahl den Dienern, ihn zu ergreifen und lebendig im Verlies der Burg einzumauern. Mehrere Tage lang hörte man in der Burg die verzweifelten Schreie des zum Tode Verurteilten, doch bald verstummten sie.

Doch darum hatte Medus nicht gebeten, und er wollte keineswegs, dass sein Vater stirbt! Und doch waren seine Bitten an die Mutter vergebens, den Vater wieder das Tageslicht sehen zu lassen. Die Mutter antwortete heuchlerisch, ihr Mann sei nicht zu ändern und habe einen solchen Tod verdient.

Der Sohn versuchte zu begreifen, wie er weiterleben sollte, denn er konnte noch immer nicht glauben, dass seine Mutter zu einer solchen Untat fähig gewesen war. Er redete sich ein, dass sie den neuen Glauben sicherlich allzu eifrig angenommen habe und deshalb fest entschlossen sei, jeden mit dem Tod zu bestrafen, der den alten Göttern treu blieb. Schließlich beschloss Medus, dass er Antworten auf all seine Fragen nur in der Waldklause beim alten Mönch bekommen könne, und bat die Mutter um Erlaubnis, dorthin zu gehen. Die Fürstin hielt ihn nicht davon ab. Doch als Medus nach drei Tagen zum Einsiedler kam, sah er, dass die Klause zerstört war und der Mönch tot unter ihren Trümmern lag. Die von der Mutter ausgesandten Mörder waren schneller und flinker gewesen!

Mit einem Schlag hatte Medus alles verloren: Vater, Mutter und Freund, und um die schrecklichen Untaten seiner Eltern zu sühnen, nahm er von dieser Stunde an keine Speise mehr zu sich und entsagte dem Leben.

Im Augenblick, als er den Geist aufgab, zerstörte ein Blitzschlag die heidnische Burg, und ein Fluch erweckte Kamswikus im Fell eines wilden Waldkaters wieder zum Leben, seine Frau aber verdammte er, die Gestalt einer Kuh mit feurigen Hörnern anzunehmen, die dieser schwarze Kater fortan ewig verfolgt.

Der Fluch, so behaupten die Leute, sei von den alten heidnischen Göttern über die Gottlosen verhängt worden, als Strafe für die von ihnen begangenen Untaten. Die Weisen aber, die weder an Gespenster noch an Geister noch an andere übernatürliche Erscheinungen glauben, behaupten, nachts leuchteten auf dem Berg nicht die feurigen Hörner der schwarzen Kuh, sondern Elmsfeuer – elektrische Entladungen in der gewitterschwangeren Luft, die an spitzen Gegenständen entstehen. Doch, sagen wir, wenn man sie sowohl an Schiffsmasten als auch an Kirchturmspitzen sieht, warum sollten diese Feuer dann nicht auch an Kuhhörnern auf dem Kamswikus aufleuchten?

Dem Sohn des grausamen Herrn des Berges aber errichteten die Menschen ein Denkmal. Man glaubt, es sei eben jenes eiserne Kreuz, das später gefunden wurde und heute in einer der Kirchen Insterburgs aufbewahrt wird. Begraben wurde Medus am Fuß des Kamswikus, wo einst die Stammburg seiner Familie stand. Auf dem Grab liegt ein riesiger Findling, fünfundzwanzig Fuß lang und ebenso breit. Und noch heute sind in Insterburg die litauischen und deutschen Lieder nicht vergessen, die den Edelmut und den Tod des Jünglings besingen.

QUELLEN

1. Сборник Теттау/Темме. 1837. Народные легенды Восточной Пруссии, Литвы и Западной Пруссии. (W.J.A. v. Tettau und J.D.H.Temme. Berlin. 1837. Die Volkssagen Ostpreußens, Litthauens und Westpreußens.)

2. Христиан Кроллманн. Книга легенд Восточной Пруссии. 1915. (C. Krollmann. 1915

Ostpreußisches Sagenbuch. )

3. Легенды Мекленбурга-Передней Померании. (Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern.)



● Von der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Sagen und Märchen in ihrer Übersetzung veröffentlicht sind.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.