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Der Brand auf der Lastadie am 2. August 1839

Der Brand auf der Lastadie am 2. August 1839

Eine der wenigen Darstellungen des Roten Krans, der bei dem hier beschriebenen Brand zerstört wurde, auf der Lithografie von Friedrich Lahrs „Hafen und Roter Kran“ aus der Serie „Die Stadt Kants. Acht Bilder Königsbergs aus dem 18. Jahrhundert“.

Im Jahr 1842 erschien im Danziger Verlag von Frank Gerhard in zwei Bänden das Buch des deutschen Philosophen, Literaturhistorikers und Schriftstellers Karl Rosenkranz "Königsberger Skizzen". Wir veröffentlichen ausgewählte Kapitel mit freundlicher Genehmigung der Übersetzerin Tatjana Koliwai.

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.



Es geschah im heißen Sommer 1839. Nach dem Mittagessen saß ich am Fenster meines Zimmers, in ein interessantes Buch vertieft. Plötzlich fiel ein Schatten auf die Seite. Ich dachte, es sei eine Wolke, die bald vorüberziehen würde, und trat ans Fenster. Es schlug sechs Uhr. Damals wohnte ich in einem Haus neben der Burgkirche, eine Minute Fußweg vom Bergplatz (Bergplatz) entfernt. Über den Dächern der gegenüberliegenden Häuser sah ich dichten schwarzen Rauch dahinziehen. Er stieg höher und höher, breitete sich aus und wurde immer dichter. Auf der Straße machte sich bereits Unruhe bemerkbar. Die Menschen blickten erschrocken zum Himmel, bildeten Gruppen, suchten nach einer Stelle, von der aus man die Quelle des Rauches sehen könnte, und tauschten beunruhigte Blicke und Fragen aus. Ich nahm Hut und Stock und eilte in Richtung Pregel, von wo der Rauch aufstieg.

Als ich aber an den Fluss kam, sah ich, dass ich mich viel weiter nach rechts wenden musste. Inzwischen fielen aus dem Rauch, der sich immer weiter nach allen Seiten ausbreitete, immer wieder gleißende Funken wie Meteore herab.

Als ich an einem Trödelmarkt auf der Straße vorbeikam, sah ich, dass die Händler ruhig auf ihren Stühlen saßen. Eine alte Frau las vertieft in einem zerlesenen dicken Buch, ein Mann mittleren Alters bürstete einen alten Samtsessel ab. Ein junges Mädchen in der letzten Bude, wo schwarze, gelbe und rote Särge verkauft werden, strickte ruhig und blickte teilnahmslos vor sich hin. Ich glaubte endgültig den Verstand zu verlieren, als ich sah, wie über den Platz ein Pferd einen Wagen zog, auf dem zwischen zwei kleinen Stangen ein Seil gespannt war, und Äffchen in roten Jacken darauf balancierten und ihre angeborenen Fähigkeiten vorführten. Eine Menge Dzimken1 und Kinder stand da und starrte sie so gebannt an, dass, so schien es, die ganze Welt hätte ins Nichts versinken können, ohne sie zu stören.

Mit raschen Schritten ging ich über die Honigbrücke2 zum Blauen Turm3. Als ich um ihn herumbog, blieb ich einen Augenblick stehen. Das ganze Ufer war voller Menschen, auf dem Pregel fuhren Boote hin und her. Hinter dem Börsengebäude4 schlugen Flammenzungen zum Himmel, langen, sich windenden Schlangen gleich. Nach allen Richtungen zog unheilvoll schwarzer Rauch, und es herrschte noch immer völlige Windstille. Ich hörte jemanden sagen, es brenne ein Hanfspeicher auf der Lastadie5, und das Feuer breite sich rasch aus und habe schon die Dächer der benachbarten Speicher erfasst. Ich versuchte, zur Klapperwiese6 durchzukommen, um zu erfahren, wie es um meinen Freund, Herrn Toussaint, stand, und ob ich ihm irgendwie nützlich sein könnte, denn der Speicher seines Handelshauses lag im Gefahrenbereich.

Als ich mich auf der nächsten Brücke durch die Menge drängte, verwandelte sich der schwarze Rauch plötzlich in einen grau-gelblichen. Wie Fledermausflügel breitete er sich über den ganzen Pregel aus, sodass etwa zehn Minuten lang fast nichts zu sehen war.

Dieser Augenblick war sehr furchtbar. Er hatte etwas vom Weltuntergang. Das plötzliche Verschwinden aller Gegenstände in dem unheimlichen, erstickenden Nebel war über die Maßen beängstigend.

Die Erklärung war, dass das Fichtenholz der Dachsparren des brennenden Speichers durchgebrannt war und der Hanf Feuer gefangen hatte. Doch da kam vom Meer eine Brise, die Luft geriet in Bewegung, und durch große Lücken im Rauch sah man bald die mit Menschen gefüllten Brücken und das Ufer, bald fröhlich aufblitzende Feuerstöße.

Langsam ging ich über das Bohlenpflaster zum Eingang der Klapperwiese, wo der Ladekran stand. Die Hitze war unerträglich. Die fassungslosen Menschen standen wie angewurzelt und drängten sich, ohne die Augen von dem schrecklichen Schauspiel abzuwenden, unwillkürlich aneinander. Auf dem Pregel verlegten sich alle Schiffe, die bei der Lastadie vor Anker lagen, zunächst in den Arm des Pregels, näher an die Mole, einige zum Holländerbaum7, die Wittinen8 unter der Grünen Brücke9 hervor in Richtung Lomse10. Als aber das Feuer mit unglaublicher Schnelligkeit die Speicher hinter dem Roten Kran erfasste, als das Dach des Toussaintschen Speichers aufflammte, als die Funken weit über den Fluss bis zu den Vorstädten flogen, begannen alle Schiffe wie auf Kommando, sich in sichere Entfernung zurückzuziehen.

Diese Flucht der Schiffe vollzog sich in dichtem Rauch, der sie wallend gleichsam in eine Vielzahl von Leichentüchern hüllte. Einem Menschen mit guter Einbildungskraft mochte es scheinen, als wanderten riesige Gespenster über den Fluss.

Auch die Fahrzeuge auf unserer Seite, am Südufer, mussten diesen Ort so schnell wie möglich verlassen. Jede Minute Verzögerung konnte sie teuer zu stehen kommen, denn sie liefen Gefahr, sich an den nach allen Seiten fliegenden Funken zu entzünden. Meist waren es Wittinen. Die Mannschaften zogen sie an Seilen, und sie schleppten sich langsam am Ufer entlang. Diese allgemeine Bewegung der Schiffe, die Hast, die Schreie, der Rauch, unbeabsichtigte Unfälle: Am Ladekran riss der Anker eines holländischen Zweimasters ab und stürzte ins Wasser, wobei er mit seiner Flunke ein Stück Bohle aus dem Bohlenpflaster riss.

Man hätte meinen können, es fände eine Seeschlacht statt oder zumindest ein Erdbeben.

So kam ich also zur Klapperwiese, fand aber im Handelshaus Toussaint niemanden vor. Der Inhaber der Firma lebte mit seiner Familie in Rodmannshöfen11 – einem Landgut anderthalb Meilen von der Stadt entfernt. Einer der Söhne war dorthin geritten, um die Angehörigen von dem Geschehenen zu unterrichten, der andere war zusammen mit den Kontorangestellten mit dem Löschen des Brandes beschäftigt.

Ich kehrte zum Ladekran zurück. Der Anblick des gegenüberliegenden Ufers glich vollkommen dem Bild, das sich in meiner Kindheit bei der Lektüre der Offenbarung des Johannes in mir geformt hatte. Es war etwas Apokalyptisches. Die entsetzliche Glut, die Rauchsäulen, die wie Ameisen hin und her laufenden Menschen, die grauenhafte Angst vor dem, was in den nächsten Minuten plötzlich geschehen könnte, die bangen Blicke – bald zur Stadt hin, wo die Straßen so eng sind, bald zu den Vorstädten, wo Häuser und Speicher eben erst nach dem letzten Brand wieder aufgebaut worden waren. Würde das Feuer nicht dorthin übergreifen? Die Vorsicht, die im Gewühl nicht überflüssig war – um nicht von Wagen, Pferden, Soldaten erdrückt zu werden –, die zunehmende Hitze, die das Wasser des Pregels dampfen und die Bohlen des Pflasters verdächtig knarren ließ: All das genügte, damit der Mensch das Gefühl seiner Nichtigkeit und Ohnmacht gegenüber den entfesselten Elementen empfand.

Die Hitze wurde immer unerträglicher. Auf die Hanfspeicher auf meiner Seite goss man unablässig Wasser. Feuerprotuberanzen durchschnitten die Luft und schickten wahre Feuerpfeile in Richtung Grüne Brücke und der nächstgelegenen Speicher. Auf deren Dächern drängten sich Menschen mit Stangen, Feuerhaken, Wassereimern und nassen Säcken. Sie bemühten sich, jede Gefahr einer Entzündung abzuwehren.

Schon brannte die ganze Gruppe von Speichern bis zur Heringsbracke12, mit Ausnahme der letzteren allerdings. Der Toussaintsche Speicher, der mittlere in der Reihe, war erst vor Kurzem hellgrün gestrichen worden, als das Handelshaus sein hundertjähriges Jubiläum feierte. Die Fachwerkbalken und Lukentüren waren mit schwarzem Öllack gestrichen, die Türen mit Eisenblech beschlagen. Der Speicher widerstand lange, obwohl im Inneren das Feuer schon heftig loderte und tobte.

Doch da barst das Dach, und die Flammen schlugen hoch in den Himmel. Die Fassade des Gebäudes aber verhielt sich wie ein Ritter mit geschlossenem Visier. Ihre Türen waren noch immer fest verschlossen, und nur gelegentlich erschütterte ein furchtbares Krachen die Luft. Ringsum lag schon alles in Trümmern, dieses Gebäude aber schien dem Feuer trotzen zu wollen. Wenn sich der Rauch ein wenig verzog und die Flammen es hell beleuchteten, sahen die schwarzen Luken so finster und so verächtlich aus und das Grün der Wände so friedlich, als sei es für sie undenkbar, sich wie alles ringsum in verkohlte Trümmer zu verwandeln.


Brand in der VorstadtDie Königsberger Vorstadt brannte Ende des 18. Jahrhunderts zweimal schwer.

Doch plötzlich sprangen fast gleichzeitig alle Luken auf, das Feuer brach wie ein rasender Drache aus ihnen hervor und erfasste im Nu das ehrwürdige Gebäude von oben bis unten. Ein unvergesslicher Augenblick.

Von hier wälzte sich der Flammenstrom zur Heringsbracke, einem langen, einstöckigen schlichten Bau an der Biegung eines der Pregelarme. Zuerst rauchte das Gebäude. Dann „schwitzte“ sein Dach einige Minuten lang, auf ihm sammelte sich eine Flüssigkeit, die einen erstickenden Geruch verbreitete – scharf und bitter. Dann flammte an den Ecken das Gerüst des Baues auf, und die Flammen tanzten fröhlich in den Sparren – so flackern im Windhauch die Flämmchen der Illuminationslampen. Hier und da Sprünge, Pirouetten, ein Kreisen scharlachroter Zünglein … Als wären es übermütige Feuergeister, die sich auf ihrem Fest vergnügten und mit dämonischer Schnelligkeit hin und her flogen. Sie bildeten einen grellen Gegensatz zu dem finsteren Widerstand, den der Speicher des Hauses Toussaint dem Feuer geleistet hatte.

Weiter ging das Feuer nicht. Durch die Anstrengungen der tapferen Feuerwehren sowie junger Kaufleute und Soldaten, die das Feuer unermüdlich mit Wasserspritzen13 löschten, gelang es, ein Übergreifen des Brandes auf die Stadt zu verhindern. Auch die Windrichtung wurde günstig. Fuhre um Fuhre mit Flachs und Hanf verließ die benachbarten Speicher. Von diesem Augenblick an gehörte der Brand bereits der Geschichte an und den Schaulustigen, die nun ohne jede Furcht in Ruhe das Schauspiel seines Erlöschens genießen konnten.

Es schlug neun Uhr. Die Trompeten der Kavallerie, die Trommeln der Infanterie spielten den Zapfenstreich. Diese Zeichen der gewohnten friedlichen Lebensordnung, der gemessene Stundenschlag von den Türmen, die langgezogenen Klänge der Trompeten und der heisere Wirbel der Trommeln wirkten auf magische Weise beruhigend. Sie standen in ungewöhnlichem Gegensatz zu dem soeben erlebten Schauspiel der Katastrophe, der allgemeinen Erregung, des Entsetzens vor der zerstörerischen Gewalt der Elemente.

Als die Feuerwehrleute den Kai verlassen hatten und die Brücke von der Menge der Gaffer geräumt und von Soldaten besetzt war, als das Feuer endlich gelöscht war und die Stimmung des Publikums von der bis dahin vorherrschenden Ungewissheit, Panik und Unruhe zu Nörgelei, Räsonieren und der Suche nach neuen Schauspielen und Vergnügungen umschlug, ließen es sich Hunderte14 von Priesterinnen der Liebe nicht nehmen, auf den Straßen zu erscheinen, und ringsum waren außergewöhnliche Äußerungen gröbster Sinnlichkeit zu beobachten. Hier und da sah man, wie Mädchen und Männer mit groben Scherzen und Gelächter paarweise in den Straßen der Vorstädte, in den Gassen der Speicher, in den nahen Alleen und sogar ... in den Büschen verschwanden. Wieder triumphierte die uralte Verbindung von Grausamkeit und Wollust. Je stärker die Anspannung der Menschen bis zu diesem Moment gewesen war, desto zügelloser wurde ihre Entspannung und verwandelte sich in Ausschweifung.


Brand in der Vorstadt 1811Nächtlicher Brand in der Vorstadt 1811.

Das Schauspiel, das der Pregel bot, war unbezahlbar. Auf dem von Hitze durchtränkten Wasser zogen anthrazitschwarze Streifen, und die Wellen glänzten wie vergoldeter polierter Stahl.

Auf dem Fluss trieben große Fässer mit brennendem Öl und Spiritus. Entlang der Kais und der Grünen Brücke manövrierten Wachschiffe hin und her, denn auf der Lastadie war der Brand noch nicht ganz gelöscht, das Bohlenpflaster brannte, und in der Luft flogen noch immer Feuerfunken. Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit aber war zweifellos der Rote Kran, der durch das Feuer zum Himmel ragte, darin verschwand, wenn die Flammen stark aufloderten, und wieder auftauchte. Er allein stand noch. Die Flammen in den brennenden Speichern klangen auf verschiedene Weise: bald wie klirrendes Knistern, bald wie gleichmäßiges Brausen, bald wie dumpfes rollendes Poltern – als würde man mit der Schaufel Erde auf einen Sargdeckel werfen. Plötzlich stieß der Rote Kran einen knarrenden Seufzer aus. Sein mächtiges eisernes Gerüst erbebte und zuckte, hielt aber stand. Seine gesamte Holzverkleidung war bereits verbrannt, das Feuer hatte das Laufrad verschlungen – die Menge wartete ungeduldig auf den Sturz des Riesen.

Vom Kran war nur noch ein eisernes Skelett übrig, dessen schlichte Linien in den Flammen glühten, doch er stand so lange, bis das Fundament nachgab, bis das Feuer die Bohlen des Pflasters zerfressen hatte. Und sobald das geschah, stürzte der Kran sogleich ein.

Es war gegen zehn Uhr abends; von diesem Augenblick an blieb das Schauspiel des in seinem Schrecken schönen Brandes die ganze Nacht über fast unverändert, und die Menge der Zuschauer zerstreute sich allmählich.

Ich ging nicht vor ein Uhr nachts schlafen. Die Nacht verlief ruhig, und am Morgen erklangen Trommeln und Trompeten wieder zur Ablösung der Soldatenwache. Es war der dritte August, der Geburtstag Friedrich Wilhelms III.15 Um neun Uhr morgens sollte ich im Saal der Deutschen Gesellschaft eine Festrede halten, und obwohl ich nicht glaubte, dass dort auch nur ein Mensch bereit sein würde, mir zuzuhören, musste ich mich dennoch auf den Weg machen. Zum Glück war das Thema, über das ich sprechen wollte, die Hegemonie Preußens in Deutschland, zumindest durchaus patriotisch und nicht allzu fern von der Gegenwart. Es kamen etwa fünfzig oder sechzig Zuhörer, und ich hielt meine Rede, worauf ich sogleich zum Pregel zurückeilte.

Die Luft war warm und feucht, bisweilen setzte Regen ein und hörte sofort wieder auf, durch den Dunstschleier blitzte die helle Sonne. Als ich auf die Grüne Brücke trat, war das Schauspiel, das sich mir bot, überaus malerisch. Zahlreiche Damen in prächtigen Morgentoiletten bevölkerten die Brücke und den Kai.

Diese schneeweißen Kleider, bunten Schals, koketten Schirmchen, diese lebhaften rosigen Gesichter mit ihren blitzenden Augen, diese trägen Schritte beim gemächlichen Spaziergang – all das stand in erstaunlichem Gegensatz zur Brandstätte am rechten Ufer des Pregels.

Dem Auge fehlte die gewohnte Perspektive. Alle Bilder, die sich so tief in uns eingeprägt hatten – die Kornspeicher, die Lagerhäuser, der Kran, die Heringsbracke –, waren verschwunden, existierten nicht mehr. Schwarzrote Gerippe ragten wie das Skelett eines urzeitlichen ausgestorbenen Tieres leblos aus der Brandstätte. Riesige Schutthaufen, verkohlte Berge von Mais, mit einer dicken Rußkruste überzogene Flachsballen, Trümmer von Fässern und Balken lagen überall durcheinander. In den Vertiefungen dazwischen riesige Pfützen schmutzigen Wassers, auf denen sich die Kreise des nieselnden Regens ausbreiteten.

Irgendwo brannte noch immer etwas, die Ruinen rauchten, und der Rauch wallte malerisch in der Luft und schien gegen die schwarzblauen Regenwolken zu stoßen, die tief über der Erde hingen. Weiter entfernt, hinter dem Holländerbaum, jenseits des glitzernden Spiegels des Flusses, sah man die flatternden Segel der Schiffe, die sich wie die Flottille eines unbekannten Landes zusammendrängten. Es war ein großartiges Schauspiel. Der Rauch zog in dieselbe Richtung und verhüllte mitunter Masten und Segel mit einem undurchdringlichen Schleier, bis sie wieder am Horizont auftauchten.

Ich ging zu den Ruinen. Die an das Speicherviertel angrenzenden Häuser waren von ihren Bewohnern verlassen. Wände und Dächer waren völlig durchnässt, die Fenster größtenteils zerbrochen, leere Zimmer ohne Möbel blickten verwaist aus den Fensteröffnungen. Ringsum herrschte noch immer reges Leben. Die Spritzen pumpten noch immer reichlich Wasser. Die Feuerwehrleute hielten die Durchgänge frei, um Menschenansammlungen dort zu verhindern, wo von Zeit zu Zeit bald ein Stück Mauer, bald ein Balken herabstürzte.

Bei der Heringsbracke entstand unerwartet ein unbeschreiblicher Tumult – man bot allen, die wollten, an, sich Heringe zu nehmen. Das Volk gab sich mit Begeisterung diesem eigentümlichen Vergnügen hin. Mit unglaublicher Gier rissen Jung und Alt – Kinder, Männer, Frauen, Greise – Heringe unter den von stinkendem Rauch durchtränkten Trümmern hervor. Jeder suchte so viel wie möglich zu ergattern. In der allgemeinen Aufregung achtete niemand auf seine Kleidung. Die Heringe wurden in die Stiefel gestopft, in den Busen, in alle Taschen, in die Hüte. Fluchend, lachend und tobend rissen die Leute einander oft die Beute aus den Händen. Das Schauspiel war wahrhaft fesselnd und entsetzlich zugleich.

Beim Anblick dieser Wildheit, dieser urtümlich-instinktiven Greifbewegungen, der aufgerissenen Augen, der groben Zurufe, des Gebrülls und Geschreis, des unvernünftigen Verhaltens (besonders der Vertreterinnen des schönen Geschlechts) war leicht zu begreifen, bis zu welcher Vertierung Menschen ziemlich rasch gelangen können.

In den benachbarten Straßen aber wurde schon eifrig mit Heringen gehandelt, die man auf den Türschwellen ausgelegt hatte ...

Am Abend fuhr ich wieder zur Brandstätte. Rings um den Schlossteich ertönten Pistolen- und Gewehrschüsse zu Ehren dessen, der am dritten August seinen Namenstag feierte. Pauken dröhnten, abgefeuerte Raketen knatterten. Die Straßen waren hell erleuchtet, besonders festlich war die Illumination in der Französischen Straße. Überall waren Vasen mit Blumen aufgestellt. Alles war sehr fröhlich, die Menschen lächelten sorglos und vergnügten sich, als sei nichts geschehen. Wahrhaftig, das Verdauungssystem einer Großstadt mit siebzigtausend Einwohnern ist sehr kräftig.

Zwischen acht und neun Uhr abends stellte ich fest, dass die Brandstätte des gestrigen Feuers völlig verlassen war. Hier waren nur diejenigen, die hier sein mussten, das Publikum aber suchte sein Vergnügen anderswo. Aus den Ruinen der Heringsbracke stieg noch immer bunter Rauch auf. Er nahm die wunderlichsten Formen an – bald strömte er majestätisch empor, vom Sonnenuntergang in zartrosa und gespenstisch blassgrüne Töne getaucht, bald kroch er am Boden hin. Noch mehrere Wochen lang rauchte die Brandstätte …

 


LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.



ANMERKUNGEN

1. Dzimke – Lehnwort aus dem polnischen ziomek m. ‚Landsmann‘, auch dschimke, schimke. Bezeichnung für polnische Flößer und Schiffer im ehemaligen Ost- und Westpreußen.

2. Honigbrücke (dt. Honigbrücke). Eine der sieben Brücken Königsbergs. Ausführlich über sie siehe LINK. Über die Brücken Königsbergs siehe LINK.

3. Das älteste Bauwerk auf der Kneiphofinsel war ein Befestigungsturm – der Blaue Turm. Er stand im südöstlichen Teil der Insel, unweit der Honigbrücke. Erbaut wurde er im 14. Jahrhundert, etwa zur gleichen Zeit wie der Dom. Jahrhundertelang diente er als Gefängnis. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er abgerissen.

4. Börse – das Börsengebäude stand im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts auf der Kneiphofinsel genau gegenüber der Stelle, an der die Börse (das Museum der Bildenden Künste) heute steht.

5. Eines der Hauptsymbole Königsbergs war seine Lastadie (dt. Lastadie) – ein Viertel alter Fachwerkspeicher, das sogenannte Laak-Viertel. Ausführlich darüber siehe LINK.

6. Klapperwiese (dt. Klapperwiese), wörtl. „Klapperwiese“. Ein anderer Name ist Insel Venedig (dt. Insel Venedig). Die zahlreichen Gräben, die das Land am Pregel durchzogen, verglich man scherzhaft mit den venezianischen Kanälen. Dieser Name ist erstmals 1737 als mündlich gebräuchlich belegt und wurde 1763 offiziell anerkannt. LINK .

7. Holländerbaum (dt. Holländerbaum) – eine Zollstelle am Pregel. Beim Bau der Bastionen (1626–27) wurden zwei neue Schlagbäume über den Pregel gelegt, der Holländische und der Litauische. Sie sperrten nicht nur nachts den Fluss, sondern waren auch ein wichtiger Bestandteil der Zollgrenze, die die kurfürstliche Verwaltung um die Stadt gezogen hatte. Gegenüber Schiffen und anderen Wasserfahrzeugen hatten die Baumwächter etwa dieselben Pflichten wie die Zähler an den Stadttoren gegenüber Wagen und Schlitten.

8. Wittinen sind die Flöße der Dzimken /s. Anm. 1/. Wittinen waren oft 500 bis 600 Fuß lang und mehr.

9. Grüne Brücke (dt. Grüne Brücke). Über die Brücken Königsbergs siehe LINK.

10. Lomse – eine der beiden Inseln Königsbergs. Heute heißt sie Oktjabrski.

11. Der Ort ist vom Autor als “Rodmannshöfen” angegeben.

12. Heringsbaracke /Speicher/ (dt. Heringsbracke).

13. Diese altertümlichen Wasserspritzen hießen Prahmspritzen (dt.) oder Prahmowa (poln.). Da „Prahm“ auf Deutsch „Lastkahn“ bedeutet, kann man vermuten, dass die Spritzenausrüstung selbst auf einem Lastkahn untergebracht war und das Wasser aus dem Fluss gepumpt wurde.

14. So im Original ("Hunderte von Hetären...").

15. Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) – König von Preußen seit dem 16. November 1797. Sohn Friedrich Wilhelms II. und Friederike Luises von Hessen-Darmstadt, Großneffe Friedrichs II. des Großen, Vater der russischen Kaiserin Alexandra Fjodorowna, der Gemahlin Nikolaus’ I., Großvater des russischen Kaisers Alexander II.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.