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Legenden über prußische Steine. Teil zwei: Der Lügenstein im Tal des Lachsbachs

Legenden über prußische Steine. Teil zwei: Der Lügenstein im Tal des Lachsbachs

In der Gegend des heutigen Pionerski (Neukuhren), in dem abgeschiedenen und malerischen Tal des Lachsbachs (Fluss Tschistaja), unweit des prußischen Burgwalls Batava (Batau/Herrenwalde), liegt ein Stein, der mehreren Generationen von Altertumsfreunden seit mindestens 150 Jahren keine Ruhe lässt.

Erstens stellt der sogenannte Borstenstein – der „geborstene“, „gespaltene“ oder „gesträubte“ Stein, uns besser bekannt als Lügenstein – optisch eine Gruppe aus zwei Steinen dar. Zweitens weiß niemand, wie der „Stein“ unter der Erde aussieht, da hier keinerlei geologische, archäologische, geomagnetische oder andere wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt wurden. Ja, es gab Versuche örtlicher Tüftler, den Stein „auszugraben“, worüber die Journalistin Natalja Gorbatschowa rechtzeitig in der „Kaliningradka“ schrieb. Leider wissen wir nicht, wie die Prußen diesen Stein nannten. Kaum „Reddan-Stabs“ (in Nachahmung von dt. Lugen-Stein, „Lügenstein“) – diese Funktion wurde dem Stein offensichtlich erst in späterer Zeit zugeschrieben.


Der Lügenstein auf einer Postkarte


Der Lügenstein auf einer Postkarte vom Anfang des 20. Jh.

(Postkarte aus der Sammlung des Autors).


Die Besonderheit des Steins verraten nicht nur seine äußere Form, sondern auch der landschaftliche Kontext, in dem er liegt, sowie Volksüberlieferungen, die offenbar eine archaischere Funktion dieses „Bauwerks“ festgehalten haben. Wie bereits erwähnt, besteht er aus zwei einander unähnlichen Teilen, die optisch (und geologisch?) Teile eines einzigen, einst gespaltenen Steins darstellen.

In der ersten der beiden wichtigsten uns überlieferten Legenden über den Lügenstein erscheint der Stein, wie wir sehen werden, als ein Ganzes. In der anderen ist er bereits ein geborstener Findling, dessen Teile unter bestimmten Umständen zusammenrücken.

Ein Teil des Steins ist ein geneigter, zylindrischer „Obelisk“, höher als ein Mensch, mit mehreren Kanten und dreieckigen „Einschnitten“ auf zwei Seiten, und hat eine „phallische“ Form. Der andere Teil des Steins ist optisch weniger von menschlicher Einwirkung betroffen, weist aber zahlreiche Vertiefungen auf, die den sogenannten „cup marks“ ähneln – schalenförmigen Vertiefungen künstlichen Ursprungs. Kann man sagen, dass die geraden und klaren Formen, die dem rechten (östlichen) Stein gegeben wurden, einer späteren Periode angehören, der linke (westliche) Stein mit den flachen schalenförmigen Vertiefungen dagegen einer früheren?


Blick auf den Lügenstein von Norden, Foto der 1920er–30er-Jahre


Blick auf den Lügenstein von Norden, Foto der 1920er–30er-Jahre. Zu sehen ist die aufgemalte Inschrift „Geborstener Stein“.

Auf dem westlichen Stein sind schalenförmige Vertiefungen zu sehen. Foto aus der Sammlung des Autors.


Blick auf den Lügenstein von Norden,


Blick auf den Lügenstein von Norden, Foto – Februar 2006.

Auf dem westlichen Stein sind schalenförmige Vertiefungen zu sehen. Foto: Alexander Matwejew.


Archäologie

Obwohl in der Umgebung des Steins keine archäologischen Untersuchungen durchgeführt wurden, kann seine Lage den Schleier des Geheimnisses ein wenig lüften. In der Umgebung der heutigen Stadt Pionerski, im Umkreis von einigen Kilometern um den Stein, liegen in Rantau und Alknicken (beide in der Gegend der Siedlung Saostrowje) mehrere Gruppen von Hügelgräbern der Bronzezeit. Die Menschen, die sie hinterließen, gehören zur Kultur der westbaltischen Hügelgräber – die fernen Vorfahren der Prußen wussten wahrscheinlich schon zwei Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung von der Existenz dieses Steins in der Schlucht.

Vielleicht waren sie es, die das von Mutter Natur begonnene Werk vollendeten und dem Stein diese Form gaben? Oder hier sogar die Teile des gespaltenen Steins aufstellten?

Man kann sagen, dass die Steinkreise und Grabkammern der bronzezeitlichen Hügelgräber die einzigen monumentalen Steinbauten im westbaltischen Raum sind (vor den prußischen steinernen „Babas“ des 11.–13. Jh.).


Steinkonstruktionen und Aufschüttungen bronzezeitlicher Hügelgräber in Rantau-Saostrowje


Steinkonstruktionen und Aufschüttungen bronzezeitlicher Hügelgräber in Rantau/Siedlung Saostrowje.

(Zeichnung von Carl Engel aus dem Archiv R. Grenz, Schleswig).


Steinkonstruktionen eines ausgegrabenen bronzezeitlichen Hügelgrabs, Georgenswalde-Otradnoje


Steinkonstruktionen eines ausgegrabenen bronzezeitlichen Hügelgrabs, Georgenswalde/Siedlung Otradnoje.

(Foto: Carl Engel, Archiv R. Grenz, Schleswig).


Unser geborstener Stein hat etwas von einem „Megalithen“ oder „Menhir“ – deshalb hebt er sich von den übrigen sogenannten Opfer- oder „Teufelssteinen“ ab, von denen beim letzten Mal die Rede war. Zumindest der „linke“ Teil des Steins mit den schalenförmigen Vertiefungen, die heute vielfach „zugewachsen“ sind, kann theoretisch der Bronzezeit angehören. Diese Vertiefungen könnten „Pilger“ angebracht haben, die mit Gebeten und Opfergaben zum Stein kamen – möglicherweise ebenso, wie man es später an den Ziegeln der Portale mittelalterlicher Kirchen tat. Wahrscheinlich standen solche Steine eher mit der chthonischen, unterirdischen, „weiblichen“ Seite des Sakralen in Verbindung. Hinzu kommt die Lage des Steins: an einem versumpften Hang, wo sich Regenwasser sammelt und Quellen sprudeln. Doch dieser Stein hat auch eine zweite Hälfte, die eine völlig andere Form und wahrscheinlich auch eine andere Deutung hat.

In der Gegend von Neukuhren (Pionerski) gibt es auch spätere – prußische – Grabdenkmäler aus der Völkerwanderungszeit und der späten Heidenzeit (5.–13. Jh.): den Hünenberg in den südlichen Vororten und das Gräberfeld bei Palwe am westlichen Stadtrand.

Vielleicht kannten und nutzten unsere fernen historischen Vorfahren, die hier ihre Toten verbrannten und sie mit Ehren und Opferpferden bestatteten, den Stein für ihre kultischen Zwecke. Vielleicht waren sie es, die dem zweiten Teil des Steins die klaren geometrischen Formen gaben?

Die archäologische Ornamentik der Prußen dieser Periode weist gewöhnlich streng geometrische Züge auf. Oder ist es doch das Werk bronzezeitlicher Steinmetze? Oder gar des frühen Mittelalters? Das ist auf Anhieb schwer zu beantworten.

Wie bereits zu Beginn des Textes gesagt, liegt im nördlichen Teil des Tals der Burgwall Batau-Herrenwalde (westlicher Teil der Stadt Pionerski), der wie alle anderen nicht früher als an der Wende von der Bronze- zur Eisenzeit entstand, also um 500 v. Chr. Die alten Baumeister gaben dem vorspringenden Kap eine klare dreieckige Form und nutzten die Schluchten des hier fließenden Baches wirkungsvoll. Offenbar wurde auf der Südseite ein Wall aufgeschüttet, im Osten ein heute flacher Graben ausgehoben, und die Wände des Kaps und der das Denkmal umgebenden Schluchten wurden eskarpiert (abgeschrägt). Vom Burgwall führt eine aufgeschüttete Rampe ins Tal hinab, die wahrscheinlich als Zugang zum Tal und zum Stein diente.


Plan des Burgwalls Batau-Herrenwalde


Plan des Burgwalls Batau-Herrenwalde.

(Zeichnung aus einem Artikel von H. Crome, 1940).


Übrigens scheinen dem Kenner des westlichen Samlands, Oskar Schlicht, auch andere Gletscherabbrüche im Tal von Menschen nachgebessert zu sein, die sie aus irgendeinem Grund noch steiler und unzugänglicher machten. Was verbargen sie dann in diesem Tal? Einen Stein, einen heiligen Bach oder gar einen ganzen Kultkomplex?


Das Tal des Lachsbachs auf einer Vorkriegskarte


Das Tal des Lachsbachs auf einer Vorkriegskarte.

(Aus der Sammlung des Autors).


Im südlichen Teil des Tals, der ebenfalls von Gletscherhängen begrenzt ist, wurde bei einer Geländebegehung im Frühjahr 2005 ein großer Stein mit flacher Oberfläche entdeckt, der an kultische Opfersteine der Balten erinnert.


Der im südlichen Teil des Lachsbachtals entdeckte Stein


Der im südlichen Teil des Lachsbachtals entdeckte Stein.

Foto: Alexander Matwejew.


Der Stein wird in Veröffentlichungen und Berichten der Vorkriegszeit nicht erwähnt. Ob dieser flache Stein hier in situ (lat. „an Ort und Stelle“) liegt oder vom Hang herabgestürzt wurde, ist unbekannt. Wenn man durch das Tal des Lachsbachs wandert, bemerkt man viele kleine und recht große Steine, die hier und da am Bach verstreut liegen. Früher gab es hier mehr Steine – man verwendete sie für Bauzwecke. Oskar Schlicht erwähnt eine Volksüberlieferung, nach der diese Steine aus der Erde wachsen; stört man einen solchen Stein oder gräbt ihn aus, hört das Wachstum auf.

Und was erzählen andere Legenden über den Stein?


Ethnografie und Folklore

Folgendes konnte der Sammler samländischer Sagen R. Reusch über unseren Stein in Erfahrung bringen, der 1863 die Legende „Der geborstene Stein bei Neukuhren“ veröffentlichte:

„Vor vielen Jahren ging der Sohn eines Bauern aus Neukuhren bei einem örtlichen Schneider in die Lehre und gewann nicht nur dessen Handwerk lieb, sondern auch dessen Tochter. Eines Tages begab er sich auf Wanderschaft. Das Mädchen begleitete ihn durch das schöne Tal, das von Neukuhren nach Tykrehnen führt, bis zu einem riesigen Granitfindling. Hier nahmen sie Abschied, schworen einander aber zuvor Treue, unteilbar wie dieser Stein. Als der Schneider von seiner Wanderschaft zurückkehrte, erwartete ihn seine Geliebte an demselben Stein. Er hob die Hand zum Himmel und schwor ihr ewige Treue. Doch als das Mädchen die Hand zum Schwur hob, spaltete ein schrecklicher Blitz mit grellem Aufleuchten den Granitfindling von oben bis unten. So erfuhr der Schneider, dass seine Braut ihm nicht treu gewesen war. Später nahm er ein anderes Mädchen zur Frau.“


Lügenstein, Oktober 2004 (Aquarell des Autors)


„Lügenstein“.

Aquarell des Autors, Oktober 2004.


In späteren Fassungen der Legende schwören sich der junge Mann und das Mädchen am geborstenen Stein Treue, und nach der Rückkehr des Ersteren (aus dem Krieg, vom Fischfang usw.) treffen sie sich wieder, und als das Mädchen durch die Flügel des Steins geht, kracht der Donner, und der Stein zerdrückt die Treulose. Wohl deshalb findet sich in dem Artikel von F. Borbstadt über „Lügensteine“ und „Galgeneichen“ von 1931 folgende Erklärung:

„Im Tal des Lachsbachs bei Neukuhren liegt ein großer Findling, bekannt als Geborstener Stein oder Lügenstein. In der Mitte dieses Steins befindet sich ein breiter und tiefer Spalt. Die Sage erzählt, wer einmal gelogen hat, kann nicht durch diesen Stein gehen, dessen Hälften zusammenrücken und den Lügner zerdrücken.“


Der Lügenstein in der Landschaft des Lachsbachtals


Der Lügenstein in der Landschaft des Lachsbachtals, Februar 2006.

Foto: Alexander Matwejew.


Betrachten wir die Handlungen und Motive dieser Geschichten genauer.

Ein junger Bauer beschließt also, seinen Stand und damit sein Schicksal zu ändern – und geht bei einem Schneider in die Lehre. Das Nähen und Ausbessern von Kleidung ist im archaischen Bewusstsein ein magischer Beruf. In der lettischen Folklore gibt es sogar Schneidersteine, bei denen die Menschen Stoffe, Fäden und Opfergaben zurückließen und am Morgen fertige Kleidung abholten. Der junge Mann verliebt sich in die Tochter des Schneiders, und sie schwören sich Treue an einem Stein, der gewiss allen als „Ort des Schwurs“ bekannt war. Die Kategorie der „Treue“ deutet auf eine eheliche Beziehung hin und damit auf eine anschließende beiderseitige Veränderung des sozialen Status.

So könnte dieser Stein mit einer Art „Initiation“ (Einweihung) verbunden und ein Ort für die „Besiegelung von Verträgen“ gewesen sein.

Weiter hält einer der Beteiligten der Legende den Vertrag nicht ein, und deshalb schlägt im Augenblick des Betrugs der Blitz in den Stein ein, das heißt Perkuns – der Donnergott, auch als Gott der Gerechtigkeit bekannt – spaltet ihn, und der junge Mann erfährt, dass das Mädchen (die Braut) ihm untreu war (den Schwur gebrochen hat). In der anderen Version der Legende erfahren wir, dass man zur Besiegelung des Vertrags durch die Flügel des bereits gespaltenen Steins gehen muss, d. h. wir stoßen wieder und offenkundig auf den Moment des Übergangs, der Initiation in einen neuen Zustand. Die Bedeutung des Initiationsritus in den archaischen Ritualen vorackerbaulicher Völker, und besonders für Männergemeinschaften, betont der Religionshistoriker Mircea Eliade.

Hier begegnen wir zwei archaischen Motiven: dem Vertrag/Schwur am Stein und der Initiation – der Notwendigkeit, durch den Stein zu gehen (später – eine Prüfung), und zwar so, dass weder der Donner einschlägt noch sich die beiden Teile des Steins schließen.

Und was ist mit dem Mädchen? Warum gerade sie zum „Opfer“ des Steins wird? Kaum wegen der faktisch niedrigen sozialen Stellung der Frauen bis Ende des 19. Jahrhunderts und des entsprechenden Verweises auf das Alte Testament. Vielleicht durften Frauen in älteren Epochen nicht durch diesen Stein gehen. Oder nur unter bestimmten Umständen. Vielleicht wurden am Stein einst blutige Menschenopfer dargebracht, die auch den Prußen bekannt waren und nach den Vorstellungen jener Zeit notwendig waren, um das „kosmische Gleichgewicht“ und die zerbrechliche Harmonie der Ackerbauzyklen zu erhalten. Vielleicht spielte dabei eine unverheiratete Frau, ein Mädchen die zentrale Rolle … Dann könnte der Lügenstein teilweise auch die Funktion eines Opferaltars erfüllt haben.


Ein Mädchen posiert vor dem Lügenstein, Foto vom Anfang des 20. Jh.


Ein Mädchen posiert vor dem Lügenstein. Anfang des 20. Jh.

Foto: Richard Dethlefsen.


Der Stein erscheint also als eine Art Portal der Initiation – als Tor in einen neuen Zustand. Leider wissen wir bislang nichts über die kosmologische Bedeutung dieses Monuments. Wenn man die Idee seiner künstlichen Aufstellung oder Nachbearbeitung annimmt, war dann der Durchgang zwischen den Steinen nach der Sonne oder irgendwie anders ausgerichtet? Unbekannt sind uns auch die geologischen Einzelheiten – ist der Stein auf natürliche Weise geborsten (allmählich, unter Einwirkung von Wasser und Frost), ist er allmählich den Hang hinabgerutscht oder wurde er hier eigens aufgestellt? In jedem Fall deutet der Durchgang in seinem mittleren Teil zumindest auf eine „Nachbearbeitung“ hin und wurde offenbar einst künstlich erweitert.

Es stellt sich die Frage: Waren der Burgwall, das Tal, der geborstene Stein in der Mitte und der flache Stein im südlichen Teil des Tals Teile eines Ganzen – eines Heiligtums, das mit einem Initiationsritus verbunden war, der für den Übergang in eine neue soziale und rituelle Dimension notwendig war?

Stutzig macht das Motiv der Lüge oder des gebrochenen Schwurs. Denn „Lügensteine“ kommen vereinzelt auch außerhalb des historischen Preußen in deutschen Landen vor, und das Aufkommen dieser Charakterisierung hängt meist mit dem Prozess der Christianisierung des heidnischen Bewusstseins und der Landschaft zusammen, wie im Fall der Steine im Tal von Lippoldshöhe oder in der Stadt Halberstadt (Sachsen). Letzterer wird auch „Teufelsstein“ genannt. Dieser Umstand ist interessant und könnte bei der Lösung des Rätsels des samländischen Lügensteins besondere Bedeutung haben.

Dabei ist die Form unseres Steins einzigartig. Die einzige Parallele ist dem Autor aus Lettland bekannt (Dank an Dr. Juris Urtāns) – das ist der Velnsakmens, der Teufelsstein in Postamuiža im Bezirk Aizkraukle, der ebenfalls aus zwei Teilen eines einst einzigen Steins mit einem Durchgang in der Mitte besteht. Die schalenförmigen Erhebungen auf dem Stein deutete das Volk als Spuren der Krallen des Teufels, seinen geborstenen Zustand als Folge davon, dass ihm der Stein bei einem missglückten Wurf über die Daugava aus den Klauen fiel.


Der geborstene Velnsakmens (Teufelsstein) in Postamuiža, Lettland


Der geborstene Velnsakmens (Teufelsstein) in Postamuiža, Lettland.

(Foto: www.megalithic.co.uk).


Das Phänomen dieses Steins, seine erste Erwähnung im Jahr 1451 und die Sagen über ihn zeugen davon, dass Legenden über „Teufelssteine“ in den von den Deutschen eroberten Gebieten des östlichen Baltikums recht früh aufkamen – bereits im 15. Jahrhundert, vielleicht auch früher. Der lettische Velns wird ebenso wie der litauische Velnias und offenbar der prußische Patals – die wichtigsten chthonischen Götter, Schutzherren der Unterwelt – erst im Prozess der „Entchthonisierung“ und Christianisierung der Region zum „Teufel“. Das könnte auf ein besonders hohes Alter der Steine mit schalenförmigen Vertiefungen hindeuten. Interessanterweise brachten archäologische Untersuchungen am „Teufelsstein“ in Postamuiža keinerlei Ergebnisse. Und was, wenn wir bei Ausgrabungen am geborstenen Stein im Tal des Lachsbachs ebenfalls keine Reste von Verbrennungs- und Opferprodukten finden? Und wenn etwas anderes?

Wenn der Lügenstein bei Neukuhren einst chthonische Fruchtbarkeitsfunktionen oder noch archaischere hatte – mit der Jagd und Waldgottheiten verbunden war –, so erhält er später neue: die Verbindung mit dem Donnergott, und wahrscheinlich zur selben Zeit eine neue Form seines rechten Teils.

Man kann sogar heute (nicht erhaltene?) Legenden nach dem Vorbild anderer, in Lettland oder Litauen vorhandener, erfinden bzw. rekonstruieren – darüber, wie eine chthonische Gottheit vor dem Donnerer flieht und dieser schließlich mit dem Blitz den Stein spaltet, unter dem sie sich versteckt (eines der Hauptmotive des „Grundmythos“), oder aber den Stein als geborsten deuten, nachdem er dem Teufel aus den Klauen gefallen war, der Spuren in Form schalenförmiger Vertiefungen auf einem seiner Teile hinterließ.

Spaß beiseite, doch der Stein zieht heute immer mehr die Aufmerksamkeit von Bewohnern und Gästen der Region auf sich. Die Menschen deuten das Phänomen des Lügensteins für sich auf unterschiedliche Weise. Die einen halten ihn für ein Portal in andere Welten, andere für einen Lügendetektor und Wunscherfüller, wieder andere für eine geomagnetische und bioenergetische Anomalie, die Chakren regeneriert und das Feng-Shui wiederherstellt. Manche meinen heute, Frauen dürften keinesfalls durch den Stein gehen (vernünftig, wenn man von der Legende ausgeht), andere, der Stein fördere eine glückliche Schwangerschaft … Und inzwischen geht man nicht nur zwischen den Steinen hindurch, sondern auch dreimal um sie herum und wünscht sich dabei etwas, das „ganz bestimmt in Erfüllung geht“. Heute sind am Stein wieder Bänke für Besucher aufgestellt, und der Müll wird weggeräumt, der Baum daneben aber ist nach und nach verwelkt und in Todesschlaf gesunken, behängt mit „tibetischen“ Bändern. Mir gefiel eine zaghafte, aber nicht sinnlose Deutung der alten Funktionen des Steins von einem älteren „Rodnover“, dem ich einmal am Stein begegnete. Seiner Meinung nach gingen in der Johannisnacht Verliebte durch den Stein, dessen beide Hälften das männliche und das weibliche Prinzip symbolisierten, und liefen danach hinunter zum Bach, um sich zu waschen, und dann – Sie wissen schon. So ein prußisches „Yin und Yang“ …


Bänder an einem Baum beim Lügenstein


Bänder an einem Baum beim Lügenstein, Sommer 2015.

Foto des Autors.


Und doch bleibt für das Verständnis des „Geborstenen Steins“ die Entwicklung dieses Monuments das Wichtigste, das eine Reihe von Epochen und wahrscheinlich auch von Religionen und den mit ihnen verbundenen Deutungen überdauert hat. In jüngster Zeit bedeckten unkundige Leute den Stein mit Inschriften: Rübezahl1, dem Text der Legende von der Postkarte und heute mit Pseudorunen und Nitrofarbe. Hoffen wir, dass er auch das übersteht.


Ziehen wir eine vorläufige Bilanz unserer Zeitreise

– Vor etwa 10.000 Jahren reißt der Gletscher zum Abschied das Tal auf und lässt am Hang einen Findling zurück, der wahrscheinlich allmählich hinabrutscht. Durch Risse, Niederschläge und Frost birst der Findling in zwei Teile und hebt sich nun noch stärker von der umgebenden Landschaft ab. Man kann das Auftauchen dieses Steins hier auch anders erklären: durch die Jagd des Donnerers auf seinen ewigen Feind – die chthonische Gottheit (der sog. „Grundmythos“) – oder durch einen erzwungenen Wurf des Teufels.

– In jedem Fall kann der Stein auch mit dem prußischen Perkuns und Patals oder ihren Vorgängern in Verbindung stehen. Warum? Lesen Sie weiter. Dauerhafte Siedlungen tauchen in diesem Teil des Samlands nicht vor der Wende von der Stein- zur Bronzezeit auf, also vor etwa 4000 Jahren. Gerade diese Menschen, die fest auf eigenen Beinen standen und nicht mehr so vom Wald abhingen wie ihre wenigen Vorgänger (die wahrscheinlich von dem Stein wussten), konnten als Erste den Lügenstein mit sakralen Funktionen ausstatten und ihm auch eine der heutigen nahe Form geben: den „Durchgang“ erweitern, schalenförmige Vertiefungen anbringen und vielleicht sogar den rechten oder östlichen Findling bearbeiten und ihm eine phallische Form geben. Diese Menschen beherrschten die Technik der Steinbearbeitung, wie die Konstruktionen ihrer Hügelgräber bestätigen.

– In diesen und späteren heidnischen Zeiten kann der Stein als „Tor“-Portal für Initiationen gedient haben, die mit „Übergangsriten“ verbunden waren. Und vielleicht für Opfer (auch Menschenopfer).

In späterer Zeit, mit dem Hervortreten einer männlichen Aristokratie, könnte sich die männliche Komponente des Einweihungsrituals verstärkt haben, die mit dem Schutzherrn der Gefolgsleute und der Gesellschaft insgesamt verbunden war – dem Donnergott Perkuns.

Daher wohl die Betonung des Donners in der Legende und die „Ungerechtigkeit“ der Frau. So könnte im Tal des Lachsbachs etwa von 500 v. Chr. bis in die 1250er-Jahre ein Heiligtum bestanden haben, dessen Kernstück der Lügenstein war.

– In der Zeit der Christianisierung vermischen sich die ursprünglichen Bedeutungen und gehen verloren und erinnern immer weniger an die ursprünglichen Funktionen des Steins. Leider wird der Stein in den Chroniken und Urkunden des Ordens nicht erwähnt, wahrscheinlich weil sich der Orden vor allem für die Loyalität der Prußen und die pünktliche Zahlung ihrer Abgaben interessierte, ohne sich darin zu vertiefen, wie gute Christen sie tatsächlich waren. Vielleicht gingen deshalb manche der realen Motive, die mit den sakralen Funktionen des Steins verbunden waren, durch die „stille Post“ der Jahrhunderte und wurden im 19. Jahrhundert in Form von Volkssagen aufgezeichnet.

– An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wird der Stein, wie viele andere herausragende Naturobjekte und Denkmäler, zu einer touristischen Sehenswürdigkeit. Der Tourismus „sakralisiert“ gewöhnlich alles Anomale und Ungewöhnliche und macht es zur „Marke“. Bewohner und Gäste Ostpreußens besuchen gern den Stein und lassen sich vor ihm fotografieren, sprechen von Rübezahl und davon, dass ein „Lügner“ nicht durch den Stein hindurchkommt.


Eine Familie von Reisenden posiert vor dem Lügenstein, Postkarte vom Anfang des 20. Jh.


Eine Familie von Reisenden posiert vor dem Lügenstein.

Postkarte vom Anfang des 20. Jh.


Ein Junge posiert vor dem Lügenstein, Postkarte aus dem ersten Drittel des 20. Jh.


Ein Junge posiert vor dem Lügenstein.

Postkarte aus dem ersten Drittel des 20. Jh.


Verse auf der Postkarte

Zermalmen wird der Stein

Den, der ein Lügner ist.

Versuch's, du Lügner, geh hinein –

Dein Ende kommt gewiss.

– Und schließlich unsere Zeit. Der Stein zieht immer mehr Anhänger einer esoterischen Weltsicht an. Neuheiden und New-Ager, Yogis und „Rodnover“. All jene, die sich nicht in das Paradigma orthodoxer Alltäglichkeit und atheistischer Hyperkritik eingefügt haben, oder einfach „Liebhaber der alten Geschichte“ unserer Region besuchen den Lügenstein, erweisen ihm die Ehre in Form eines schlichten Rituals des Hindurchgehens und kleiner Gaben in Gestalt brennender Lämpchen und Brot und wiederholen die entstellte Legende, die einst Reusch aufgezeichnet hat.


Mitglieder des dänischen Archäologie-Liebhaberclubs „Harja“ am Lügenstein


Mitglieder des dänischen Archäologie-Liebhaberclubs „Harja“ am Lügenstein, August 2013.

Foto des Autors.


Also: der „Geborstene Stein“, der Lügenstein – was ist das? Ein alter Opferaltar, ein Portal der Initiationen oder eine alte Sternwarte? Oder vielleicht alles zusammen? Eindeutig zu beantworten ist das schwer. Und doch besteht der Verdacht, dass an diesem Stein einst seltsame und für das heutige Alltagsbewusstsein undenkbare Dinge geschahen, zu deren Verständnis es nicht genügt, ihn bloß zu erforschen. Wahrscheinlich werden wir, wenn wir durch den kalten Spalt zwischen den Teilen dieses Steins gehen, nie erfahren, was hier vor 1000, 2000, 5000 Jahren wirklich geschah …

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1. Rübezahl – germanischer Berg- und Steingeist.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.