Das Thema Kaliningrad platzte vor drei Jahren in die polnischen Medien, als das Abkommen über den Kleinen Grenzverkehr in Kraft trat. Die vereinfachte Grenzüberquerung ermunterte Polen und Russen zu gegenseitigen Besuchen auf der Suche nach dem, was auf der anderen Seite günstiger zu haben ist. So entstanden binnen weniger Monate neue Stereotype: der russische Einkaufstourist und der polnische Benzinschmuggler.
Den sprunghaften Anstieg russischer Kunden in den Geschäften und Einkaufszentren von Olsztyn, Gdańsk und kleineren Städten wie Braniewo, Gołdap und Bartoszyce bemerkten Journalisten verschiedener Medien sofort.
Fast jede Woche meldete irgendein polnisches Nachrichtenportal neue Rekorde bei den Grenzübertritten der Kaliningrader nach Polen.
Hinzu kamen Angaben darüber, wie viel Geld die Russen in Polen ausgegeben hatten, berechnet anhand der vom polnischen Zoll bearbeiteten Tax-free-Belege. Ein wahres Märchen. Doch dieses Märchen erzählten die polnischen Medien in einer eigentümlich militärischen Manier. Zwei typische Schlagzeilen aus dieser Zeit: „Russen stürmen Gdańsk und Umgebung. In polnischen Geschäften ist es billiger“ oder „Zum Einkaufen in die Dreistadt. Russen aus Kaliningrad besetzen polnische Geschäfte“. Auf den ersten Blick mag man kaum glauben, dass in diesen Artikeln die positiven Seiten des Kleinen Grenzverkehrs und seiner Ergebnisse behandelt werden. Doch diese militärische Komponente der journalistischen Rhetorik verweist auf die Assoziationen, die bei Polen die Gedanken an die polnisch-russischen Beziehungen begleiten. Deshalb überrascht es nicht, dass das Bild Kaliningrads als Quelle einer militärischen Bedrohung oder zumindest einer Destabilisierung vor dem Hintergrund des Konflikts in der Ukraine wieder auftauchte. Die Meinungen der polnischen und der russischen Gesellschaft zum Maidan, zur Krim und zum Donbass gingen größtenteils klar auseinander, und das musste sich zwangsläufig auf die Beziehungen in der polnisch-kaliningradischen Grenzzone auswirken.
Das Interesse europäischer Reporter am Kleinen Grenzverkehr
Dass sich die Gefühle auf beiden Seiten der polnisch-russischen Grenze abgekühlt haben, schrieb schon vor fast einem Jahr Ivo Mijnssen, Reporter der „Neuen Zürcher Zeitung“. Interessanter mag aber wohl die Tatsache erscheinen, dass es eine Journalistin aus dem fernen Portugal bis nach Gdańsk und Kaliningrad geschafft hat. Ende Oktober dieses Jahres erschien in der populären portugiesischen Wochenzeitschrift „Expresso“ ein Artikel von Cátia Bruno mit dem Titel „Der Riese wohnt nebenan“.
Der Schweizer Journalist besuchte im Dezember vergangenen Jahres Mamonowo und Braniewo, doch in seiner Reportage ging es hauptsächlich um das Kaliningrader Gebiet und seine Probleme.
Cátia Bruno aus Portugal kam zuerst nach Gdańsk, dann nach Kaliningrad. Ihr Interesse galt der Haltung der Polen zur nahen Grenze mit Russland. Der Riese aus dem Titel ist ja nicht Polen im Vergleich zum Kaliningrader Gebiet, sondern Russland – oder genauer gesagt: die Art und Weise, wie die Polen die Nachbarschaft mit dem russischen Kaliningrad wahrnehmen.
„Kaliningrad. Kühle Nachbarschaft im Baltikum“
Der Schweizer Journalist zeichnete vor einem Jahr in seinem Artikel das Kaliningrader Gebiet und seine Zukunft in düsteren Farben. Aus seiner Reportage geht hervor, dass sich die Folgen des Rubelverfalls und der Sanktionspolitik auf den Alltag der Kaliningrader auswirken. Den Preisanstieg nennt Ivo Mijnssen dramatisch, zumal die Einkommen der Bewohner des Gebiets sinken. Der Unterschied zu Polen sei, wie er schreibt, groß. Selbst in der armen polnischen Grenzregion seien die Löhne im Durchschnitt dreimal so hoch wie im Kaliningrader Gebiet (wobei der Autor sich auf keine offiziellen Daten beruft). Zur Umgehung der Sanktionen tauchten an der Grenze neben den Benzinschmugglern auch Fleischschmuggler auf. Der Schweizer Journalist schreibt, dass das Einfuhrverbot für Fleisch aus der EU einige Kaliningrader Fleischverarbeitungsbetriebe in den Bankrott getrieben habe. Für Handel und Gastronomie stammten jedoch 20 % des Fleisches aus illegalem Umlauf – eben von jenen Fleischschmugglern, die die Ware in doppelten Böden verstecken.
Bei der Aufzählung der Probleme des Kaliningrader Gebiets nennt Ivo Mijnssen die Aussichten auf wirtschaftliche Entwicklung „trübe“.
„Die Krise in Mamonowo ist nicht zu übersehen“, schreibt er. „Im Zentrum stehen heruntergekommene Backsteinhäuser aus der Zeit, als Kaliningrad noch Königsberg hieß und deutsch war. Daneben sowjetische Wohnhäuser und das einst bekannte Fischkombinat, das in der ganzen Sowjetunion für seine Sprotten berühmt war. Doch heute unterscheiden sich die Produktionsmengen erheblich von denen der Sowjetzeit, und auch das Gebäude selbst macht keinen besonders günstigen Eindruck. Braniewo in Polen erinnert an eine Provinzstadt in Mitteleuropa, mit vielen Geschäften und einer gepflegten, zwar nicht besonders schönen, aber belebten Altstadt“.
Den Hauptgrund für die Krise und die Misserfolge Kaliningrads sieht der Schweizer Reporter in der allzu starken Abhängigkeit von Moskau und jetzt zusätzlich in der Notwendigkeit, mit der Krim um Mittel aus dem föderalen Haushalt zu konkurrieren. Ivo Mijnssen bemerkt außerdem ironisch, dass die Krim auch ein Mittel sei, das es der russischen Staatsmacht erlaube, eine mögliche Unzufriedenheit der Kaliningrader in die richtigen Kanäle zu lenken. Massenproteste, wie sie den Rücktritt des vorigen Gouverneurs begleitet hatten, seien heute undenkbar, schreibt der Journalist. Dafür werde unter Kaliningradern das Nachdenken über sich selbst in den Kategorien einer belagerten Festung immer populärer – was die staatlichen Medien befeuern.
Trotz alledem, so der Autor des Artikels, seien die alltäglichen polnisch-russischen Beziehungen konstruktiv geblieben, und Spannungen beschränkten sich hier auf einige Einzelfälle.
„Herzlich kann man sie allerdings auch nicht nennen“, schreibt Ivo Mijnssen und fährt fort: „In Braniewo spricht niemand Russisch, und die russischen Gäste in den Restaurants sprechen konsequent ihre Muttersprache. Die Verständigung bleibt rudimentär und auf wirtschaftlichen Nutzen ausgerichtet“.
Vor einem Jahr deutete der Journalist der Schweizer Zeitung nur an, dass die Polen, selbst diejenigen, die von der Grenze und dem Kleinen Grenzverkehr profitieren, die Russen nicht besonders mögen. Eine Angestellte eines polnischen Grenzhotels sagte ihm, man möge die Russen hier überhaupt nicht, obwohl sich die lokale Wirtschaft an ihnen ausrichte.
„Der Riese wohnt nebenan“
Diesen Faden spinnt die portugiesische Journalistin Cátia Bruno in ihrem Artikel weiter und stellt fest, dass die Spannung zwischen Polen und Russland an der Grenze offensichtlich ist. Verschärfte Kontrollen, häufigere Durchsuchungen von Autos, speziell ausgebildete Hunde – all das habe sich nach Ansicht der Autorin seit Beginn des Konflikts in der Ukraine verstärkt. Und obwohl der Kriegsherd weit entfernt ist, rund zweitausend Kilometer von Gdańsk, wirkt er sich auf die Beziehungen an der polnisch-russischen Grenze aus. Darüber hatte vor einem Jahr auch ihr Schweizer Kollege geschrieben.
Im Unterschied zu ihm sprach Cátia Bruno jedoch hauptsächlich mit Polen, um Kommentare zu dem zu bekommen, was sie gesehen hatte. Sie unterhielt sich mit dem polnischen Historiker Jan Daniluk, der offen zugab, dass er sich – so absurd ihm das selbst vorkomme – schon im vergangenen Jahr einige große Behälter mit Trinkwasser zugelegt habe.
„Ich weiß nicht, warum ich das getan habe“, sagt er der Journalistin und versichert im weiteren Verlauf des Gesprächs, dass eine Konfrontation zwischen Polen und Russland wenig wahrscheinlich sei.
Dennoch beunruhige ihn das Thema einer möglichen russischen Aggression jedes Mal, wenn er von den Militärübungen höre, die regelmäßig im Kaliningrader Gebiet stattfinden.
Der polnische Historiker macht die portugiesische Journalistin noch auf eine weitere interessante Tatsache aufmerksam: „Polen ist das einzige EU-Land, das sowohl an die Ukraine als auch an Russland grenzt“. Dann fügt er hinzu: „Ich habe permanent ein wenig Angst. Ich will keine Panik säen, aber irgendetwas geschieht, und die Polen sind nicht weit weg von alldem“.
Beim Treffen mit Jan Daniluk erfährt Cátia Bruno auch, dass das Bild Russlands als Bedrohung in der polnischen Geschichte verwurzelt ist. In der Wahrnehmung der Polen waren Nationalsozialismus und Kommunismus zwei Seiten derselben Medaille, und die Befreiung von der deutschen Besatzung durch die Rote Armee nennt er „bitter“. „Die Russen können nicht verstehen, warum wir nicht dankbar sind“, erzählt Daniluk weiter, „sie haben uns doch befreit!“ Aber das geschah, wie er sagt, um den Preis der Zerstörung polnischer Städte und des Todes ihrer Bewohner.
Der portugiesischen Journalistin reichen die Erklärungen des polnischen Historikers dennoch nicht. Sie gräbt tiefer und findet, wie ihr scheint, die eigentliche Ursache der Schwierigkeiten in den polnisch-russischen Beziehungen in jener Epoche, als ein Teil des polnischen Territoriums dem Russischen Reich unterstand. Damals, im 19. Jahrhundert, schuf der berühmte polnische Dichter Adam Mickiewicz, der für die Polen dasselbe bedeutet wie Puschkin für die Russen, das Drama „Die Totenfeier“ („Dziady“), in dem er sich kritisch über Russland und seine gesellschaftliche und politische Ordnung äußert (übrigens sei daran erinnert, dass Mickiewicz und Puschkin einander kannten, schätzten und übersetzten, auch wenn sie miteinander stritten). Mickiewicz’ Werk wurde zum Symbol des Widerstands der Polen gegen das Zarenreich und im 20. Jahrhundert gegen die von der Sowjetunion aufgezwungene kommunistische Herrschaft.
Und gerade aus dieser historischen Perspektive, so schreibt die Journalistin, blicken die heutigen Polen auf Russland und Putin.
Man muss anmerken, dass ausländische Journalisten selten über so tiefe Kenntnisse verfügen, um aktuelle Prozesse in einem so breiten historischen und kulturellen Kontext zu erklären. In dieser Hinsicht hat die portugiesische Journalistin angenehm überrascht.
Zur Arznei gegen schlechte Erinnerungen wurde für eine Weile das Projekt des Kleinen Grenzverkehrs. Doch eben nur für eine Weile ... Die anfängliche Euphorie und den unbestreitbaren Erfolg des Projekts überlagerten bald politische und danach wirtschaftliche Probleme. Zuerst führte der bereits erwähnte Ukraine-Konflikt, dann der Verfall des Rubels zu einem plötzlichen Rückgang der Zahl russischer Touristen in Polen. Außerdem erinnert die Autorin des Artikels an den Vorfall mit einem Restaurant in Sopot, das an die Tür einen Aushang hängte, man bediene keine Russen. Vor dem Hintergrund der politischen Krise kamen alte Kränkungen wieder hoch.
Eine Gefahr für die weitere Entwicklung der polnisch-russischen Beziehungen, auch der grenznahen, sieht Cátia Bruno in der wachsenden Popularität konservativer politischer Kräfte, besonders unter der polnischen Jugend. Sie führt Umfragen an, wonach junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren am häufigsten angeben, Russen nicht zu mögen (56 %). Die von der Portugiesin gesammelten Informationen erwiesen sich als vollkommen zutreffend. Gerade junge Polen stimmten bei den Wahlen im Oktober für „Recht und Gerechtigkeit“, eine für ihre antirussische Rhetorik bekannte Partei.
Der Blick von außen ist nicht immer zutreffend
Aus verschiedenen Gründen können ausländische Journalisten die Lage nicht immer objektiv beurteilen, doch es ist immer nützlich, sich selbst von außen zu betrachten. Das Bild des Kaliningrader Gebiets, das Ivo Mijnssens Artikel bruchstückhaft entwirft, ist nicht tröstlich. Besonders interessant aber war der Artikel der portugiesischen Journalistin Cátia Bruno. Er zeigt, dass die Besonderheiten der polnisch-russischen Grenzbeziehungen nicht nur uns, die Beteiligten auf beiden Seiten der Grenze, bewegen, sondern zumindest auch Journalisten selbst aus den entlegensten Winkeln Europas.
Allerdings fehlen in der portugiesischen Reportage Stimmen von Kaliningradern als Gegengewicht zur polnischen Sicht.
Wir erfahren lediglich, dass das Projekt des Kleinen Grenzverkehrs, in dessen Bestimmungen festgeschrieben ist, dass es die Entwicklung gutnachbarlicher Beziehungen fördern soll, auf der polnischen Seite der Grenze nicht besonders positiv wahrgenommen wird – trotz der Haltung vieler Amtsträger. Die polnische Regierung, zumindest die vorige, rühmte sich des Kleinen Grenzverkehrs und stellte ihn anderen Ländern und Regionen als Vorbild hin.
In den polnischen Medien wurde die Visafreiheit vor allem als Quelle finanziellen Gewinns für lokale Unternehmer und Händler beschrieben. Cátia hörte diejenigen an, die keinen unmittelbaren Gewinn aus dem Kleinen Grenzverkehr ziehen: eine angestellte Verkäuferin in einem polnischen Geschäft, in dem häufig Russen einkaufen, und eine Studentin aus dem grenznahen Frombork, die an einem Jugendaustauschprogramm mit dem Kaliningrader Gebiet teilgenommen hatte. Es stellte sich heraus, dass ihre Erfahrungen im Umgang mit Russen das historisch verankerte negative Bild vom Russen und erst recht von Russland, über das sie als Bedrohung sprechen, nicht verändert haben.
Die von Cátias Gesprächspartnerinnen geäußerten Meinungen widersprechen dem Enthusiasmus der polnischen Grenzwirtschaft und der lokalen Beamten gegenüber dem Projekt des Kleinen Grenzverkehrs.
Es zeigt sich: Der Wunsch, Geld zu verdienen, lässt sich leicht wecken, Liebe zum Nachbarn dagegen viel schwerer. Und bedenkt man die von Ivo Mijnssen beschriebene Lage – die sich verschlechternde wirtschaftliche Situation der Kaliningrader –, könnte sich bald herausstellen, dass vom Kleinen Grenzverkehr weder Freundschaft noch Nutzen übrig bleibt.
Ivo Mijnssen von der Schweizer „Neuen Zürcher Zeitung“ schreibt über das wachsende Gefühl der Bewohner des Kaliningrader Gebiets, in einer von potenziellen Feinden umgebenen Festung zu leben. Cátia Bruno vom portugiesischen „Expresso“ zeigt, dass auch den Polen Versöhnung und Zusammenarbeit mit dem Nachbarn nicht leichtfallen.
Das Märchen vom Kleinen Grenzverkehr ist nicht Wirklichkeit geworden. Doch beim Aufbau guter nachbarlicher Beziehungen aufgeben sollte man auf keinen Fall.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

