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1756–1763. Kant gehört uns, oder Der Siebenjährige Krieg in Ostpreußen

1756–1763. Kant gehört uns, oder Der Siebenjährige Krieg in Ostpreußen

In der Zeit nach der Befreiung von den Tataren und Mongolen stand Russland mindestens zweimal vor einer Katastrophe, d. h. vor dem völligen Verlust seiner Staatlichkeit. Das erste Mal 1572, beim Einfall des Heeres des Krim-Khans Devlet Giray. Diese Bedrohung wurde durch einen herausragenden Sieg beim Dorf Molodi abgewendet. Das zweite Mal während der Zeit der Wirren zu Beginn des 17. Jh. Das Land erlitt in dieser Zeit gewaltigen Schaden, überlebte aber.

Zum dritten Mal hätte die Katastrophe 1700 eintreten können, nach der Zerschlagung der russischen Armee bei Narva ganz zu Beginn des Großen Nordischen Krieges. Danach wollte Karl XII. tief nach Russland hinein vorstoßen, auf Nowgorod, Pskow und dann auch auf Moskau. Das war zweifellos ein weiterer Wendepunkt in unserer Geschichte. Hätte Karl seinen Plan verwirklicht, so hätte er durchaus Erfolg haben, Russland aus dem Krieg drängen, sein Territorium im Nordwesten beschneiden und den Zaren auf seinem Thron auswechseln können. Das Wichtigste wäre eben das Letztere gewesen. Was aus Russland ohne Peter I. geworden wäre, lässt sich heute nicht einmal vermuten.

Zum Glück erklärte sich Karls aus schwedischer Sicht völlig richtiger Plan nicht aus strategischen Überlegungen, sondern im Gegenteil aus jugendlichem Ungestüm. Deshalb redeten die alten, weisen Generäle ihrem König den Zug auf Moskau aus. Sie waren überzeugt, dass Russland militärisch keinerlei Gefahr mehr darstellte, dabei arm und dünn besiedelt war, die Entfernungen dort gewaltig und Straßen nicht vorhanden. Viel bequemer und angenehmer war es, Polen zu zerschlagen, womit sich die Schweden dann auch befassten und sich damit selbst das Urteil sprachen. Nur 9 Jahre später bekamen sie Poltawa, nach dem Russland an einem einzigen Tag in eine neue geopolitische Qualität überging und dadurch völlig neue Möglichkeiten erhielt. Mitte desselben 18. Jh. nutzte es eben diese neuen Möglichkeiten höchst ärgerlicherweise nicht – im Verlauf eines der vielen vergessenen Kriege, des Siebenjährigen (1756–1763).

Dieser Krieg könnte mit vollem Recht ein Weltkrieg genannt werden, da er nicht nur ganz Europa erfasste, sondern auch in Amerika (von Québec bis Kuba) und in Asien (von Indien bis zu den Philippinen) geführt wurde. Auf der einen Seite stand die Koalition aus Preußen, Großbritannien und Portugal, auf der anderen die aus Frankreich, Österreich, Spanien und Schweden. Außerdem gehörten beiden Koalitionen jeweils mehrere heute nicht mehr existierende Staaten an. Den allgemeinen Verlauf dieses Krieges beschreibt man am besten mit der bekannten russischen Redensart „Ohne einen halben Liter blickt man da nicht durch“. Folglich hat es auch keinen Sinn, hier geht es nur um Russland.

Praktisch von Beginn des Krieges an stellte sich Russland, wo damals Elisabeth Petrowna regierte, auf die Seite Frankreichs und Österreichs. Und das machte die Lage Preußens und der mit ihm verbündeten deutschen Staaten, gelinde gesagt, sehr schwierig.

Großbritannien hatte nämlich nicht vor, auf dem Kontinent zu kämpfen; für Großbritannien war das Kriegsziel die Wegnahme der überseeischen Kolonien Frankreichs und Spaniens. Die Deutschen dagegen sahen sich von drei sehr mächtigen Staaten völlig eingekreist, deren Streitkräfte zusammen fast dreimal so groß waren wie ihre. Der einzige Vorteil des preußischen Königs Friedrich II. (des Großen) war die Möglichkeit, auf inneren Operationslinien zu handeln und die Truppen rasch von einer Richtung in die andere zu verlegen. Außerdem besaß Friedrich das Talent eines Feldherrn und den Ruf der Unbesiegbarkeit.

Zwar verloren die Preußen zu Beginn des Siebenjährigen Krieges ein paar Schlachten gegen die Österreicher, errangen aber weit mehr Siege. Außerdem brachten sie der formal weit stärkeren französischen Armee eine vernichtende Niederlage bei, woraufhin ihre Lage nicht mehr hoffnungslos schien.

Doch da, wie der englische Militärhistoriker und Analytiker Liddell Hart schrieb, „hatte die russische ‚Dampfwalze‘ endlich Dampf aufgemacht und rollte vorwärts“. Im Sommer 1757 fielen russische Truppen unter dem Kommando von Feldmarschall Apraxin in Ostpreußen ein. Im August kam es zur ersten ernsthaften Schlacht zwischen der russischen und der preußischen Armee beim heute nicht mehr existierenden Dorf Groß-Jägersdorf auf dem Gebiet der heutigen Oblast Kaliningrad.

Zu dieser Zeit hatten fast alle die Siege der Russen über die Schweden schon vergessen, die russische Armee wurde in Europa nicht ernst genommen. Und die Russen nahmen sich selbst auch nicht ernst.

D. h., die Situation aus dem Nordischen Krieg vor der Schlacht bei Poltawa wiederholte sich vollständig. Deshalb griff das deutsche Korps des Generalfeldmarschalls Lehwaldt mit 28.000 Mann kühn die doppelt so starke Armee Apraxins an. Und anfangs hatte der Angriff Aussicht auf Erfolg, da die Russen gerade erst den Pregel überquert hatten und sich in völliger Unordnung durch bewaldetes, sumpfiges Gelände kämpften. In einer solchen Lage verlor die zahlenmäßige Überlegenheit jede Bedeutung. Die Sache retteten jedoch die außergewöhnliche Standhaftigkeit der russischen Infanterie, die ausgezeichnete Arbeit der russischen Artillerie und schließlich der überraschende Schlag der Brigade von Generalmajor Rumjanzew in Flanke und Rücken des Gegners. Diesem hielten die Preußen nicht stand und begannen zurückzuweichen, wobei der Rückzug bald in Flucht überging. Die preußische Armee verlor in dieser Schlacht 1818 Mann an Gefallenen, 603 an Gefangenen, weitere 303 Mann desertierten. Die Russen verloren 1487 Mann an Gefallenen.

Umso erstaunlicher war das weitere Verhalten Apraxins, der den Erfolg nicht nur nicht ausbaute, sondern zurückzuweichen begann und das Gebiet Ostpreußens verließ. Dafür wurde er zu Recht vor Gericht gestellt, starb aber noch vor dem Urteil an einem Herzinfarkt.

1758 übernahm Generalfeldmarschall Fermor den Oberbefehl über die russische Armee. Er besetzte sehr rasch ganz Ostpreußen und ließ dessen Bevölkerung der russischen Kaiserin den Eid leisten. Unter denen, die den Eid leisteten, war auch der große Philosoph Immanuel Kant, der sein ganzes Leben in Königsberg (Kaliningrad) verbrachte. Danach zogen die russischen Truppen auf Berlin. Die Hauptschlacht des Feldzugs von 1758 fand wie im Jahr zuvor im August statt, beim Dorf Zorndorf (heute Westpolen). Der 42.000 Mann starken russischen Armee standen 33.000 Preußen unter dem Kommando Friedrichs des Großen selbst gegenüber. Es gelang ihnen, den Russen in den Rücken zu fallen und das „Observationskorps“ anzugreifen, das ausschließlich aus Rekruten bestand. Diese zeigten jedoch eine erstaunliche Standhaftigkeit und gaben der ganzen russischen Armee die Möglichkeit, die Front umzuschwenken und Friedrich eine Frontalschlacht zu liefern. Die sehr schnell in ein unkontrollierbares und unlenkbares Handgemenge in Staubwolken überging.

Die Schlacht war womöglich die grausamste des ganzen Siebenjährigen Krieges.
Die Russen verloren an Toten und Verwundeten 16.000 Mann, die Preußen 11.000.
Weitere aktive Operationen konnten beide Armeen nicht mehr führen.

Dennoch gewannen die Russen den Feldzug insgesamt. Berlin konnten sie nicht einnehmen, aber Ostpreußen blieb in ihrer Hand. Erleichtert wurde die Lage Preußens nur dadurch, dass seine Truppen das ganze Jahr über die Franzosen erfolgreich schlugen.

1759 wechselte bei den Russen erneut der Oberbefehlshaber, nun wurde es General en chef Saltykow. Die entscheidenden Ereignisse des Feldzugs spielten sich wieder im August ab (sie hätten für den ganzen Krieg entscheidend werden können, wurden es aber leider nicht). Auf dem Gebiet Schlesiens (heute, wiederum, Polen) vereinigte sich die russische Armee mit der österreichischen und lieferte Friedrich beim Dorf Kunersdorf eine Generalschlacht.

In dieser Schlacht hatten die Russen 41.000 Mann, die Österreicher 18.000, die Preußen 48.000. Wie bei Zorndorf gelang es Friedrich, den Russen in den Rücken zu fallen, doch diese konnten die Front noch umschwenken. Der preußische König setzte gegen den schwächsten, linken Flügel der Russen seine Paradeerfindung ein – den Angriff in schräger Schlachtordnung, der bis dahin die Verteidigung jedes Gegners erfolgreich durchbrochen hatte. Und anfangs lief bei Kunersdorf auch alles sehr erfolgreich für ihn. Die Preußen eroberten eine der das Schlachtfeld beherrschenden Höhen und einen bedeutenden Teil der Artillerie der Verbündeten. Für Friedrich war der Sieg so offensichtlich, dass er eine Siegesmeldung nach Berlin schickte. Wobei er vergaß, dass „es nicht genügt, die Russen zu töten, man muss sie auch noch umwerfen“ (er selbst hatte das nach Zorndorf gesagt).

Der Sturm auf die zweite beherrschende Höhe aber gelang den Preußen nicht. Die russische Infanterie erwies sich als keineswegs schlechter als die preußische, die schräge Schlachtordnung blieb in ihrer Verteidigung stecken. Da wurde die preußische Kavallerie unter dem Kommando General Seydlitz’ zum Angriff geworfen. Auch sie galt als die beste Europas. Doch es stellte sich heraus, dass die russisch-kalmückische Kavallerie, wiederum, nicht schlechter war. Saltykow verfolgte den Verlauf des Kampfes genau und verlegte die Reserven in die nötigen Richtungen. Ohne auch nur 0,01 % von Friedrichs Ruhm zu erlangen, spielte er ihn gerade als Feldherr glatt aus.

Gegen Abend begriff der russische Oberbefehlshaber, dass die Preußen keine Reserven mehr hatten,
und gab daraufhin den Befehl zum Angriff, infolgedessen die Armee Friedrichs
augenblicklich zerfiel und auseinanderlief. Das einzige Mal im ganzen Krieg.

In der Schlacht bei Kunersdorf verloren die Russen 5614 Gefallene und 703 Vermisste, die Österreicher 1446 bzw. 447. Die Verluste der Preußen betrugen 6271 Gefallene, 1356 Vermisste, 4599 Gefangene und 2055 Deserteure. Tatsächlich aber blieben Friedrich nach der Schlacht nicht mehr als 3000 kampffähige und Befehlen gehorchende Soldaten und Offiziere. Die Russen holten die gesamte zu Beginn des Kampfes verlorene Artillerie zurück und nahmen noch einige preußische Kanonen mit.

Die Schlacht wurde die größte des ganzen Siebenjährigen Krieges und einer der herausragendsten Siege der russischen Armee in ihrer gesamten Geschichte (doppelt herausragend dadurch, dass er nicht über Türken oder Perser errungen wurde, sondern über die beste europäische Armee). Alle überlebenden Teilnehmer der Schlacht erhielten eine Medaille mit der Aufschrift „Dem Sieger über die Preußen“ (unten im Foto).

Medaille

Nach dem Krieg reisten preußische Emissäre viele Jahre lang durch Russland und kauften diese Medaillen für viel Geld auf, um ihre Katastrophe aus der Geschichte zu tilgen. Gemessen daran, dass heute mindestens 99 % der Bürger Russlands keine Ahnung von der Schlacht bei Kunersdorf haben, haben die Emissäre ihre Aufgabe erfolgreich erfüllt.

Zum Verschwinden der Schlacht aus dem Volksgedächtnis trug allerdings teilweise bei, dass sie uns absolut keine politischen Ergebnisse brachte, obwohl die Russen und Österreicher Berlin nur noch hätten besetzen und dem Gegner die Kapitulationsbedingungen diktieren müssen. Die „Busenfeinde unter den Verbündeten“ zerstritten sich jedoch über das weitere Vorgehen und unternahmen überhaupt nichts, was Friedrich die Möglichkeit gab, seine Kräfte wiederherzustellen. Im Ergebnis wurde die Schlacht bei Kunersdorf tatsächlich zum Wendepunkt, nur ganz und gar nicht in die richtige Richtung.

Im Oktober 1760 gelang es kleinen russischen und österreichischen Kräften sogar, Berlin einzunehmen, jedoch nur für sehr kurze Zeit; beim Herannahen der Hauptkräfte Friedrichs zogen sie sich von selbst zurück. Die Preußen errangen noch einige Siege über die Österreicher, doch ihre Ressourcen gingen rapide zur Neige. Da aber starb Elisabeth Petrowna, und Anfang 1762 bestieg der Friedrich-Verehrer Peter III. den russischen Thron. Der gab seinem Idol nicht nur alle russischen Eroberungen zurück (in erster Linie Ostpreußen), sondern schickte auch ein russisches Korps, um für Friedrich gegen die Österreicher zu kämpfen.

Nur ein halbes Jahr nach der Krönung wurde Peter gestürzt und ermordet,
Katharina II. rief das Korps, das gar nicht mehr zum Kämpfen gekommen war, zurück, trat aber nicht mehr
in den Krieg ein. Dadurch endete der Krieg mit dem Sieg der englisch-preußischen Koalition.

In erster Linie dank der Eroberung des größten Teils der französischen Kolonialbesitzungen in Nordamerika und Indien durch England. Aber auch Preußen erlitt entgegen allen anfänglichen Erwartungen keinerlei Gebietsverluste in Europa.

Russland gewann politisch nichts durch den Krieg und verlor auch nichts, es blieb „bei dem Seinen“. Militärisch erlitt die russische Armee als einzige keine einzige Niederlage, errang einen wirklich herausragenden Sieg und erwies sich damit zum ersten Mal in ihrer Geschichte eindeutig als die beste in Europa und folglich, bezogen auf jene Epoche, in der Welt insgesamt. Allerdings brachte uns das nichts außer moralischer Genugtuung.

Unter dem Gesichtspunkt der langfristigen historischen Folgen erwies sich der Siebenjährige Krieg für uns, angesichts der verpassten Möglichkeiten, als wahrhaft tragisch. Wäre Preußen zerschlagen worden (und nach Kunersdorf war das eine vollendete Tatsache), so hätte es nicht zum „Sammler der deutschen Lande“ werden können, und höchstwahrscheinlich wäre ein einiges Deutschland, das im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege entfesselte, schlicht nicht entstanden. Und selbst wenn es entstanden wäre, wäre es viel schwächer gewesen. Außerdem wäre, wäre Ostpreußen bei Russland geblieben, der Erste Weltkrieg, falls er überhaupt begonnen hätte, völlig anders verlaufen. Es hätte keine Katastrophe der Armee Samsonows gegeben, der russischen Armee hätte sich sofort ein direkter und kurzer Weg nach Berlin geöffnet. Deshalb kann man durchaus sagen, dass der erste Schritt zur Katastrophe von 1917 am Tag nach dem Triumph von Kunersdorf getan wurde.

Übrigens leistete der große Philosoph Kant, nachdem Peter III. Ostpreußen an Friedrich zurückgegeben hatte, dem König nicht erneut den Eid und erklärte, einen Eid leiste man nur einmal. Man kann annehmen, dass er bis an sein Lebensende russischer Untertan blieb. Deshalb ist sein heutiger Kult im Gebiet Kaliningrad durchaus folgerichtig: Er ist tatsächlich unser großer Landsmann.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.