(Schluss.)
Teile 1–3. Teil 4. Teil 5. Teil 6. Teil 7.
73. Brief. In Königsberg
74. Brief. Das neue Quartier
75. Brief. Geschichte des Krieges
76. Brief. Die Schlacht bei Kunersdorf
78. Brief. In Königsberg
77. Brief.
79. Brief. Königsberg
80. Brief.
81. Brief.
82. Brief.
IN KÖNIGSBERG
73. Brief
Werter Freund! Da ich in meinem letzten Brief an Sie bei der Erzählung dessen stehen geblieben bin, womit ich mich beschäftigte, als ich nach dem Schrecken, den mir die Anforderung zum Regiment eingejagt hatte, in Königsberg lebte, so will ich nun in meiner Geschichte fortfahren und sagen, dass, während ich auf besagte Weise in Ruhe lebte, mich mit nützlicher Arbeit, nicht minder aber auch mit wahren, wenngleich durchaus erlaubten Nichtigkeiten befasste und meine Tage in Frieden und Stille und fast jeden Tag unter neuen Vergnügungen dahinflossen, – unsere Armee sich in vollem Marsch befand. Ihr früherer Befehlshaber, General Fermor, war kaum aus Petersburg zurückgekehrt und hatte den Frühling abgewartet, als er bei dessen Anbruch alle in den Kantonierungsquartieren verteilten und neu aufgefüllten Truppen in der Umgebung von Toruń {Thorn an der Weichsel.} sammelte und mit ihnen abermals in Richtung Schlesien durch Polen ins Feld zog. Die Stadt Posen war wiederum zum allgemeinen Sammelplatz bestimmt, und hier versammelte sich die ganze Armee noch recht beizeiten. Weiter als bis hierher zog er jedoch nicht mit ihr, sondern wartete auf den anderen Befehlshaber, der an seiner Stelle ernannt worden war.
Hierzu war wider aller Erwarten von der Kaiserin der General en chef Graf Pjotr Semjonowitsch Saltykow ausersehen worden. Alle wunderten sich, als sie von diesem neuen Befehlshaber hörten, und umso mehr, als er, der bis dahin die ukrainischen Landmilizregimenter befehligt hatte, beinahe niemandem bekannt war und keinerlei vorteilhafte oder rühmliche Kunde von ihm umging. Selbst jene, denen der Zufall vergönnt hatte, ihn persönlich zu kennen, wussten den Fragenden nichts anderes von ihm zu berichten, als dass er zwar ein sehr gutherziger Mensch, aber ein schlichtes altes Männlein sei, das keine sonderlichen Kenntnisse und Vorzüge besitze und sich noch durch keine namhafte Tat hervorgetan habe.
Wir bekamen ihn eher zu sehen als die Armee, denn sein Weg dorthin führte ihn über Königsberg. Es lässt sich nicht beschreiben, mit welcher Neugier wir ihn erwarteten und mit was für besonderen Gefühlen wir ihn betrachteten, wie er zu Fuß durch unsere Stadt spazierte. Ein grauhaariges, kleines, schlichtes Männlein in einem weißen Landmilizrock, ohne alle sonderlichen Zierden und ohne jeden Prunk, ging er durch die Straßen und hatte nicht mehr als zwei oder drei Mann im Gefolge {Die hinter ihm hergingen, als Begleitung.}. Uns, die wir an Prunk und Pracht bei den Befehlshabern gewöhnt waren, kam dies seltsam und verwunderlich vor, und wir begriffen nicht, wie ein so schlichtes und allem Anschein nach unbedeutendes Männlein Oberbefehlshaber einer so großen Armee wie der unseren sein und sie gegen einen solchen König führen konnte, der ganz Europa durch seinen Mut, seine Tapferkeit, seine Gewandtheit und seine Kenntnis der Kriegskunst in Staunen versetzte. Er erschien uns wie ein rechtes Hühnchen, und niemand wagte sich nicht nur nicht mit der Hoffnung zu schmeicheln, sondern auch nur daran zu denken, dass er etwas Bedeutendes vollbringen könnte – so wenig versprachen uns sein Äußeres und sein ganzes Gebaren.
Unser General wollte ihn nach seiner Gewohnheit mit einem prächtigen Gastmahl bewirten, er aber verlangte ausdrücklich, dass für ihn nichts Besonderes veranstaltet werde, und wollte mit der allereinfachsten Bewirtung und Mahlzeit zufrieden sein.
Das aber war der Grund, weshalb seine Durchreise durch unsere Stadt ganz und gar nicht aufsehenerregend und so wenig geräuschvoll war, dass, obwohl er zwei Tage bei uns weilte und fast alle Straßen zu Fuß ablief, die größere Hälfte der Stadt nicht einmal wusste, dass er sich in ihren Mauern befand. Er reiste auch ebenso schlicht von uns ab, wie er gekommen war, und wir alle gaben ihm zwar mit dem innigen Wunsch das Geleit, er möge glücklicher sein als der kundige Fermor, doch mit recht bekümmerten und aller Hoffnung baren Herzen – eine so geringe und ungünstige Meinung hatten wir von ihm.
Nach der Abreise dieses neuen Befehlshabers machten wir uns wieder an unsere früheren Geschäfte und Beschäftigungen: der General an seine Besuchsfahrten und die häufigen Besuche bei seiner Gräfin Keyserlingk, unsere Kanzleileute an ihre Papiere, Schreibereien und Akten und ich an meine Übersetzungen, an das Lesen, das Zeichnen und andere wissenswerte Dinge und Beschäftigungen. Die Lust dazu wuchs in mir von Tag zu Tag, besonders seit der Zeit, als es sich einmal fügte, dass ich im Hause eines alten Männleins zu Gast war, eines verabschiedeten preußischen Obersten, eines großen Liebhabers der Wissenschaften und aller Handfertigkeiten und Künste. Hier bekam ich zum allerersten Mal zu sehen, wie Leute dieser Art leben und wie sauber und wohlgeordnet es in ihren Häusern zugeht. Dieses alte Männlein hatte ich schon lange zu Gesicht bekommen und war ihm nicht nur einmal auf der Straße begegnet, denn er wohnte in derselben Straße wie ich und ging nicht selten an meinen Fenstern vorüber. Doch wäre mir niemals in den Sinn gekommen, dass er ein so großer Liebhaber der Wissenschaften und Künste sei, wie ich später erfuhr; ich wunderte mich jedes Mal nur über seine seltsame Kleidung und seinen Gang. Bei all seinem Alter war er stets so geziert und frisch, als wäre er etwa vierzig, und welches Wetter auch sein mochte, immer sah ich ihn mit Hut, immer gepudert, mit einem seltsamen kleinen Perückchen und immer in einer altmodischen preußischen Uniform mit langen, mit Binsen ausgestopften {Binse, Simse – eine Pflanze, die zum Flechten dient; sie wurde in die Schöße der Uniformen gelegt, damit die Schöße abstanden.} breiten Schößen, deren einen er stets mit der linken Hand emporgehoben und flach an seinen Bauch gedrückt trug. Eben durch diese seltsame Gewohnheit unterschied er sich von allen anderen Leuten und fiel auf, und da niemand wusste und mir sagen konnte, weshalb er sich stets mit seinem Rockschoß den Bauch bedeckte, so hielt ich ihn für irgendeinen Sonderling oder Verrückten. Nachdem ich ihn jedoch besucht hatte, änderte ich meine Gedanken über ihn sehr und begann anders zu denken.
Das geschah ganz unbeabsichtigt. Eines Tages begegnete ich ihm nicht allein, sondern als ich zusammen mit dem erwähnten Herrn Orlow, dem Grafen Schwerin und noch einem unserer Leutnants ging, einem reichen und ebenfalls sehr wissbegierigen Mann und großen Liebhaber der Wissenschaften, der Fjodor Bogdanowitsch Passek hieß. Diesen Herren war er besser bekannt als mir, besonders dem Grafen Schwerin. Kaum hatte dieser ihn erblickt, als er ihm die Hand entgegenstreckte und ausrief:
– Ach, Herr Oberst! Lieber, werter Alter! Befinden Sie sich noch immer bei guter Gesundheit? Man hört schon so lange nichts mehr von Ihnen, – fuhr er fort und drückte ihm die Hand. – Sind Sie noch immer am Leben? Beschäftigen Sie sich noch wie früher mit Ihren Kunststücken und Künsten? Sind alle Ihre Maschinen und Instrumente bei guter Gesundheit?
Das alte Männlein lächelte darüber, drückte dem Grafen freundschaftlich die Hand und sagte:
– Bei guter, bei guter, Herr Graf! Und alles zu Ihren Diensten.
– Oh, wenn dem so ist, – fiel der Graf ein, – könnten Sie mir dann nicht wieder das Vergnügen machen und Ihre Arbeiten zeigen? Wir haben hier, mein Herr, Leute, – fuhr der Graf fort, – die sie gern sehen möchten.
Mit diesen Worten zielte er auf seine Gefährten Orlow und Passek. Letzterer wünschte sich das ganz besonders und gab ihm mit Blicken zu verstehen, er möge den Alten überreden, es sogleich zu tun und uns alle seine Kunststücke zu zeigen, und es kostete den Grafen keine große Mühe, den betagten Künstler dazu zu bewegen. Der Alte sträubte sich zwar ein wenig, entschuldigte sich mit mangelnder Zeit und sagte zum Teil auch, alle seine jetzigen Arbeiten seien nicht so bedeutend, dass es lohne, sie anzusehen; doch auf die Bitte des Grafen musste er einwilligen und uns in derselben Minute zu sich ins Haus führen.
Dort angekommen, wollte er uns in seine unteren Wohnzimmer führen und zuvor mit etwas bewirten, doch der Graf und seine Gefährten wollten das nicht und sagten, sie seien nicht gekommen, um ihn mit einer Bewirtung zu bemühen, sondern wünschten, dass er sie geradewegs in seine Arbeits- und Werkstube führe; und so musste unser Alter beinahe widerwillig die steile Treppe hinaufsteigen und bat uns, ihm zu folgen. Dort fanden wir ein überaus großes Zimmer, ganz vollgestellt und vollgestopft {Überhäuft.} mit einer Menge Maschinen, Geräten und Instrumenten aller Art. Fast nirgends war ein freier Platz, und wir konnten uns nur mit Mühe zu einem kleinen Tischchen durchdrängen, das am Fenster stand und eben dasjenige war, an dem er meistens saß und seinen Arbeiten nachging. Er begann sogleich geschäftig umherzulaufen, seine letzten Arbeiten hervorzusuchen und den Gästen zu zeigen, ich aber hatte unterdessen einige Minuten freie Zeit, um sein Zimmer und alle darin befindlichen Dinge zu betrachten.
Ich kann nicht beschreiben, mit welch unersättlich neugierigem Auge ich von einem Gegenstand zum anderen eilte und mit welcher Gier ich alles mit meinen Augen verschlang. Es befand sich hier eine überaus große Menge solcher Dinge, wie ich sie mein Lebtag noch nicht gesehen und von denen ich noch keinerlei Begriff hatte. Da waren Drehbänke verschiedener Bauart, da waren Poliermaschinen, da war eine Menge verschiedener physikalischer, optischer, mathematischer und mechanischer Instrumente und Geräte. Da war eine gewaltige Bibliothek, eine Menge Fernrohre aller Art, Brennspiegel, Mikroskope, Globen, Karten, Estampen {Estampe – ein in Kupfer oder Stahl gestochenes oder geätztes und auf Papier abgedrucktes Bild.}, aufgeschlagene Bücher und an den Wänden aufgehängte eiserne Sägen, Meißel, Stichel und Arbeitsgeräte und Werkzeuge aller Art. All dies bot mir ein neues Schauspiel, an dem ich mich nicht satt sehen konnte; und obwohl all diese zahlreichen Dinge hier ohne die geringste Ordnung standen, lagen und hingen, alle verstaubt und nicht in Ordnung, alle fast wahllos umhergestreut, so ergötzte ich mich doch mehr an ihnen als an kostbarem Prunk und wäre gern einen ganzen Tag bei ihm geblieben, um alles durchzugehen und zu betrachten, wenn es mir nur möglich gewesen wäre und der Hausherr nur eingewilligt hätte, mir alles zu zeigen und über alles ausführlich zu erzählen.
Doch zu meinem größten Bedauern war gerade dies nicht möglich.
Ich war die geringste und unbedeutendste Person unter den Besuchern und musste mich daher mit dem begnügen, was meinen Gefährten gezeigt wurde, und mit dem Anhören dessen, was der Hausherr mit ihnen sprach. Mit mir aber kam er nicht dazu, auch nur ein Wort zu wechseln, denn die Zeit war so kurz und die Eile meiner Gefährten so groß, dass er nicht einmal ihnen den hundertsten Teil all dessen zeigen konnte, was er besaß und was ich gern gesehen und erfahren hätte. Zu meinem noch größeren Verdruss wurde selbst über die Dinge, die er ihnen noch zeigen konnte, so flüchtig und so kurz gesprochen, dass ich fast nichts verstehen konnte. Dies vermochte meine Neugier nur zu wecken, keineswegs aber zu befriedigen, und mit größtem Widerwillen ging ich meinen Gefährten nach, die es damals eilig hatten, zu Besuch zu gehen, und dachte schon daran, mich von ihnen zu trennen und zu dem lieben und ehrwürdigen alten Männlein zurückzukehren, um nähere Bekanntschaft mit ihm zu schließen, doch auch das gelang mir nicht. Der Alte trat hinter uns aus dem Hof und schloss sein Zimmer ab; und was mich noch mehr verdross: so sehr ich mir auch mit der Hoffnung schmeichelte, künftig mit ihm bekannt zu werden und ihn durch Bitten zu bewegen, mir alles zu zeigen und zu erklären, und so sehr ich hoffte, vieles von ihm zu erfahren und zu lernen, bekam ich ihn von dieser Zeit an nicht mehr zu sehen. Bald darauf fügte es sich, dass er irgendwohin zu seinen Verwandten aufs Land fuhr, und dort beschloss er, wie ich später hörte, sein Leben.
Bei alledem brachte mir dieser Vorfall viel Nutzen. Ich erhielt nicht nur von vielen mir bis dahin unbekannten Dingen einigen Begriff, sondern erwarb dadurch auch die Bekanntschaft des erwähnten Herrn Passek, der mir bis dahin unbekannt gewesen war; denn da sie auf dem ganzen Rückweg unablässig von diesem Alten sprachen, seine Wissbegier und seinen Fleiß mit Lob erhoben und sich über die Menge seiner Maschinen und Instrumente wunderten, mischte auch ich mich in ihr Gespräch. Und kaum hatte ich bei dieser Gelegenheit mein Bedauern darüber geäußert, dass sie sich nur kurz bei ihm aufgehalten hätten und ich vieles nicht hatte sehen können, was ich sehr gern erfahren hätte, als gerade dies Herrn Passek bewog, nähere Bekanntschaft mit mir zu schließen. Er war von allen der Wissbegierigste, und da er eine ebensolche Wissbegier auch an mir bemerkte, so bewog ihn dies, mich näher kennenzulernen; darum knüpfte er sogleich Bekanntschaft mit mir und bat mich beim Abschied, irgendwann zu ihm zu kommen, und sagte, wenn ich so wissbegierig sei, könne auch er mir etwas zeigen, das meines Anblicks und meiner Neugier würdig sei.
Das versäumte ich denn auch nicht, einige Tage danach zu tun, und kann sagen, dass ich mit diesem Besuch überaus zufrieden war. Ich fand bei ihm, was ich am allerwenigsten erwartet hatte. Er war zwar nur ein einfacher Leutnant in unserem Dienst, der sich damals in einem ihm übertragenen Auftrag hier aufhielt, doch ich hatte nicht gewusst, dass er großen Wohlstand besaß, von vornehmer Herkunft war, unter den großen Herren Bekannte hatte und damals eine Menge Geld für die Beschaffung kostbarer Bücher, allerlei Maschinen und Instrumente ausgab.
Von Ersteren fand ich bei ihm bereits eine ansehnliche Sammlung vor, von Letzteren aber hat mich keines so sehr in Staunen versetzt und erfreut wie die Elektrisiermaschine.
Bei ihm geschah es, dass ich zum allerersten Mal in meinem Leben diese wundersame Maschine zu sehen bekam, die mir später so überaus vertraut wurde, und er war es, der mir den allerersten Begriff davon gab. Es lässt sich nicht beschreiben, mit welcher Neugier ich sie damals betrachtete und wie sehr mich die Funken und Schläge, die man von ihr erhielt, sowie die verschiedenen anderen Versuche, die man mit ihr anstellte, in Erstaunen setzten. Diese Maschine war zwar von altmodischer Bauart, mit einer kleinen Kugel und einem großen Rad zum Drehen, gegenüber den heutigen noch sehr unvollkommen und nahm fast ein ganzes Zimmer ein, doch hatte sie ihn nicht wenig Geld gekostet und tat eine sehr starke und gute Wirkung. Sie gefiel mir so sehr, dass ich sie unter allen meinen Bekannten rühmte, und es verging kaum eine Woche, in der ich ihn nicht besucht und viele andere mitgebracht hätte, um sowohl sie als auch die Mikroskope und anderen physikalischen Instrumente zu besehen, besonders die Luftpumpe, die er ebenfalls besaß und an der er uns mit besonderem Vergnügen seine Versuche vorführte. Schade nur, dass der Aufenthalt dieses Mannes bei uns in Königsberg nicht von langer Dauer war: Er reiste noch im selben Sommer von uns ab, und ich habe ihn seither nicht mehr gesehen. Er war der leibliche Bruder jenes Passek, der später Statthalter in Smolensk war.
Um eben dieselbe Zeit wurde ich auch mit einem anderen unserer Offiziere bekannt, der als Hauptmann diente, aber nicht in den Feldregimentern, sondern bei der Artillerie. Er hieß Iwan Timofejewitsch, stammte aus dem Geschlecht der Herren Pissarew und war gebürtig aus eben jenem Kreis Kaschira, aus dem auch ich stammte, folglich war er mein echter Landsmann und Gutsnachbar. Dieser Mann kam einige Male in Geschäften zu uns in die Kanzlei und sprach mit mir über dies und jenes, und da er an mir und ich an ihm in vielem gleiche Neigungen und übereinstimmende Gedanken bemerkte, so machte uns dies nicht nur bekannt, sondern auch sehr bald befreundet. Er gewann mich außerordentlich lieb, und auch ich empfand für ihn nicht nur Zuneigung, sondern geradezu Hochachtung, deren er auch würdig war. Er war bedeutend älter als ich, las gern Bücher, galt als gesetzter und ordentlicher Mensch, hatte sich bei allen Achtung erworben und sprach nicht gern über Nichtigkeiten, sondern immer über Dinge, und zwar gute und hörenswerte Dinge, – und da auch ich nicht minder gern solche Gespräche führte, so verband uns eben dies in einer Freundschaft, die viele Jahre hintereinander währte. Um diese Zeit stand unsere Bekanntschaft jedoch erst ganz am Anfang, denn bald darauf reiste er zur Armee ab.
Was meine Kanzleibekannten betrifft, so kamen um diese Zeit noch zwei hinzu; denn da die Schreibarbeit von Stunde zu Stunde zunahm, weil unserem General auch alle in Preußen befindlichen Truppen unterstellt worden waren, so bedurfte es dafür einer besonderen Militärexpedition, und zu deren Leitung wurden zwei Offiziere bestimmt: der eine, Leutnant Koslow, mit Vornamen Sawwa Konstantinowitsch, ein dicker, einfacher, aber recht ordentlicher Kerl, der mich bald lieb gewann, und der andere, Unterleutnant Nassetkin, der aus den Regimentsschreibern zum Offizier aufgestiegen war und ein echter Kanzleihengst war. Darum hatte ich mit diesem Mann nur eine flüchtige Bekanntschaft, denn unsere Charaktere waren gar zu verschieden; zudem hatte ich auch dienstlich nichts mit ihm zu tun, und beide saßen sie in anderen, durch einen Flur von uns getrennten Räumen, und überdies speisten sie nicht mit uns zusammen beim General, sondern gingen zum Essen in ihre Quartiere.
Außer den oben beschriebenen Beschäftigungen hatte ich in diesem Sommer noch eine ganz besondere.
Unsere jungen Leute bekamen Lust, zu allen gewöhnlichen Vergnügungen noch eines hinzuzufügen, nämlich ein russisches Liebhabertheater des Adels zu gründen. Dazu bewog sie vor allem, dass die Komödiantentruppe, die im Winter bei uns gewesen war, in andere Städte weitergezogen war, unsere Theatervorstellungen schon seit dem Frühjahr aufgehört hatten und das Theatergebäude leer stand. So kam es unseren Herren in den Sinn, es zu versuchen, aus sich selbst eine Art Theater zu bilden. Die ersten Urheber dieses Vorhabens waren der erwähnte Herr Orlow, Sinowjew und ein gewisser Zugereister, der damals hier lebte, mit Namen Herr Dumaschnew. Kaum hatten sie diese Sache in Angriff genommen und für den ersten Versuch eine unserer Tragödien bestimmt, nämlich „Demofont“ {Tragödie in Versen in 5 Akten von M. W. Lomonossow. Im Jahr 1752 als Auftragswerk geschrieben. Außer „Demofont“ schrieb Lomonossow, ebenfalls im Auftrag, im Jahr 1750 eine weitere Tragödie – „Tamira und Selim“.}, als sie auch schon Leute zu werben begannen, die sie zusammen mit ihnen aufführen sollten. Doch das ließ sich nicht so leicht bewerkstelligen, wie sie anfangs gedacht hatten. Man brauchte viele Leute, doch Fähige fanden sie nur wenige. Diejenigen, die vielleicht eingewilligt hätten, waren unfähig, und von den Fähigen wollte nicht jeder sich an diese Sache wagen und nicht nur eine große Last auf sich nehmen, sondern sich danach auch noch freiwillig der Kritik und dem Urteil anderer aussetzen. Mir wurde von ihnen schon ganz zu Anfang und als einem der Ersten der Vorschlag gemacht, doch ich rang lange mit mir selbst und hatte nicht so viel Mut, mich an diese für mich ungewohnte Sache zu wagen, und willigte in ihren Wunsch erst ein, nachdem sie mich alle vielfach und eindringlich gebeten hatten. Freilich hatte ich dafür schon eine gewisse Vorbereitung. Noch als wir in Estland in den Winterquartieren lagen, hatte ich die Tragödie „Chorew“ {Tragödie von A. P. Sumarokow, gedruckt 1747, die seinen literarischen Ruhm begründete. Der Erfolg, der „Chorew“ zuteilwurde, förderte das Aufkommen des Interesses an der Theaterkunst und beeinflusste die Gründung eines ständigen Theaters.} lieb gewonnen und sie nicht nur fast ganz auswendig gelernt, sondern auch gelernt, die Reden ordentlich zu deklamieren; darum war mir diese Sache zum Teil schon vertraut, und das trug viel dazu bei, dass ich einwilligte, eine Rolle zu übernehmen. Bei alledem kam mir die Sache, da ich noch nie Aufführungen russischer Tragödien gesehen hatte, besonders bei meiner Zaghaftigkeit und Schüchternheit, sehr befremdlich vor, und hätte nicht einigermaßen der Umstand geholfen, dass ich im vergangenen Winter mehrmals deutsche Tragödien zu sehen bekommen hatte, so hätte ich mich wohl kaum dazu überreden lassen.
So viel Mühe es sie gekostet hatte, die Männer zusammenzubringen, ebenso viel oder ungleich mehr war nötig, um geeignete Frauen dafür ausfindig zu machen. Für diese Tragödie brauchte man zwei, und zum Unglück beide jung, wir aber konnten unter allen russischen Damen, die sich in Königsberg befanden, keine einzige finden. Endlich wurde mit großer Mühe die Brigadiersgattin Rosen dazu überredet, die sich damals in Königsberg aufhielt.
Diese Dame war eine Russin, aber nicht mehr jung, und was das Schlimmste war – beleibt und ganz und gar ungeeignet, eine Geliebte darzustellen. Doch was tut die Not nicht alles.
Wir waren auch über sie schon froh; da wir aber die andere auf keine Weise finden konnten, beschlossen wir, dafür einen Mann einzusetzen. Hierzu wurde einer unserer Gefährten erwählt, nämlich der von mir schon früher erwähnte Verwandte und Gefährte des Herrn Orlow, Herr Sinowjew. Die Jugend, die Zartheit, der schöne Wuchs und selbst die Schönheit des Gesichts dieses jungen, liebenswerten Menschen bewogen alle, ihn zu bitten, die Rolle der Geliebten zu übernehmen, und da er darin einwilligte, wurde der Brigadiersgattin Rosen die Rolle der Vertrauten zugedacht, womit sie auch zufrieden war.
Nachdem wir auf diese Weise alle dafür nötigen Leute zusammengebracht hatten, machten wir uns ans Werk. Sogleich wurden die Rollen ausgeschrieben und an alle verteilt, und sogleich begannen alle, sie zu lernen und auswendig einzuprägen. Mir fiel eine recht große zu, doch ich hatte sie vor allen anderen eingeübt. Ich kann mich noch heute nicht ohne Lachen daran erinnern, wie sehr mich diese Rolle beschäftigte und mit welchem Eifer und welcher Sorgfalt ich sie lernte. Nicht nur einmal kam es vor, dass ich mich allein in meinem Quartier einschloss und mehrere Stunden hintereinander deklamierte, während ich in meinem Zimmer auf und ab ging; nicht nur einmal geschah es, dass ich sogar mitten in der Nacht, statt zu schlafen, das Gelernte wiederholte und mich bemühte, alles fester und fester ins Gedächtnis einzuprägen. Als ich aber mein Werk vollbracht und meine ganze Rolle gelernt hatte, kann ich das Vergnügen, das ich empfand, gar nicht beschreiben. Ich bildete mir Gott weiß was über mich ein und begann schon selbst, meine Gefährten anzutreiben {Anspornen, drängen.}, sie möchten ihre Rollen schneller lernen; denn da ich an mir selbst nicht im Geringsten zweifelte, sondern fest hoffte, meine Rolle gut zu spielen, so brannte ich schon vor Ungeduld, dass das von uns begonnene Werk sich rascher vollende. Doch es kam nicht so, wie wir dachten und erwarteten. Den Umständen beliebte es, sich plötzlich zu ändern: Es kam zu einigen Uneinigkeiten unter den Teilnehmern dieses Unternehmens, und unser ganzes prunkvolles und prächtiges Vorhaben zerplatzte wie eine Seifenblase, und zwar so früh, dass viele noch nicht einmal die Hälfte ihrer Rollen hatten lernen können. Ich kann nicht beschreiben, mit welch empfindlichem Kummer ich von diesem unverhofften Zusammenbruch unseres ganzen Unternehmens erfuhr. Die Nachricht davon erhielt ich von Herrn Orlow.
– Weißt du, Bolotow, mein Freund, was für ein Jammer? – sagte er mir, als er eines Morgens zu uns kam und mich umarmte. – Aus unserer Sache wird ja nichts, sie ist zunichte geworden!
– Ach! Was sagst du da? – rief ich bestürzt aus. – Ist das möglich?
– Genau so, – fuhr er fort, – und du, mein Freund, mühe dich nicht länger und lerne deine Rolle nicht mehr.
– Na, schön! – rief ich. – Lerne deine Rolle nicht; dabei habe ich sie längst gelernt, und also waren alle meine Mühen und Anstrengungen umsonst. Danke schön!
– Nun, was soll man machen, mein Lieber! Es ist nun einmal so, ich gräme mich selbst darüber, auch ich hatte schon vieles gelernt; doch was soll man machen, es sind Umstände eingetreten, und zwar solche Umstände, dass wir jetzt nicht einmal mehr daran denken können.
– Aber was denn für welche? – fragte ich.
– Nun, welche auch immer, – sagte er, – ich kann es dir nicht sagen, es genügt, dass die Sache zu Ende ist und niemals etwas daraus wird.
Nachdem er dies gesagt hatte, lief er wie der Blitz von mir fort, sodass ich in größter Verwunderung und voller Verdruss über ihn zurückblieb.
Bei alledem war er in diesem Punkt so verschwiegen, dass ich, sooft ich mich auch später bemühte, weder von ihm noch von anderen den wahren Grund dafür erfahren konnte. Alle Übrigen redeten sich damit heraus, dass sie es selbst nicht wüssten, er aber wusste es und sagte allen nur, er könne es nicht sagen; darum blieb ich in völliger Unwissenheit darüber, was eigentlich dieses Unternehmen zunichtemachte, und weiß es selbst heute noch nicht.
Bald darauf fügte es sich, dass ich zusammen mit ebendiesen Herren und mit der erwähnten Frau Brigadier Rosen in der Königsberger Judensynagoge, oder Versammlungsstätte, war und ihren Gottesdienst sah. Dieses Schauspiel war für mich neu und bis dahin noch nie gesehen, und ich betrachtete es mit besonderer Neugier und Aufmerksamkeit.
Der hohe Rang der Brigadiersgattin Rosen und des Grafen Schwerin war der Grund dafür, dass man uns nicht daran hinderte, dieses Bethaus gerade zu der Zeit zu betreten, als dort ihr Gottesdienst abgehalten wurde und das ganze Gebäude von einer Menge Volk erfüllt war. Es war zur Zeit ebendes Peter-und-Paul-Jahrmarkts, als die ganze Stadt von vielen Hunderten polnischer Juden erfüllt war. Die Synagoge war aus Stein, von ansehnlicher Größe und konnte eine Menge Menschen fassen. Wir fanden sie bereits ganz voll Volk, das seinen Gottesdienst jedoch noch nicht begonnen hatte, und da es mir diesmal vergönnt war, ihn vom Anfang bis zum Ende zu sehen, kann ich sowohl ihn als auch die Synagoge selbst ausführlich beschreiben.
Dieses Gebäude bildete ein regelmäßiges längliches Viereck und war von außen mit wenigen architektonischen Zierden geschmückt (gewesen), jedoch ohne jede Kuppel obenauf oder irgendeine Erhöhung über dem Dach; innen aber hatte es nicht den geringsten Schmuck. Alles, was sich beim Eintreten unserem Blick darbot, bestand einzig in einem um etwa anderthalb Arschin über den Fußboden erhöhten achteckigen Ambon {Ambo.}, der in der Mitte dieses Hauses errichtet und oben mit einer niedrigen kleinen Brüstung umgeben war. Dieser ganze Ambon maß nicht mehr als vier Arschin im Durchmesser und war, um hinaufzusteigen, an den Seiten mit zwei kleinen Stufentreppen versehen. Zu beiden Seiten dieses Ambons standen durchgehende Sitzbänke, genau solche, wie man sie in lutherischen Kirchen macht, nur mit dem Unterschied, dass die Wände, die sie abschlossen, höher waren und ein solches Maß hatten, dass ein in den Bänken stehender Mensch sich darauf aufstützen konnte. Mit diesen Bänken war der ganze Innenraum dieses Gebäudes verstellt, und nur in der Mitte war ein Durchgang von etwa drei Arschin Breite gelassen. Auch vorn war etwas freier Raum, wo man in anderen Kirchen gewöhnlich den Altar errichtet; in den jüdischen Synagogen aber gab es dort nichts, was einem Altar oder einem Altartisch ähnlich gewesen wäre, und zwar deshalb, weil ihre Synagoge nicht eigentlich ihre Kirche oder ihr Tempel ist, den sie nirgends haben, sondern lediglich eine Art Haus, das zur Versammlung der Juden, zum Absingen von Lobgesängen und Psalmen für Gott und zu ihrer Belehrung durch das Lesen der Heiligen Schrift bestimmt ist. Darum ist bei ihnen in der Vorderwand, zwischen den Fenstern, eine Art kleiner Schrank in der Wand oder eine Nische angebracht, mit einem kleinen Vorhang verhängt, und darin bewahren sie die Bücher ihrer Heiligen Schrift des Alten Testaments auf, die nach altem Brauch auf Pergamentrollen geschrieben sind. In diesen zwei oder drei Dingen, nämlich dem Ambon, den Bänken und dem Schrank, bestand der ganze innere Schmuck ihrer Synagoge; das vierte Stück aber bildete eine geräumige Empore, die an der Rückwand beim Eingang angebracht und zur Synagoge hin durch ein so dichtes Gitter verdeckt war, dass man auf keine Weise alle, die auf der Empore standen, sehen konnte. Diese Empore, die eine ganz besondere Abteilung bildet und mit dem Inneren der Synagoge keinerlei Verbindung hat, ist bei ihnen für die Frauen bestimmt, und da diese bei ihnen niemals dorthin gehen dürfen, wo die Männer stehen und sitzen, ist auch der Zugang zu dieser Empore eigens angelegt, und zwar nicht von innen, sondern von außerhalb des Gebäudes.
Wir fanden alle erwähnten Bänke mit sitzenden Leuten gefüllt, von denen einige entblößten Hauptes waren, andere ihre Häupter mit einer Art seidener bunter Schleier oder Tücher bedeckt hatten.
Alle saßen mit äußerster Andacht und Sanftmut da, und in der ganzen Versammlung war nicht der geringste Lärm oder Laut. Man führte uns hindurch und stellte uns in die Mitte, unmittelbar neben den erwähnten Ambon, und hier begab sich mit uns etwas Lächerliches.
Die erwähnte Brigadiersgattin Rosen, die bei uns war, wusste nicht und ahnte nicht, wozu dieser Ambon bei ihnen errichtet war, sondern hielt ihn für nichts anderes als einen Platz für vornehme Personen und folglich auch für sich als den schicklichsten und bequemsten Platz zum Stehen, und war so unbesonnen, dass sie, ohne jemanden zu fragen, plötzlich darauf verfiel, hinaufzusteigen und dort Platz zu nehmen. Mein Gott! Was für ein Lärm, Gemurre, Raunen und Unwille erhob sich in eben diesem Augenblick in der ganzen Synagoge! Alle richteten ihre Augen auf sie, viele sprangen sogar von ihren Plätzen auf und wussten nicht, was sie tun sollten. Für sie war es schon äußerst betrüblich und unangenehm, dass eine Frau es gewagt hatte, ihre Versammlung zu betreten. Schon das sahen sie mit scheelen Augen an, wagten aber wegen ihres hohen Ranges nicht zu widersprechen; als sie sie aber auf den Platz hinaufsteigen sahen, den sie für den allerheiligsten hielten, gerieten sie in äußerste Verwirrung und Unruhe. Einige Männer, und wie anzunehmen ist, von ihren Ältesten, liefen beinahe außer sich zu uns, die wir unten neben dem Ambon standen, und baten uns auf die allerkläglichste und demütigste Weise, sich verneigend und auf die Brigadiersgattin weisend, sie zu überreden, herunterzusteigen.
– Ach, kaiserliche, kaiserliche Wohltäter! – sagten sie zu uns und pressten die Hände ans Herz. – Ach, das geht nicht, das geht nicht!
Wir aber ließen sie nicht lange in Unruhe und flüsterten der Frau Brigadier zu, sie möge belieben herunterzusteigen; doch sie selbst hatte die Aufregung bemerkt, die sie in der ganzen Versammlung hervorgerufen hatte, und war so verständig, dass sie sogleich herunterstieg und auf höfliche Weise um Entschuldigung bat, indem sie ihre Unwissenheit anführte, und das beruhigte sogleich die ganze Versammlung.
Bald danach begann ihr Gottesdienst. Er bestand im Absingen von Psalmen durch die ganze Versammlung in hebräischer Sprache. Doch hier hätten nicht nur die Frau Brigadier, sondern beinahe auch wir alle die größte Torheit begangen. Es kostete uns alle die allergrößte Mühe, uns des Lachens zu enthalten und nicht aus vollem Halse loszuprusten: So lächerlich kam uns ihr Gottesdienst vor. Er hatte auch wirklich, besonders für uns, die wir nicht gewohnt waren, dergleichen zu sehen, viel Außerordentliches und Lächerliches an sich. Kaum hatte ihr Oberrabbiner den Gesang seines Psalms angestimmt, als alle, die in den Bänken saßen, von ihren Plätzen aufsprangen und, nachdem sie sich mit ihren Tüchern bedeckt hatten, geradeso wurden, als wären sie von Sinnen: Sie stampften mit den Füßen, fuchtelten mit den Händen, wanden sich mit dem ganzen Körper, wiegten die Köpfe und stießen zugleich so seltsames Gekreisch, Geheul und Geschrei aus, dass wir uns fast die Ohren zuhalten mussten, um unser Gehör von einer so seltsamen und ungewohnten Musik zu befreien. Mit einem Wort, der Lärm, das Geschrei und das Geheul in der ganzen Synagoge wurden so überaus groß und das Gebaren aller so seltsam und lächerlich, dass einige von uns sich wirklich auf keine Weise des Lachens enthalten konnten; und auch für die Übrigen war dieses Schauspiel äußerst verblüffend, und wir hörten nicht auf, uns darüber zu wundern, bis man uns erklärte, dass man nach jüdischem Gesetz Gott nicht nur mit dem Mund, sondern mit allen Gliedern preisen müsse und dass das Sichwinden und Füßestampfen, das wir sahen, die Ausübung dieser heiligen Pflicht sei.
Das beruhigte uns einigermaßen und bewog uns, das Ende dieses äußerst ungereimten und dem Ohr widerwärtigen Gesangs ruhig abzuwarten.
Danach sahen wir, dass Vorbereitungen zu einer Art Prozession oder Umzug getroffen wurden. Einige Männer traten aus ihren Bänken und stellten sich andächtig in einer Reihe vor dem erwähnten Schrank auf. Wir sahen mit Neugier zu, was geschehen würde, und sahen dann den Oberrabbiner, der ehrfürchtig an den Schrank trat, den Vorhang zurückzog und mit überaus großer Andacht die Rollen der Heiligen Schrift daraus hervorholte, die auf Pergament geschrieben und in kostbare Damaststoffe {Stoffe.} gehüllt waren. Er legte sie den erwähnten Männern, die zu ihm herantraten und sie mit großer Ehrfurcht empfingen, auf die Köpfe. Dann trugen sie sie, von ihm selbst angeführt, einer nach dem anderen in einer Prozession um alle Bänke herum und brachten sie danach auf den erwähnten Ambon hinauf. Dort war bereits eine Art niedriges Tischchen bereitgestellt, das mit einem kostbaren Stoff bedeckt war. Darauf rollten sie eine Rolle nach der anderen auf und lasen jeweils eine Weile aus jeder von ihnen die Schrift aus vollem Halse und stupsten {Berührend, stoßend.} dabei auf seltsame Weise mit überaus großen vergoldeten Zeigestäben auf das Pergament, genau solchen, wie sie in unseren einfachen Schulen von den Kindern gebraucht werden, die lesen und schreiben lernen, nur ungleich größer. Auch dieses Schauspiel war für uns belustigend und erheiterte uns bis zum Lachen. Doch so schwer es uns auch fiel, uns des Lachens zu enthalten, besonders beim Anblick ihres lächerlichen Zeigens, so hatten wir doch so viel Mut, das Ende dieses seltsamen und mit überaus großem Sichwinden, Verrenken, Rufen und Wehklagen verbundenen Lesens abzuwarten. Nach dessen Beendigung wurden diese Rollen mit derselben Zeremonie und unter allgemeinem Gesang wieder zurückgetragen, wie zuvor in den Schrank gelegt und mit dem Vorhang verhängt, und damit endete der ganze Gottesdienst, und alle begannen nach Hause zu gehen; als wir das sahen, verließen auch wir diese Judenversammlung, nachdem wir zuvor den Ältesten für das uns bereitete Vergnügen gedankt hatten.
Damit endete damals unser Ausflug; und da mein Brief schon lang ist, so will ich auch ihn damit beenden und Ihnen sagen, dass ich Ihr ergebener bin, und so weiter.
DAS NEUE QUARTIER
74. Brief
Werter Freund! In meiner Erzählung fortfahrend, will ich nun sagen, dass zu den denkwürdigen Begebenheiten dieses Sommers auch gehört, dass ich darin ein neues und besseres Quartier erhielt und folglich schon in das vierte umzog. Freilich war auch dasjenige, in dem ich wohnte, nicht ganz schlecht; doch da es nicht sehr nahe am Schloss lag und mir der tägliche Weg dorthin lästig wurde, besonders bei regnerischem Herbst- und Winterwetter, und da es überdies in einer abgelegenen Gasse lag und daher ziemlich öde war, mir aber, der ich mich damals beim Gouverneur befand und schon etwas galt, daran gelegen war, ein wenigstens etwas besseres Quartier zu haben, ließ ich unserem Platzmajor so lange keine Ruhe, bis er mir ein neues anwies, und zwar eben jenes, das ich im Auge hatte. Darin hatte bis dahin einer unserer Armeeleutnants gewohnt, aus dem Geschlecht der Tschelischtschews, mit Namen Iwan Jegorowitsch, ebenderselbe, der später in Tula Rat an der Strafkammer war. Und da wir miteinander bekannt und befreundet waren, so lernte ich eben dadurch dieses Quartier kennen und wartete ungeduldig auf die Zeit, da er zur Armee abreisen würde.
Das geschah zu Beginn dieses Sommers, und da zögerte ich keine Minute länger, sondern zog sogleich hinüber.
Mit diesem Quartier waren für mich viele Vorteile verbunden, und mit keinem der früheren war ich so zufrieden wie mit diesem letzten; denn erstens lag es näher am Schloss als alle früheren, nicht weiter als etwa zweihundert Saschen davon entfernt; zweitens lag es in einer zwar kleinen Straße, aber in einer solchen, auf der viel gegangen und gefahren wurde, besonders zum Spazieren in den Gärten, folglich war sie nicht öde. Das Häuschen war zwar nicht groß, aber freundlich und warm. Das ganze Obergeschoss war mir zugewiesen, und obwohl es insgesamt nur aus zwei Zimmern und einem kleinen Flur bestand, war es für mich doch genug und übergenug. In dem einen, geräumigeren der erwähnten Stübchen richtete ich mich selbst ein, und es diente mir als Schlafzimmer und Vorzimmer und alles in allem; das andere, seitlich gelegene und weit engere, bestimmte ich für meinen jüngeren Diener Awram und für mein Gepäck: Dort standen meine Truhe und all mein übriger Kram. Beide Zimmer waren blitzsauber hergerichtet, weiß getüncht und mit einer hinreichenden Zahl von Tischchen und Stühlen versehen, und mehr brauchte ich auch nicht. Die Aussicht aus dem Haus und aus meinen Fenstern ging nach der einen Seite in ein kleines fruchttragendes Gärtchen, das zum Nachbarhaus gehörte und dessen Obstbäume mit ihren Wipfeln bis an meine Fenster reichten und sie beinahe berührten, nach der anderen Seite auf die Straße und über sie hinweg in einen schönen, regelmäßigen, mit Lauben und Parterres geschmückten Garten, der zu einem großen steinernen Haus gehörte, das jenseits der Straße fast gegenüber meinem Quartier lag. Dieser Garten erfreute mich ganz besonders. Er lag so nahe und so günstig, dass ich ihn ganz überblicken und alle darin Spazierenden sowie alles, was darin geschah und sich befand, sehen konnte. Selbst die Blumen, mit denen die Rabatten in den Parterres in Menge bepflanzt waren, konnte ich bis zur letzten sehen, und der Duft der würzigen Kräuter und Blumen drang bis an meine Fenster, besonders zur Abendzeit. Nicht nur einmal sah ich darin ganze Gesellschaften, die ihre Zeit mit Spaziergängen verbrachten, mitunter aber auch einen jungen Mann, der in einer halboffenen Laube gerade gegenüber meinem Fenster saß und in der Einsamkeit ein Buch las. Zu anderen Zeiten kam die ganze Familie jenes Hauses dorthin und trank mit ihren Gästen Tee. Nach der dritten Seite hatte ich zwar aus den Fenstern meines Quartiers keine Aussicht, dafür aber führte von meinem Flur ein Durchgang auf eine Art kleiner Galerie, die seitlich an mein Stockwerk angebaut war und von der sich dem Auge ein überaus angenehmes Schauspiel bot. Dieses Häuschen stand fast unmittelbar am Ufer jenes großen, einem See gleichenden Teichs, der sich mitten in dieser Stadt befindet und den ich bereits zu erwähnen Gelegenheit hatte. Das ganze gegenüberliegende Ufer war mit durchgehenden, fast eine geschlossene Reihe bildenden steinernen Häusern geschmückt. Alle waren sie mehrere Stockwerke hoch, alle mit verschiedenen Farben bemalt, alle standen mit ihren Mauern dicht am Wasser, sodass das Wasser ihre Mauern umspülte und man mit Kähnen und Booten bis an die Haustreppen heranfahren konnte. Mit einem Wort, durch die Rundung dieses Ufers bildeten sie ein überaus prächtiges Amphitheater, besonders bei stillem Wetter, wenn sie sich alle in der glatten Wasserfläche umgekehrt wie in einem Spiegel abbildeten. Die große Menge Fenster, mit denen diese Gebäude übersät waren, und die bunten Markisen, die bei Sonnenschein an vielen von ihnen ausgestellt wurden, verliehen diesem Bild noch mehr Pracht und Schönheit.
Nicht nur einmal ging ich hinaus, saß auf dieser kleinen Galerie und bewunderte dieses Schauspiel bis zum Entzücken.
Nicht nur einmal trug ich ein Tischchen mit hinaus und saß dort mehrere Stunden im Schatten unter dem schlichten kleinen Dach an der frischen Luft und beschäftigte mich, die Schönheit des Ortes bewundernd, entweder mit dem Lesen irgendeines angenehmen und nützlichen Büchleins oder mit dem Niederschreiben von etwas zu meiner Belehrung und Unterweisung. Die Lust am Schreiben begann damals schon in mir zu erwachen, und ich machte die allerersten Versuche darin. Nicht selten lockten mich angenehme Klänge harmonischer Musik auf diese kleine Galerie. Es fügte sich, dass in den Häusern rings um diesen schönen Teich viele Leute wohnten, die Freude an der Musik hatten, und darum wurde mein Ohr nicht selten aus manchen Fenstern durch den angenehmen Ton von Traversflöten, aus anderen von Waldhörnern, aus wieder anderen von Geigen und anderen Instrumenten erfreut; oft fuhren auch auf dem Teich selbst kleine Ruderboote mit ganzen Gesellschaften von Leuten beiderlei Geschlechts umher und machten das Schauspiel dadurch noch heiterer. Nicht selten vergnügten sie sich auf diesen Fahrten mit Musik oder mit dem Singen angenehmer Lieder. Eine schmale und überaus lange Brücke, die nur dazu gebaut war, dass Fußgänger über den ganzen Teich gehen konnten, und die ich zur Linken in einiger Entfernung sah, und hinter ihr die entfernteren Ufer dieses Teiches, geschmückt mit einer Menge schöner regelmäßiger Gärten und Lauben verschiedener Gestalt, die fast unmittelbar am Wasser erbaut waren, verliehen diesem Ort noch mehr Schönheit. Die erwähnte Brücke sah ich fast niemals leer, sondern stets befand sich darauf eine Menge Volk, das hin und her ging. Mitunter sammelte es sich in Scharen, stützte sich auf das Geländer, blickte auf diesen See und bewunderte zusammen mit mir seine Schönheiten oder ergötzte sich an der angenehmen Musik, die aus vielen der an seinen Ufern erbauten Häuser zu hören war.
Bei all diesen äußeren Vorzügen hatte mein Quartier noch einen besonderen, der mir aber von allen der angenehmste war, nämlich einen guten Hauswirt. Er war zwar ein Handwerksmann, von Beruf Lackierer, und dazu von recht mittelmäßigem Wohlstand, doch ich war mit ihm zufriedener als mit dem besten und reichsten Bürger dieser Stadt. Von niemandem in ganz Königsberg und während meines ganzen Aufenthalts darin habe ich so viel Gutes erfahren wie von diesem gutherzigen alten Männlein, und ich kann sagen, dass ich mit ihm und seiner ganzen Familie sehr zufrieden war. Er hatte eine alte Frau, ebenso gütig und still, wie er selbst war. Seine übrige Familie bestand aus zwei Söhnen und zwei Töchtern, alle erwachsen und alle gut; die beiden Ersteren halfen dem Vater bei der Arbeit, die beiden Letzteren der Mutter, und alle zusammen erwiesen ihren Eltern besondere Ehrerbietung, deren diese aber auch würdig waren. Ich konnte mich an dem sanften, gutherzigen und sittsamen Charakter der beiden Alten nicht genug erfreuen und wunderte mich, mitten in Königsberg so gute Menschen gefunden zu haben. Doch mein Staunen verflog bald, als ich erfuhr, dass meine Alten keine gebürtigen Preußen waren, sondern aus einem Land stammten, das voll guter und ehrlicher Menschen ist und für die Gutherzigkeit seiner Bewohner berühmt ist, nämlich aus der Schweiz.
Und wahrhaftig, diese Alten setzten mich durch ihr außerordentliches Wohlwollen mir gegenüber in Erstaunen.
Kaum hatte ich sie kennengelernt, sie ein- oder zweimal unten besucht, mit ihnen über dies und jenes, besonders über die Schweiz, auf Deutsch gesprochen und jeweils etwa zwei Stunden im Gespräch mit ihnen verbracht, als sie mich außerordentlich und so lieb gewannen, als wäre ich mit ihnen verwandt. Sie begannen sogleich, mir einen Vorschlag nach dem anderen zu machen, und zwar solche Vorschläge, die mir ebenso angenehm wie unerwartet und erstaunlich waren. Der allererste bestand in der Bitte, ich möge mein ganzes Feldbett mit Bezügen, Kissen und Decken beiseiteräumen und verwahren lassen und es ihnen überlassen, dafür Sorge zu tragen, wobei sie sagten, ich werde mit ihrem Bett vielleicht zufrieden sein. Ich wunderte mich über eine solche, den Preußen sonst ungewohnte Gefälligkeit und sagte, um mich aus Höflichkeit herauszureden, ich würde ihnen damit Mühe und Unkosten verursachen. Doch sie wollten davon nichts hören, sondern verlangten unbedingt, dass ich in ihren Wunsch einwillige, und versicherten, sie würden damit weder sich noch mich in die geringsten Unkosten bringen. Mit einem Wort, so sehr ich mich auch sträubte, ich musste in ihren Wunsch einwilligen. Und wie sehr wunderte ich mich, als ich gleich am nächsten Tag bei mir ein prächtiges Daunenbett vorfand, mit sauberen, weißen und weichen Kissen und mit einem schönen weißen Vorhang, der gewaschen und aufs Steifste gestärkt war. Da ich sehr lange, oder vielmehr noch nie auf so weichen Betten geschlafen hatte, schlief ich diese Nacht wie im Paradies; und obwohl dabei die Unbequemlichkeit bestand, dass ich mich statt der früheren Decke nach ihrer Gewohnheit mit einem anderen, dünnen und weichen Federbett zudecken und darunter schlafen musste, sah ich zu meinem Erstaunen, dass diese Gewohnheit nicht so übel ist, wie ich mir anfangs vorgestellt hatte; ich gewöhnte mich nicht nur bald daran, sondern gewann sie so lieb, dass ich sie schon den besten Decken vorzog. Vielen, die nicht unter solchen Federbetten geschlafen haben, wird dies seltsam und unglaublich vorkommen; doch genau so dachte anfangs auch ich, die Erfahrung aber bewies mir das gerade Gegenteil. Die Weichheit des unteren Federbetts und die außerordentliche Lockerheit des oberen bewirken, dass man in einem solchen Bett sehr ruhig schlafen kann und dass das obere Federbett besser wärmt als alle Decken, dabei aber nicht die geringste Last verursacht.
Freilich sträubte ich mich anfangs und wollte mich durchaus nicht unter das Federbett legen, doch der Wunsch, meinen Wirtsleuten gefällig zu sein, überwand meinen Widerwillen, und damit tat ich meinen Wirtsleuten so sehr einen Gefallen, dass sie außerordentliche Sorgfalt darauf verwendeten, dass mein Bett stets sauber, weiß und reinlich war. Jeden Sonntag wechselten sie alle Bezüge und Laken und jeden Monat sogar den Vorhang meines Bettes. Ich wunderte mich über diesen ihren Fleiß, wunderte mich aber noch mehr, als ich erfuhr, dass sie ihre ganze Wäsche nur zweimal im Jahr wuschen. Das war mir anfangs unbegreiflich, doch später erfuhr ich, dass sie eine solche Menge Wäsche aller Art vorrätig haben, dass sie sie nicht öfter als zweimal im Jahr zu waschen brauchen. Dafür lassen sie es aber auch niemals zu, dass irgendein Wäschestück bei ihnen allzu schmutzig wird.
Wenn aber die Zeit kommt, sie zu waschen, so geschieht das mit gedungenen Leuten, gemeinsam, und man ist damit mehr als zwei Wochen hintereinander beschäftigt.
Das geschieht gewöhnlich zu Beginn des Frühlings und am Ende des Sommers. Und dann bedecken sie fast eine ganze Wiese mit ihrer gewaschenen und in der Sonne bleichenden Wäsche, denn sie waschen sie nicht nur, sondern bleichen sie auch einen ganzen Tag lang in der Sonne, indem sie sie unaufhörlich mit Wasser besprengen. Ich wunderte mich, als ich einmal die ganze Familie meines Wirts damit beschäftigt sah, und erschrak über die große Menge Wäsche, die allein ihrem Haus gehörte.
So zufrieden ich auch mit dieser Gefälligkeit meiner Wirtsleute war, so setzte mich doch ein anderer, neuer Vorschlag, der bald darauf folgte, noch mehr in Erstaunen. Meine gutherzigen Alten sahen, dass ich niemals zu Hause zu Mittag aß und mich abends, wenn ich zum Übernachten heimkam, nur mit einem ganz leichten und kleinen Abendbrot begnügte, nach dem ich gewöhnlich ins nahe Wirtshaus schickte, und wollten mich auch dieser Mühe entheben; sie sagten mir eines Tages, sie schämten sich, es mir vorzuschlagen, aber ob ich nicht abends mit ihrem kärglichen Brot und Salz zufrieden sein könne, und sie würden schon dafür sorgen, dass ich niemals hungrig bliebe. Dieser Vorschlag verblüffte mich, und da mir bekannt war, dass ihr Brot und Salz nicht so kärglich war, wie sie sagten, sondern dass sie gut und reichlich aßen, schämte ich mich, diesen Vorschlag anzunehmen, obwohl er mir nicht zuwider war, und willigte erst ein, nachdem ich ihnen versprochen hatte, für alles so viel zu bezahlen, wie sie wünschten. „Gut, gut, Herr Unterleutnant!“, sagten sie mir darauf lächelnd. „Das werden wir sehen, seien Sie nur mit unserem Brot und Salz zufrieden.“
Da ich schon lange an leichte und kleine Abendmahlzeiten gewöhnt war, hatte ich umso mehr Grund, mit ihrer Fürsorge für mich zufrieden zu sein, als ich von dieser Zeit an jeden Abend ungleich bessere Abendmahlzeiten genoss als zuvor. Sie gewannen mich so lieb, dass sie mir die besten Stücke und Teile ihrer Speisen aufhoben, und es verging kein Abend, an dem mir nicht zwei oder drei Tellerchen mit schönem feinem Brot und schmackhaften Bissen nach oben gebracht wurden. Mit einem Wort, nicht selten schien es, als bereiteten sie das Essen eigens für mich zu, und zwar so gut, dass ich überaus zufrieden war. Diese ihre Gewogenheit ging später sogar so weit, dass sie mich, als wir bei den Gouverneuren keine Tafel mehr hatten, auf ebendiese Weise nicht nur mit Abendbrot, sondern auch mit dem Mittagessen versorgten; und da kein Tag verging, an dem ich nicht drei oder vier Tellerchen schön zubereiteter und schmackhafter Speisen von ihnen erhielt, kann ich gar nicht genug beschreiben, wie sehr ich in dieser Hinsicht mit meinen Wirtsleuten zufrieden war, die auf diese Weise nicht nur mich, sondern auch meinen Diener verköstigten.
Schließlich kam es so weit, dass sie nicht wollten, dass ich meinen eigenen Tee trinke, sondern mich baten, ihnen zu erlauben, auch diesen jeden Morgen zu mir zu schicken. Obgleich es mir am allerpeinlichsten war, darin einzuwilligen, musste ich auch hierin ihren Bitten und Wünschen nachgeben, und von dieser Zeit an trank ich morgens stets vortrefflichen Tee mit Sahne und sonntags sogar Kaffee.
So gute Leute hatte ich zu Wirtsleuten bekommen; ich wunderte mich und begriff nicht, wofür sie mich so liebten und mir so viel Gutes erwiesen, und unterließ nicht, sie mehrmals danach zu fragen; doch sie verschlossen mir stets den Mund und sagten nur, sie seien mit mir zufriedener als ich mit ihnen und schätzten sich glücklich, einen so sanften, ruhigen und beständigen Mieter bei sich zu haben.
Der einzige Nachteil dieses Quartiers bestand darin, dass sie keinen so geräumigen Hof hatten, dass ich darauf meinen Wagen und meine Pferde hätte unterbringen können; doch auch diesem Mangel half ich ab, indem ich mir für die Pferde und meinen anderen Diener ein anderes Quartier erbat, wo er wohnte und sich selbst verköstigte, wie ich schon in meinen früheren Briefen erwähnt habe.
Mit einem Wort, mit dem Wechsel meines Quartiers änderten sich auch meine Umstände in vielem.
Ich lebte hier fröhlich, ruhig und in jeglichem Wohlstand und brauchte mich weder um Speise noch um meinen Unterhalt zu sorgen; doch muss ich gestehen: Je freundlicher und dienstfertiger die Wirtsleute zu mir waren, desto mehr bemühte auch ich mich, mich gesetzter und beständiger zu betragen und dadurch ihre gute Meinung von mir zu erhalten.
Doch muss ich auch sagen, dass ich um eben diese Zeit begann, mich eifriger dem Lesen sittenlehrender und zum Teil sogar philosophischer Bücher zu widmen, und von Stunde zu Stunde mehr Lust daran gewann. Den Anlass und Anstoß dazu gab mir insbesondere eben dieses Quartier, folglich bin ich ihm auch in dieser Hinsicht viel schuldig. Der erwähnte Anlass war folgender:
In nächster Nachbarschaft befand sich unsere Feldreserveapotheke und bei ihr ein Apotheker, ein Mann von ausnehmend gutem Charakter und Wesen, namens Hermann. Er stammte aus Reval und war ein kluger, beständiger Bursche, der gern Bücher las und sich mit den Wissenschaften beschäftigte. Das wohltätige und für mich sorgende Schicksal verschaffte mir Gelegenheit, ihn kennenzulernen, und da er nur etwa hundert Schritte von mir entfernt wohnte, besuchte ich ihn nicht selten, und in kurzer Zeit wurden wir Freunde, saßen beisammen, unterhielten uns und spazierten zusammen in einem öffentlichen Garten, der in seiner Nähe lag. Bei einem dieser Treffen kamen wir einmal auf Bücher zu sprechen. Als er erfuhr, dass ich sie liebte, empfahl er mir eines ganz besonders und lobte es mir so sehr, dass ich es noch am selben Tag in der Buchhandlung kaufte. Diesen Tag segne ich noch heute und danke dem Schicksal für das, was mir an ihm widerfuhr; denn dieses Buch diente danach als Grundlage meines ganzen späteren guten philosophischen Lebens und war gleichsam das Fundament, auf dem sich das ganze Gebäude meiner Ruhe und meines Wohlergehens in diesem Leben zu gründen begann. Dieses denkwürdige Buch war die in der Welt bekannte und so berühmte Schrift des Herrn Hofmann über die Gemütsruhe, und sie gefiel mir so sehr, dass ich sie mehrmals von Anfang bis Ende las und dadurch viel wahrhaft philosophischen Geist in mich aufnahm; und das war auch der Grund, weshalb ich mich von dieser Zeit an immer eifriger dem Lesen und der Beschaffung guter sittenlehrender Bücher widmete, die später all meinen Kenntnissen und Wissenschaften so sehr förderlich waren.
Zu den weiteren denkwürdigen Begebenheiten dieser Zeit, soweit sie mich betreffen, gehörte auch, dass ich bald nach meinem Umzug in dieses Quartier zum ersten Mal Tabak rauchen lernte und zu rauchen begann. Der Anlass dazu war besonders denkwürdig. Schon eine Zeit lang vorher hatte ich unter häufigen Verstopfungen gelitten. Anfangs achtete ich nicht darauf, doch mit der Zeit wurden sie mir von Stunde zu Stunde beschwerlicher.
Das bewog mich, mit einem unserer Ärzte darüber zu sprechen, einem Mann, der mir bekannt war und sich auf die Heilkunst recht gut verstand.
Er sagte mir, dies komme von meinem vielen Sitzen, und statt mir, wie ich verlangte, eine Arznei zu verschreiben, fragte er mich, ob ich Tabak rauche. Als er hörte, dass ich noch nie geraucht hatte, riet er mir, statt aller Arzneien morgens zum Tee Tabak zu rauchen und danach entweder eine Scheibe Brot, mit finnischer Butter bestrichen, oder einige französische Backpflaumen zu essen, und versicherte, dies werde nicht nur meine Verstopfungen beseitigen, sondern mich auch künftig davor bewahren. Dieser Rat war überaus vernünftig und für mich sehr nützlich, und ich danke Herrn Nilus noch heute dafür; denn da ich diesen Rat genauestens befolgte, wurde ich damals nicht nur von meinen Verstopfungen befreit, sondern, da ich mich mit der Zeit daran gewöhnte, stets zum Tee Tabak zu rauchen, litt ich nie wieder darunter, und was das Beste ist: Während meines ganzen späteren Lebens war ich fast niemals krank. Ob dies davon kam oder nicht, weiß ich nicht; mir ist nur bekannt, dass alle besten Ärzte der Welt das erwähnte Tabakrauchen zum Tee für das beste Schutzmittel gegen viele Krankheiten halten, und sie schließen dies daraus, dass ein solches Rauchen die Natur stets offen hält; und das ist auch ganz richtig, wie mir mein eigenes Beispiel bewiesen hat; man muss nur die Regel heilig halten, zu anderer Zeit keinesfalls Tabak zu rauchen, und auch beim Teetrinken nicht länger, als man ihn trinkt. Genau auf diese Weise habe ich mein ganzes Leben lang Tabak geraucht, und vielleicht war er mir gerade darum so nützlich.
Eine andere denkwürdige Begebenheit bestand darin, dass ich um diese Zeit begann, meine Bibliothek beträchtlich zu vermehren. Den größten Anlass dazu gab mir der Umstand, dass ich erfuhr, man könne Bücher in Königsberg nicht nur in Läden kaufen, sondern auch auf den sehr häufig stattfindenden Bücherauktionen, und auf diesen noch mit dem Vorteil, dass sie zu einem viel billigeren Preis und nicht selten für eine wahre Kleinigkeit zu haben waren. Davon erfuhr ich von ebendenselben meiner Gefährten, den deutschen Kanzlisten. Kaum hatten sie mich einmal zu einer solchen Auktion mitgenommen, als mir dies so gefiel, dass ich von da an keine einzige von allen, die zu meiner Zeit stattfanden, versäumte, und zu meinem unbeschreiblichen Vergnügen fanden sie recht häufig statt. Diese Stadt war voll gelehrter Leute und Bücherliebhaber, und da es nicht selten vorkam, dass solche starben, und nicht jeder Erben hatte, die Bücher liebten, so bot dies Gelegenheit, die von ihnen hinterlassenen Bücher auf einer Auktion zu verkaufen. Jedes Mal, wenn dergleichen geschah, wurde es in den Beilagen zu den Zeitungen bekannt gemacht, und allen Interessenten wurden gedruckte Kataloge aller zu verkaufenden Bücher ausgeteilt. Und dann versammelten sich am festgesetzten Tag alle Kauflustigen in dem betreffenden Haus und setzten sich an einen langen Tisch, der Auktionator aber setzte sich an dessen Ende, rief die Bücher nach Nummern aus, gab jedes zuvor allen am Tisch Sitzenden zur Ansicht und fragte dann, wer was dafür biete, und es begann der gewöhnliche Auktionshandel; jeder legte etwas auf den Preis, und sobald man aufhörte zu überbieten, blieb das Buch, wie hoch der letzte Preis auch sein mochte, nach dem dritten Hammerschlag für diesen Preis demjenigen.
Es lässt sich nicht beschreiben, mit welchem Vergnügen ich zu diesen Auktionen ging und für welch geringen und nichtigen Preis ich dort mitunter die allerschönsten Bücher erwarb.
Nicht selten geschah es, dass sich nur sehr wenige Kauflustige einfanden, nicht mehr als zehn oder fünfzehn Mann, und da diese alle von verschiedenem Geschmack waren und nicht jedem jedes Buch gefiel, so geschah es, dass für manche niemand auch nur eine Kopeke bot und man sie demjenigen überlassen musste, der im Scherz eine oder zwei Kopeken bot; und genau auf diese Weise erwarb ich eine Menge Bücher für die reinste Kleinigkeit und ärgerte mich nicht selten, dass ich mich als Dienstmann nicht mit einer Menge davon belasten durfte; denn ich wusste nicht, wohin ich selbst mit denen sollte, die ich schon hatte, falls man mich zur Armee ins Feld schicken würde. Das hielt mich noch sehr zurück, sonst hätte ich meine Bibliothek mit vielen seltenen und kostbaren Büchern bereichern können. Nicht nur einmal geschah es, dass ich mich schweren Herzens von sehr schönen und kostbaren Büchern trennen musste. Bei alledem kam es selten vor, dass ich von einer solchen Auktion mit leeren Händen zurückkehrte, sondern gewöhnlich brachte ich ganze Bündel davon mit, und dann begann bei mir ein Betrachten, ein Durchsehen der gekauften Bücher und ein Bewundern derselben! Mit einem Wort, diese Auktionen verschafften mir viele angenehme Minuten, und mein Quartier schmückte sich bald mit einem ganzen Schrank voll verschiedener Bücher.
Was die übrigen Ereignisse betrifft, die sich um diese Zeit bei uns in Königsberg zutrugen, so sind mir nur zwei einigermaßen bemerkenswerte in Erinnerung. Das erste bestand darin, dass uns ein Archimandrit namens Jefrem geschickt wurde, der der gesamten Armeegeistlichkeit vorstehen und seinen Sitz bei uns in der Stadt haben sollte. Doch diese geistliche Person entsprach unserem allgemeinen Wunsch bei Weitem nicht; so gut sie sich anfangs nach ihrer Ankunft ausnahm, so sehr gereichte sie später uns zur Unehre und der Geistlichkeit zur Schande; denn kaum hatte er sich einige Wochen bei uns eingelebt, als man ihn schon mit liederlichen Frauenzimmern in der Kutsche fahren und sich nicht selten an allzu starken Getränken berauschen sah. Dadurch verlor er bald alles Ansehen und veranlasste unseren Gouverneur, darüber Bericht zu erstatten und an seiner Stelle einen anderen, verständigeren zu erbitten.
Das andere Ereignis bestand darin, dass wir, als wir erfuhren, dass sich in Königsberg die frühere Münze mit all ihren Gerätschaften und Meistern befand, auf den Gedanken kamen, selbst besondere preußische Münzen zu prägen, ähnlich denen, die hier früher geprägt worden waren, nämlich halbsilberne. Kaum war darüber der Befehl vom Hof ergangen, als wir alle dafür nötigen Meister zusammenriefen und einen Münzmeister ausfindig machten, und mir wurde vom Gouverneur aufgetragen, für den Prägestempel Zeichnungen anzufertigen, die ich auch, so gut ich konnte, zustande brachte. Auf all diesen Münzen war auf der einen Seite das Brustbild der Kaiserin dargestellt, auf der anderen das preußische Wappen, der einköpfige Adler mit einer Umschrift.
Der Gouverneur war mit meinen Zeichnungen zufrieden, und danach wurden die Stempel geschnitten, und wir begannen, Geld zu prägen.
Bei dieser Gelegenheit bekam ich zum ersten Mal zu sehen, wie in den Münzstätten Geld hergestellt und geprägt wird. Ich betrachtete den ganzen Hergang dieser Arbeit mit außerordentlicher Neugier und konnte mich an all den dafür erdachten Geräten und Hilfsmitteln nicht genug erfreuen. Die Staatskasse hatte davon großen Gewinn, und unser Geld lief ungleich besser um als jenes betrügerische und schlechte, mit dem der preußische König alle seine Lande belastete.
Mehr erinnere ich mich an nichts Bemerkenswertes bis zu der Zeit, da wir Nachrichten von unserer Armee zu erhalten begannen; da ich aber von unseren Kriegsereignissen im nächsten Brief zu sprechen gedenke, so will ich den gegenwärtigen hiermit beenden und Ihnen sagen, dass ich immerdar Ihr ergebener bin, und so weiter.
GESCHICHTE DES KRIEGES
75. Brief
Werter Freund! Während wir auf besagte Weise in Königsberg in Frieden und Stille lebten und unsere Zeit mit allerlei Vergnügungen verbrachten, brannte der Krieg in Europa weiter und loderte in vollen Flammen. In meinen vorangegangenen Briefen habe ich bereits erwähnt, welche Vorbereitungen schon seit dem Frühjahr von allen Seiten getroffen wurden; und nun will ich in der damaligen Erzählung fortfahren und sagen, dass dieser Sommer der denkwürdigste von allen während dieses Krieges war, besonders für uns. Er machte unsere Truppen durch glänzende Siege berühmt, für den preußischen König aber war er besonders unglücklich; doch um Ihnen von allen Kriegsereignissen dieses Sommers einen klareren Begriff zu geben, will ich alles der Reihe nach erzählen und mit dem Frühjahr selbst beginnen.
Der Anfang des Blutvergießens wurde in diesem Jahr schon sehr früh gemacht, sogar schon im Monat April. Denn da der preußische König keineswegs wollte, dass seine Lande auch künftig Kriegsschauplatz seien und dadurch unvermeidliche Verwüstung erlitten, so wandte er alle Kräfte und Mittel auf, um den Krieg in das Innere Deutschlands abzulenken und von seinen Provinzen zu entfernen. Eben dazu befahl er dem Prinzen Ferdinand, sich mit dem Prinzen von Isenburg zu vereinigen und die Franzosen anzugreifen, die noch in ihren Winterquartieren in der Umgebung der Stadt Frankfurt am Main lagen. So erscheint denn Mitte April Prinz Ferdinand dort plötzlich mit sechsundvierzigtausend Mann und überrascht die Franzosen. Diese befehligte damals der Herzog von Broglie.
Diesem General blieb damals nichts anderes übrig, als eiligst seine in den Winterquartieren verteilten Truppen zu sammeln und dem Feind entgegenzuziehen. Und er vermochte dies mit solcher Gewandtheit zu bewerkstelligen, dass er sich das Lob aller Kenner der Kriegskunst verdiente. In nicht mehr als 36 Stunden sammelte er sein ganzes Korps, und obwohl es nicht mehr als fünfundzwanzigtausend Mann zählte, wartete er nicht auf den Grafen Saint-Germain, der ihm Hilfe zuführen sollte, sondern zog mit ihnen der preußischen, 46 000 Krieger starken Armee entgegen, und als er bei Bergen auf sie traf, hatte er ein so glückliches Gefecht, dass er den Prinzen Ferdinand vollständig besiegte und ihn nach dem Verlust von sechstausend Mann und einigen Kanonen zum Rückzug zwang. Damit erwarb sich dieser General großen Ruhm und wurde dafür vom Kaiser zum Fürsten des Römischen Reiches und von seinem König zum Marschall von Frankreich erhoben.
Mit einem solch unglücklichen Ereignis für den preußischen König begann dieser Feldzug, und dieses Unglück war gleichsam ein Vorzeichen dafür, dass auch dieser ganze Sommer für ihn besonders unglücklich sein würde.
Bald darauf, nämlich im Laufe des Monats März, bemächtigten sich die Kaiserlichen der Stadt Greiffenberg in Schlesien und vermehrten dadurch noch den Verdruss des preußischen Königs, der sich, während auf besagte Weise die Franzosen sich in jenen Gegenden mit den Hannoveranern schlugen, selbst gegenüber dem kaiserlichen Feldmarschall Daun als dem Befehlshaber der kaiserlichen Hauptarmee aufgestellt hatte und, alle seine Bewegungen beobachtend, nur daran dachte, wie er alle Pläne und Absichten seiner Feinde zunichtemachen und ihre Ausführung verhindern könnte.
Sie alle waren ihm hinreichend bekannt. Er hatte Kanäle, durch die er alles erfahren konnte, was alle gegen ihn verbündeten Mächte im Sinn hatten, und traf darum beizeiten alle nötigen Maßnahmen, um ihre Absichten zu vereiteln. In diesem Jahr bestand ihr Hauptplan darin, dass vor allem wir Russen von Schlesien her gegen ihn vorgehen und uns bemühen sollten, nach unserem Einmarsch dort die ganze Macht des preußischen Königs gegen uns zu lenken; und damit man ihn umso leichter schlagen könne, war beschlossen, dass die Kaiserlichen uns mit einem ansehnlichen Korps verstärken und, während der König mit uns beschäftigt wäre, selbst mit der Hauptarmee geradewegs ins Innere seiner Lande ziehen und versuchen sollten, sogar bis zu seiner Residenz, der Stadt Berlin, vorzudringen; währenddessen aber sollte die Reichsarmee danach trachten, die Preußen aus Sachsen zu vertreiben und sich der dortigen Festungen und Städte zu bemächtigen. Diesem Plan gemäß war unserer Armee bestimmt, geradewegs nach Schlesien zu ziehen, damit sie sich umso bequemer und schneller mit dem kaiserlichen Hilfskorps vereinigen könne; und da der geradeste Weg dorthin durch Polen führte, so war beschlossen, durch Polen zu ziehen, und damit den Polen dieser Einmarsch in Polen nicht so bitter (?) sei, wurde dieser Feldzug unserer vierzigtausend Mann starken Truppen schon Mitte Mai durch eine besondere Bekanntmachung öffentlich angekündigt; dasselbe taten auch die Preußen, denn beide Seiten mussten sich aus den polnischen Gebieten mit Proviant und Futter versorgen, und beide Seiten bemühten sich, die Polen für sich zu gewinnen. Diese Bekanntmachung wurde von preußischer Seite durch General Graf Dohna erlassen, eben jenen, der seine Armee bei dem allerersten Treffen mit uns in Preußen befehligt hatte; denn um unseren Marsch zu verhindern, schickte der preußische König diesen General ab und gab ihm ein recht ansehnliches Korps. Dieser General hatte sich bis dahin in Pommern befunden, doch da er dort nichts mehr zu tun hatte, trug ihm der König auf, den Marsch unserer Armee, wenn nicht zu verhindern, so doch wenigstens zu erschweren.
Infolgedessen sammelte dieser General seine Truppen bei Landsberg, rückte schon am 23. Juni in Polen ein und begann, mit ausgesandten Streifkorps auf jede Weise die von uns überall in Polen angelegten Magazine zu zerstören, und es gelang ihm, sie in Bromberg, Rogasen, Zinne und an einigen anderen Orten wegzunehmen und zu zerstören und uns um mehr als sechzigtausend Scheffel Grütze und Mehl zu bringen.
Auf dieselbe Weise, und am allermeisten, wollte er auch an unser Hauptmagazin in Posen herankommen.
Da aber dieser Ort recht stark befestigt war und sich überdies alle unsere Truppen dorthin als zum allgemeinen Rendezvous oder Sammelplatz näherten, musste er diese Absicht aufgeben und befasste sich damit, den Polen gewaltsam und ohne Bezahlung Getreide und Futter wegzunehmen und die Einwohner selbst zum Eintritt in den Dienst seiner Truppen zu zwingen, wie er denn auch eine überaus große Menge von ihnen gewaltsam aushob.
Während die Preußen auf diese Weise in Polen wirtschafteten, sammelten sich unsere Truppen alle in Posen, wo am 29. Juni auch der zu ihrem Oberbefehlshaber ernannte erwähnte General en chef Graf Saltykow eintraf. General Fermor, der bis dahin die Truppen befehligt hatte, übergab ihm sogleich den Oberbefehl über sie und blieb selbst ohne die geringste Kränkung hier, um unter seinem Kommando zu dienen. Dadurch erwarb er sich bei Hofe den Namen eines großen Patrioten, behielt auch bei der Armee sein ganzes Ansehen und konnte, da er der erste Ratgeber des Grafen Saltykow und die vornehmste Triebfeder aller Unternehmungen wurde, sich umso bequemer an den Kaiserlichen rächen, die ihn gekränkt hatten, als er sich dafür keiner Verantwortung aussetzte.
Das allererste, was Graf Saltykow tat, war, dass er, nachdem er die ganze Armee gemustert hatte, keinen einzigen Tag länger in Posen verweilte, sondern aufbrach und geradewegs zur Stadt Crossen zog, die an den Grenzen Schlesiens liegt und an den Ufern der Oder erbaut ist. Graf Dohna versäumte nicht, sogleich mit seinem Korps ebendorthin zu rücken, und als er sich unserer Armee genähert hatte, bemühte er sich auf jede Weise, ihr zuvorzukommen und die große Straße zu besetzen, die zur Oder führt. Eben dies aber gab Anlass zur ersten Schlacht dieses Sommers zwischen uns und den Preußen. Dem erwähnten Grafen Dohna gelang es jedoch, obwohl er ein kundiger General war, bei dieser Gelegenheit nicht, die preußischen Truppen selbst zu führen, sondern er musste am Vortag dieses Tages den gesamten Oberbefehl über dieses Korps einem anderen, vom König gesandten General, Wedel, übergeben.
Dieser Wechsel des Befehlshabers in der preußischen Armee war von niemandem erwartet worden und für die Preußen selbst umso unbegreiflicher und erstaunlicher, als dieser General einer der jüngeren Generalleutnants war und vom König mit einer solchen Vollmacht geschickt wurde, wie sie in den preußischen Truppen nicht üblich war und darum alle verblüffte. Der Grund seiner Entsendung war, dass der preußische König mit der Langsamkeit und Unentschlossenheit des Grafen Dohna unzufrieden war, besonders mit dem Versäumen einer günstigen Gelegenheit, uns bei dem Städtchen Meseritz in Polen anzugreifen; und dass die Wahl hierzu auf diesen General fiel, lag an dem besonderen Vertrauen des Königs zu diesem von ihm geliebten General. Er schickte mit ihm an den Grafen Dohna und an die ganze Armee einen solchen Brief, der besonderer Aufmerksamkeit würdig ist und folgenden Inhalts war:
„Mein lieber Generalleutnant Graf Dohna!
„Die Umstände, in denen sich die unter Ihrem Kommando stehende Armee befindet, das Wohl und der Vorteil meines Staates und die unumgängliche Notwendigkeit haben mich gezwungen, Ihnen und Ihrer ganzen Armee folgenden Befehl zu schicken; und es ist mein Wille, dass er aufs Genaueste ausgeführt werde.
„Da die Umstände mir nicht erlauben, mich selbst zur Dohnaschen Armee zu begeben, um sie zu befehligen, so schicke ich den Generalleutnant Wedel, den ich für diesen Fall mit meinen Befehlen versehen habe; solange er diesen Auftrag ausführt, vertritt er genau meine Person, und alle Generale, Generalleutnants, Generalmajore und anderen Offiziere bis zum letzten Gemeinen müssen ihm genau so gehorchen, als wäre ich selbst zugegen und befehle. Ich habe ihm nachdrücklich eingeschärft, jeden sogleich in Arrest zu setzen, der nicht gehorcht und nicht ausführt, was er mit seinem Wort befiehlt, und ich werde alle solche Ungehorsamen als Eidbrüchige vor ein Kriegsgericht stellen lassen. Und damit die ganze Armee von meinem genauen Willen hierin Kenntnis erhalte, muss alles hier Gesagte der ganzen Truppe bekannt gemacht werden. General Wedel wird bei der Armee das vorstellen, was einst die Diktatoren bei den römischen Armeen vorstellten. So müssen ihm denn alle Offiziere, wer und welchen Ranges sie auch seien, einen solchen Gehorsam erweisen, wie er mir gebührt, und seine Anordnungen mit Treue, Genauigkeit und Mut ausführen. Ich bin –
„Im Lager bei Schmottseiffen, den 20. Juni 1759. Friedrich.“
Darunter war auf Französisch von des Königs eigener Hand hinzugefügt:
„Sie sind nicht so gesund, dass Sie sich mit dem Kommando belasten könnten, und Sie werden gut daran tun, sich nach Berlin oder an einen anderen Ort bringen zu lassen, wo Sie Ihre Gesundheit wiedererlangen können. Leben Sie wohl. Frédéric.“
Was blieb Herrn Dohna nach Erhalt eines solchen Befehls zu tun, als sich sogleich nach Berlin zu begeben und die Armee und alles der Fürsorge des Herrn Wedel zu überlassen, diesem aber, kraft des namentlichen königlichen Befehls, uns sogleich eine Schlacht zu liefern.
Diese fand denn auch am Tag nach der Ankunft des Herrn Wedel statt, und er griff unsere Armee auf dem Marsch an, als sie, ihren Zug fortsetzend, am Morgen auf der großen Straße aufbrach, die nach Crossen führt, wo sie sich mit dem kaiserlichen Korps vereinigen sollte, das unter dem Kommando des Generals Laudon zu ihr unterwegs war. Und da der preußische König Herrn Wedel ausdrücklich befohlen hatte, diese Vereinigung zu verhindern, zögerte dieser keinen einzigen Tag, sondern griff sie, ungeachtet dessen, dass ihm weder das Gelände noch die Stärke des Feindes noch der Zustand seiner eigenen Armee bekannt waren, bei den Dörfern Paltzig und Kay unweit von Züllichau und der Oder an der brandenburgischen Grenze an – am 12. Juli. Die Schlacht begann um die vierte Stunde nachmittags und dauerte mit großer Heftigkeit bis 7 Uhr abends; so kundig Herr Wedel auch war und so viel der König auch von ihm erhoffte, verlor er diese Schlacht doch vollständig, und nachdem er an die sechstausend Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen verloren hatte, musste er fliehen und schätzte sich noch glücklich, dass man ihm den Weg zur Oder nicht abgeschnitten und verlegt und ihn ungestört hinübergelassen hatte.
So errangen unsere Truppen über die Preußen einen unbestreitbaren Sieg, und alle, die an dieser Schlacht teilgenommen hatten, bezeugten einmütig, dass noch nie eine so geordnete Schlacht stattgefunden habe wie diese. Nirgends kam während ihres ganzen Verlaufs die geringste Unordnung vor, weder bei uns noch bei den Preußen, und man schreibt den Sieg mehr der Überlegenheit unserer Kräfte, dem Vorteil des günstigeren Geländes und der guten Wirkung unserer Einhörner und Schuwalow-Haubitzen zu. Die preußischen Truppen begannen ganze dreimal, die unseren anzugreifen, und stürmten jedes Mal mit fast verzweifelter Wut heran, konnten sie aber auf keine Weise überwältigen und mussten sich schließlich zurückziehen. Wir verloren in dieser Schlacht Generalleutnant Demiku, 2 Stabsoffiziere, 2 Hauptleute, 11 Oberoffiziere und an Unteroffizieren und Gemeinen 578 Mann, mit den Verwundeten aber rechnete man den gesamten Verlust auf 3744 Mann; bei den Preußen wurde ebenfalls ihr berühmter General Wobersnow getötet, mit 4220 Gemeinen, und mehr als 1200 Mann wurden gefangen genommen; überdies wurden 14 Kanonen, 4 Fahnen, 3 Standarten und 45 Trommeln erbeutet.
Dieser Sieg gehörte zwar nicht zu den glänzendsten, zog aber viele und verschiedene Folgen nach sich, von denen einige für uns besonders vorteilhaft waren.
Die wichtigste davon war, dass alle unsere Truppen durch diesen Sieg über den Feind Mut fassten und mehr Vertrauen zu ihrem alten Befehlshaber gewannen, der schon gleich nach seiner Ankunft das Glück gehabt hatte, den Soldaten zu gefallen; nun aber gewannen sie ihn noch lieber, und auch bei uns allen stand er schon in besserem Ansehen. Wir in Königsberg wollten, als wir von dieser Schlacht hörten und davon, wie geordnet sie verlaufen war, kaum glauben, dass dieses alte Männlein dies hatte vollbringen können, und unsere Freude war unbeschreiblich. Der zweite Vorteil, der uns aus dieser Schlacht erwuchs, war, dass nun nichts mehr unsere Armee hinderte, weiter vorzurücken und sich dann mit dem uns zu Hilfe eilenden kaiserlichen Korps unter dem Befehl ihres berühmten Generals Laudon zu vereinigen, das aus 18 bis 19 tausend Mann bestand, größtenteils Reiterei.
Dieser General, der von General Daun mit dreißigtausend Mann zu uns geschickt worden war, hatte nicht geringe Mühe, aus seinen Landen durch feindliches Gebiet zu ziehen, und gelangte ungeachtet aller Wachsamkeit des preußischen Königs und seines Bruders, des Prinzen Heinrich, die sich bemühten, ihn nicht durchzulassen, meisterhaft und glücklich hindurch, überwand alle Hindernisse durch die ganze Lausitz, ließ unterwegs General Hadik mit zwölftausend Mann zurück, gelangte schließlich Anfang August an die Oder und vereinigte sich mit unserer Armee eben zu der Zeit, als diese, die Oder abwärts ziehend, bereits bis zur Stadt Frankfurt gekommen war und ihr gegenüber jenseits des Flusses ein Lager bezogen hatte, wodurch sie durch diese Annäherung selbst Berlin in überaus große Gefahr brachte.
Diesem gelungenen Durchzug des Generals Laudon durch das ganze feindliche Gebiet leistete auch die Reichsarmee durch ihre Unternehmungen viel Vorschub; sie, die bis dahin so wenig ausgerichtet hatte, erwies diesmal ihren Dienst, indem sie ihrerseits in Sachsen einfiel und dadurch den preußischen General Finck, der den kaiserlichen General Hadik bewachte, zwang, diesen aus den Augen zu lassen und zur Deckung von Leipzig und Torgau zu eilen.
Der preußische König selbst befand sich unterdessen in Schlesien und begnügte sich mit dessen Verteidigung. Er stand lange Zeit bei Landeshut in Erwartung eines für ihn günstigen Augenblicks, und Daun stand ihm mit der kaiserlichen Hauptarmee gegenüber und wartete ebenfalls auf eine günstige Zeit, um vorzurücken oder sich mit den Preußen zu schlagen. Um diese Hoffnung zu vereiteln und die Österreicher nach Böhmen zurückzutreiben, bemühte sich der König auf jede Weise, ihnen möglichst große Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Proviant und Futter zu bereiten; und schon begann man im kaiserlichen Lager an einen Ortswechsel zu denken, als die Nachricht von der Annäherung unserer Armee an die preußischen Grenzen eintraf und die Pläne beider Feldherren änderte.
Daun brach auf und begann, näher an uns heranzurücken, um unsere Operationen zu erleichtern, der König aber, sich auf jede Weise zu mühen, Mittel zu ersinnen, um unsere Absichten zu vereiteln.
Die für ihn unglückliche Schlacht bei Paltzig und die darauf folgende Vereinigung des kaiserlichen Korps mit unserer Armee, die schon nahe an Berlin herangerückt war, bewogen diesen Herrscher schließlich, in seine brandenburgischen Provinzen zu eilen; und da ihm die Kürze der Zeit diesmal nicht erlaubte, aus seiner Armee weder Fußvolk noch Reiterei mitzunehmen, jagte er nur mit einer kleinen Bedeckung von Husaren davon. Sein Bruder aber, Prinz Heinrich, musste den größten Teil seiner Armee zur Verstärkung der geschlagenen Wedelschen Armee an die Oder schicken und begab sich selbst zur königlichen Armee, die vierzigtausend Mann stark im Lager bei Schmottseiffen stand, um sie während der Abwesenheit des Königs zu befehligen und Daun aufzuhalten, der ihr mit dreißigtausend Mann kaiserlicher Truppen gegenüberstand. Auch General Finck erhielt den Befehl, Sachsen zu verlassen und mit seinem Korps an die Oder zu eilen, wo wir uns damals schon befanden.
Der König vollbrachte seinen Zug glücklich. Alle ihm von verschiedenen Orten zugeschickten Truppen gelangten ohne jeden Verlust an ihren Bestimmungsort. Er selbst stieß auf seinem Zug bei dem Städtchen Guben auf das Korps des kaiserlichen Generals Hadik, nahm ihm einige Kanonen und fünfhundert Wagen mit Mehl ab, machte an die sechshundert Mann zu Gefangenen und vereinigte sich dann ungehindert mit der Wedelschen Armee.
Nun beschloss der König, ohne im Geringsten zu zögern, unserer Armee eine Schlacht zu liefern; und obwohl seine ganze Armee nicht mehr als vierzigtausend Mann zählte, unsere Armee aber zusammen mit den zu uns gestoßenen Kaiserlichen damals aus mehr als sechzigtausend Mann bestand, zweifelte er nicht im Geringsten, dass er sie auf dieselbe Weise schlagen werde wie im vorigen Jahr bei Zorndorf, und war dessen so gewiss, dass er, als ihm um diese Zeit vom Prinzen Ferdinand ein Kurier mit der freudigen Nachricht geschickt wurde, es sei ihm gelungen, die Franzosen bei Minden zu schlagen und sich damit für seine Niederlage im Frühjahr an ihnen zu rächen, den von ihm gesandten Offizier zurückhielt und sagte: „Warten Sie ein wenig, mein Herr! Wir werden mit Ihnen auch von uns aus dem Prinzen ein ebensolches Glückwunschkompliment schicken, wie er uns geschickt hat.“
Doch diesmal gelang es ihm nicht, sein Wort zu halten, und das Kompliment, das später mit diesem Offizier abgeschickt wurde, war ganz anderer Art. Bei alledem fehlte nur sehr wenig, dass unsere Armee vom König nicht völlig geschlagen worden wäre, und derselbe Günstling von ihm, General Wedel, gab auch in diesem Fall Anlass zu seinem zweiten Unglück, wie all das aus der nachfolgenden ausführlicheren Beschreibung dieser berühmten Schlacht zu ersehen sein wird.
Sie verdient dies wahrlich in vielerlei Hinsicht. Diese Schlacht war für uns die denkwürdigste während des ganzen Siebenjährigen Krieges.
Dieses eine einzige Mal gelang es den Unseren, den preußischen König vollständig zu besiegen und diesen in der Welt berühmten Helden in eine solche Not zu bringen, dass er sich am Tag dieser Schlacht sogar den Tod wünschte und ihm tatsächlich sehr nahe war. Und da uns dieser Sieg den größten Ruhm einbrachte, will ich diese Schlacht so ausführlich wie möglich beschreiben und alle bedeutendsten Begebenheiten dabei erwähnen. Zuvor aber will ich die Stellung unserer Armee beschreiben.
Sie stand im Lager unweit der Stadt Frankfurt an der Oder, beim Dorf Kunersdorf, und hatte eine Stellung, die ebenso sehr einerseits vorteilhaft und durch Natur und Kunst recht gut befestigt, wie andererseits im Falle eines Unglücks gefährlich war, denn der Rückzugsweg war fast völlig abgeschnitten. Mit der Front stand sie oderaufwärts, nach jener Seite hin, von der man den Feind erwartete, und lehnte sich mit dem rechten Flügel dicht an die Oder, mit dem linken an einen dichten Wald und eine steile Schlucht, die sich neben ihm befand. Die ganze Front oder Vorderseite war durch einen sumpfigen und fast unwegsamen Morast gedeckt, über den nur eine einzige große und lange Brücke führte; und den Rücken oder die Rückseite, die sich zur Stadt Frankfurt hin erstreckte, deckten ebenfalls einige morastige und steile Geländestücke. Das Dorf Kunersdorf befand sich in der Mitte der Armee, und sie war ganz auf recht ansehnlichen Höhen aufgestellt. Zur weiteren Sicherung beider Flügel waren diese noch mit Retranchements befestigt: der rechte, der auf dem Judenberg stand, mit sternförmig angelegten Schanzen und überdies mit einem Verhau in dem dort befindlichen Wald, und der linke, der sich an den erwähnten anderen, dichten Wald anlehnte und von einer tiefen Schlucht gedeckt war, war noch mit einem Retranchement und einigen Batterien befestigt, die mehr als hundert große Kanonen enthielten.
Auf dem erwähnten rechten Flügel, zur Oder hin, stand die erste Division unter dem Befehl des Grafen Fermor; hier war auch das Avantgardekorps unter dem Befehl des Generalleutnants Villebois aufgestellt. Die zweite Division stand in der Mitte, und das Kommando über sie war dem Generalleutnant Grafen Rumjanzew übertragen; auf dem linken Flügel aber stand Fürst Golizyn mit dem sogenannten Neuen Korps. Was die Österreicher betrifft, so konnte man sie wegen der Enge des Ortes nicht in die Linie einreihen, und man stellte sie hinter dem rechten Flügel auf, die leichten Truppen aber mit ihrem Anführer Totleben vorn vor dem rechten Flügel.
Auf diese Weise war unser Lager durch Natur und Kunst befestigt, und die Stellung der Armee war so vorteilhaft, dass unsere Befehlshaber es nicht für gut befanden, die Stellung der Armee zu ändern, sondern sie in ihrer bisherigen Aufstellung beließen, obgleich sich herausstellte, dass der König von Preußen sich ganz und gar nicht von der Seite näherte, von der man ihn erwartet hatte, sondern unterhalb Frankfurts über die Oder gesetzt war, in der Absicht, unserer Armee in den Rücken zu fallen.
Hiermit will ich diesen Brief beschließen und die weitere Erzählung und die Beschreibung der Schlacht selbst dem folgenden Brief vorbehalten; einstweilen aber verbleibe ich Ihr usw. {10. Dezember 1797. A. T. Bolotow.}.
DIE SCHLACHT BEI KUNERSDORF
76. Brief
Werter Freund! Da ich nun an die Beschreibung der ruhmreichen Schlacht bei Frankfurt oder Kunersdorf gehe, will ich damit beginnen, die List und Kunst des Königs von Preußen beim Angriff auf unsere Armee zu schildern. Aus Schlesien herbeigeeilt, fand er Wedels geschlagene Armee beim Städtchen Müllrose vor, bereits verstärkt durch die Truppen, die sich dort gesammelt hatten und aus anderen Orten herangeschickt worden waren, sodass die Zahl dieses Heeres sich schon auf mehr als vierzigtausend Mann belief. Mit dieser zwar nicht großen, aber wahrhaftig tapferen Armee zog er nicht, wie die Unseren erwartet hatten, geradewegs auf unsere Armee los, die damals schon bei Frankfurt stand und diese Stadt selbst besetzt hielt; sondern, vielleicht in der Annahme, dass wir hier alle nötigen Vorbereitungen getroffen hätten, um ihn zu empfangen, und dass es ihm hier, vor unseren Augen, schwerfallen würde, über den Fluss zu setzen, beschloss er, nach links abzuschwenken, in einem gewaltigen und weiten Umweg um Frankfurt herum über die Städtchen Fürstenwalde und Lebus zu ziehen und an einer Stelle über die Oder zu gehen, an die wir am wenigsten dachten und wo wir ihn am wenigsten erwarteten, nämlich weit unterhalb unserer Armee und beinahe unter den Kanonen seiner Stadt Küstrin, wo man für ihn beim Dorf Reitwein sogleich auch eine Brücke über den Fluss schlug.
Dies tat er erstens, damit er hier ungehinderter über den Fluss setzen konnte und wir keine Zeit hätten, ihm dabei hinderlich zu sein; zweitens, um sich nach Möglichkeit aus Küstrin mit mehr schweren Geschützen zu versehen, die er für den Angriff auf unsere Armee für höchst nötig hielt; und drittens, um nach dem Übergang hier unserer Armee in den Rücken zu fallen und dadurch unsere Befehlshaber in Verwirrung und Bestürzung zu versetzen und sich den Sieg zu erleichtern.
All das gelang ihm auch, nur das Letzte nicht. Denn obwohl die Befehlshaber unserer Truppen sich in ihren Schlussfolgerungen getäuscht sahen, ließen sie sich durch diese unerwartete Erscheinung doch nicht verwirren, sondern blieben bei ihrer bisherigen Aufstellung, im Vertrauen auf die Vorteile ihres Lagers und auf die nach allen Seiten angelegten Befestigungen, und erwarteten in aller Ruhe die Ankunft Seiner Majestät des Königs von Preußen.
Kaum war dieser an der erwähnten Stelle über den Fluss gegangen, als er keinen Augenblick mehr zögerte, sondern, bemüht, unsere Verwirrung zu nutzen und uns nicht zur Besinnung kommen zu lassen, sogleich mit seiner ganzen Macht zum Angriff auf unsere Armee aufbrach.
Da ihm die Stellung unseres Heeres bekannt war und er nicht im Geringsten am Sieg zweifelte, sondern es für gewiss hielt, dass er uns schlagen werde, nahm er sich vor, unsere Armee zugleich von drei Seiten anzugreifen, nämlich von vorn, von hinten und in der Flanke, wo unser linker Flügel stand, um uns dadurch alle Wege zum Rückzug abzuschneiden, uns an den Fluss zu drängen und die ganze Armee von Grund auf zu vernichten. Was ihm beinahe auch vollständig gelungen wäre.
Da sich dies ganz zu Anfang des Monats August zutrug und das Dorf Ötscher, wo er nach dem Übergang über den Fluss mit seiner Armee übernachtete, von unserem Lager noch nicht nahe entfernt lag, brach er sehr früh auf, als es eben erst zwei Uhr geschlagen hatte, und eilte, uns noch vor Einbruch der eigentlichen Hitze zu erreichen. Da aber der nächste und gerade Weg über Berge und durch viele Wälder und Schluchten führte und für den Marsch einer Armee gänzlich ungeeignet war, war er gezwungen, noch einen gewaltigen Umweg zu machen, weit nach links ausholend über die Dörfer Bischofsee und Trettin zu ziehen und beim Umgehen vieler Wälder und Teiche nicht nur viel Mühe aufzuwenden, sondern auch so viel Zeit zu verlieren, dass er erst kurz vor Mittag eintreffen konnte.
Obwohl ihm die Stellung unserer Armee bekannt war, konnte ihm doch das Gelände selbst nicht genau vertraut sein, und deshalb wurde er bei der Besichtigung unserer Armee bestürzt, als er sah, dass sie nicht so leicht von allen Seiten anzugreifen war, wie er gedacht und erwartet hatte; dass vielmehr Rücken und Front der Armee, wohin er seine Reiterei hatte schicken wollen, völlig unzugänglich waren und allein unsere linke Flanke übrig blieb, von der aus man einigermaßen einen Angriff unternehmen konnte. Diese Stelle aber war, wie ich schon erwähnte, zunächst durch eine starke, auf einem Berg angelegte Verschanzung mit drei mächtigen Batterien gedeckt, die bis zu 80 Kanonen enthielten, dann durch eine tiefe und breite Schlucht und hinter ihr durch einen dichten Wald. Da aber nichts anderes übrig blieb, wählte der König eben diese Stelle für den Angriff auf uns, und nachdem er einen gewissen Teil seiner Reiterei abgesondert hatte, damit er gegen unseren rechten Flügel und ebenso gegen den Rücken unserer Armee stehe, begann er sogleich alle übrigen Truppen in dem erwähnten Wald in fünf Linien aufzustellen, von denen die ersten drei aus Infanterie, die übrigen zwei aus Kavallerie bestanden. Unterdessen befahl er dem General Finck, Geschütze auf die nahegelegenen Höhen zu bringen und aus ihnen von vielen Seiten eine heftige und furchtbare Kanonade gegen unsere Flanke zu eröffnen. Bei uns war hier zwar eine Querlinie von Truppen aufgestellt, doch war diese Linie so kurz, dass wegen der Enge des Ortes nicht mehr als zwei Regimenter darin Platz fanden; denn in solchem Abstand standen auf diesem Flügel auch die beiden Linien unserer Armee voneinander. Da aber dieser Mangel durch die erwähnte, mit einer Menge Kanonen besetzte Verschanzung und den gewaltigen Grund dahinter ausgeglichen wurde, hielten unsere Befehlshaber diese Stelle für uneinnehmbar und erwarteten von dieser Seite durchaus keinen Angriff.
Eben dieser Umstand half dem König, in kürzester Zeit unsere erwähnte kleine Truppe über den Haufen zu werfen, der ganzen Armee in die Flanke zu stoßen und sie dadurch offenkundiger Gefahr auszusetzen.
Denn kaum hatte er im Wald zuerst die Linien und aus ihnen dann dichte Kolonnen gebildet, als er sogleich seinen Grenadieren befahl, sich mit einem Mal vorzuwerfen und geradewegs durch den Grund zu gehen, das hohe Ufer dieser unserer Schlucht zu erklimmen, dort unsere Verschanzung anzugreifen und sich ihrer und der Batterien zu bemächtigen. Diese schwiegen zwar die ganze Zeit nicht, sondern streckten sie mit ihren Kanonen haufenweise nieder, solange sie hinabstiegen und sich ins Tal hinunterließen; als sie aber unten angelangt waren, wurde das Feuer unserer Kanonen wirkungslos, und als sie aus dem Grund den Berg heraufkamen, wurden sie zwar mit Kartätschen aus den Kanonen und mit Musketenfeuer aus der Verschanzung empfangen, doch die Zeit war schon zu kurz, und die Preußen, die sich mit großer Wut auf die Unseren stürzten, ließen die Unseren ihnen keinen weiteren Schaden zufügen. Denn sie warfen nicht nur unsere beiden erwähnten Regimenter völlig über den Haufen, sondern bemächtigten sich im Nu auch all unserer Kanonen und Batterien, die dort standen.
Ein so rascher und unerwarteter Erfolg erfreute den König von Preußen ebenso sehr, wie er alle unsere Generäle und Feldherren in Verwirrung stürzte. Sie alle verzagten damals, als sie deutlich sahen, dass die ganze Armee dadurch in äußerste und allergrößte Gefahr geraten war, und in den ersten Minuten, da sie nicht wussten, was tun und wie diesem Übel abzuhelfen sei, ließen sie dem Feind die Freiheit, nach Belieben über die Schlucht zu gehen, sich auf dem Berg aufzustellen und seine Front zu entwickeln, um die Unseren zu schlagen. Endlich aber gab ihnen Gott selbst den Gedanken ein, anstelle der über den Haufen geworfenen und völlig vernichteten kurzen Querlinie rasch andere, neue derselben Art zu bilden, indem sie je ein Regiment aus der ersten und je eines aus der zweiten Linie herausgriffen und daraus zwar kurze, aber zahlreiche Riegel bildeten und sie einen nach dem anderen dem Feind entgegenstellten. Und obwohl sie auf diese Weise gleichsam zur Schlachtbank vor den Feind gestellt wurden, der, sich jeden Augenblick vermehrend, von Stunde zu Stunde weiter vorrückte und mit unbeschreiblichem Mut über unsere kleinen Linien herfiel und sie eine nach der anderen von Grund auf vernichtete, so standen doch auch sie nicht mit verschränkten Armen da, sondern jede Linie feuerte, auf den Knien liegend, so lange zurück, bis beinahe niemand mehr am Leben und unversehrt war; all dies hielt die Preußen einigermaßen auf und gab unseren Generälen Zeit, sich wenigstens ein wenig zu besinnen und Mut zu fassen; doch war es damals schwer, irgendein taugliches Mittel zur Rettung ihrer selbst und der ganzen Armee zu ersinnen. So sehr die erwähnten Riegel die Preußen auch aufhielten, vermochten sie doch keineswegs deren gesamte Infanterie aufzuhalten, die über das erwähnte Tal gesetzt und schon den größten Teil des ganzen damals von den Unseren besetzten Raumes überschritten hatte. Selbst das Dorf Kunersdorf, das bis dahin bei uns in der Mitte der Armee gelegen hatte, lag nun schon hinter ihnen, und alle unsere übrig gebliebenen Truppen und Regimenter waren auf unsere rechte Flanke zusammengedrängt und standen hier auf einem Haufen und in größter Enge, ohne Raum, sich irgendwohin auszubreiten; sie bemühten sich nur, von allen Seiten Kanonen herbeizuschaffen und sie an verschiedenen Stellen aufzustellen, um den Feind zu empfangen, wenn die Reihe an sie käme, nach dem Beispiel der anderen zurückzufeuern.
Mit einem Wort, die Not, in der sich unsere Armee damals befand, war übergroß. Sie schwebte in offenkundiger Gefahr.
Alle hielten diese Schlacht für verloren, und das war sie in der Tat auch schon; denn hätten die Preußen, die sich beinahe unseres ganzen Platzes bemächtigt hatten, nichts weiter unternehmen wollen, sondern sich mit dem begnügt, was sie schon vollbracht hatten, und wären bei den errungenen Vorteilen stehen geblieben, so hätte unsere vertriebene, zusammengedrängte und auf einen Haufen gezwängte Armee unmöglich lange in solcher Lage verharren können; sie wäre vielmehr gezwungen gewesen, sich entweder ganz gefangen zu geben oder sich durch Flucht über den Sumpf zu retten, der vor ihrer rechten Flanke lag und nur eine einzige Brücke hatte, die aber wir selbst einige Stunden zuvor verbrannt hatten, damit die preußische Reiterei nicht über sie gelangen könne. Selbst der Alte, unser Oberbefehlshaber, war schon in solcher Zerrüttung und Verzweiflung, dass er alles vergaß, vom Pferd stieg, auf die Knie fiel und mit zum Himmel erhobenen Händen vor aller Augen unter Tränen den Allmächtigen bat, ihm in solcher Not und Bedrängnis beizustehen und seine Leute vor dem offenkundigen Untergang zu retten. Und dieses Gebet, das ein tugendhafter Greis aus reiner Seele und reinem Herzen darbrachte, wurde vielleicht vom Himmel erhört. Denn kurze Zeit danach änderte sich alles, und es geschah, was niemand hätte denken und sich vorstellen können und was man am allerwenigsten erwarten durfte.
Diese Schlacht begann gerade um Mittag, und um 6 Uhr abends hatten die Preußen sich schon aller Batterien auf der linken Flanke bemächtigt, hatten schon 180 unserer Kanonen in ihrer Gewalt und einige Tausend der Unseren gefangen genommen; der Sieg war bereits von niemandem mehr bestritten und genau so einer, wie er bei Kolin und Hochkirch gewesen war, sodass der König selbst, der ihn schon dafür hielt, vom Schlachtfeld aus bereits Kuriere mit dieser freudigen Nachricht nach Schlesien und nach Berlin absandte. Da trat plötzlich jenes Unerwartete ein, und im Kriegsglück vollzog sich eine furchtbare Wende.
Die Ursache dafür war, dass Seine Majestät mit all den oben erwähnten Vorteilen, die er über uns errungen hatte, noch nicht zufrieden war, sondern meinte, es sei noch nichts getan, solange noch etwas übrig sei, das sich tun lasse; und es gelüstete ihn, uns sozusagen den Rest zu geben. Zu jeder Zeit pflegte er zu sagen, die russische Armee müsse man nicht nur besiegen, sondern ganz und gar vernichten und bis zum Letzten ausrotten, weil sie immer wieder zurückkehre und von Neuem Verwüstungen anrichte. Und eben diese Worte sprach er auch bei dieser Gelegenheit öffentlich aus. Die preußischen Generäle setzten diesem Argument allein die Erschöpfung der Truppen zu jener Zeit entgegen. Sie sagten, die Soldaten seien von dem Marsch, der ganze fünfzehn Stunden gedauert hatte, und von der unaufhörlichen blutigen Arbeit, ebenso von der furchtbaren Hitze an diesem glühend heißen Tag so erschöpft, dass sie kaum noch Atem schöpfen könnten. Selbst sein berühmter und geliebter General Seydlitz stellte dasselbe vor. Und die Vorstellung dieses großen Feldherrn, dessen Tapferkeit und Mut dem König wohlbekannt waren, wirkte so sehr, dass der König schon zu schwanken begann und den Truppen bereits Halt befehlen wollte, als sich ihm plötzlich General Wedel näherte, dem der König trotz seines Unglücks dennoch besonders gewogen war; der König erweist ihm die Ehre, ihn mit diesen Worten zu befragen: „Und du, Wedel, was meinst du?“ Dieser, der ebenso sehr Höfling wie Krieger war, wollte dem König schmeicheln und bekundete seine völlige Übereinstimmung mit dessen früherer Meinung und dessen Wunsch, und da rief der König, ohne lange zu überlegen: „Nun! Also, marsch!“
Doch o! wie teuer kam ihm dieses Wörtchen zu stehen, das seinem Munde entfahren war! Und wie oft bedauerte er es und hätte es gern zurückgenommen, doch da war es schon zu spät.
Auf diesen Befehl hin setzten sich alle seine Truppen von Neuem in Bewegung, um uns den Rest zu geben, und obwohl er sehr bald danach selbst seinen schweren Fehler erkannte, den Ratschlägen der Alten nicht gefolgt zu sein, ließ sich das begonnene Unternehmen nicht mehr aufhalten. Um uns vollends den Rest zu geben, brauchte der Feind Reiterei und Kanonen, und eben daran mangelte es ihm. Die erwähnten Schluchten, sumpfigen Stellen und Gründe hinderten auch die Reiterei, am Gefecht teilzunehmen, und die Kanonen von jenseits der Schluchten heranzubringen; denn diejenigen, die man uns abgenommen hatte, hatten die Preußen zu unserem besonderen Glück selbst vernagelt und unbrauchbar gemacht. Und so kam zwar einige Reiterei über die Höhen und Schluchten hinüber, auch wurden einige Kanonen herangebracht, doch all dies war sehr wenig und unzureichend, um unsere übrig gebliebene Armee niederzuwerfen, die sich auf dem Berg der rechten Flanke zusammengedrängt hatte und auf einem Haufen stand. Um sich in dieser Not zu helfen, verfielen sie darauf, sich einer Batterie zu bemächtigen, die von uns auf dem Judenfriedhof verlassen worden war. Diese Batterie war übergroß und bestrich das ganze Schlachtfeld. Die Unseren hatten sie verlassen und waren bei Annäherung der preußischen Reiterei von ihr abgezogen, und da sie ohne Mannschaft stand, stürzte die preußische Infanterie, die etwa 800 Schritt von ihr entfernt war, herbei, um sich dieser Kanonen zu bemächtigen; und schon blieben ihr nur noch etwa hundertfünfzig Schritt zu laufen, als Laudon herbeieilt, diese Batterie mit seiner Infanterie besetzt, einen ganzen Hagel von Kartätschen gegen die Preußen loslässt und dadurch ihren ganzen Ansturm aufhält. Alle ihre Bemühungen, näher heranzukommen, waren vergeblich und halfen ihnen nichts. Sie vergrößerten nur ihre Unordnung, die Laudon zu nutzen nicht versäumte, und sogleich befahl er seiner Reiterei, von rechts und von links über die Anstürmenden herzufallen und in die preußische Infanterie und Reiterei einzuhauen, und diese Reiterei richtete damals ein furchtbares Blutbad unter ihnen an.
Auf der anderen Seite begannen die Preußen anzustürmen und sich einer Höhe zu bemächtigen, die Spitzberg genannt wurde und von deren Einnahme der ganze Sieg abhing. Doch diese Höhe war von unseren und den kaiserlichen besten Truppen besetzt und nicht nur mit Kanonen bestückt, sondern auch noch durch eine vor ihr liegende Schlucht oder Senke gedeckt, die etwa 400 Schritt lang, 50 bis 60 Schritt breit und zehn oder fünfzehn Fuß tief war und zudem steile Ränder hatte. In eben diese Senke stürzten sich die Preußen und bemühten sich nach Kräften, den gegenüberliegenden Rand zu erklimmen, doch all ihre Bemühungen darum blieben erfolglos. Denn wem es auch gelang, nach oben zu klettern, der fand dort entweder seinen Tod oder wurde wieder hinab in jene Schlucht gestürzt.
Endlich behielt die Natur die Oberhand. Aller Mut, alle Tapferkeit und aller Wagemut der Preußen konnten die erschöpften Kräfte nicht ersetzen. Sie stürmten mehrmals hintereinander gegen diesen Berg an, konnten ihn aber keineswegs erklimmen; das furchtbare und unaufhörliche Feuer, das die Unseren aus vielen Gewehren und vielen Kanonen auf sie richteten, streckte sie auf schreckliche Weise nieder, und sie wurden mit Kugeln und Kartätschen überschüttet wie mit einem todbringenden Hagel. General Finck, der sich auf ebensolche Weise mit seinem Korps anderer Höhen zu bemächtigen suchte, erschöpfte seine Kräfte gleichfalls vergeblich.
Der König selbst, der mehrmals frische Truppen heranführte und sie zum Sturm zwang, setzte sich der allergrößten Gefahr aus.
Seine ganze Uniform war von Kugeln durchlöchert; zwei Pferde wurden unter ihm getötet, und er selbst wurde, wenn auch leicht, verwundet. Ein goldenes Etui, das er in der Tasche trug, rettete ihm das Leben, indem es die Kugel aufhielt, die ihn getroffen hatte, und die Kugel blieb in dem eingedellten Gold stecken. Ebenso nahe war er dem Tod, als das schwer verwundete Pferd unter ihm zu stürzen begann, und seinem Flügeladjutanten Götz gelang es auch diesmal, den König zu retten und ihm sein eigenes Pferd zuzuführen. Alle baten den König aufs Inständigste, diesen äußerst gefährlichen Ort zu verlassen, er aber antwortete nur: „Wir müssen alles Mögliche versuchen, um den Sieg zu erringen, und ich muss hier meine Pflicht ebenso gut erfüllen wie alle anderen.“
Mit einem Wort, unsere Russen kämpften diesmal mit größter Erbitterung und Hitze, und die Preußen schrieben später selbst über sie, sie hätten sich diesmal angeblich in ganzen Gliedern hingelegt und die Preußen über sich hinweggehen lassen wie über Gefallene und Tote, seien dann aufgesprungen und hätten ihnen in den Rücken geschossen. Wie dem aber auch sei, alle Mühe und alle Bestrebungen der Preußen, uns vom Berg zu vertreiben, waren vergeblich.
Nun wagte die preußische Reiterei, die Höhen anzugreifen, doch alle Kunst und die ganze Kavallerietaktik ihres berühmten Generals Seydlitz vermochten hier nichts auszurichten. Diese Reiterei, die unter seiner Führung gewohnt war, feindliche Reiterei über den Haufen zu werfen, mochte sie auch zwei- oder dreimal stärker sein, Infanterie in jeder Stellung in die Flucht zu schlagen, selbst Batterien zu nehmen und alle Schwierigkeiten und Unwegsamkeiten des Geländes zu überwinden, sank hier vor den Kanonen unserer Russen dahin, die sehr treffsicher von der Höhe auf sie schossen und sie mit ihren Kartätschen wie mit Hagel überschütteten. Seydlitz selbst, ihr tapferer Anführer, wurde verwundet; dasselbe Schicksal traf auch den Prinzen Eugen von Württemberg, der einen zweiten Angriff versuchte. Ihm folgte General Puttkamer, der mit seinen weißen Husaren über die Unseren herfiel, aber totgeschossen wurde. Und auch die übrigen namhaftesten Anführer der preußischen Armee, die Generäle Finck und Hülsen, wurden verwundet, und alle übrigen Truppen, Fußvolk wie Reiter, gerieten in große Unordnung und Verwirrung.
In eben diesen kritischen und gefährlichen Minuten erschien plötzlich Laudon, der hinter dem rechten Flügel mit frischen Truppen hervorkam, und fiel die völlig entkräfteten Preußen von der Seite und von hinten an. Dieser Feldherr, der dafür berühmt war, dass er in Schlachten stets die glücklichen Augenblicke zu ergreifen wusste, befehligte diesmal die Reiterei. Er stellte sie in einiger Entfernung vom Ort des Gemetzels auf, wie es sich gehört, und griff in bester Ordnung die in Unordnung geratenen Preußen an, und dies entschied das ganze Schicksal der Schlacht. Panische Angst und Entsetzen befielen da plötzlich die ganze preußische Armee, und alle Truppen stürzten davon, in den Wald und auf die Brücken. Alle wollten zugleich hinüber; daraus entstand ein furchtbares Gedränge und ein unbeschreibliches Durcheinander, das auch die Ursache war, dass die Preußen nicht nur die uns abgenommenen Kanonen zurücklassen, sondern noch 165 eigene im Stich lassen mussten.
Der König selbst wäre den Unseren beinahe in Gefangenschaft geraten, da er sich unter den fast Allerletzten auf dem Schlachtfeld befand und durch einen Hohlweg reiten musste.
Allein der außerordentliche Mut und die seltene Geistesgegenwart des Rittmeisters Prittwitz bewahrten ihn vor diesem großen Unglück. Der König, der es selbst schon für unvermeidlich hielt, dass man ihn gefangen nehmen werde, rief, es mehrmals wiederholend: „Prittwitz! Prittwitz! Ich bin verloren!“ Doch dieser tapfere Offizier, der nur hundert Husaren bei sich hatte, um ganzen Tausenden ihn umringender Feinde zu widerstehen, antwortete ihm: „Nein, Eure Majestät, das soll nicht geschehen, solange noch Atem in uns ist!“ Und darauf wandte er sich, statt sich nur zu verteidigen, um, sprengte selbst zum Angriff auf unsere Russen los und stürmte so lange gegen sie an, bis es dem König gelungen war, sich davonzumachen, zu seinen übrigen Truppen zu gelangen und sich mit ihnen zu vereinigen.
Niemals war die Seelenstärke dieses Monarchen (wie die Preußen selbst in ihren Schriften darüber berichten) so außerordentlich erschüttert worden wie an diesem für ihn unglücklichen Tag. In wenigen Stunden hatte ihn das Kriegsglück von der Höhe eines unzweifelhaften Sieges in den Abgrund völliger Zerschlagung und Niederlage gestürzt. Er versuchte alles und bemühte sich auf jede Weise, seine fliehende Infanterie aufzuhalten, doch nichts – weder Vorstellungen noch die eindringlichsten Ermahnungen noch Bitten aus dem Munde des Königs – half auch nur im Geringsten, so wirksam sie bei anderen Gelegenheiten auch gewesen waren, und man sagt, er habe sich, in dieser verzweifelten Lage, laut selbst den Tod gewünscht. Seine lebhafte Einbildungskraft malte ihm in den ersten Minuten die Folgen dieser verlorenen Schlacht so furchtbar aus, dass er von eben jener Stelle des Schlachtfeldes, von der er wenige Stunden zuvor Kuriere mit der freudigen Siegesnachricht abgesandt hatte, nun den Befehl nach Berlin schickte, schleunigst alle Maßnahmen zur Sicherheit und zur raschesten Rettung alles Nötigen zu treffen. Er glaubte schon seine Feinde in Berlin zu sehen, wie sie alles verheerten und verwüsteten, und sich selbst außerstande, sie daran zu hindern. Seine Truppen waren so zerstreut, dass er gegen Abend dieses Tages nicht mehr als 5000 Mann bei sich hatte. Alle eroberten Kanonen waren wieder verloren und mit ihnen auch fast alle preußischen. General Wunsch, der mit einem kleinen Korps am anderen Ufer der Oder aufgestellt war, um uns im Fall des erwarteten Sieges den Fluchtweg zu versperren, gelangte gegen Ende dieser Schlacht nach Frankfurt und nahm alle dort befindlichen Unseren gefangen; als er aber von der Niederlage ihrer Armee hörte, musste er diese Stadt wieder verlassen und seine Gefangenen zurücklassen. Die hereinbrechende Nacht kam dem König von Preußen schließlich zustatten. Er sammelte einen Teil seiner Armee und erreichte mit ihm einige Höhen, die die Unseren anzugreifen nicht wagten.
Auf diese Weise endete, zum unsterblichen Ruhm unserer Truppen, diese blutige Schlacht. Keine von allen, die in diesem Krieg geschlagen worden waren, war so mörderisch und verderblich gewesen wie diese. Die Preußen verloren allein an Toten mehr als 8000 Mann, verwundet aber wurden bei ihnen über fünfzehntausend Mann, mit fast allen Generälen und den namhaftesten Offizieren. Gefangen genommen wurden von den Unseren fast fünftausend der Ihren. Somit belief sich ihr gesamter Verlust auf etwa 28 Tausend. Doch auch der unsere war keineswegs gering: nach dem eigenen Eingeständnis des Grafen Saltykow belief sich die Zahl der Toten auf fast dreitausend und die Zahl der Verwundeten auf fast elftausend, die Kaiserlichen nicht gerechnet, die an Toten und Verwundeten ebenfalls mehr als 2000 Mann verloren. Mit einem Wort, die Zahl der Menschen, die an diesem Tag Tod, Wunden und Gefangenschaft erlitten, belief sich auf beiden Seiten auf beinahe fünfzigtausend Mann. Auch bei uns waren viele Generäle verwundet, und die Zahl der verwundeten Stabs- und Oberoffiziere belief sich auf 474, und unser Verlust war so beträchtlich, dass Graf Saltykow selbst, als er ihn in einem Brief an die Kaiserin eingestand, sich unter anderem mit diesen Worten ausdrückte:
„Eure Majestät wollen sich darüber nicht verwundern; es ist Ihnen bekannt, dass der König von Preußen Siege über sich stets sehr teuer verkauft.“
Auch pflegte dieser Feldherr zu sagen:— „Wenn ich noch eine solche Schlacht gewinne, so werde ich allein, mit dem Wanderstab in der Hand, die Nachricht davon nach Petersburg tragen müssen.“
Wie dem aber auch sei und wie unheilvoll dieser Tag für viele auch war, alle Übriggebliebenen verbrachten den Abend dieses Tages in unbeschreiblicher Freude und Zufriedenheit, sowohl über den vollständigen Sieg über den Feind als auch über die Errettung aus offenkundiger Gefahr. Nicht so aber verbrachte der König von Preußen diesen Abend und diese Nacht. Er übernachtete in dem Dörfchen Ötscher, schlief in einer Hütte, von Kosaken ausgeplündert und nach allen Seiten offen, die weder Türen noch Fenster unversehrt hatte, einer Bauernhütte, auf einem Bündel Stroh und unausgekleidet. Der Hut bedeckte die Hälfte seines Gesichts, und der Degen lag blank an seiner Seite. Zu seinen Füßen schliefen zwei seiner Adjutanten auf der bloßen Erde, und draußen vor der Tür stand nur ein einziger Grenadier Wache. Eine Nacht, wie dieser berühmte Monarch nur wenige erlebt hatte und die ihm sein ganzes Leben lang sehr im Gedächtnis blieb!
So endete dieser denkwürdige Tag, und hiermit will auch ich diesen Brief beenden, indem ich sage, dass ich bin Ihr usw.
77. Brief
Werter Freund! Die Nachricht von dem im vorigen Brief erwähnten vollständigen und bedeutenden Sieg, den unser Alter über den König von Preußen errungen hatte, erhielten wir in Königsberg nach ganz kurzer Zeit durch den Brigadier Fürsten Chowanski, der von Graf Saltykow mit dieser Nachricht nach Petersburg geschickt worden war. Es lässt sich nicht beschreiben, wie sehr wir uns alle darüber freuten und wie wir über die Preußen zu triumphieren begannen, die stets zu behaupten pflegten, es sei ein völlig unmögliches Ding, dass die Unseren ihren König jemals besiegen könnten. Sie alle, da sie den Sieg damals nicht bestreiten konnten, ließen die Köpfe hängen, wir aber brachten sie noch mehr in Verlegenheit, indem wir versicherten, dass nun bald auch Berlin von den Unseren besucht werde und der König nicht imstande sein werde, es aus unseren Händen zu retten.
So folgerten nicht nur wir, sondern alle Welt, denn nach allen Umständen war die Sache nicht nur wahrscheinlich, sondern beinahe unzweifelhaft. Der König selbst dachte nicht anders, denn in dem Befehl, den er vom Schlachtfeld nach Berlin geschickt hatte, standen ausdrücklich seine Worte, er sei nun nicht imstande, die Stadt zu schützen, und deshalb sollten alle namhaftesten und reichsten Einwohner sie verlassen und nach Möglichkeit ihre Habe mitnehmen.
Selbst die königliche Familie musste sogleich abreisen und sich nach Magdeburg begeben, und auch die Archive wurden fortgeschafft.
Doch wie hätte man auch anders denken können? Die preußische Armee in diesen Gegenden war durch zwei so rasch aufeinanderfolgende Niederlagen in solche Erschöpfung versetzt, dass sie nicht imstande war, irgendetwas zu unternehmen. Ich erwähnte schon, dass der König nach dem Ende der Schlacht kaum fünftausend Mann um sich sammeln konnte; und obwohl er am nächsten Tag, als er wieder über die Oder zurückgegangen war, sah, dass sich aus den Resten seiner geschlagenen Armee noch mehr bei ihm eingefunden hatten, sodass schon bis zu zwanzigtausend zusammengekommen waren – was konnte er unternehmen ohne Kanonen, ohne Vorräte, ohne Munition und alle Kriegsbedürfnisse, dazu von unserer Armee völlig von Schlesien und Sachsen abgeschnitten und in einer solchen Lage, dass er nicht einmal aus seinen eigenen Provinzen Hilfe erhalten konnte? Und da bei alledem der Weg nach Berlin für uns völlig offen und frei war, musste man da nicht erwarten, dass die Unseren nicht versäumen würden, einen so ruhmreichen Sieg zu nutzen, und ohne jeden Verzug geradewegs auf Berlin ziehen und sich bemühen würden, es einzunehmen, bevor der König wieder zu Kräften käme?
Ferner zweifelte fast niemand daran, dass dieser Sieg zu einer raschen Beendigung auch des ganzen Krieges dienen werde; denn man schloss, dass auch die Kaiserlichen, wenn sie davon hörten, nicht säumen würden, mit ihrer Haupt- und starken Armee anzugreifen und die ihnen unvergleichlich unterlegene Armee des Prinzen Heinrich zu schlagen, und dass die Reichsarmee nicht verfehlen werde, sich ganz Sachsens und schließlich auch Magdeburgs selbst zu bemächtigen und den König von Preußen in die äußerste Not zu bringen.
So dachten und folgerten alle und machten sich darauf gefasst, bald Nachricht über Nachricht von neuen Siegen und Eroberungen zu erhalten. Wir selbst, die wir in Königsberg lebten, erwarteten jeden Tag neue freudige Nachrichten und schickten uns schon beizeiten an, einander zur Einnahme Berlins zu beglückwünschen. Doch unser Erstaunen war unbeschreiblich, als eine Woche verging, eine zweite verging und nicht nur kein Kurier mit der Nachricht von der Einnahme Berlins zu uns gesprengt kam, sondern wir im Gegenteil hörten, dass die Unseren auch diesmal nach ihrer früheren und althergebrachten Gewohnheit gehandelt hatten und, statt die ersten und kostbaren Minuten nach dem errungenen Sieg zu nutzen, vor allzu großer Freude diese versäumt und so lange auf dem Schlachtfeld ohne jede Tätigkeit, allein mit Festen und Feiern beschäftigt, gestanden hatten, bis der König wieder Kraft und Mut gesammelt, den Weg nach Berlin besetzt und unseren Zug dorthin unmöglich gemacht hatte.
Nicht weniger staunten wir und die ganze Welt, als wir hörten, dass auch Herr Daun, dieser berühmte kaiserliche General und erfahrene Feldherr, diesmal so nachlässig war, dass er nichts unternahm und nicht nur den Prinzen Heinrich nicht angriff, sondern nicht einmal seinerseits eine Bewegung gegen Berlin machte, sondern statt all dessen es für nötig hielt, sich zuvor mit dem Oberbefehlshaber unserer Armee zu treffen und sich zu verständigen, was zu tun sei; und für diese Zusammenkunft zog er nicht nur selbst in eine Berlin ganz entgegengesetzte Richtung, sondern bewog auch unseren Alten, mit seiner Armee statt nach Berlin ebendorthin zu ziehen.
Mit einem Wort, zwischen diesen beiden Heerführern kam es gleichsam zu einem Zwist und einer Zänkerei.
General Daun, als er hörte, dass unser Alter so nachlässig gewesen war, den Sieg nicht zu nutzen, sondern alle ersten und kostbaren Minuten versäumt hatte und in völliger Untätigkeit verharrte, machte ihm darüber kränkende Vorwürfe, und dieser antwortete ihm mit ebensolcher Kränkung:— „Ich habe zwei Schlachten gewonnen“, schrieb er ihm, „und gehe jetzt nur deshalb nicht weiter vor, weil ich die Nachricht von zwei ebensolchen Siegen von Ihnen erwarte, denn es wäre ungerecht, wenn allein die Truppen meiner Kaiserin handelten.“— Eine seltsame und erstaunliche Antwort, und nicht weniger seltsam war auch jene, die er dem schwedischen Minister Montalembert gab, der sich bei ihm befand und ihn auf alle Weise drängte, vorzurücken, und ihn durch die Vorstellung dazu zu bewegen suchte, dass er, wenn er jetzt nicht vorrücke, alle Früchte seines Sieges den Kaiserlichen überlasse. Herr Saltykow antwortete ihm darauf: „Oh! Ich missgönne es ihnen nicht im Geringsten, sondern wünsche ihnen von ganzem Herzen noch mehr Glück, als ich gehabt habe; ich meinerseits habe genug und übergenug getan.“
Gott weiß, wem man solch seltsame und allem Anschein nach keineswegs mit der Vernunft übereinstimmende Äußerungen des Herrn Saltykow zuschreiben soll: seinem Eigensinn, unverzeihlicher Starrköpfigkeit, Schwierigkeiten oder irgendwelchen anderen Ursachen? Einige der neueren ausländischen Schriftsteller halten den äußersten Unmut und Verdruss über die Kaiserlichen, der unter allen unseren russischen Generälen und besonders unter den obersten Befehlshabern herrschte, für die Ursache. Sie sagen, der Wiener Hof habe einen Fehler begangen: statt diese Befehlshaber persönlich irgendwie gewogen zu machen und auf seine Seite zu ziehen, habe er in Petersburg schwere Klagen erhoben, zuerst über Apraxin, dann über Fermor und schließlich auch über Herrn Saltykow selbst, und den einen der Missgunst, den anderen der Unfähigkeit, der Untätigkeit und des Unwillens beschuldigt, seine Verbündeten zu unterstützen. Diesen aber, die alles erfuhren, war das kränkend und ärgerlich, und deshalb dachten sie nie daran, den Österreichern eifrig zu helfen, und taten ihrerseits nur so viel, dass man nicht zur Verantwortung gezogen werden konnte, und nicht mehr. Der Wiener Hof erkannte zwar schließlich seinen Fehler und bemühte sich auf jede Weise, ihn wiedergutzumachen, doch da war es schon zu spät.
In Petersburg war unterdessen die Freude über den Sieg, der über den König von Preußen errungen worden war, außerordentlich. Graf Saltykow wurde dafür zum Feldmarschall befördert und Fürst Golizyn zum General en chef. Die Generalleutnants wurden mit Orden behängt, und der ganzen Armee wurde ohne Anrechnung ein halbjähriger Sold ausgezahlt. Nicht weniger wurden von der Kaiserin auch die Kaiserlichen belohnt. Sie schenkte Laudon einen goldenen, reich mit Brillanten verzierten Degen und gewährte jedem österreichischen Regiment, das an der Schlacht teilgenommen hatte, fünftausend Rubel; und zur Verewigung dieses Tages wurde eine Menge entsprechender silberner Medaillen geprägt, und alle russischen Krieger, die an dieser Schlacht teilgenommen hatten, wurden damit geschmückt.
Und so gingen durch die erwähnte Untätigkeit unserer und der österreichischen Armee alle Früchte verloren, die man aus unseren beiden Siegen hätte ziehen können; und der König von Preußen vermochte unterdessen, während wir Märsche und Gegenmärsche ausführten und bei ihm in Schlesien umherspazierten, alle seine Angelegenheiten wieder in Ordnung zu bringen und, wenn auch keine weiteren Vorteile zu gewinnen, so doch wenigstens seine Feinde daran zu hindern, etwas Bedeutendes auszurichten. Diese versäumten in der Tat den ganzen Herbst, die für Kriegsoperationen geeignetste Jahreszeit, fast ohne jede bedeutende Tat. Beide Oberbefehlshaber, der unsere und der kaiserliche, hatten eine Zusammenkunft im Städtchen Guben, bei der sie beschlossen, dass unsere russischen Truppen die preußischen Lande nicht verlassen, sondern in den Provinzen am linken Oderufer bleiben sollten, und Daun verpflichtete sich, unsere Armee mit Proviant und Fourage zu versorgen. Er selbst aber beschloss abzuwarten, bis die Reichsarmee die sächsische Hauptstadt Dresden eingenommen hätte, dann die Belagerung der Stadt Neisse zu unternehmen, und falls diese Belagerung gelänge und es ihm glückte, sich dieser Stadt zu bemächtigen, sollten beide Armeen dann in Schlesien einrücken und dort ihre Winterquartiere beziehen.
Das war der Beschluss, den sie gefasst hatten; doch man machte die Rechnung ohne den Wirt.
Daun, als er versprach, unsere Armee mit Proviant und Fourage zu versorgen, bedachte nicht, dass unsere Armee eine gewaltige Menge davon brauchte und dass er selbst eine solche Menge nirgends hernehmen konnte, ja dass es auch beschwerlich war, sie zu uns zu schaffen. Der wieder erstarkte König von Preußen folgte uns und den Kaiserlichen überall auf den Fersen und bemühte sich, überall Hindernisse zu bereiten. Die Belagerung Dresdens zog sich unterdessen lange hin. Unsere Armee, die lange Zeit an einem Ort bei Fürstenwalde stand und auf die Einnahme dieser Stadt wartete, verzehrte all ihr Vorratsbrot und wusste, da sie von den Kaiserlichen nichts erhielt, nicht, womit sie sich ernähren sollte. Die Lausitz, in der sie sich damals befand, musste im September ganze vier Armeen ernähren, nämlich die unsere, die kaiserliche und zwei preußische, und zwar die, welche der König selbst befehligte, und die, welche sein Bruder Prinz Heinrich anführte. Wegen all dieser Umstände und weil die Kaiserlichen den versprochenen Proviant nicht lieferten, verspürten wir als Erste Mangel daran. Der Wiener Hof, der ihn uns nicht in natura liefern konnte, bot uns Geld zu seinem Ankauf an, doch Saltykow antwortete, seine Soldaten äßen kein Geld, sie brauchten Brot. Da aber eben dieses fehlte und nirgends mehr zu holen war, wandte er sich mit seiner Armee in Richtung Polen, um sich seinen Magazinen zu nähern. Laudon, der neue Verstärkung erhalten hatte, wich nicht von ihm und bemühte sich auf alle Weise, ihn zu bewegen, die Belagerung der preußischen Festung Glogau zu unternehmen, und ihn möglichst vom Rückmarsch über die Oder abzuhalten. Doch die Gewandtheit des Königs vereitelte alle diese Pläne.
Unsere Armee kam, vereint mit dem erwähnten österreichischen Korps, am 13. September an die Ufer der Oder, um an ihr entlang bis nach Glogau zu ziehen. In dieser Absicht schickte sie auch eine Vorhut voraus, um ein Lager beim Städtchen Beuthen zu beziehen; doch wie erstaunte unsere Avantgarde, als sie bei ihrer Annäherung diesen Ort schon vom König von Preußen besetzt sah, den man in Schlesien und weit entfernt glaubte. Saltykow und Laudon betrachteten ihn aus der Ferne und wagten keineswegs, ihn anzugreifen, obwohl seine ganze Armee nicht mehr als 24 Tausend Mann zählte und sie dreimal stärker waren als er. Ungeachtet dessen war der König von Preußen entschlossen, Glogau um jeden Preis zu verteidigen, und da er jeden Tag einen Angriff der Unseren erwartete, mussten seine Truppen jeden Morgen unter das Gewehr treten. Doch seine Furcht und Besorgnis waren vergeblich. Die Unseren wagten nicht, ihn anzugreifen, sondern setzten unweit von Beuthen auf das andere Ufer der Oder über und zerschossen die Brücke mit Kanonen, aus Furcht, er könnte uns nachsetzen.
Sie lenkten ihre Schritte in Richtung Breslau, doch wohin sie auch kamen, überall fanden sie Preußen vor und alle Wege von ihnen versperrt.
Denn der König von Preußen folgte den Unseren und befand sich stets in unserer Nähe. Eben bei dieser Gelegenheit bot sich uns die beste Gelegenheit, diese preußische Armee anzugreifen und aufs Haupt zu schlagen, doch wir versäumten sie aus Unkenntnis. Den König befiel gerade zu dieser Zeit seine gewohnte Krankheit, die Gicht, und niemals fürchtete er uns so sehr wie damals, denn er zweifelte nicht daran, dass wir, sobald wir von dieser seiner Krankheit erführen, nicht säumen würden, ihn sogleich anzugreifen; denn es ist bekannt, dass er während dieser Krankheit keineswegs imstande war, die Truppen selbst zu befehligen, sondern die höllischsten Qualen litt: er war weder imstande, sich aufs Pferd zu setzen, noch sich fahren zu lassen. Und so hätte er sein unglückliches Schicksal abwarten müssen. Doch zu seinem besonderen Glück erfuhren wir davon nichts, sondern setzten unseren Marsch fort; er aber ließ sich unterdessen von Soldaten auf den Armen in das Städtchen Köben an der Oder tragen, rief seine Generäle dorthin zusammen, eröffnete ihnen die Schwere seiner Krankheit, die ihn von der Armee fernhalte, und gab ihnen folgenden Auftrag: „Versichern Sie, ich bitte Sie“, sagte er zu ihnen, „meinen tapferen Soldaten, dass ich, obgleich ich in diesem Feldzug viel Unglück gehabt habe, nicht eher ruhen werde, als bis ich alles wieder in Ordnung gebracht habe. Sagen Sie ihnen, dass ich mich auf ihre Tapferkeit verlasse und dass nur der Tod mich von der Armee trennen kann.“
Das Städtchen Herrnstadt sollte das Ziel unseres damaligen schlesischen Feldzugs sein. Diese weniger durch Kunst als durch die Natur befestigte Stadt war von einigen Hundert Preußen besetzt. Graf Saltykow forderte vom Kommandanten die Übergabe und drohte mit dem Niederbrennen, falls er sich nicht ergebe; als aber der preußische Offizier antwortete, er habe Befehl, die Stadt zu verteidigen, auch wenn man sie anzünden sollte, erhitzte diese Antwort den Grafen Saltykow so sehr, dass er sogleich einige Brandkugeln hineinwerfen und alles in Asche legen ließ.
Dies war die letzte Kriegstat in diesem Jahr, und keine, die großes Lob verdiente. Denn von hier wandten sich die Unseren geradewegs nach Polen und zogen auf Posen zu, sodass Ende Oktober weder in Schlesien noch in Brandenburg auch nur ein einziger Mann von den Russen und Österreichern mehr war und nur überall unsere Spuren noch rauchten. Und da unser Marsch ohne Halt fortging, fragte Laudon Saltykow: „Was soll ich denn mit meinem Korps tun?“ – „Was Sie wollen, das tun Sie!“, sagte Saltykow, „ich aber gehe nach Posen!“
Als Laudon dies hörte und noch einige Tage bei uns geblieben war, musste er sich darauf in äußerstem Unmut von uns trennen und in die österreichischen Lande zurückziehen.
Auf diese Weise endete unser Feldzug auch in diesem Jahr, und zu unserer größten Schande wiederum ohne jeden besonderen Vorteil, nur mit dem Verlust einer Menge Menschen und mit dem Gewinn eines bloß leeren Ruhmes. Der König von Preußen blieb uns auch am Ende dieses Sommers ebenso furchtbar, wie er vorher gewesen war; und obwohl die Reichstruppen ihm in Sachsen die Stadt Dresden abnahmen und es den Kaiserlichen schließlich unverhofft gelang, sein ganzes, aus 18 Tausend Mann bestehendes Korps mit 8 Generälen und ihrem Befehlshaber Herrn Finck, das er zur Rückeroberung Dresdens ausgesandt hatte, nicht nur zu schlagen, sondern vollständig gefangen zu nehmen, hatten alle diese Vorteile doch keine weiteren Folgen und bewirkten im Krieg keinerlei Wende. So unglücklich er für den König von Preußen auch war, fand er doch Mittel, sich mit allem Nötigen zu versehen, sodass er sich am Ende des Sommers keineswegs in eine solche äußerste Not gebracht sah, um Frieden bitten und darum werben zu müssen. Mit einem Wort, das Zusammentreffen aller Umstände war in diesem Sommer derart, dass es, wie es schien, dem Schicksal selbst gefiel, dass dieser Krieg noch länger dauern und nicht so bald sein Ende finden sollte, wie alle gedacht und erwartet hatten.
Doch ich will an dieser Stelle innehalten und, die Erzählung von den weiteren Kriegsereignissen einer anderen Zeit vorbehaltend, zu meiner eigenen Geschichte zurückkehren und erzählen, was wir, während all dies in Europa geschah, in Königsberg lebend taten und womit wir die Herbst- und Winterzeit verbrachten.
Dies werden Sie im folgenden Brief hören; den jetzigen aber gestatten Sie mir hiermit zu beenden und Ihnen zu sagen, dass ich bin Ihr usw.
IN KÖNIGSBERG
78. Brief
Werter Freund! Während unsere Armee von ihrem Feldzug zurückkehrte und, in ihren früheren Quartieren untergebracht, von ihren Mühen ausruhte und die Befehlshaber darauf bedacht waren, alles Nötige für einen neuen Feldzug und für die Fortsetzung dieses Krieges vorzubereiten, lebten wir in Königsberg weiter wie bisher, fröhlich und vergnügt. Kaum hatten der Herbst und die langen Winterabende begonnen, als bei uns wie früher die Bälle und Maskeraden wieder auflebten. Die Ersteren gab es zwar auch den ganzen Sommer über, doch nicht so oft wie im Herbst und Winter, denn in diesen langweiligen Jahreszeiten verging keine Woche, in der wir nicht einen Ball und Tanz gehabt hätten, ohne jeden Feiertag oder besonderen Anlass, etwa die Durchreise irgendeines vornehmen Bojaren oder Generals. Für solche wurden bei uns gewöhnlich Bälle gegeben, an den Fest- und Feiertagen aber veranstaltete man zahlreich besuchte Maskeraden, entweder im Hause des Gouverneurs oder, wie früher, des größeren Raumes wegen im Theater. Dort fanden meistens nur Maskeraden statt, und wir lehrten die Preußen als Erste, Theater für große und zahlreich besuchte Versammlungen zu nutzen und sie, indem man über dem ganzen Parterre hereingetragene zerlegbare Bühnenböden errichtete, zusammen mit der Bühne in einen überaus großen Saal zu verwandeln. Für mich selbst war dies ein neuer Anblick, und anfangs begriff ich nicht, wie man das machte, und wunderte mich, als ich die Maskerade betrat und den Ort, wo das Parterre gewesen war, kaum wiedererkannte. Allein die Logen bezeugten noch sein früheres Dasein. Eben sie aber verliehen der Maskerade die meiste Pracht und Lebhaftigkeit, denn sie waren alle mit einer Menge Zuschauer und allerlei Volk gefüllt, das sich in solcher Menge einfand, dass es sich lohnte, sich zu verkleiden und sich mannigfaltige Kostüme auszudenken. Darin suchten damals alle, die an diesen Lustbarkeiten teilnahmen, einander zu übertreffen, und man kann sagen, dass uns in diesen Erfindungen und Einfällen auch die Preußen nicht im Geringsten nachstanden, ja uns darin nicht selten noch übertrafen.
Außer mit Bällen und Maskeraden beschäftigten wir uns nicht selten auch mit dem Theater selbst.
Die Komödianten versäumten nicht, sobald der Herbst kam, wieder zu uns zu kommen, und erfreuten uns mit ihren vortrefflichen Vorstellungen; außer ihnen besuchte uns in diesem Herbst auch ein durch die ganze Welt reisender Äquilibrist oder Balancierkünstler und erfreute einige Male unser ganzes kleines Publikum im Theater, indem er uns seine Kunst im Voltigieren und in allerlei Balancieren vorführte. Auch dieses Schauspiel war für mich neu und bis dahin noch nie gesehen, und ich konnte mich daran nicht satt sehen und nicht genug darüber staunen, wie ein Mensch so erstaunliche Verrenkungen und Überschläge machen und sich so genau im Gleichgewicht halten kann.
Nach diesen häufigen und verschiedenartigen Lustbarkeiten zu urteilen, konnte man mein damaliges Leben also geradezu fröhlich nennen. Es war in der Tat auch so und wäre für uns noch angenehmer gewesen, wenn nur unser General nicht bisweilen all unsere Vergnügungen und Freuden mit Pfeffer und Ingwer bestreut und in unsere schönsten Lustbarkeiten nicht Galle gegossen hätte, nach seinem liederlichen und bis ins Unendliche hitzigen Gemüt. Sein unglücklicher Charakter lässt sich von dieser Seite nicht genug schildern. Ich habe Ihnen schon früher von der seltsamen und erstaunlichen Eigenart unseres Vorgesetzten berichtet, weshalb ich es für überflüssig halte, das zu wiederholen; ich will nur sagen, dass wir uns alle an seine Schelte und Beschimpfungen schließlich so gewöhnt hatten, dass wir sie fast für nichts achteten und statt uns zu ärgern nur lachten, wenn wir aus dem Sitzungszimmer kamen, und voreinander damit prahlten, ob wir an diesem Tag mehr oder weniger oft gescholten worden waren. Und zur Verwunderung aller Unkundigen, Außenstehenden, fragten wir einander nicht selten, in der Kanzlei sitzend, ob jemand an diesem Tag schon in der Kanzlei gewesen sei und wie oft, was bedeutete: ob jemand im Sitzungszimmer gewesen und vom General gescholten worden sei. Und dann sagte der eine:
– Nun, Gott sei Dank, ich bin heute noch kein einziges Mal dort gewesen.
Ein anderer aber sagte seufzend, er sei schon drei- oder viermal dort gewesen. Was mich betrifft, so hatte ich zwar meines Amtes wegen weniger als alle anderen mit ihm zu tun, weil alle meine Übersetzungen und Papiere in die Hände der Sekretäre und Räte gelangten und nicht in die seinen; dennoch musste auch ich denselben bitteren Kelch trinken wie alle anderen und, wenn auch nicht so oft wie meine übrigen Kameraden, bisweilen ebenfalls Schelte und Beschimpfungen erdulden. Der Anlass dazu war meistens der Umstand, dass er mich nicht selten anstelle seines Adjutanten gebrauchte. Jedes Mal, wenn dieser kränkelte, und das geschah ziemlich oft, musste ich seinen Dienst versehen, besonders an Fest- und Feiertagen, und in der ganzen Stadt umherfahrend die Glückwünsche überbringen und am Vorabend dieser Tage den ganzen dortigen Adel zum Ball oder zum Mittagsmahl einladen.
Diese Einladungen und Botengänge waren bisweilen so umfangreich, dass uns beiden, dem Adjutanten und mir, kaum die Zeit reichte, alle aufzusuchen und alles Nötige zu erledigen.
Und eben bei solchen Gelegenheiten bekamen wir beide vom General bisweilen gewaltige Schelte zu hören; denn da er kein sehr gutes Gedächtnis hatte, vergaß er, dass er manches mir befohlen hatte, und fiel unschuldigerweise über den Adjutanten her; ein andermal wiederum, nachdem er ihm etwas befohlen hatte, sah er mich und begann mich danach zu fragen, und wenn man sich mit Unwissenheit rechtfertigen wollte, dann ging das Spektakel los, und wir kamen kaum nach, seine Schelte und Beschimpfungen anzuhören. Selbst in den Befehlen, die er erteilte, war er nicht immer zuverlässig im Gedächtnis und beständig. Oft geschah es, dass er manches gar nicht befohlen hatte und danach Rechenschaft forderte, warum es nicht getan sei; sagte man ihm aber, er habe das nicht zu befehlen geruht, so schalt und schimpfte er, warum wir ihn nicht daran erinnert hätten. Wie aber hätten wir wissen sollen, was er im Sinn hatte und woran er denken musste? Mit einem Wort, seine Forderungen und Schelte und zuweilen selbst seine Beschimpfungen waren so grundlos, und wir erduldeten sie so unschuldig, dass wir tausend Gründe hatten, sie gar nicht zu beachten und statt uns darüber zu ärgern über alles nur zu lachen, besonders da wir wussten, dass diese Schelte keinerlei Folgen haben würde, sondern der General uns trotz alledem ebenso gewogen blieb, wie er es vorher gewesen war.
Außerdem erlebte ich in diesem Herbst abermals eine Hin-und-her-Treiberei {Von „peretúrit“ – von Ort zu Ort jagen.}. Kaum war die Armee von ihrem Feldzug zurückgekehrt und hatte ihre Kantonierquartiere bezogen, als der Oberst unseres Regiments nicht versäumte, erneut die Forderung zu stellen, mich ins Regiment zurückzuschicken, und vom neuen Feldmarschall wurde Korff sogleich ein entsprechender Befehl zugesandt. Das versetzte mich abermals in schreckliche Unruhe, umso mehr, als unser General beim Senat schon mehrmals Übersetzer angefordert hatte und man ihre Ankunft von Tag zu Tag erwartete. Da diese aber bis zu dieser Zeit noch nicht erfolgt war, half mir dieser Umstand und überdies die Gewogenheit des Generals und all unserer Kanzleileute mir gegenüber und ihr Unwille, sich von mir zu trennen, auch diesmal glücklich von der Armee loszukommen; denn ungeachtet des eingetroffenen Befehls wurde geantwortet, man könne ohne mich keinesfalls auskommen, die angeforderten Übersetzer seien vom Senat noch nicht geschickt worden, und deshalb sei ich nicht abgeschickt, sondern bei der Ausübung meines bisherigen und wichtigen Amtes belassen worden.
Dass man mich noch eine Weile in Königsberg behielt, war mir umso angenehmer und bereitete mir umso größeres Vergnügen, als ganz kurze Zeit danach auch die schon längst zu uns abgeschickten Übersetzer eintrafen.
Es waren lauter Studenten der Moskauer Universität, und statt der zwei vom General angeforderten schickte man uns gleich zehn Mann, in der Absicht, dass man von ihnen so viele, wie für die Gouvernementskanzlei nötig wären, behalte und alle übrigen bei uns irgendetwas lernen lasse. Ich erbebte im Geiste, als ich davon hörte, und hielt es schon für unvermeidlich, dass man mich nun sogleich zur Armee schicken werde, so wie es auch an den Feldmarschall geschrieben worden war. Und dem wäre ich auch tatsächlich nicht entgangen, denn sowohl der General als auch unsere beiden Räte dachten schon daran und hatten bereits mit unserem ersten Sekretär gesprochen, wenn nicht ein nichtiger und allem Anschein nach ganz unbedeutender Umstand dazwischengekommen wäre und dazu beigetragen hätte, dass ich trotz alledem, zu meinem unbeschreiblichen Nutzen, noch eine Weile in Königsberg belassen wurde. Dieser Umstand war folgender Art.
Unser erwähnter erster Sekretär, Herr Tschonschin, hatte irgendwo und auf irgendeine Weise die Schwester jenes unglücklichen Pillauer Postmeisters Wagner gesehen, der wegen eines gewissen Verdachts von uns in die Geheime Kanzlei nach Petersburg und von dort nach Sibirien in die Verbannung geschickt worden war und der durch die später über ihn veröffentlichte Lebensbeschreibung aller Welt bekannt wurde. Dieses Mädchen war damals etwa achtzehn Jahre alt und zwar keine Schönheit, doch auch nicht hässlich. Wie dem aber auch sei, sie hatte das Glück oder Unglück, unserem erwähnten Sekretär zu gefallen und ihn so zu bezaubern, dass sie ihm nicht aus dem Sinn ging, und er beschloss, sie um jeden Preis zur Liebe zu bewegen, was ihm auf irgendeine Weise auch gelang. Ich wusste und ahnte von alledem nichts, denn da ich selbst für meine Person an solche Dinge am wenigsten dachte, hatte ich noch weniger Anlass, mich um Fremdes zu kümmern und davon zu erfahren; diese Liebesintrige wurde mir vielmehr nur deshalb bekannt, weil unser Sekretär kein einziges Wort Deutsch konnte und sie kein Russisch, beide aber fast jeden Tag miteinander korrespondieren oder einander kleine Zettelchen oder Billetts schicken mussten. Unser Sekretär wollte die Sache aber möglichst geheim betreiben, weil er schon verheiratet war und damals in Kürze die Ankunft seiner Frau erwartete; so brauchte er in diesem Fall einen Vermittler, der seine Zettelchen auf Deutsch abschrieb, um sie ihr zu schicken, und die ihren, die sie ihm sandte, für ihn ins Russische übersetzte.
Und wer anders hätte diesen Auftrag erledigen können als ich?
Er hatte ihn mir schon einige Zeit zuvor aufgebürdet und mich, der ich das anfangs nicht tun und mich in so dumme und schlechte Klatschgeschichten nicht einlassen wollte, durch seine Bitten und das Versprechen, es mir künftig selbst zu vergelten, zu überreden gewusst, sodass ich schließlich, wenn auch mit äußerstem Widerwillen und ständigem Unmut, seinen Willen zu erfüllen einwilligte und ihm, indem ich ihre kleinen, aber, man kann sagen, von beiden Seiten höchst albernen Zettelchen übersetzte, ein überaus großes Vergnügen bereitete.
Wie dem aber auch sei, dieser Dienst kam mir bei dem erwähnten Anlass äußerst zustatten; denn da ich unserem Sekretär von dieser Seite her äußerst nötig geworden war, wollte er mich keineswegs ins Regiment ziehen lassen, sondern begann, da er beim General großen Einfluss hatte, ohne jede Bitte oder Bemühung meinerseits dem General vorzustellen, man könne mich noch keinesfalls ziehen lassen, weil sich unter allen zehn uns geschickten Studenten nach den mit ihnen allen angestellten Prüfungen kein einziger gefunden habe, der auch nur einigermaßen das versehen könnte, was ich in der Kanzlei versehe, sondern sie alle so wenig Deutsch könnten, dass man sie diese Sprache erst noch lernen lassen müsse.
Das war zum Teil auch die reine Wahrheit, denn obwohl sie alle in Moskau Deutsch gelernt hatten, schienen sie mangels Übung so unkundig, dass man anfangs nicht daran denken konnte, sie im Übersetzeramt zu verwenden; zwar hätten sie in ganz kurzer Zeit dazu fähig werden können, wie sich später auch zeigte, doch für den damaligen Fall half mir ihre Unkenntnis. Der General selbst, der sie ein wenig geprüft und dasselbe gesehen hatte, stimmte sogleich der Vorstellung des Sekretärs zu, und ich wurde wie bisher belassen, den Herren Studenten aber wurde befohlen, sich Lehrer und Orte zu suchen, wo und was sie lernen sollten, was sie auch nicht versäumten, und in kurzer Zeit verteilten sie sich auf verschiedene Professoren, und die einen begannen Philosophie zu studieren, andere Medizin, einige Physik, wieder andere Metallurgie und so weiter, ich aber blieb wieder allein in der Kanzlei, um das Amt des Dolmetschers und Übersetzers zu versehen.
Fast zugleich mit ihnen kamen zu uns, um die Schreibgeschäfte in unserer Kanzlei zu versehen, auch zwei Junker, die Herren Olin. Sie waren an die Stelle des von uns abgegangenen Sekretärs Gawrilow geschickt worden und waren beide junge Burschen und leibliche Brüder. Der eine von ihnen hieß Jakow Iwanowitsch, der andere Alexander. Und da sie in allem unsere Kameraden wurden und dem Gefolge des Generals zugeteilt waren und nicht nur jeden Tag mit uns zusammen in der Kanzlei saßen und schrieben, sondern auch beim General zu Mittag speisten, muss ich ihre Charaktere wenigstens ein wenig erwähnen.
Da sie beide Kinder irgendeines reichen Sekretärs waren, aber schon Offiziersränge hatten, führten sie sich keineswegs wie Schreiber, sondern auf adligem Fuß und gaben sich nicht mit den Schreibern ab, sondern mit uns. Beide waren noch jung, der Ältere nicht mehr als 21 Jahre, der andere nur ein Jahr jünger als er. Beide waren keineswegs dumm, doch außer russischem Lesen und Schreiben verstanden beide nichts. Der Ältere von ihnen hielt sich nicht nur ausnehmend sauber, sondern wurde in kurzer Zeit bei uns beinahe der erste Stutzer und ein lächerlicher und unerträglicher Petitmaître {Französisch – Geck, Laffe.}. Da er nicht übel aussah, bildete er sich ein, ein großer Schöner zu sein, und begann nicht nur sein ganzes Geld für Putz und Eleganz zu verschwenden, sondern, was das Lächerlichste war, verfiel er darauf, sich auch noch etwas auf sich einzubilden und sich für klüger als alle Welt zu halten.
Das brachte uns alle gegen ihn auf, denn so sehr wir ihn auch mochten, war uns sein Hochmut unerträglich, und statt der Achtung, die er bei allen für sich suchte, lachten wir innerlich nur über ihn.
Was seinen Bruder betrifft, so war dieser von ganz anderem und besserem Charakter: still, freundlich, bescheiden, liebenswürdig, unscheinbar (?) {Wahrscheinlich im Sinne von „unauffällig“.} und so geneigt, alles zu erfahren, was ihm unbekannt war, folglich fähig, sich alles beizubringen, dass wir ihn alle liebten. Besonders zwischen mir und ihm entstand bald eine besondere Freundschaft, die mit der Zeit so wuchs, dass wir die besten Freunde waren und unsere Zeit meistens zusammen verbrachten.
Bald danach wurden wir einmal in tiefster und dunkelster Herbstnacht durch einen Brand aufgeschreckt, der in unserer neu gegründeten Münze ausbrach. Da diese nicht weit vom Schloss und in eben der Straße lag, in der auch ich mein Quartier hatte, und nicht weit von mir, wurde ich davon besonders aufgeschreckt und musste um Mitternacht aufstehen, mich anziehen, zu diesem Brand laufen und den anderen beim Löschen helfen. Zu unserem besonderen Glück gelang es uns, ihn nicht stärker werden zu lassen, sondern fast noch ganz im Anfang zu löschen; doch ging es nicht ab, ohne dass eine Menge der von uns geprägten neuen Münzen verloren ging, sowohl fertiger als auch noch nicht fertig bearbeiteter Rohlinge, die man alle hinaustragen und in randvoll gefüllten Mulden schleppen musste. Unser General selbst war bei diesem Brand und bemühte sich nicht weniger als wir alle um die schnellste Löschung, da vom Abbrennen der Münze vieles von großer Wichtigkeit abhing.
Ein anderer Brand, der einige Tage danach ausbrach, war noch wichtiger und wurde zwar ebenfalls gleich im Anfang gelöscht, bereitete uns aber eine Unmenge Scherereien. Er brach in unserer Kanzlei selbst aus, ebenfalls zu tiefer Nachtzeit, als keiner von uns in der Kanzlei war, sondern nur die Wächter in der Schreiberstube saßen und warteten, bis unser Rat, Herr Baumann, aus dem Sitzungszimmer käme, der wegen seiner vielen Geschäfte und aus Fleiß nicht selten mutterseelenallein bis Mitternacht saß und schrieb. Diesmal aber waren unsere Herren Wächter irgendwie nachlässig und hörten nicht, wie er das Sitzungszimmer verließ, denn aus diesem führte eine besondere Tür in die Zimmer des Generals, wo er wohnte; da sie ihn aber immer noch im Sitzungszimmer glaubten, kümmerten sie sich nicht im Geringsten um dieses und um die Kerzen, die Herr Baumann brennen gelassen hatte; und auch er war diesmal irgendwie nachlässig gewesen und hinausgegangen, ohne zu läuten und ohne den Wächtern zu befehlen, die Kerzen zu löschen. Wie dem aber auch sei, es geschah, dass von einer Kerze ein Stückchen des noch glimmenden Dochts absprang und unglücklicherweise auf die in großer Menge auf dem Tisch liegenden verschiedenen Papiere fiel. Diese begannen davon sogleich zu brennen und zu lodern und richteten in wenigen Minuten so viel an, dass wir den ganzen Winter über viel Arbeit damit hatten. Die ganze Hälfte des Tisches mit einer überaus großen Menge daraufgelegter höchst wichtiger Papiere, die nicht nur vom Feldmarschall und anderen Generälen, sondern auch vom Hof selbst und vom Senat aus Petersburg eingegangen waren, verbrannte teils ganz, teils zur Hälfte, und das ganze Sitzungszimmer füllte sich mit so viel Rauch, dass man es nicht betreten konnte. Zum besonderen Unglück war der Wächter, der in der Schreiberstube saß, gerade in diesen Minuten eingenickt und erfuhr nicht eher von diesem Brand, bis sich Qualm und Gestank schon teilweise auch in der Schreiberstube ausgebreitet hatten und ihn, den Schlummernden, weckten. Da stürzte er ins Sitzungszimmer und erbebte, als er es ganz voller Rauch sah und den Sitzungstisch ganz in Feuer und Flammen. Er stürzte sich aufs Löschen und erhob ein solches Geschrei, dass er alle im Schloss aufschreckte.
Der General selbst kam, als er von diesem Brand hörte, außer sich dorthin gelaufen, und dieser Vorfall verdross ihn so sehr, dass er vor Ärger krank wurde.
Man muss aber gestehen, dass es auch Grund genug zum Ärger gab, denn es verbrannte eine Menge höchst wichtiger Papiere, darunter nicht wenige, die eine rasche Erledigung erforderten, und nun hatte man nichts mehr, wonach man sie erledigen konnte. Wichtig waren auch die Reskripte der Kaiserin, und unser General fürchtete unsäglich, dass die Kunde von diesem Brand, der allein aus Nachlässigkeit entstanden war, bis zur Kaiserin selbst gelangen könnte, umso mehr, als man anstelle der verbrannten neue Reskripte erhalten musste. Doch zu seinem besonderen Glück leitete damals die ganze sogenannte Konferenz, das heißt unser oberster Staatsrat in Petersburg, von dem aus die Reskripte oder Namensukase überallhin versandt und nicht von der Kaiserin selbst, sondern von den Mitgliedern dieses Rates unterzeichnet wurden, sein Schwager, der Großkanzler Woronzow, und er konnte ihn durch Briefe bewegen, anstelle aller verbrannten Reskripte Abschriften von deren Konzepten zu schicken. Und ebenso verschaffte er sich durch freundschaftliche und bittende Briefe Abschriften von den Konzepten auch anderer höchst wichtiger Papiere, die vom Feldmarschall und anderen höchst wichtigen Personen eingegangen waren; die übrigen verbrannten Papiere aber mussten wir alle durch unsere eigene Arbeit ersetzen und uns mehrere Wochen hintereinander alle mit unaufhörlichem Schreiben beschäftigen.
Im Übrigen veranlasste dieser Vorfall unseren General, für die Zukunft bessere Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um ähnlichen unheilvollen Ereignissen vorzubeugen. Er befahl von nun an, dass wir alle, die Mitglieder der Kanzlei, der Reihe nach in der Kanzlei Dienst tun sollten und dass die Diensthabenden sich nicht nur tagsüber keine Stunde aus der Kanzlei entfernen, sondern auch darin übernachten sollten, umso mehr, als Letzteres auch wegen der sehr häufig zur Armee und von der Armee durchreisenden Kuriere sehr nötig war. Sie alle meldeten sich gewöhnlich bei uns in der Kanzlei und lieferten Briefe ab, und deswegen musste man, und wäre es auch mitten in der Nacht, zum General eilen und ihn wecken, wenn man ihn schlafend antraf.
Doch eben diese Vorsichtsmaßnahme hätte in unserer Kanzlei beinahe einen weiteren Brand verursacht, und dieser wäre beinahe unversehens durch mich selbst entstanden. Ursache dafür war eben der erwähnte Dienst, den auch ich gleich den anderen zu versehen hatte. Wir alle schliefen gewöhnlich im Sitzungszimmer und ließen unsere Betten dorthin bringen. Als ich also einmal hier übernachtete und wegen der damaligen Kälte mir das Bett auf einer Truhe bereiten ließ, die dicht am Ofen stand, hing irgendwie ein Schoß meines Schafpelzes, mit dem ich zugedeckt war, in den schmalen Spalt zwischen Ofen und Truhe hinab.
Dieser Ofen war ein Kachelofen, dünnwandig, bis zum Boden heiß und wurde nach deutscher Sitte vom Flur aus geheizt.
Und da es unserem Wächter wegen der damaligen Kälte einfiel, viel früher aufzustehen und das Sitzungszimmer noch vor Tagesanbruch zu heizen, und er nicht im Geringsten mit Holz sparte, sondern den Ofen bis unter das Gewölbe damit vollstopfte, so wurde dieser, dünnwandig wie er war, so glühend heiß, dass der Schoß meines Pelzes sogleich zu qualmen begann und, zu brennen anfangend, auch das Laken und selbst das Federbett in Brand setzte. Ich, nichts davon wissend und ahnend, schlief fest und süß weiter und hätte mir glücklich auch noch die Seite verbrannt, wenn nicht der Posten, der im Flur stand, den Qualm und Gestank bemerkt und dem Wächter gesagt hätte, er solle nachsehen, woher es so stinke. Und eben dieser, herbeigelaufen und nicht weniger als zuvor zu Tode erschrocken, weckte nun mich, der ich über diesen seltsamen Vorfall nicht weniger erschrak. Doch zum Glück verbrannte außer meinem Pelz und dem Laken nichts; und es geschah so früh, dass wir den Qualm noch zur Tür hinauslassen und ihn mit Räucherpulver so übertönen konnten, dass niemand davon erfuhr außer unseren Sekretären, die mich gern hatten und die Sache nicht vor unseren tobsüchtigen General bringen wollten, von dem ich auch ohnehin schon einige Tage hintereinander, ganz unschuldigerweise, täglich Schelte und Hetze erdulden musste.
Der Anlass dazu war ein Verdruss, den unserem General der damals bei uns in Königsberg überwinternde General Graf Pjotr Iwanowitsch Panin bereitete, der alle hier stehenden Bataillone befehligte. Ich weiß nicht, auf welche Weise und womit er sich gegen unseren General vergangen hatte, mit dem ihn bis dahin stets Freundschaft verbunden hatte. Dem Anschein nach betraf die Sache nur die Quartiere, wir aber schlossen aus der Heftigkeit des schrecklichen Streits und Zanks, der zwischen ihnen um eine reine Kleinigkeit entstanden war, dass es dafür noch irgendeine verborgene Ursache geben müsse. Wie dem aber auch sei, mir fiel unglücklicherweise die Rolle zu, die unbarmherzigen Schelt- und Schimpfworte zu überbringen, die beide einander zukommen ließen; denn da unser Adjutant zu dieser Zeit erkrankt war, musste ich, seinen Dienst versehend, einige Tage hintereinander zwei- und dreimal am Tag zu dem erwähnten General gehen und von unserem General zu ihm und von ihm zu unserem General solche Komplimente überbringen, wie sie wahrlich kaum die Treidler und Fabrikarbeiter einander jemals auftischen. Mit einem Wort, diese Aufträge bildeten damals für mich nicht nur den schwierigsten, sondern auch insofern den verdrießlichsten Auftrag, als ich von der Seite her und für fremde Sünden Schelte und Beschimpfungen von unserem General erdulden musste; denn jedes Mal, wenn er mich zu Herrn Panin schickte, befahl er mir, solch ungereimten und bis ins Unendliche beleidigenden Unsinn für jenen auszurichten, wie man ihn ohne Lachen nicht anhören konnte, und beim Entlassen befahl er mir streng, ihm die ganze Sache genau mit denselben Worten auszurichten – nun, überlegen Sie selbst, konnte ich seinen Befehl genau ausführen und einen Armeegeneralleutnant, der damals sehr bedeutend war, mit den übelsten Schimpfworten beschimpfen?
Nein, das tat ich keineswegs, sondern ersann und erdachte jedes Mal, wenn ich zu ihm ging, den ganzen Weg über gemäßigtere Ausdrücke, die diesem General zwar unangenehm sein, ihn aber nicht so sehr erzürnen konnten.
Mein ganzes Studieren blieb fast jedes Mal nutzlos, denn da auch dieser in Zänkereien nicht weniger aufbrausend, rasend und hitzig war, mochte ich die ihm überbrachten Pillen noch so sehr vergolden, er hatte sie kaum erblickt, als er in wahre Raserei geriet und mir im selben Augenblick so viele unsinnige Schelt- und Schimpfworte zur Rückübermittlung an Herrn Korff auftrug, dass ich nicht imstande war, auch nur den zehnten Teil davon im Gedächtnis zu behalten. Und um die Wahrheit zu sagen, bemühte ich mich darum auch am allerwenigsten, denn sosehr auch dieser mir fünfmal einschärfte, seine Antwort meinem General genau mit den Worten auszurichten, die er gesagt hatte, so kam mir das doch gar nicht in den Sinn, sondern ich goss auch seine Antworten in eine andere und bessere Form um. Mein Unglück aber war, dass es bisweilen auf keine Weise gelang, sie so geschickt umzumodeln, dass sie nicht von beiden Seiten hätten erraten können, dass ich nicht alles ausrichtete, was befohlen war, oder es ganz anders ausrichtete, und eben dafür erduldete ich von meinem General schreckliche Schelte und Beschimpfungen. Doch ich wollte lieber selbst unschuldigerweise leiden, als durch genaues Ausrichten all ihrer Reden ihren Streit noch weiter zu vergrößern, in seine Flamme noch Öl und Spiritus zu gießen und sie bis zu tödlicher Feindschaft gegeneinander zu treiben; ich hielt es vielmehr für besser, Wasser in diese Flamme zu gießen und mich zu bemühen, sie zu löschen und zu verringern, worin es mir auch gelang, Erfolg zu haben, zu meiner eigenen und nicht weniger zu ihrer beiderseitigen Zufriedenheit. Denn während ich mir zum Ausrichten gemäßigtere und weniger beleidigende Worte ausdachte, überlegte ich bei mir selbst auch, durch welche Zugeständnisse aneinander und womit sie diesen Zwist am bequemsten beenden könnten, und nachdem ich auf die erwähnte Weise hin- und hergegangen war, entschloss ich mich schließlich, ihnen die Gedanken dazu einzugeben, indem ich vorgab, ich hätte dies, wenn auch nicht vom General selbst, so doch von anderen gehört, die sich bei ihm befanden; und durch diese Erfindung minderte ich nach und nach ihren gegenseitigen Ärger und Verdruss und bewog sie schließlich tatsächlich, einander scheinbar von ihnen selbst gewünschte Zugeständnisse zu machen, die in Wahrheit von mir allein zu ihrem Nutzen und zur Beendigung ihres Streits ausgedacht und ihnen geschickt vorgeschlagen worden waren, und eben dadurch ihren Streit zu beenden.
Doch ich bin schon von der Erzählung über unsere Brände abgekommen und will, nun zu ihnen zurückkehrend, sagen, dass mit dem oben erwähnten dritten, der sich bei uns in der Kanzlei ereignete, die Sache noch nicht zu Ende war, sondern sie in diesem Herbst und Winter gleichsam wie angehext über uns kamen. Und danach ereignete sich noch einer, der zwar kein wirklicher, sondern fast gänzlich ein falscher war, aber verderbliche und sehr traurige Folgen nach sich zog.
Es geschah an einem Sonntag im Winter, und zwar gerade zu der Zeit, als unser General aus Anlass eines an diesem Tag begangenen Siegesfestes allen vornehmsten in Königsberg befindlichen Personen eine überaus große Tafel gab und mit ihnen noch beim Mittagsmahl saß, obwohl es schon drei Uhr nachmittags war. Weiter oben, als ich dieses Schloss beschrieb, in dem damals unser Gouverneur wohnte, erwähnte ich unter anderem, dass die ganze Rückseite desselben, gegenüber derjenigen, wo der Gouverneur wohnte, eine übergroße und gewaltige Kirche bildete, eine deutsche Kirche. Da zu ihrer Gemeinde alle rings um das Schloss liegenden Viertel gehörten, versammelte sich in dieser Kirche an jedem Sonntag und an jedem Fest- und Feiertag eine überaus große Menge Volkes beiderlei Geschlechts, teils um dem Gottesdienst beizuwohnen, vor allem aber um die Predigten zu hören, die hier, wie in einer Hauptkirche, stets gut gehalten wurden, und weit besser als an anderen Orten.
Und diese Kirche war so glücklich, dass sie stets mit Volk gefüllt war, und nicht nur morgens, sondern auch nach dem Mittagessen, denn man muss wissen, dass bei den Lutheranern an Feiertagen auch nachmittags ein ebensolcher Gottesdienst stattfindet wie vormittags.
So war es denn auch diesmal geschehen, dass diese Kirche schon zum zweiten Mal mit einer überaus großen Menge von Menschen beiderlei Geschlechts und verschiedenen Standes gefüllt war, denn es waren hier sowohl niedrige und gemeine Leute als auch, und noch mehr, wohlhabende und angesehene Königsberger Einwohner. Zum größeren Unglück hatten sie alle einen besonderen Beweggrund, sich zu dieser Nachmittagszeit in ihr einzufinden. Ein Jahr zuvor war es einem der hiesigen Pastoren, und zwar dem allerbeliebtesten bei ihnen allen, widerfahren, dass er sich in einer Predigt verredete und einige unziemliche Worte gegen unsere Kaiserin ausplauderte. Davon erfuhr sogleich unsere Obrigkeit, und dieser Pastor musste dafür schwere Drangsal erdulden und befand sich ein ganzes Jahr in Haft und unter Untersuchung. Alle hielten ihn für verloren, doch unserer Monarchin gefiel es in ihrer Barmherzigkeit, ihm seine Schuld zu vergeben, und der Befehl zu seiner Freilassung aus der Haft war erst etwa drei Tage vor dieser Zeit eingetroffen. Und da dies allen Gemeindemitgliedern und der ganzen Stadt bekannt geworden war, ebenso wie der Umstand, dass er an diesem Tag nachmittags hier auf der Kanzel predigen wollte, strömte fast die ganze Stadt herbei und versammelte sich, um diese Predigt zu hören. Doch was geschah, und welch ein Unglück, mitten während derselben?
Die wohlhabenden Königsberger Bürgerinnen haben die Gewohnheit, zur kalten Winterzeit besondere, kupferne, nach Art flacher Kästchen gefertigte Gefäßchen, mit Glut gefüllt, mit in die Kirche zu nehmen. Diese Gefäßchen oder Wärmerinnen stellen sie, wenn sie sich in ihren Bänken niedergelassen haben, unter die Füße und unter den Rocksaum, und da sie so von oben und von den Seiten verdeckt sind, kann vom Feuer keine Gefahr ausgehen, Wärme aber geben sie viel und wärmen die zarten Preußinnen im Überfluss. So waren auch diesmal viele Frauen mit ebensolchen kupfernen und schönen, mit Glut gefüllten Kästchen in dieser Kirche. Und es ist nicht mehr genau bekannt, aus welchem eigentlichen Anlass es geschah, dass eine dieser Frauen, die mitten in der Kirche saß, während der Predigt, die alle mit großer Aufmerksamkeit anhörten, sich zu ihrer Nachbarin wandte und, sich regend, das Wörtchen „Feuer“ sagte, was in unserer Sprache eigentlich „ogon“ bedeutet. Ob sie sich an ihrem Kästchen verbrannt hatte, ob es sich geöffnet und die Glut herausgefallen war, oder ob sie ihrer Nachbarin sagen wollte, dass das Feuer in ihrem Kästchen erloschen sei – das alles ist nicht genau bekannt, und man konnte es auch später nicht genau herausbekommen; es genügt, dass das erwähnte, von ihr ausgesprochene Wörtchen auch viele andere hörten und aus bloßer Neugier einander zu fragen begannen, was denn geschehen sei, und dieses Wörtchen in leisen Gesprächen untereinander wiederholten. Da daraus ein kleines Getuschel und gegenseitiges Fragen entstand, verbreitete sich zum besonderen Unglück dieses Wort im Nu durch die ganze Kirche, und das ganze Volk begann zu wiederholen: „Feuer! Feuer!“ Nun muss man wissen, dass man mit eben diesem Wörtchen im Deutschen auch einen Brand bezeichnet, und da man bei den Deutschen auch im Brandfall nur „Feuer, Feuer“ sagt, so bildeten sich diejenigen, die von der erwähnten Sache selbst nichts wussten und nichts gesehen hatten, ein, alle sprächen damals von einem in dieser Kirche ausgebrochenen Brand.
Dieser Gedanke befiel das ganze Volk plötzlich zuerst mit Bestürzung und dann mit unbeschreiblicher Angst und Entsetzen.
Alle schrien, gleichsam wie verabredet, wie aus einem Munde:
– Feuer! Feuer! – Oder: – Es brennt, es brennt!
Und alle sprangen von ihren Bänken auf und stürzten Hals über Kopf zu den Türen und Ausgängen der Kirche. Dieser Ausgänge gab es nur zwei, die auf den Platz innerhalb des Schlosses führten, doch waren beide so geräumig und hatten vor sich zwar hohe Treppenstufen, aber so bequeme und breite, dass alle ohne jede Mühe und in kürzester Zeit aus der Kirche hätten hinausgehen können, wenn man nur einigermaßen Ordnung gehalten und nicht so gehastet hätte, wie damals alle hasteten, ohne selbst zu wissen wozu, und, geradeheraus gesagt, ohne Sinn und Verstand, und eben dadurch in beiden Türen und auf beiden Treppenaufgängen ein solches Gedränge und Gequetsche verursachten, wie man es sich gar nicht vorstellen kann. Und da von einigen Dummköpfen und Taugenichtsen noch das Gerücht verbreitet wurde, unter der Kirche seien alle Keller von den Russen mit Pulver gefüllt und man wolle die ganze Kirche samt ihrem Pastor in die Luft sprengen, so vergrößerte dieses Geschwätz, so aberwitzig und mit nichts vereinbar es auch war, die Angst und das Entsetzen aller in der Kirche Befindlichen dennoch so sehr, dass diese schon mit Gewalt alle durch die Türen zu drängen begannen und dadurch eine Menge Menschen, die die Treppe hinabstiegen, umrissen und selbst ohne jede Unterscheidung und Rücksicht über die Gestürzten hinweg davonstürzten. Andere aber, besonders die auf den Emporen, die mehrere Treppen hinabsteigen mussten, gerieten so in Furcht und Schrecken, dass sie, ohne Hoffnung, über die Treppen hinunterzukommen und durch die Türen aus der Kirche zu gelangen, von den Emporen auf den Boden hinuntersprangen; wieder andere schlugen die Scheiben {Glasscheiben.} der Kirchenfenster ein und begannen, ungeachtet der ganzen furchtbaren Höhe, an den Mauern hinab auf die nahen Dächer und auf die Erde zu klettern und stürzten in der Eile, wobei sie sich Arme und Beine brachen. Mit einem Wort, die Verwirrung und das Gedränge, verbunden mit Lärm und Geschrei, wurden unbeschreiblich, und das Wehgeschrei, das sowohl die Hinauslaufenden als auch die wieder in die Kirche Zurücklaufenden ausstießen, um ihre Angehörigen zu retten, wurde so laut, dass es bis an die Ohren unseres Generals selbst drang, der mit seinen Gästen im Saal tafelte. Und als ihm auf die Frage „Was ist das?“ gemeldet wurde, alles Volk laufe wie von Sinnen aus der Kirche, und im selben Augenblick andere herbeigelaufen kamen und meldeten, in der Kirche sei ein Brand ausgebrochen, da bestürzte und erschreckte all dies, besonders aber der allen Unseren wohlbekannte Umstand, dass unter dieser Kirche in den Kellern tatsächlich unsere Patronen- und Artilleriekästen standen und sich in diesen Kellern eine Menge Pulver befand, wie in einem Zeughaus und Magazin, alle Tafelnden so sehr, dass sie alle von ihren Plätzen aufsprangen und Hals über Kopf hinunter und über den Platz zu den Kirchentüren liefen, wohin unterdessen auch die ganze Hauptwache herbeigeeilt war.
Doch weder sie noch wir alle noch der General selbst konnten mit diesem verängstigten und gleichsam von Sinnen gekommenen Volk etwas ausrichten.
Nichts und keinerlei Versicherungen, dass es keinen Brand gegeben habe und keiner da sei, halfen im Geringsten, und wir mussten diesem seltsamen Ereignis seinen Lauf lassen, bis es von selbst endete, und unser Gehör dem jämmerlichen Wehklagen und Stöhnen all derer zuwenden, die das Unglück gehabt hatten, in diesem Durcheinander irgendeinen Schaden zu erleiden. Viele hatten sich beim Hinausspringen aus den Fenstern Arme und Beine gebrochen; andere hatten im Gedränge gewaltige Stöße und Quetschungen erlitten; manchen war die Kleidung zerrissen, andere blutig verletzt; viele hatten ihre Hüte, Stöcke und andere Sachen verloren; manche aber, die den Fliehenden unter die Füße geraten waren, waren unbarmherzig zugerichtet und so von Füßen zertreten, dass sie fast regungslos dalagen. Und ein junges Mädchen hatte das Unglück, dass man sie im Gedränge, als sie gestürzt und den Fliehenden unter die Füße geraten war, vollständig zu Tode trat. Dieses Unglück erfüllte uns alle mit größtem Mitleid für sie. Und dieses Mitleid wuchs noch mehr, als wir hörten, dass sie keine Königsbergerin war, sondern vom Land zu Besuch bei ihren Verwandten gekommen und die einzige Tochter von Vater und Mutter war und nicht nur sehr hübsch, sondern auch von guter Erziehung, gutem Betragen und Gemüt. Ihre armen Eltern waren über ihren Verlust untröstlich, und nicht nur sie, sondern auch viele der Zuschauer konnten die Tränen nicht zurückhalten, als man sie von uns aus dem Schloss fortfuhr.
Hiermit will ich diesen meinen schon allzu lang gewordenen Brief beschließen. Und da mit diesem Ereignis auch das Jahr 1759 endete, will ich im nächsten erzählen, was mir im darauffolgenden Jahr widerfuhr, einstweilen aber verbleibe ich Ihr usw.
KÖNIGSBERG
79. Brief
Werter Freund! Sowohl die Weihnachtstage als auch den Beginn des Jahres 1760 feierten wir auf gewohnte Weise – mit vielen Lustbarkeiten, und unser General, der sie liebte und sie überdies für seine Liebesintrigen mit der Gräfin Keyserlingk benötigte, begnügte sich diesmal nicht damit, mehrmals große Mittagstafeln und abends Bälle und Maskeraden bei sich zu geben, sondern wollte zum Neujahr noch alle seine Bekannten und Freunde und mit ihnen das ganze Königsberger Publikum mit einer Illumination erfreuen, als einem solchen öffentlichen Schauspiel, das in deutschen Städten sehr selten vorkommt. Und obwohl diese ganze Illumination fast nichts bedeutete und ganz klein war und damals nur das Gitter und das Tor des vor dem Schloss gelegenen Hofes illuminiert wurden, war doch auch dies für die Preußen schon ein großes Wunder, und das Volk, das sich in großer Menge versammelte, konnte sich daran nicht satt sehen und nicht genug daran erfreuen.
Da sie übrigens nicht von unseren, sondern von dortigen Meistern und Einwohnern ausgeführt wurde, hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie man in fremden Ländern Illuminationen macht und welch gewaltiger Unterschied zwischen ihren Illuminationen und den unseren besteht. Bei ihnen verwendet man weder mit allerlei Farben bemalte Laternen, aus denen man bei uns zu jener Zeit die allerschönsten Illuminationen zusammenstellte, noch solche tönernen, mit Talg gefüllten Lämpchen, aus denen bei uns die einfachen Illuminationen gemacht werden; stattdessen hatte man aus Blech einige tausend kleiner Nachtlichter oder flacher Lämpchen angefertigt, alle mit Hanföl gefüllt, und es brannte nicht Talg, sondern Öl. Mit ihnen waren sämtliche steinernen Pfeiler des Gitters besetzt, ebenso das Gitter selbst entlang angenagelter Fichtenleisten, nachdem man zuvor alle Pfeiler und das Gitter mit Fichtennadeln oder -zweigen verkleidet hatte; auf den Spitzen der Pfeiler aber waren Kristallkugeln befestigt, gefüllt mit verschiedenfarbig getöntem Wasser. Und da hinter diesen Kugeln ebenfalls die erwähnten Blechlämpchen aufgestellt waren, erschienen sie wie irgendwelche kostbaren runden Steine, und obgleich sie einige Wirkung taten, so doch eine sehr geringe und kaum merkliche. Das Tor selbst war mit einem durchscheinenden, auf Leinwand gemalten Bild verstellt, das aber so wenig seinem Zweck entsprechend und so schlecht gearbeitet war, dass es nicht die geringste Beachtung verdiente; und da die ganze Illumination nur aus diesem Bild, den erwähnten Lämpchen und etwa zwei Dutzend der genannten Glaskugeln bestand, war sie insgesamt nicht von großer Bedeutung.
Bald darauf hatte ich das Vergnügen, einen vornehmen spanischen Granden zu sehen, der in der Eigenschaft eines bevollmächtigten Gesandten an unseren Hof durch Königsberg reiste.
Da ich in Büchern viel über die vornehmen spanischen Herren gelesen hatte, zweifelte ich nicht, ihn auch in Wirklichkeit so vorzufinden, wie ihn mir meine Einbildungskraft ausmalte; doch wie erstaunte ich, als ich im Auftrag unseres Generals mit Glückwunsch und Empfehlung zu ihm kam und ein kleines, hageres, ganz unbedeutendes Männlein vorfand, noch dazu von der Stirn bis zum Nacken blitzblank kahl geschoren, das sich gerade in diesem Augenblick nicht nur das Gesicht, sondern den ganzen geschorenen Kopf mit einem gewaltigen Batzen {Stück.} Badeschwamm wusch! Dieser Anblick war für mich so neu, so verblüffend und so komisch, dass ich beinahe laut aufgelacht hätte; doch zum Glück bemerkte der Herr Marquis davon nichts, denn bei meinem Eintreten saß er auf einem Stuhl und hielt eine große Schüssel mit Seifenwasser vor sich, während sein Kammerdiener, den erwähnten Batzen Badeschwamm mit beiden Händen gepackt, ihm aus Leibeskräften Gesicht und Kopf rieb, und jener verzog nur ab und zu das Gesicht. „Nun! Da ist nichts zu sagen“, dachte ich damals bei mir. „Andere Städte, andere Sitten – dieses Sprichwort hat recht.“
Dieser Gesandte reiste zu uns nach Petersburg im Auftrag des neuen spanischen Königs, um dessen Thronbesteigung anzuzeigen, und wir empfingen und verabschiedeten ihn mit den seinem Rang gebührenden Ehren.
Unterdessen wurden bei uns überall Vorbereitungen für den neuen, mit dem Frühjahr beginnenden Feldzug und für die Fortsetzung unseres Krieges getroffen, dessen Ende niemand absehen konnte. Zwar gaben sich alle nicht kriegführenden Mächte die größte Mühe, diesen Kriegsbrand zu löschen, der allen bereits lästig zu werden begann; zwar waren von Seiten Englands und des Königs von Preußen schon auf Umwegen gewisse Andeutungen gemacht worden, man würde sich Friedensverhandlungen nicht verweigern, wenn ihre Gegner darein einwilligten; und der alte abgedankte König von Polen, Stanislaus Leszczyński, bot bereits seinen Wohnsitz, die Stadt Nancy, für einen Friedenskongress an, die Holländer ihrerseits schlugen dafür die Stadt Breda vor, andere wiederum die Stadt Leipzig; doch alle Briefwechsel, Verbindungen und Verhandlungen darüber, die sich den ganzen Winter hinzogen, blieben erfolglos und brachen im April vollständig ab, sodass nicht die geringste Hoffnung blieb, dass in diesem Jahr in Europa Frieden eintreten könnte.
Als Ursache dafür sieht man vor allem an, dass unsere Kaiserin, die den König von Preußen persönlich hasste, das eroberte Preußen behalten wollte, die Kaiserin-Königin aber unbedingt ganz Schlesien zurückgewinnen und erobern wollte; und ihretwegen waren auch die Franzosen nicht zum Frieden bereit, die damals von der Mätresse ihres Königs, der Marquise de Pompadour, und ihrem Minister Choiseul gelenkt wurden, die beide der Kaiserin-Königin ergeben waren.
Und da beide unsere Höfe nicht im Sinn hatten, in diesem Jahr Frieden zu schließen und so viele tausend bereits verlorene Menschen und so viele Millionen Geld ohne jeden Gewinn und Nutzen preiszugeben, versäumten sie nicht, im Laufe des Winters alle zur Fortsetzung des Krieges nötigen Vorbereitungen zu treffen. Bei uns wurde eine neue und umfangreiche Rekrutenaushebung angeordnet, und eine Menge neuer und alter Soldaten wurde nach Preußen geschickt, um die Regimenter aufzufüllen, die im letzten Feldzug Verluste erlitten hatten. Man gab sich auch die größte Mühe, die Armee und die gesamten Truppen mit ausreichend Proviant und Futter und die Artillerie mit Munition und allem nötigen Zubehör zu versorgen. Feldmarschall Saltykow wurde nach Petersburg berufen und von der Kaiserin mit Gnadenbezeigungen und Wohltaten überhäuft. Mit ihm wurde über den künftigen Feldzug beraten, und nachdem man mit ihm alle nötigen Maßnahmen verabredet hatte, wurde er wieder zur Armee geschickt und mit ihm viele Generale, darunter auch der aus preußischer Gefangenschaft ausgetauschte Generalleutnant Graf Sachar Grigorjewitsch Tschernyschow; denn der Vertrag über den beiderseitigen Austausch der Gefangenen war zwischen uns und den Preußen schon im Herbst in dem pommerschen Städtchen Bütow geschlossen worden.
Alle diese Generale reisten sowohl nach Petersburg als auch zurück zur Armee durch Königsberg, und für die vornehmsten unter ihnen gab unser General Gastmähler.
– Jeden von ihnen suchte er auf das Bestmögliche zu bewirten und jeden für seine Freundschaft zu gewinnen, worin er durch dieses Mittel auch sehr viel erreichte.
Welche Vorbereitungen wir trafen – ebensolche oder noch umfangreichere wurden auch von den Österreichern getroffen; für sie war die Fortsetzung des Krieges noch nötiger als für uns, denn Schlesien ging ihnen nicht aus dem Sinn, und sie gedachten, bis zum Äußersten darum zu kämpfen.
Was den König von Preußen betrifft, dem solche Vorbereitungen noch nötiger waren als uns, weil er im vergangenen Feldzug viel an Geld und Leuten eingebüßt hatte, so fiel es ihm nicht so leicht wie uns, sie zu treffen. Seine eigenen Länder waren nicht allzu groß und zudem schon teilweise erschöpft, und fremde hatte er außer Sachsen keine in Händen; so musste das arme Sachsen für alles und jedes herhalten und ihn mit Menschen, Geld, Getreide und allem anderen Bedarf versorgen. Und was für Zumutungen richtete er in diesem Jahr nicht alles an dieses arme Land! Allein die Stadt Erfurt musste 400 Rekruten, 500 Pferde und 100 000 Taler in Geld stellen, Naumburg 200, Merseburg 120, Zwickau 80, Chemnitz 215 zahlen, alle Städte des Thüringischen Kreises 1 Million 375 000 Taler. Die Kontribution allein der Stadt Leipzig belief sich auf 1 Million 100 000 Taler, und der ganze Leipziger Kreis musste 2 Millionen in Geld zahlen und 10 000 Rekruten, einige hunderttausend Scheffel Getreide und viele tausend Pferde mit einer gewaltigen Menge Hornvieh stellen. Überdies wurden die allerbesten Wälder Sachsens abgeholzt und Bauholz wie Brennholz an reiche Leute verkauft oder elbabwärts nach Hamburg geflößt, und von allen Pächtern der staatlichen Domänendörfer wurden die Pachtgelder für ein ganzes Jahr im Voraus erzwungen.
Durch diese und ähnliche gewaltsame Mittel häufte der König von Preußen genug Geld für sich an. Nicht so leicht aber konnte er sich aus Sachsen mit Menschen versorgen; wie viele Rekruten er auch zusammenraffte, ihre Zahl reichte bei Weitem nicht aus, um den im vergangenen Sommer an ihnen erlittenen Verlust zu ersetzen. Das brachte ein neues Werbesystem hervor, wie es nie und nirgends zuvor gegeben hatte. Alle Gefangenen aus allen feindlichen Armeen wurden gewaltsam zu preußischen Soldaten gemacht. Man fragte nicht, ob sie dienen wollten oder nicht, sondern zog sie mit Gewalt zu den preußischen Fahnen, wo sie schwören und dann gegen ihre eigenen Landsleute kämpfen mussten. Ganz Deutschland war voll von solchen preußischen Werbern. Die meisten von ihnen waren gar keine Offiziere, sondern angeheuerte Abenteurer, die alle erdenklichen Kniffe und Listen anwandten, um dumme und unerfahrene junge Leute in ihre Netze zu locken. Ein preußischer Oberst namens Colignon, ein Mann, den die Natur selbst für dieses Geschäft geschaffen hatte, war ihr Befehlshaber und mit seinem eigenen Beispiel ihr Lehrmeister in dieser Sache. Er reiste überall umher, überall in wechselnden Kleidern und unter verschiedenen Gestalten, und beredete Leute zu Hunderten, in preußische Dienste zu treten. Er machte nicht nur Versprechungen und Zusagen, sondern teilte sogar regelrechte Patente auf Leutnants- und Hauptmannsränge in der preußischen Armee aus und verlockte damit viele junge Taugenichtse unter den Studenten, Ladendienern und anderen dergleichen Leuten, wobei er jedem freistellte, ob er die Infanterie, die Kavallerie oder die leichte Husarentruppe wählen wolle.
Der Ruhm des preußischen Heeres war so groß und das Gerede von der Beute, die es machte, so verlockend, dass Colignons Patentfabrik ohne Unterlass in Betrieb war.
Er brauchte sich weder um Beförderung noch um Verpflegung noch um Handgeld für seine Rekruten zu kümmern; vielmehr machten sich alle seine Rekruten größtenteils auf eigene Kosten nach Preußen auf den Weg. Eine Menge nichtsnutziger Söhne in Franken, in Schwaben und am Rhein bestahl Vater und Mutter; Ladendiener und Handlungsgehilfen bestahlen ihre Herren, Verwalter und Kassierer ihre Kontore, um die großmütigen preußischen Offiziere aufzusuchen, die jedermann ganze Kompanien schenkten wie Brezeln. Sie alle eilten mit ihren Offizierspatenten nach Magdeburg, dort aber wurden sie als gemeine Rekruten aufgenommen und zwangsweise auf die Regimenter verteilt. Da halfen keine Einwände und kein Widerstand, sondern die Stöcke arbeiteten so lange auf den Rücken, bis vollkommener Gehorsam und Fügsamkeit in allem erreicht waren. Auf diese und ähnliche Weise verschaffte Colignon mit seinen Gehilfen dem König im Laufe dieses Krieges mehr als 60 000 Rekruten.
Im Übrigen hatte der zwischen allen verbündeten Mächten aufgestellte Plan für die Kriegshandlungen dieses Sommers zum vornehmsten Ziel, den König von Preußen zu zwingen, Sachsen oder Schlesien zu räumen oder herauszugeben. Unser Hof und der kaiserliche stimmten diesem Vorschlag nicht so bald zu, denn sowohl wir als auch die Österreicher dachten mehr an unsere eigenen Vorteile. Die Franzosen wollten, dass wir in diesem Jahr die Stadt Stettin in Pommern belagerten. Saltykow hingegen wollte den Krieg die Meeresküste entlang in Pommern führen und bestand darauf, zuerst Danzig einzunehmen. König August bat darum, Sachsen so bald wie möglich aus den Händen des Königs von Preußen zu befreien, die Österreicher dachten nur an die Eroberung Schlesiens. Schließlich behielten die Vorschläge dieser Letzteren die Oberhand, und Saltykow erhielt den Befehl, mit seiner Armee nach Schlesien zu ziehen und Breslau zu belagern. In Petersburg hielt man diesen Plan für den besten und vollkommensten, obwohl er den Mangel hatte, dass unsere Armee weder Belagerungsartillerie noch Munition dafür bei sich hatte. Damit aber wollten uns die Österreicher aus Böhmen versorgen.
So rüstete sich ganz Europa und bereitete sich auf neues Blutvergießen in diesem Jahr vor, das auch sogleich begann, sobald der Frühling kam; ich aber kehre für eine Weile zur Fortsetzung meiner eigenen Geschichte zurück.
Während Armee und Regierung sich auf die erwähnte Weise auf neue Kriegshandlungen vorbereiteten, lebten wir wie zuvor in Königsberg weiter und verwendeten alle von den Geschäften freie Zeit auf Vergnügungen verschiedener Art. Was mich selbst betrifft, so war ich seit dem 7. Oktober des vergangenen Jahres in mein zweiundzwanzigstes Lebensjahr getreten und begann schon gesetzter zu denken als früher. Mein Charakter und meine Neigungen entfalteten sich und traten von Stunde zu Stunde deutlicher hervor. Meine Liebe zur Literatur und zu allen gelehrten Beschäftigungen nahm nicht nur nicht ab, sondern wuchs mit jedem Tag, und man konnte schon deutlich sehen, dass ich nicht für den Krieg, sondern für die Wissenschaften geboren war und dass die Natur mich in besonderem Maße mit einer Neigung zu ihnen beschenkt hatte.
Und eben diese ausnehmende Neigung war die Ursache, dass ich bei Weitem nicht meine ganze Mußezeit allein auf Vergnügungen und Zerstreuungen verwendete, sondern den größten Teil davon weit nützlicher für mich gebrauchte.
Ich verbrachte sie teils wie früher mit dem Lesen deutscher Bücher, teils mit Übersetzen und Reinschreiben, teils beschäftigte ich mich mit Farben und Zeichnen. In Letzterem übte ich mich allerdings nur zeitweise, dann und wann in Mußestunden und nur ein wenig; auch übersetzte ich nur einen kleinen deutschen Roman mit dem Titel „Die Abenteuer des Mylord Kingston“ und schrieb diese Übersetzung ins Reine, obwohl auch sie noch recht mäßig war und der Mühe keineswegs wert {„Die Abenteuer eines Mylords oder Das Leben eines jungen Mannes, der ein Spielball der Liebe war“. Ein damals beliebter französischer Roman. Bolotow übersetzte den Roman aus der deutschen Übersetzung ins Russische.}. Meine größte Beschäftigung aber war das Lesen: in dieses vertiefte ich mich von Stunde zu Stunde mehr, und man fand mich stets von einer Menge Bücher umgeben, nicht nur zu Hause, sondern sogar in der Kanzlei. Doch las ich, wie oben erwähnt, in diesem Jahr nicht mehr nur Romane und Märchen wie früher, sondern gewöhnte mich nach und nach auch an sittenlehrende und ernsthafte Bücher. Und da diese mir zu meinem besonderen Glück von Anfang an nicht nur nicht langweilig wurden, sondern ausnehmend gefielen, kann man dieses Jahr in dieser Hinsicht schon als sehr denkwürdig in meinem Leben ansehen, denn mit seinem Beginn fing ich an, mich selbst zu bilden, meinen Verstand auszuformen, mein Herz zu bessern und ein Mensch zu werden.
Zu alledem half mir sehr, dass mir gute sittenlehrende Schriften in die Hände fielen, darunter die moralischen Betrachtungen des Herrn Holberg {Siehe Anmerkung 17 nach dem Text.}. Diesem berühmten dänischen Baron und Schriftsteller verdanke ich in meinem Leben sehr viel. Er war fast der Erste, der mir durch seine Schriften die Lust an der Sittenlehre einflößte und mich so stark an sie band, dass ich selbst nach seinem Beispiel ein Sittenlehrer werden wollte. Dafür hege ich bis heute gegenüber diesem längst verstorbenen Mann eine besondere Verehrung und betrachte mit besonderen Gefühlen sein Bildnis, das ich in einem meiner Bücher gefunden habe.
Nicht wenig verdanke ich in meinem Leben auch dem berühmten Leipziger Professor Gottsched {Siehe Anmerkung 17 nach dem Text.}. Er machte mich mit seinen „Ersten Gründen“ der Weltweisheit nicht nur flüchtig mit allen philosophischen Wissenschaften bekannt, sondern flößte mir als Erster die Lust an diesen hohen Kenntnissen ein und bahnte mir mit den erwähnten Büchern den Weg zu weiteren Studien in diesem gelehrten Fach. Viele verschiedene Wochenschriften, die in Deutschland zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Städten herausgegeben worden waren und die mir ebenfalls in die Hände fielen, halfen nicht nur, meine Neigung zur Sittenlehre zu stärken, sondern machten mich auch mit der Ästhetik bekannt, legten den Grund zu einem guten Geschmack und bildeten in vielen Punkten meinen Verstand wie mein Herz.
Ich las alle diese Journale nicht nur mit besonderem Eifer und Vergnügen, sondern versuchte sogar, viele Stücke daraus, die mir am meisten gefielen, in unsere Sprache zu übersetzen, und übte mich in dieser Arbeit mit besonderer Freude.
Und Schriften dieser Art gefielen mir so sehr, dass ich einst selbst etwas Ähnliches unternahm und ein Werk zustande brachte, wie es kaum jemandem auf der Welt mit so großem Erfolg zu vollbringen vergönnt war wie mir, wovon an seinem Ort die Rede sein wird.
Doch keinem unter allen deutschen Schriftstellern verdanke ich in meinem Leben so viel wie Herrn Sulzer. Er machte mich, wie ich schon früher erwähnte, mit seinen beiden kleinen und in der Welt recht bekannten Büchlein über die Schönheit der Natur als Erster mit dem Bau der Welt bekannt, flößte mir die Lust an naturkundlichen Kenntnissen ein und lehrte mich, die Schönheiten und Reize der Natur zu erkennen, wahrzunehmen und zu genießen, und verschaffte mir eben dadurch in den folgenden Tagen, Jahren und Zeiten eine unzählige Menge froher und kostbarer Augenblicke im Leben, wie ich sie bis heute (1790) und selbst in meinem hohen Alter genieße.
Mit all diesen und vielen anderen nützlichen Büchern und den besten deutschen Schriften machte mich teils die erwähnte Bibliothek bekannt, die mir Bücher zum Lesen lieferte, teils meine Kameraden, die deutschen Kanzlisten, teils auch die Bücherauktionen. Diese besuchte ich weiterhin mit solchem Eifer, dass ich keine einzige versäumte und nie in mein Quartier zurückkehrte, ohne einige dort gekaufte Bücher mitzubringen. Eben dadurch begann sich um diese Zeit bei mir eine ordentliche Bibliothek zu bilden, und ich besaß schon an die hundert Bücher und mehr, doch kosteten sie mich alle sehr wenig. Allerdings kann man nicht sagen, dass ich nicht dann und wann auch neue kaufte. Jedes Mal, wenn ich von irgendeinem neuen und für mich nützlichen Buch erfuhr, lief ich in die Buchhandlung, kaufte es und schickte es zu meinem Buchbinder, und dessen Geselle brachte mir nicht selten ganze Stapel frisch gebundener Bücher.
Übrigens trieb mich auch die Bekanntschaft mit den Studenten, die man uns aus Moskau geschickt hatte, sehr dazu an, mich noch mehr mit Büchern und Wissenschaften zu beschäftigen. Sie alle waren keine Windbeutel und keine Taugenichtse, sondern fleißige und den Wissenschaften zugeneigte junge Leute; und da sie bei verschiedenen Professoren studierten und lernten und nicht selten zu uns in die Kanzlei kamen, hatte ich stets Gelegenheit, mit ihnen über gelehrte Dinge zu sprechen und ihnen meine Beschäftigungen mitzuteilen wie auch umgekehrt aus den ihren Nutzen zu ziehen, und ich kann sagen, dass ich auch ihnen in meiner Bildung viel verdanke.
Neben diesen gelehrten Beschäftigungen, die, wie man sagen kann, den größten Teil meiner Zeit in Anspruch nahmen, versäumte ich zuweilen nicht, einen Teil davon auch anderen Vergnügungen und Zerstreuungen zu opfern, jedoch nicht solchen, mit denen sich die meisten meiner Altersgenossen, die anderen Offiziere, abgaben, sondern edlen und erlaubten. In der Winter- und Herbstzeit kehrte ich für eine Viertel- oder halbe Stunde in ein Wirtshaus ein, doch nicht zum Verprassen oder zu irgendeinem Unfug, sondern einzig, um mir Kaffee oder Tee geben zu lassen und dabei mit philosophischem Auge die Menschen verschiedenen Standes zu betrachten, die sich dort aufhielten und ihre Zeit mit allerlei Spielen und Beschäftigungen verbrachten. Manchmal las ich dort die neuesten und verschiedene ausländische Zeitungen, manchmal setzte ich mich mit meinen Kameraden, den Deutschen, an einen eigenen Tisch, wo wir unser eigenes, kostenloses Kartenspielchen machten und nicht um Gewinn, sondern einzig zum Vergnügen spielten.
Bisweilen nahm ich auch das Queue zur Hand und spielte mit irgendeinem meiner Bekannten eine Partie oder zwei Billard, ebenfalls nicht um eines Gewinns willen, sondern einzig zum Vergnügen.
Doch all das geschah nicht jeden Tag, sondern sehr selten.
Dafür ging ich in der Sommerzeit schon weit häufiger in die öffentlichen Gärten, besonders an Fest- und Sonntagen nach dem Mittagessen, und verbrachte dort die Zeit stets mit besonderem Vergnügen in Gesellschaft nicht unserer Leute, sondern der stillen und sanftmütigen Königsberger Einwohner. Eine Tasse Tee oder Kaffee und eine Pfeife Tabak machten meine ganze Verschwendung dort aus; sehr selten beteiligte ich mich auch an dem ganz kostenlosen Kegelspiel. Manchmal aber, wenn auch selten, fuhren wir, mit jemandem verabredet, zusammen vor die Stadt oder gingen einige Werst zu Fuß vor die Stadttore hinaus.
Die schönsten solcher Spaziergänge machten wir in Richtung Pillau {Pillau ist der Hafen Königsbergs.} und den Pregel hinab, an seinem Ufer entlang. Der Weg war dort breit, glatt und erhöht, zu beiden Seiten mit Weiden bepflanzt; zur einen Seite hatte er den Pregel, der fast gerade dahinfließt und stets mit einer Menge Schiffe bedeckt ist, zur anderen niedrige und ebene Wiesen, hier und da ebenfalls von Reihen gepflanzter Weidenruten durchzogen. Die kleinen und großen Schiffe, die auf dem Fluss fuhren, ihre weißen, ausgebreiteten Segel, die bunten Flaggen oder das Geräusch der Ruder der Ruderboote, auf der anderen Seite aber eine unzählige Menge allerlei Viehs, das in der Ferne auf den Wiesen gehütet wurde; die Stadt selbst, die teils auf einem Berg, teils an einem Hang liegt; die zahlreichen roten Ziegeldächer der hohen Häuser, anderswo grüne, die in der Sonne zuweilen wie Glut leuchteten; das königliche Schloss, das sich auf dem Berg über alle Gebäude erhebt und mit seinem viereckigen, hohen Turm einen besonderen und gewissermaßen würdevollen Anblick bietet; die hohen, spitzen Glockentürme der Kirchen, die man an verschiedenen Stellen zwischen den unzähligen Häusern sah; die grünen Wälle der Festung Friedrichsburg, die am linken Flussufer beim Ausgang aus der Stadt liegt; ein ganzer Wald aus Masten vieler Schiffe, geschmückt mit bunten Windfahnen und Wimpeln; viele gewaltige und überaus hohe Windmühlen, die in der Stadt neben dem Wall und auf dem Berg errichtet waren – all das, all das bot dem Auge an dieser Stelle einen angenehmen Anblick, besonders wenn man auf diesem Weg zwei oder drei Werst gegangen war. An Fest- und Sonntagen war er ganz übersät mit einer Menge spazierender Leute beiderlei Geschlechts; an vielen Stellen waren Bänke zu ihrer Erholung aufgestellt, und an manchen Stellen standen kleine Häuschen, die eine Art Wirtshäuser bildeten, denn die Spaziergänger konnten dort einkehren, hineingehen und sich Milch, Eier, Butter, Würste, Käse und dergleichen mehr kaufen, zum Trinken aber Bier, Wein und in manchen sogar Tee und Kaffee. Und alle diese Häuschen fand ich stets voll von Menschen, doch nirgends und niemals sah ich irgendeinen Unfug oder Lärm, sondern alles war still, sanft und gut, sodass es eine Lust war zuzusehen und man seine Zeit stets angenehm verbringen konnte.
Die Erwähnung dieses Spaziergangs ruft mir auch meine Fahrt in Erinnerung, die ich in diesem Sommer auf einer Schaluppe in diese Gegend unternahm.
Dazu überredeten mich unsere Kanzleisekretäre und Kollegen; einer unserer Marineoffiziere hatte es übernommen, sie auf diese Weise auf dem Fluss spazieren zu fahren. Ich willigte umso bereitwilliger ein, mit ihnen zu fahren, als ich schon lange nicht mehr auf dem Wasser gefahren war, auf einer Schaluppe aber noch nie. Doch o wie ärgerte ich mich hinterher über mich selbst, dass ich mich hatte überreden lassen, mit ihnen zu fahren! Nie werde ich diese Spazierfahrt vergessen und welche Angst ich dabei ausgestanden habe. Schon das allein ließ mich bereuen, als ich mit ihnen in einem der erwähnten Häuschen, und zwar dem allerentferntesten, ankam und sah, dass ihre Hauptabsicht war, sich dort ungestört, wie sie es nannten, zu vergnügen, einfach gesagt aber – zu zechen und zu toben, ganz nach russischer Manier.
Solange wir den Fluss hinabfuhren und nicht so sehr ruderten, als vielmehr von der Strömung hinabgetragen wurden, freute ich mich noch über die Schnelligkeit der Fahrt wie über die verschiedenen, bis dahin nie gesehenen Gegenstände, die sich meinen Augen boten, denn so weit vor die Stadt war ich noch nie gefahren. Kaum aber waren wir bei dem erwähnten Häuschen angekommen und hineingegangen, als man aus unserem Bootchen ganze Dutzende Flaschen verschiedener Weine und Getränke hineinschleppte.
„Ei, ei, ei!“, rief ich da bei mir selbst, als ich das sah. „Deswegen also sind wir hierhergefahren! Nun, das ist Gottes und ihre Sache, ich aber bin nicht ihr Kumpan und werde auf keinen Fall mit ihnen trinken.“
Und ich hielt dieses Wort tatsächlich, denn wie sehr sie mich auch zuredeten, wie sehr sie mich auch bedrängten und wie sehr sie sich sogar bemühten, mich zu zwingen, ich gab ihren Bitten und Wünschen keineswegs nach und wollte mich auf keinen Fall ebenso um den Verstand trinken wie sie. Doch wie viel kostete mich das alles! Sie wurden sogar alle böse auf mich deswegen, ich aber achtete ihren Zorn und Ärger am allerwenigsten und wünschte nur, dass der Abend bald kommen und sie in die Stadt zurücktreiben möge. Endlich begann er auch heranzurücken, doch sie hatten sich so festgetrunken, dass sie, sooft ich ihnen auch vorschlug, es sei Zeit heimzufahren, nicht daran dachten, denn noch waren nicht alle Flaschen geleert. Endlich, mit Mühe und Not, tranken sie sie alle aus und entschlossen sich zurückzufahren; doch wie wurde ich da von Furcht und Entsetzen gepackt, als ich sah, dass der Fluss statt der früheren Glätte und Stille ganz mit schrecklichen Wellen bedeckt war; denn während sie auf die erwähnte Weise tranken, hatte sich das Wetter geändert, ein gewaltiger Wind hatte sich von unten her erhoben und auf dem Fluss einen gewaltigen Wellengang erzeugt. Ich, der ich seit jeher eine Abneigung gegen das Wasser hatte und mich stets fürchtete, darauf zu fahren, erstarrte da vor Schreck und wusste nicht, wie wir über solch schreckliche Wellen fahren sollten. Wären wir nicht so weit von der Stadt entfernt gewesen und wäre es nicht so spät gewesen, so hätte ich mich sogleich entschlossen, sie zu verlassen und zu Fuß in die Stadt zu gehen; da wir aber mehr als zehn Werst von ihr entfernt waren, dazu schon der Abend angebrochen war und kein Mensch mehr auf dem Weg war, war daran nicht zu denken, und ich musste mich mit ihnen zusammen wieder, nun schon mit stockendem Herzen, in die Schaluppe setzen. Was sie betrifft, so schien ihnen in ihrer Trunkenheit selbst das Meer nur knietief, und statt Furcht und Angst zu zeigen, lachten sie mich nur aus und nannten mich einen Feigling.
Ich ließ sie reden, was sie wollten, und dachte nur an die Gefahr und betete zu Gott, dass wir glücklich ankämen.
Doch so groß mir die Gefahr auch erschien, ich stellte sie mir nicht halb so groß vor, wie ich sie danach erlebte; denn kaum hatten wir vom Ufer abgelegt und die Mitte des Flusses erreicht, als unser betrunkener erster Sekretär, die Hauptperson des ganzen Ausflugs, der kaum mehr wusste, was er tat, dem Marineoffizier zurief:
– Bruder und Freund! Lass doch das Segel setzen, und fahren wir damit. Siehst du, Bruder, was für ein prächtiger Wind, wir sind im Nu da!
– Gut! – sagte der Offizier durch die Zähne und schwieg dann, doch der Matrose, der das Ruder führte, fiel ein:
– Wird es nicht gefährlich sein, gnädiger Herr, und dass wir nur nicht umschlagen: Der Wind ist zu stark?
– Was für ein Unsinn! – schrie unser Tschonschin. – Setz das Segel, aber schnell!
Ich erstarrte und erschrak, als ich das von dem Matrosen hörte, und mein Entsetzen wuchs noch mehr, als auch der Offizier selbst widerwillig befahl, das Segel zu setzen.
Doch wie soll ich das Entsetzen schildern, das mich packte, als nach dem Setzen des Segels sich alle auf eine Seite setzten und die Schaluppe ganz auf die Seite legten und riefen, ich solle mich schnell ebenso hinübersetzen wie sie. Dieser Brauch war mir völlig unbekannt, und da ich noch nie auf einer Schaluppe unter Segel gefahren war und auch nie gesehen hatte, wie man so fährt, wusste ich nicht, dass es so sein muss, und erstarrte deshalb vor Schreck, als ich sah, wie die eine Bordwand oder der Rand der Schaluppe beinahe bis ans Wasser reichte und fast Wasser schöpfte. Ich vergaß alles, schrie, jammerte, hielt mich schon für verloren, kletterte und klammerte mich an die gegenüberliegende Bordwand, und da ich jede Minute für die letzte meines Lebens hielt, rief ich alle Heiligen zu Hilfe; ich bat und flehte meine Kameraden an, sie möchten mir die Gnade erweisen und mich ans Ufer lassen; ich wollte schon, ungeachtet aller Dinge, die ganze Nacht allein zu Fuß marschieren – doch all das war vergebens. Sie lachten und wieherten nur über mich, nannten mich einen Feigling und Hasenfuß und sagten, das geschehe mir recht dafür, dass ich so störrisch sei und ihre Bitten und Zureden durchaus nicht habe hören und ihnen beim Trinken Gesellschaft leisten wollen.
Tausendmal verfluchte ich damals die Schaluppe und den Offizier und meine ganze Lust und mein Verlangen, auf einer Schaluppe zu fahren, und tausendmal bereute ich, nicht am Ufer geblieben und zu Fuß in die Stadt gegangen zu sein; doch all das kam schon zu spät.
Ich verbrachte mehr als eine halbe Stunde in unbeschreiblichem Entsetzen. Und ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, hätte nicht das Schicksal selbst mich davon erlösen wollen; denn es kam eine sogenannte Bö oder eine Art Wirbelwind und drückte unsere Schaluppe so heftig nieder, dass sie tatsächlich um ein Haar in den Wellen versunken und mit uns allen umgeschlagen wäre, und hätten die Kunst und Geistesgegenwart des Steuermanns nicht geholfen, so hätten wir alle baden gehen und im Pregel umkommen müssen. Unsere Herren selbst, die betrunkenen Ritter, wie tapfer sie sich bis dahin auch gegeben hatten – als die Bordwand schon etwas Wasser in unsere Schaluppe geschöpft und uns alle durchnässt hatte, da verflog auch ihr Rausch, und sie schrien alle wie aus einem Munde, man solle schnell das Segel herunterlassen und wieder zu den Rudern greifen, und weigerten sich nicht, zusammen mit den Übrigen das Wasser mit Hüten und was immer zur Hand war aus der Schaluppe zu schöpfen. Und das setzte all meiner Angst und Besorgnis ein Ende, denn so stark das Unwetter auch war, wir kamen mit den Rudern glücklich bis zur Stadt. Trotz alledem schwor ich mir beim Aussteigen aus der Schaluppe, künftig nie und unter keinen Umständen mehr auf solche Weise darauf zu fahren.
Damit endete damals diese Begebenheit, und damit beende auch ich meinen Brief und überlasse die weitere Erzählung dem folgenden; inzwischen verbleibe ich und so weiter.
80. Brief
Lieber Freund! Wenn ich mich weiter an das erinnere, was im Laufe dieses Jahres bei uns in Königsberg geschah, so fällt mir unter anderem ein, dass unser General in den altertümlichen, öden und dunklen herzoglichen Gemächern wohnte, die im zweiten Stock des Schlosses lagen und nur sehr wenige, noch dazu kleine Fenster hatten, weshalb sie, besonders im Verhältnis zu ihrer Geräumigkeit und Größe, sehr dunkel waren; und da es über diesem Stockwerk noch zwei weitere gab – das eine das allerbeste, die Beletage, das andere ein Mezzanin, aber recht hoch –, beide Stockwerke jedoch noch nicht ausgebaut waren, wollte unser General die erwähnte Beletage für seine Wohnung ausbauen lassen und erbat dazu die Erlaubnis der Kaiserin. Diese Instandsetzung und dieser Ausbau kosteten uns so manches Tausend, denn der General ließ diese Räume mit großzügiger Hand und ohne im Geringsten Geld zu sparen herrichten; die besten Stuckateure und Freskomaler wurden für die Ausschmückung und Ausmalung der Zimmer herangezogen, und allein die Galerie kostete, glaube ich, an die zweitausend, von den übrigen zahlreichen Wohn- und Paradezimmern ganz zu schweigen.
Eines davon war schöner ausgestattet und geschmückt als das andere, und das ganze Stockwerk war so gut hergerichtet, dass, wäre die Kaiserin selbst zu uns gekommen, sie darin ein bequemes Quartier hätte finden können.
Diese Arbeit hatte bei uns schon im vergangenen Jahr begonnen und dauerte mehr als ein Jahr, und der General konnte ihre Vollendung kaum erwarten, so sehr waren ihm seine dunklen Zimmer verleidet, die zu seiner prachtvollen Lebensweise ganz und gar nicht passten. Und als der Ausbau zu Beginn dieses Sommers vollendet war, zog unser General sogleich dorthin um, und da erst, wie das Sprichwort sagt, entfaltete er sich so recht und zeigte, wie er zu leben verstand und zu leben liebte. Bälle, Maskeraden und Tänze hatte es bei uns auch vorher nicht selten gegeben, nun aber, da es Platz gab zum Tanzen und Sich-Vergnügen, verdoppelte sich ihre Zahl, und das Tanzen wurde mir schon so lästig, dass ich mich manchmal absichtlich krank meldete, um nicht auf den Ball gehen und meine Kräfte nicht bis zur Erschöpfung im Tanzen und Springen verausgaben zu müssen.
So war es in der Tat, und zwar umso mehr, als jedes Mal eine gewaltige Menge Damen und Fräulein zu uns kam und alle schrecklich gern tanzten, Männer aber, besonders junge, die, wie man sagt, aus Leibeskräften tanzen konnten, sehr wenige; und da ich damals schon zu der kleinen Zahl der vornehmsten und besten Tänzer gehörte, so urteilen Sie selbst, wie es uns erging, wenn wir ohne Pause mehrere Stunden lang springen und uns im Kreise drehen mussten, beim Tanzen verschiedener Kontertänze, von denen schon ein einziger blutigen Schweiß kostete; denn wir tanzten sie hier in der neuen, geräumigen Galerie mit nicht weniger als dreißig Paaren; die andere, ebenso große oder noch größere Hälfte der jungen Damen und Fräulein aber stand mit gefalteten Händen da und wartete ungeduldig auf das Ende, um selbst einen weiteren Kontertanz zu beginnen, und ihre Gier danach und nach dem Auffinden von Kavalieren war so groß, dass nicht wir sie, sondern sie selbst uns suchten und uns nicht etwa aufforderten, sondern inständig baten, mit ihnen zu tanzen, und jedes Mal eilten, einander zuvorzukommen, um sich den besten Tänzer zu sichern; sodass sie schon in der Mitte des gerade getanzten Kontertanzes von hinten an uns herantraten und sich das Versprechen unserer Hand erbaten.
Anfangs, solange es uns neu war, rechneten wir uns das zur besonderen Ehre an; später aber, als die Länge der Kontertänze, besonders der allerwildesten und ausgelassensten, uns so überdrüssig wurde, dass man kaum das Ende auch nur eines einzigen erwarten konnte, denn schon von einem wurde das Hemd ganz nass vom Schweiß, begannen wir zu allerlei Listen und Täuschungen zu greifen; und nachdem wir uns von allen, die von hinten herbeiliefen und das Versprechen eines Tanzes verlangten, mit der Versicherung losgemacht hatten, wir seien schon vergeben und hätten unser Wort bereits anderen gegeben, obwohl nichts dergleichen der Fall war, verzogen wir uns gleich nach dem Ende des Tanzes in die allerentferntesten Räume, wo niemand war, und gönnten uns dort ein wenig Erholung.
Doch nicht selten spürten uns die Damen auch dort auf, und wir wussten nicht mehr, wohin wir uns vor ihnen retten sollten, die uns in ganzen Scharen und Reigen suchten.
Mit einem Wort, diese Stadt war für uns die allerfröhlichste und prächtigste unter allen früheren und späteren. Unser General lebte so, wie es einem kleinen Zaren oder einem regierenden und reichen Fürsten geziemte, und man kann wirklich sagen, mit prachtvoller und reicher Hand. Was für Gelage und zahlreiche Mittag- und Abendessen gab er an allen, selbst den allergeringsten Fest- und Feiertagen, aber auch bei den Durchreisen aller vornehmen Personen durch unsere Stadt! Welch neue Herrlichkeit und Pracht wurde jedes Mal auf den Tafeln entfaltet! Welche Pracht auf den Bällen und Maskeraden! Von allen Seiten wurden die besten Musikanten verschrieben und kamen zu uns, und für jeden Ball wurden neue Musikalien und Tänze herbeigeschafft. Kurz, alles Neue und Beste musste bei uns zu sehen und zu hören sein, und man kann ohne Irrtum sagen, dass die preußischen Einwohner seit dem Bestehen ihres Königreichs in ihrer Hauptstadt noch nie solche Prachtentfaltung, Zerstreuungen und Vergnügungen gesehen hatten, wie sie sie damals sahen und wohl auch künftig kaum jemals sehen werden. Denn selbst die preußischen Könige können wohl kaum jemals so fröhlich, prächtig und glanzvoll leben, wie damals unser Korff lebte. Er hatte wahrhaftig gleichsam einen kleinen Hof, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass sich das Gerücht und der Ruhm davon so überallhin verbreiteten, dass von allen Seiten nicht nur der preußische, sondern sogar der benachbarte polnische Adel zu uns kam, um an unseren Vergnügungen teilzunehmen, sich uns zu zeigen und uns anzusehen, und wir hatten jedes Mal das Vergnügen, neue Gesichter und Gestalten zu sehen.
Zu diesen Vergnügungen gab uns in diesem Jahr außer den gewöhnlichen Festen und Feierlichkeiten auch eine Hochzeit Anlass, die unser General in seinem Haus ausrichtete. Einer unserer Räte, nämlich Herr Baumann, kam auf den Gedanken, ein preußisches adliges Fräulein zu heiraten; und da er im Haus des Generals lebte und von ihm unterhalten wurde, half ihm der General, diese Hochzeit auszurichten. Sie war überaus prächtig, gleichsam fürstlich, und mir war es vergönnt, mehrere Tage hintereinander darauf zu tanzen und dabei Gelegenheit zu haben zu sehen, wie bei den Deutschen die Trauung in den Häusern vollzogen wird. Bei uns fand sie in der großen Galerie statt, und wir sahen diesem Schauspiel mit Vergnügen zu, obgleich diese Zeremonie bei ihnen in Wahrheit bei Weitem nicht so sehenswert ist wie bei unseren Hochzeiten.
Außerdem hatten wir im Laufe dieses Sommers noch Gelegenheit, ein recht schönes und nicht wenig kostspieliges Feuerwerk zu sehen.
Denn da nur dies noch unseren Vergnügungen fehlte, wollte unser General auch mit diesem noch nie gesehenen Schauspiel die Preußen und das ganze Königsberger Publikum erfreuen.
Angefertigt und zusammengebaut hat es uns der von mir schon früher erwähnte Italiener Mornini, der beim General lebte; und da es nicht klein war und aus einem gewaltigen, aus Zündschnüren und Lichtern gefertigten Schild sowie aus einer Menge Räder, Fontänen, Raketen, Feuertöpfe und anderer dergleichen Dinge bestand, arbeitete er lange daran, und ich hatte dabei zum ersten Mal Gelegenheit zu sehen, wie man so etwas macht. Als Platz dafür wählten wir das Ufer des Pregels, unweit meines früheren Quartiers, und wir brannten es am Peterstag vor einer unzähligen Menge Volkes ab; und das Vergnügen, das dieses Schauspiel allen Königsberger Einwohnern bereitete, war gewaltig, sie alle konnten es nicht genug dafür loben.
Dieses Ereignis wurde ebenfalls von einem großen Ball und Festlichkeiten begleitet, und bald darauf hatten wir wieder Gelegenheit, mehrere Tage hintereinander zu springen und uns zu drehen, und zwar anlässlich der Durchreise des älteren Grafen Tschernyschow, Pjotr Grigorjewitsch, durch Königsberg. Er war von unserem Hof als Gesandter nach Spanien geschickt worden, um den neuen König zu seiner Thronbesteigung zu beglückwünschen, und da er Befehl hatte, lange dort zu bleiben, reiste er mit seiner Frau und beiden Töchtern dorthin, Mädchen schon im heiratsfähigen Alter. Sie blieben etwa eine Woche bei uns in Königsberg, und da sie im Schloss bei unserem General wohnten, bemühte sich dieser, sie so gut wie möglich zu bewirten, und ersann jeden Tag neue Vergnügungen. Die beiden jungen Gräfinnen waren leidenschaftliche Tänzerinnen, spielten auch verschiedene Instrumente, brachten uns eine Menge neuer Tänze mit, und wir durften auch mit ihnen bis zur Erschöpfung tanzen.
81. Brief
Lieber Freund! In meinem vorigen Brief an Sie hielt ich bei der Erzählung inne, welchen Erfolg ich in meiner Besserung und darin hatte, mir alle schlechten Gewohnheiten und Leidenschaften abzugewöhnen, die der menschlichen Natur eigen sind; und nun, da ich denselben Gegenstand fortsetze, will ich sagen, dass mich zu alledem vor allem die sittenlehrenden Bücher antrieben, deren Lektüre ich ebenso liebgewonnen hatte wie zuvor die der Romane; und da ich damals die beste und erwünschteste Gelegenheit hatte, sie mir zu beschaffen, weil die erwähnte Bibliothek, aus der ich mir Bücher zum Lesen holte, nicht nur mit Romanen, sondern mit Schriften aller Art gefüllt war, darunter auch mit den philosophischsten und besten sittenlehrenden, und ich aus ihr bekommen konnte, welche ich nur wollte, so las ich sie fast ununterbrochen und füllte meinen Verstand von Stunde zu Stunde mit immer mehr und wichtigeren Kenntnissen. Ich kann nicht schildern, welch großen Nutzen sie mir brachten und wie sehr sie all mein Wissen und meine Kenntnisse erweiterten. Mit einem Wort, durch sie lernte ich nicht nur mich selbst kennen, sondern auch alles Nötigste, was der Mensch im Leben wissen muss; und was das Beste ist, ich wurde mit der ganzen gelehrten Welt weit besser bekannt und erfuhr ohne alle Lehrer und Erzieher vieles, was manch anderer nicht erfährt, der ordentlich an Akademien und Universitäten studiert und viele Lehrer und Erzieher hat.
Mit einem Wort, sie waren meine besten Freunde, Erzieher, Lehrer und Ratgeber und halfen mir unsagbar bei meiner Besserung und bei der Bildung meines Herzens und Geistes. Und wie glückselig war für mich jene Zeit.
Mit jedem Tag erwarb ich neue Kenntnisse und wurde mit jedem Tag besser; doch kann man sagen, dass dazu auch die ernsten Betrachtungen viel beitrugen, denen ich mich nicht selten hingab und die mich bewogen, damals ein besonderes Unternehmen zu beginnen, wie es Menschen in meinem damaligen Alter selten tun: Ich nahm mir vor, jeden guten Gedanken, der mir begegnete, und jede gute Regung meiner Seele auf besondere Zettel zu schreiben und mir jeden Tag etwas Nötiges vorzuschreiben, sei es zur Ausführung, sei es, um etwas nicht zu vergessen. Und da ich mich darin fast ein ganzes Jahr lang übte, sammelte sich eine solche Menge dieser beschriebenen Zettel an, dass ich, nachdem ich sie alle ins Reine geschrieben hatte, aus ihnen ein ganzes Buch zusammenstellen und binden lassen konnte, das ebenso viele mir selbst vorgeschriebene Regeln enthielt, wie das Jahr Tage hat. Ein Büchlein, das ich bis heute unversehrt besitze und als eine Art Denkmal meiner damaligen Beschäftigungen und Übungen aufbewahre, zugleich als ersten, schwächsten Versuch meiner sittenlehrenden Schriften; und dem ich, meiner Absicht gemäß, keinen anderen besonderen Titel gab, sondern es schlicht Gedenkbüchlein nannte.
Am nützlichsten und denkwürdigsten aber war für mich, dass ich im Laufe dieses Jahres begann, die Philosophie zu lernen und ordentlich zu studieren. Das geschah ganz zufällig, beinahe unbeabsichtigt und so, dass ich auch diesen Umstand den besonderen Wirkungen und der Fürsorge der göttlichen Vorsehung um mein wahres Wohl zuschreibe; und da dieses Ereignis Einfluss auf mein ganzes Leben hatte, will ich ausführlicher davon erzählen.
Unter den vielen und verschiedenen Büchern, die ich damals las, hatte ich zwar auch einige philosophische gelesen und dadurch schon einen gewissen Begriff von diesem wichtigsten Teil der Gelehrsamkeit erhalten, doch war all mein Wissen in diesem Fach noch sehr unvollkommen; und überdies noch von solcher Art, dass es mir noch unbeschreiblichen Schaden hätte bringen können, hätte mein gütiges Schicksal durch das erwähnte Ereignis dem nicht einen Riegel vorgeschoben und mich eben dadurch vor dem völligen Verderben gerettet, wovon ich später ausführlicher berichten werde.
Von allen philosophischen Büchern, die ich bis dahin gelesen hatte, gefiel mir keines so sehr wie Gottscheds „Erste Gründe der gesamten Weltweisheit“.
Dieses Buch enthielt eine kurze Darstellung oder einen Abriss der gesamten sogenannten Wolffschen Philosophie, die damals überall allgemein im Gebrauch war und bei all ihren Mängeln damals für die beste galt. Deshalb lehrten sie auch in Königsberg alle Professoren und Jugendlehrer, so wie sie leider, nachdem sie auch zu uns übergesiedelt ist, bei uns noch bis heute herrscht.
Mir aber war damals am allerwenigsten bekannt, dass diese Philosophie viele Mängel und Unvollkommenheiten hatte: dass gerade die Grundlagen, auf denen ihr ganzes Gebäude errichtet war, schwach und unzuverlässig waren und dass sie überhaupt von solcher Beschaffenheit war, dass ein Mensch, der sich ihr anschloss, gut und ungefährdet sein konnte, solange er sich nur oberflächlich an sie hielt und mit dem zufrieden blieb, was sie enthielt; sobald aber einer ihrer Anhänger seine Gedanken weiter treiben und tiefer in das Wesen aller Dinge eindringen wollte, konnte er am allerschnellsten vom rechten Pfad abkommen und sich so verirren, dass er schließlich ein Deist, Freigeist und sogar ein völliger Gottesleugner wurde; und dass sehr viele, im Übrigen hochverständige Leute durch sie tatsächlich zu solchen Taugenichtsen geworden waren und sich statt des gesuchten Nutzens äußersten Schaden zugezogen hatten und in unwiederbringliches Verderben gestürzt waren, so wie es beinahe auch mir ergangen wäre, wovon ich später an seinem Ort berichten werde.
Und so wenig mir dies bekannt war, ebenso wenig wusste ich davon, dass einige Jahre zuvor eine neue Philosophie in der Welt aufgekommen war, unvergleichlich besser und gründlicher als diese und nicht nur keineswegs schädlich, sondern mit dem besonderen Vorzug vor allen bisherigen Philosophien, dass sie jeden Menschen, der sich ihr anschloss, selbst wenn er es nicht wollte, beinahe zwangsläufig zu einem guten Christen machte, während im Gegenteil die Wolffsche selbst einen guten Christen fast immer in einen schlechten oder vielmehr gar in einen Deisten und Kleingläubigen verwandelte; und dass diese neue und dem Menschengeschlecht überaus nützliche Philosophie, begründet in Leipzig von einem der dortigen gelehrtesten Männer namens Christian August Crusius, bereits in der Welt Aufsehen zu erregen begann, viele Anhänger gewann und sich nach und nach in Europa ausbreitete, unter anderem auch in eben der Stadt, in der ich mich damals befand. Dort lehrte sie bereits öffentlich einer der Magister der Universität namens Weymann; da aber alle übrigen Professoren noch Wolffianer und Anhänger der erwähnten früheren und unvollkommenen Philosophie waren, erlitt er von ihnen dafür noch einige Verfolgung und Missgunst, besonders deshalb, weil viele der in Königsberg Studierenden von ihren früheren Lehrern abfielen, sich ihm anschlossen und, nachdem sie bessere Grundsätze und Gedanken gelernt hatten, für jene zu solchen Gegnern wurden, die sie in ihren üblichen Disputationen keineswegs zu überwinden vermochten.
All das wusste ich noch nicht und hätte es vielleicht nie erfahren, wäre es nicht dazu gekommen, dass die oben erwähnten zehn Studenten aus Moskau zu uns geschickt wurden und ich mit zweien von ihnen näher bekannt wurde. Beide waren die allerbesten von allen und gerade diejenigen, die dazu bestimmt waren, meine Stelle einzunehmen und mein Amt zu versehen.
Der eine von ihnen hieß Sadowski, der andere Malinowski.
Beide waren gebürtige Moskauer, beide Söhne dortiger Popen, doch beide von sehr gutem Charakter, gutem und bescheidenem Betragen; beide Liebhaber der Wissenschaften, die an der Universität gut gelernt und schon hinreichende Kenntnisse von allem hatten, und dazu Menschen von guter Gesinnung. Da beiden befohlen war, sich für die Zeit, bis sie sich mehr in die deutsche Sprache eingeübt hätten und zu Übersetzungen tauglicher geworden wären, Lehrer unter den dortigen Professoren zu suchen und bei ihnen ihre früheren Studien fortzusetzen, wählten sie, da sie an der Universität noch Philosophie studiert hatten, auch hier eben diese Fakultät, verabredeten sich mit einem der dortigen Professoren und begannen, bei ihm weiter Vorlesungen zu hören, so wie sie es schon an der Moskauer Universität getan hatten.
Es traf sich, dass dieser Professor zwar, wie alle übrigen, ein Wolffianer war, dass aber unter seinen Schülern, den dortigen Studenten, einige waren, die heimlich auch bei dem erwähnten Magister Weymann jene neue Crusianische Philosophie lernten, von der ich oben sprach, und dass diese, nachdem sie mit unseren beiden Studenten bekannt und befreundet geworden waren, ihnen so viel Gutes sowohl von dieser neuen Philosophie als auch von Weymann erzählten, dass sie in ihnen die Lust weckten, diese neue und um so viel bessere und vorzüglichere Philosophie zu lernen.
Mit ihrer Hilfe wurden sie auch sogleich mit diesem Magister bekannt, und da dieser über solche neuen Liebhaber seiner Philosophie sehr erfreut war, lud er sie ein, abends zu ihm zu kommen, und erbot sich gern, ihnen privat Vorlesungen zu halten; er wünschte nur, dass die Sache geheim betrieben werde, und zwar so, dass der Professor, bei dem sie bis dahin gelernt hatten, vorerst nichts davon erfahre und er nicht deswegen irgendeine Bosheit von ihm zu erleiden habe, worein sie auch selbst gern einwilligten. Doch kaum waren sie einige Male bei ihm gewesen und hatten seine Vorlesungen gehört, da waren sie von dieser neuen Philosophie schon so stark eingenommen, dass sie auch mir ihr Vergnügen mitteilen wollten. Mit mir hatten sie schon Zeit gehabt, nicht nur bekannt, sondern sogar befreundet zu werden; denn da ihnen befohlen war, von Zeit zu Zeit auch zu uns in die Kanzlei zu kommen, wurden sie, als sie von mir und meiner ausnehmenden Liebe zu Büchern und Wissenschaften erfuhren, sogleich näher mit mir bekannt und gewannen mich außerordentlich lieb, und nicht weniger gewann sogleich auch ich beide lieb; und jedes Mal, wenn sie zu uns kamen, führten wir mit ihnen über alles und jedes, was Bücher und Wissenschaften betraf, unablässige und für mich ausnehmend angenehme Gespräche, und dies verband uns sehr bald in einer beinahe unzertrennlichen Freundschaft.
Ich kann nicht schildern, wie erstaunt ich war, als ich von ihnen von der erwähnten neuen und mir noch ganz unbekannten Philosophie und von ihren Vorzügen vor der früheren, mir bekannten hörte, und wie sehr sie in mir selbst die Lust weckten, sie näher kennenzulernen und zu hören, wie man ihnen darüber Vorlesungen hält. Sie vernahmen meinen Wunsch und versäumten nicht, mit ihrem Magister Weymann darüber zu sprechen und ihn zu fragen, ob er ihnen nicht erlauben würde, mich einmal mitzubringen, damit ich wenigstens ein einziges Mal bei seinen Vorlesungen zugegen sein könnte; und wie unbeschreiblich erfreuten sie mich, als sie mir die Nachricht brachten, dass er es ihnen nicht nur erlaubt habe, sondern es sich zur besonderen Ehre anrechne und sehr froh sein werde, wenn ich ihn mit meinem Besuch beehrte.
Wir verabredeten, noch am selben Tag alle zusammen zu ihm zu gehen.
Der Abend war damals, wie ich mich noch heute erinnere, sehr dunkel, herbstlich und dazu regnerisch, und obwohl der Weg für uns sehr schlecht war und wir viele Straßen und enge Gassen über schlüpfriges Pflaster gehen mussten, ging ich nicht, sondern flog, ohne die Füße unter mir zu spüren, hinter meinen Führern her. Ich dachte nicht anders, als dass ich ein ordentliches und gut eingerichtetes Haus vorfinden würde; doch wie erstaunte ich, als ich eine wahre Kammer im zweiten Stock eines mittelmäßigen Häuschens fand und darin überall nur Spuren vollkommener Armut. Einem anderen hätte sie nichts als Verachtung einflößen können, ich aber hatte anderes im Sinn. Ich suchte in ihr die Weisheit und war so glücklich, sie auch zu finden.
Herr Weymann empfing mich mit ausnehmender Freundlichkeit, ließ uns Platz nehmen und begann sogleich mit seiner Sache. Der Gegenstand, über den der Reihe nach damals zu sprechen war, war der allerfeinste und allerwichtigste der ganzen Metaphysik; wie ich mich noch heute erinnere, über Zeit und Raum; und er behandelte ihn trotz all seiner Feinheit so gut, so verständlich und schmückte ihn mit so vielen Nebenbetrachtungen, die sich auf beide Philosophien bezogen, dass ich ihm mit unbeschreiblichem Vergnügen zuhörte und, von seiner Erlaubnis Gebrauch machend, nicht müde wurde, ihn bald nach diesem, bald nach jenem zu fragen, um es besser zu verstehen. Und durch meine ausnehmende Aufmerksamkeit wie durch mein Verständnis alles dessen, was er sagte, und ebenso durch meine vollkommene Kenntnis der deutschen Sprache gefiel ich ihm so sehr, dass er mir beim Abschied und bei unseren Dankesbezeigungen sagte, wenn es mir nur gefällig sei, werde er es sich zum besonderen Vergnügen anrechnen, wenn ich auch künftig stets zu ihm käme und seine Vorlesungen hörte, und dass er nicht nur nichts dafür verlangen, sondern es sich zur besonderen Ehre anrechnen werde, mich in der Philosophie zu unterrichten, die mir so sehr gefallen hatte.
Ich war mit dieser seiner Einladung sehr zufrieden und versäumte nicht, von der mir gegebenen Erlaubnis Gebrauch zu machen, und versäumte von da an kein einziges Mal, mit meinen Kameraden zu ihm zu gehen, und richtete meine Geschäfte stets so ein, dass ich mich für die ganze siebte Stunde nach Mittag aus der Kanzlei zu ihm entfernen konnte. Und Herr Weymann gewann mich so lieb, dass er mich unter allen seinen Schülern für den besten hielt und für denjenigen, der alles am schnellsten und vollkommensten begriff, und bemühte sich so sehr um die Aufklärung meines Verstandes, dass ich sagen kann, diesem Mann in meinem Leben sehr viel zu verdanken.
Auf diese Weise begann ich von dieser Zeit an ordentlich zu studieren und philosophische Vorlesungen zu hören, und betrieb das so verborgen, dass lange Zeit niemand davon wusste noch ahnte. Als aber schließlich meine häufigen und stets zur selben Zeit stattfindenden Abwesenheiten aus der Kanzlei auffällig wurden und einige von unseren Kanzleileuten mich zu verdächtigen und sie ins Schlechte auszulegen begannen, musste ich mich schließlich Herrn Tschonschin eröffnen und mir von ihm eine förmliche Erlaubnis für diese Abwesenheiten erbitten.
Und da hatte ich das Vergnügen zu sehen, dass mir dies nicht zum Nachteil, sondern zur besonderen Ehre und zum Lob gereichte.
Herr Tschonschin rühmte und erzählte es nicht nur allen mit großem Lob für mich, sondern sagte es sogar dem General selbst, und in einem solchen Ton, dass auch dieser nicht versäumte, mich dafür öffentlich zu loben, und mich bei vielen Gelegenheiten jungen Leuten, besonders liederlichen Offizieren, als Beispiel und Vorbild hinstellte.
Doch dabei allein blieb es nicht; denn da um eben diese Zeit aus Petersburg ein entfernter Verwandter von ihm aus dem Geschlecht der Tschoglokows zu ihm geschickt worden war, um an der dortigen Universität Sprachen und Wissenschaften zu studieren, und er bei einem der ersten dortigen Professoren, Herrn Kowalewski, gleichsam in Pension wohnte, dieser junge Mann aber von solchem Charakter war, dass er Aufsicht brauchte, fand unser General niemanden außer mir, dem er diesen Auftrag hätte anvertrauen können. Deshalb musste ich von Zeit zu Zeit in die dortige Universität und in das Haus des erwähnten Herrn Kowalewski gehen und nicht nur die Fortschritte dieses seines Verwandten prüfen, sondern mich auch nach seinem Betragen und Verhalten erkundigen; und da bald darauf auch ein anderer unserer Armeegenerale, der sich dort aufhielt, nämlich Herr Chomutow, auf Empfehlung unseres Generals mich inständig bat, auch seinen Sohn, der ebenda an der Universität studierte, unter meine Aufsicht zu nehmen, machte mich all das auch an der Universität bekannt und verschaffte mir bei allen dortigen Professoren Ehre und besondere Achtung, die so weit ging, dass sie bei jeder Universitätsfeierlichkeit und jedem Fest nie versäumten, auch mich zusammen mit den übrigen vornehmsten Personen zur Teilnahme einzuladen, und mir alle, als wäre ich schon ein Gelehrter, besondere Höflichkeit und Artigkeit erwiesen.
Nun kann jeder leicht schließen, dass mir all das nicht zuwider sein konnte, sondern besonders angenehm war, und der Nutzen, der mir daraus erwuchs, war der, dass ich dadurch Gelegenheit hatte, alle Universitätsbräuche und -gewohnheiten zu sehen und sowohl von der Art des Unterrichts als auch von allem einen näheren Begriff zu bekommen. Was aber den erwähnten Professor Kowalewski betrifft, der besonders dafür berühmt war, dass in seinem Haus stets viele Pensionäre wohnten und lernten, nicht selten aus den allervornehmsten Familien Preußens und anderer Länder, so sah ich, obwohl ich oft bei ihm war, außer kalter Höflichkeit nichts von ihm; und ich fand auch, dass er berühmter war, als er es verdiente. Sein ganzer Unterricht hatte nichts Außerordentliches und Besonderes an sich, und auch die Aufsicht über die Schüler und die Sorge um ihre Bildung waren recht mittelmäßig; die einzige Seltenheit und Besonderheit in seinem Haus, die ich fand, war die, dass von allen früheren und damaligen Schülern gemalte Bildnisse angefertigt worden waren, mit denen ein ganzes Zimmer ausgestattet war: doch auch das rührte von nichts anderem her als von der bloßen Ruhmsucht dieses hochmütigen und sich dessen brüstenden Mannes; im Übrigen kann man nicht sagen, dass alle, die bei ihm lernten, großen Nutzen von ihm hatten.
Eine andere Denkwürdigkeit, die mir um diese Zeit widerfuhr, war die, dass ich im Rang befördert wurde und vom Unterleutnant zum Leutnant aufstieg.
Diesen Rang hätte ich längst haben können, wenn meine Beförderung von unserem General abgehangen hätte; da ich aber zur Armee zählte und noch immer im Regiment geführt wurde, konnte der General nichts zu meinen Gunsten tun, und ich musste alles von den obersten Befehlshabern der Armee erwarten und abwarten, bis mir der Leutnantsrang der Reihe und dem Dienstalter nach zufallen würde. Da ich aber vom Regiment abwesend war und in der Armee nicht präsent war, erwartete ich keineswegs eine Beförderung und bemühte mich am allerwenigsten darum; als aber unser neuer alter Feldmarschall, der selbst für seine Siege von der Kaiserin belohnt und im Rang erhöht worden war, nach seiner Rückkehr aus dem Feldzug nach Polen allen Armeeoffizieren, die mit ihm im Feldzug gewesen waren, eine Wohltat erweisen und sie mit einer allgemeinen, alle betreffenden großen Beförderung erfreuen wollte, fiel bei eben dieser Gelegenheit wider alles Hoffen und Erwarten auch mir der Leutnantsrang zu. Und dies wurde vom Regiment unserem General zur Kenntnis gebracht, mit der wiederholten Forderung und Bitte, mich zu entlassen und zum Regiment zu schicken.
Diese Beförderung war daher zwar nichts Außerordentliches und nicht von Belang, doch da Ränge damals sehr schwer vergeben wurden und ich sie am allerwenigsten erwartet hatte, war ich darüber außerordentlich erfreut. Herr Tschonschin versäumte nicht, mir auch bei dieser Gelegenheit einen Streich zu spielen. Er hatte vor allen anderen davon erfahren; da der General ihm aber verboten hatte, es mir zu sagen, weil er mich selbst am folgenden Morgen erfreuen wollte, bekam Herr Tschonschin Lust, sich über mich zu belustigen und mich mit Schreck und Angst darauf vorzubereiten. Kaum war ich also am folgenden Morgen in die Kanzlei gekommen, als er sich nicht nur stellte, als wisse er von nichts, sondern sogar zornig und finster, mich zu sich in die Gerichtsstube rief und mit zornigem Ton und Blick zu mir sagte: „Was hast du da angestellt? Der General ist unsagbar böse auf dich. Es ist von den Deutschen irgendeine Beschwerde über dich bei ihm eingegangen; ich war eben erst in seinen Gemächern, und er tobt und wütet, und sieh nur, was dir von ihm blüht.“ Ich erstarrte, als ich das hörte, und da ich mir nichts bewusst war, antwortete ich ihm, Seine Exzellenz möge mit mir machen, was ihm beliebe, ich jedenfalls wisse nichts dergleichen von mir, womit ich seinen Zorn verdient haben könnte. – „Und doch“, fiel er ein, „ist irgendein Schriftstück gegen dich eingereicht worden. Ich habe es selbst gesehen, und es ist auf Deutsch geschrieben. Weißt du nicht etwas auf dich?“ – „Ich weiß nichts“, sagte ich, „es sei denn, irgendein Taugenichts hat sich in den Kopf gesetzt, etwas Falsches über mich zusammenzulügen!“ – „Nun, wir werden ja sehen, der General kommt bald hierher, und du mach dich nur auf eine Antwort gefasst; mich ärgert nur, dass es so zur Unzeit geschehen ist. Du weißt nicht, dass mit dem gestrigen Kurier unter anderem erneut die Forderung eingegangen ist, dich zum Regiment zu schicken, und ich weiß wahrhaftig jetzt nicht mehr, wie wir dich halten sollen; und ich fürchte, dass der General in seinem jetzigen Ärger über dich sich schließlich entschließt, dich gehen zu lassen, wie er es mir gegenüber schon angedeutet hat.“ – „Wie er will!“, sagte ich; doch muss ich gestehen, dass dieses Letzte meinen Geist noch mehr beunruhigte, und, um mit dem Sprichwort zu reden, es begannen mir da die Katzen heftig am Herzen zu kratzen.
Ich hatte schon vorher keine Lust gehabt, zur Armee zu gehen, und unter den damaligen Umständen wollte ich mich erst recht auf keinen Fall von Königsberg trennen.
In eben diesem Augenblick traten unsere Räte in die Gerichtsstube, und Herr Tschonschin gab mir ein Zeichen hinauszugehen. Ich ging mit hängendem Kopf, bleichem Gesicht und so verstörter und bestürzter Miene hinaus, dass alle meine Kollegen es sogleich bemerkten, mich umringten und fragten, was mit mir geschehen sei. – „Ach, Brüder“, sagte ich ihnen voller Verdruss, „irgendein Biest hat, wie man sagt, beim General irgendeine Beschwerde gegen mich eingereicht, obwohl ich mir nichts bewusst bin und von nichts weiß; und andererseits fordert man mich wieder zum Regiment an, und Timofej Iwanowitsch hat mir gesagt, dass der General, der jetzt sehr zornig auf mich ist, mich nicht länger halten will und entschlossen ist, mich gehen zu lassen.“ – „Was sagen Sie da?“, riefen alle wie aus einem Munde, als sie das hörten, bildeten einen Kreis um mich und begannen alle, um mich zu klagen und zu trauern; denn man muss wissen, dass die ganze Kanzlei mich aufrichtig liebte und alle bis auf den Letzten den lebhaftesten Anteil an meinem Kummer und Verdruss nahmen. Doch kaum hatten sie begonnen, mich einander überbietend genauer danach auszufragen, als es in der Gerichtsstube plötzlich lärmte und der Wächter mit der Nachricht zu uns herausgelaufen kam, der General komme. – Im Nu stoben da alle wie Regen von mir auseinander, setzten sich an ihre Plätze und verstummten. Ich ging ebenfalls an den meinen, hinter die Trennwand, doch kaum hatte ich mich gesetzt und begonnen, meinen Kameraden, den Deutschen, die ebenfalls neugierig waren, von meinem Kummer zu erzählen, als in der Gerichtsstube das Glöckchen erscholl, und eine Minute später läuft der Wächter wieder heraus, läuft geradewegs auf mich zu und sagt: „Belieben Sie, gnädiger Herr, zum General!“ – Ich erstarrte wie tot, als ich das hörte, und mein Herz schlug so heftig in mir und das Blut geriet im ganzen Körper so in Wallung, dass ich kaum imstande war, vom Platz aufzustehen und mich, so gut es in der Eile ging, etwas zurechtzumachen und auf eine Antwort vorzubereiten. Mit bebendem Herzen, bleichem Gesicht und einknickenden Knien ging ich, wohin man mich rief; und als ich beim Öffnen der Türen schon von Weitem den General sah, der ein Schriftstück in der Hand hielt und auf mich wartete, zweifelte ich nicht im Geringsten, dass es eben jene eingereichte Beschwerde sei, von der mir Herr Tschonschin erzählt hatte, wurde dadurch im Geist noch mehr beunruhigt und war, in unbeschreiblicher Bestürzung, kaum imstande, die Gerichtsstube zu betreten und mich vor dem General zu verneigen. Ich erwartete nichts anderes, als dass er im selben Augenblick, wie es seine Gewohnheit war, Feuer und Flamme auf mich speien und mich ganz und gar in den Schmutz treten würde; doch wie erstaunte ich, als ich das Gegenteil sah und der General ohne jede zornige Miene, nur die Hand mit dem Schriftstück zu mir ausstreckend und gleichsam noch mit einem gewissen Bedauern, sagte:
„Was soll man machen, Bolotow! Man fordert dich wieder zum Regiment an, und diese Forderungen, der Teufel soll sie holen, sind mir schon so lästig, dass ich nicht mehr weiß, was ich tun soll, und fast entschlossen bin, dich gehen zu lassen; da, nimm und lies selbst!“
– „Wie Sie wünschen, Euer Exzellenz, zum Regiment, dann eben zum Regiment“, antwortete ich und trat näher, um das Schriftstück entgegenzunehmen. Als aber der General mich genauer ansah und bemerkte, dass ich mit bleichem Gesicht und äußerst beunruhigtem Geist kaum imstande war, die Füße zu setzen, nahm er eine heitere Miene an, lächelte und sagte weiter zu mir: „Nun, gut, gut, Herr Bolotow, beunruhigen Sie sich nicht und lassen Sie den Mut nicht sinken. Fordern tut man Sie zwar an, doch wir werden Sie auch diesmal keinesfalls gehen lassen; Sie liegen hier nicht auf der faulen Haut, sondern dienen Ihrer Herrscherin ebenso viel oder noch mehr als viele andere; und überdies machen Sie sich auf löbliche Weise noch von einer anderen Seite dem Vaterland nützlich.“ – Diese Worte gossen gleichsam einen belebenden Balsam in mein bestürztes Herz und ermutigten mich so sehr, dass ich, nachdem ich mich vor dem General tief verneigt hatte, das von ihm empfangene Schriftstück schon gar nicht mehr lesen wollte; doch er fiel sogleich ein: „Lesen Sie aber doch, lesen Sie das Schriftstück, und lesen Sie es uns laut vor; vielleicht steht noch etwas anderes darin.“
Dieser Befehl verwunderte mich; doch wie unendlich wuchs diese Verwunderung, als ich das Schriftstück entfaltete, zu lesen begann und sah, dass es die Mitteilung über meine Beförderung zum Leutnant war und die Aufforderung, mich auf diesen Rang zu vereidigen. Ich erstarrte vor dieser unverhofften und unerwarteten Freude fast ebenso wie zuvor vor Bestürzung, und der Verdruss und mein Zustand in diesem Augenblick waren so, dass ich ihn keineswegs zu beschreiben vermag; ich will nur sagen, dass die in mir aufs Neue entstandene, nun aber angenehme Bestürzung des Geistes bewirkte, dass ich im Lesen innehielt, verstummte, dastand wie ein Tölpel und nicht wusste, was ich tun sollte; besonders als ich sah, dass der General, plötzlich so aufgeheitert, wie ich ihn lange nicht gesehen hatte, mich zu dem Rang zu beglückwünschen begann und, mit der Versicherung, dass er sich darüber sehr freue, mir noch weitere Beförderung wünschte. Kaum hatten das die beiden Räte gehört, die mit ihm am Tisch saßen und mich gern hatten, als sie seinem Beispiel folgten und mich um die Wette beglückwünschten, wobei sie sagten, ich hätte es längst schon und mehr als verdient. Mit einem Wort, von allen Seiten wurden mir Glückwünsche dargebracht, besonders als ich aus der Gerichtsstube trat. Da umdrängten mich im Nu von allen Seiten sämtliche Kanzleileute, vom höchsten bis zum niedrigsten, alle nahmen aufrichtigen Anteil an meiner Freude, alle wünschten mir, es bis zum Generalsrang zu bringen, und ich kam kaum nach, mich vor allen zu verneigen, und verzieh gern dem Herrn Tschonschin, der mich erschreckt hatte, den Streich, den er sich mit mir ausgedacht hatte und den er sich vor Lachen schüttelnd eingestand; besonders als ich erfuhr, dass der General mich anfangs tatsächlich schon hatte gehen lassen wollen und dass eben dieser Herr Tschonschin ihn überredet hatte, mich auch diesmal nicht gehen zu lassen, worüber nicht nur ich, sondern auch alle unsere Kanzleileute sehr froh waren. Im Übrigen wurde sogleich nach dem Platzmajor geschickt und befohlen, mich auf der Stelle zu vereidigen, und der General war so gnädig gegen mich, dass er mich an diesem Tag an seine eigene Tafel zum Mittagessen einlud und mich im Laufe des Mahles würdigte, ein Glas Wein auf meine Gesundheit zu trinken und mich zu dem Rang zu beglückwünschen.
Damit endete damals diese für mich angenehme Begebenheit; und da mein Brief schon recht lang geworden ist, will ich auch ihn an dieser Stelle beenden mit der Versicherung, dass ich für immer Ihr und so weiter bin.
82. Brief
Lieber Freund! Indem ich meine Erzählung von den Begebenheiten fortsetze, die mir im Laufe des Jahres 1760 widerfuhren, und von dem, was in diesem Jahr bei uns in Königsberg geschah, will ich sagen, dass zu den ersteren auch die besondere Freundschaft gehört, die ich mit einem unserer Marineoffiziere namens Nikolai Jeremejewitsch Tulubjew schloss – eine Freundschaft, die mir bis heute in Erinnerung ist und die ich nie vergessen werde. Er war Leutnant auf einem unserer Seeschiffe und hielt sich in diesem Sommer bei uns in Königsberg auf, um einige ihm übertragene Aufträge zu erledigen. Da er gerade ihretwegen oft mit unserem General zu tun hatte und dazu nicht selten zu uns in die Kanzlei kam und darin, ja in meinem eigenen Zimmer, manchmal mehrere Stunden hintereinander verbrachte, machte mich eben dieser Umstand näher mit ihm bekannt.
Er war noch ein junger Mann, aber einige Jahre älter als ich, und, wie es jedem Marineoffizier eigen ist, recht gelehrt und in vielem so bewandert, dass man stets mit Vergnügen über viele Dinge mit ihm sprechen konnte.
Doch all das hätte uns nicht so sehr und so schnell miteinander befreundet, wären nicht bei uns beiden Sitten und Neigungen in fast allem gleich gewesen und hätte zwischen uns beiden nicht eine solche natürliche Sympathie bestanden, dass wir uns fast vom ersten Treffen an liebgewannen und nach einigen Tagen so befreundet und so vertraut wurden wie nächste Verwandte. Und ich kann sagen, dass ich für diesen Menschen wahrhaft freundschaftliche Gefühle hegte und mich jedes Mal besonders freute, wenn er zu uns in die Kanzlei kam. Ich ließ dann alle meine Geschäfte und Beschäftigungen liegen und unterhielt mich mit diesem liebenswürdigen Menschen, und worüber sprachen wir nicht alles miteinander, und wie viele angenehme und unschätzbare Minuten verbrachten wir in diesen freundschaftlichen Gesprächen! Mit einem Wort, ich wurde nie müde, mit ihm zu sprechen, und er nicht mit mir, und unter allen Freunden, die ich im Leben hatte, war ich keinem in so zärtlicher und aufrichtiger Freundschaft zugetan wie diesem Menschen. Und das war auch der Grund, dass wir uns nicht nur während seines ganzen Aufenthalts bei uns in Königsberg sehr oft sahen und zusammen in der Kanzlei saßen, sondern zusammen in den besten und angenehmsten Gegenden der Stadt und ihrer Umgebung spazieren gingen; zusammen uns an den Schönheiten und Reizen der Natur erfreuten, die er ebenso liebte wie ich; zusammen die besten und angenehmsten Bücher lasen; zusammen über verschiedene Gegenstände Betrachtungen anstellten. Als er aber schließlich von uns abreisen musste, um in Memel zu leben, wo sein Schiff lag, verabredeten wir bei seiner Abreise, unsere Zusammenkünfte und Gespräche auch aus der Ferne fortzusetzen und einen häufigen, wöchentlichen Briefwechsel zu führen.
Diesen Briefwechsel führten wir auch tatsächlich. Ich begann ihn als Erster und gewann meinen Freund so dafür, dass er mehrere Monate hintereinander ununterbrochen andauerte; und da er von besonderer Art war, wie man ihn selten bei jemandem findet, verschaffte er uns beiden eine unzählige Menge angenehmer und unschätzbarer Minuten im Leben. Ich kann auch heute noch nicht vergessen, mit welcher Ungeduld ich damals jedes Mal die Post erwartete, mit welcher Gier ich die Pakete meines Freundes öffnete und mit welchem Vergnügen ich seine ausführlichen und freundschaftlichen Briefe an mich las. Er beschrieb mir alles, was ihm in Memel widerfuhr; ich aber teilte ihm mit, was bei uns in Königsberg geschah, und, Ernstes mit Tändelei mischend, fügte ich allerlei Scherze und andere Nebendinge hinzu, von denen ich wusste, dass sie meinem Freund angenehm sein würden, und er tat in seinen Briefen ebendasselbe.
Mit einem Wort, dieser Briefwechsel war bei uns mustergültig und nicht nur häufig, sondern auch so ausführlich, dass wir uns manchmal fast ganze Hefte zuschickten und ich manchmal mehrere Stunden hintereinander mit dem Schreiben eines einzigen Briefes an ihn verbrachte.
All diese Minuten waren für mich stets nicht nur tröstlich, sondern auch überaus vergnüglich; und da es auch ihm ebenso angenehm war, mir zu schreiben, vergrößerte all das unsere Freundschaft noch mehr, die bis zu eben der Zeit währte, da er schließlich auf See ging, wo er bald darauf zu meinem großen Bedauern sein Leben verlor, nachdem er verfügt hatte, mir zusammen mit der Nachricht von seinem Tod auch alle meine an ihn gesandten Briefe zukommen zu lassen. Diese Briefe sind bis heute unversehrt bei mir aufbewahrt; und da sie alle in einem Format geschrieben waren, ließ ich sie damals gleich binden und bewahre sie als eine Art Denkmal meiner damaligen Empfindungen und Beschäftigungen auf, zugleich auch meiner damaligen Fähigkeit zur Darstellung und der großen Unvollkommenheit meines damaligen Stils. Wie dem auch sei, dieser Fall bewies mir durch die Erfahrung selbst, dass ein vertraulicher und wahrhaft freundschaftlicher Briefwechsel, wie ich ihn damals mit diesem Menschen führte, nicht nur überaus angenehm sein, sondern beiden Freunden eine unermessliche Menge unschätzbarer Minuten im Leben verschaffen kann.
Bei dieser Gelegenheit will ich erwähnen, dass zu den Begebenheiten dieses Jahres auch gehört, dass ich mich einmal beinahe selbst samt meinem ganzen Quartier verbrannt hätte und in äußerste Gefahr geraten wäre. Das kam von meiner maßlosen Lust am Bücherlesen. Ich las nicht nur in allen freien Stunden des Tages und der Abende, sondern hatte mir irgendwie die törichte Gewohnheit angewöhnt, auch noch mit einer Kerze zu lesen, wenn ich mich schon ins Bett zum Schlafen gelegt hatte, und so lange fortzufahren, bis mir der Schlaf die Lider schloss und ich ganz einnickte. Dann erwachte ich nach einer Minute wieder, löschte meine Kerze und überließ mich dem Schlaf. Auf diese Weise las ich abends schon eine Zeit lang Bücher, und die Gewohnheit wurde so stark, dass es jedes Mal geschah, dass mich eine Minute, nachdem ich eingenickt war, gleichsam jemand eigens zum Löschen der Kerze weckte, und nachdem ich das getan hatte, schlief ich ruhig ein. Doch wie tödlich erschrak ich einmal, als ich, auf die erwähnte Weise zum Löschen meiner Kerze erwacht, mich plötzlich ganz von Feuer und Flammen umgeben sah; denn im Laufe der erwähnten Minute war meine Kerze so unvorsichtig gewesen, den irgendwie nahe bei ihr herabhängenden Vorhang meines Bettes anzuzünden, und er stand schon ganz in Flammen, als ich zu mir kam. Ich kann nicht schildern, von welchem Entsetzen und welcher Furcht ich damals ergriffen wurde. Ich sprang besinnungslos aus dem Bett und verbrannte und beschmutzte mir beim Löschen die ganzen Hände; zu besonderem Glück aber hatte die Flamme die Decke noch nicht erreicht, sodass ich sie, wenn auch mit Mühe, noch löschen konnte.
Wie schämte ich mich damals vor den gutherzigen Alten, meinen Wirtsleuten, die dieser Vorfall alle über die Maßen erschreckt hatte und die durch das Verbrennen des Vorhangs durch mich einen Schaden erlitten hatten.
Ich erbot mich gern, ihnen das Doppelte dessen zu bezahlen, was er wert war, doch sie willigten keineswegs darein, sondern begnügten sich mit meinem Versprechen, nie mehr im Bett bei Kerzenlicht Bücher zu lesen, welches Versprechen ich auch tatsächlich zu halten bemüht war; und mich selbst hatte dieser Vorfall so erschreckt, dass ich von da an mein ganzes Leben lang abends nie mehr im Bett bei Kerzenlicht Bücher gelesen habe, und auch anderen rate ich nicht, es zu tun.
Was die bemerkenswertesten fremden Ereignisse betrifft, die um diese Zeit in Königsberg geschahen, so sind mir nur zwei in Erinnerung, nämlich die Weihe unserer Kirche und der Tod des Generals Jasykow. Was die Kirche betrifft, so will ich Ihnen sagen, dass wir uns bis dahin nur mit einer kleinen Regimentskirche begnügt hatten, die in einem Haus eingerichtet war; da wir uns aber Königsberg für längere Zeit, vielleicht für immer zugedacht hatten, war die ganze vergangene Zeit hindurch schon darüber nachgedacht worden, wo man für alle Russen eine ordentliche Kirche einrichten könnte, die sowohl wegen der Menge unserer Leute nötig war als auch deshalb, weil es der Kaiserin gefiel, uns für den Gottesdienst auch einen Archimandriten mit Gefolge, Sängern und allem Zubehör dorthin zu schicken. Anfangs dachte man, die gewaltige Kirche auf dem Paradeplatz fertigzubauen, deren Bau schon vor langer Zeit begonnen, aber aus irgendeinem Grund eingestellt worden war; da sich aber herausstellte, dass zu ihrer Vollendung eine große Summe nötig wäre und die errichteten Mauern nicht sonderlich fest und zuverlässig waren, entschloss man sich schließlich, die Preußen eine ihrer Kirchen räumen zu lassen, und eben diese Kirche mussten wir damals weihen und aus einer lutherischen in eine griechische verwandeln. Ausgewählt und dazu bestimmt wurde eine der ältesten Königsberger Kirchen, zwar recht geräumig, aber von ganz altertümlicher gotischer Bauart, mit einem hohen, spitzen Turm oder Turmhelm, nämlich jene, die in der Steindammer Vorstadt unweit des Schlosses stand.
Die größte Schwierigkeit bei dieser Sache bestand zwar darin, von dem erwähnten hohen Turmhelm den bei ihnen üblichen Hahn abzunehmen und stattdessen ein Kreuz daraufzusetzen, doch wir brachten auch dies zustande. Es fanden sich Leute, die es wagten, ganz auf die Spitze dieses Turmes zu klettern und nicht nur den Hahn abzunehmen, sondern auch aus dem Knauf selbst jenes zu einer Rolle gewickelte Kupferblatt herauszuholen, das man bei den Ausländern gewöhnlich in den Knauf jeder Kirche legt und auf dem sie eine Inschrift eingravieren, welche die Geschichte dieser Kirche angibt, zum Beispiel: wann sie, aus welchem Anlass, von wem, auf wessen Kosten, von welchen Meistern und unter welchem Herrscher erbaut und geweiht wurde, und so weiter. Ich hatte selbst Gelegenheit, dieses herausgenommene alte Blatt zu sehen, aus dem hervorging, dass jene Kirche mehr als zweihundert Jahre zuvor erbaut worden war. Und wir legten es wieder hinein und fügten ein anderes, neues hinzu, ebenfalls mit eingravierter lateinischer Inschrift, welche die erwähnte Verwandlung der Kirche aus einer lutherischen in eine griechische angibt, mit Angabe der Zeit, auf wessen Befehl und von wem dies vollbracht wurde. Und so ist nun in Königsberg für ewige Zeiten ein Denkmal geblieben, das bezeugt, dass wir Russen es einst besaßen und dass unser General Korff es verwaltete und diese Verwandlung vornahm.
Was die Ikonostase betrifft, so wurde sie aus Petersburg geschickt, prächtig auf Damast gemalt und recht prunkvoll; ebenso wurde von dort auch das ganze übrige Kirchengerät und die Sakristeiausstattung geschickt, vortrefflich, sehr reich und prunkvoll.
Der Archimandrit selbst war schon ein anderer, namens Tichon, ein wahrhaft frommer, sanftmütiger und gelehrter Mann, der unseren Russen keine Schande machte, sondern sich durch sein ganzes Betragen die Achtung selbst der preußischen Geistlichen erwarb. Eben dieser Archimandrit weihte damals diese Kirche; und da die Zeremonie bei dieser Gelegenheit überaus prachtvoll gestaltet wurde, zog sie eine unzählige Menge Zuschauer an, und alle Preußen konnten sich über unseren geistlichen Ritus nicht genug wundern, besonders über die Salbung der Kirchenwände selbst mit Myron, die auch wir hier zum ersten Mal zu sehen bekamen. Und da in dieser Kirche auch der Gottesdienst stets auf prachtvollem Fuß gehalten wurde, mit vortrefflichen Sängern, und sowohl der Archimandrit als auch die mit ihm gekommenen Hieromonachen stets verständige Predigten hielten, gefiel all das den dortigen Einwohnern so sehr, dass es fast keine Liturgie gab, zu der nicht einige der dortigen Zuschauer zum Zusehen kamen.
Was aber das zweite Ereignis betrifft, den Tod und das Begräbnis des Generals Jasykow, so war er eben derjenige, der als Oberst mit seinem Grenadierregiment in der Jägersdorfer oder Apraxinschen Schlacht so tapfer den Zwischenraum zwischen den beiden Lagern unserer Armee und die deckenden Wälder verteidigt hatte und der, bei dieser Gelegenheit über und über verwundet, sich dadurch großen Ruhm erworben hatte und dafür zum General befördert worden war. Von diesen Wunden hatte er sich seit eben jener Zeit nicht erholen können, sondern sie brachten ihn ins Grab, obwohl sich die besten Ärzte, sowohl unsere als auch die Königsberger, bemüht hatten, ihm zu helfen. Wir begruben ihn damals mit allen seinem Rang und Ruhm gebührenden Ehren, und da auch diese Zeremonie eine der prächtigsten und prunkvollsten war, zog auch sie die Aufmerksamkeit aller Königsberger Einwohner auf sich und fand unter dem Zulauf einer unzähligen Menge Volkes statt.
Das ist alles, woran ich mich in Bezug auf die Ereignisse jener Zeit erinnern kann; und da durch ihre Beschreibung auch dieser Brief recht lang geworden ist, will ich ihn hiermit beenden mit der Versicherung, dass ich Ihr bin und für immer bleibe und so weiter.
QUELLE:
Болотов А. Т. Жизнь и приключения Андрея Болотова: Описанные самим им для своих потомков: В 3 т. Т. 1: 1738-1759 / Вс. ст. С. Ронского; Примеч. П. Жаткина, И. Кравцова. -- М.: ТЕРРА, 1993.
Ein Teil der ausgelassenen Kapitel wurde ergänzt nach:
Издание: А. Т. Болотов в Кёнигсберге (Из записок А. Т. Болотова, написанных самим им для своих потомков). Калининград, Кн. Из-во, 1990.
Die übrigen Kapitel wurden nach der Erstausgabe der „Aufzeichnungen“ ergänzt (Beilage zur „Russkaja Starina“, 1870).
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

