(Fortsetzung.)
Teile 1–3. Teil 4. Teil 5. Teil 6. Teil 7.
61. Brief. Aufenthalt in Königsberg
62. Brief. Die Ankunft Korffs
63. Brief. Bei Korff
64. Brief. Korffs Charakter
65. Brief. Geschichte des Krieges
66. Brief. Die Schlacht bei Zorndorf
67. Brief. Kriegsnachrichten
68. Brief. Der Kauf von Büchern
69. Brief. Vergnügungen und Zerstreuungen
70. Brief.
71. Brief.
72. Brief. Die Lustgärten
AUFENTHALT IN KÖNIGSBERG
61. Brief
Lieber Freund! Als ich Ihnen in den vorangegangenen Briefen erzählte, was mir während meines Aufenthalts in Königsberg widerfuhr, blieb ich dabei stehen, wie ich bei der dortigen Kammer lebte und mich in Schreibarbeiten übte. Nun will ich in meiner Erzählung fortfahren und sagen, dass dieses Leben, so beschwerlich und langweilig es mir anfangs war, mir hernach ebenso angenehm und heiter wurde. Auf die oben erwähnte Weise sowohl vor als nach dem Mittagessen in die Kammer zu gehen und unablässig zu schreiben, war ich nur anfangs und nicht länger als zwei Wochen genötigt, denn in dieser Zeit hatte ich alle Einnahmen und Ausgaben ins Buch einzutragen, die seit unserem Einmarsch in Preußen bis zu meiner Abordnung an die Kammer angefallen waren. Als ich aber diese mühsame Arbeit vollbracht hatte, gab es für mich weit weniger zu schreiben, und schließlich wurde es so wenig, dass ich an einem ganzen Tag nicht einmal eine Seite zu schreiben bekam. Folglich konnte ich diese kleine Arbeit in einer halben Stunde erledigen, und ich brauchte nicht nur nachmittags nicht mehr in die Kammer zu gehen, sondern hatte bisweilen auch morgens gar nichts zu tun und konnte mich mit Erlaubnis meines alten Herrn Rats entfernen, ja zuweilen auch den ganzen Tag zu Hause bleiben.
Dieser Umstand, der mir mehr Muße und freie Zeit verschaffte, war mir einerseits insofern angenehm, als ich mehr Zeit meinen eigenen Beschäftigungen widmen und nach meinem Belieben leben konnte, ohne mich um irgendetwas zu sorgen und ohne zu befürchten, dass man mich irgendwohin abkommandieren oder auf Wache schicken würde; andererseits aber ebenso nachteilig und schädlich, als er mich unmerklich wieder meinen früheren Freunden und Bekannten näherbrachte. Sie alle beneideten mich um mein ruhiges und beinahe müßiges Leben, und viele versäumten nicht, mich wieder häufig zu besuchen, sobald sie erfuhren, dass ich mehr freie Zeit bekommen hatte und die Nachmittagsstunden zu Hause verbrachte. Diese Besuche waren mir zwar nicht zuwider, aber insofern schädlich, als auch ich sie zum Ausgleich bisweilen besuchen und meine Zeit mit ganz leeren Beschäftigungen verlieren musste, die meinen Neigungen nicht im Mindesten entsprachen. Sie beschäftigten sich meistens entweder mit dem Kartenspiel oder mit Gesprächen, die nicht nur nichtssagend, sondern mitunter geradezu anstößig und schändlich waren; an alledem fand ich keinen Geschmack, war aber genötigt, zuzusehen und zuzuhören. Unter ihnen allen gab es keinen einzigen, der auch nur einigermaßen ähnliche Neigungen wie ich gehabt hätte und mit dem ich mich mit Vergnügen über Dinge hätte unterhalten können, die mir mehr Freude bereiteten. Und selbst diejenigen, die etwas besser und klüger waren als die anderen, waren in den wenigen Wochen ihres Aufenthalts in dieser Stadt so verdorben, dass sie sich selbst nicht mehr ähnlich sahen und man von ihnen kaum noch ein gesetztes Wort oder ein ordentliches Gespräch hören konnte.
Bei alledem musste ich notgedrungen häufig mit ihnen zusammenkommen und, wenn ich auch nicht an all ihren Unternehmungen und Beschäftigungen wirklich teilnahm, so doch wenigstens mit ihnen Umgang pflegen und nicht selten die Zeit mit ihnen verbringen, besonders auf Spaziergängen.
All das setzte mich wiederum der großen Gefahr aus, mich nach und nach mit demselben Gift der Ausschweifung anzustecken, von dem sie alle angesteckt waren.
Doch nie war ich ihretwegen in so großer Gefahr wie während des überaus großen Jahrmarkts, der um diese Zeit in Königsberg stattfand. Dieser Jahrmarkt findet dort einmal im Jahr statt, beginnt etwa zwei Wochen vor dem Peterstag und dauert bis zu diesem selbst; und da man nicht nur aus ganz Preußen, sondern aus dem ganzen Königreich Polen dazu anreist, war der Zulauf des Volkes damals ungeheuer. Die ganze Stadt war in Bewegung, und alle vornehmsten Straßen wimmelten von Menschen beiderlei Geschlechts. Für mich, der ich noch nie so große Jahrmärkte gesehen hatte, war dieses Schauspiel ebenso neu und erstaunlich wie angenehm. Vor allem zogen die polnischen Juden meine Aufmerksamkeit auf sich, von denen hier mehrere Tausend zum Jahrmarkt zusammenkamen. Ihre seltsame schwarze, am Saum bunt verzierte Kleidung, ihre drolligen Käppchen und ihre ganze Erscheinung hatten so viel Seltsames und Ungewöhnliches an sich, dass wir uns an ihnen nicht sattsehen konnten. Und da außerdem noch eine Menge anderer verschiedener Völker in mancherlei Kleidern und Trachten durch die Straßen zog, boten sich dem Auge jeden Tag neue und bis dahin nie gesehene Dinge dar. Besonders aber war der ganze jenseits des Flusses gelegene Teil der Stadt, der den Namen Haberberg trägt, von einer ungeheuren Menschenmenge erfüllt. Hier fasste eine einzige lange und breite Straße mehrere Tausend Menschen, weil sie der Hauptmittelpunkt des ganzen Jahrmarkts war und auf ihr nicht nur der wichtigste Handel getrieben wurde, sondern auch alle in deutschen Landen üblichen Jahrmarktsbelustigungen stattfanden. Zu diesen gehörte besonders ein Volkstheater, das mitten auf der Straße errichtet und ganz offen war. Glauben Sie jedoch nicht, dass dieses Theater etwas Bedeutendes gewesen wäre. Nein, lieber Freund, diese Jahrmarktstheater haben kaum einen Schatten von einem Theater, sondern tragen nur dessen Namen. Auf einem aus Brettern über einigen Böcken gezimmerten, etwa drei Arschin über den Boden erhöhten Gerüst werden an den Seiten und hinten notdürftig bemalte Kulissen aufgestellt, hinter denen ein bunt gekleideter, schnurrbärtiger Harlekin hervortritt und mit Hilfe von zwei oder drei Komödianten oder Komödiantinnen sich bemüht, durch allerlei Grimassen, Verrenkungen, dumme und grobe Späße und Geschwätz, das lauter Unsinn ist, den dummen Pöbel zu belustigen und zu erheitern, der ihn mit offenem Mund und voller Verwunderung anstarrt. Es gibt dabei keinerlei Ordnung und keinen Zusammenhang in den Vorstellungen, und alles Tun und Geschwätz dieser Darsteller war so albern und zusammenhanglos, dass man es ohne einen gewissen Widerwillen weder ansehen noch den Unsinn, den sie redeten, anhören konnte; man hätte schon ebenso dumm sein müssen, wie das Volk dumm war, wollte man sich an diesem Schauspiel ergötzen. Trotzdem war dieses Theater stets von einer unzähligen Menge Zuschauer umringt, und sehr viele von ihnen bekundeten großes Vergnügen; und das genügte den Komödianten schon, die dabei gewöhnlich ihre besonderen Absichten haben. Denn man muss wissen, dass die Leute, die auf diese Weise das Volk mit ihren dummen Komödien unterhalten, von diesem dafür keinerlei Lohn erhalten, sondern dazu vom Inhaber des Theaters angeworben werden, der gewöhnlich ein sogenannter „Marktschreier“ (ein lärmender Händler) oder Verkäufer betrügerischer Arzneien ist; und dieses Mittel wenden sie einzig an, um das Volk zu ihrem Theater zu locken, als dem Ort, von dem aus er seine Arzneien verkaufte.
Zu diesem Verkauf schritt er mehrmals am Tag, jedes Mal nachdem die Komödianten irgendein Stückchen gespielt hatten.
Kaum ist es zu Ende, so tritt er mit seinen Kästchen und Hausapotheken auf die Bühne, nimmt eine Arznei nach der anderen heraus, zeigt sie dem Volk und beginnt mit großem Geschrei ihre wunderbaren Wirkungen und Kräfte zu erzählen und zu preisen. Es war jedes Mal lächerlich, diesem Treiben zuzusehen und seinen eifrigsten Bemühungen, das Volk zu betrügen und jeden von der vermeintlichen Zuverlässigkeit seiner Arzneien zu überzeugen; noch lächerlicher aber war es, dass das Volk sich auch betrügen ließ und ihm diese mit größter Bereitwilligkeit abkaufte. Kaum hat er eine Arznei vorgezeigt, von ihren Kräften und Wirkungen erzählt und ihren Preis genannt, so fliegen ihm im selben Augenblick aus der Menge eine Menge Tücher zu, die ihm von denen zugeworfen werden, die sie kaufen wollen, und in die gerade so viel Geld eingeknotet ist, wie er verlangt hat. Dann beginnt er mit Hilfe von zwei oder drei Knaben dieses Geld einzusammeln, die Arzneien in jene Tücher zu knoten und sie von der Bühne ihren Besitzern zurückzureichen. Wenn alle mit der einen Arznei versorgt sind, holt er eine zweite hervor, dann eine dritte, und so fährt er mit allen fort und verbringt damit mehrere Stunden, und zwar so lange, wie die Volksmenge noch groß ist. Sobald sich das Volk aber etwas verlaufen hat, geht er hinter die Kulissen, und an seiner Stelle treten wieder die Komödianten hervor und beginnen von Neuem, das Volk zum Hören und Schauen einer neuen Komödie zusammenzurufen; und wenn sich genug davon versammelt hat, beginnt wieder die Komödie und nach ihr wieder das Anpreisen und der Verkauf der Arznei. Diese Art, dem dummen Volk das Geld aus der Tasche zu locken, erschien uns wegen ihrer Ungewöhnlichkeit sehr seltsam und verwunderlich. Doch dieser Betrüger kam nicht nur nie zu Schaden, sondern lockte dem Volk eine Unmenge Geld ab, obwohl in Wahrheit alle seine Arzneien aus lauter Nichtigkeiten und wertlosen Dingen bestanden, wie zum Beispiel aus Pulvern, Pillen, Pflästerchen, Wurzeln und anderen derartigen Sächelchen, die alle bei Weitem nicht die Wirkungen hervorbrachten, die ihnen nachgerühmt wurden. Im Übrigen, da zu diesem Jahrmarkt aus verschiedenen deutschen und vorzüglichen Städten eine Menge Kaufleute mit allerlei Waren anreisten und man diese tatsächlich billiger erstehen konnte als zu anderer Zeit, war deshalb wirklich die ganze Stadt in Bewegung, und es blieb kein Haus, aus dem die Bewohner beiderlei Geschlechts, zumal an schönen und heiteren Tagen, nicht auf den Jahrmarkt fuhren oder gingen, wenn nicht zum Einkaufen, so doch zum Schauen und Spazieren. Mit einem Wort, die ganzen zwei Wochen, die dieser Jahrmarkt dauerte, konnte man für diese Stadt als ein ununterbrochenes Fest und eine Feier ansehen, und an schönen Tagen konnte man alle ihre Bewohner in ihrem besten Putz und ihren besten Kleidern auf den Straßen sehen.
All diese Umstände, besonders aber der letzte, bewogen alle unsere Herren Offiziere, diesen Jahrmarkt täglich zu besuchen. Wir gingen jeden Tag hin, in Scharen und Gesellschaften versammelt, und verbrachten den größten Teil unserer Zeit damit, auf ihm und in der ganzen Stadt umherzuspazieren, und taten dies nicht so sehr, um Waren zu kaufen, als um das Volk und alle Bewohner Königsbergs zu betrachten und kennenzulernen. Viele von unseresgleichen, besonders die Gewandtesten unter ihnen, hatten diese Gelegenheit schon lange mit Ungeduld erwartet, als eine solche, bei der sie leichter mit denjenigen Königsberger Bewohnern bekannt werden konnten, mit denen sie besonders Bekanntschaft schließen wollten, und Zutritt zu solchen Häusern erlangen, in denen sie etwas für sich Anziehendes fanden. Und manchen von ihnen gelang es auch, das Gesuchte zu erreichen. Andere dagegen suchten Gelegenheit, neue Bekanntschaften mit den aus Polen Angereisten zu schließen, besonders mit den dortigen Edelfrauen, und gebrauchten allerlei Listen und Betrügereien, um diese zu verführen. Wieder andere streiften mit denselben Gedanken überall umher und suchten sich Bekanntschaften unter den jungen Einwohnerinnen der Stadt.
Die meisten aber hatten nur Spiel, Verschwendung und die ärgste Ausschweifung im Sinn, und einige trieben es noch schlimmer. Sie ergingen sich in allerlei Raufhändeln und unverzeihlichen Streichen, mitunter sogar in den schändlichsten Dingen.
Mit einem Wort, dieser Jahrmarkt war für alle eine wahrhaft verführerische Zeit, und es würde zu weit führen, wollte ich all das beschreiben, was unsere Offiziere damals taten und unternahmen und zu welchen Streichen und Ausschweifungen dieser Jahrmarkt vielen Anlass gab.
Stellen Sie sich nun vor, lieber Freund, welcher Gefahr ich damals ausgesetzt war, da ich inmitten einer solchen Gesellschaft lebte und genötigt war, jeden Tag mit solchen Leuten zusammen zu sein, gemeinsam mit ihnen überall in der ganzen Stadt umherzugehen und ihnen Gesellschaft zu leisten. Denn bei einer solchen allgemeinen Bewegung des Volkes und dem damals herrlichsten Wetter war es ganz unmöglich, allein zu Hause zu sitzen; und selbst wenn ich gewollt hätte, so ließen es meine Kameraden keineswegs zu, sondern kamen zu mir und schleppten mich wider Willen hinaus. Und ich weiß wahrhaftig nicht, was aus mir geworden wäre und wie ich mich vor all den Übeln und Versuchungen hätte bewahren können, denen ich bei dieser Gelegenheit ausgesetzt sein konnte, wenn dies so lange angedauert hätte. Das einzige Mittel, das ich zu meiner Rettung anwandte, bestand nur darin, dass ich mich, so sehr ich konnte, von den Haufen der allernichtswürdigsten unter unseresgleichen fernhielt und mich am meisten an solche hielt, die etwas gesetzter waren als die übrigen. Da aber auch diese vom Gift der damaligen Ausschweifungen nicht ganz frei waren, hätte ich mich keinesfalls unversehrt erhalten und vor Verderbnis bewahren können, wenn mir nicht abermals ein besonderer und von mir am wenigsten erwarteter Zufall geholfen und die unsichtbare Hand des Herrn mich nicht abermals mit Gewalt von dem Abgrund weggezogen hätte, an dessen Rand ich damals umherirrte und taumelte. Denn es fügte sich so, dass gerade zu der Zeit, als dieser verfluchte Jahrmarkt in seinem allergrößten Treiben war, als meine Kameraden mich so an das Umherspazieren mit ihnen gewöhnt hatten, dass ich schon gern mit ihnen zu gehen und ihren Einladungen zu folgen begann, und als einige von ihnen, wie ich nachher erfuhr, gegen mich eine geheime Rotte {Gruppe, Gesellschaft; heute: in einer Rotte vorgehen.} und Verschwörung gebildet, mir einen wahren Schlund {Abgrund, Kluft, Falle, Hinterhalt.} und eine solche Versuchung bereitet hatten, aus der ich mich nur sehr schwer hätte befreien können, und eigens kamen, um mich herbeizurufen und mit sich zu führen, gleichsam wie ein unschuldiges Opfer zur Schlachtbank, – gerade zu der Zeit, als ich, von alledem nichts ahnend, nicht nur bereit war, mit ihnen zu gehen, sondern schon von der Treppe meines Quartiers herabgestiegen war... da kam, fast atemlos, ein Bote meines Kommandeurs, meines Brigadiers Numers, zu mir gelaufen mit dem Befehl, ich solle nicht gehen, sondern sogleich zu ihm laufen und keinen einzigen Augenblick zu Hause säumen, denn man habe dringend nach mir Bedarf.
Ich wunderte mich und wusste nicht, was ich von dieser unerwarteten und so eiligen Vorladung halten sollte. Die Sache war für mich ganz ungewöhnlich. Bis dahin war es noch kein einziges Mal vorgekommen, dass dieser Kommandeur nach mir geschickt und mich zu irgendetwas verlangt hätte, und ich hatte so wenig mit ihm zu tun, dass ich ihn mitunter eine ganze Woche lang nicht nur nicht sprach, sondern nicht einmal zu Gesicht bekam.
Ist etwa eine Klage gegen mich eingegangen?, dachte ich bei mir. Und ruft man mich etwa zur Verantwortung?“
Es war mir bekannt, dass nicht selten solche Beschwerden gegen Offiziere unseres Regiments bei den Vorgesetzten vorgebracht wurden, besonders gegen diejenigen, die mehr als die anderen zu Raufereien und allerlei Streichen neigten, und dass einige dafür auch bestraft worden waren. Zur weiteren Steigerung meiner Bestürzung fiel mir ein, dass ein solcher Haufen von ihnen gerade am Tag zuvor auf dem Jahrmarkt durch seine Rauflust großen Lärm und Aufruhr verursacht hatte und dass ich zufällig dabei gewesen war, und ich wusste, dass man damals eine Klage gegen sie einreichen wollte.
„Ach“, dachte ich, „ist das nicht etwa eine Klage {Statt: Gesuch, Beschwerde.} gegen diese Freunde, und haben die Kläger nicht auch mich in ihre Sache verwickelt?“
Das Herz erbebte mir bei der Erinnerung an diesen Vorfall, und alles Blut in mir geriet in Wallung. Obwohl ich in diese Sache keineswegs verwickelt war, sondern zufällig dabei gewesen war und mich sogar noch bemüht hatte, sie zu beschwichtigen und zur Vernunft zu bringen, war die Sache an sich doch sehr übel und hässlich. Einige unserer Burschen aus den allerliederlichsten Offizieren hatten eine ganze Gesellschaft junger Mädchen erblickt, die über den Jahrmarkt spazierten. Von deren Schönheit verlockt, hängten sie sich an sie wie Pech und versuchten auf die frechste Weise, mit ihnen bekannt zu werden. Zuerst traten sie mit allerlei Schmeicheleien, Artigkeiten und Begrüßungen an sie heran, und als ihnen das gelungen war, gingen einige von ihnen, die unglücklicherweise damals angetrunken waren, weiter und begannen, sich gewisse beleidigende Freiheiten herauszunehmen und sie unter anderem zu sich zu Gast zu bitten, in das Quartier eines von ihnen, das ganz in der Nähe lag; und einer vergaß sich sogar so weit, dass er eine von ihnen gewaltsam küssen wollte. Den Mädchen gefiel das nicht; sie waren alle nicht vom niedrigsten Stand, sondern, wie anzunehmen ist, Töchter mittelständischer Bürger der Stadt und nicht von der Art, dass sie den Wünschen dieser Herren hätten entsprechen können. Sie fingen sogleich an zu schreien, ihre Mütter und Verwandten herbeizurufen, die gerade in einer anderen Bude Waren kauften, und sich bei ihnen über die ihnen zugefügte Beleidigung zu beklagen. Diese nahmen sich ihrer an, und ein Mann begann, ihnen Vorhaltungen zu machen. Das erschien unseren Herren ärgerlich. Sie erwiderten ihm mit Grobheiten und Verachtung. Jener war, wie es sich traf, ebenfalls nicht nachgiebig. Er antwortete ihnen mit gleicher Münze. Sie fingen an zu schimpfen, und das führte zwischen ihnen zu einem Streit und zu solchem Lärm und Geschrei, dass an diesem Ort eine Menge Volk zusammenlief. Ich ging gerade zu dieser Zeit mit einem meiner Freunde eben diese Straße entlang und sah diesen großen Menschenauflauf und hörte das Geschrei. Aus bloßer Neugier wollten wir näher herangehen und die Ursache erfahren. Doch wie staunten wir, als wir einen ganzen Haufen unserer Offiziere sahen, die mit den Preußen lärmten und stritten, und einen sogar so in Wut geraten, dass er einem von ihnen ins Gesicht schlug und ihn, an den Haaren gepackt, zerren und mit dem Stock prügeln wollte.
Wir stürzten beide hinzu, ließen ihn dieses dumme Vorhaben nicht ausführen und versuchten, den Streit zu schlichten.
Das gelang uns auch, wenn auch nicht ohne Mühe; denn was die Unseren betraf, so brachten wir sie bald dazu, mit dem Unfug aufzuhören; nicht so leicht aber war es, die aufgebrachten Preußen zu beruhigen, besonders den in Wut geratenen Verwandten der Beleidigten. Und einzig meine Kenntnis der deutschen Sprache half mir, diesen Deutschen zu beschwichtigen und die ganze Schuld an diesem Vorfall auf den Umstand zu schieben, dass der Offizier, der seine Verwandten und ihn selbst beleidigt hatte, angetrunken und damals nicht recht bei Sinnen und Verstand gewesen sei. Damit endete damals dieser Streit; doch dieser Deutsche ging davon mit der Drohung, er werde diese Sache nicht auf sich beruhen lassen, sondern gehörigen Orts eine Klage einreichen.
Dieser ärgerliche Vorfall kam mir damals in den Sinn, und ich zweifelte fast nicht daran, dass dieser Deutsche Klage erhoben hatte, und vermutete, dass jene Offiziere gewiss schon ermittelt waren und man mich zum Zeugnis und zur Aufklärung alles Vorgefallenen verlangte. Ich fragte den geschickten Unteroffizier aus, ob er nicht wisse, wozu man mich rufe und ob nicht von irgendwem eine Klage oder Beschwerde vorliege.
– Ich weiß es nicht, – antwortete er, – nur sind beim Gouverneur viele Leute, Männer und Frauen, und viele von den Deutschen haben ihm Schriftstücke überreicht.
– Wie? Beim Gouverneur? – fragte ich verwundert. – Bist du denn vom Gouverneur geschickt?
– Nein, – sagte er, – aber ich bin beim Gouverneur als Ordonnanz, und geschickt hat mich der Herr Brigadier Numers. Er ist mit dem Oberkommandanten und dem Platzmajor vom Gouverneur herausgekommen und hat mir befohlen, schnell zu Ihnen zu laufen und zu sagen, Sie möchten sogleich zu ihm ins Schloss kommen.
Das versetzte mich in noch größere Verwirrung. Ich zweifelte nun nicht mehr, dass man auf Befehl des Gouverneurs nach mir geschickt hatte, und begriff nicht, was der Gouverneur für ein Anliegen an mich haben könnte, den wir noch nicht einmal gesehen hatten, weil er erst am Tag zuvor angekommen war. Alle meine Kameraden wunderten sich ebenfalls darüber und wussten nicht, was sie denken sollten. Da ich aber nicht zögern durfte, sondern gehen musste, verabschiedeten sie sich von mir und bekundeten ihr Bedauern, dass sie mich an diesem Tag nicht bei sich haben würden und dass ich keinen Anteil an der Belustigung haben würde, die sie vorbereitet hatten. Ich wusste damals nicht, was diese Worte bedeuteten, und dachte damals auch nicht daran, sie nach irgendetwas auszufragen; nachher aber erfuhr ich, dass sie die allerschändlichste Absicht gehabt hatten und dass das um mein Wohl besorgte Schicksal selbst mich durch dieses unerwartete Losreißen von ihrem Haufen vor einer gewaltigen Verführung und Versuchung retten wollte.
Nach ihrem Weggang zögerte ich nicht länger, sondern, als ich erfuhr, dass ich in die Wohnung des Gouverneurs selbst gehen müsse, beeilte ich mich nur, schnell eine andere Uniform anzuziehen, und nachdem ich mein Haar in Ordnung gebracht hatte, machte ich mich auf den Weg, das Herz nicht im Mindesten am rechten Fleck, und in verschiedene Betrachtungen versunken, sodass ich den Weg, den ich ging, kaum sah.
Was die Ursache von alledem war und wozu man mich rief, davon werden Sie, lieber Freund, künftig hören {Bolotow wurde vorgeladen, um sich von seinen Deutschkenntnissen zu überzeugen und ihn als Übersetzer in die Kanzlei des Generalgouverneurs zu berufen.}; jetzt aber erlauben Sie mir, hier innezuhalten, meinen Brief zu beenden und Ihnen zu sagen, dass ich der Ihre bin und so weiter.
DIE ANKUNFT KORFFS
62. Brief
Lieber Freund! In meinem letzten Brief blieb ich dabei stehen, dass ich mich eilig zu dem mich rufenden Brigadier Numers in eben jenes Schloss begab, in das ich bis dahin jeden Tag gegangen war. Doch nie hatte ich diesen Weg mit so unruhigem Gemüt zurückgelegt wie diesmal! Die fast offenkundige Gewissheit, dass man mich auf Befehl des Gouverneurs selbst und vielleicht zu ihm selbst rief, und das Gerücht, das über diesen uns noch unbekannten Gouverneur umging, er sei ein Mann von sehr hitzigem und aufbrausendem Gemüt und dazu von Geburt ein Deutscher, versetzten mich in große Verwirrung. Es war bekannt, dass alle Deutschen besondere Beschützer all ihrer Glaubensgenossen waren, und die Ungewissheit, ob nicht auch dieser so sei, wie der Revaler Herr Lieven gewesen war, der mir damals in den Sinn kam, verwirrte meine Gedanken noch mehr und erweckte die Befürchtung, ich könnte bei dieser Gelegenheit für fremde Zeche den Kater tragen und für die Streiche anderer irgendein Wort und einen Tadel auf mich nehmen müssen, oder wenigstens dem Gouverneur gleich beim ersten Mal eine schlechte Meinung von mir geben. Ich bereitete mich schon im Voraus auf die nur möglichen Rechtfertigungen vor und ersann Reden und Worte, die ich vor dem Gouverneur sagen würde, falls es dazu käme, dass er mich darüber befragen oder seinen Zorn äußern würde, und näherte mich dem Schloss mit bebendem Herzen.
Nun will ich einen Augenblick innehalten und Ihnen, lieber Freund, etwas mehr von diesem Gouverneur erzählen, über den ich mit Ihnen noch keine Gelegenheit zu sprechen hatte. Er war einer unserer damaligen Hofgroßen, hieß Baron Nikolai Andrejewitsch Korff und stand, obwohl im Rang nicht höher als Generalleutnant, bei Hofe in beträchtlichem Ansehen und in Gunst bei der damals regierenden Kaiserin selbst.
Diese Gunst verschafften ihm nicht seine eigenen Verdienste, die sehr, sehr mäßig waren, sondern der Umstand, dass er früher mit einer Frau Skawronskaja verheiratet gewesen war, die wegen einer gewissen Verwandtschaft in besonderer Gunst bei der Kaiserin stand.
Durch sie erhielt er Ränge und Reichtum, und durch sie war er auch zu dieser Zeit noch angesehen und geachtet, obwohl seine Frau schon einige Jahre zuvor gestorben war. Denn da ihre andere Schwester, seine Schwägerin, mit dem damaligen Großkanzler Grafen Michail Larionowitsch Woronzow verheiratet war und dieser Würdenträger großen Einfluss hatte, unterstützte er auch diesen seinen Schwager und verschaffte ihm diese Gouverneursstelle, die damals sehr bedeutend war, denn mit diesem Amt war die Verwaltung des ganzen Königreichs Preußen verbunden, obgleich er im Übrigen dazu nicht allzu befähigt war und seine Gaben so wenig bemerkenswert waren, dass er, obwohl er sein ganzes Leben in Russland verbracht hatte und alt geworden war, auch damals noch nicht nur nicht Russisch schreiben, sondern nicht einmal seinen Namen unterschreiben konnte, sondern ihn stets auf Deutsch unterschrieb. Schon daraus allein kann man auf das Übrige schließen.
Wie dem aber auch sei, er wurde zur Verwaltung dieses wichtigen Postens ausersehen und bestimmt, der einer Vizekönigsstelle gleichkam, und kam mit großem Pomp und zahlreichem Gefolge zu uns nach Königsberg. Alle städtischen Obrigkeiten und die besten Leute empfingen ihn feierlich und geleiteten ihn ins Schloss als den ihm zur Wohnung bestimmten Ort. Hier ließ er sich in eben jenen Gemächern nieder, in denen in früheren Zeiten die Herzöge und Herrscher Preußens selbst gewohnt hatten, und begann gleich seit seiner Ankunft mit solchem Prunk und solcher Pracht zu leben und aufzutreten, dass von dieser Zeit an ganz Königsberg gleichsam auflebte und alles darin anders wurde. Doch davon genug für jetzt; künftig werden Sie mehr von mir hören, jetzt aber kehre ich zur Fortsetzung der Erzählung über mich zurück.
Vor eben diesem prunkvollen und berühmten Würdenträger sollte ich damals erscheinen, ohne im Geringsten zu wissen, wozu und in welcher Sache. Ich gestehe, dass ich mich, nachdem ich von seinem Charakter so viel gehört hatte, damals mit Zittern dem Schloss näherte. Doch, o wie sehr täuschte ich mich damals in meinen Gedanken! Nicht fürchten, sondern freuen hätte ich mich müssen, hätte ich damals vorhersehen können, welche Folgen mit der Zeit aus jener damaligen Vorladung entstehen würden und was mir danach widerfahren sollte. Heute segne ich die Stunde, in der man damals nach mir schickte, doch damals konnte nicht nur ich, sondern kein Sterblicher dies vorhersehen.
Kaum war ich beim Schloss angelangt, als der nach mir Geschickte mich schon am Tor erwartete und mich, beim Arm fassend, sogleich die Treppen hinauf in die Vorzimmer des Gouverneurs führte. Ich fand sie von einer Menge allerlei Volkes erfüllt: Da waren viele unserer Militärs, da waren auch viele Stadtbewohner jeder Art, darunter solche, von denen ich schließen konnte, dass sie Bittsteller waren. Ich suchte mit den Augen, ob ich nicht jenen Deutschen erblicken würde, den ich am meisten im Verdacht hatte, und einer schien mir ihm ähnlich.
„So ist es!“, rief ich insgeheim bei mir selbst. „Das ist er, der Verfluchte! Und von ihm kommt gewiss all dieses Unheil!“
Doch kaum hatte ich diese Worte in Gedanken ausgesprochen, als sich die Türen aus den inneren Gemächern öffneten und Seine Exzellenz selbst in seinem blauen Ordensband und mit seinen Sternen erschien. Er schritt in Begleitung vieler vornehmer Personen durch diesen Raum, um die anderen Zimmer dieses Schlosses zu besichtigen. Da ich diesen berühmten Würdenträger bis dahin noch nie gesehen hatte, richtete ich mit bebendem Herzen meine Blicke auf ihn und fand ihn zu meinem Erstaunen ganz anders, als ich ihn mir, ohne ihn gesehen zu haben, vorgestellt hatte. Statt Strenge und Grausamkeit zeigten sich mir in seinem Gesicht nur Züge, die etwas Melancholisches ausdrückten. Er war schon nicht mehr jung, von hohem Wuchs, sehr hellhäutig und von besonderer Gesichtsbildung: Man sah darin weder ausnehmende Liebenswürdigkeit noch Härte; es war nichts Bezauberndes und nichts Abstoßendes darin.
All das beruhigte mich etwas, doch hatte ich mich noch nicht gefasst, als mein Kommandeur, Brigadier Numers, mich erblickte. „Ach, da bist du ja!“, sagte er, wandte sich sogleich ab und trat zu Herrn Korff. „Das ist der Offizier“, sagte er zu ihm, „von dem ich Eurer Hohen Exzellenz berichtet habe.“ Seine Exzellenz blickte sich sogleich nach mir um, und nachdem er mich von Kopf bis Fuß gemustert hatte, geruhte er nicht nur im Gehen innezuhalten, sondern trat zwei Schritte näher an mich heran und begann mit besonderer Freundlichkeit mit mir zu sprechen. „Ich habe gehört, mein Freund“, sagte er zu mir, „dass du Deutsch sprechen kannst und gut schreibst, und Herr Brigadier Numers empfiehlt mir Sie als einen Mann von gutem Betragen.“ Ich machte ihm eine tiefe Verbeugung und hatte noch nichts zur Antwort sagen können, als Herr Numers seine Rede aufgriff und ihm von Neuem meine Fähigkeiten und meinen Fleiß versicherte. Der alte Herr, mein Oberst, der gerade auch dort war, mischte sich ebenfalls ins Gespräch und versicherte dem General auf Deutsch, dass ich der beste Offizier in seinem Regiment sei, dass mein Vater sein Vorgänger gewesen sei 55 und dass das ganze Regiment nichts als Gutes über mich sagen könne. „Ja“, fügte mein Kapitän Gnewuschew hinzu, der gerade auch dort war, „er gehört zu meiner Kompanie, und ich kann meinerseits bezeugen, dass er jedes Lobes würdig ist, und das können alle Offiziere unseres Regiments sagen.“
Diese allseitige Empfehlung und das aufmerksame Betrachten des Generals lenkten die Augen des ganzen zahlreichen Gefolges, das Herrn Korff folgte, auf mich. Mir fiel damals gleichsam ein gewaltiger Berg vom Herzen, und ich stand fast außer mir vor Freude und Vergnügen, als ich so viele Lobsprüche von allen und solche Empfehlungen hörte, wie ich sie am allerwenigsten erwartet hatte. Bei alledem wusste ich nicht, worauf all dies hinauslief und was es eigentlich bedeuten sollte.
Da ich aber wenigstens damals deutlich sehen konnte, dass ich nicht dazu gerufen worden war, wozu ich gedacht hatte, sondern zu irgendetwas anderem, so fasste ich beträchtlich Mut und konnte nun kühner und mit ruhigerem Gemüt auf die weiteren Fragen Seiner Exzellenz antworten.
„Das ist sehr gut“, sagte er, „für einen jungen Offizier ist es löblich und schmeichelhaft, sich eine solche Ehre zu verdienen; aber sag mir doch, mein Freund, kannst du aus dem Deutschen ins Russische übersetzen?“ – „Das kann ich, Eure Exzellenz!“, sagte ich. „Aber nicht sehr gut, und im Übersetzen habe ich mich wenig geübt!“ – „Ach nein, Eure Exzellenz“, fiel mein Kapitän ein, „er übersetzt ganz ordentlich, ich habe seine Übersetzungen gelesen.“ – „Nun gut denn, Väterchen!“, sagte darauf der General. „Bleiben Sie hier und machen Sie sich die Mühe, mir einige Papiere zu übersetzen.“ Dann wandte er sich an einen seiner Räte, die ihm folgten, befahl, mir einige Papiere zu übergeben und mir einen Platz anzuweisen, wo ich daran arbeiten könne, und ging selbst mit seinem Gefolge weiter.
Diese unerwartete Wendung verwirrte und erstaunte mich. Ich hatte am allerwenigsten gedacht und erwartet, dass ich nur dazu gerufen worden war und dass ich sogleich gezwungen sein würde, mich an die Arbeit zu machen. Meine Verwirrung wuchs aber noch mehr, als der erwähnte Rat mich im selben Augenblick beim Arm nahm, durch viele Gemächer führte, mich endlich in ein sehr entlegenes und überaus großes Zimmer brachte, an einen Tisch setzte, aus einem anderen ein Tintenfass und Papier herbeibrachte, ein ganzes Bündel Schriftstücke aus der Tasche zog und mich höflich bat, ich möge an ihnen meine Kräfte und Fähigkeiten erproben und mich bemühen, sie so schnell wie möglich zu übersetzen; dann ließ er mich allein und ging fort.
„Da hast du's!“, sagte ich bei mir, während ich dem weggehenden Rat mit den Augen folgte. „Ohne dass man es ahnte und dachte, ist der Bursche hineingetappt wie die Maus in die Falle, und während die anderen jetzt spazieren gehen und sich vergnügen, darf er hier sitzen und sich abmühen. Aber gut! Schauen wir mal, was das heißt, übersetzen?..“ Darauf begann ich die zurückgelassenen Papiere durchzusehen und durchzublättern, und als ich sah, dass es mehr als zehn waren, rief ich: „Oh! Oh! Oh! Was für eine Unmenge! Die übersetzt man nicht einmal in drei Tagen und Nächten!.. Ich danke ergebenst!..“
So rief ich aus, ohne ihren Inhalt noch zu kennen; als ich aber weiter zu prüfen und zu lesen begann, wuchs mein Missvergnügen noch mehr. Ich sah, dass es lauter Bittschriften waren, die dem Gouverneur von Leuten verschiedenen Standes unter den Königsberger Bewohnern eingereicht worden waren, und alle in einem so seltsamen, dunklen, verworrenen und ungefügen Stil geschrieben, wie ich ihn noch nie zu lesen bekommen hatte und der den besten Übersetzer ins Schwitzen gebracht hätte; was mich aber noch mehr erschütterte, war, dass viele von ihnen geradezu in ihrem dummen und verworrenen Kanzleistil geschrieben und mit einer Menge lateinischer Wörter und solcher Fachausdrücke angefüllt waren, wie ich sie nie gehört hatte. Mit einem Wort, viele von ihnen waren so, dass sie mir überhaupt nicht in den Kopf wollten und ich nicht einmal den zehnten Teil dessen verstand, was darin geschrieben stand. „Ei! Ei! Ei!“, rief ich da kopfschüttelnd. „Was soll ich nun mit ihnen anfangen und wie sie übersetzen? Nun, geradeheraus gesagt, bin ich jetzt ein schöner Tropf! Und hat mich nicht der Teufel selbst geritten zu sagen, dass ich übersetzen kann? Nun, was willst du jetzt machen! Ob gern oder nicht, sei bereit und greif zur Feder.“
Mit einem Wort, dieser Umstand verwirrte mich so sehr, und die Übersetzung dieser Papiere erschien mir so schwierig, dass mein Herz davon ebenso zu klopfen begann, wie es zuvor aus Furcht geklopft hatte, und ich mich all der Lobsprüche, die ich wenige Minuten zuvor über mich gehört hatte, und meiner ganzen Kenntnis der deutschen Sprache nicht mehr freute. Einige Minuten wusste ich nicht, was ich tun sollte.
Da aber die Sache schon geschehen war und sich nicht mehr rückgängig machen ließ, wählte ich, nachdem ich geseufzt und mich gegrämt hatte, eine aus, die kleiner war und deren Stil mir leichter und verständlicher schien, griff zur Feder und begann zu übersetzen.
Doch kaum hatte ich einige Zeilen geschrieben, als mir die Schwierigkeit der Übersetzung von Stunde zu Stunde größer erschien und ich die ganze Last dieser Sache geradezu zu spüren begann.
Da ich an Übersetzungen dieser Art nicht gewöhnt war, begegneten mir fast in jeder Zeile neue Schwierigkeiten und solche Stellen, die mir durchaus nicht in den Kopf wollten und von denen ich nicht wusste, wie ich sie ins Russische übersetzen sollte. Nachdem ich mich einige Minuten mit der einen abgequält hatte und in eine völlige Sackgasse geraten war, ließ ich sie liegen und nahm ein anderes Schriftstück in der Hoffnung, es werde vielleicht besser und leichter sein; doch ein kleiner Versuch bewies mir, dass diese Übersetzung noch schwieriger war als die erste; ich griff nach der dritten, doch diese war um nichts besser als die vorigen, sondern noch schwieriger. „Herr, erbarme dich!“, rief ich. „Was für Teufel haben das alles geschrieben, und werde ich wohl auch nur eine etwas vernünftigere finden?“ Endlich geriet mir eine in die Hände, die etwas verständlicher war als die anderen, und ich übersetzte sie, wenn auch mit Mühe und nicht schnell.
Gerade zu dieser Zeit trat der zuvor erwähnte Rat bei mir ein, um zu sehen, was ich mache. „Nun, Väterchen“, sagte er zu mir, „kommt Ihre Sache voran?“ – „Ach, mein Herr!..“, antwortete ich ihm. „Meine Sache will nicht recht gelingen! Noch nie habe ich Schriftstücke dieser Art zu übersetzen gehabt, und es ist sehr vieles darin, das mir ganz unverständlich ist, besonders finden sich in vielen Wörter und ganze Sätze in lateinischer Sprache, die ich, da ich diese Sprache nicht kann, überhaupt nicht verstehe.“ – „Oh, Väterchen!“, sagte er. „Irgendwie wird es schon gehen! Was aber die lateinischen Wörter betrifft und solche, die Sie nicht verstehen, so können Sie mich fragen. Ich werde es mir nicht zur Mühe anrechnen, sie Ihnen zu erklären. Haben Sie inzwischen aber etwas übersetzt?“ – „Hier, eine habe ich übersetzt“, sagte ich und reichte sie ihm. Er las meine Übersetzung und schien mit ihr zufrieden zu sein. „Das ist schon ganz ordentlich!“, sagte er, nahm die Übersetzung und das Original und ging von mir fort. Nach einigen Minuten kehrte er zurück und sagte mir, Seine Exzellenz habe befohlen, mir sein Wohlwollen kundzutun und mir dabei zu sagen, ich solle jetzt in mein Quartier gehen, am folgenden Tag aber morgens wieder dorthin kommen und meine Arbeit fortsetzen.
Diese Nachricht war mir nicht sehr angenehm. „Gott steh mir bei“, dachte ich bei mir, „mitsamt dem ganzen Wohlwollen Seiner Hohen Exzellenz und mitsamt all Ihren Lobsprüchen; ich hätte lieber nichts mit Ihnen zu tun und bliebe zu Hause und lebte wie bisher.“
So ging ich denn in großem Kummer und voller Ärger über den Gouverneur, über alle und über mich selbst in mein Quartier und grämte mich den ganzen übrigen Abend über das, was mir widerfahren war. Da ich mir aber auf keine Weise helfen konnte, schleppte ich mich am anderen Morgen widerwillig wieder ins Schloss und in die früheren herzoglichen Gemächer, die mir aber trotz all ihrer alten Pracht damals wie ein wahres Gefängnis erschienen; denn mein Ärger über die verfluchten und verworrenen Papiere war so groß, dass mich weder die alte Architektur noch die gewirkten historischen Tapeten reizten, mit denen jener geräumige Saal bespannt war, in dem ich am Tag zuvor in völliger Einsamkeit etwa zwei Stunden mit halsbrecherischer Arbeit verbracht hatte: sondern ich verfluchte alles auf der Welt und wollte sie nicht einmal eines Blickes würdigen.
Als ich dort ankam, sah ich zu meinem Erstaunen dieses ganze Zimmer schon von einer Menge Leute erfüllt. Es waren darin schon mehrere Tische aufgestellt, und an ihnen saßen verschiedene Kanzleibedienstete und schrieben.
Ich konnte leicht erraten, dass diese Zimmer für die Kanzlei des Gouverneurs bestimmt waren, und meine Vermutung war richtig. Herr Korff hatte alle nötigen Beamten mitgebracht, um in Königsberg eine russische Gouvernementskanzlei zu gründen. Mit ihm waren zwei Räte, zwei Sekretäre, ein Protokollführer und einige Kanzleibedienstete, nämlich Kanzlisten, Unterkanzlisten und Kopisten, mit einem Wort, eine vollständige Kanzlei, und diese war fürs Erste in diesen Zimmern untergebracht; und das Zimmer, in dem ich am Tag zuvor geschrieben hatte, wurde zur Schreiberstube gemacht, das andere, danebenliegende, zur Richterstube, und dort saßen die Räte und Sekretäre mit dem Protokollführer.
Kaum war ich angekommen, als der erwähnte Rat, der als Einziger von ihnen allen von Geburt ein Deutscher war, den ersten Sekretär aus der Richterstube zu mir herausführte und mich mit folgenden Worten von Hand zu Hand an ihn übergab: „Hier, Timofei Iwanowitsch, ist der Mann, der Ihnen als Einziger noch gefehlt hat.“
Dieser Sekretär schien mir mit dem allerdümmsten Schreiberdünkel vollgestopft. Statt freundlich zu mir zu sein oder mich zu begrüßen, wollte er mich kaum eines Blickes würdigen, sondern antwortete dem Rat mit einer gewissen Grobheit und Verachtung: „Ist er denn imstande, diese Arbeit zu tun?“ – „Er wird sich daran gewöhnen!“, sagte Herr Baumann, denn so hieß dieser Rat. „Und bis dahin werden wir ihm schon irgendwie helfen.“ – „Das ist etwas anderes!“, antwortete der Sekretär, lächelte spöttisch und ging, mich gleichsam mit einer gewissen Verachtung anblickend, in die Richterstube.
Ein solcher Empfang bei der ersten Begegnung war mir sehr unangenehm. „Was zum Teufel ist das?“, dachte ich bei mir. „Der General selbst hat mich nicht so hochmütig behandelt wie dieser Hochmutsnarr.“ – Doch kaum hatte ich das gedacht, als er wieder herauskam und mir nicht nur die vorigen, sondern noch einige neue Papiere brachte, sie fast im Vorbeigehen auf meinen Tisch warf und sagte: „Bitte sehr! Bitte sehr, das alles hier übersetzen – schauen wir mal, was du kannst!“
Diese Grobheit ärgerte mich; und so geduldig ich in solchen Fällen auch war, konnte ich es damals doch nicht mit ruhigem Gemüt ertragen und mich nicht enthalten, ihm zu sagen: „Wie ich es kann, mein Herr, so werde ich es übersetzen; und wenn es nicht gefällt, so bitte ich, es mir nicht zu verübeln. Ich bin nie Übersetzer gewesen und habe mich zu dieser Sache nicht aus freien Stücken gedrängt, sondern man hat mich gegen meinen Willen hierher gerufen, ich habe es nicht gesucht.“
Diese Worte waren sehr am Platz gesagt und taten ihre Wirkung, denn, soweit es mir schien, begann er mich von da an höflicher zu behandeln, oder wenigstens bei Weitem nicht so grob wie anfangs.
Doch obwohl ich diesen Herrn auf diese Weise abgewiesen hatte, hatte ich damit meine Sache nicht gebessert, denn übersetzen musste ich trotzdem, und zwar viel. So machte ich mich denn an meine langweilige Arbeit und wollte sie, gleichsam diesem Schlaumeier von Sekretär zum Trotz, so gut wie möglich ausführen, um mir dadurch das Lob der Räte zu erwerben.
Doch ich weiß wahrhaftig nicht, ob es mir gelungen wäre, es nach Wunsch zu vollbringen, wenn mir nicht ein unerwarteter Zufall dabei auf unvermutete Weise große Hilfe geleistet hätte.
Kaum hatte ich, allein an einem besonderen Tisch sitzend, meine Arbeit begonnen, als ein preußischer Obersekretär aus der Kanzlei ihrer obersten Regierung in Begleitung von zwei deutschen Kanzleibediensteten in unser Zimmer trat.
Diesem Obersekretär war befohlen worden, zu bestimmten Stunden gemeinsam mit unseren Räten Sitzung zu halten und in Angelegenheiten seiner Kanzlei mit der unseren zu verkehren; und da der ganze Teil der Geschäfte, der die innere Verwaltung des Königreichs Preußen betraf, von ihm und unserem erwähnten Rat Baumann in deutscher Sprache geführt werden musste und beide stets eine Menge zu schreiben hatten, waren zum Abschreiben ihrer Papiere die erwähnten zwei Deutschen hergebracht und unserer Kanzlei beigegeben worden; und zu meinem besonderen Glück traf es sich, dass sie mit mir an einen Tisch gesetzt wurden.
Ich kann nicht genug beschreiben, wie sehr ich mich freute, diese zwei Gefährten zu bekommen. Beide waren ordentliche Leute, und sobald sie bemerkten, dass ich aus deutschen Schriftstücken übersetzte, hielten sie es für ihre erste Pflicht, auf Deutsch auf die höflichste Weise freundlich zu mir zu sein und erste Bekanntschaft mit mir zu schließen. Der Umstand, dass sie kein einziges Wort Russisch konnten und von all unseren Kanzleibediensteten außer mir niemand Deutsch sprechen konnte, bewog sie dazu umso mehr. Da sie hier wie in einem Wald unter fremden Leuten waren, die sie nicht verstanden, freuten sie sich unsäglich, einen Menschen gefunden zu haben, mit dem sie sich unterhalten konnten; und ich freute mich nicht weniger über ihre Gesellschaft, doch meine Freude entsprang einem anderen Grund. Ich zweifelte nicht, dass ihnen als Kanzleibediensteten jener verfluchte deutsche Kanzleistil, der mir bei den Übersetzungen am meisten zu schaffen machte und für mich ganz unverständlich war, bekannt sein müsse, und ich beschloss, mir ihre Kenntnis zunutze zu machen und sie zu bitten, mir die Bedeutung einiger Ausdrücke und Wörter zu erklären. Und ich täuschte mich in meiner Meinung und Erwartung nicht. Kaum hatte ich mich ihnen gleichfalls freundlich genähert, mit ihnen Bekanntschaft geschlossen und ihnen mein Anliegen eröffnet, als sie mit größter Bereitwilligkeit einwilligten, mir jedes zweifelhafte Wort, besonders die lateinischen Wendungen, zu erklären und in einfacher und gewöhnlicher Sprache so deutlich wiederzugeben, dass es mir nicht mehr schwerfiel, ihre ganze Bedeutung zu verstehen und sie in meiner Sprache auszudrücken. Mit einem Wort, sie erfreuten und verpflichteten mich damit unendlich und bewirkten, dass ich imstande war, bis zum Mittagessen den größten Teil der mir übergebenen Papiere zu übersetzen, und zwar so ordentlich und gut, dass ich damit den Hochmut des Herrn Sekretärs beschämte und ihn wider Willen zu dem Eingeständnis zwang, meine Übersetzung sei recht verständlich.
Was aber die beiden Herren Räte betrifft, so konnten diese mir nicht genug Lob für meinen Fleiß und Eifer spenden und baten mich auf die freundlichste Weise, weiter zu arbeiten.
Nachdem ich einen solchen Sieg über den hochmütigen Sekretär errungen hatte, setzte ich meine Arbeit schon mit geringerem Missvergnügen fort, und bald kam dieser Herr selbst in die Lage, mich zu brauchen: Es kam einer der Königsberger Bewohner zu uns, mit dem er sprechen musste; da aber jener nicht Russisch konnte und dieser kein Wort Deutsch, zwang ihn die Not selbst, mich zu bitten, ich möge die Mühe auf mich nehmen und zwischen ihnen dolmetschen. Ich legte meinen ganzen früheren Ärger über ihn beiseite und willigte gern ein, seine Bitte zu erfüllen, und dieser kleine Dienst bewirkte, dass er mich nicht nur nicht mehr verachtete, sondern, mir gewogen geworden, sein Wohlwollen sogar so weit trieb, dass er, als gerade zu dieser Zeit der Adjutant des Generals kam, um sie alle zum Mittagessen zu rufen, mich fragte, ob mein Quartier weit sei; und als er hörte, dass es bis zu meinem Quartier etwa zwei Werst seien, rief er: „Ei, Bruder, wozu sollst du denn einen so weiten Weg nach Hause zum Essen gehen? Du kannst doch mit uns zusammen essen. Wir haben durch die Gnade Nikolai Andrejewitschs immer eine gedeckte Tafel, und du kannst immer mit uns zusammen essen. Komm mit, mein Herr! Ich werde es dem General selbst melden.“
Ich wunderte mich über eine solche unerwartete Wandlung dieses mir bis dahin verhassten Menschen und folgte ihm gern in die inneren Gemächer des Generals. Dort meldete er dies tatsächlich dem General, der seinen Vorschlag nicht nur billigte, sondern, da ihm von den Räten und von eben diesem bei ihm in besonderem Vertrauen stehenden Sekretär schon alles über mich und meine Übersetzungen erzählt worden war, noch weiter gehen und mir persönlich sein Wohlwollen bekunden wollte. Man rief mich sogleich zu ihm, und kaum war ich eingetreten, als er sich zu mir wandte und sagte: „Ich bin mit deinen Arbeiten sehr zufrieden, mein Freund: Du übersetzt recht gut. So komm denn jeden Tag in meine Kanzlei und hilf uns weiter, und iss stets hier bei mir mit den Sekretären: Wozu sollst du einen so weiten Weg in dein Quartier gehen!“
Ich machte ihm eine tiefe Verbeugung und war mit seiner Freundlichkeit vollkommen zufrieden; und da ich eben dadurch gleichsam seinem Stab beigesellt wurde, begann von dieser Zeit an abermals eine ganz andere Art meines Lebens und ein solcher Abschnitt desselben, der für mich besonders denkwürdig war.
In den folgenden Briefen werde ich Ihnen diesen ausführlicher beschreiben; jetzt aber beende ich diesen Brief und verbleibe für immer der Ihre und so weiter.
BEI KORFF
63. Brief
Lieber Freund! Die oben erwähnte, am allerwenigsten erwartete und zwar nicht förmliche, aber private Beigesellung zum Stab des Gouverneurs Korff bildete eine sehr wichtige und wahrhaft denkwürdige Epoche in meinem Leben. Denn aus diesem meinem Aufenthalt bei diesem General entsprangen solche Folgen, die auf alle späteren Tage meines Lebens großen Einfluss hatten. Und da die wichtigste dieser Folgen darin bestand, dass ich mich in meinem ganzen sittlichen Charakter veränderte und diese Veränderung den allerersten Grund zum ganzen Wohlergehen meiner Tage legte, so kann ich nicht anders schließen, als dass dies nicht zufällig geschah, sondern durch eine besondere Fügung des Himmels und durch das Wirken der stets um mich besorgten Vorsehung des Herrn. Seinem heiligen Willen gefiel es, dass mir damals diese Begebenheit widerfuhr, die in all meinen damaligen Umständen eine große und für mich sehr glückselige Veränderung bewirkte. Doch ich will mich enthalten, Ihnen im Voraus zu erzählen, was Sie später und zu seiner Zeit erfahren sollen, und nur sagen, dass ich Gott noch heute nicht genug danken kann, wenn ich an diesen Fall denke, und mich nicht genug darüber wundern kann, welch besonderer Umstand und, wie es scheint, welche bloße Nichtigkeit zu alledem den ersten Anlass gab.
Dieser bestand in Folgendem. Als Herr Korff sich in Petersburg zu seiner Reise nach Königsberg rüstete und alle Leute zusammenbrachte, die zur Gründung der dortigen Gouvernementskanzlei nötig waren, gab er sich zwar alle erdenkliche Mühe, seinen Stab mit allen nötigen und fähigen Leuten und Beamten zu besetzen, und konnte dies umso besser tun, als ihm die Erlaubnis gegeben war, sie zu nehmen, woher er nur wollte; doch dem Willen des Himmels gefiel es, dass weder ihm noch irgendeinem der von ihm ausgewählten Beamten damals in den Sinn kam, dass nach der Ankunft in Königsberg seine ganze künftige Kanzlei in ständigem Verkehr mit Deutschen stehen und es nicht nur mit Russen, sondern zugleich auch mit dem deutschen Volk zu tun haben werde und dass sie dafür unbedingt einen Übersetzer brauchten.
Dieser Umstand war ihnen ganz aus dem Kopf gekommen, und sie besannen sich nicht eher darauf, dass sie ihn vergessen hatten, als bis sie schon in Königsberg angekommen waren und es bereits an die Gründung der Kanzlei selbst ging. Da, aber schon zu spät, besannen sie sich und sahen ihren Fehler.
Das Bedauern darüber war bei ihnen allen außerordentlich. Der General selbst grämte sich unsäglich darüber und ärgerte sich über seine Sekretäre, weshalb sie ihn nicht daran erinnert hätten; diese aber schoben die ganze Schuld auf ihn und auf die Räte, die das eher hätten wissen und bedenken müssen. Mit einem Wort, sie alle beschuldigten einander; da dies aber nicht half, ein Übersetzer aber gebraucht wurde und die Sekretäre, die kein einziges Wort Deutsch verstanden, dem General und den Räten keine Ruhe ließen, die Kanzlei mit einem Dolmetscher und Übersetzer zu versehen, so war eben dies der Grund, dass dieser General sogleich beim Oberkommandanten Herrn Treyden und beim Brigadier Numers, die damals Königsberg verwalteten, nachzufragen begann, ob sie nicht einen Offizier hätten, der dieses Amt versehen könne; und dem Schicksal gefiel es, dass ihnen dabei als Erster ich in den Sinn kam. Sie berichteten dem General von mir, und eben dies war der Grund der zuvor erwähnten Botschaft nach mir und dafür, dass ich auf diesen Platz geriet und das Amt sowohl eines Dolmetschers als auch eines Übersetzers versehen musste.
Sehen Sie, welch kleine und entfernte Ursachen die Vorsehung des Herrn mitunter gebraucht, um das Wohlergehen derer zu errichten, die sie damit zu beschenken gedenkt. Doch ich kehre jetzt zur Fortsetzung meiner Geschichte zurück.
Kaum hatte der General auf die oben erwähnte Weise mir öffentlich vor allen sein Wohlwollen bekundet und befohlen, stets in seinem Haus zu essen, und kaum war ich wieder in das Zimmer hinausgetreten, wo für uns eine besondere Tafel gedeckt war, als alle niederen Beamten, die seinen Stab bildeten, mich umringten und begannen, mit mir als ihrem neuen Gefährten und Mitarbeiter Bekanntschaft zu schließen und freundlich zu mir zu sein. Da waren unsere beiden Sekretäre, der Protokollführer, der Adjutant des Generals, ein beim General lebender Italiener und noch einige andere, alles mir noch unbekannte Leute. Doch niemand von ihnen allen machte so schnell Bekanntschaft mit mir und war so freundlich zu mir wie der Adjutant des Generals. Er war ein junger Bursche, und obgleich ein Priestersohn, nämlich der Sohn des Protopopen der Preobraschenski-Kirche, so gut erzogen, dass nichts an ihm seiner Herkunft ähnlich war, sondern er auch dem besten Edelmann in nichts nachstand. Seine Sprachkenntnisse, seine Liebe zu Büchern und Wissenschaften, das gleiche Alter wie ich und sein überaus freundliches und gutes Wesen waren der Grund, dass wir fast in einem Augenblick miteinander bekannt wurden und einander lieb gewannen, und ich kann sagen, dass ich mit seiner Freundschaft stets zufrieden war. Doch nie verpflichtete er mich so sehr wie bei dieser ersten Gelegenheit. Er war der Erste, der freundlich zu mir war, und kaum hatte er erfahren, dass ich Sprachen verstehe und ebenso ein Liebhaber der Wissenschaften sei, als auch schon Gespräche zwischen uns begannen; und er schloss sich so an mich an, dass er mich bei Tisch neben sich setzte und mich während des ganzen Mittagessens wie einen Gast zu bewirten suchte.
Diese unsere Tafel war von der des Generals getrennt und stand in einem anderen Zimmer neben seinem Speisesaal, war aber nur um weniges schlechter als die des Generals und an Speisen wie an Getränken so reich, dass man sich nichts Besseres wünschen konnte; was aber das Beste von allem war: Es herrschte an ihr nicht jener Zwang und jene Förmlichkeit, die an der Tafel des Generals selbst beachtet wurden, wo er mit seinen Räten und Gästen speiste, deren er stets mehrere bei sich hatte.
Bei uns aber herrschte vollkommene Ungezwungenheit: Jeder redete, was er wollte, man scherzte und lachte miteinander, und niemandem wurde besondere Ehrerbietung erwiesen, was diesen Mahlzeiten umso mehr Annehmlichkeit verlieh.
Nachdem wir an der Tafel des Generals gesättigt und getränkt worden waren, gingen wir wieder in die Kanzlei, machten uns an unsere Arbeit und saßen bis zur Dämmerung, sodass ich erst in der Nacht in mein Quartier zurückkehrte.
Als ich diesmal nach Hause ging, befand ich mich in mancherlei Gemütsbewegungen. Ich wusste nicht, ob ich mich über die mir so unerwartet und plötzlich widerfahrene Veränderung freuen oder grämen sollte... Einerseits war es mir nicht zuwider, an einen nach meiner Meinung so ansehnlichen Platz geraten zu sein. Der Aufenthalt bei dem General, der damals über ganz Preußen gebot, und die Beigesellung, sozusagen, zu seinem Stab schmeichelten meinem Ehrgeiz. Ich wiegte mich in der Hoffnung, dass ich, wenn ich diesem Würdenträger bekannter würde, sein weiteres Wohlwollen erwerben und vielleicht durch ihn mein Glück machen könnte. Andererseits schmeichelte mir der Umstand, dass ich mich hier stets unter den besten Leuten befinden und alles Geschehende sehen und wissen würde; drittens war es mir auch nicht zuwider, dass ich stets eine bereitete und gute Tafel haben würde und nicht nötig hätte, zu Hause zu kochen und mich bisweilen mit einer recht kärglichen Kost zu begnügen. Viertens war es mir auch nicht unangenehm, dass ich durch diese Bestellung zum Übersetzer von Stunde zu Stunde mehr vom Regiment und von allen mit dem Kriegsdienst verbundenen Mühen und, in jener Kriegszeit, auch von den Gefahren selbst losgerissen wurde – all das freute und erheiterte mich. Wenn mir aber andererseits meine schweren und langweiligen Übersetzungen in den Sinn kamen, die mir schon an diesem einen Tag zum Hals heraushingen, wenn ich mir vorstellte, dass ich jeden Tag in die Kanzlei gehen und vom Morgen bis zum Abend unablässig über ihnen sitzen und meine ganze frühere, mir so liebe Freiheit völlig einbüßen müsste, so minderten diese Gedanken mein Vergnügen sehr und bekümmerten mich unsäglich. Am meisten grämte ich mich darüber, dass ich dadurch an Händen und Füßen gebunden sein und sozusagen keine Minute für mich frei haben würde, keine Zeit, die ich auf meine eigenen wissbegierigen Beschäftigungen verwenden könnte. Da ich mir aber einmal vorgenommen hatte, mich weder selbst zu etwas zu drängen noch mich gegen etwas zu wehren, wenn es von selbst käme, so tröstete ich mich mit der Hoffnung, dass dieses Amt mit der Zeit vielleicht nicht so schwer sein werde, wie es mir damals vorkam, und darin täuschte ich mich auch nicht, wie Sie aus dem Folgenden sehen werden.
So ging ich denn, auf Gott vertrauend und alles von der Zeit erwartend, am folgenden Tag wieder in die Kanzlei und begann von da an täglich dorthin zu gehen. Wir saßen gewöhnlich jeden Tag vor und nach dem Mittagessen bis zum Abend. Und da es eine überaus große Menge Geschäfte gab, die sich von Stunde zu Stunde mehrten, und darunter viele wichtige Sachen waren, kam gewöhnlich der General selbst hinein und saß dort mehrere Stunden; deshalb wurde sie, damit er bequemer hingehen könne, nach einigen Tagen in andere Zimmer verlegt, die näher an denen lagen, in denen er wohnte, und die zwar nicht so geräumig wie die ersten, aber weit gemütlicher und heiterer waren.
Sie befanden sich im selben Stockwerk, aber an der allerschönsten und heitersten Ecke des ganzen Schlosses, und lagen gerade über der Kammer.
Hier fiel mir zu besonderem Glück ein eigenes und das allerbeste Eckstübchen zu, das von den übrigen Schreiberzimmern durch eine Bretterwand abgetrennt war; und da mit mir zusammen nur die oben erwähnten deutschen Kanzlisten waren, war ich mit dieser Veränderung sehr zufrieden: Hier hatten wir gleichsam eine eigene deutsche Kanzlei; niemand von den übrigen Schreibern störte uns, und wir hatten unsere Ruhe. Zu noch größerem Vergnügen hatten wir zwei Fenster, aus denen die Aussicht sehr weit reichte, und wir konnten nicht nur eine der Hauptstraßen überblicken, die an unseren Fenstern dicht am Schloss vorbeiführte, sondern auch den ganzen unteren und jenseits des Flusses gelegenen Teil der Stadt 56. An einem der erwähnten Fenster wählte ich mir einen Platz an einem eigenen Tischchen, und an das andere Fenster setzte ich meine Gefährten, mit deren Gesellschaft ich von Stunde zu Stunde zufriedener wurde, denn sie halfen mir nicht nur auf die oben erwähnte Weise sehr viel bei meinen Übersetzungen, sondern ich hatte von ihnen überdies noch einen anderen Nutzen, der darin bestand, dass ich mich in der freien Zeit mit ihnen in Gesprächen üben und dadurch von Stunde zu Stunde in der deutschen Sprache vollkommener und kundiger werden konnte.
Was meine Arbeit betrifft, so war sie mir nur ganz am Anfang schwer und fast unerträglich, solange ich mich noch nicht an sie gewöhnt hatte; sobald ich aber alle besonderen Fachausdrücke kennengelernt hatte, die in ihrem Kanzleistil gebraucht werden, und mich an ihren ganzen Stil gewöhnt hatte, wurden mir meine Übersetzungen weit leichter und erträglicher; überdies begannen sie nach und nach auch abzunehmen, und nach einigen Wochen kam es so weit, dass ich bisweilen an einem ganzen Tag nicht einmal zwei Bogen zu übersetzen bekam und mancher Tag ganz ohne Arbeit verging; dennoch konnte ich mich keineswegs entfernen, denn alle Augenblicke musste ich dolmetschen oder unseren Sekretären mündlich übersetzen, was ihnen die täglich zu uns kommenden Einwohner verschiedenen Standes sagten, und ebenso diesen ihre Antworten wiedergeben; und für diesen Bedarf musste ich fast ununterbrochen in der Kanzlei sein.
Nun will ich, bevor ich von den weiteren Begebenheiten erzähle, einen Augenblick innehalten und Ihnen, lieber Freund, etwas ausführlicher von den verschiedenen Beamten erzählen, die damals den Stab unseres Generals bildeten, damit Sie daraus deutlicher sehen können, mit was für Leuten ich damals am meisten zu tun und täglich umzugehen hatte.
Die Allerersten beim General waren unsere Räte. Es waren ihrer zwei, und beide saßen zusammen mit dem General zu Rat und wohnten anfangs auch im selben Schloss, nur in anderen Gemächern. Einer von ihnen war ein Deutscher und hieß Iwan Nikolajewitsch Baumann, der andere ein Russe aus dem Geschlecht der Herren Wolkow und hieß Alexei Alexejewitsch. Doch dieser Letztere war nicht lange bei uns, sondern ging dann an einen anderen Ort, und an seine Stelle wurde ein anderer Deutscher mit Namen Herr Westphalen befördert, der ebenfalls zusammen mit Korff gekommen war und bis dahin, bei ihm lebend, das Amt seines Haussekretärs versehen und seine Korrespondenz geführt hatte.
Mit diesen beiden ersten Personen und ständigen Gesprächspartnern des Generals waren wir alle im Allgemeinen zufrieden. Beide waren stille, gutartige Leute und beide sehr fleißig in ihrem Amt.
Da sie uns aber im Rang weit übertrafen und überdies beide Deutsche waren, hatten wir keinen näheren Umgang mit ihnen, sondern sie hielten sich von uns allen irgendwie fern, und wir erfuhren von beiden außer Höflichkeiten weder Böses noch Gutes.
Was mich betrifft, so waren sie beide mir recht gewogen, besonders Herr Westphalen, denn da er ein gelehrter Mann war, war ihm meine Neigung zu den Wissenschaften und zum Bücherlesen angenehm. Er ließ sich mit mir bisweilen in Gespräche ein und würdigte mich bei jeder Gelegenheit seines Lobes. Mehr aber als das habe ich von ihm nicht erfahren, obwohl er mit Herrn Baumann während unseres ganzen Aufenthalts in Königsberg bei uns war.
Außer diesen hatten wir noch zwei Kollegienräte, von denen der eine Herr Kalmann hieß und an Stelle meines früheren Kommandeurs Numers an die Königsberger Kammer bestellt war, der andere Herr Klingstedt, der an eine ebensolche Kammer in Gumbinnen bestellt war, aber meist in Königsberg lebte; doch mit diesen beiden Herren hatten wir noch weniger zu tun.
Nicht so aber waren unsere russischen niederen Beamten. Unter diesen war der berühmteste der von mir schon erwähnte erste Sekretär. Er hieß Timofei Iwanowitsch Tschonschin und war damals bei uns eine sehr wichtige Person. Die ganze Kanzlei lag fast auf ihm allein. Er war der allerwichtigste Bearbeiter aller Geschäfte und genoss überdies ein solches Vertrauen des Generals, dass er mit diesem selbst mitunter lautstark Streit anfing. All das, ebenso wie seine niedrige Herkunft – denn er war aus den allerniedrigsten Kanzleirängen zu dieser Würde aufgestiegen –, war der Grund, dass dieser Mensch mit dem allerdümmsten Schreiberdünkel vollgestopft und so hochmütig war, dass er bisweilen alle aus der Geduld brachte. Diesen Charakter bewahrte er während seines ganzen Aufenthalts in Königsberg und trieb diese Dummheit sogar so weit, dass er selbst in solchen Fällen, wenn er uns selbst einmal brauchte, sich keineswegs erniedrigen und freundlicher werden wollte. Mit einem Wort, er hielt sich hoch über uns und wollte durchaus nicht freundschaftlich und mit solcher Offenheit mit uns umgehen wie alle übrigen, und dafür mochten wir ihn alle innerlich nicht, obwohl wir ihm äußerlich Achtung erwiesen. Im Übrigen war er für Kanzleigeschäfte und die gewöhnlichen Schreiberkniffe eine sehr fähige und so gewandte Person, dass er als Einziger von allen es verstand, sich an diesem Ort so listig und geschickt zu bereichern, dass man es kaum bemerken konnte.
In Bezug auf mich war dieser Mensch sozusagen weder Fisch noch Fleisch. Ich erfuhr von ihm weder viel Gutes noch Böses. Da ich seine Macht kannte, bemühte ich mich zwar, ihm gefällig zu sein, und erwies ihm bei allen Gelegenheiten, wenn er meine Dienste brauchte, diese gern; bei alledem konnte ich von ihm aber nichts weiter gewinnen als nur kleine Freundlichkeiten, die er mir bisweilen erwies, und zwar auf so kalte Weise, dass sie mir keineswegs fühlbar sein konnten. Doch muss man auch sagen, dass von uns allen niemand von diesem Menschen besondere Freundschaft und Freundlichkeit genoss.
Was den anderen Sekretär betrifft, der Herr Gawrilow hieß, so war dieser von ganz anderer Art. Stolz und Hochmut waren in ihm nicht im Geringsten, sondern er war zu allen freundlich, nachsichtig und im Umgang angenehm.
Doch unglücklicherweise war er im höchsten Grade einem unmäßigen und liederlichen Leben ergeben. Er kam schon mit einer durch unmäßiges Leben völlig zerrütteten Gesundheit zu uns, und hier, wo er sich allem und jedem hingab, zerrüttete er sie noch mehr und wurde so schwach, dass er schließlich nicht mehr imstande war, sein Amt zu versehen, und aus diesem Grund nach einiger Zeit von uns schied.
Dieser Mann war während seines Aufenthalts bei uns zwar jedes Mal freundlich zu mir, und ich war mit der Gewogenheit, die er mir erwies, zwar zufrieden; da aber unsere Charaktere nicht miteinander übereinstimmten, schloss ich mich selbst nicht allzu sehr an ihn an, sondern suchte mich von ihm fernzuhalten.
Der dritte Kanzleibeamte war der Protokollführer Herr Djakonow, mit Vornamen Jakow Demidowitsch. Dieser war unvergleichlich besser als unsere beiden Sekretäre und der Liebe wie der Achtung würdiger. Er war zwar ein schlichter, aber sehr guter, beständiger, gegen alle gewogener und freundlicher Mensch und wurde dafür auch von uns allen geliebt. Auch mir selbst erwies er freundschaftliche Freundlichkeit und Gewogenheit, und ich kann sagen, dass ich mit seiner Zuneigung zu jeder Zeit zufrieden war und ihn für einen guten Freund hielt.
Diese drei Personen bildeten alle wichtigsten Beamten unserer Kanzlei. Was aber die übrigen niederen Kanzleibediensteten betrifft, so lohnt es nicht der Mühe, sie ausführlich zu erwähnen. Sie alle waren gewöhnliche russische Schreiber, alle Trinker und Taugenichtse, und unter ihnen allen war kein einziger, der auch nur geringer Beachtung wert gewesen wäre; deshalb will ich von ihnen, als von solchen, die nur Verachtung verdienen, schweigen, umso mehr, als ich von jedem Umgang mit ihnen weit entfernt war; nur das will ich sagen, dass sie mich alle liebten und achteten.
Nicht so aber waren die Deutschen, meine Gefährten. Sie trugen zwar ebenfalls den Namen Kanzlisten, hatten aber nichts mit unseren Schreibern gemein. Einer von ihnen war die ganze Zeit über ständig da und hieß Grünmiller, der andere wechselte, und zwar war es anfangs Herr Oleus, dann Herr Pickart und schließlich Herr Caspari. Sie alle waren gleichsam wie ausgesucht Leute von gutem Betragen und liebenswerten Charakteren, und alle zu mir freundlich, freundschaftlich und gewogen, und ich kann sagen, dass mir ihre Gesellschaft von großem Nutzen war. Denn sie halfen mir nicht nur, die freie Zeit in angenehmen und vernünftigen Gesprächen zu verbringen, sondern da einige von ihnen recht gelehrt und belesen waren, gewann ich von ihnen auch viele Kenntnisse und war mit ihrer Freundlichkeit wie mit ihrer Freundschaft stets zufrieden.
Mit all diesen Leuten hatte ich jeden Tag in der Kanzlei zu tun, und sie alle waren sozusagen meine Mitarbeiter und Gefährten. Nun aber will ich von den übrigen erzählen, die sich im Gefolge des Generals befanden und mit denen ich ebenfalls, besonders bei Tisch, täglich zusammenkam.
Einen von ihnen habe ich Ihnen vorhin schon im Vorbeigehen erwähnt, nämlich den Adjutanten des Generals, Herrn Andrejew, denn so hieß er nach seinem Vater. Dieser Mann fasste in kurzer Zeit eine ausnehmende Freundschaft zu mir und fand an Gesprächen mit mir solches Vergnügen, dass er nicht selten zu mir in die Kanzlei kam und eine Stunde und mehr in allerlei freundschaftlichen und herzlichen Gesprächen mit mir verbrachte. In dieser Zeit sprachen wir über alles: über Bücher, über die Wissenschaften, über das Zeichnen und über anderes; und da unsere Charaktere in vielem miteinander übereinstimmten, wurde es uns nie langweilig. Nur in einem war ich mit ihm nicht einig: darin, dass er sich allzu sehr der Eitelkeit hingab und es mit seiner Putzsucht mitunter bis zur Narrheit trieb und so weit, dass unsere Kanzleileute über ihn lachten. Im Übrigen konnte ich, da er beim General nicht viel galt, außer Freundschaft und Freundlichkeit keinen anderen Nutzen von ihm haben.
Die andere und letzte Person, die damals unsere Tischgesellschaft bildete, war ein gewisser Italiener mit Namen Mornini, eine gewandte, listige und überaus kluge Person. Er lebte damals privat beim General, ohne irgendein bekanntes Amt zu bekleiden, und war mit ihm zusammen aus Petersburg gekommen. Der General liebte ihn sehr und gebrauchte ihn, wie anzunehmen ist, für irgendwelche geheimen Angelegenheiten und verborgenen Aufträge. Wenigstens war uns davon nichts bekannt. Dieser Mann gewann mich ebenfalls von Anfang an ausnehmend lieb und war während der ganzen Zeit seines Aufenthalts beim General sehr freundlich zu mir, sodass ich mit seiner Freundschaft und Gewogenheit überaus zufrieden war. Er hatte eigene Gemächer und kam ebenfalls nicht selten eigens zu mir, um sich zu unterhalten, und zuweilen saß auch ich eine Weile bei ihm und hörte seine Erzählungen über Italien und über andere europäische Orte, wo er gewesen war, denn er war in seinem Leben ziemlich viel gereist und hatte sich in der Welt umgesehen, sodass man ihn für einen tüchtigen Glücksritter oder Abenteurer halten konnte. Und da er überdies ein großer Liebhaber des Bücherlesens war und alle freie Zeit mit Lesen verbrachte, fesselte auch das mich sehr an ihn, und ich kann sagen, dass ich auch diesem Mann viele der Kenntnisse verdanke, die ich während meines Lebens in Königsberg erwarb.
Aus diesen verschiedenen Personen also bestand die Gesellschaft, in deren Mitte ich leben und meine Zeit verbringen musste. Später vermehrte sie sich noch um einige Personen, doch davon werde ich zu seiner Zeit berichten; jetzt aber, da mein Brief schon ziemlich lang geworden ist, erlauben Sie mir, ihn für diesmal hiermit zu beenden und Ihnen zu sagen, dass ich bin und so weiter.
KORFFS CHARAKTER
64. Brief
Lieber Freund! In den ersten Tagen oder Wochen meines Aufenthalts beim Gouverneur ereignete sich mit mir so wenig Besonderes und Bemerkenswertes, dass ich mich an nichts erinnere, was Ihnen zu erzählen sich lohnte; alles bestand nur darin, dass wir eine solche Menge Arbeit hatten, dass wir vom Morgen bis zum Abend unablässig arbeiten mussten, und mich trieb die Morgenröte aus dem Quartier, das Abendrot oder vielmehr die Nacht selbst trieb mich wieder hinein. Und da ich die ganzen Tage ununterbrochen in der Kanzlei war, lernte ich dadurch bald alle oben erwähnten Gefährten kennen und hatte überdies Gelegenheit, auch unseren obersten Befehlshaber etwas näher kennenzulernen. Und da ich Ihnen seinen Charakter noch nicht geschildert habe, muss ich dies jetzt tun und Ihnen ein für alle Mal erzählen, was für ein Mann dieser damals berühmte Regent des preußischen Königreichs war.
Er war ein gutmütiger Mann, hatte aber in seinem Charakter sehr viele Mängel. Was seinen Verstand betrifft, so kann man sagen, dass er von Natur aus recht gut war, aber, wie anzunehmen ist, bei der Erziehung in der Kindheit nicht genug geschärft, und deshalb reichten alle Kenntnisse dieses Würdenträgers nicht allzu weit, sondern waren sehr, sehr mäßig; und wenn er etwas wusste, so hatte er all das bloß durch Gewohnheit erworben, indem er bei Hofe und in der großen Welt lebte; deshalb war er nicht so sehr zur Zivilverwaltung befähigt und in den sie betreffenden Geschäften kundig, wie er in allem bewandert war, was zum Hof- und Gesellschaftsleben gehörte. In diesem Punkt war er recht vollkommen; was aber die Geschäfte der Verwaltung betrifft, besonders die schriftlichen, so war er zu ihnen aus Ungewohntheit sehr unfähig, und es fehlte ihm sehr viel daran, unter den damaligen Umständen ein guter Gouverneur und Regent dieses eroberten Königreichs sein zu können.
Und ich weiß nicht, wie er mit allem hätte zurechtkommen können, wenn ihm nicht die Räte geholfen hätten und vor allen jener Sekretär Tschonschin, von dem ich Ihnen in meinen früheren Briefen berichtet habe und der bei uns später sogar Assessor wurde.
Russisch sprechen und lesen konnte er zwar recht gut, doch das reichte bei Weitem nicht aus, sondern er musste täglich in vielen seiner Sachen endgültige Resolutionen erteilen, und unglücklicherweise meist in wichtigen Sachen, die nicht den geringsten Zeitverlust und Aufschub duldeten, weil von ihnen nicht nur die Verwaltung des ganzen Königreichs und die ganze innere Ordnung darin, sondern auch die Versorgung der ganzen jenseits der Grenze und im Feldzug gegen den Feind befindlichen Armee mit allem Nötigen abhing. Dazu aber fehlte es ihm sowohl an Schnelligkeit des Verstandes als auch an rascher und unfehlbarer Entschlusskraft, und deshalb war er genötigt, sich meist auf das zu verlassen, was unsere Sekretäre und Räte sagten, rieten und schrieben. Bei alledem waren sein Ehrgeiz und seine hohe Meinung von sich so groß, dass er diesen Mangel so viel wie möglich zu verbergen und den Anschein zu wahren suchte, als entscheide er alle Sachen selbst. Und das gab natürlich oft Anlass nicht nur zu nicht seltenen Verwirrungen in den Geschäften, sondern auch zu vielen Fehlern, umso mehr, als auch der hinterlistige Sekretär, diese Schwäche ausnutzend, ihn nicht selten um seiner eigenen Vorteile willen zu gewaltigen Fehlgriffen und zu Dingen verleitete, die mit seinem damaligen wichtigen Amt keineswegs vereinbar waren. Zu noch größerem Unglück konnte er wegen seines völligen Unvermögens, Russisch zu schreiben, selbst nicht nur nichts abfassen, sondern auch das Geschriebene nicht verbessern, und das gab diesem listigen Menschen die allerwillkommenste Gelegenheit, ihn nach seinem Belieben zu betrügen und hinters Licht zu führen. Nicht selten geschah es vor unseren Augen, dass er deutlich bemerkte, dass etwas nicht richtig geschrieben war, und darüber in Zorn geriet und schimpfte, und mitunter das Papier mehrmals zerriss und neu abzuschreiben befahl; wie man es aber anders schreiben solle, das ordentlich zu erklären und anzuordnen war er bei Weitem nicht imstande; und deshalb erreichte er mit alledem nicht, was er wünschte, sondern war schließlich genötigt, dasselbe, nur mit anderen Worten geschrieben, zu unterschreiben. Dies allein kann Ihnen schon beweisen, lieber Freund, was unser Gouverneur von Seiten des Verstandes war; jetzt aber hören Sie, was er von Seiten des Herzens und des Gemüts war.
Das Gerücht, das schon vor seiner Ankunft bei uns umging, er sei ein Mann von aufbrausendem und hitzigem Gemüt, war nicht nur richtig, sondern noch bei Weitem nicht ausreichend. Die Erfahrung bewies uns unvergleichlich mehr, und ich weiß nicht, wie und mit welchen Worten ich Ihnen den sittlichen Charakter dieses Menschen schildern soll; ich will nur kurz sagen, dass ich jetzt, da ich dies schreibe, schon im sechzigsten Jahr meines Lebens stehe und im Lauf dieser Jahre zwar viele Menschen gesehen habe, mir aber noch kein einziger begegnet ist, der ihm gleich gewesen wäre und so sehr zu Zorn und Schimpferei geneigt, wie dieser Mann es war. Wahrhaftig kann man nach dem Sprichwort sagen, dass bei ihm in diesem Punkt die Reihe durcheinandergeraten war.
Um alles und jedes, und nicht nur um Sachen, sondern mitunter um die geringsten Kleinigkeiten geriet er in Zorn, entbrannte in außerordentlichem Grimm und überschüttete jeden, wer es auch sei, ob sein Diener oder sein Untergebener, mit heftigem Schimpfen und Schmähungen.
Mit seinen Dienern und Hausleuten lebte er in ununterbrochenem Krieg und Gezänk, und für alle Untergebenen war er so unerträglich, dass von allen, die mit ihm zu tun hatten, kein Einziger ohne Kränkung von ihm blieb. Und das geschah so oft, dass wahrhaftig kein Tag verging, an dem er nicht mehrmals einen gewaltigen Krieg und Streit mit ihnen anfing und sie nicht mit Tausenden von Flüchen und Schimpfworten überschüttete, und nicht selten wiederholte und erneuerte sich dies sogar innerhalb einer Stunde mehrmals. Mit einem Wort, jede Kleinigkeit und jedes nichtssagende Versehen war imstande, ihn zu reizen und in den allergrößten Zorn zu versetzen. Von dieser Seite war er bei all seinem Ruhm, seiner Größe, seinem Reichtum, seiner Ehre und seinem Ansehen der unglücklichste Mensch auf der Welt, weil sein Gemüt sich in fast ununterbrochener Unruhe und Verdrossenheit befand und fast alle Stunden und Minuten seines Lebens vom Gift des Missvergnügens vergiftet waren, und eben deshalb waren auch seine schönsten Vergnügungen und Lustbarkeiten unvollkommen. Genug, er ärgerte sich so sehr, dass er davon tatsächlich krank wurde und sich sogar ins Bett legte. Und nicht nur einmal kam es vor, dass er alle seine Untergebenen auf die rührendste Weise bat und anflehte, sie möchten ihn nicht erzürnen; doch sie hatten am allerwenigsten im Sinn, ihn absichtlich zu erzürnen, sondern jeder vermied dies um seiner eigenen Ruhe willen selbst auf jede nur mögliche Weise und hütete sich davor.
Nun urteilen Sie, wie uns zumute war, mit einem so maßlos aufbrausenden und zornigen Befehlshaber zu leben! Musste er uns allen nicht als ein wahres Ungeheuer und Scheusal erscheinen? Mussten wir ihn nicht alle hassen und vor ihm wie vor einem Untier fliehen und uns vor ihm fürchten? Ach, lieber Freund! So erschien er uns anfangs auch wirklich, besonders mir, und kaum hatte ich dieses sein Handwerk gesehen, als ich tausendmal bedauerte, unter sein Kommando geraten zu sein, und lieber tausend Werst von ihm entfernt sein wollte, als bei ihm zu leben und seine Kränkungen zu genießen. Doch ach, woran kann uns die Gewohnheit nicht gewöhnen und was kann sie uns nicht erträglich machen! Von dieser Wahrheit überzeugten wir uns alle im Übermaß durch eigene Erfahrung und erkannten, dass der Mensch sich ebenso leicht an Schlechtes gewöhnen kann wie an Gutes und dass selbst das Üble ihm bei Weitem nicht so fühlbar sein mag, sobald er sich ein wenig daran gewöhnt hat.
So will ich Ihnen denn sagen, dass es uns nur anfangs schwerfiel, so zu leben und uns daran zu gewöhnen, das Schimpfen und den Zorn unseres Generals zu ertragen; später aber gewöhnten wir uns so daran, dass wir sie für nichts achteten, und statt ihn zu hassen, liebten wir ihn alle.
Sie werden sich darüber wundern, aber Sie werden aufhören, sich zu wundern, wenn ich Ihnen zur Erklärung dieses Rätsels weiter sage, dass unser General, so schlecht er von dieser Seite war, und schlecht bis zum Äußersten, so gut war er von der anderen dadurch, dass er ganz und gar nicht nachtragend war und von Natur das allerbeste Herz hatte. Kaum war eine solche Laune und Narrheit bei ihm vorüber (und glücklicherweise dauerte sie gewöhnlich nur ganz kurze Zeit), so wurde er sanfter als ein Lamm und der freundlichste und leutseligste Mensch auf der Welt, und man konnte mit ihm reden, was man wollte. Und das war der Grund, dass wir ihn mehr bedauerten, als dass wir uns über ihn ärgerten, und ihm sein Schimpfen und seine Schmähungen gern verziehen, denn wir waren überzeugt, dass daraus keinerlei Folgen entstehen und dass sich dadurch seine frühere gute Gesinnung gegen jeden nicht im Geringsten ändern werde.
Und da er überdies das Gute an sich hatte, dass er niemandem wirklich Böses tat, sondern mehr zum Wohltun geneigt war, liebten wir ihn dafür.
Nachdem ich auf diese Weise einen Teil seines sittlichen Charakters beschrieben habe, will ich jetzt weitergehen und erzählen, was mir sonst über ihn bekannt war. So groß das erwähnte Laster und der Mangel an ihm auch waren, so verstand er doch sehr glücklich, ihn durch den Glanz seines äußeren prunkvollen und prächtigen Lebens und durch seinen angenehmen und freundlichen Umgang mit allen Bewohnern dieser Stadt zu übertönen. Da er an sich recht reich war und dazu ein überaus großes Gehalt bezog, überdies noch jährlich 6000 Rubel für die Tafel, was damals sehr viel war, und da er kinderlos war und niemanden hatte, dem er sein Vermögen hinterlassen konnte, lebte er während seiner ganzen Anwesenheit in Königsberg wahrhaft ruhmvoll und prächtig, und nicht so, wie ein Generalleutnant, sondern wie irgendein regierender Fürst oder wenigstens ein Vizekönig {Vizekönig.} hätte leben müssen. Mit einem Wort, er verbrauchte hier nicht nur sein ganzes Gehalt, sondern auch alle seine eigenen zahlreichen Einkünfte. Kleider, Equipagen, Livree, Pferde, Dienerschaft, Tafel und alles Übrige waren bei ihm so prunkvoll und prächtig eingerichtet, dass er die Aufmerksamkeit aller preußischen Einwohner auf sich zog; und da er zu alledem mit der Zeit noch sehr häufige Bewirtungen aller vornehmsten Königsberger Einwohner bei sich hinzufügte und sich bemühte, Vergnügungen jeder Art zu verschaffen, wovon ich künftig an seinem Ort berichten werde, lebte dadurch die ganze Stadt gleichsam auf, und seine Würde wurde bei allen so bedeutend, als wäre er tatsächlich irgendein regierender Herzog und Herrscher, und er erwarb sich die Liebe des ganzen preußischen Königreichs.
Sehen Sie, was für einen Gouverneur wir damals hatten! Nun will ich Ihnen sagen, dass er, kaum hatte er sich umgesehen, sich als Erstes bemühte, mit allen in der Stadt lebenden vornehmsten preußischen Adelsfamilien bekannt zu werden. Hier befanden sich um diese Zeit ziemlich viele davon, und unter ihnen waren einige Grafen und Barone, wie zum Beispiel Graf Stanislawski, Graf Keyserlingk, Graf Finck und einige andere, und unter den Damen gab es nicht nur Gräfinnen und Baronessen, sondern sogar Prinzessinnen, wie zum Beispiel die Prinzessin von Holstein-Beck; Adelsfamilien aber, besonders Damen, gab es eine Menge. Er besuchte sogleich selbst alle vornehmsten Häuser, und um auch mit allen übrigen bekannt zu werden, gab er einige Zeit nach seiner Ankunft für alle ein großes Gastmahl und dann einen Ball, zu dem alle Adligen beiderlei Geschlechts geladen waren.
Bei dieser Gelegenheit sahen wir zum ersten Mal den ganzen hier befindlichen preußischen Adel; und da zu dessen Einladung sein Adjutant gebraucht wurde und dieser wegen der Menge der Häuser diese Aufgabe allein nicht bewältigen konnte, wurde bei dieser Gelegenheit ich zu seiner Unterstützung herangezogen.
Für mich war diese Sache ganz neu und ungewohnt. Man gab mir ein Reitpferd, und ich musste nach dem mir übergebenen Register {Liste, Verzeichnis.} alle Adelshäuser in der Stadt aufsuchen, die dortigen Herren und Damen einladen, sie dann zusammen mit dem Adjutanten im Schloss empfangen und mich während der Tafel und des Balls auf jede Weise um ihre Bewirtung bemühen. In all solchen Dingen hatte ich mich noch nie bewegt, doch aus Gehorsam und dem General zu Gefallen bemühte ich mich, meine Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen. Mein Freund, der Adjutant, half mir mit seinen Ratschlägen und seinem Beispiel, und mit seiner Hilfe machte ich alles so gut, dass mein General mit mir zufrieden war. Im Übrigen wurde ich für meine Mühe reichlich belohnt durch das Vergnügen, das ich bei der Anwesenheit bei diesem Gastmahl und Fest hatte. Gäste beiderlei Geschlechts, besonders Damen und Fräulein, waren in überaus großer Zahl da; und da ich bis dahin noch nie auf so zahlreichen und vornehmen Versammlungen gewesen war, bezauberten sowohl die Versammlung selbst als auch die Tänze und die Musik alle meine Sinne und Gedanken, und ich konnte mich an allem nicht sattsehen und nicht genug darüber staunen. Und das war der Grund, dass ich auch in der Folgezeit, wenn bei uns ebensolche Feste stattfanden, gern hinging, um sie anzusehen, und ohne Widerrede Mühen und Aufträge auf mich nahm, wenn mir der General einmal welche übertrug, obwohl mir nach seiner oben geschilderten Art mitunter ebensolche zwei, drei nicht sehr glatte Wörtchen zuteilwurden, mit denen er nicht selten und fast jeden Tag seinen armen Adjutanten freigebig überschüttete.
Auf diese Weise begann ich eine neue und von der früheren ganz verschiedene Lebensart zu führen und mich nach und nach an mein neues Amt zu gewöhnen. Und da meine Mühen durch das Vergnügen versüßt wurden, dass ich stets unter Menschen war und alles hören, sehen und erfahren konnte, was sowohl hier in der Stadt als auch in der Armee selbst geschah, die sich im Feldzug befand und von der die eintreffenden Nachrichten von Stunde zu Stunde interessanter, merkwürdiger und wichtiger wurden, und ich bei alledem stets auch eine gute Tafel hatte, gewöhnte ich mich sehr bald an dieses Amt, und es wurde mir nicht nur erträglicher, sondern ich begann darin sogar schon Vergnügen zu finden und hörte bald ganz auf, mich dabei zu langweilen.
Nur eines belastete mich, nämlich der weite Weg zu meinem Quartier, besonders spät am Abend und bei schlechtem Wetter; doch auch von dieser Last befreite ich mich bald, denn kaum hatte ich sie gegenüber meinen Gefährten in der Kanzlei geäußert, als alle mir zu raten begannen, mein Quartier zu wechseln und mir ein anderes zu suchen, irgendwo näher am Schloss. Daran hatte ich selbst schon lange gedacht, doch zuerst wollte ich mich nicht so bald von meinem schönen und heiteren Quartier trennen; da mir aber der tägliche Weg schließlich allzu lästig wurde und ich sah, dass ich mein Quartier fast gar nicht mehr nutzte, denn ich verbrachte darin nur die Nächte, den ganzen Tag aber vom Morgen bis zum Abend im Schloss, so war ich schließlich froh über irgendeines, wenn es nur näher lag, und begann tatsächlich, mir ein anderes Quartier zu erbitten und zu suchen. Doch unglücklicherweise traf es sich, dass die Häuser in den nahen Straßen damals alle teils mit Einquartierung belegt, teils aus verschiedenen Gründen davon befreit waren, und ich konnte kein anderes finden als eine halbe Werst vom Schloss entfernt, im Haus eines Fleischers. Dieses Quartierchen war zwar nicht so heiter wie das frühere, da es aber zwei Zimmer hatte und ich darin mit meinen Leuten bequem Platz fand, erbat ich es mir, der Not gehorchend, und zog ohne weiteren Aufschub mit meiner ganzen Habe dorthin um.
Nun will ich Ihnen, ohne weiterzugehen, dieses mein neues Quartier beschreiben.
Es lag in einem Teil der Steindammer Vorstadt, in einer Straße, die vom Schloss am Theater vorbeiführt, unweit der Steindammer Kirche, die später unsere Kirche wurde. Das Haus war klein, nur zweistöckig; im unteren Stockwerk wohnte der Hauswirt, das obere aber, das aus zwei Zimmern und einem kleinen Flur bestand, war ganz für mich frei gemacht. Von diesen brachte ich in dem einen, vorderen, meine Leute unter, das andere, hintere, bestimmte ich für mich. Der Eingang in unser Stockwerk führte von der Straße über eine schmale Treppe hinauf und war ganz für sich, sodass wir mit dem Hauswirt keinerlei Verbindung hatten. Die Aussicht aus meinen Zimmern aber ging auf eben jene geräumige Wiese, die ich früher unter dem Namen Paradeplatz erwähnt habe und die innerhalb der Stadt lag, zwischen der Steindammer, der Sackheimer und der Tragheimer Vorstadt; die Fenster des anderen Zimmers aber gingen auf die Straße. So war mein Quartierchen nicht allzu heiter, doch war ich wenigstens damit zufrieden, dass es wegen der niedrigen Zimmer recht warm und ruhig war und dass ich einen weit kürzeren Weg hatte.
Was meinen Hauswirt betrifft, so war er, wie oben erwähnt, ein Fleischer, folglich ein Mann, der von mir so geringe Beachtung verdiente, dass ich ihn kaum vom Gesicht kannte; und alles, was ich von ihm hatte, bestand einzig darin, dass ich bei ihm täglich für Geld vortreffliche Würstchen oder rohe Würste kaufte, die so schmackhaft und sättigend waren, dass eine einzige, in der Pfanne gebraten, mit einem guten Weizenbrötchen für mein Abendessen genügte. Und ich gewöhnte mich so an sie, dass man sie mir täglich briet, und darin allein bestand gewöhnlich mein Abendessen während der ganzen Zeit, die ich in diesem Quartier wohnte, denn unsere Mittagsmahlzeiten beim General waren so sättigend, dass wir zur Not auch ohne Abendessen bleiben konnten, und ich hielt es für überflüssig, mir ein solches zu bereiten, außer ihren Würsten.
Im Übrigen, da ich mich durch den Umzug in dieses Quartier schon weit vom Regiment und von den Orten entfernt hatte, wo es in Quartieren lag, trennte mich das von allen meinen früheren Freunden und Regimentskameraden und zerriss gänzlich die ganze Verbindung, die ich mit ihnen gehabt hatte und die für mich so gefährlich gewesen war, sodass ich sie von da an fast gar nicht mehr sah und von dem, was unter ihnen vorging und geschah, keinerlei Kenntnis mehr hatte; denn so weit wollte keiner von ihnen zu mir kommen, und selbst wenn sie es sich vorgenommen hätten, so wussten sie, dass sie mich nie zu Hause antreffen würden.
Auf diese Weise befreite ich mich von der verderblichen Gemeinschaft mit ihnen und kann sagen, dass dieser Zeitpunkt in meinem Leben besonderer Beachtung würdig war; denn soweit ich mich selbst erinnern kann, begann ich von eben diesem an – trotz meiner damals noch großen Jugend, denn ich stand erst im zwanzigsten Jahr – von Stunde zu Stunde gesetzter und gründlicher in meinen Gedanken zu werden und mich mehr dem Bücherlesen und den Wissenschaften zu widmen, die mir hernach von so großem Nutzen wurden.
Doch muss man sagen, dass zu alledem auch verschiedene andere Ursachen und Zufälle sehr viel beitrugen.
Als den ersten, wichtigsten und für mich geradezu heilsamen dieser Umstände betrachte ich, dass ich damals so fest an die Kanzlei gebunden war, dass ich mich von ihr nirgendhin und auf keine Weise entfernen konnte, und dadurch wurde mir gleichsam vom Schicksal selbst ein Zaum angelegt, der für einen jungen Menschen sehr nötig ist; denn wenn ich in meiner Jugend auch einmal Lust bekommen hätte, hier und dort hinzugehen und mich zu vergnügen, so war damals, besonders in den ersten Wochen, nicht einmal daran zu denken, sondern ich war genötigt, ununterbrochen in der Kanzlei zu sitzen und nicht nur zu arbeiten, sondern auch jeden Augenblick zu erwarten, dass man nach mir fragen und mir eine neue Aufgabe geben würde. Und durch diesen unablässigen Aufenthalt im Schloss bewahrte ich mich vor allen Versuchungen, denen ich leicht hätte ausgesetzt sein können, wenn ich mehr Freiheit gehabt hätte.
Als zweiten und nicht weniger glücklichen Umstand für mich betrachte ich, dass es in unserer ganzen Kanzleigesellschaft und im Stab des Generals außer dem oben erwähnten Adjutanten niemanden in meinem Alter gab und keinen, der mein Gefährte hätte sein und mich hätte rufen und irgendwohin mitnehmen können, sondern alle waren weit älter als ich und von solchen Eigenschaften und Charakteren, die mit meinen damaligen nicht im Mindesten übereinstimmten. Wenn sich auch einige dieser Herren bisweilen abwechselnd aus der Kanzlei entfernten und in Wirtshäuser und andere nötige Orte gingen, und unter ihnen nicht selten Zusammenkünfte und Gesellschaften stattfanden, und wenn mich diese Herren auch alle liebten und freundlich zu mir waren, so kam doch keinem von ihnen je in den Sinn, mich zu rufen und mit zu sich in ihre Quartiere oder an die Orte mitzunehmen, wohin sie gingen. Und ich weiß nicht, ob meine Jugend der Grund war, dass sie mich ihrer Gesellschaft nicht würdigen wollten, oder dass ich ein Außenstehender war und nicht eigentlich zu ihrem Haufen gehörte, oder ob es meinem gütigen, um mich besorgten Schicksal besonders gefiel; doch wie dem auch sei, so viel ist gewiss, dass ich, obwohl ich unter ihnen lebte und jeden Tag nahen Umgang mit ihnen hatte, in Wahrheit von ihnen allen sehr entfernt war und, obwohl stets unter Menschen, für mich allein und gleichsam in völliger Einsamkeit lebte. Denn da sie mich nie zu sich einluden, ich selbst aber nicht aufdringlich war und mich nicht mit Gewalt dazu drängte, ging ich nie zu ihnen, sondern kannte nur mein Quartier und die Kanzlei. Und das gereichte mir später zu großem Nutzen, denn hernach sah ich, dass diese Herren von solchen Eigenschaften waren, dass ich, wenn ich zu ihnen oder mit ihnen überallhin gegangen wäre, nicht viel Gutes von ihnen hätte lernen können, sondern mir eher hätte schaden und mich verderben können.
Was aber meinen Altersgenossen, den Adjutanten, betrifft, so war dieser arme Kerl noch mehr als ich an Händen und Füßen gebunden und konnte sich selbst keine Spanne weit vom General entfernen; folglich konnte auch seine Bekanntschaft mir nicht schädlich sein.
Der dritte und für mich glückliche Umstand war, dass, als nach Ablauf der ersten Wochen meine Schreibarbeiten nicht nur abzunehmen, sondern nicht selten ganz auszusetzen begannen, sodass ich bisweilen mehrere Stunden ganz ohne Arbeit saß, mir diese müßigen Stunden wegen meiner Gewöhnung von Kindheit an an ständige Beschäftigung schon langweilig zu werden begannen, sodass ich mich, wenn ich mit nichts beschäftigt war, mitunter sogar danach grämte. Dieser Umstand war die Ursache, dass ich auf den Gedanken kam, für solche Fälle vorsorglich einige Büchlein aus meinem Quartier mitzubringen und mich in der freien Zeit mit ihrer Lektüre zu beschäftigen, denn etwas anderes ließ sich hier nicht tun. Und daraus entsprangen für mich viele Vorteile, denn erstens beschäftigte ich mich in den müßigen Stunden mit einer für mich nützlichen Übung und erwarb mir von Stunde zu Stunde mehr Kenntnisse; zweitens befreite ich mich von der Langeweile; drittens hinderte ich meine Gedanken, sich aus Müßiggang mit anderen Gegenständen zu beschäftigen, die mir zum Schaden und Nachteil gereichen konnten; und viertens schließlich gab ich eben dadurch meinem Freund, dem Adjutanten, Anlass, mir ein ihm bekanntes Büchlein anzupreisen, nämlich die „Moralischen Betrachtungen des Grafen Oxenstierna“ {„Meinungen“ (moralische) über verschiedene Gegenstände, mit Regeln und Betrachtungen des Grafen Oxenstierna“, aus dem Französischen übersetzt von Kudrjawzew. Zweite Ausgabe: „Betrachtungen und moralische Regeln des Grafen Oxenstierna“, aus dem Französischen übersetzt von I. Netschajew.}. Er pries es mir in den Himmel und entfachte mich damit so, dass ich unbedingt beschloss, es mir zu kaufen, und als ich eine freie Stunde gefunden hatte, lief ich los, eine Buchhandlung zu suchen und danach zu fragen.
Der Tag, an dem ich dies tat, war für mich wahrhaft gesegnet und überaus denkwürdig, denn an eben diesem gefiel es dem Schicksal, mir sozusagen zum ersten Mal die Tür zum Tempel der Wissenschaften zu öffnen und mir seine Reize zu zeigen. Ich kann nicht genug beschreiben, von welchem Entzücken ich ergriffen wurde, als ich die dortige Buchhandlung betrat, in der ich bis dahin noch kein einziges Mal gewesen war. Einer meiner deutschen Gefährten übernahm es, mich hinzubegleiten und mir die abgelegene und mir unbekannte Gasse zu zeigen, in der sie sich befand. Da ich noch nie in ordentlichen und großen Buchhandlungen gewesen war, war ich überwältigt vom Anblick der ungeheuren Menge ungebundener Bücher, die nicht nur in Stapeln auf den Regalen lagen, sondern auch auf allen Tischen und Ladentischen so ausgebreitet waren, dass man ihre Titel und Aufschriften mit einem einzigen Blick überschauen und sehen konnte. Ich wusste nicht, wohin und auf welches von ihnen ich meine Blicke richten und welches ich zuerst und welches danach betrachten sollte. Einige Minuten verbrachte ich gleichsam wie in Verzückung und sah sie nicht durch, sondern verschlang sie alle mit den Augen. Wäre es möglich gewesen, so hätte ich sie alle an mich gerafft – so sehr bezauberte mich dieses für mich ungewöhnliche Schauspiel. Doch meine Freude war noch größer, als ich nach dem „Oxenstierna“ fragte und hörte, dass er nicht nur vorrätig, sondern trotz seines Umfangs so billig sei, dass von dem Geld, das ich bei mir hatte, noch die größere Hälfte übrig blieb und ich dafür noch einige Bücher kaufen konnte, deren Titel mir gefielen.
Mit größtem Vergnügen lief ich von dort zum Buchbinder, um sie binden zu lassen, und merkte mir unterdessen mit besonderer Aufmerksamkeit alle Straßen und Gassen, durch die ich künftig zu dieser Buchhandlung gehen würde.
Sie wurde in der Tat nicht selten meines Besuchs gewürdigt und brachte mir in der Folgezeit unschätzbaren Nutzen.
Als ich am anderen Tag meinen „Oxenstierna“ vom Buchbinder erhielt, machte ich mich in derselben Stunde an seine Lektüre. Einige Tage las ich ihn, ohne müde zu werden, und obwohl er nicht zu den allerbesten Büchern gehörte, war er mir damals von gewaltigem Nutzen. Der Verfasser sprach darin über alles auf der Welt und über das menschliche Leben, flößte mir eine Menge sehr guter Gedanken ein, solche, die mir ein großer Antrieb zu einem ordentlichen Leben und zur möglichsten Entfernung von den Lastern wurden; und was das Beste von allem war, er weckte in mir die Lust zum weiteren Lesen ähnlicher Bücher. Mit einem Wort, ich verdanke diesem Buch sehr viel und gewann es so lieb, dass ich mir sogar vornahm, einige Abschnitte daraus in der freien Zeit zu übersetzen; und noch heute kann ich es nicht ansehen ohne ein gewisses Gefühl der Dankbarkeit ihm gegenüber.
Eben dieses Zusammentreffen verschiedener Umstände war die Ursache und Förderung der erwähnten ersten Veränderung meiner Gedanken und meines Betragens, die damals in mir vorging, und von dieser Zeit an ging ich mit Hilfe des mir gütigen Himmels, oder, eigentlicher gesagt, der um mich besorgten göttlichen Vorsehung, von Stunde zu Stunde weiter, gleichsam wie auf einer Leiter. Doch davon werde ich künftig und zu seiner Zeit erzählen; jetzt aber, da mein Brief schon allzu lang geworden ist, erlauben Sie mir, an dieser Stelle innezuhalten und Ihnen zu sagen, dass ich Ihr beständiger Freund bin und so weiter.
GESCHICHTE DES KRIEGES
65. Brief
Lieber Freund! Als ich Ihnen in meinen vorangegangenen Briefen ausführlich von allem erzählte, was mir in den ersten Monaten unseres Aufenthalts in Königsberg widerfuhr, war ich damit so beschäftigt und habe mich über diese Kleinigkeiten so verplaudert, dass ich unseren damaligen Krieg und seinen Fortgang ganz vergaß. Die Geschichte dieses Krieges ist von dieser Zeit an zwar nicht eng mit der meinen verbunden, da ich keinen eigenen Anteil mehr an ihm hatte; da ich aber früher bereits begonnen hatte, sie kurz zu beschreiben, so wird Ihnen, hoffe ich, auch die Fortsetzung des kurzen Berichts über die weiteren Begebenheiten während desselben nicht unangenehm sein, wenn nicht über alle, so doch wenigstens über die wichtigsten.
So will ich denn, etwas zurückgreifend, Ihnen sagen, lieber Freund, dass, während wir auf die oben erwähnte Weise von Thorn nach Königsberg marschierten, uns hier nach und nach einzuleben begannen und unsere Zeit nicht so sehr mit Mühen als mit Vergnügungen verbrachten, in der Welt schon überall das Kriegsfeuer loderte und die Erde an vielen Orten mit Menschenblut getränkt wurde. Als ich Ihnen das letzte Mal über diesen Krieg schrieb, hatte ich schon Gelegenheit, Ihnen zu erzählen, welch schreckliche und große Vorbereitungen in allen kriegführenden Ländern zu seiner Fortsetzung getroffen wurden und wie viele und starke Armeen bereitgestellt waren, um gegeneinander vorzugehen, sobald der Frühling anbrechen würde. Dies ließ denn auch nicht auf sich warten. Kaum begann der Frühling anzubrechen, als auch schon die Kriegshandlungen begannen. Dieser Anfang wurde vom preußischen König und seinen Verbündeten gemacht, und zwar so früh, dass alle sich darüber nicht genug wundern konnten. Ich habe Ihnen schon früher zum Teil erwähnt, dass die sogenannte alliierte Armee, die aus Hannoveranern bestand, durch eine kleine Zahl preußischer Truppen verstärkt und vom braunschweigischen Herzog Ferdinand angeführt wurde, ihre Kriegshandlungen schon gleich zu Beginn dieses Jahres und sogar mitten im Winter aufzunehmen begann, und welch große Erfolge sie bereits gehabt hatte.
In kürzester Zeit waren die Franzosen gezwungen, nicht nur alle über ihre Feinde errungenen Vorteile aufzugeben, sondern mit Schande und unter Verlust einer Menge Leute über den Rhein zurückzukehren. Doch die Verbündeten des preußischen Königs ließen ihnen auch dort keine Ruhe.
Der tapfere Prinz Ferdinand von Braunschweig, der vom König zur Befehlsführung über diese alliierten Truppen geschickt worden war, eröffnete als Erster, und zwar schon im März, den Feldzug dieses Jahres und unternahm ein wahrhaft sehr wichtiges und schwieriges Werk. Dieses bestand darin, die Franzosen ganz aus Niedersachsen und Westfalen zu vertreiben; da ihre Zahl aber noch an die 80.000 Mann betrug, er aber nicht mehr als 30.000 eben jener Hannoveraner hatte, die drei Monate zuvor ganz die Waffen hatten strecken wollen, war dazu die ganze Kunst und Gewandtheit eines großen Feldherrn erforderlich. Dazu muss man noch hinzufügen, dass die französische Armee nicht mehr der frühere schwache Herzog von Richelieu befehligte, sondern der vom französischen Hof neu geschickte Herr Clermont, der ebenfalls für einen geschickten General galt. Bei alledem half den Franzosen auch dieser Wechsel wenig. Herzog Ferdinand begann so geschickte Bewegungen auszuführen, dass er die Franzosen bald zwang, alle braunschweigischen, wolfenbüttelschen und hannoverschen Lande zu verlassen und gänzlich zu räumen; danach marschierte er geradewegs auf die Stadt Minden und belagerte, nachdem er sich mit den übrigen an der Weser stehenden Abteilungen vereinigt hatte, ohne eine Minute zu säumen, diese Stadt. Graf Clermont schickte zwar den General Broglie mit einem Korps zur Verstärkung dieser Stadt, doch dieser General konnte keine Gelegenheit finden, etwas Wichtiges gegen die Verbündeten zu unternehmen, sondern musste nur Zeuge sein, wie sie diese Stadt einnahmen und die ganze darin befindliche Garnison gefangen nahmen. Dieses Ereignis und die Wegnahme aller übrigen befestigten Städte, deren sich die Franzosen in deutschen Landen bemächtigt hatten, sowie die allseitigen Erfolge der Hannoveraner zwangen die Franzosen, ganz aus den Grenzen der deutschen Lande abzuziehen und sich jenseits des Rheins in Kantonierungsquartiere zu legen, was zur Erholung danach auch die alliierten Truppen taten, nachdem sie bei verschiedenen Gelegenheiten an die 11.000 Mann von den französischen Truppen gefangen genommen hatten.
Während dies am Rhein und am entferntesten Ende des damaligen Kriegsschauplatzes geschah, war auch der preußische König selbst nicht müßig. Am meisten beschäftigten ihn wir und unsere gewaltigen Vorbereitungen, ins Innerste seiner brandenburgischen Lande selbst einzudringen. Preußen war von ihm aufgegeben und befand sich ganz in unseren Händen. Er fühlte, dass er ein von seinen übrigen Landen so weit entferntes Land nicht hinreichend verteidigen konnte, und bemühte sich deshalb gar nicht mehr darum. Die Verteidigung Brandenburgs aber war nicht so unwichtig; da Truppen auch für andere Orte gebraucht wurden, suchte er sich in diesem Fall mit List zu helfen und indem er sie in solcher günstigen Nähe zueinander verteilte, dass er sie im Notfall sogleich zusammenziehen konnte, um irgendeine entscheidende Unternehmung auszuführen. Der Umstand, dass unbekannt war, wohin unsere Armee marschieren würde – nach Schlesien oder geradewegs in die Mark Brandenburg –, machte ihn unschlüssig; doch er bereitete sich auf beide Fälle vor, und da er unsere Ungeschicklichkeit und unsere gewöhnliche Langsamkeit hinreichend kannte, nahm er sich vor, diesen Umstand zu nutzen und vor unserer Ankunft irgendwelche Vorteile über die Kaiserlichen zu erringen.
In dieser Absicht sonderte er gegen uns nur eine ganz kleine Zahl Truppen ab und stellte sie an den pommerschen Grenzen auf, nicht so sehr, um uns auf dem Marsch zu hindern, als um unsere Bewegungen zu beobachten.
Seine Überzeugung von unserer Schwerfälligkeit war so groß, dass er dazu nicht einmal jenes kleine Korps hinzufügte, das bei ihm Graf Dohna befehligte und das zur Bewachung und Verteidigung dieses ganzen Landstrichs bestimmt war, sondern es zur Einschließung der schwedischen Festung Stralsund schickte. Er selbst aber begab sich ohne den geringsten Aufschub mit seinen Haupttruppen nach Schlesien, um die schlesische Hauptfestung Schweidnitz zu belagern.
Sein Aufbruch zu diesem Feldzug erfolgte sehr früh, und zwar zu einer Zeit, da weder wir noch die Kaiserlichen selbst auch nur im Geringsten an einen Feldzug dachten; und die Eile bei dieser Sache, von der ihr ganzer Erfolg abhing, war so groß, dass er es noch im März schaffte, nicht nur dorthin zu gelangen, sondern auch die Laufgräben zu eröffnen, sie bis zum 4. April bis an das Glacis und an die Palisaden selbst vorzutreiben und am 5. nach einem Sturmangriff diese Festung zur Übergabe auf Vertrag zu zwingen. Mit einem Wort, dieses Unternehmen gelang ihm auf das allerwünschenswerteste, und die Einnahme dieser Hauptfestung kostete ihn nicht einmal hundert Mann; er aber nahm bei dieser Gelegenheit zwei Generale, 173 Offiziere und an die 5000 Gemeine gefangen.
Nachdem er sich dieser Festung bemächtigt hatte, gebrauchte er abermals ein berühmtes Strategem oder Kriegslist. Da er vorhatte, unvermutet in Mähren einzufallen und sich der kaiserlichen Festung Olmütz zu bemächtigen, verbarg er seine Absicht so gut, dass die Kaiserlichen sich völlig täuschen ließen und nach den vom König getroffenen Vorbereitungen meinten, er ziehe nach Böhmen, und deshalb dort Truppen sammelten und sich bei Nachod aufstellten. Der König aber brach stattdessen am 6. nach Mähren auf, sammelte seine Truppen bei Troppau und marschierte mit solcher Eile, dass seine Truppen in drei Tagen 40 Meilen zurücklegten und er sich am 22. April schon bei Olmütz befand, während die Kaiserlichen zu dieser Zeit sich noch nicht einmal aus Böhmen gerührt hatten.
Ganz Mähren befand sich damals fast ohne Schutz. General de Ville, der dort die wenigen Truppen befehligte, die es schützten, ließ seine Infanterie in die Festung einrücken und zog sich selbst mit seiner Reiterei nach Brünn zurück. Die Festung wurde von den Preußen sogleich belagert, sobald ihnen die Kanonen herangebracht worden waren, und sie hofften, sie ebenso leicht und ebenso schnell einzunehmen wie Schweidnitz. Dasselbe dachten damals auch alle, umso mehr, als diese Festung nicht zu den bedeutenden gehörte und nicht zu solchen, die eine förmliche Belagerung hätten aushalten und den raschen Strom der königlichen Erfolge lange aufhalten können.
Das Hauptmagazin der Österreicher befand sich in Leitomischl an der mährischen Grenze.
Es war nicht wahrscheinlich, dass Daun es aus dem fernen Böhmen rechtzeitig schaffen würde, es zu schützen und die Preußen daran zu hindern, sich seiner zu bemächtigen. Der König hatte auch tatsächlich die Absicht, dies ins Werk zu setzen, zugleich von dieser Seite her in Böhmen einzufallen und eben dadurch die kaiserliche Armee von der unseren abzuziehen. Doch dieser Plan war ein Geheimnis, das der König den Kaiserlichen um jeden Preis verbergen wollte. Er verbot dem ganzen Heer aufs strengste, dass irgendjemand es wage, sechs volle Wochen lang auch nur eine Zeile aus der Armee zu schreiben. Seine leichten Truppen drangen mit ihren Streifzügen bereits bis an die Grenzen Österreichs selbst vor. In der kaiserlichen Hauptstadt Wien fürchtete man schon, der König von Preußen werde bald kommen und vor ihren Mauern erscheinen. Kurzum, alle Umstände verhießen dem König große Erfolge und kündigten bedeutende Ereignisse an; doch wider alles Erwarten geschah genau das Gegenteil.
Die Belagerung von Olmütz zog sich in die Länge; der darin eingeschlossene General Marschall leistete so tapferen Widerstand, dass die Preußen die Stadt auf keine Weise einnehmen konnten, und dadurch gewann Daun Zeit, nach Leitomischl zu kommen, das Magazin zu decken und die Olmützer Garnison durch eine größere Zahl von Truppen zu verstärken. Das kam sehr gelegen, denn die Belagerung dieser Stadt dauerte schon seit dem 16. Mai, und die Approchen waren bis an das Glacis selbst vorgetrieben. Die Preußen hatten schon an die 180 Tausend Kugeln und Bomben hineingejagt, und es blieb ihnen nur noch, zum Sturm anzusetzen.
Bei alledem sah Daun nach seiner Ankunft die völlige Unmöglichkeit, diese Stadt von der Belagerung zu befreien, ohne den Preußen eine Schlacht zu liefern; da aber deren Ausgang niemandem im Voraus bekannt sein konnte und im Falle einer verlorenen Schlacht für ganz Österreich höchst unheilvolle Folgen hätten entstehen können, hielt Daun es für vorteilhafter, einer Schlacht auszuweichen und sich damit zu begnügen, das ganze feindliche Lager einzuschließen und keinerlei Transporte und Sukkurse zu ihm durchzulassen. Der tapfere Laudon, der aus einem guten Soldaten ein vortrefflicher General geworden war, befehligte die leichten kaiserlichen Truppen. Unter seiner Führung behielten sie in allen kleinen Gefechten stets die Oberhand über die Preußen, und diese Art der Kriegführung, die den Preußen außerordentlich zu schaffen machte, gelang schließlich nach Wunsch und zwang die Preußen, die Belagerung aufzugeben. Anfang Juni erfuhr Daun, dass dem König von Preußen ein Sukkurs mit einem großen Transport an Munition und Geld aus Schlesien zuzog: Er schickte die Generale Laudon und Siskovics aus, ihn zu zerschlagen, und gab jedem 6000 Mann Truppen mit. Sie überfielen diesen Sukkurs fast genau in dem Augenblick, als er in die Linien der Preußen einrücken wollte, und zerschlugen ihn vollständig. Sie töteten an die 3000 Preußen, nahmen 400 Mann gefangen, erbeuteten 12 Kanonen und bemächtigten sich fast des ganzen Transports.
Dieser empfindliche Verlust und der Mangel an allem Nötigen zwangen den König, die Belagerung dieser Stadt aufzugeben und von ihr abzuziehen.
Die Preußen schrieben diesen Misserfolg vor allem dem Umstand zu, dass sich ihr Ingenieur-Oberst Balbi geirrt und die Approchen zu weit entfernt, 1500 Schritt vor der Festung, zu eröffnen begonnen hatte, weshalb viel Zeit verging, bis man sie an das Glacis heranführen konnte, und viel Pulver und Kugeln umsonst verschwendet wurden; zweitens dem Verlust des erwähnten Trosses von 3000 Wagen, den sie wegen seiner Länge unmöglich auf einmal auf dem ganzen Weg vor den angreifenden Kaiserlichen schützen konnten, die ihre Sache so gut machten, dass von der ganzen Menge an Fuhren und Karren kaum zweihundertfünfzig bis ins preußische Lager durchkamen, darunter 37 Wagen mit Geld.
Die ganze Welt staunte damals über Dauns Klugheit. Er befreite diese Stadt von der Belagerung, ohne einen einzigen Mann zu verlieren. Er verstand es, einer Schlacht auszuweichen und seinen Gegner schließlich so weit zu bringen, dass es für ihn ebenso gefährlich war, eine Schlacht zu wagen, wie die Belagerung fortzusetzen, und zwang ihn eben dadurch, sie aufzugeben. Doch auch der König machte sich damals durch seine Klugheit nicht weniger berühmt. Er führte diesen Rückzug nicht nur mit solcher Kunst durch, dass die Kaiserlichen ihm dabei nichts anhaben konnten, sondern wandte sich auch in eine Richtung, an die niemand gedacht hatte. Denn statt sich nach Schlesien zurückzuziehen, zog er plötzlich seitwärts nach Böhmen, geradewegs auf dessen Hauptstadt Prag zu, und schlug Anfang Juli bei Königgrätz sein Lager auf. Daun und Laudon folgten ihm, der eine zur Rechten, der andere zur Linken, und lagerten sich ihm gegenüber bei Lubschau.
Nun wollen wir diese beiden Armeen in dieser Stellung stehen lassen und sehen, was unterdessen an anderen Orten geschah.
So unglücklich die Belagerung von Olmütz für den König von Preußen gewesen war, so glücklich begann dagegen der Feldzug dieses Sommers für seine Verbündeten, die Hannoveraner. Sein Verwandter, der berühmte Prinz Ferdinand von Braunschweig, stieß bei Krefeld auf die französische Armee unter dem Befehl des Prinzen Clermont und errang über sie einen vollkommenen Sieg. Dieser Sieg hätte für die Österreichischen Niederlande sehr verdrießliche Folgen haben können. Nachdem der Prinz von Braunschweig die Franzosen besiegt hatte, rückte er weiter vor, nahm viele Städte, drang in die Niederlande ein, nahm die Stadt Roermond, und seine leichten Truppen dehnten ihre Streifzüge sogar bis vor die Tore der Hauptstadt Brüssel aus; doch zum Glück besserte der Sieg, den der französische Marschall Broglie bald darauf bei Sandershausen über die hessen-kasselschen Truppen unter dem Befehl des Prinzen Isenburg errang, die Sache und die schlechte Lage der Franzosen einigermaßen. Nach diesem Sieg zogen sie in die Stadt Minden ein, und das ganze Hannoversche Land stand ihnen offen. Das brachte alle Unternehmungen des Prinzen Ferdinand so sehr durcheinander, dass er gezwungen war, alle seine Eroberungen aufzugeben, wieder über den Rhein zurückzugehen und nach Münster zu ziehen.
So waren die Ereignisse bei unseren Verbündeten, und nun ist es Zeit, uns unserer Armee zuzuwenden und zu sehen, was wir unterdessen taten und was bei uns geschah.
Nach der Besetzung ganz Preußens durch unsere Truppen stellte unser Oberbefehlshaber, General Graf Fermor, wie schon früher erwähnt, entlang der Weichsel einen Kordon auf. In dieser Lage blieb die Armee bis zum Eisgang und Hochwasser, und während dieser Zeit bemühte er sich nur, auf dieselbe Weise mit unseren Truppen auch die Vorstädte der Stadt Danzig zu besetzen, wie alle übrigen polnisch-preußischen Städte besetzt waren: Elbing, Marienburg, Kulm, Graudenz und Thorn. Doch dieses Vorhaben gelang ihm nicht. Die Danziger Bürger wollten es nicht, die Minister der übrigen Mächte setzten sich für sie ein, und so musste man die Sache aufgeben. Sobald aber der Frühling anbrach, wurde ein Korps unter dem Befehl des Generals Panin über die Weichsel gesetzt und erhielt Befehl, beim Städtchen Dirschau ein Lager aufzuschlagen, und einige Zeit danach setzte auch die ganze Armee bei Dirschau über die Weichsel und lagerte sich auf jener Seite.
Alle glaubten damals, unsere Armee werde ohne jeden Verzug weiter ins Feld rücken und, die Abwesenheit des Königs nutzend, eilen, in die brandenburgischen Lande einzufallen und ihre Eroberungen weiter auszudehnen; doch es geschah das Gegenteil, und zum Erstaunen der ganzen Welt stand sie mehrere Wochen hintereinander in der erwähnten Stellung und tat nichts. Niemand wusste, was man von solcher Saumseligkeit halten sollte und ob wir wirklich mit bewaffneter Hand die schlesischen und brandenburgischen Lande angreifen wollten oder nicht. Der Grund dafür war aber vielleicht das Warten auf unsere anderen Truppen, die geradewegs durch Polen heranzogen, besonders auf das neue, sogenannte Observationskorps, das mit sehr langsamen Schritten marschierte. Wie dem auch sei, unsere Armee stand fast bis zum Juni müßig und tat nichts, und rückte nicht eher ins Feld als Ende Mai, kam aber auch da nur bis zum Städtchen Konitz, hielt an und stand wieder mehrere Wochen still.
An diesem Ort vereinigte sich schließlich die ganze Armee, und General Fermor, nachdem er ein besonderes Korps unter dem Befehl des Grafen Rumjanzew zum Einfall in Preußisch-Pommern abgesondert hatte, wandte sich selbst nach links, zog mit der ganzen Armee nach Kleinpolen und traf nach einigen Tagen in der polnischen Stadt Posen ein.
Während dies geschah, rückten die Vortruppen des nach Pommern entsandten Korps unter dem Befehl des Generalmajors Demiku beim Städtchen Ratzebuhr, unweit des Städtchens Neustettin, in Pommern ein. In diesem Städtchen hatten die Preußen einen Rittmeister mit einigen Dutzend Husaren und Dragonern aufgestellt, um unsere Bewegungen zu beobachten.
Er wollte eine unserer Abteilungen abfangen, wurde aber selbst von unseren Truppen so umzingelt, dass er sich dreimal durch die Unseren durchschlagen musste und sich mit großer Not nach Neustettin rettete.
Dies war die erste Feindseligkeit in diesem Jahr, und die Preußen versäumten nicht, auch diesmal das Verhalten unserer Truppen in den Augen der ganzen Welt anzuschwärzen. Sie schrien überall herum, unsere Truppen hätten auch diesmal bei ihrem Einmarsch in die preußischen Lande unmenschliche Barbareien und solche Grausamkeiten verübt, wie sie sie im vergangenen Jahr unter Feldmarschall Apraxin verübt hätten. Auf Befehl ihres Hofes wurden Berichte veröffentlicht, die man nicht ohne Verdruss lesen konnte. Sie schrieben, nach dem erwähnten Scharmützel sei das Städtchen Ratzebuhr mit allen umliegenden Dörfern den Kosaken zur Plünderung preisgegeben worden, und diese hätten sie nicht nur ausgeraubt und völlig verwüstet, sondern auch unerhörte Unmenschlichkeiten begangen. Nach ihren Worten seien in allen Häusern Truhen und Laden aufgebrochen, das Korn zertrampelt und abgeweidet, Hornvieh, Schafe und Pferde nach Polen getrieben und dort für einen Spottpreis verkauft worden, die Einwohner aber, obgleich sie alles, was sie nur hatten, willig hergaben, seien unbarmherzig mit Peitschen gezüchtigt und gemartert worden. Dem Pastor Gensel aus Lomin sei zuerst eine Hand abgehackt und er dann mit drei Pistolenkugeln erschossen worden. Den Landrat von Osten aus Burzen und einige andere Pastoren habe man mit Knuten halb totgeprügelt, woran der Landrat auch gestorben sei; einen anderen Osten aber, einen fünfundsechzigjährigen Greis, habe man mit Stroh umwickelt, dieses angezündet und ihn so liegen lassen, wodurch er ums Leben gekommen sei. Die Schandtaten aber, die an Frauen jeden Standes und Alters verübt worden seien, ließen sich gar nicht beschreiben, und so weiter. „Nachdem dieses Korps auf solche Weise“, fuhren diese Berichte fort, „die Hälfte des Kreises Neustettin verwüstet hatte, setzte es seinen Marsch bis zur Herrschaft Draheim in der Neumark fort und verwüstete auf dieselbe Weise die erwähnte Herrschaft samt dem Dramburger und Arnswalder Kreis in der Neumark. Sobald sie aber erfuhren, dass einige aus Küstrin entsandte Truppen gegen sie anrückten, zogen sie sich über die Drage nach Polen zurück und versuchten nur dort Streifzüge zu machen, wo sie keinen Widerstand zu finden hofften.“
So schrieben die Preußen über uns, und vielleicht hatten sie auch Grund dazu, denn für unsere Kosaken kann niemand bürgen. Doch ist es ebenso wahr, dass niemand so schamlos zu lügen verstand wie die Preußen und dass es für sie nichts Neues war, bisweilen glatte Lügen zu ersinnen oder wenigstens aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen. Doch ich will dies beiseitelassen und zur Fortsetzung der Geschichte zurückkehren.
Unsere Hauptarmee, nachdem sie etwa zehn Tage in Posen gestanden und sich vollständig zum Einmarsch in das feindliche Land gerüstet hatte, rückte schließlich am 1. Juli ins Feld und zog geradewegs nach Schlesien, wobei sie ihren Marsch auf die preußische Stadt Frankfurt an der Oder richtete.
Verschiedene kleine feindliche Abteilungen traten ihr gleich beim Einmarsch in die preußischen Lande entgegen, und unsere Vortruppen mussten unablässig mit ihnen kämpfen. Denn sobald der König die Nachricht erhalten hatte, dass sich unsere Armee den Grenzen näherte, befahl er dem General Grafen Dohna, die Einschließung der schwedischen Stadt Stralsund aufzugeben, zu dem Ort zu eilen, wo wir einzurücken gedachten, uns auf dem Marsch möglichst großen Aufenthalt und Hindernisse zu bereiten und dieses Land mit allen Mitteln gegen unsere Truppen zu verteidigen. Dieser General, der nur ein kleines Korps hatte, stellte sich jenseits der Oder bei Frankfurt auf und schickte, um uns aufzuhalten und zu behindern, die Generale Kanitz, Malachowski und Platen mit einer Abteilung aus, und diese versäumten nicht, alles zu tun, was ihnen nur möglich war. Da aber ihre Abteilungen zu klein waren, konnten sie gegen eine so zahlreiche Armee, wie die unsere damals war, nichts Bedeutendes ausrichten. Sie versuchten zwar, sich in einigen Städtchen festzusetzen, durch die wir ziehen mussten, und uns auch an den Übergängen über einige Flüsse Hindernisse und Unruhe zu bereiten, mussten aber stets mit Verlust der weit überlegenen Macht weichen.
Da jedoch Graf Dohna mit seinem Korps bei Frankfurt eine solche Stellung bezogen hatte, dass unsere Armee an diesem Ort nicht bequem über die große Oder setzen konnte, wie sie es zuerst beabsichtigt hatte, entschloss sich Graf Fermor, die schlesischen Lande, in die er eingedrungen war, wieder zu verlassen, sich nach rechts zu wenden, in die Mark Brandenburg einzurücken, wieder über die Warthe zu setzen, über Landsberg auf die preußische Festung Küstrin zu ziehen, die fast mitten in der Oder erbaut ist, und zu versuchen, sich dieser Festung zu bemächtigen, um hier bequemer über die erwähnte Oder setzen zu können. Den General Grafen Rumjanzew aber schickte er mit einem besonderen Korps, das größtenteils nur aus Reiterei bestand, weiter rechts nach Stargard, um noch weiter unterhalb und an einem anderen Ort einen Übergang über die Oder zu suchen. Nachdem er solche Anordnungen getroffen hatte, trat er Ende Juli von Königswalde den Rückmarsch an und zog mit solcher Eile, dass er am 3. August das Dorf Groß-Kamin erreichte, das nur eine Meile von Küstrin entfernt liegt. und schlug hier sein Lager auf.
Kaum war er an diesem Ort angekommen, als beschlossen wurde, gleich am nächsten Tag einen Angriff auf Küstrin zu unternehmen. Diese Festung, zweihundert Jahre vor dieser Zeit erbaut, besaß auf dieser Seite keinerlei Außenwerke. Sie war auf der einen Seite von der Oder umgeben, auf der anderen – nämlich auf der unseren – von einem sumpfigen Morast, der jedoch nicht so breit war, dass wir sie nicht hätten bombardieren können.
Bei alledem galt sie als eine sehr bedeutende und starke Festung, in welcher Hoffnung auch die Bewohner der ganzen dortigen Umgebung ihre beste Habe und ihr Vermögen zur sichereren Aufbewahrung dorthin gebracht hatten.
Zum Angriff auf sie wurde General Stoffeln mit der Vorhut entsandt, die aus 2000 Grenadieren und einer Anzahl leichter Truppen bestand. Als dieser General vor die Festung und ihre Vorstadt gelangte, sah er wider all sein Erwarten ein ganzes Korps preußischer Truppen von an die sechstausend Mann vor dem Morast aufgestellt, der die Stadt von der Vorstadt trennte. Dieser Anblick hielt ihn zunächst auf und zwang ihn, etwas zurückzuweichen; doch General Fermor, der selbst diesem General nachgekommen war, befahl sofort den erwähnten Grenadieren, bis an die Häuser der Vorstadt selbst heranzurücken, und im selben Augenblick die Kanonen heranzubringen, sie auf freiem Feld aufzustellen und, ohne irgendwelche Laufgräben und Batterien anzulegen, ein überaus heftiges Feuer auf die Brücken zu eröffnen, welche die Stadt von den Vorstädten trennten. Zur selben Zeit sollten die Grenadiere mit solchem Ungestüm über die preußischen Truppen herfallen, dass diese in der größten Unordnung fliehen und sich über die Brücken in die Stadt retten mussten.
Unterdessen folgte die ganze Armee dieser Vorhut nach, gelangte vor die Festung und lagerte sich vor ihr. Und da wir damals eine vortreffliche Artillerie hatten, befahl Graf Fermor ohne einen Augenblick zu zögern, die Festung aufs heftigste zu bombardieren. Dies führten unsere Artilleristen mit solcher Kunst aus, dass die Stadt schon von der dritten Bombe in Brand geriet und in wenigen Stunden zu Asche wurde. Dieses besondere Unglück widerfuhr der Stadt am 2. August und kam vor allem daher, dass die erwähnte verhängnisvolle Bombe in ein mit Stroh gefülltes Magazin fiel, das sich nicht weit von einem Pulverkeller befand. Davon entstand eine so entsetzliche Feuersbrunst, dass nicht nur alle Gebäude der Stadt in weniger als 6 Stunden in Asche gelegt wurden, sondern die Einwohner selbst sich mit knapper Not auf die andere Seite der Oder retten konnten, von wo sie mit ansehen mussten, wie alle ihre Häuser und ihre Habe von den Flammen verzehrt wurden.
Der Zustand, in dem sich die unglücklichen Einwohner dieser Stadt damals befanden, war wahrhaft entsetzlich und beklagenswert. Einer von ihnen hat ihn in einem Brief aus Berlin mit den lebhaftesten Farben geschildert; und da man aus diesem Brief am deutlichsten ersehen kann, in welch jämmerlicher Lage sich diese unglücklichen Menschen damals befanden, will ich ihn Ihnen Wort für Wort mitteilen.
„Ich benachrichtige Sie hiermit“, sagt er, „von dem kläglichen Untergang der Stadt Küstrin und von dem grausamen Los, das alle Einwohner dieses verwüsteten Ortes getroffen und mich gezwungen hat, mit einer diesem Ereignis entsprechenden Gemütsverfassung hier meine Zuflucht zu suchen. Am 2. dieses Monats, um drei Uhr nachmittags, ging bei uns durch die ganze Stadt das Gerücht, russische Husaren und Kosaken hätten sich auf unseren städtischen Feldern vor dem kurzen Damm gezeigt.
Dieses Gerücht versetzte die ganze Stadt umso mehr in Aufregung, als man von der russischen Armee bereits wusste, dass sie ganz und gar ihren Marsch geändert, sich nach Landsberg gewandt habe und sich Küstrin nähere.
Von den Türmen, Glockentürmen und Stadtwällen sah man unter den Husaren und Kosaken einige Personen von vornehmem Rang, die auf englischen, mit Netzen bedeckten Pferden umherritten und die Stadt durch Fernrohre betrachteten. Als aber von der Festung einige Kanonenschüsse auf sie abgegeben wurden, entfernten sie sich wieder. Dieser Vorfall wurde sogleich dem bei Frankfurt stehenden Grafen Dohna gemeldet und um Verstärkung der Festungsgarnison gebeten, was auch sofort geschah, und zugleich wurde auch ein neuer Kommandant geschickt, Oberst Schack.
„Am 3. erhielt man die Nachricht, dass General Fermor an diesem Tag mit vielen anderen Generalen in Vietz, zwei Meilen von Küstrin, zu Mittag gespeist habe und dass bei ihnen von der gestrigen Rekognoszierung, von der Lage der Festung, vom Anlegen von Batterien und davon die Rede gewesen sei, was man am folgenden Tag unternehmen wolle. Trotzdem empfanden wir in Küstrin noch keinerlei Furcht und schliefen in dieser Nacht ruhig, bis uns am Morgen um 4 Uhr ein Schusswechsel unserer Husaren mit den feindlichen und einige Kanonenschüsse weckten. Wir eilten auf die Türme und sahen das ganze Feld hinter unserer Vorstadt bis an den Wald von feindlichen und unseren leichten Truppen bedeckt, die aufeinander schossen. Gegen zehn Uhr aber erblickten wir durch das Fernrohr eine sehr große Kolonne feindlichen Fußvolks, die von Tamsel und Warnick her auf unseren Weinberg zuzog. Kaum hatte sie sich diesem Berg genähert, als sie darauf ihre Kanonen aufstellte und ein so heftiges Kartätschenfeuer auf unsere Husaren eröffnete, dass diese mitsamt unseren übrigen Truppen sich in großer Eile in die Festung zurückziehen mussten. Danach war noch keine halbe Stunde vergangen, als die Feinde eine solche Menge Bomben und Brandkugeln zu uns hereinwarfen, dass unsere Stadt sogleich an drei Stellen in Brand geriet und das Feuer wegen der engen und dichten Bebauung so überhandnahm, dass man es auf keine Weise mehr löschen konnte. Dies und der unaufhörliche Flug der Bomben versetzten alle Einwohner in solchen Schrecken und solche Bestürzung, dass alle nur noch an die Rettung ihres bloßen Lebens und an die Flucht aufs Feld dachten.
„Dieser Bomben und Brandkugeln waren so viele, dass es schien, als habe sich der ganze Himmel aufgetan und einen Feuerregen auf uns herabgesandt, und davon sah man überall, wohin der Blick sich nur wandte, einstürzende Häuser, die ihre Besitzer erschlugen. An ein Löschen dieses Brandes konnte niemand auch nur denken, und alle, die sich nur bewegen konnten, wandten sich zur Flucht. Selbst die Säuglinge an der Brust ihrer verzweifelten Mütter, selbst die Kranken, die in ihren Betten lagen, hatten kaum Zeit, alles im Stich zu lassen und halbnackt aus der untergehenden Stadt zu entkommen. Nur Stöhnen, klägliches Jammern und Schluchzen hörte man von allen Seiten, besonders von denen, die über die Oder geflüchtet waren und von dort Feuer und Rauch sahen, die ihre ganze Habe und ihr Gut verzehrten und mit sich in die Wolken trugen.
Eine überaus große Menge Menschen kam damals im Feuer und in den Flammen selbst um. Viele andere wurden von einstürzenden Häusern erdrückt und erstickten in den Kellern, wo sie vor den Bomben Rettung gesucht hatten.
Ich selbst hatte kaum so viel Zeit, mir ein Kleid überzuwerfen, als die Bomben schon über meinem Haupt mit furchtbarem Krachen zerplatzten. Da blieb nichts anderes übrig, als nur noch an die Rettung meiner Frau und meiner Kinder zu denken. Sie sprangen aus ihren Betten und mussten so, wie sie geschlafen hatten, halbnackt mir nacheilen und unsere ganze Habe und unseren Wohlstand dem Feuer und den Flammen zum Opfer lassen. Wir hatten den Platz noch nicht erreicht, als eine Bombe, die vor unseren Füßen niederfiel, uns zu Boden warf und mit entsetzlichem Krachen zerbarst. Zum Glück verletzten uns ihre Splitter nicht. Das ganze Volk drängte und lief zu den Toren hinaus, und jeder eilte, sich in dem zu retten, was er gerade anhatte, und ließ alles zurück, was er auf der Welt besaß. Einige Hundert folgten uns, ebenso halbnackt wie wir, und verließen ihre Häuser, und viele ließen darin mehrere Tausend an Geld zurück. Wir haben alles verloren, und mir ist es nur gelungen, mein eigenes Leben und das der Meinen zu retten, und auch dafür danke ich noch Gott.
„Unglücklich geworden sind nicht nur wir, die Einwohner dieser Stadt, sondern auch viele Fremde, die mit ihrer besten Habe zu uns in die Stadt geflüchtet waren, und bei diesem Anlass ging auch eine Menge Kirchengerät zugrunde, das aus verschiedenen Orten zur Aufbewahrung hierher geschickt worden war. Überdies vermissen wir viele Menschen und wissen nicht, wo sie geblieben sind. Die Glut und Hitze von Feuer und Flammen waren so groß, dass davon sogar die Kanonen im Zeughaus schmolzen. Die über die Oder geschlagene Brücke ist ganz abgebrannt, und selbst die Eisbrecher, die zum Abhalten des Eises errichtet waren, sind bis aufs Wasser niedergebrannt. Mit einem Wort, es war ein überaus entsetzlicher Anblick, und zwar ein solcher, dass ich bezweifle, ob es seit der Zerstörung Trojas und Jerusalems ein ähnliches Beispiel in der Welt gegeben hat, dass eine Stadt auf so furchtbare und klägliche Weise in wenigen Stunden zugrunde ging und von Feuer und Flammen verschlungen wurde. Bei alledem sind die Stadtwälle und Festungswerke ganz und unversehrt geblieben.“
Auf diese Weise ging diese preußische Stadt durch unser grausames Bombardement zugrunde. Da aber nur die Häuser abgebrannt, die Festungswerke jedoch unversehrt geblieben waren und die Garnison sich trotzdem und ungeachtet all unserer wiederholten Aufforderungen und der ärgsten Drohungen, die man ihr machte, auf keinen Fall ergeben wollte, mussten die Unseren danach eine förmliche Belagerung beginnen; über die so glückliche und rasche Einäscherung dieser Stadt aber wurde ein eigener Kurier mit der Nachricht an den Hof geschickt.
Doch mein Brief ist schon so lang geworden, dass es Zeit ist, ihn zu beenden und die Erzählung der weiteren Ereignisse dem nächsten vorzubehalten; so schließe ich ihn mit der Versicherung, dass ich stets bin Ihr Sie hochachtender und so weiter.
DIE SCHLACHT BEI ZORNDORF
66. Brief
Lieber Freund! Die erwähnte Einäscherung Küstrins machte damals viel Lärm in der Welt. Viele beschuldigten uns wegen solcher Verwüstung, unter der die armen Einwohner unschuldig zu leiden hatten, andere entschuldigten sie mit dem in der Welt bereits eingeführten Kriegsbrauch, der solche Handlungen erlaube. Was uns betrifft, die wir uns damals in Königsberg befanden und fast täglich Nachrichten über alle Ereignisse in der Armee erhielten, so konnten wir, als wir davon hörten, nicht umhin, uns über diesen Vorfall zu freuen, denn wir alle zweifelten nicht, dass diese Stadt nach einem solchen Unglück sich nicht lange werde halten können, sondern bald gezwungen sein werde, sich zu ergeben. Ich kann Ihnen nicht schildern, mit welcher Ungeduld wir danach jeden Tag den Kurier erwarteten, der mit den Schlüsseln der Stadt Küstrin an den Hof reisen würde; so fest waren wir überzeugt, dass diese Stadt bald in unseren Händen sein werde. Doch das Schicksal beliebte es anders zu bestimmen und das herbeizuführen, was wir am wenigsten erwarteten.
Kaum waren einige Tage vergangen, als Oberst Rosen als Kurier durch Königsberg zum Hof jagte. Wir alle suchten damals mit äußerster Neugier zu erfahren, mit welcher Nachricht er wohl reise, und hörten, dass er mit der Nachricht von einer überaus blutigen Schlacht der Unseren mit den Preußen abgefertigt worden sei, von der man zwar sagte, die Unseren hätten sie gewonnen und über die Preußen gesiegt, doch das Aussehen dieses Obersten erschien uns so wenig fröhlich und so niedergeschlagen, dass wir nicht wussten, was wir denken sollten, und schon einige Zweifel zu hegen begannen. In dieser Ungewissheit befanden wir uns nicht länger als zwei oder drei Tage, das heißt, bis die Post kam und uns die Berliner Zeitungen brachte. Doch stellen Sie sich vor, lieber Freund, wie groß unser Verdruss und unser Bedauern waren, als wir aus ihnen ersahen, dass unsere Armee es mit dem König selbst zu tun gehabt habe und von ihm angeblich aufs Haupt geschlagen worden sei, sodass sich allein die Zahl unserer Gefallenen auf 20 Tausend Mann belaufe, und dass sie uns 103 Kanonen, 27 Fahnen und die ganze Feldkasse im Betrag von 85 Tausend Rubeln abgenommen hätten. Wir erstarrten, als wir das lasen; am unerträglichsten aber war für uns, dass sie von ihrem eigenen Verlust schrieben, er belaufe sich an Gefallenen auf nicht mehr als 563 Mann. Eine so schamlose Lüge war allzu offensichtlich. „Erbarmen Sie sich, meine Herren“, sagte ich zu denen, die das glaubten, „hatten die Unseren denn keine Hände und streckten nur ihre Hälse hin und ließen sich ohne jede Gegenwehr niederhauen? Sie sagen doch selbst, dass die Schlacht den ganzen Tag gedauert habe und überaus heftig gewesen sei.
Wie kann da der Verlust auf beiden Seiten so ganz und gar unverhältnismäßig sein? Nein“, sagte ich weiter, „es hat gewiss eine Schlacht gegeben, aber irgendwie doch nicht so, sondern sie ist anders verlaufen.“
Das tröstete uns tatsächlich etwas; und bald danach zeigte sich, dass meine Vermutung in der Tat richtig war und dieser Sieg für die Preußen bei weitem nicht so groß war, wie sie anfangs damit geprahlt hatten. Damit Sie aber einen deutlicheren Begriff von dieser unserer ruhmvollen und denkwürdigen Schlacht haben können, will ich Ihnen den ganzen Hergang ausführlicher erzählen.
Sobald sich unsere Armee auf die erwähnte Weise den brandenburgischen Grenzen genähert hatte und in jene Lande eingerückt war, wurde dies sogleich dem König von Preußen gemeldet. Dieser befand sich damals in Böhmen und hatte vor, auf Prag zu ziehen, um sich dieser böhmischen Hauptstadt zu bemächtigen. Nichts konnte dem König von Preußen damals verdrießlicher sein als diese Nachricht, besonders die Klagen, die über die von uns angerichteten Verheerungen und Verwüstungen vorgebracht wurden. Sein Kopf war voll hochfliegender Pläne, sein Herz voll Hoffnung, über die Kaiserlichen große Vorteile zu erringen; und mitten in diesen weitreichenden Plänen sah er sich gezwungen, alles stehen und liegen zu lassen, eiligst zu uns zu jagen und zu versuchen, das Herz seines Staates selbst vor unserem Angriff zu schützen. Zur weiteren Steigerung seines Verdrusses erhielt er die Nachricht, dass auch die Schweden, von der Einschließung in Stralsund befreit, ungehindert in seine Lande eingedrungen seien und sich schon seiner Hauptstadt Berlin selbst näherten. All dies zwang ihn, 14 Bataillone Fußvolk und 33 Schwadronen Reiterei aufzugreifen und zur Verteidigung seines Brandenburgs nicht zu marschieren, sondern zu laufen. Die Schnelligkeit dieses Zuges war so groß, dass er in zwei Wochen mehr als 120 Meilen, oder etwa 900 Werst, zurücklegte und zu unserem besonderen Unglück noch rechtzeitig bei Küstrin eintraf. Er kam in Frankfurt an der Oder genau zu der Zeit an, als die Unseren Küstrin belagerten, und alle unsere Kanonenschüsse waren dort zu hören. Sein Verdruss war so groß, dass er, als er dort übernachtete und, auf der Freitreppe eines Hauses stehend, die an ihm vorüberziehenden Truppen betrachtete, wie betäubt dastand und bei jedem unserer Schüsse, den er hörte, nur Tabak schnupfte. Als er aber nach Küstrin kam, dessen jämmerlichen Zustand sah und erfuhr, dass der Kommandant bei der Verteidigung dieser Festung große Fehler begangen hatte, und dieser, seinen Zorn sehend, sich zu entschuldigen begann, war er so aufgebracht, dass er zum Kommandanten sagte: „Nicht über dich ärgere ich mich, sondern über mich selbst, dass ich dich zum Kommandanten gemacht habe.“
So gegen uns wütend und vor Rache glühend, zögerte er keinen Augenblick, sondern beschloss, sich hier mit den Truppen des Grafen Dohna zu vereinigen, über den Fluss zu gehen und uns sogleich anzugreifen. Da man aber in Küstrin selbst wegen der abgebrannten Brücke nicht übersetzen konnte, wählte er für seinen Übergang einen anderen Ort, einige Werst unterhalb von Küstrin. Hier war im Nu eine Brücke für ihn fertig, und er nutzte unsere Unachtsamkeit und Vernachlässigung dieses Ortes, setzte seine ganze Armee in einer einzigen Nacht über, und zwar so erfolgreich, dass die Unseren ihn dabei nicht im Geringsten stören konnten, und er verlor dabei nicht nur keinen einzigen Mann, sondern schnitt uns dadurch auch vom Rumjanzewschen Korps ab, das sich weiter stromabwärts an der Oder und in beträchtlicher Entfernung von der Armee befand.
Kaum hatte er dieses bedeutende Hindernis überwunden, als er, jede Minute nutzend und uns keine Zeit lassend, uns gehörig auf seinen Empfang vorzubereiten, mit der ihm eigenen Gewandtheit und Schnelligkeit sogleich zum Angriff auf unsere Armee vorrückte.
Er dachte nicht anders, als dass er uns in Unordnung antreffen und uns alle wie Schweine niedermachen werde, und hoffte darauf umso mehr, als seine damalige Armee nur um weniges kleiner war als die unsere. Doch in dieser Meinung täuschte er sich. General Fermor, der die Absicht des Königs vorausgesehen hatte, konnte sich rechtzeitig von der Stadt zurückziehen und an einem sehr vorteilhaften Ort in Schlachtordnung aufstellen. Unsere ganze Front war durch einen sumpfigen Bach gedeckt, die Flanken deckten die Dörfer Quartschen und Pieker, und die ganze Armee war in einem großen Karree oder Viereck aufgestellt. Der König freute sich, als er sie in solcher Stellung fand. Er hielt solche Aufstellungen der Truppen zur Schlacht für die allerschlechtesten, denn da das ganze Innere eines solchen Karrees oder Vierecks mit Wagen, Reiterei und dem allernotwendigsten Tross vollgestopft war, verursachte dies nicht nur eine äußerste Behinderung der Truppenbewegungen während des Gefechts, sondern hatte auch die für den Feind vorteilhafte Folge, dass von all seinen Kugeln keine einzige verloren ging, sondern jede Schaden anrichtete, indem sie in diesen gewaltigen Menschenhaufen hineinflog, und wenn sie ohne Schaden über die vordere Front hinwegflog, so traf sie die Reiterei und den Tross im Innern des Karrees und zerschmetterte sie; weshalb es auch nicht verwunderlich ist, dass in dieser Schlacht eine einzige feindliche Kugel in einem unserer Grenadierregimenter ganze 48 Mann tötete und verwundete. Welche Verwirrung aber diese Kugeln in dem erwähnten Tross im Innern des Karrees anrichteten, lässt sich gar nicht beschreiben.
Kaum hatten die Preußen begonnen, aus ihrer Artillerie, besonders aus den schweren Geschützen, ein überaus heftiges Feuer auf unsere Front zu eröffnen, als ihre Kugeln auch bald Kästen, Fuhren und andere Wagen zu zerschlagen, umzuwerfen, zu zerreißen und in unbeschreibliche Verwirrung zu bringen begannen; und da die Pferde, die sich von vielen losgerissen hatten, rasend wurden und geradewegs auf die Front und in die Reihen sprengten, vergrößerte dies das ohnehin entstandene Durcheinander und die Unordnung noch mehr, sodass unsere Befehlshaber damals, doch schon zu spät, einsahen, dass sie sehr schlecht gehandelt hatten. Um diesem Übel einigermaßen abzuhelfen, kamen sie erst jetzt darauf, alle diese überflüssigen Lasten und den Tross aus dem Karree hinauszutreiben; doch damit verdarben sie die ganze Sache noch mehr und banden sich selbst so die Hände: Denn gerade zu der Zeit begann der König von Preußen, unseren rechten Flügel zu umgehen, um uns nach seiner Gewohnheit in schiefer Schlachtordnung in die Flanke zu fallen, und da er sicher hoffte, uns zu schlagen, wollte er uns zu unserem völligen Verderben auch den Rückzug unmöglich machen und hatte deshalb vorher seine leichten Truppen ausgeschickt und befohlen, alle Brücken und Dämme hinter unserer Armee über Flüsschen, Bäche und Sümpfe zu zerstören und zu verderben; und als unser aus dem Karree hinausgetriebener Tross sie zerstört fand, musste er anhalten, und es staute sich dort eine überaus große Menge; eben daraus entstand ein so furchtbares Durcheinander, dass unsere Befehlshaber zwar sahen, dass man schleunigst die Stellung des Heeres ändern müsse, dies aber schon zu spät und unmöglich war, denn der König griff, ohne eine Minute zu versäumen, mit größter Wucht und Eile unseren rechten Flügel an und zwang ihn dadurch, ins Gefecht einzutreten, wodurch plötzlich ein überaus heftiges Feuer sowohl aus Kanonen als auch aus dem kleinen Gewehr entbrannte.
Auf dieser Flanke stand bei uns damals das sogenannte neue Schuwalowsche oder Observationskorps, das zwar aus den besten, aber noch nie im Gefecht und im Feuer gewesenen Leuten zusammengesetzt war.
Bei alledem hielt es das ganze heftige preußische Feuer mit größtmöglicher Tapferkeit aus und fing den ganzen Ansturm der preußischen Grenadiere auf, sodass diese zunächst anhalten mussten; als aber gerade zu dieser Zeit unsere Reiterei, die die entblößte linke preußische Flanke sah, sich auf diese stürzte und tapfer in sie einhieb, gerieten sie in Unordnung und wichen zurück. Kaum sah Fermor dies, als er es, wenngleich viel zu früh, für einen vollständigen Sieg hielt und befahl, an einigen Stellen die Front seines Karrees zu öffnen, um die Reiterei durchzulassen, die er zur Verfolgung der Fliehenden aussandte; doch eben das verdarb die ganze Sache. Denn als sie mit gewaltigem Geschrei und Gejohle davonsprengte und dabei einen furchtbaren Staub aufwirbelte, den zum Unglück zusammen mit dem Rauch der Wind auf unsere zweite Linie trieb, und dadurch eine solche Finsternis entstand, dass man in der Nähe nichts mehr sehen konnte, hielt unsere erwähnte zweite Linie sie für feindlich und eröffnete von hinten ein starkes Feuer auf sie; der tapfere preußische General Seydlitz aber, der mit seiner Reiterei den zurückweichenden preußischen Truppen zu Hilfe herbeigeeilt war, empfing sie von vorn und fiel mit gewaltigem Ungestüm in drei Kolonnen über sie her, sodass sie im Nu nicht nur geworfen, sondern so weit gebracht wurde, dass sie auf ihr eigenes Fußvolk zusprengte; und da gerade zu der Zeit noch ein anderes Korps preußischer Reiterei unser Fußvolk von der Seite angriff, entstand daraus hier eine völlige Auflösung, und da sich in Staub und Rauch die Unseren ganz mit den Feinden vermischten, begann ein so mörderisches Gefecht, wie keine Feder es zu schildern vermag.
Die Preußen, denen allen noch vor Beginn der Schlacht streng eingeschärft worden war, niemandem Pardon zu geben, hieben ohne jedes Erbarmen alles nieder, was ihre Säbel nur erreichen konnten, und mit solcher Wut, dass selbst die Flammen des damals brennenden Dorfes Zorndorf sie auf keine Weise aufhalten konnten; vielmehr sprengten mehrere preußische Dragonerregimenter durch die Flammen, griffen ebenfalls unser Fußvolk an und richteten ein Gemetzel an, und ihr tapferer General Seydlitz, nachdem er unsere Reiterei zerschlagen und diese Sache beendet hatte, unternahm eine andere, bis dahin fast unerhörte Tat. Er nahm sein Kürassierregiment, fiel mit dem Säbel in der Faust über unsere Hauptbatterie her, die aus schweren Geschützen bestand, bemächtigte sich ihrer und warf sich ebenfalls auf das Fußvolk; und da es auf diese Weise von vorn und von hinten und von den Seiten angegriffen und unbarmherzig geschlagen wurde, ist es nicht verwunderlich, dass ihm all seine Tapferkeit nichts half, sondern unser ganzer rechter Flügel dadurch in Auflösung und in eine solche Unordnung geriet, dass es damals weder Front noch Linien mehr gab, sondern die Soldaten, in alle Richtungen zersprengt, sich nur noch in Haufen mit den Preußen beschossen und nicht so sehr kämpften, als vielmehr, sich umwendend, ihr Leben den Feinden sehr teuer verkauften. Die Preußen selbst sagen, es habe sich ihnen damals ein Anblick geboten, wie sie ihn noch nie gesehen hätten. Sie sahen überall Russen in kleinen und großen Haufen und Scharen, die nach dem Verschießen all ihrer Patronen wie aus Stein dastanden und sich bis zum letzten Blutstropfen verteidigten, und es sei ihnen leichter gewesen, sie zu töten, als sie in die Flucht zu schlagen. Viele, die durch und durch geschossen waren, hielten sich weiter auf den Beinen und kämpften so lange, wie ihre Beine sie noch tragen konnten; andere, die einen Arm und ein Bein verloren hatten, lagen schon am Boden und hörten doch nicht auf, sich mit dem anderen, noch gesunden Arm zu verteidigen und ihren Feinden Schaden zuzufügen, und kaum einer von allen bat um Pardon.
Mit solcher Erbitterung kämpfte man auf beiden Seiten in dieser blutigen Schlacht.
Und zu alledem kam noch ein anderes Unglück hinzu. Als auf die erwähnte Weise unser ganzer rechter Flügel verwirrt und geschlagen war und viele in die Sümpfe und bis an den Tross selbst zurückgetrieben worden waren, stürzten sich unsere Soldaten auf die Weinfässer der Marketender, die ihnen in die Augen fielen, schlugen sie auf, tranken den Wein wie das Vieh und betranken sich damit bis zur Bewusstlosigkeit. Vergeblich schlugen ihre Offiziere und Vorgesetzten diese Fässer ein und ließen den Wein auf die Erde laufen – die Soldaten legten sich auf den Boden und sogen das ihnen so liebe Getränk aus der Erde selbst. Und wie viele von ihnen starben hier allein am Wein, wie viele kamen allein durch die Raserei um, die dieser Wein in ihnen hervorrief! Viele stürzten sich in ihrer Besinnungslosigkeit auf ihre eigenen Offiziere und erschlugen sie, andere irrten wie Rasende und Wahnsinnige ziellos umher und hörten auf niemanden, wer ihnen auch etwas befehlen mochte.
Das ist es, was auf unserem rechten Flügel geschah und wie man hier vom frühen Morgen bis zur Mitte des Tages kämpfte; auf dem linken aber war bis zu dieser Zeit noch nichts geschehen, doch nun kam auch an ihn die Reihe. Die Preußen griffen auch ihn an, fanden hier aber nicht mehr die Leute des neuen Korps, sondern alte Regimenter und Männer, die den Feind schon gesehen hatten, und vermochten sie deshalb nicht nur nicht zu brechen, sondern wurden selbst noch von ihnen geworfen und in die Flucht geschlagen. Schon flohen sie vor den Augen ihres Königs selbst wie das Vieh, und die Unseren trieben sie vor sich her und schlugen sie ohne Erbarmen nieder; schon hatten sie sie in den Sumpf getrieben und sich ihrer Batterie bemächtigt; schon fehlte sehr wenig daran, dass in dieser Sache eine große und für sie überaus nachteilige Wende eintrat; schon begann der Sieg sich ganz auf unsere Seite zu neigen; schon befand sich der König selbst in solcher Gefahr, dass dicht neben ihm seine Pagen getötet und einer seiner Adjutanten gefangen genommen wurde, und er selbst verzweifelte schon ganz am Sieg – als plötzlich auch hierher derselbe Seydlitz mit seiner Reiterei heransprengt und nicht nur die Unseren in ihrem Ansturm aufhält, sondern auch die eigenen Fliehenden, und die ganze Heftigkeit des Gefechts von neuem entfacht. Er hält das ganze heftige Kartätschen- und Gewehrfeuer aus, das auf ihn gerichtet wird, greift aber dann selbst unsere Reiterei an. Ihr in Unordnung geratenes Fußvolk formiert sich wieder, unterstützt ihn, neu ermutigt, in seinem Angriff und nimmt den Kampf mit uns wieder auf. All dies führte auch auf diesem Flügel zu einem ebenso mörderischen und ungeordneten Gefecht, wie es auf unserem rechten Flügel gewesen war, und die Erbitterung auf beiden Seiten war dabei so groß, dass man einen unserer Krieger fand, der, selbst schon tödlich verwundet, auf einem ebenfalls an seinen Wunden sterbenden Preußen lag und ihn mit seinen Zähnen zerbiss, und dass es schließlich so weit kam, dass auf beiden Seiten alles Pulver verschossen war und man mit Degen und Bajonetten zu kämpfen begann und so fortfuhr, bis die einbrechende Nacht diesem gegenseitigen Morden ein Ende setzte und sowohl uns als auch die Preußen, die schon völlig erschöpft waren, zwang, sich auszuruhen. Und da sah man, dass sich beide Armeen in Rauch und Dunkelheit mit ihren Fronten so gedreht hatten, dass sie quer auf dem Schlachtfeld standen, und zwar so, dass die Hälfte der Gefallenen und Verwundeten bei uns blieb, die andere bei den Preußen, und viele unserer Kanonen in die Hände der Preußen fielen, aber auch eine nicht geringe Zahl preußischer uns; und eben das war der Grund, dass beide Seiten ein gewisses Recht hatten, sich den Sieg zuzuschreiben, während in Wahrheit fast niemand jemanden besiegt hatte. Bei alledem verloren wir in dieser grausamen und blutigen Schlacht mehr als die Preußen.
Sie verloren an Gefallenen nicht mehr als 3400 Mann, an Verwundeten 7000 und an Gefangenen bis zu 2000, insgesamt etwas über 12 Tausend, und wir erbeuteten 26 Kanonen und einige Fahnen.
Wir aber verloren allein an Gefallenen bis zu 10 000, an Verwundeten und Gefangenen ebenso viele, sodass sich unser ganzer Verlust auf bis zu 21 Tausend belief, darunter eine Menge Generale, Stabs- und Oberoffiziere; an Kanonen verloren wir mehr als hundert und an Fahnen 37. Und all das geschah, weil der König von Preußen, voller Wut und Grimm gegen uns, schon zu Beginn der Schlacht streng befohlen hatte, uns nicht im Geringsten zu schonen.
Im Übrigen schrieb man dieses Unglück vor allem unserem so berühmten neuen Observationskorps zu, das nicht nur als erstes wankte, sondern sich auch auf die Weinfässer stürzte, sie aufschlug, sich betrank und danach ohne jede Ordnung herumtobte und ohne jede Unterscheidung schoss, sowohl auf die Eigenen als auch auf die Feinde. Die Unordnung war so groß, dass unsere Generale jede Befehlsgewalt verloren und, statt die Truppen zu ordnen, selbst an die Rettung ihres Lebens denken mussten. Und da unsere Truppen mit den feindlichen so vermischt waren, dass niemand wusste, wohin fliehen und wo sich sammeln, ist es nicht verwunderlich, dass die besten und eifrigsten Generale dem Feind in die Gefangenschaft fielen.
Unter ihnen befanden sich zwei Generalleutnants, Saltykow und Graf Tschernyschow, Generalmajor Manteuffel und zwei Brigadiers, Tiesenhausen und Sievers. Verwundet wurden ihrer sehr viele; am meisten aber bedauerte man den General en Chef, den alten Browne, der mehr als 17 Wunden am Kopf erhalten hatte.
Die ganze Nacht nach dieser grausamen und blutigen Schlacht standen beide Armeen auf dem Schlachtfeld unter Gewehr, und niemand konnte sich den Sieg mit Recht zuschreiben. Am Morgen wollte die Schlacht von neuem beginnen. Alle rieten Fermor, es zu wagen, und glücklich wären wir gewesen, wenn er diesem Rat gefolgt wäre. Wir hätten gewiss siegen und den König vollständig schlagen können, denn er hatte fast keine einzige Ladung Pulver mehr. Doch dem Schicksal gefiel es offenbar, dass den Ruhm dieses Tages nicht wir, sondern der König von Preußen erhielt. Graf Fermor bekam es mit der Angst zu tun und beging die allerdümmste Tat: Er schrieb einen Brief an den feindlichen General Dohna und bat um einen dreitägigen Waffenstillstand zur Bestattung der Toten und um einen Pass für die Durchreise des verwundeten Generals Browne. Ein solches ungewöhnliches und noch beispielloses Vorgehen machte den Feind hochmütig. Graf Dohna antwortete ihm mit einem ebensolchen, aber höchst hochfahrenden Brief. Er sagte, da der König, sein Herr, den Sieg errungen habe, werde er auch für die Verwundeten Sorge tragen. Und dieser verdrießliche, unbesonnene und überaus unzeitige Briefwechsel diente dem König von Preußen später als Beweis, dass er gesiegt habe. Doch das war noch nicht genug: Unser berühmter General Fermor tat noch Schlimmeres – statt seine Kräfte noch einmal zu erproben, zog er sich an diesem Tag zu seiner Wagenburg zurück und ließ dadurch den Sieg aus den Händen; und dieser unser Rückzug gab dem König Anlass, seinen Sieg schon offen zu behaupten und sich seiner zu rühmen.
Bei alledem war er selbst so geschwächt, dass er nicht daran dachte, uns nachzusetzen und uns weiter zu beunruhigen; sondern noch am selben Tag führte auch er seine Armee zurück und kehrte selbst nach Küstrin zurück.
Auf diese Weise endete dieses berühmte Ereignis; und wenn man auch nicht sagen kann, dass der König uns vollständig besiegt habe, so blieb doch zumindest aller Vorteil aus dieser Schlacht auf seiner Seite, denn unsere Armee, die nicht nur eine Menge Leute, sondern fast die ganze Artillerie und die Kriegskasse verloren hatte, war nicht mehr imstande, etwas weiteres zu unternehmen; und statt weiterzuziehen, musste sie nach und nach weiter zurückweichen und schließlich ganz in ihre früheren Winterquartiere nach Preußen zurückkehren, der König von Preußen aber erhielt die Freiheit, mit seinen Truppen wieder nach Schlesien zurückzukehren und noch rechtzeitig zu kommen, um den Erfolgen der Kaiserlichen Einhalt zu gebieten.
Im Übrigen trug zu unserem Unglück auch sehr viel bei, dass sich unsere Armee bei dieser Sache nicht vollständig auf dem Platz befand, sondern ein sehr großes Korps derselben unter dem Befehl des Grafen Rumjanzew und Stoffelns sich einige Meilen entfernt befand und nicht rechtzeitig zur Schlacht kommen konnte. Zum weiteren Unglück ließ ein Umstand dieses Korps auch am folgenden Tag nicht rechtzeitig zur Hauptarmee stoßen, wo es sehr gelegen gekommen wäre und den geschwächten König aufs Haupt hätte schlagen können. Einer unserer Hauptgenerale, nämlich Fürst Alexander Michailowitsch Golizyn, der aus der Schlacht davongegangen war, sprengte ganz außer sich zu diesem Korps und versicherte ihm, unsere Armee sei ganz und gar aufs Haupt geschlagen und es gebe für sie keinerlei Rettung; und das zwang dieses Korps, statt zum Schlachtfeld zu eilen, an seine eigene Rettung und an den Rückzug auf Umwegen zu jenem Ort zu denken, wo unsere Wagenburg zurückgelassen worden war. Kurzum, das ganze Zusammentreffen der Umstände war für uns unglücklich, und der einzige Nutzen, der uns aus dieser Schlacht erwuchs, war, dass sich unsere Truppen in ihr durch ihre unbeschreibliche Tapferkeit und Unbezwingbarkeit berühmt machten. Der König selbst erschrak, als er sah, mit welcher Unerschütterlichkeit und Unerschrockenheit unser Fußvolk kämpfte, und die Preußen schrieben selbst in ihren Relationen, es sei leichter, uns zu töten, als uns zur Flucht zu zwingen, und unsere Soldaten ließen sich bei ihren Kanonen und bei den Weinfässern totschlagen, und es reiche nicht aus, einen Mann durch und durch zu schießen, um ihn vollständig niederzustrecken. Kurzum, alle Preußen begannen von dieser Zeit an schon anders über unsere Truppen zu denken und hörten auf, unsere Soldaten für solche Schweine zu halten, für die sie sie früher gehalten hatten. Die Bauern aber waren so wütend auf sie, dass sie, als die Preußen einige Tausend von ihnen zusammentrieben und sie zwangen, Gruben auszuheben und die Gefallenen zu begraben, in diese nicht nur die toten Leichname warfen, sondern auch die Schwerverwundeten, die hilflos auf dem Schlachtfeld lagen, und sie lebendig in der Erde verscharrten. Vergeblich erhoben diese Unglücklichen Wehgeschrei, flehten um Erbarmen und strengten stöhnend ihre letzten Kräfte an, um sich unter den toten Leibern hervorzuarbeiten; doch neu auf sie geworfene Haufen erdrückten sie und raubten ihnen den letzten Atem. Selbst die preußischen Schriftsteller schämten sich nicht, diesen Umstand in ihren Geschichten dieses Krieges zu vermerken, ebenso wie jenen nicht allzu rühmlichen Zug des Königs von Preußen selbst, der, als ihm nach der Schlacht unsere in Gefangenschaft geratenen Generale Graf Tschernyschow, Saltykow, Sułkowski und die übrigen vorgeführt wurden, einen verächtlichen Blick auf sie warf, sich von ihnen abwandte und sagte:
„Ich habe kein Sibirien, wohin ich sie verbannen könnte, also werft sie in die Küstriner Kasematten. Sie haben sich selbst so gute Quartiere bereitet, so mögen sie jetzt auch darin wohnen.“
Dieser sein Befehl wurde auch tatsächlich ausgeführt, so sehr sich auch Graf Tschernyschow darüber ärgerte und dem Küstriner Kommandanten seinen Unmut bezeigte. Er fragte ihn: „Sind die Kasematten etwa zur Wohnung für Heerführer bestimmt?“ Doch der Kommandant antwortete ihm: „Sie, mein Herr, haben in der Stadt kein einziges Haus heil gelassen, in dem man Ihnen ein Quartier anweisen könnte, also müssen Sie schon mit diesen zufrieden sein.“ Und so mussten sie, so sehr sie sich auch ärgerten, in diese steinernen Keller kriechen, die unter den Stadtwällen angelegt waren. Doch blieben sie darin nur einige Tage, und der König erlaubte ihnen danach, sich in der vom Brand verschont gebliebenen Küstriner Vorstadt Quartiere zu mieten.
Von dieser Zeit an bis zum Winter geschah zwischen uns und den Preußen nichts Bedeutendes außer der ersten Belagerung und Bombardierung der pommerschen Seefestung Kolberg. Zu dieser Expedition wurde Generalmajor Palmbach entsandt, doch auch sie war erfolglos. Dieser General gedachte die Stadt durch eine ebensolche Einäscherung wie Küstrin einzuschüchtern. Er schickte mehrmals hin, um die Übergabe zu fordern; da sie ihm aber verweigert wurde, stand er zwar einen ganzen Monat davor und bombardierte unablässig, konnte dieser Festung jedoch nichts anhaben. Alle seine Bemühungen, sie in Brand zu setzen, blieben erfolglos. Darum musste er Laufgräben anlegen, und obwohl er sich mit ihnen ziemlich nahe an die Stadt herangearbeitet hatte, konnte er, da sein Korps zu klein war, keinen Sturm wagen; als aber noch das Unglück hinzukam, dass die mit Proviant und Munition zu ihm geschickten Schiffe auf See vom Unwetter zerschlagen wurden und ihm der Proviant ausging, musste er diese Belagerung schließlich aufgeben und mit Schande von der Stadt abziehen.
Damit endete in diesem Jahr unser Feldzug gegen die Preußen, den man mit Recht für unglücklich halten kann, denn wir verloren eine Menge Leute, Artillerie, Munition und Geld, richteten mit alledem nichts aus und mussten mit Verdruss sehen, dass wir uns in unserer Hoffnung auf Herrn Fermor getäuscht hatten und dass er in der Praxis bei weitem kein so geschickter Heerführer und General war, wie wir anfangs gedacht hatten; denn später wurde bekannt, dass er viele Fehler begangen hatte, und überdies trug auch viel dazu bei, dass er bei allen Soldaten unbeliebt war.
Doch nicht so endete der Feldzug dieses Jahres in Schlesien und Sachsen. Unseren Verbündeten, den Kaiserlichen und den Franzosen, gelang es, dem König von Preußen den ganzen Schaden, den er unserer Armee zugefügt hatte, reichlich heimzuzahlen, und er verlor dort, was er bei uns gewonnen hatte.
Kaum hatten wir damals mit unserer Armee den Rückzug begonnen, als der König, nachdem er den Grafen Dohna mit einem kleinen Korps gegen uns zurückgelassen und den General Wedel nach Brandenburg geschickt hatte, um die Schweden zu vertreiben, selbst in großer Eile und mit dem besten Teil der Truppen aufbrach, um seinem Bruder, dem Prinzen Heinrich, zu helfen und ihn aus der Not zu befreien; denn man muss wissen, dass, während der König auf die erwähnte Weise zu uns gezogen war und mit uns zu tun hatte, der geschickte General Daun mit den Kaiserlichen nicht untätig gewesen war: Er hatte den General Harsch mit 20 000 Mann zur Belagerung der schlesischen Festung Neiße entsandt und war selbst geradewegs nach Sachsen gezogen, um die Preußen von dort zu vertreiben. Dort stand mit ihnen Prinz Heinrich, der Bruder des Königs, und wurde schon von der Reichsarmee bedrängt. Daun wollte ihn von der anderen Seite bedrängen, sich mit der Reichsarmee vereinigen, ihn ganz aus Sachsen vertreiben und sich der Hauptstadt Dresden bemächtigen. Und vielleicht hätte er dies auch ins Werk gesetzt, wenn er nicht einen so geschickten Heerführer gegen sich gehabt hätte, wie es Prinz Heinrich war. Dieser verstand es trotz aller Anstrengungen beider kaiserlichen Armeen, ihn zu einer Schlacht zu zwingen, jedes Mal Mittel zu finden, ihr auszuweichen, und beschäftigte sie mit seinen verschiedenen Bewegungen und Wendungen so geschickt, dass er die Sache so lange hinzog, bis der König von Preußen selbst ihm zu Hilfe kommen konnte. Die ganze Welt staunte damals wieder über die ungeheure Gewandtheit und Schnelligkeit, mit der der König von uns nach Sachsen geflogen kam, und mit welcher Kunst er alle Pläne und Unternehmungen Dauns und der Reichsarmee zunichtezumachen verstand; doch machte sich dabei auch der kaiserliche Feldherr Graf Daun außerordentlich berühmt. Alle seine Bewegungen und Wendungen waren so klug, dass der König, obwohl er durch die Vereinigung mit seinem Bruder stärker geworden war als jener, keine günstige Gelegenheit und keinen Ort fand, ihn so anzugreifen, wie er es wünschte. Daun begann nun selbst, der Schlacht auszuweichen und sich an so vorteilhaften Orten aufzustellen, dass der König es auf keine Weise wagen konnte, ihn anzugreifen, was ihn auch bewog, seine Absicht zu ändern, sich wieder von seinem Bruder zu trennen und nach Schlesien zu eilen, um der Festung Neiße zu Hilfe zu kommen. Doch kaum hatte er sich mit seiner Armee auf diesen Marsch begeben, als Daun ihm ohne den geringsten Verzug auf dem Fuß folgte und es so gut anzustellen wusste, dass er an einem Ort, dem König zuvorkommend, ihn in eine so enge, für ihn nachteilige und für sich selbst vorteilhafte Stellung lockte, dass der Liebling und beste Freund des Königs, der preußische Feldmarschall Keith, als er dies sah, zum König sagte: „Wenn die Kaiserlichen uns diesmal in Ruhe lassen, so verdienen sie alle, gehängt zu werden.“ Doch Daun war auch nicht so dumm, eine so erwünschte Gelegenheit aus den Händen zu lassen: Er griff sie tatsächlich bei Hochkirch an und war nach einem sehr hartnäckigen und blutigen Gefecht so glücklich, dass er den König vernichtend schlug, ihm bis zu 10 000 Mann tötete, mehr als 100 Kanonen, mehr als 30 Fahnen und den größten Teil seines Trosses samt allen Zelten nahm. Kurzum, der König hatte noch nie einen so großen Schaden und Verlust erlitten, und das war für ihn gleichsam die Vergeltung dafür, dass er uns geschlagen hatte, und die Strafe für seine übermäßige Prahlerei.
Hier verlor er nicht nur eine Menge Truppen, sondern, was ihn am empfindlichsten traf, seinen besten Freund, den erwähnten Feldmarschall Keith, um den er nicht genug trauern konnte.
Fast zur gleichen Zeit schlugen auch die Franzosen unter dem Befehl des Prinzen Soubise die hessen-kasselsche Armee bei Lutterberg. Das vermehrte den Verdruss des Königs von Preußen noch mehr. Doch auch bei all diesen Unglücksfällen verlor er nicht im Geringsten seinen heldenhaften Geist, sondern machte sich durch seine Taten noch berühmter. Er verstand es, solche Maßnahmen zu ergreifen, und machte nach seiner Niederlage solche Bewegungen, dass er bewirkte, dass all diese Siege keinerlei nachteilige Folgen für ihn hatten. Daun wollte zwar seinen Sieg nutzen, nach Dresden zurückkehren und sich der Stadt bemächtigen, doch das gelang ihm nicht, und aus Mitleid mit dieser Stadt und weil er sie nicht durch Bombardement zerstören wollte, musste er ihre Einschließung aufgeben und den Feldzug mit seiner Rückkehr nach Böhmen beenden; dem König von Preußen aber gelang es, auch die Stadt Neiße von der Belagerung zu befreien, für den Winter wieder in Ruhe zu bleiben und die Genugtuung zu haben, dass er trotz all der großen kriegerischen Ereignisse dieses Sommers Herr aller seiner früheren Lande blieb und in allen Schlachten nicht mehr als 30 000 Mann verlor; dagegen schätzte man den Verlust, den alle mit ihm Krieg führenden verbündeten Mächte erlitten hatten, auf bis zu 100 000 Mann.
Das also waren die Ereignisse dieses Sommers, und so gefiel es der Vorsehung des Herrn, sie zu fügen. Wieder hatte niemand gedacht, dass sie ein solches Ende nehmen würden und dass das Vergießen so vielen Menschenblutes vergeblich sein und keine bedeutende Folge haben würde.
Nachdem ich Ihnen nun vom Krieg dieses Sommers erzählt habe, ist es Zeit, wieder zur Fortsetzung meiner Geschichte zurückzukehren. Das will ich im folgenden Brief tun, diesen aber hiermit beenden und sagen, dass ich bin Ihr und so weiter.
KRIEGSNACHRICHTEN
67. Brief
Lieber Freund! Während in Brandenburg, Pommern, Schlesien und Sachsen der Krieg auf die erwähnte Weise brannte und viele Tausende von Menschen umsonst zugrunde gingen, lebten wir in Königsberg weiter aufs ruhigste, so als befänden wir uns in einem befreundeten Land oder in unserem Vaterland. Nichts störte unsere Ruhe und hinderte uns, uns verschiedenen Vergnügungen hinzugeben. Nur die unangenehmen Nachrichten, die wir über die Ereignisse in unserem Krieg erhielten, beunruhigten uns ein wenig; doch auch das nicht allzu sehr, denn da wir an den Leiden und Nöten, die die Armeeangehörigen erdulden mussten, selbst keinen persönlichen Anteil hatten, empfanden wir sie auch nicht, sondern beschäftigten uns nur mit neugierigem Ausfragen der aus der Armee Kommenden über alles, was dort geschah, und mit dem Lesen dessen, was damals über all das in den Zeitungen geschrieben wurde.
Nie und über keine Schlacht ist so viel geschrieben worden wie über die erwähnte Zorndorfer oder, wie manche sie nannten, Küstriner Schlacht. Denn da beide Seiten sich den Sieg zuschreiben wollten, logen anfangs beide vieles und verschwiegen entweder etwas oder schrieben sich zu viel zu, und das gab Anlass zu verschiedenen und vielfachen Entgegnungen, Erklärungen und Beweisen auf beiden Seiten, und daher waren die Zeitungen jener Zeit sehr lesenswert.
Doch so sehr sich die Unseren auch bemühten, ihre Schande zu verbergen und die Ehre unserer Waffen zu verteidigen, die Wahrheit selbst ließ sich vor den Augen der Welt schwer verbergen.
Wir selbst, die wir uns damals in Königsberg befanden, wünschten anfangs noch so sehr, es möge wahr sein, dass wir gesiegt hätten und was die Unseren sagten, und alles unwahr, was die Preußen schrieben; doch die schließlich eingetroffenen namentlichen Listen aller gefallenen und verwundeten Offiziere öffneten uns die Augen und ließen uns anders über diesen vermeintlichen Sieg urteilen, denn allein die Zahl der gefallenen, verwundeten und gefangenen Offiziere war so groß, dass, selbst wenn es wirklich wahr gewesen wäre, dass wir gesiegt hätten, auch in diesem Fall der Sieg allzu teuer erkauft gewesen wäre; denn nach unseren eigenen, gedruckten und im ganzen Reich veröffentlichten Listen belief sich allein die Zahl der gefallenen Stabs- und Oberoffiziere auf 211, der Schwerverwundeten, die man ebenso gut zu den Gefallenen rechnen kann, auf 415, der Leichtverwundeten auf 238 und der von den Preußen Gefangenen auf 75 – sodass sich die Zahl aller auf fast 1000 Mann belief. Eine Zahl, wie wir sie noch nie zu verlieren hatten und die unser ganzes Vaterland in Tränen, Schluchzen und Seufzen stürzte; denn da alle diese Offiziere größtenteils unsere Edelleute und wirkliche Besitzer ihrer Dörfer und Güter waren, weil damals der ganze Adel diente, blieb fast kein adliges Haus in Russland ohne Kummer, das nicht das unglückliche Schicksal irgendeines seiner Nächsten oder Verwandten beweinte. Kurzum, der Feldzug dieses Sommers war für Russland sehr unheilvoll, ein solcher, wie es ihn noch nie erlebt hatte und der ihm lange im Gedächtnis bleiben wird.
Unter solchen Umständen können Sie leicht schließen, dass wir besonderen Grund hatten, Gott zu danken, dass es uns nicht beschieden war, mit den übrigen Regimentern dabei zu sein; vielmehr verlebten wir diesen ganzen Sommer in Königsberg und vergnügten uns. Aus den erwähnten Listen ersahen wir, dass es kein einziges Regiment gab, das in diesem Sommer nicht eine Menge seiner Offiziere verloren hätte; wie leicht hätte es also auch unserem geschehen können, wäre es mit den übrigen in der Armee gewesen. Doch niemand, glaube ich, war darüber so froh wie ich. Mehrmals kam mir in den Sinn, dass ich, wäre ich in der Armee gewesen, sehr leicht auch unter den erwähnten Unglücklichen hätte sein und auf den Zorndorfer Feldern unter den Leichen der Toten liegen können; und darum dankte ich bei jeder Gelegenheit und jedes Mal meinem Schicksal, dass es mich davor bewahrt und davon befreit hatte. Und solche Überlegungen wirkten in mir sehr stark auch bei jenem für mich überaus kritischen Vorfall, von dem ich Ihnen jetzt erzählen will.
Es war vor Anbruch des Herbstes und bald nach der erwähnten Schlacht. Die Armee, die sowohl in der Zorndorfer Schlacht als auch in anderen kleineren Gefechten eine Menge Leute verloren hatte, verlangte nach Verstärkung.
Dafür blieb nichts anderes übrig, als auch alle letzten noch an verschiedenen Orten in Preußen verbliebenen Truppen zu sammeln und der Armee zuzuführen. So wurden sofort vom Oberbefehlshaber an alle Orte Befehle versandt, und allen verbliebenen Regimentern wurde befohlen, zu ihr zu ziehen und sich aufs äußerste zu beeilen. Diesem Los waren auch unsere beiden Regimenter unterworfen, die bis dahin die Wache in Königsberg gestellt hatten; denn da die Erfahrung gezeigt hatte, dass große Wachen hier nicht allzu nötig waren, wurde befohlen, zu ihrer Versehung nur die dritten Bataillone mit den schwächsten und marschunfähigen Leuten zurückzulassen, alle übrigen aber mit den besten Leuten sollten eilends zur Armee ziehen.
Dieser Befehl war für uns gleichsam wie ein Donnerschlag. Alle unsere Offiziere wurden traurig und betrübt, als sie ihn hörten. Sie hatten sich schon so an das hiesige ausschweifende und für sie lustige Leben gewöhnt, dass keiner sich davon trennen wollte. Ich selbst wurde bestürzt, als ich davon hörte. Der Umstand, dass ich mich zwar damals bei Korff befand, aber aus dem Regiment nicht ausgeschieden war und zu ihm nur privat und auf Zeit genommen worden war, versetzte mich in Unruhe. Zum weiteren Unglück war unser früherer alter Oberst gerade um diese Zeit aus unserem Regiment in den Ruhestand getreten, und an seiner Stelle war ein neuer Oberst gekommen, Fürst Dolgorukow, von dem man uns zwar versicherte, er sei ein guter Mensch, der aber, da er neu war, noch niemandem bekannt war. Seine erste Sache war, alle Offiziere seines Regiments kennenzulernen. Ich musste mich ebenfalls bei ihm melden; und da ihm die anderen schon genug von mir erzählt hatten, empfing er mich besonders freundlich, und obwohl er bedauerte, dass ich vom Regiment abwesend sei, befahl er mir doch, öfter zu ihm zu kommen.
So standen die Dinge, als beim Regiment der erwähnte Befehl einging. Bis dahin hatte ich von diesem neuen Obersten weder etwas Schlechtes noch etwas Gutes erfahren. Doch als er nun alle Offiziere unseres Regiments durchzugehen begann, um die allerunbrauchbarsten beim Bataillon zurückzulassen, wurde auch nach mir geschickt. Als ich kam, sagte er mir, da er so viel von meinem Diensteifer und meinen besonderen Fähigkeiten gehört habe, zweifle er nicht im Geringsten daran, dass auch ich mit ihnen zur Armee aufbrechen wolle. – „Gewiss doch!“, antwortete ich, denn in der Eile konnte ich ihm nichts anderes sagen. Diese Frage kam für mich völlig unerwartet, denn zu sagen „ich will nicht“, schien mir nicht nur schlecht, sondern ganz und gar unschicklich.
„Wenn dem so ist“, sagte er weiter zu mir, „so belieben Sie, sich zum Marsch zu rüsten, und ich werde schon dafür sorgen, dass man Sie zum Regiment entlässt.“ – „Sehr wohl“, antwortete ich. „Unsere Vorbereitungen sind nicht groß, und wir sind zum Marsch immer bereit.“
Nachdem ich dies gesagt hatte, ging ich mit unruhigem Gemüt von ihm fort, denn ich muss gestehen, dass trotz all meines von ihm gepriesenen Eifers und Diensteifers sein Befehl für mich nicht sehr erfreulich war und ich bei weitem nicht solche Lust hatte, sie zu begleiten, wie er dachte, sondern viel lieber in Königsberg geblieben wäre. An mein damaliges Leben in dieser Stadt hatte ich mich schon so gewöhnt, und es war mir schon so lieb geworden, dass ich zwischen ihm und dem mühseligen und gefährlichen Soldatenleben keinerlei Vergleich mehr fand und dem ersteren einen unendlichen Vorzug vor dem letzteren gab. Mir kamen damals alle Vorteile und Annehmlichkeiten meines damaligen Lebens in den Sinn und all das Gute, das ich damals genoss, und der Gedanke, dass ich all das verlieren würde, machte es mir noch angenehmer. Ein Sprichwort sagt, dass wir den wahren Wert der Dinge erst dann erkennen, wenn wir sie verlieren, und das ist sehr richtig.
Der damalige Vorfall bewies es mir aufs deutlichste. Nie war mir mein damaliges Leben so angenehm und so kostbar erschienen wie in diesen Minuten. Ich begann schon zu bedauern, dass ich dem Obersten so eilig geantwortet hatte; und je mehr ich darüber nachdachte, desto größer wurde der Verdruss über mich selbst, dass ich so unvorsichtig gewesen war und, ohne im Geringsten nachzudenken, sofort meine Zustimmung zum Abmarsch mit dem Regiment erklärt hatte. „Hat mich nicht der Teufel an der Zunge gezogen?“, sagte ich zu mir selbst. „Und war ich denn bei Sinn und Verstand? Was ist das für ein Eifer und was für eine Dienstbeflissenheit! Kein Hahn kräht nach diesem deinem Eifer und deiner Beflissenheit! Niemand wird dir dafür wahrhaftig Dank sagen, und niemanden wirst du damit im Geringsten in Erstaunen setzen, aber ganz gewiss wirst du Ruhe, Sicherheit und tausend Vorteile verlieren, die du bis jetzt genossen hast, und dich ohne jede Not wieder nicht nur allen früheren Mühen, Nöten und Plackereien, sondern auch den Gefahren selbst aussetzen. Nicht alles kann so gut gelingen wie im vergangenen Jahr; damals war es gut für uns, Krieg zu führen, aber jetzt – hörst du denn nicht, wie heiß es zugeht? Wenn nicht in diesem, so in einem anderen Jahr, und wenn nicht bei dieser, so bei einer anderen Gelegenheit kommt auch an dich die Reihe. Genauso säuberlich wird man auch dich zum Krüppel machen und verstümmeln wie viele andere, und dann prahle meinetwegen und brüste dich mit deinen Wunden – was einmal in der Seite steckt, holt man nicht mehr heraus. Von deinem Eifer und deiner Beflissenheit wird niemand erfahren, du aber darfst dann dein Leben lang ein kummervolles und unglückliches Dasein fristen; und gut noch, wenn es dabei bliebe und nichts Schlimmeres geschähe. Wenn sie den Burschen nach dem Beispiel der anderen umbringen, dann ist alles dahin. Die Kugel ist dumm und wählerisch nicht, sie trifft mich ebenso gut wie die anderen, und dann rühme dich meinetwegen und tröste dich damit, dass du auf dem Bett der Ehre gestorben bist!“ …
Das Blut in mir geriet ganz in Wallung bei diesem Gedanken, und kalter Schweiß benetzte meine ganze Stirn. – „Bin ich nicht ein Dummkopf und ein wahrer Narr gewesen?“, sagte ich zu mir selbst. „Welche Not war es, mit meiner Antwort zu eilen? Man hätte sich etwas zurückhalten, man hätte weder Ja noch Nein sagen und sich mit irgendetwas herausreden oder es wenigstens dem Willen anderer überlassen können; hätte man mich dann genommen und gegen meinen Willen geschickt, so wäre es eben so gewesen, aber nun habe ich selbst die Waffe gegen mich in die Hand gegeben. Der Oberst denkt, dass ich wirklich selbst will, und wird gewiss den General ganz unziemlich bedrängen und verlangen, dass man mich unbedingt entlässt! … Ein schöner Held bin ich, wahrhaftig! Nichts Dümmeres kann es geben als das, was ich getan habe …“
In solchen und ähnlichen Überlegungen verbrachte ich die ganze Zeit, bis ich in mein Quartier ging, und mein Verdruss über mich selbst war so groß, dass ich mir vor Ärger die Hände zerbiss und mich mit allen möglichen Schimpfworten beschimpfte.
Doch ändern ließ sich das nicht mehr, und ich hielt es für sicher, dass man mich entlassen werde; deshalb befahl ich, nach Hause gekommen, meinen Dienern, zu packen und sich zum Marsch bereitzumachen. Als sie das hörten, wurden beide betrübt und gerieten noch mehr in Unruhe als ich. „Ach, gnädiger Herr!“, sagte mir der ältere von ihnen. „Wie konnten Sie sich dem Marsch nicht entziehen? Was ist das für eine Freude, ins Feld zu ziehen und, umherziehend, Not zu leiden? Die Sache wäre dort, weiß Gott, auch ohne uns ausgekommen, und Sie haben doch Gelegenheit, Sie hätten den General darum bitten sollen, vielleicht hätte man Sie gar nicht entlassen.“
Diese Worte verwirrten mich noch mehr. Ich fühlte, dass er recht hatte, und ärgerte mich, dass mir das nicht früher in den Sinn gekommen war. Da es aber nun zu spät und unschicklich war, daran zu denken, weil ich selbst meine Zustimmung zum Marsch erklärt hatte, biss ich mir auf die Lippen, schwieg und schritt nur verdrossen in der Stube auf und ab. Als der Diener meine Verwirrung sah, kam er wieder mit seinen Ratschlägen: „Wirklich, gnädiger Herr, bedenken Sie doch“, sagte er mir, „ob man sich nicht irgendwie entziehen kann? Sie sehen ja, was es jetzt für Gefahren gibt. Gott sei mit ihnen und mit ihren Feldzügen! Hier an einem Ort wäre es gesünder und besser.“ – „Ach, schweig!“, schrie ich ihn an, „und plage mich nicht weiter, mir ist auch ohne dich traurig genug; tu, was man dir befiehlt.“ – „Wie Sie belieben, gnädiger Herr“, sagte er, „an uns soll es nicht liegen, wir sind bald fertig, nur dass Sie es hinterher nicht selbst bereuen – einen guten Platz verliert man schnell, aber findet ihn nicht so schnell wieder!“ Nachdem er dies zwischen den Zähnen gebrummt hatte, ging er von mir, um sich an seine Arbeit zu machen; denn da das Regiment in zwei Tagen aufbrechen und aus Königsberg ausrücken sollte, musste man sich mit den Reisevorbereitungen beeilen.
Bei alledem prägten sich seine letzten Worte tief in meine Gedanken ein und gaben mir Anlass zu neuen Gedanken und Überlegungen. „Nun, wie wäre es?“, sagte ich zu mir selbst, „sollte ich nicht wirklich versuchen, mich auf irgendeine geschickte Weise von diesem Marsch loszumachen? Dem Obersten habe ich zwar mein Wort gegeben, aber ließe es sich nicht irgendwie einrichten, dass der General mich nicht entlässt? …“ Die Gedanken daran beschäftigten mich nicht nur den ganzen Abend, sondern fast die ganze Nacht. Ich versank so tief in Überlegungen darüber, dass selbst der Schlaf vor mir geflohen schien, und ich schlief fast die ganze Nacht nicht, sondern wälzte mich nur von einer Seite auf die andere. Meinen Gedanken begegneten verschiedene Wege und Mittel. Ich betrachtete sie kreuz und quer, doch alle schienen mir nicht sehr tauglich. Den General selbst darum zu bitten, schien mir schlecht und unschicklich; auf jemand anderen konnte ich mich nicht verlassen, und an den Obersten war gar nicht zu denken. Auch meine alte Regel kam mir in den Sinn, mich nirgends freiwillig aufzudrängen und mich vor nichts zu drücken. Die Ungewissheit, wo man gewinnen und wo man verlieren könne, verwirrte mich nicht weniger als alle Vorteile, die zu erwarten waren, wenn ich bliebe. „Gut!“, dachte ich bei mir, „gewiss wäre es gut, wenn ich bliebe, aber wer weiß, ob es mir nicht zum Schaden gereicht, wenn ich vom Regiment zurückbleibe? Und weiß ich denn sicher, dass es mir auch hier immer gut gehen wird? Kann mir nicht auch hier etwas Unangenehmes zustoßen?“
„Etwas anderes wäre es“, dachte ich weiter, „wenn alles von selbst käme. Etwas anderes, wenn ich ohne jedes Zutun meinerseits irgendwie hier gelassen würde! Ja, wenn es dem General selbst einfiele, mich nicht zu entlassen und dem Obersten seine Bitte abzuschlagen!“
Dieser Gedanke war für mich reizvoll, doch ich wagte keineswegs, mir mit dieser Hoffnung zu schmeicheln. Der Umstand, dass ich damals so wenig zu tun hatte, dass ich in einer ganzen Woche kaum eine Seite zu übersetzen bekam, und dass man in der Kanzlei fast ohne mich auskommen konnte, erlaubte mir nicht, diese Hoffnung zu nähren. „So ein Unglück“, sagte ich, „ausgerechnet jetzt gibt es auch keine Übersetzungen, die mir doch helfen würden. Zu anderen Zeiten gibt es ihrer haufenweise, und ich bin ihrer schon überdrüssig, jetzt aber wäre ich auch über sie froh, und gäbe es ihrer dreimal so viele. Was liegt daran, mag es so sein, und müsste ich mich auch plagen!“ …
In diesen und ähnlichen Überlegungen verbrachte ich den größten Teil der Nacht, blieb aber schließlich immer noch unschlüssig, was zu tun sei. Doch endlich erinnerte ich mich an das alte Sprichwort, dass der Morgen klüger ist als der Abend, entschloss mich, mich auf die Macht Gottes zu verlassen und alles von seiner Vorsehung selbst zu erwarten, schlief ein und verbrachte den Rest der Nacht in ruhigem Schlaf.
Am Morgen zog ich mich an, schärfte meinen Leuten ein, sich mit dem Packen und der Ausbesserung unseres Wagens zu beeilen, und ging in die Kanzlei, um die Entscheidung über mein Schicksal abzuwarten, denn ich zweifelte nicht, dass mein Oberst an diesem Tag beim General sein und die Rede tatsächlich auch auf mich kommen werde. Die erwähnten Gedanken und die Unruhe meines Gemüts hatten meinen Zustand so zerrüttet, dass ich an diesem Morgen mehr einem Kranken als einem Gesunden glich, und das war so auffällig, dass mich bei meiner Ankunft in der Kanzlei alle fragten, ob ich nicht krank geworden sei und ob mir nicht etwas zugestoßen sei. „Nein“, antwortete ich, „nichts!“, und beeilte mich, mich auf meinen Platz zu setzen.
Kaum hatte ich hier meinen Kollegen, den Deutschen, gesagt: „Nun, lebt wohl, meine lieben Freunde! Morgen oder übermorgen zieht unser Regiment ins Feld, und ich mit ihm“, als unser Obersekretär in großer Eile zu mir hereinkam, mir ein überaus dickes Heft reichte und sagte: „Da, Bruder, jetzt plag dich einmal! Aber sieh zu, dass es so schnell wie möglich geht. Sitz meinetwegen auch eine Nacht daran; wir müssen das mit dem Kurier an die Armee schicken, und es ist die Aufbietung von Fuhren mit Proviant und die Marschrouten, damit es nur keine Verzögerung gibt!“ – „Ei, ei, ei!“, sagte ich, als ich diesen Berg sah, „das, Väterchen, übersetzt man ja nicht einmal in drei Tagen; und überdies weiß ich wahrhaftig nicht, wann ich Zeit haben werde, diese Arbeit zu machen: Unser Regiment rückt übermorgen von hier ab, und mir ist befohlen, mich mit ihm zum Marsch zu rüsten.“ – „Ja, wer hat dir denn das befohlen?“, fragte der Sekretär verwundert. – „Unser Oberst“, sagte ich, „er hat gestern eigens nach mir geschickt und mir zu befehlen beliebt.“ – „Wer denn?“, fiel er ein, „Fürst Dolgorukow? Ha, ha, ha! Fürst Dolgorukow! Unsinn, mein Herr! Ist denn so etwas möglich? Werden wir dich etwa gehen lassen! Wie sollen wir denn ohne dich auskommen? Wir sind froh, dass wir einen solchen Menschen gefunden haben, und der Herr Oberst beliebt den Klugen zu spielen! Seht nur an! Ein großer Herr ist er, dass er dich uns wegnehmen könnte.“ – „Er wollte aber heute den General darum bitten“, sagte ich. – „Mag er bitten, bis er platzt, daraus wird nichts; nicht nur er, und wenn selbst Fermor käme, wir würden nicht darauf achten. Ich gehe gleich hin und melde es dem General, und Sie denken nicht einmal daran, sondern fangen Sie nur schnell an zu übersetzen.“ – „Gut, mein Herr!“, sagte ich. „Ich hatte aber schon befohlen, sich zum Marsch zu rüsten.“ – „Unsinn, mein Herr“, fiel er ein, „lassen Sie es ausrichten; doch warte, ich schicke selbst. Ordonnanz! Lauf schnell in das Quartier von Andrei Timofejewitsch und sag seinen Leuten, sie sollen sich keine Mühe machen und nicht zum Marsch packen.“
Nachdem er dies gesagt hatte, ging er in das Richterzimmer und ließ mich in einem Zustand zurück, den ich Ihnen keinesfalls beschreiben kann. Das Zusammentreffen so vieler und ganz unerwarteter Umstände erstaunte und erfreute mich über alle Maßen.
Mein Herz hüpfte vor Freude und Vergnügen, und ich wusste nicht, ob ich meinen Augen und Ohren trauen und ob ich mir mit der Hoffnung zu schmeicheln wagen sollte, dass der Sekretär tatsächlich tun werde, wovon er mit solcher Gewissheit gesprochen hatte. Am meisten freute ich mich darüber, dass die Sache ohne jedes Zutun meinerseits ihren Lauf nahm und unversehens eine solche Wendung genommen hatte, dass ich niemanden zu bitten und mich selbst nicht darum zu bemühen brauchte.
Nie hatte ich meine Übersetzungen mit solcher Lust begonnen wie diesmal. Mein Wunsch, in Königsberg zu bleiben, war so groß, dass ich, wären es ihrer dreimal so viele gewesen, nicht geächzt hätte und bereit gewesen wäre, nicht nur eine, sondern sogar ganze drei Nächte durchzusitzen und mich zu plagen, wenn mir dieses Sitzen nur helfen würde; doch zu meinem besonderen Glück war mir auch die damalige Übersetzung so leicht, dass ich sie nicht schrieb, sondern übersetzend dahinflog.
Während ich so dasaß und mich mit meiner Arbeit beschäftigte, ging unser Sekretär tatsächlich zum General und erzählte ihm so viel davon, wie unentbehrlich ich sei und dass der Oberst mich zum Regiment holen wolle, dass der General sich sogar über unseren Obersten wegen dessen vorzeitigen Befehls an mich ärgerte und beschloss, mich unbedingt bei sich zu behalten und auf seinem Willen zu bestehen. All das geschah sehr gelegen, denn kaum hatte unser Sekretär ihn verlassen, als auch unser Oberst bei ihm vorfuhr. Er begann sogleich, ihm meinetwegen Vorstellungen zu machen; da aber unser General schon vorbereitet war, ließ er ihn nicht einmal ein Wort sagen, sondern schlug es rundweg ab und, damit noch nicht zufrieden, schickte er sofort nach mir und befahl mir, zu ihm zu kommen. Ich wusste und ahnte davon nichts, doch da ich erriet, wozu man nach mir fragte, ging ich, zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, mit zitterndem Herzen zu ihm.
Kaum erblickte mich der General, als er sich mit freundlicher Miene an mich wandte und sagte: „Nein, mein Freund! Ich kann dich auf keinen Fall gehen lassen, und du musst unbedingt hier bei mir bleiben und beim Bataillon geführt werden. Doch darüber sei bitte nicht im Geringsten betrübt; du wirst auch hier dem Herrscher einen ebensolchen oder noch wichtigeren Dienst leisten wie im Heer und wirst deshalb dadurch nichts verlieren. Darin verlass dich auf mich.“ Ich machte ihm eine sehr tiefe Verbeugung und konnte leicht schließen, dass zu seinen letzten Worten die Vorstellungen unseres Obersten Anlass gegeben hatten, der mich bei ihm gerühmt und sein Bedauern darüber bekundet hatte, dass ich als guter Offizier durch eine solche Abwesenheit vom Regiment meine Reihenfolge bei der Beförderung verlieren könne; und deshalb wollte ich mich an unseren dort stehenden Obersten wenden und ihn nur aus Höflichkeit fragen, was er zu befehlen belieben, als er schon selbst zu mir trat und mit leiser Stimme zu mir sagte: „Was soll man machen, Bruder! Ich habe alles getan, was mir möglich war, aber du siehst selbst, es liegt nicht in meiner Macht; so bleib eben hier.“ Ich wollte ihm nur antworten, als der General, ohne uns weiter reden zu lassen, zu mir sagte: „So geh denn, mein Freund, und setze deine Arbeit fort und beeile dich um Gottes willen, so schnell wie möglich.“ Da verabschiedete ich mich von beiden und ging nicht, sondern flog in die Kanzlei, das Herz von unbeschreiblichem Vergnügen und Freude erfüllt.
Alle Kanzleileute empfingen mich mit der Frage, was geschehen sei, und als sie es hörten, bekundeten sie ihre Freude darüber, dass ich bei ihnen geblieben war.
Unser Sekretär selbst begrüßte mich zusammen mit den übrigen, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Nun, habe ich nicht die Wahrheit gesagt? Lebe lieber bei uns, Bruder! Hier wird es dir wohl kaum schlechter gehen; und dort, Bruder, gibt es auch ohne dich genug, die mit den Preußen Krieg führen. Mit einer Kugel in die Stirn setzt du wahrhaftig niemanden in Erstaunen, hier aber brauchst du sie wenigstens nicht zu fürchten.“ Ich versäumte nicht, ihm für seine Fürsorge zu danken, und bat ihn um sein weiteres Wohlwollen und seinen Beistand, was er mir auch gern versprach, selbst zufrieden damit, dass er dies hatte tun können.
So endete diese Sache, und wider all mein Erwarten zu meinem allergrößten Vergnügen. Von diesem Augenblick an kümmerte ich mich nicht mehr um den Marsch und saß, ohne mich im Geringsten zu langweilen, nicht nur diesen ganzen Tag, sondern auch den größten Teil der Nacht an meiner Übersetzung, und am nächsten Morgen, kaum dass es hell wurde, erschien ich wieder in der Kanzlei und arbeitete mit solchem Fleiß und Eifer, dass ich meine Übersetzung zur großen Zufriedenheit des Sekretärs gegen Abend dieses Tages beendete. Da eilte ich nach Hause, um mich wenigstens ein wenig von so vielen Mühen auszuruhen. Doch kaum war ich in mein Quartier gekommen, als eine neue Erscheinung meinen Blick traf und mein Gemüt wieder in allergrößte Verwirrung und Unruhe versetzte.
Nun bin ich bereit, mit Ihnen zu wetten, dass Sie nicht erraten, was das gewesen sein mag; denn es kann Ihnen ebenso wenig in den Sinn kommen wie mir damals, dass es der Adjutant unseres Regiments war, den der Oberst eigens zu mir geschickt hatte. Ich wunderte mich und wusste nicht, was ich denken sollte, als er mir sagte, der Oberst habe ihn zu mir geschickt. – „Wozu denn, Väterchen?“, fragte ich ihn, im Gemüt verwirrt und verwundert. – „Seine Durchlaucht hat befohlen, Ihnen zu sagen“, sprach er zu mir, „dass Sie, wenn Sie mit uns ins Feld ziehen wollen, morgen früh, wenn das Regiment abrückt, heimlich von hier wegfahren können, und er nimmt es auf sich, Sie vor allen Nachstellungen zu schützen, die Ihnen deswegen von General Korff widerfahren könnten.“
Konnte es etwas Seltsameres, Erstaunlicheres oder gar Ungereimteres und Lächerlicheres geben als einen solchen Vorschlag? Ich war verblüfft, als ich ihn hörte, und so verwirrt, dass ich einige Minuten lang nicht wusste, was ich ihm darauf antworten sollte, und dachte nur bei mir: „Ich danke gehorsamst, wahrhaftig; man ist froh, dass es einem unversehens so glücklich gelungen ist, sich vom Marsch loszumachen, und Seine Durchlaucht will, dass ich mich noch selbst dazu dränge und mich dabei auch noch einer nicht geringen Gefahr aussetze. Was wäre ich für ein Dummkopf? Und müsste ich nicht den Verstand verloren haben, wenn ich dieser Einladung folgte?“ Da man dem Adjutanten aber etwas zur Antwort sagen musste, sammelte ich ein wenig meine Gedanken und wimmelte ihn auf folgende Weise ab: – „Hör mal, Bruder“, sagte ich zu ihm, „wenn ich auch nicht vom Regiment zurückbleiben möchte, so weiß ich doch wahrhaftig nicht, ob ich das tun kann, was Seine Durchlaucht zu befehlen beliebt.
Erstens habe ich mich überhaupt nicht zum Marsch gerüstet, und bei mir ist für die Abreise nichts bereit, und zweitens: Wie kann ich mich ohne Erlaubnis entfernen und gleichsam davonlaufen?
Mir ist nicht nur eine Menge wichtiger Sachen zum Übersetzen aufgetragen, womit ich diese beiden Tage Tag und Nacht beschäftigt war, sondern ich habe überdies in der Kammer die Schnurbücher in Händen, in die ich jeden Tag Einnahmen und Ausgaben aller hiesigen Einkünfte eintrage; wie kann ich mich da, ohne sie abzugeben, entfernen und eigenmächtig wegfahren? Man wird mich doch dafür vor Gericht stellen, und ich kann dadurch unglücklich werden. Unser General lässt nicht gern mit sich spielen; niemand wird mich dann vor seiner Verfolgung schützen. Seiner Durchlaucht ist offenbar unbekannt, wie mächtig er bei Hofe ist, uns aber ist das schon zur Genüge bekannt. Melden Sie also Seiner Durchlaucht dies und sagen Sie ihm von mir, dass ich trotz all meines Eifers und meines Wunsches, beim Regiment zu sein, dies dennoch auf keinen Fall zu tun wage, und ich glaube auch nicht, dass Seine Durchlaucht selbst mich dadurch unglücklich machen wollte.“ – „Gut“, sagte der Adjutant, „ich werde ihm das alles ausrichten, aber nun, wenn er es unbedingt will oder weiter geht und befiehlt, dich gegen deinen Willen mitzunehmen, was beliebst du dann?“ – „Das wird dann sein Wille sein“, sagte ich, „und dann werde nicht ich, sondern er dafür verantwortlich sein; eigenmächtig und heimlich wegzufahren aber ist mir auf keinen Fall möglich, und ich wiederhole Ihnen, dass ich das auf keinen Fall wagen werde und mich fürchte, den Befehl des Generals zu übertreten. Käme das womöglich an den Hof, wozu tauge ich dann noch?“
Damit wimmelte ich meinen Herrn Adjutanten ab: Er ging unverrichteter Dinge von mir fort, und ich, nachdem ich ihn hinausbegleitet hatte, sah ihm nach und sagte zu mir selbst: „Geh nur, Bruder, geh! Und komm uns auch künftig nicht mit solchen Sachen. Wir haben noch nicht den Verstand verloren, um eigenmächtig solchen Unsinn zu machen.“
Bei alledem versetzten mich seine letzten Worte in große Verwirrung. „Wer weiß!“, dachte ich bei mir, „wenn er nicht wirklich noch vorhat, das zu tun. Ein Oberst im Regiment ist doch wie der Teufel im Sumpf, seine Macht ist groß. Schickt er ein Kommando und befiehlt, mich mit Gewalt zu nehmen und wegzuführen, was willst du dann mit ihm machen? Du wirst ja nicht ‚Hilfe!‘ schreien, und ob du willst oder nicht, du wirst gehen. Unser General wird es nicht einmal erfahren, und er braucht mich nur aus der Stadt hinauszubefördern, und dann heißt es: Lebewohl! Wann wird man je wieder etwas erreichen – und ich bin beim Regiment und bleibe beim Regiment.“ So und auf ähnliche Weise überlegte ich mit mir selbst und mit meinen Leuten den ganzen Abend, und da diese, als sie von allem Geschehenen erfuhren, nicht weniger besorgt waren als ich, versetzten sie mich noch mehr in Verwirrung, indem sie mir den Gedanken eingaben, der Oberst könnte, wenn er es sich in den Kopf setzte, es noch in derselben Nacht tun und mich heimlich aus der Stadt hinausbefördern lassen. „Ja“, sagte ich, „wer weiß; doch ich glaube nicht, dass er eine solche Dummheit begehen und sich meinetwegen mit dem General überwerfen wollte.“ – „Das schon“, antwortete mir mein Jakow, „aber bürgen kann für ihn auch niemand; man sagt, gnädiger Herr, er sei ein sehr verwegener Mensch, und es wäre nicht schlecht, wenn wir uns für die Nacht gut einschließen und, wenn sie kommen, die Türen auf keinen Fall öffnen; sollen sie doch Lärm schlagen und mit Gewalt aufbrechen.“ – „Du lügst, Dummkopf“, sagte ich zu ihm, „einschließen kann man sich meinetwegen, aber hinauslassen wird man niemanden können; besser wäre es, irgendwie zu versuchen, dann schnell unserem Sekretär Tschonschin Nachricht zu geben.“ –
„So soll es sein“, sagte mein Jakow, „schweigen Sie nur, gnädiger Herr; wenn etwas passiert, flitze ich sofort zu ihm und sage es ihm, und wo er wohnt, weiß ich. Das wird in der Tat besser sein.“
Nachdem wir dies so verabredet hatten und uns schlafen legten, schlossen wir uns tatsächlich fest ein, damit man auf keine Weise von der Straße zu uns hereinkommen konnte, und verbrachten die Nacht in ständiger Furcht, man könnte uns stören. Ich wartete nur darauf, dass man entweder käme, um mich zum Obersten zu rufen, oder mich gar zwänge, auf der Stelle die Stadt zu verlassen. Doch meine Befürchtung war vergeblich. Die Nacht verlief glücklich, und wir hörten keinerlei Lärm; und kaum war der Tag angebrochen, als ich, ohne eine Minute zu zögern, in die Kanzlei lief und nicht eher im Gemüt ruhig wurde, als bis ich dort angekommen war; denn dort hielt ich mich schon für vollkommen sicher und sagte zu mir selbst: „Nun! Jetzt sollen sie nur kommen und mich von hier holen.“ Doch offenbar wollte unser Oberst keine solche Dummheit begehen, denn er ließ mich von da an in Ruhe, und als er an diesem Tag mit seinem Regiment aus der Stadt auszog, schickte er niemanden mehr zu mir.
Man kann nicht genug schildern, mit welchem Vergnügen ich damals von meinem Schloss aus diesem abziehenden Heer zusah und wie ungeduldig ich wartete, dass es bald hinauszog. Zwar war es mir ärgerlich, dass der erwähnte Vorfall mich daran gehindert hatte, mich von allen meinen Freunden und Kameraden zu verabschieden, die ins Feld zogen, um gegen den Feind zu kämpfen, doch zog ich meine eigene Sicherheit diesem Vergnügen vor, wünschte ihnen aus der Ferne eine glückliche Reise und eine wohlbehaltene Rückkehr und freute mich selbst, dass ich an meinem Platz und in Ruhe geblieben war. Doch meine Befürchtung war auch nach dem Abmarsch des Regiments so groß, dass ich nicht eher in mein Quartier zurückkehrte, als bis es schon Nacht war.
So blieb ich damals in Königsberg und war zwar aus meinem Regiment nicht ausgeschieden, aber nun tatsächlich von ihm abkommandiert. Was mit mir weiter geschah, davon werden Sie künftig hören; jetzt aber erlauben Sie mir, an dieser Stelle innezuhalten und meinen Brief zu beenden mit der Versicherung, dass ich bin Ihr und so weiter.
DER BÜCHERKAUF
68. Brief
Lieber Freund! Nachdem ich auf die zuvor erwähnte Weise in Königsberg geblieben und dadurch schon wesentlicher vom Regiment getrennt war und mir mit der Hoffnung schmeichelte, auch künftig nicht so bald zu ihm entlassen zu werden, begann ich daran zu denken, mein Leben meinen damaligen Umständen gemäß einzurichten. Meine erste Sorge war, meine Pferde loszuwerden. Da ich sie gar nicht mehr brauchte und sie nie benutzte, wollte ich sie nicht umsonst füttern und eine Menge Geld dafür ausgeben. Bis dahin hatte ihr Unterhalt nichts gekostet: Sie gingen mit den übrigen in der Regimentsherde, und ich brauchte mich um sie nicht zu kümmern. Da aber das Regiment abgezogen war und inzwischen schon der Herbst anbrach, wusste ich nicht mehr wohin mit ihnen und musste sie im Quartier halten und für sie das in jenen Gegenden teure Futter kaufen. Das wurde mir sehr bald lästig, und deshalb beschloss ich, sie lieber zu verkaufen und das doppelte Rationsgeld {Hier: das für den Unterhalt der Pferde zustehende Geld.}, das ich damals für sie erhielt, für eine bessere und meinen Neigungen gemäßere Sache zu verwenden. Das tat ich auch bald nach dem Abmarsch des Regiments und bewahrte das für sie erlöste Geld auf, um davon, falls man mich zum Regiment zurückforderte, neue kaufen zu können.
Nachdem ich diese Seite meiner Ausgaben eingeschränkt hatte, verringerte ich sie bald danach noch durch einen weiteren Umstand. Mein Diener Jakow schlug mir vor, mich darum zu bemühen, dass man mir jenes andere Quartier nicht wegnehme, das mir für meine Pferde angewiesen worden war; denn da es in dem, wo ich wohnte, keinen Hof gab, wo ich meinen Wagen und die Pferde unterbringen konnte, hatte ich ein anderes, schlechteres, wo dieser Diener mit meinen Pferden wohnte. Ich wunderte mich über seinen Vorschlag und fragte, wozu wir es denn brauchten?
„Dazu, gnädiger Herr“, sagte er. „Schon seit einiger Zeit habe ich Lust bekommen, mit Pferdetausch zu handeln. Ich kaufe sie den hierher kommenden russischen Fuhrleuten zu einem billigen Preis ab und tausche sie dann entweder ein oder verkaufe sie an die hiesigen preußischen Bauern und mache dabei bisweilen einen hübschen kleinen Gewinn. Wenn uns also das andere Quartier wie bisher bliebe, könnte ich, dort wohnend, mein Gewerbe fortsetzen und dabei auch nach Belieben schustern {Schustern, vom ukrainischen „tschoboty“.}; und für Sie wäre der Vorteil, dass Sie kein Geld für meine Verpflegung und meinen Unterhalt auszugeben brauchten, sondern ich könnte mich schon selbst ernähren und kleiden.“
„Das ist sehr gut, mein Freund“, sagte ich, „und das Quartier zu behalten kostet mich nichts.“
Und in der Tat brauchte ich nur unserem Platzmajor ein Wort davon zu sagen, und die Sache war erledigt, und von da an wohnte mein Diener ständig in diesem anderen Quartier und ernährte und kleidete sich teils mit seinem Schusterhandwerk, teils mit dem erwähnten Pferdehandel nicht nur selbst, sondern sparte sich auch ziemlich viel Geld zusammen, das später mir selbst sehr gelegen kam, wie ich künftig an seinem Ort erwähnen werde. Was aber meinen anderen Diener betrifft, so wohnte dieser in meinem Quartier und ernährte sich von dem Proviant, der mir für einen Offiziersburschen zustand. So kostete mich von da an der Unterhalt meiner beiden Diener nichts.
Nachdem ich mich von diesen beiden Ausgaben befreit hatte, begann ich, so weit wie möglich auch die übrigen unnötigen Ausgaben einzuschränken, die bis dahin eine Menge meines Geldes verschlungen hatten. Für meine Verpflegung brauchte ich fast nichts auszugeben: Die Mittagstafel war für mich jeden Tag beim General bereit, und meine Abendessen waren, wie ich früher erwähnte, so leicht und kosteten so wenig, dass ich dafür wenig Geld ausgab. Selbst die Naschereien, die mich bis dahin eine Menge Geld gekostet hatten – weil ich von Kindheit an ein Liebhaber davon war und damals wegen der großen Menge an verkauftem Obst und Gemüse, besonders an verschiedenen Sorten Kirschen, Pflaumen, Äpfel, Birnen und Bergamotten, die allererwünschteste Gelegenheit dazu bestand –, beschloss ich ebenfalls etwas einzuschränken und das Geld lieber für Nötiges zu verwenden. Glücksspiele spielte ich keine, hatte dazu auch gar keine Zeit; und wenn ich zuweilen in die am Weg stehenden Gasthäuser einkehrte, so nur, um Zeitungen zu lesen oder Kaffee oder Tee zu trinken oder mit jemandem Billard zu spielen, und auch das nicht um Geld, sondern nur um Partien. Schließlich beschloss ich, auch mit der Kleidung nicht zu prunken, sondern nur eine solche zu haben, die nicht schäbig und nicht schändlich war. Gesellschaften und Gelage gab es bei mir keine, und es war auch keine Zeit und niemand dafür da; folglich brauchte ich auch dafür kein Geld auszugeben. Kurzum, ich richtete meine ganze damalige Lebensweise auf einen gesetzten und zurückgezogenen Fuß ein, und zwar so, dass mir nach allen notwendigen Ausgaben von Gehalt und Rationen mehr als die Hälfte übrig blieb.
Doch denken Sie nicht, lieber Freund, dass ich bei der erwähnten Einschränkung meiner Ausgaben zu einem Knauser und Geizhals geworden wäre und alles übrige Geld zusammengehäuft und versteckt hätte. Ach nein! Davon war ich allzu weit entfernt, und ich gestehe Ihnen, dass ich es fast bis zur letzten Kopeke ausgab.
Wenn Sie nun neugierig sind zu erfahren, wofür ich es denn verwendete, so sage ich ohne Umschweife, dass ich alles für das ausgab, wonach mein Herz und alle meine Neigungen am meisten strebten, nämlich für den Kauf von Büchern, Farben, Bildern und für die Anfertigung allerlei Instrumente und kurioser Dinge. Meine Lust an alledem nahm nicht nur nicht ab, sondern wurde von Stunde zu Stunde größer.
Bis zu dieser Zeit hatte ich mich dennoch einigermaßen davon zurückgehalten: Teils der Mangel an überflüssigem Geld, teils die ständige Meinung, wir würden wieder ins Feld ziehen, hielten mich davon ab, mich mit vielen Büchern und anderen Dingen zu belasten.
Das Beispiel, das ich bei Riga erlebt hatte, wo wir alle überflüssigen Sachen wegwerfen mussten, war mir stets im Gedächtnis und flößte mir ständige Furcht ein. Doch sobald unser Regiment abgezogen war und ich mich vergewissert hatte, dass man mich nicht zur Armee entlassen würde und ich keinen Grund hatte, einen Marsch zu fürchten, ließ ich den Neigungen meines Herzens schon mehr freien Lauf und stürzte mich geradewegs in den schon so lange ersehnten Kauf von Büchern und anderen Dingen.
Ich kann mich noch heute nicht ohne Lachen daran erinnern, mit welchem Vergnügen ich einige Tage nach dem Abmarsch des Regiments, als ich eine freie Zeit erwischt hatte, in die schon früher von mir erwähnte Buchhandlung lief und mit welchem Entzücken ich dort einige Stunden lang Bücher durchsah und durchwühlte. Einen ganzen bis obenhin mit Geld vollgestopften Beutel brachte ich hinein, und nicht eine Kopeke trug ich wieder hinaus, sondern verwendete alles, was ich bei mir hatte, für den Kauf verschiedener Bücher und Schriften. Und, o Gott! Welches Vergnügen empfand ich damals, als ich einen ganzen Packen davon zusammenband und mit mir trug.
„Nun!“, sagte ich zu mir selbst. „Jetzt gibt es etwas zu lesen und etwas, womit man sich beschäftigen kann; jetzt sag nicht, dass dir langweilig ist: Es gibt schon etwas, womit man die Langeweile vertreiben kann, wenn nur die Lust da ist. Jetzt lies meinetwegen, was du willst, und vergnüge dich, so viel deine Seele begehrt!“
So redend schleppte ich meinen Packen geradewegs in die Kanzlei. Alle wunderten sich über die große Menge der gekauften Bücher, besonders als ich sie auszulegen und alle von neuem durchzusehen begann. Niemandem erschien mein Tun so verwunderlich wie den Herren Deutschen, meinen Kollegen.
„Ei, ei, ei!“, riefen beide wie aus einem Munde. „Wozu haben Sie denn eine solche Unmenge zusammengekauft?“
„Wie, wozu?“, antwortete ich ihnen. „Zum Lesen, meine Herren. In meiner freien Zeit habe ich nichts zu tun, und Sie wissen, dass ich ein Liebhaber bin und gern lese.“
„Das ist schön!“, sagten sie weiter. „Aber wollen Sie denn wirklich alle Bücher, die Sie lesen, kaufen und Geld dafür verlieren?“
„Ja, wie denn sonst?“, antwortete ich.
Da lächelten meine beiden Deutschen, und der eine von ihnen, der in allem bewanderter war, sagte zu mir:
„Nein, Herr Unterleutnant: Das wird für Sie zu verlustreich sein. Für den Kauf so vieler Bücher, wie Sie zum Lesen brauchen, wird Ihnen bald das Geld nicht reichen, und Sie werden nur Ihr Geld ausgeben, aber keinen weiteren Nutzen davon haben!“
„Warum denn?“, fragte ich ihn verwundert.
„Weil“, antwortete er, „es bei uns in den Läden eine ungeheure Menge Bücher gibt, darunter aber nicht so viele gute wie schlechte und zu nichts taugliche. Alle können Sie unmöglich aufkaufen, also werden Sie sie nach Auswahl kaufen. Die Auswahl unter ihnen ist aber sehr schwer, und man kann sich darin immer leicht irren und solche kaufen, die nichts wert sind und die man hinterher wegwerfen muss, wie es Ihnen gewiss auch jetzt ergangen ist. Bitte erlauben Sie mir, sie durchzusehen.“
„Sehr gern, bitte, mein Lieber“, sagte ich und ließ ihn sie durchgehen, wie er wollte.
Mein Deutscher setzte sich und begann sofort, sie auf seine Weise durchzugehen und durchzusehen. Er las nicht nur die Titel, sondern bei den ihm unbekannten auch die Vorreden selbst und jeweils einige Seiten vom Inhalt und legte alles auf verschiedene Häufchen. Ich sah ihn an, ohne die Augen von ihm zu wenden, und wartete ungeduldig, was er schließlich sagen würde. Doch wie bestürzt war ich, als er, nachdem er alles durchgesehen hatte, das allerkleinste Häufchen nahm und zu mir sagte:
„Diese hier sind ordentlich, und das Geld dafür ist nicht verloren; diese aber“, sagte er und zeigte mir auf ein anderes Häufchen, „sind weder Fisch noch Fleisch und nicht mehr wert, als einmal gelesen zu werden. Diese hier“, sagte er und reichte mir ein drittes Häufchen, „sind mir unbekannt, und obwohl ich nicht sicher über sie urteilen kann, zweifle ich doch nicht daran und glaube nicht, dass auch in ihnen viel Gutes steckt. Was aber diese betrifft“, sagte er zu mir und wies auf den größten Stapel, „so hätte man diese alle besser gar nicht gekauft: Sie sind alle nichts wert, und das Geld dafür ist geradezu verloren.“
„Nein, ist das wahr“, fragte ich verwundert, „was Sie da sagen?“
„Gewiss doch!“, antwortete er. „Ich kenne sie alle, und ich werde Sie nicht betrügen.“
„Ach, welch ein Unglück, und was habe ich da getan!“, rief ich ganz betrübt aus.
„Ja!“, sagte mein Deutscher. „Sie haben sich ein wenig übereilt; man hätte vorsichtiger sein und nicht auf einmal eine solche Menge kaufen sollen. Kaufen hätten Sie auch dann noch können, wenn Sie ein solches Buch gelesen oder wirklich erfahren hätten, dass es gut ist.“
Im Sinne von: den Inhalt, das Werk selbst.
„Aber erbarm dich, mein Lieber“, sagte ich, „wie soll man sie kennen und wann soll man sie hier lesen? Es gibt ihrer eine solche Unmenge, dass ich gar nicht wusste, welches ich mir davon ansehen sollte, und kaum Zeit hatte, auch nur die Titel {Titelblätter – die ersten Blätter, auf denen der Verfasser und der Titel des Buches stehen.} zu lesen.“
„Gerade diese Titel“, antwortete mir der Deutsche, „haben Sie, mein Herr, betrogen. Nach ihnen erkennt man gute Bücher am allerschwersten, und gerade auf sie darf man sich niemals verlassen.“
„Wie macht man es denn besser“, fragte ich, „und wodurch könnte man einen Fehler vermeiden?“
„Durch vorheriges Durchlesen“, antwortete er, „so wie ich vorhin sagte; doch es gibt dafür auch noch ein anderes Mittel. Unter den käuflichen Büchern gibt es einige besondere Büchlein, die Ratschläge für junge Leute enthalten, die Bibliotheken anlegen wollen; darin wird eine kurze und vernünftige Kritik über Bücher jeder Art mitgeteilt, und es werden Ratschläge gegeben, welche man aus jeder Klasse am besten wählen und welche man dagegen meiden soll. Mit einem solchen Büchlein hätten Sie sich vorher versehen sollen und, nachdem Sie durch dieses wenn auch nur flüchtig die besten Autoren und Werke kennengelernt hätten, gleichsam nach Vorschrift verfahren und solche wählen sollen, die von den gelehrten Verfassern dieser Büchlein am meisten empfohlen werden.“
„Ach, wie schade“, sagte ich, „dass ich das nicht wusste und dass Sie mir das nicht früher gesagt haben. Ich hätte wahrhaftig nicht solchen Unsinn gekauft, aber was soll ich jetzt mit einer solchen Menge machen? …“
Nachdem ich über meine Unvorsichtigkeit getrauert und mich gegrämt hatte, fragte ich schließlich meinen Deutschen, ob er mir nicht ein solches Büchlein verschaffen könne, von dem er eben gesprochen hatte.
„Gern“, antwortete er, „und wenn es Ihnen recht ist, gehe ich sofort in den Laden und frage, ob es jenes gibt, das mir besonders bekannt ist.“
„Wie sehr würden Sie mich verpflichten“, sagte ich, „und ich wäre Ihnen dafür über die Maßen dankbar.“
„Woran soll es liegen?“, fiel mein Deutscher ein. „Ich gehe sofort. Doch warten Sie, Herr Unterleutnant“, fuhr er fort und griff nach seinem Hut, „sollte ich nicht versuchen, Ihnen noch einen anderen Dienst zu erweisen? Diese Bücher“, sagte er und wies auf den großen Stapel, „taugen für Sie wirklich nicht im Geringsten. Erlauben Sie mir nicht, sie mitzunehmen? Ich will versuchen, ob es mir gelingt, sie dem Buchhändler wieder anzudrehen und dafür entweder Ihr Geld zurückzubekommen oder ihn zu überzeugen, dass Sie stattdessen später andere bei ihm kaufen werden, und er Ihnen bis dahin etwas schuldig bliebe. Sind Sie damit einverstanden?“
„Ach, mein Freund!“, rief ich aus. „Wie könnte ich nicht einverstanden sein; Sie würden mich damit unendlich verpflichten.“
„Gut, Herr Unterleutnant, wir werden sehen und alles tun, was nur möglich ist.“
Nachdem er dies gesagt hatte, packte er meinen Bücherstapel und lief in den Laden.
Meine Freude war damals sehr groß, und die Ungeduld, mit der ich seine Rückkehr erwartete, noch größer. Ich ging fast nicht vom Fenster weg, sondern schaute immer wieder hinaus, ob er nicht zurückkomme und nicht alle meine Bücher wieder mit sich bringe.
Doch mit seiner Rückkehr ließ er irgendwie auf sich warten. Das wunderte mich und steigerte meine Ungeduld noch mehr.
„Was ist das für ein Wunder“, sagte ich, „er hätte längst zurück sein müssen: Der Laden ist nicht weit. Ist etwa der Buchhändler nicht zu Hause, oder redet er ihm zu und kann ihn nicht überreden? Ist er etwa irgendwo eingekehrt?“
Doch schon war eine Stunde vergangen, und die zweite begann, aber er war immer noch nicht zu sehen.
„Herr, erbarme dich!“, dachte ich. „Das ist schon eine ganz unbegreifliche Sache, und gewiss hat ihn etwas Besonderes aufgehalten.“
Doch gerade in dem Augenblick, als ich, so mit mir selbst überlegend, aus dem Fenster schaute, sehe ich hin – da steht er in der Tür.
„Ei, ei, ei!“, rief ich. „Wo kommen Sie denn her? Und wie sind Sie gekommen, dass ich Sie nicht erblicken konnte? Ich habe die ganze Zeit auf die Straße geschaut, von der Sie kommen mussten.“
„Ich war auf ein Stündchen an einem anderen Ort“, sagte er, „und bin schon von der anderen Seite gekommen.“
„Nun, wie steht es, mein Freund“, fiel ich ein und begann ihn auszufragen, „haben Sie jenes Büchlein bekommen?“
„Hier ist es“, antwortete er, zog es aus der Tasche und reichte es mir.
„Und meine Bücher?“
„Sie sehen, dass ich sie nicht bei mir habe.“
„Gewiss sind Sie auch die losgeworden?“
— Ganz recht.
— Und der Buchhändler? Er hat sich gewiss gesträubt und wollte sie nicht zurücknehmen?
— Nicht ganz ohne das; aber ich habe ihn überredet und ihm geschmeichelt. Er ist bei uns ein gutmütiger und umgänglicher Mann. Ich erzählte ihm einiges von Ihnen und von Ihrer Liebe zu den Büchern, sodass er schließlich einwilligte.
— Ach, mein Freund, wie sehr hast du mich verpflichtet! Aber wie seid ihr nun verblieben, was ist abgemacht: Bleibt er mir etwa etwas schuldig?
— Keineswegs, er war so entgegenkommend, dass er auch das Geld herausgab.
— Ist das wahr?
— Gewiss, hier ist Ihr Geld.
— Nun, danke, wahrhaftig, danke! — sagte ich, indem ich das dargereichte Geld von ihm entgegennahm und mich unbeschreiblich freute, dass er es zurückerlangt hatte.
— Werden Sie mir aber nicht zürnen, — fiel er ein, — dass ich mir die Freiheit genommen und von Ihrem Geld etwa drei Taler für meinen eigenen Bedarf ausgegeben habe? Ich gebe sie Ihnen zurück, sobald es Ihnen beliebt.
— Mein Bester, — antwortete ich ihm, — und hättest du es auch ganz ausgegeben, ich hätte kein Wort gesagt! Sie haben noch ganz anderes für mich getan, und Ihnen kann man auch mehr anvertrauen.
Und in der Tat war ich so zufrieden mit ihm, dass ich bereit gewesen wäre, ihm auch das letzte Geld zu geben, hätte er es damals von mir verlangt. Doch er brauchte es nicht, sondern dankte mir für mein Vertrauen und sagte weiter:
— Da Sie mir so gewogen sind, muss ich Ihnen dafür noch etwas Hübsches sagen.
— Was denn, lieber Freund? — fragte ich verwundert.
— Nun dies, — sagte er, — als ich aus dem Laden hierher zurückging, kam mir etwas Besonderes in den Sinn. Bücher, dachte ich, kaufen Sie doch nicht, um sich eine große Bibliothek anzulegen — denn wohin sollten Sie mit ihr? —, sondern nur, um sie zu lesen.
— Freilich, — antwortete ich.
— Sollte ich Sie also nicht ganz vom Kauf der Bücher befreien oder wenigstens davor bewahren, eine Menge Geld dafür zu verlieren, und dabei dennoch Ihre Leselust befriedigen?
— Ja, wie wäre das möglich? — fragte ich verwundert.
— Die Möglichkeit dazu gibt es tatsächlich, es fragt sich nur, ob es Ihr Wille sein wird. Es gibt hier bei uns ein Haus, dessen Besitzer eine überaus große Menge der besten Bücher aller Art hält und sie jedem zu lesen gibt, der will, und zwar solche, wie sie jedem belieben, und dafür nimmt er von den Lesern nur ein ganz kleines Entgelt.
— Was sagen Sie da? — rief ich aus. — Ist das wahr?
— Ganz recht, — antwortete er, — und das Entgelt ist gering, nicht mehr als einen unserer Groschen, nach Ihrem Geld eine Kopeke am Tag. Wollen Sie sich dieses Mittels nicht bedienen? Bei uns lesen sehr viele auf diese Weise.
— Mein Bester! Ich wäre bereit, nicht nur eine, sondern sogar drei Kopeken am Tag zu zahlen, könnte ich nur einen solchen Vorteil genießen; aber zu ihm hingehen, um dort zu lesen, dazu fehlt mir, wie Sie selbst wissen, die Zeit.
— Auch das ist nicht nötig, — antwortete er. — Er gibt jedem die Bücher mit nach Hause; und zur Vorsicht, damit sie nicht verloren gehen, nimmt er nur ganz zu Anfang einige Taler als Pfand, die er aber später zurückgibt, sobald jemand zu lesen aufhört.
— Das ist ja noch besser, — rief ich mit größtem Vergnügen aus, — und wie froh wäre ich, wenn ich mit diesem Mann bekannt werden könnte.
— Woran liegt es denn? — antwortete er. — Wir machen Sie sogleich mit ihm bekannt. Ich weiß, wo er wohnt.
— Mein Bester! — rief ich und machte ihm eine tiefe Verbeugung. — Ich wäre bereit, mich dir zu Füßen zu werfen, wenn du mir diese Gefälligkeit erwiesest: Du würdest mich damit auf ewig verpflichten. Könnte ich nicht gleich jetzt mit Ihnen hingehen?
Er wunderte sich über meine Ungeduld und sagte lachend zu mir:
— Schon gut, schon gut, Herr Unterleutnant, wenn Sie es so sehr wünschen, dann brauchen Sie sich gar nicht zu bemühen und hinzugehen. Auch das will ich Ihnen ersparen: Die Sache ist schon erledigt. Ich habe, ohne zu zweifeln, dass es Ihnen recht sein werde, ihn bereits aufgesucht und alles abgemacht.
— Wie? — fragte ich und sprang vor Freude sogar auf. — Ist es möglich?
— Ganz recht, — antwortete er, — und zum Beweis dafür hier seine Quittung über das als Pfand erhaltene besagte Geld. Die drei Taler habe ich nicht für mich, sondern dafür verwendet.
— Ist das wahr? Ach, wie sehr haben Sie mich verpflichtet! — sagte ich und machte ihm eine tiefe Verbeugung.
— Und hier, — fuhr er fort und zog ein Heftchen aus dem Busen, — ist auch das gedruckte Verzeichnis aller seiner Bücher: Sie brauchen nur beliebige darin anzustreichen und mit einem Zettel nach den Büchern zu ihm zu schicken, so wird er sie Ihnen schicken. Für den ersten Monat habe ich ihm die 30 Groschen schon bezahlt.
Mein Gott, wie freute ich mich damals über all das! Ich war mit dem Verhalten meines Deutschen so zufrieden, dass ich ihm um den Hals fiel, ihn sogar abküsste und nicht Worte genug finden konnte, ihm meine Dankbarkeit zu bezeugen. Wahrhaftig, hätte mir damals jemand etwas Wertvolles geschenkt, so wären meine Freude und Dankbarkeit nicht so groß gewesen wie zu jener Zeit. Und da sich dies unverhofft gerade an meinem Geburtstag zutrug, blieb mir dieser Tag lange im Gedächtnis, und ich erinnere mich nicht, ihn je mit solchem Vergnügen verbracht zu haben wie damals. Doch darüber kann man sich nicht wundern: Denn es wurde damals eine meiner allergrößten Neigungen befriedigt, und zwar nicht durch eines allein, sondern durch vieles, denn auch von gekauften Büchern blieb mir noch eine Menge, und unverhofft hatte ich eine Gelegenheit erhalten, wie sie sich mein Herz nur wünschen konnte. Mit einem Wort, ich kann Ihnen nicht schildern, wie zufrieden ich mit diesem ganzen Vorfall war und in welchem Vergnügen ich jenen Abend und den größten Teil der Nacht verbrachte, als ich in mein Quartier zurückgekehrt war und meine Bücher und das erhaltene Verzeichnis las und durchblätterte.
Doch ich habe mich schon so verplaudert, dass ich vergessen habe, dass es längst Zeit ist, den Brief zu beenden und Ihnen zu sagen, dass ich Ihr usw. bin.
VERGNÜGUNGEN UND ZERSTREUUNGEN
69. Brief
Lieber Freund! Sie haben, denke ich, schon vorausgeahnt, dass ich diesen Brief mit der Erzählung beginnen werde, wie ich den im letzten Brief erwähnten unverhofften Vorteil zu nutzen begann. Sie haben sich darin auch nicht getäuscht, und ich halte es tatsächlich für nötig, Ihnen davon zu berichten. Dieser Zeitpunkt war in meinem Leben besonderer Beachtung wert. Ich ging damals in mein einundzwanzigstes Lebensjahr, und von eben dieser Zeit an begann mein eigentliches Bücherlesen, das mir später so großen Nutzen bringen sollte. Bis dahin hatte ich zwar auch Bücher gelesen, aber all mein Lesen geschah nur bruchstückweise und hin und wieder, zwischendurch; von dieser Zeit an aber setzte ich mich, sozusagen, ernstlich hin und begann fast ohne Unterlass und ohne mich vom Fleck zu rühren zu lesen. Die damalige herbstliche und trübe Zeit, die begonnenen langen Abende, das tägliche Sitzen in der Kanzlei bis gegen zehn Uhr abends, die viele von Geschäften und Übersetzungen übrig bleibende freie Zeit, der Umstand, dass ich für die Bücher, wenn auch wenig, Geld bezahlte, und es nicht umsonst verlieren wollte, sondern im Gegenteil den Wunsch hatte, diese ersehnte Gelegenheit so viel wie möglich zu nutzen und möglichst viele Bücher zu lesen, und schließlich auch der so wissenswerte und angenehme Stoff jener Bücher, die ich zuerst las, — das alles war die Ursache, dass ich fast keine Minute freier Zeit verlor, sondern sie ganz auf das Lesen verwandte.
Nun will ich Ihnen erzählen, welche Art Bücher ich damals am meisten las. Durch das erwähnte Büchlein, das mir mein Kamerad gekauft hatte, erfuhr ich zwar von allen besten Büchern und Werken in allen Fächern der deutschen Literatur, und obwohl ich beim Durchlesen meines Katalogs zu meiner besonderen Freude fand, dass viele davon auch bei jenem Königsberger Einwohner vorhanden waren, bei dem ich schon am nächsten Tag begann, Bücher zu meiner Nahrung zu entleihen, — so blieb ich doch nicht dabei allein stehen, sondern bat denselben Deutschen, meinen Kameraden, der mir diese Gelegenheit verschafft und es auf sich genommen hatte, einen unserer Kanzleisoldaten dorthin zu führen, den ich stets nach den Büchern zu schicken beschlossen hatte, dass auch er mir seinerseits rate, welche ich zuerst am besten lesen sollte, und diese im Katalog bezeichne. Er tat dies bereitwillig, bezeichnete alle, die ihm bekannt und besser als die übrigen waren, sagte mir seine Meinung über deren Güte und riet mir, mit dem Lesen der besten deutschen Romanschriftsteller den Anfang zu machen. Er sagte, dass ich dadurch nicht nur ihre Bücher flinker lesen lernen und ihre Sprache vollkommener kennenlernen, sondern auch am ehesten Lust zum weiteren Lesen bekommen würde.
Und überdies könne ich die damalige trübe Zeit, besonders an den Abenden, fröhlicher verbringen, denn da sie spannend seien, könnten sie meine ganze Aufmerksamkeit leichter fesseln und mich die Langeweile weniger fühlen lassen als Bücher anderer Art.
Diesem Vorschlag stimmte ich umso bereitwilliger zu, als er auch meinen eigenen Neigungen entsprach. Mein "Cleveland" und einige andere Romane, die ich bis dahin gelesen hatte, hatten mir längst den Geschmack an ihnen eingeflößt, und ich las stets mit besonderem Vergnügen Bücher, die etwas Geschichtliches enthielten.
Und da jener Preuße eine überaus große Menge Romane besaß, darunter auch alle besten und berühmtesten, stürzte ich mich in deren Lektüre und betrieb sie mit solchem Fleiß und Eifer, dass ich nicht einmal Müdigkeit kannte. Mein Soldat musste alle Augenblicke nach Büchern gehen, und bald kam es so weit, dass nicht nur die Deutschen, meine Kameraden, sondern auch der Besitzer der Bücher selbst sich nicht genug über mein schnelles Durchlesen wundern konnte und schließlich so viel Vertrauen zu mir fasste, dass er sich nicht scheute, mir schon ganze Dutzend auf einmal zu schicken, weit mehr, als mein ganzes Pfand wert war. Doch muss ich sagen, dass auch ich selbst mich stets bemühte, meinen Kredit zu wahren, und ihm seine Bücher nicht nur immer unversehrt und ordentlich zurückgab, sondern sie auch hütete wie meine eigenen, damit sie nicht etwa verloren gingen, und das war ihm besonders angenehm. Ich aber hatte davon den Vorteil, dass ich aus der Menge der geschickten Bücher eine Auswahl treffen und jene lesen konnte, die besser als die übrigen waren und mir mehr gefielen, und die übrigen, die mir nicht so gut und meiner Lektüre unwürdig schienen, liegen lassen konnte.
Mit solchem ununterbrochenen Lesen von lauter Romanen verbrachte ich nicht nur jenen ganzen Herbst, sondern auch den ganzen Winter und sogar den größten Teil des folgenden Sommers, und ihr Stoff wurde mir nicht nur nicht überdrüssig, sondern wurde mit jedem Tag noch angenehmer und machte mir in der Tat von Stunde zu Stunde mehr Lust zum Lesen. Ich las ihrer damals eine überaus große Menge, und von allen besten und berühmtesten Romanen jener Zeit blieb fast keiner übrig, der nicht in meinen Händen gewesen und von mir von Anfang bis Ende gelesen worden wäre.
Nach dem üblichen Vorwurf gegen die Romane, ihre Lektüre bringe nicht so viel Nutzen wie Schaden und sie könnten jungen Leuten nicht selten als Gift gelten, könnte man meinen, sie hätten auch bei mir eine ähnliche Wirkung hervorgebracht; ich aber sage feierlich von mir, dass sie mir nichts Übles getan haben. Wie viele ich ihrer auch las, so bemerkte ich von all diesem Lesen weder damals noch später irgendwelche schlimmen und nachteiligen Folgen für mich: Meine Gedanken wurden durch sie nicht verdorben und mein Herz nicht verderbt, ich wurde durch sie zu keinen schlechten Taten verführt und nicht in Laster und ein liederliches Leben hineingezogen; im Gegenteil, ihre Lektüre brachte mir unzählige Vorteile und Nutzen.
Mein Verstand füllte sich mit einer Menge neuer Kenntnisse, wie er sie bis dahin nicht besessen hatte, und mein Herz mit zarten und edlen Empfindungen, die geeignet waren, mich nicht zu den Lastern und schlechten Taten hinzuneigen, sondern von ihnen abzuwenden, denen ich leicht hätte verfallen können.
Mit einem Wort, ich kann mich keineswegs über sie beklagen und sie meinerseits schädlicher Folgen beschuldigen, sondern bin ihnen vielmehr für vieles Gute sehr verbunden.
Vielleicht rührte dies daher, dass mir durch ein besonderes Glück von Anfang an Romane der besten Art in die Hände fielen, von guten und berühmten Verfassern mit Geschmack geschrieben, solche, in denen die Schönheit der Tugenden und des guten Betragens und die Abscheulichkeit der Laster und des schlechten Lebens mit den lebhaftesten und fesselndsten Farben dargestellt waren; denn da ich, nachdem ich mich anfangs an ihnen satt gelesen, einen guten Geschmack an Romanen gelernt hatte, war ich schon imstande, zwischen schlechten und guten eine Auswahl zu treffen, und konnte umso weniger später durch die schlechten verdorben werden, die mir hin und wieder in die Hände fielen, sondern sie leichter verachten und meiner Lektüre nicht würdigen. Und viel hat dazu vielleicht auch die vorhergehende Verfassung und Beschaffenheit meines Herzens beigetragen, das von Kindheit an mehr Neigung zum Guten als zum Schlechten und schon einen guten Grund zur Liebe der Tugend hatte.
Wie dem aber auch sei, das erwähnte Romanlesen brachte mir mannigfaltigen Nutzen. Als den hauptsächlichsten kann man den ansehen, dass ich durch das viele Lesen in der deutschen Sprache unvergleichlich kundiger und vollkommener wurde. Nicht nur wurden mir dabei ganze Tausende von Wörtern und Redewendungen, die ich bis dahin gar nicht gekannt hatte, beiläufig und ohne jedes Auswendiglernen bekannt und verständlich, sondern ich lernte auch zum Teil den Geschmack am Stil der deutschen Werke selbst, erkannte dessen Anmut und Schönheit und bereitete mich durch all das unmerklich zum leichteren Verständnis und bereitwilligeren Lesen anderer und nützlicherer Werke vor. Als zweiten und nicht minder wichtigen Nutzen, den ich aus diesem Lesen zog, kann man den ansehen, dass ich, indem ich die geschilderten Begebenheiten in allen Staaten und in allen Weltgegenden las, unmerklich mit ihnen allen viel näher bekannt wurde, besonders mit den vornehmsten Städten der Welt. Ich lernte die verschiedenen Sitten und Gebräuche der Völker kennen und erhielt einen hinlänglichen Begriff davon und von allem, was es in allen Staaten Gutes und Schlechtes gibt, wie die Menschen in diesem und jenem Staat leben und was bei ihnen dort üblich ist. Dies ersetzte mir sehr vieles von einem eigenen Lesen geographischer Bücher und machte mich in dieser Hinsicht weit kundiger. Einen nicht geringeren Begriff erhielt ich auch von der Lebensart der Menschen verschiedenen Standes, angefangen von den Herrschern der Erde bis hinab zu den Leuten des allerniedrigsten Standes. Das alltägliche, weltliche Leben selbst in allen seinen verschiedenen Gestalten und Zuständen und überhaupt die ganze Welt wurde mir viel vertrauter als zuvor, und ich erhielt von vielem einen klareren Begriff, wovon ich bis dahin nur einen schwachen und unvollkommenen gehabt hatte. Was mein Herz betrifft, so füllte es sich durch das viele Lesen mit so zarten und besonderen Empfindungen, dass ich merklich eine große Veränderung in mir spürte und mich gleichsam ganz wie neugeboren fühlte.
Ich begann alle Begebenheiten in der Welt mit keinen anderen als mit sittsameren Augen anzusehen, und all das flößte mir einen gewissen Abscheu vor rohem und gemeinem Umgang und vor der Gesellschaft lasterhafter Menschen ein und zog mich von Stunde zu Stunde mehr von der Gesellschaft mit ihnen ab.
Endlich erwuchs daraus der Nutzen, dass ich, da meine ganze freie Zeit größtenteils allein vom Lesen ausgefüllt war, dadurch nicht nur niemals müßig war, sondern mich außer den Dienstgeschäften auch mit keinen anderen Dingen beschäftigte, die mich leicht von meinen nützlichen Beschäftigungen hätten abziehen und zu irgendwelchen Verirrungen verleiten können. Was aber das Vergnügen betrifft, das mir dieses Romanlesen bereitete, so weiß ich nicht, womit ich es vergleichen und wie ich es Ihnen schildern soll. Es genügt, wenn ich sage, dass es ununterbrochen und so groß war, dass ich bis heute jene Zeit nicht vergessen kann und wie angenehm und vergnüglich sie für mich war. Ich erinnere mich noch heute, wie ich mich nicht nur während des Lesens vergnügte, wenn ich die langen Abende ohne jede Langeweile durchsaß, sondern mein Kopf war so voll von den gelesenen Erzählungen und Abenteuern, dass sie mir selbst während des langweiligsten nächtlichen Heimwegs von der Kanzlei ins Quartier nicht aus dem Sinn gingen, und ich mich mit ihnen auch auf diesen langweiligen Wanderungen in Gedanken nicht weniger beschäftigte und ergötzte als während des Lesens, und dadurch weder die Mühe noch den Verdruss fühlte, die mit dem Gehen auf dem schmutzigen und glitschigen Pflaster verbunden waren.
Doch genug von meinem damaligen Lesen; ich muss Ihnen auch noch von einer anderen Beschäftigung erzählen, der ich mich zeitweise widmete und die zwar allein das Vergnügen zum Gegenstand hatte, aber gleichfalls unschuldig und erlaubt war. Sie bestand in nichts anderem als im Tanzen, oder vielmehr im Erlernen dieser Kunst. Sie werden sich darüber zweifellos wundern und dies für eine Sache halten, die mit meiner damaligen übrigen Gemütsverfassung keineswegs übereinstimmte; doch war es tatsächlich so, und ich wurde dazu teils durch meine Neigung zu dieser Beschäftigung von Kindheit an bewogen, teils durch die Bälle, die bei unserem General hin und wieder stattfanden, und die Tänze darauf. Jedes Mal, wenn ich sie zu sehen bekam, betrachtete ich sie mit Entzücken und ärgerte mich jedes Mal innerlich, warum ich nicht selbst daran teilnehmen konnte. Doch die Niedrigkeit meines Ranges, meine angeborene Schüchternheit und Zaghaftigkeit und vor allem meine Unfähigkeit zu tanzen erlaubten mir nicht einmal zu denken, dass ich jemals an diesem Vergnügen teilhaben könnte; denn obwohl ich als Kind zuweilen getanzt hatte, so hatten doch, da ich diese Kunst nie gelernt hatte, alle meine damaligen Tänze nichts zu bedeuten. Da es sich aber seither nie mehr ergeben hatte, dass ich tanzte, hielt ich mich damals für ganz unfähig dazu und begnügte mich daher allein mit dem Zusehen, wie andere tanzen, und mit dem Beobachten aller ihrer Bewegungen und Wendungen, um, ins Quartier zurückgekehrt, mir diese Kunst wenigstens als Autodidakt einigermaßen anzueignen. Das tat ich auch tatsächlich in müßigen Stunden zuweilen und lernte, Menuette vor mich hin trällernd {Menuette summend.}, die Pas und andere Wendungen zu machen.
Und da diese Kunst nicht so schwierig war, dass man sie sich nicht hätte abschauen können, so hatte ich sie nach einiger Zeit so fest eingeübt, dass ich es im Notfall hätte wagen können, auch vor Publikum zu tanzen, und mir fehlte dazu nur eine passende Gelegenheit.
Kaum war ich so weit gekommen, als sich unverhofft auch die ersehnte Gelegenheit dazu einstellte. Derselbe Deutsche, der mich mit den Büchern bekannt gemacht hatte, verschaffte mir auch diese Gelegenheit. Einmal kam er zu uns in die Kanzlei und erzählte, dass in seiner Nachbarschaft an diesem Tag eine jüdische Hochzeit stattfinden werde, und fragte mich, ob ich nicht aus Neugier hingehen und sie mir ansehen wolle.
— Sehr gern, — sagte ich, — ich habe noch nie eine gesehen. Aber wie ließe sich das machen?
— Wenn es Ihnen beliebt, — antwortete mein Deutscher, — so gehen wir zusammen. Ich führe Sie heute Abend dorthin; nur müssen Sie sich ein wenig besser anziehen, denn die Hochzeit wird vornehm und ordentlich sein.
— Gut, — sagte ich, — aber wird es nicht unschicklich sein, dass wir ohne jede Einladung, aus eigenem Antrieb hingehen?
— Ach nein, Herr Unterleutnant! Bei uns ist es so Brauch, dass, sobald jemand eine öffentliche und einigermaßen vornehme Hochzeit auszurichten gedenkt, jeder anständige Mensch frei hingehen darf, und besonders Sie, die Herren Offiziere: Sie haben dazu ein besonderes Recht. Jeder Gastgeber wird Ihnen nicht nur kein einziges Wort sagen, sondern es sich sogar zur Ehre anrechnen; man muss sich nur selbst ordentlich betragen und keine Frechheiten, keinen Lärm, keine Raufereien und andere unanständige Handlungen anfangen.
— Oh, was das betrifft, — sagte ich, — so kann von mir nichts dergleichen ausgehen.
— Das weiß ich und bin davon überzeugt, — antwortete er, — und eben darum schlage ich es Ihnen vor. — Nun, dann ist es gut! — sagte ich. — Führen Sie mich also bitte dann hin und befriedigen Sie meine Neugier.
Nachdem wir uns auf diese Weise verabredet hatten und ich ins Quartier gegangen war, um mir das Haar zu richten und mich besser anzukleiden, holte ich ihn zur verabredeten Stunde ab, und da er mich schon erwartete, gingen wir sogleich mit ihm auf diese Hochzeit. Es war damals schon völlig Nacht, doch er sagte, bei ihnen sei es Brauch, dass Hochzeiten immer nachts stattfinden. Doch wie wunderte ich mich, als er mich zu einem überaus großen steinernen Haus führte, das von einer Menge Lichter erleuchtet war!
— Ist etwa hier die Hochzeit? — fragte ich.
— Eben hier, — antwortete er.
— Was du nicht sagst! — fiel ich stockend ein. — Ist es nicht unschicklich, dass wir ungeladen kommen? Die Hochzeit ist offenbar gewaltig?
— Ach nein! — sagte er. — Gehen Sie nur mutig hinein und fürchten Sie nichts. Ich gehe voran und werde Ihnen als Führer dienen.
Nach diesen Worten ging er geradewegs in den Flur; ich folgte ihm. Kaum waren wir in den Flur getreten, als der Klang einer gewaltigen Musik an meine Ohren schlug.
— Ei, ei, ei! — sagte ich. — Hier gibt es ja sogar Musik.
— Was dachten Sie denn? — antwortete er. — Ohne Musik gibt es bei uns nur die Hochzeiten des gemeinen Volkes; ist es aber nur ein klein wenig vornehmer, dann immer mit Musik.
In ebendiesem Augenblick öffneten sich die Türen, und er zog mich hinter sich her. Der Saal war überaus groß, von einer Menge Kerzen erleuchtet und voll von einer großen Menge Menschen beiderlei Geschlechts.
Ich wunderte mich, als ich sah, dass unter ihnen allen kein einziger Mensch aus dem niedersten Pöbel war, sondern alle ordentlich gekleidet waren und allen Anstand wahrten. Einige von ihnen saßen an den Wänden auf Stühlen, andere gingen umher und unterhielten sich miteinander; andere aber, und zwar die meisten, standen in Gruppen und sahen den Tanzenden zu, die in der Mitte des Saals zu mehreren Paaren ordentlich Menuett tanzten. Alle, die uns begegneten, machten uns Platz und erwiesen uns jede Höflichkeit und Artigkeit. All dies setzte mich durch seine Unerwartetheit unendlich in Erstaunen.
— Was ist das, Bruder, — sagte ich leise zu meinem Kameraden, — wohin hast du mich da geführt? Das sieht ja gar nicht nach einer Hochzeit aus, das ist ein wahrer Ball!
— Was dachten Sie denn? — sagte er. — Bei uns ist es immer so.
— Aber um Himmels willen, — fuhr ich fort, ihn zu fragen, — sag mir doch, wo sind denn Bräutigam und Braut, wann werden sie getraut und wann findet bei ihnen die Hochzeitszeremonie statt?
— Ach, Herr Unterleutnant, — antwortete er, — die sind doch längst schon, schon vorhin, am Mittag und an einem anderen Ort, getraut worden, und was geht uns das an; hier ist nur der Hochzeitsball. Getraut werden sie in ihren Häusern, und dabei sind nur die Verwandten zugegen.
— Ist denn dieses Haus nicht das des Gastgebers? — fragte ich verwundert.
— Ach nein, — antwortete er, — dieses Haus gehört der Stadt und ist öffentlich, und wer Hochzeitsbälle ausrichten will, mietet es nur für den Abend und zahlt dafür an das Rathaus eine fast nichtige Kleinigkeit.
— Nun, mein Herr, — sagte ich, mich von Stunde zu Stunde mehr verwundernd, — dieser Brauch ist bei Ihnen sehr gut, und daher kosten die Hochzeiten den Gastgeber nicht viel.
— Freilich nicht viel, — antwortete er, — denn die ganzen Kosten bestehen im Kauf der Kerzen und in der Bezahlung einer kleinen Summe Geldes an die Musikanten; im Übrigen gibt es hier weder Abendessen noch Bewirtung, und für das Spielen der Musik zahlen eher die Tanzenden selbst.
— Wie das? — fragte ich, noch mehr verwundert.
— Nun, — sagte er, — das werden Sie selbst sehen. Lassen Sie das Menuett zu Ende gehen, und dann, wenn jemand besonders etwas tanzen möchte, lässt er die Musikanten das spielen und gibt ihnen für dieses Vorrecht eine Kleinigkeit, ein paar Groschen, und dann legen sie los und spielen, solange er will.
— Was für ein Wunderding! — sagte ich. — Aber sagen Sie mir bitte, was für Leute tanzen da, und überhaupt alle, die hier sind?
— Leute jeden Ranges und Standes, — antwortete er, — außer nur dem niedersten Pöbel: Es gibt hier Bürger, es gibt gute Handwerker, es gibt Geistliche, es gibt auch gute Kaufleute mit ihren Frauen und Töchtern; und unter den jungen Männern, die da tanzen, gibt es eine Menge Studenten, die an der hiesigen Universität studieren, und darunter auch Kinder aus gutem Adel. Und in früheren Zeiten kamen auch viele unserer Herren Offiziere hierher, und sie waren die besten Tänzer. Mit einem Wort, hier gibt es Leute jeder Sorte, denn jedem ist es erlaubt, diese Feste zu besuchen, und zwar noch dazu so, dass, wenn jemand nicht erkannt sein will, er in Maske und Maskenkleid kommen kann.
— Aber um Himmels willen! — fuhr ich fort, ihn zu fragen. — Wenn hier Leute jeder Sorte sind, bekannte und unbekannte, kann es dann nicht leicht zu allerlei kommen, zum Beispiel zu Streit, Lärm, Ausschreitungen und dergleichen?
— Ach nein! — antwortete er. — Bei uns geschieht so etwas nie und kann auch gar nicht geschehen. Unsere Polizei wacht sehr streng darüber, dass auf diesen Versammlungen nichts dergleichen vorfällt. Gott bewahre, wenn es jemandem einfällt, etwas Unanständiges und Ungehöriges zu unternehmen: Sogleich wird er unter den Armen gepackt, mit Schande hinausgeführt und zur Tür hinausgestoßen, wer er auch sei.
— Das ist wahrhaftig sehr gut! — sagte ich. — Aber bitte, Sie sagten mir, das sei eine jüdische Hochzeit; warum sehe ich denn hier keine Juden?
— Ei, wieso nicht, — antwortete er, — haben Sie sie etwa nicht bemerkt? Es sind ihrer freilich nicht viele, aber es gibt sie: Sehen Sie dort, die, deren Bärte nicht ganz glatt rasiert sind, sondern bei denen ein schmaler Streifen an den Kiefern stehen geblieben und mit der Schere gestutzt ist: Das sind alles Juden, und man kann sie nur daran erkennen; im Übrigen sind sie ebenso gekleidet wie die anderen, denn es kommen von ihnen nur die besten und reichsten hierher.
— Und ihre Frauen? — fragte ich weiter.
— Diese, — sagte er, — kann man durch nichts mehr von den übrigen unterscheiden: Sie kleiden sich ebenso gut wie die anderen. Sehen Sie, erkennen Sie unter diesen Tanzenden die Braut selbst?
— Nein, — sagte ich, nachdem ich alle übrigen gemustert hatte, — sie sind, scheint es, alle gleich gekleidet, und alle recht hübsch.
— Da ist sie, — sagte er und zeigte auf die Braut, — man kann sie nur daran unterscheiden, dass sie ganz in Weiß gekleidet ist und ihr Kopf mit Blumen geschmückt ist. Und das hier ist ihr Bräutigam, — sagte er und zeigte auf einen jungen und recht stattlichen Burschen.
Ich betrachtete damals mit besonderer Neugier diese Neuvermählten und konnte mich nicht genug über ihr ganzes Betragen wundern, das so anständig war, dass ich nie gedacht hätte, dass es Juden seien, hätte man es mir nicht gesagt. Endlich fragte ich meinen Kameraden:
— Aber wo ist denn der Gastgeber selbst? Bitte zeigen Sie ihn mir.
— Gott weiß es, — antwortete er mir, — ich kenne ihn nicht, und ob er hier ist oder nicht, weiß ich wahrhaftig nicht; und wozu muss man das auch wissen? Er ist hier ebenso ein Gast wie alle anderen, und wie er sich um niemanden kümmert, so kümmert sich auch niemand um ihn.
— Das ist komisch und erstaunlich, — sagte ich, — aber, ehrlich gesagt, umso besser und ungezwungener.
In ebendiesem Augenblick endete die Polonaise, die man damals nach dem Menuett tanzte.
— Nun, was kommt jetzt? — sagte ich.
— Gewiss ein Kontertanz! — antwortete mein Kamerad, und er täuschte sich in seiner Meinung nicht.
Wir hörten plötzlich die Stimme eines jungen Mannes, der den Musikanten zurief, sie sollten die "Réjouissance" {Französisch — eigentlich Fröhlichkeit, Fest.} spielen, und ihnen etwas Geld reichte. Kaum hatte er dies ausgesprochen, als im ganzen Saal ein Echo erscholl und eine Menge Stimmen zu rufen begann:
— Réjouissance! Réjouissance!
Und alle jungen Leute begannen sich Partnerinnen zu suchen, forderten junge Frauen auf und rangierten sich {Sich aufstellen, sich ausrichten.} in zwei Reihen. Da mir der Name dieses Kontertanzes recht bekannt war, weil ich ihn mehrmals auf den Bällen beim General hatte tanzen sehen, und er mir so gefallen hatte, dass ich mir sowohl die Melodie als auch die Figur fest eingeprägt hatte, so entbrannte ich damals vor Verlangen, ihn zu tanzen.
"Ach, — dachte ich, — versuchte ich doch, ihn zu tanzen! Vielleicht werde ich mich nicht irren; die Figur ist mir bekannt."
Doch meine Schüchternheit war so groß, dass ich es keineswegs hätte wagen können, hätte mein Kamerad, der bemerkte, dass ich vor Verlangen brannte, mich aber nur nicht traute, nicht zu mir gesagt:
Der Deutsche. — Nun, Herr Unterleutnant, wollen Sie ihnen nicht Gesellschaft leisten?
Ich. — Gott weiß! Ich habe diesen Kontertanz noch nie getanzt! Die Figur ist mir zwar bekannt, aber ich fürchte, mich zu verwirren und durcheinanderzukommen.
Der Deutsche. — Ach, Herr Unterleutnant, wagen Sie es nur, vielleicht kommen Sie nicht durcheinander; und selbst wenn Sie sich verwirrten, wäre das kein großes Unglück, hier sind keine vornehmen Leute, man wird es Ihnen verzeihen. Stellen Sie sich nur ins letzte Paar, dann haben Sie es sich abgeschaut, bis die Reihe an Sie kommt.
Ich. — Soll ich also gehen?
Der Deutsche. — Gehen Sie nur, mein Herr, und fürchten Sie nichts.
Ich. — Aber wo soll ich denn eine Dame hernehmen? Keine einzige ist mir bekannt.
Der Deutsche. — Was tut das! Nehmen Sie eine beliebige, keine wird Ihnen absagen, sondern es sich noch zur Ehre anrechnen, mit Ihnen zu tanzen, wenn sie es nur kann.
Kaum hatte er dies ausgesprochen, als wir ein junges und recht hübsches Mädchen erblickten, das durch den ganzen Saal lief und sich einen Partner suchte, und da sagte mein Begleiter zu mir:
— Nun, was könnte besser sein, sie sucht selbst; gehen Sie und wenden Sie sich an sie.
Mein Mut reichte kaum aus, es zu wagen. Ich trat gerade in dem Augenblick an sie heran, als sie an uns vorüberging, und sagte zu ihr:
— Mademoiselle! Gewiss fehlt Ihnen ein Partner? Belieben Sie nicht mit mir?
— Mit Vergnügen, — antwortete mir das Mädchen, sichtlich erfreut über meine Aufforderung. Sie reichte mir die Hand und wollte mich sogleich zwischen die Paare führen.
— Mademoiselle, — sagte ich und hielt sie ein wenig zurück, — wäre es nicht besser, etwas weiter hinten, denn, ich gestehe Ihnen, ich habe diesen Tanz noch nie getanzt, es sei denn, Sie werden mich verbessern.
— Oh, mein Herr, mit dem größten Vergnügen, — antwortete sie und stellte sich sogleich dort auf, wo ich es wünschte.
Das Herz erbebte in mir, sobald ich mich in die Reihe gestellt hatte, und die Minuten, die ich warten musste, bis die Reihe an mich kam, waren für mich die allerqualvollsten.
Mein ganzer Geist befand sich in großer Verwirrung, und ich stand weder lebendig noch tot da, gleichsam auf wer weiß was wartend. Doch endlich entschied sich mein Los. Man ergriff mich, zog mich mit und ließ mich ebenso laufen, springen und mich drehen, und dieser Augenblick entschied all meinen Zweifel und mein Misstrauen gegen mich selbst. Ich tanzte den ganzen Kontertanz ohne den geringsten Fehler und so ordentlich, dass mein Kamerad mich nicht genug loben konnte. Und von da an brauchte er mich nicht mehr zum Tanzen anzutreiben: Nötig und schwer war mir nur der erste Augenblick, und nachdem ich mich einmal getraut hatte, war ich kaum mehr zu bremsen. Ich ließ keinen einzigen Tanz aus, ohne ihn mit den anderen zu tanzen, und kam so in Eifer, dass mein Kamerad darüber schon fast nicht mehr froh war, sondern sich in eine Ecke setzte und mir nur noch zusah. Am meisten gefiel mir, dass alle Frauen mit besonderer Bereitwilligkeit mit mir tanzten und nicht nur nicht lachten, wenn ich mich in den mir noch unbekannten Kontertänzen anfangs irrte, sondern jede mir mit Vergnügen sagte, wohin ich gehen und was ich tun solle.
Mit einem Wort, dieser Abend war für mich der allerangenehmste meines Lebens. Ich merkte nicht, wie er verging, und vertanzte mich sogar so sehr, dass mein Kamerad schließlich zu mir trat und sagte:
— Es ist schon nach Mitternacht, Herr Unterleutnant! Ist es nicht Zeit, nach Hause zu gehen? Die Neuvermählten sind längst gegangen und verschwunden, und bald werden alle auseinanderfahren.
Da erst kam ich zur Besinnung, dass ich diesen guten Menschen aufgehalten hatte. Ich brachte ihm tausend Entschuldigungen und Danksagungen dafür vor, dass er sich meinetwegen so viel Mühe gemacht hatte, ergriff meinen Hut und ging sogleich mit ihm.
Damit endete damals diese Begebenheit, und damit beende ich auch meinen Brief und sage Ihnen wiederum, dass ich Ihr usw. bin.
70. Brief
Lieber Freund! Der so fröhlich verbrachte Abend hatte mir so viel Vergnügen bereitet, und die Übung im Tanzen hatte mir so gefallen, dass sie mir den ganzen Weg über, als ich damals ins Quartier zurückkehrte, nicht aus dem Sinn gingen. Ich dankte meinem Kameraden beim Abschied noch einmal und war mit seinem Dienst äußerst zufrieden. Zum Tanzen aber war ich so in Eifer gekommen, dass ich im Weitergehen mehr als einmal zu mir selbst sagte: "Nun, wenn es sich noch ein- oder zweimal fügte, dass ich auf dieselbe Weise tanzen könnte, dann wäre ich so weit und könnte getrost auch auf den Bällen beim General selbst tanzen." Dieser mein Wunsch erfüllte sich auch, früher als ich dachte und erwartete. Mein erwähnter Kamerad, der Deutsche, hatte mich am nächsten Tag kaum gesehen, als er lachend sagte:
"Nun, Herr Unterleutnant, Sie sind ein Liebhaber des Tanzes, ein wahrer Liebhaber! Das wusste ich nicht, und hätte ich es gewusst, ich hätte Ihnen längst Gelegenheit dazu verschafft. Belieben Sie nicht, sich noch einmal auf dieselbe Weise mit Tänzen zu vergnügen? Übermorgen ist wieder eine Hochzeit."
— Was sagen Sie! rief ich aus: — Etwa wieder eine solche? — Nicht nur eine solche, sondern eine noch bessere! Hier ganz in der Nähe, im altstädtischen Stadthaus, wird ein wohlhabender Kaufmann heiraten. Und wenn es Ihnen beliebt, führe ich Sie auch dorthin, nur unter der Bedingung, dass ich dort nicht so lange sitzen muss wie gestern, sondern frei weggehen darf, wann ich will.
— Ach! lieber Freund, damit verpflichtest du mich unendlich! Und was Sie betrifft, so gehen Sie, wann Sie wollen, ich kann auch allein bleiben. — "Sehr gut, sagte er: — ich führe Sie auch dorthin; ja, was soll man sagen, wenn Sie nur Lust zum Tanzen haben. Ich werde es Ihnen jedes Mal sagen, sobald ich erfahre, dass irgendwo eine Hochzeit ist. Bei uns finden sie in der jetzigen Herbstzeit sehr häufig statt, und Sie können auf allen sein, wenn Sie nur wollen." — Mein Bester, rief ich, — du verpflichtest mich, bei Gott, so sehr, dass ich wahrhaftig nicht weiß, womit und wie ich dir dafür danken soll!
Herr Pickart (denn so hieß er) hielt tatsächlich sein Wort.
Er führte mich auch auf diese Hochzeit, die in der Tat unvergleichlich besser und in allem vorzüglicher war als die erste; nicht nur war das Haus, in dem sie gefeiert wurde, viel größer, sondern auch die Gesellschaft zahlreicher, und sie bestand aus viel besseren und angeseheneren Leuten.
Mir war auch dort außerordentlich fröhlich zumute; denn da ich schon mutiger war, mischte ich mich sogleich unter die Tanzenden und tanzte bis gegen drei Uhr, sodass ich vor Müdigkeit kaum nach Hause kam und den Rest der Nacht wie ein Toter schlief. Und kaum waren einige Tage vergangen, als ich zu meinem großen Vergnügen durch Herrn Pickart zum dritten Mal Gelegenheit erhielt, auf dieselbe Weise fast die ganze Nacht auf einer Hochzeit durchzutanzen.
Durch diese dreimalige und lange Übung im Tanzen war ich in den Tänzen schon so geübt und gewandt geworden, dass mir alle damals in Königsberg getanzten Tänze verschiedenster Art sehr vertraut wurden und ich sie alle mühelos und fehlerfrei tanzen konnte: Und diese mit so geringer Mühe erworbene neue Kunst kam mir damals sehr gelegen.
Denn kaum war unsere Armee vom Feldzug an die Weichsel zurückgekehrt und hatte sich hier in Kantonnementsquartieren eingerichtet, als sich unsere Stadt mit einer Menge Leute aller Art füllte, die von der Armee hierher kamen. Aus allen Regimentern wurden Kommandos und Offiziere für verschiedene Dinge und Einkäufe geschickt. Viele andere kamen in eigenen Angelegenheiten und blieben hier eine Zeitlang, und unter ihnen waren viele Generale und Brigadiers und andere angesehene Leute. Was aber die Durchreise vieler vornehmer Personen durch unsere Stadt betrifft, teils von der Armee nach Petersburg, teils von dort zur Armee, so war sie fast ununterbrochen; und da sie alle sich gewöhnlich bei uns in der Stadt einige Tage aufhielten, wurde durch all das, ebenso wie durch den Zuzug des preußischen Adels aus den Kreisen in die Stadt für die Winterzeit, unsere ganze Stadt gleichsam belebt; und all dies gab unserem General, der ohnehin ein prächtiges und fröhliches Leben liebte, Anlass, sich bei dieser Gelegenheit in seinem ganzen Glanz zu zeigen. Er ließ keine durchreisende angesehene Person vorüber, ohne sie bei sich aufs Beste zu bewirten. Was aber die Generale betrifft, die zu uns kamen und einige Wochen bei uns in der Stadt wohnten, so verkehrten diese alle fast ständig bei ihm. Es gab keinen Tag, an dem sie ihn nicht besuchten und von ihm nicht auf jede Weise bewirtet und unterhalten wurden; immer wieder gab es bei ihm zahlreiche Gesellschaften und Mittagstafeln. Da nun noch hinzukam, dass er auch mit dem gesamten in der Stadt befindlichen preußischen Adel schon völlig bekannt geworden war und sich dessen Liebe und Achtung erworben hatte, und überdies unser General ungeachtet seiner vorgerückten Jahre die Gewohnheit seiner jungen Jahre und die besondere Neigung zu Liebeshändeln noch nicht abgelegt hatte, und es sich fügte, dass er hier insbesondere von einer Leidenschaft zu einer preußischen Gräfin aus dem Hause Keyserlingk ergriffen wurde, so trieb ihn all dies an, alle nur möglichen Arten von Vergnügungen zu ersinnen und zu erfinden, und daher gab es keinen einzigen Feiertag und Festtag, an dem er nicht allen angesehensten Leuten bei sich ein prächtiges Festmahl und danach einen zahlreichen Ball gab.
Keiner der vornehmen Leute reiste durch unsere Stadt, für den er nicht ebenfalls ein kleines Gelage veranstaltet hätte.
Doch auch damit begnügte er sich noch nicht; sondern da die erwähnte Leidenschaft zur Gräfin Keyserlingk von Stunde zu Stunde wuchs und ihn antrieb, möglichst häufige Gelegenheiten zum Wiedersehen mit ihr zu suchen, so kam es bald so weit, dass außer allen Feiertagen in jeder Woche besondere Tage festgesetzt wurden, an denen entweder bei ihm oder in anderen der angesehensten Häuser Zusammenkünfte und Gesellschaften stattfanden. Und so hatte er fast jeden Tag entweder Gäste, oder er war selbst zu Gast. Da aber keiner der anderen so prächtig und aufwendig leben konnte wie er, so führte er vor allen anderen ein, dass bei ihm jede Woche, außer den gewöhnlichen Zusammenkünften zum Kartenspiel, an einem Tag auch eine allgemeine Gesellschaft und ein Ball stattfand, der gewöhnlich den größten Teil der Nacht dauerte. Mit einem Wort, unsere Stadt wurde zu einer Stätte der Freuden und Lustbarkeiten und inmitten des damaligen Waffenlärms zum einzigen Ort, an dem man Gelegenheit finden konnte, sich zu vergnügen und seine Zeit angenehm zu verbringen; und das darüber verbreitete Gerücht lockte sowohl von der Armee als auch aus allen anderen Orten eine Menge Volk an, und alle jungen Leute strebten dorthin gleichsam wie zu einem Mittelpunkt der Lustbarkeiten.
Urteilen Sie, wie groß unter solchen Umständen mein Vergnügen sein musste, als ich, bei diesem General lebend und auf die erwähnte Weise auf den Geschmack am Tanzen gekommen, jede Woche einmal, manchmal auch mehrmals Gelegenheit hatte, nicht nur den Anblick der Tänze auf den Bällen zu genießen, sondern auch selbst daran teilzunehmen. Denn so wenig ich mir anfangs Hoffnung machen konnte, jemals daran teilzuhaben, so kam es doch bald dahin, dass man mich selbst suchte und dazu nötigte. Zu uns wurde der in der letzten Schlacht von den Unseren gefangen genommene königlich preußische Flügeladjutant Graf Schwerin gebracht. Da er von sehr vornehmer Herkunft war und dazu ein junger, frischer, gewandter, flinker Bursche, ein wahrer Schönling und kluger Kopf, und überdies bis dahin beim König in Gunst gestanden hatte, so wurde er bei uns nicht nur nicht eingesperrt gehalten, sondern ihm wurde von allen die allergrößte Achtung erwiesen. Er lebte bei uns ganz in Freiheit und hatte nur dem Namen nach zwei Bewacher bei sich, ebensolche junge Burschen, ebenso gewandt, flink und schön. Der eine von ihnen war eben jener Orlow, Grigori Grigorjewitsch, der später so berühmt wurde und eine große Rolle in der Welt spielte, der andere sein Vetter, Herr Sinowjew. Beide waren damals noch ganz niedrige Armeeoffiziere, nicht mehr als Leutnants, und beide lebten unzertrennlich beim Grafen Schwerin in einem Quartier und bewachten ihn nicht so sehr, als dass sie ihm Gesellschaft leisteten.
Diese drei Burschen waren damals bei uns die ersten und besten Tänzer auf den Bällen und zogen sowohl durch ihre Schönheit als auch durch ihre Eleganz und ihr gutes Betragen die Blicke aller auf sich.
Ihr freundlicher und besonders angenehmer Umgang erwarb ihnen bei uns allen aufrichtige Achtung und Liebe; doch niemand zeichnete sich darin so aus wie der erwähnte Herr Orlow. Er hatte schon damals in seinem ganzen Charakter so viel Gutes und Anziehendes, dass ihn jeder lieben musste. Zu mir war er ausnehmend freundlich und gewogen; denn da ihr Quartier gerade gegenüber dem Schloss lag und er fast jeden Tag zum Rapport beim General zu uns in die Kanzlei kam, hatten wir bald Gelegenheit, miteinander bekannt zu werden und einander lieb zu gewinnen. Mit einem Wort, binnen kurzer Zeit gewann er mich lieb wie einen leiblichen Bruder und ließ es nie aus, wenn er mich sah, auszurufen: "Ach! Bolotenka, mein Freund! (denn so nannte er mich gewöhnlich) Sei gegrüßt, mein Täubchen!" und mich wie einen Verwandten abzuküssen.
Diese Liebe und die beständigen Freundlichkeiten dieses Mannes mir gegenüber verschafften mir endlich den Vorteil, dass ich an allen Vergnügungen bei unserem General teilnehmen konnte. Ich habe oben schon erwähnt, dass er einer unserer besten und ersten Tänzer und gleichsam die Seele der Bälle war. Denn kaum hatten die Alten den Ball eröffnet und, nachdem sie einige Menuette und Polonaisen getanzt hatten, sich an die Karten gesetzt, als diese Herren auf Bitten des Generals mit den jungen Damen und Fräulein Kontertänze anstimmen und die Fröhlichkeit des Balls die ganze Zeit über, solange er dauerte, aufrechterhalten mussten; doch dies zu tun war für sie nicht so leicht, wie er anfangs gedacht hatte. Es trat ein Umstand ein, der ihnen dabei ein überaus großes Hindernis bereitete, nämlich: Junge Damen und Fräulein gab es bei uns immer eine überaus große Menge; junge Männer aber, die Kontertänze tanzen und sich, wie man sagt, ins volle Vergnügen stürzen konnten, außer ihnen so wenige, dass sie manchmal nicht sechs oder sieben Paare zusammenbringen konnten. Denn obwohl ihnen auch die von der Armee Angereisten Gesellschaft leisteten, die sich auf diesen Bällen einfanden, und nicht selten sogar die jüngeren unter den Generalen, wie zum Beispiel Graf Pjotr Iwanowitsch Panin und Herr Villebois und einige andere; da sie aber nicht immer zugegen waren und ihnen auch nicht ständig Gesellschaft leisten und sich mit ihnen in alles stürzen konnten, so war es eine überaus große Plage mit ihnen, und sie wussten nicht, was sie tun sollten. Anfangs behalfen sie sich eine Zeitlang irgendwie; da aber die Bälle beim General sehr häufig wurden und ihnen schließlich der Mangel an Gefährten lästig wurde, begannen sie unter allen damals in Königsberg befindlichen jungen und dazu fähigen Offizieren Ausschau zu halten und sie auf jede Weise zu bewegen und zu überreden, auf diese Bälle zu kommen.
Bei dieser Gelegenheit richtete Herr Orlow als Allererster seine Aufmerksamkeit auf mich. Er begann sogleich, mich dazu zu überreden, und wie sehr ich mich auch mit meinem Unvermögen herausredete und damit, dass ich den General nicht zu fragen wage und nicht wisse, ob es ihm recht sei, nichts half.
Beim ersten Ball, der danach stattfand, wandte er sich an den General: "Nun, Euer Exzellenz, sagte er zu ihm: — wie Sie wollen, wir haben niemanden zum Tanzen. Belieben Sie nicht, es hier dem Herrn Bolotow zu befehlen? Er könnte Ihnen helfen." — "Gern, mein Lieber! sagte der General: — mit dem größten Vergnügen; aber kann er es denn?" — "Ich denke, dass er es kann, — sagte Orlow, — und wenn er es auch nicht könnte, so bringen wir es ihm sogleich bei, er könnte uns wenigstens die Figur füllen; belieben Sie nur zu befehlen, denn ohne Ihren Befehl traut er sich selbst nicht." — "Ei, warum nicht!" antwortete der General, trat sogleich zu mir und sagte auf die allerfreundlichste Weise: "Mein Freund! Wenn du es nur kannst, so tanze doch nur, was solltest du mich fürchten; du machst mir damit sogar ein großes Vergnügen." An diesem Tag war mir das genug; denn da meine Seele sich das längst gewünscht hatte, flog ich im selben Augenblick mit Herrn Orlow davon und stürzte mich ins volle Vergnügen.
Er wunderte sich über mein Können und konnte mich dafür nicht genug loben; und der General selbst war, als er sah, dass ich ordentlich tanzte und neben ihnen ebenso gut sprang und mich drehte, so zufrieden damit, dass er zu mir trat, mir auf die Schulter klopfte und sagte: "Bravo! bravo! mein Freund! Bitte tanze und komm jedes Mal hierher, wann immer ich einen Ball habe!"
Von da an ließ ich keinen einzigen Ball mehr aus, sondern tanzte, wenn ich hinkam, stets bis zu ihrem Ende, und Gott allein weiß, welch großes und vielfältiges Vergnügen ich dabei empfand. Freilich war es anfangs etwas schwer für mich, mich daran zu gewöhnen: Da ich nie an so vornehmen Gesellschaften teilgenommen hatte und mich damals genötigt sah, mit Prinzessinnen, Gräfinnen und Baroninnen selbst zu tanzen und sogar zu springen und mich zu drehen und nicht selten in einer Reihe mit unseren Generalen mit ihren Ordensbändern und Orden zu stehen, besonders mit dem mir in früheren Zeiten so furchtbaren Herrn Villebois, empfand ich zuweilen eine überaus große Verwirrung, und mir war das Herz gar nicht am rechten Fleck; doch woran kann man sich nicht gewöhnen? Kaum hatte ich mich ein wenig eingewöhnt, als mich nichts mehr anfocht und ich mit ihnen allen mit ebensolchem Vergnügen tanzte wie mit meinesgleichen; und dies trug sehr viel dazu bei, dass ich in den folgenden Jahren meines Lebens stets mutiger mit vornehmen Leuten umging als bis zu jener Zeit. Meine Gewöhnung an das Tanzen und das dabei empfundene Vergnügen waren aber so groß, dass ich, so häufig diese Bälle bei uns auch waren, mich damit noch lange nicht begnügte, sondern auch in der Stadt fast keine Hochzeit ausließ, auf der ich nicht gewesen wäre und ebenfalls getanzt hätte. Doch auf diese ging ich nicht mehr allein, sondern mit einigen anderen Offizieren, mit denen ich durch die Tänze beim General bekannt geworden war, und sie waren uns noch angenehmer als die Bälle selbst, umso mehr, als wir dort schon die ersten Tänzer waren und größere Freiheit genossen als auf den Bällen, weshalb nicht selten auch Orlow selbst der Gesellschaft halber mit uns hinging.
Mit solchen Vergnügungen verbrachten wir damals den ganzen Herbst; und kaum war der Winter gekommen, als unser General uns ein neues Vergnügen verschaffte.
Er ließ aus Berlin eine ganze Truppe Komödianten kommen, und da es bei uns in der Stadt ein fertiges und recht ansehnliches steinernes Theater gab, begannen bei uns Theatervorstellungen. Diese Schauspiele waren für mich noch ganz neu und ungewöhnlich, und da die Komödianten recht gut spielten, fand ich sehr bald auch an ihnen Geschmack, und sie gefielen mir so sehr, dass ich mich daran noch mehr ergötzte als an allem Übrigen, und ich ließ kein einziges Schauspiel aus, ohne dabei zu sein, was ich umso bequemer tun konnte, als sie mich nichts kosteten. Denn da der Theaterunternehmer unsere Kanzlei und eigentlich gerade mich brauchte, schenkte er mir aus Höflichkeit gleich von Anfang an ein sogenanntes Freibillett, das heißt, er gab mir das Privileg, stets unentgeltlich hinzugehen.
Ich kann nicht schildern, zu wie vielen und unzähligen Vergnügungen mir diese Theaterschauspiele Anlass gaben. Der häufige Wechsel der Theatervorstellungen, Komödien, Prologe und Tragödien, die ich nie gesehen hatte, bezauberte mich durch seine Neuheit unendlich. Ich sah sie nicht nur mit überaus großer Gier, sondern auch mit größtmöglicher Aufmerksamkeit an; und von allen Zuschauern würdigten sie gewiss nur sehr wenige mit einer solchen Aufmerksamkeit wie ich. Jedes Mal, wenn ich im Theater gewesen war, war mein ganzer Kopf voll von dem Gesehenen und Gehörten, und ich beschäftigte mich damit den ganzen übrigen Abend.
Doch auch dies alles war noch nicht genug; sondern unser General führte bald danach, um unsere Lustbarkeiten zu vervollkommnen und seinem prächtigen und glanzvollen Leben mehr Glanz zu verleihen, bei sich auch Maskeraden ein. Diese Art Vergnügungen war für mich ebenfalls ganz neu und bis dahin nie gesehen und konnte mich daher nicht weniger erfreuen als die übrigen. Doch anfangs konnte ich daran nicht teilnehmen. Sie begannen zunächst klein und sozusagen im Zimmer, in den Gemächern des Gouverneurs; und da beim dortigen Adel nicht alle Maskenkleider hatten, versammelten sich darauf nur wenige von ihnen. Doch das dauerte nicht lange. Kaum hatte sich die Kunde und das Gerücht verbreitet, dass der General, mit privaten Maskeraden nicht zufrieden, große und öffentliche im Opernhaus zu geben und allen die Erlaubnis zur Teilnahme zu erteilen beabsichtige, als allen der Kopf schwirrte und alle begannen, sich Maskenkleider anfertigen zu lassen. Sogleich wurde eine Menge Masken herbeigeschafft, und bei allen, die daran teilnehmen wollten, kamen verschiedene Einfälle auf. Ich kann nicht schildern, wie überwältigend für mich das erste solche Schauspiel im großen Theatersaal war. Einige hundert verschiedene Masken, von denen eine seltsamer und erstaunlicher war als die andere, die sich plötzlich meinem Blick darboten, brachten ihn in solche Verwirrung, dass ich nicht wusste, welche ich zuerst ansehen und an welcher ich mich mehr erfreuen sollte. Doch keine Maske erschien so schön und reizend wie die mohrische Sklavenmaske, in deren Kleidung Orlow und Sinowjew gekleidet waren. Sie war ganz aus schwarzem Samt genäht und mit rosafarbenen Taftgürteln gegürtet; der Turban war mit Perlen und anderem Schmuck verziert, und beide, gleich gekleidet, waren mit Ketten aus Blech gefesselt.
Da beide von hohem und gleichem Wuchs waren und beide eine schöne Gestalt hatten, kann man nicht schildern, welch guten Anblick sie boten und wie sie die Blicke aller auf sich zogen. Von den Damen aber bot damals die Prinzessin von Holstein-Beck die beste Figur.
Sie hatte besondere Freundschaft mit dem jungen Grafen Schwerin geschlossen und war damals ihm passend und wahrhaft elegant gekleidet. Doch außer diesen zeichneten sich viele andere sowohl durch den Reichtum als auch durch die Besonderheit ihrer Maskenkleider aus.
Ich befand mich diesmal unter den Zuschauern: und dieses Vergnügen gefiel mir so sehr, dass ich mir die Hände zerbiss, mir nicht ebenfalls nach dem Beispiel der anderen ein Maskenkleid gemacht zu haben. Darum war ich, kaum dass ich erfuhr, dass bald eine weitere und noch zahlreichere Maskerade stattfinden werde, nicht mehr so dumm, sondern ließ mir ein prächtiges spanisches Kleid anfertigen. Diese Maskerade war noch besser und unvergleichlich volkreicher als die vorige. Es schien, als hätten alle Königsberger Einwohner den Kopf verloren und als wollten sie alle daran teilnehmen und einander in der Erfindung besonderer Masken und Verzierungen übertreffen. Was für Masken und was für erstaunliche Schauspiele gab es dort nicht alles! Es gab hier nicht nur verschiedene sogenannte Quadrillen; es gab nicht nur Masken, die verschiedene wilde und europäische, alte und neue Völker darstellten; es gab nicht nur Masken, die verschiedene Künstler und Handwerker darstellten, zum Beispiel Müller, Schornsteinfeger, Schmiede und andere dergleichen, sondern auch die leblosen Dinge selbst, wie zum Beispiel Schränke, Pyramiden und anderes dergleichen, mussten eine beseelte Gestalt annehmen und unter den Menschen umhergehen. Man kann nicht schildern, wie uns anfangs diese sich bewegenden und hier zwischen den Menschen umherwandelnden Schränke und Pyramiden in Erstaunen setzten, denn die in ihrem Inneren verborgenen Menschen waren gar nicht zu sehen. Später aber konnten wir darüber nicht genug lachen. Mit einem Wort, diese Maskerade war die allerprächtigste und hatte alle Eigenschaften der besten Maskeraden. Wir verbrachten darauf fast die ganze Nacht in überaus großem Vergnügen und tanzten bis zur Erschöpfung. Herr Orlow war diesmal in die Tracht der altrömischen Senatoren gekleidet, die ihm so gut stand, dass wir, ihn bewundernd, ihm mehrmals sagten: "Du solltest, Bruder, nur ein großer Bojar und Herr sein; kein Kleid steht dir so gut wie dieses." So sprachen wir zu ihm, ohne zu wissen, dass ihm dies tatsächlich widerfahren werde und dass wir es ihm gleichsam prophezeiten.
Mit solchen mannigfaltigen und sehr häufigen Vergnügungen verbrachten wir jenen ganzen Winter, und nie waren sie bei uns so zahlreich wie um den Beginn des Jahres 1759, oder in den Weihnachtstagen. In diesen ganzen zwei Wochen gab es bei uns jeden Tag etwas Neues, das heißt entweder einen Ball oder eine Maskerade oder das Theater oder einfach eine Gesellschaft und so weiter. Und zu all dem kam noch ein weiteres für uns unterhaltsames und ebenfalls neues Schauspiel hinzu. In Königsberg gibt es, wie in vielen anderen europäischen deutschen Städten, jedes Jahr um Weihnachten noch einen sogenannten Christmarkt.
Er beginnt am Heiligen Abend und dauert eine ganze Woche, und das Besondere an ihm ist, dass der Handel nicht tagsüber, sondern nur abends und nachts, bei Lichterschein, betrieben wird.
Der ganze kleine, früher schon erwähnte Platz in der Altstadt wird mit Buden vollgestellt, die mit verschiedenen Waren geschmückt und von einer Menge Kerzen und Laternen erleuchtet sind; und da vor allem mit Kupfergeschirr und Konfekt gehandelt wird, bietet der Glanz der Lichter, der zugleich von dem blanken, überall aufgehängten und auf allen Regalen in den Buden aufgestellten Kupfer- und Zinngeschirr zurückstrahlt, einen recht angenehmen Anblick.
Die ganze Stadt wartet auf diesen Markt gleichsam wie auf ein besonderes Fest, und kaum ist der Vorabend des Christfestes gekommen, als alle besseren Bürger mit all ihren Familien und kleinen Kindern zusammenkommen und den ganzen Abend durch die Reihen dieser Buden spazieren. Sie haben den Brauch, ihren kleinen Kindern an diesem Abend Konfekt und Spielzeug und andere kleine Geschenke zu kaufen und ebensolche den zu Hause Gebliebenen mitzubringen. Und dies ist die Ursache, dass alle kleinen Kinder bei ihnen diesen Tag mit überaus großer Ungeduld erwarten und sich schon im Voraus über die künftigen Geschenke freuen, die sie den Christ nennen.
Auch wir versäumten nicht, diesen Markt an freien Abenden zu besuchen und an der allgemeinen Freude teilzunehmen; und bei diesen Beschäftigungen fand uns auch das Jahr 1759.
Da aber mein Brief schon seine gewöhnliche Länge erreicht hat, so beende ich ihn und sage, dass ich Ihr usw. bin.
71. Brief
Lieber Freund! Während wir auf die erwähnte Weise den ganzen Winter in Königsberg in unzähligen Freuden und Vergnügungen verbrachten, stand unsere Armee in Kantonnementsquartieren, die sie entlang der Weichsel und in den ihr nahen Orten und Dörfern bezogen hatte; und da ihr Oberbefehlshaber, Graf Fermor, um über seine Taten Rechenschaft abzulegen und neue Befehle zu empfangen, nach Petersburg reisen musste, übertrug er während seiner Abwesenheit das Kommando über die ganze Armee dem ältesten der damals bei ihr befindlichen Generale en chef, Frolow-Bagrejew. Wir wunderten uns, als wir davon hörten, denn dieser General, der sein ganzes Leben in Dragonerregimentern gedient hatte und ein hohes Greisenalter erreicht hatte, war eher geeignet, in Ruhe am Ofen zu sitzen, als eine so große Armee zu befehligen, und war so wenig bekannt, dass wir fast nie auch nur seinen Namen gehört hatten. Doch wegen des Umstands, dass er dem Dienstalter nach älter war als alle anderen, konnte man ihn keineswegs übergehen, obgleich er als ganz einfacher Mann nicht die geringsten Fähigkeiten dazu besaß.
Dieser Umstand war die Ursache, dass wir im Laufe dieses Winters inmitten unserer Lustbarkeiten einmal außerordentlich in Unruhe versetzt wurden. Einmal erhielten wir, ohne es zu ahnen oder zu vermuten, die Nachricht, dass in der ganzen Armee ein überaus großer Aufruhr entstanden sei und dass sie sich mitten im Winter anschicke, zum Feldzug aufzubrechen. Wir wussten nicht, was wir davon halten sollten, denn da wir am allerwenigsten an den Krieg und an die Armee dachten, wussten wir nichts davon, was dort, fern von uns, vorging, und schlossen aus der Eile der Vorbereitungen zum Aufbruch auf nichts anderes, als dass der König von Preußen, die Abwesenheit des Generals Fermor nutzend und die Gebrechlichkeit und Schwäche unseres damaligen Befehlshabers kennend, gewiss beschlossen habe, einen überraschenden Angriff auf unsere Armee zu unternehmen; und da wir auf diesen nicht die geringste Hoffnung setzen konnten, fürchteten wir, dass tatsächlich irgendein Unglück daraus folgen würde.
Zur größeren Steigerung unserer Furcht und Besorgnis erhielten wir fast um dieselbe Zeit auch aus Petersburg einen geheimen Befehl, dass auch wir unsererseits die allergrößte Vorsicht walten lassen und, falls von den Königsberger Einwohnern irgendeine Gefahr bemerkt würde, um ihnen Furcht einzujagen, auf alle Häuser Pechkränze oder Teerringe legen und im Falle der äußersten Gefahr die Stadt nicht anders verlassen sollten, als nachdem wir diese angezündet und die ganze Stadt in Asche verwandelt hätten. Ein solcher ungewöhnlicher und furchtbarer Befehl versetzte uns selbst in überaus großen Zweifel und jagte den Königsberger Einwohnern solche Furcht und solches Entsetzen ein, dass sie einige Tage lang alle mit hängenden Köpfen umhergingen und alle Lustbarkeiten und Vergnügungen vergaßen.
Doch zum Glück dauerten diese Furcht und Besorgnis nicht lange. Kaum waren einige Tage vergangen, als wir die Nachricht erhielten, dass in unserer Armee wieder alles zur Ruhe gekommen und still und friedlich geworden sei, und das beruhigte sogleich auch uns.
Später erfuhren wir, dass dies daher kam, dass es dem König von Preußen eingefallen war, einem Truppenkorps zu befehlen, aus Schlesien nach Polen einzurücken. Kaum hatte unser Hof davon Nachricht erhalten, als auch unserer Armee sogleich befohlen wurde, aus ihren Kantonnementsquartieren aufzubrechen und ihm entgegenzuziehen; und die Kunde davon erschreckte die Preußen so, dass sie sogleich wieder aus Polen abzogen und nach Schlesien zurückkehrten, und da legten auch wir die Waffen nieder und kamen wie zuvor zur Ruhe.
Inzwischen war man jedoch an unserem Hof mit unserem vorjährigen Feldzug und den erlittenen Verlusten nicht sehr zufrieden. Es fanden sich viele, die das ganze Verhalten unseres Oberbefehlshabers kritisierten; andere legten alle Schuld auf unser neues Observationskorps; schließlich gab es auch solche, die selbst unsere Artillerie tadelten, besonders die Schuwalowschen Geheimhaubitzen, denen sie eine bei Weitem nicht so gute Wirkung zuschrieben, wie man sie von ihnen erwartet hatte. All diese verschiedenen Reden gaben unserem Hof Anlass, eigens Abgesandte zur Prüfung unserer Artillerie zur Armee zu schicken: Daher wurde dort um diese Zeit im Beisein aller Armeebefehlshaber diese Prüfung vorgenommen. Und da sich zeigte, dass die erwähnten Haubitzen tatsächlich einige Mängel und Unvollkommenheiten hatten, standen sie von da an nicht mehr in solchem Ruhm wie früher, und man begann mehr von den Einhörnern zu sprechen, die um diese Zeit bei uns in Gebrauch kamen.
Im Übrigen wurden im Laufe dieses Winters unsererseits unablässige und große Vorbereitungen zur Wiederaufnahme des Krieges im kommenden Sommer und zu seiner noch nachdrücklicheren Fortsetzung getroffen. Wie sehr sich England durch seine Minister auch bemühte, unseren Hof zur Annahme der Neutralität zu bewegen, so waren doch alle seine Listen und Bemühungen vergeblich. Die mit uns verbündeten Höfe überredeten die Kaiserin, den Krieg nicht nur fortzusetzen, sondern ihn mit viel größerem Nachdruck zu führen als zuvor. Sie flößten ihr ein, dass ihre Ehre selbst es erfordere, die Schmach zu rächen, die sie im vergangenen Sommer erlitten habe, und sie folgte diesen Ratschlägen umso bereitwilliger, als sie selbst den Ruhm der russischen Waffen wiederherstellen wollte, und überdies wäre es schmählich gewesen, ohne Not ihre Eroberungen aufzugeben. Alle Anstrengungen und Bemühungen des Königs von Preußen, dieses Bündnis zu sprengen, waren unwirksam und erfolglos. Gleichwohl wandte er alles an, was er konnte, um dies ins Werk zu setzen, und seine Agenten mussten überall arbeiten und sich mühen. Diesen war es zwar am französischen Hof gelungen, den damals alle Geschäfte lenkenden Kardinal Bernis zu verlocken und ihn so weit zu bringen, dass er mit dem englischen Hof einen Briefwechsel begann, der auf einen Friedensschluss zwischen ihnen abzielte, doch zu ihrem Unglück wurde dies rechtzeitig entdeckt, und es wurden solche Maßnahmen ergriffen, dass dieser Kardinal dadurch selbst seinen Posten verlor. Und der an seine Stelle getretene Duc de Choiseul brachte die Dinge wieder in Ordnung und zerstörte wieder alles, was die Agenten des Königs von Preußen zu tun vermocht hatten. Ebensolchen Misserfolg hatten sie am türkischen Hof, den sie auf alle Weise zu entflammen und zu bewegen suchten, einen Krieg entweder mit den Kaiserlichen oder mit uns zu beginnen und uns dadurch die allergrößte Diversion zu bereiten.
Der König von Preußen sparte nicht mit seinem Schatz und verwandte gewaltige Summen auf die Bestechung der türkischen Minister und auf die Verführung des jungen Sultans selbst.
Doch sein Geld und seine Mühen gingen umsonst verloren. Die kaiserlichen und französischen Minister sparten ihrerseits ebenfalls nicht mit Geschenken, und deren Menge überwog die preußischen. Die Türken hielten es für nützlicher, von beiden Seiten Gewinne zu ziehen und dabei in Frieden und Ruhe zu leben, ohne ihr Vaterland Verlusten und Kriegsgefahren auszusetzen. Was den kaiserlichen Hof betrifft, so war dort für ihn nichts auszurichten, denn da dieser damals die hauptsächlichste Triebfeder des ganzen Krieges war und sich mehr als alle um die Fortsetzung des Krieges bemühte, blieben alle Ränke des Königs von Preußen vergeblich.
All dies bereitete dem König von Preußen große Sorge und flößte ihm große Besorgnis ein, umso mehr, als er auch auf seine einzigen Verbündeten, die Engländer, keine weitere Hoffnung setzen konnte. Zwar wünschte er sehr, dass sie eine starke Flotte in unsere Ostsee schickten und unserem Kronstadt und den livländischen Küsten einen Besuch abstatteten, doch England hatte sich damals so tief in seinen Seekrieg mit den Franzosen in Asien, Afrika und Amerika versenkt und war auf die dort gemachten Eroberungen und die über die Franzosen errungenen Vorteile so begierig geworden, dass es für sich für vorteilhafter hielt, diese fortzusetzen, als sich ohne jede schmeichelnde Hoffnung an leeren und kahlen finnländischen Felsen und Steinen den Kopf einzurennen.
Gleichwohl hatte unser Hof große Besorgnis, dass dieser Besuch von den Engländern erfolgen könnte; und eben dies war die Ursache, dass er sich bemühte, im Voraus ein besonderes Bündnis mit dem schwedischen und dem dänischen Hof zu schließen und zu vereinbaren, zur Abwendung dessen eine vereinigte Flotte im Sund aufzustellen, um den Engländern die Durchfahrt zu verwehren, was im folgenden Sommer auch tatsächlich geschah.
Inzwischen wurde unsere ganze Armee teils durch neu ausgehobene Rekruten, teils durch die im Inneren Russlands verbliebenen alten Truppen ergänzt. Allen diesen wurde befohlen, nach Preußen zu marschieren, und ihre Stellen nahmen neu ausgehobene Rekruten ein. Anstelle der verlorenen Artillerie wurde eine Menge anderer zur Armee gebracht; und da bekannt geworden war, dass der bisherige Befehlshaber der Armee bei ihr nicht beliebt war, wurde beschlossen, auch ihn abzulösen und einen anderen zu wählen. Doch den Beginn des Feldzugs sollte noch derselbe machen, weshalb er im März zur Armee zurückkehrte und alle nötigen Vorbereitungen zum möglichst frühen Beginn des Feldzugs zu treffen begann.
In nicht geringeren Bemühungen und Vorbereitungen übten sich auch unsere übrigen verbündeten Höfe, das heißt der kaiserliche, der französische und der schwedische. Überall fanden große Rüstungen statt, und überall bereitete man sich vor, aufs Neue Menschenblut zu vergießen und von allen Seiten und mit größerem Nachdruck über den König von Preußen herzufallen.
Doch auch dieser blieb inzwischen nicht untätig, und was er mit seinen politischen Ränken nicht erreichen konnte, das ersetzte er durch seine übrigen Bemühungen und Erfindungen.
Und da sein eigener Staat klein war und ihn nicht mit einer hinreichenden Zahl von Menschen zur Ergänzung seiner Armee versorgen konnte, so nutzte er, da er das ganze Kurfürstentum Sachsen in seiner Gewalt hatte, dieses gewaltsam besetzte Fürstentum und holte mit Gewalt eine Menge Rekruten aus ihm. Und damit nicht zufrieden, warb er auch in Polen selbst eine sehr große Menge Leute an; ebenso versorgte er sich mit den nötigen Pferden und mit überall angelegten Magazinen. England, das ihm die Flotte verweigert hatte, versah ihn mit einer hinreichenden Menge Geldes und versprach, ihm wie zuvor mit hannoverschen Truppen zu helfen. Mit einem Wort, auch der König versäumte nicht, alle nötigen Vorbereitungen zum neuen Feldzug zu treffen und sich zur mannhaften Abwehr so vieler Feinde zu rüsten, die ihn von allen Seiten umgaben.
Unter diesen Vorbereitungen aller Seiten zur Fortsetzung des Krieges verging jener ganze Winter. Wir aber lebten inzwischen in Königsberg in Ruhe und Stille und dachten nicht so sehr daran als an unsere Vergnügungen. Doch ungeachtet dessen, wie viel wir uns mit ihnen auch beschäftigten, ließ ich auch von meinen früheren Beschäftigungen nicht ab, sondern verwandte alle freie und von den Kanzleiübersetzungen übrig bleibende Zeit auf ununterbrochenes Bücherlesen. Ich war in meinem Winkel oder an meinem Fenster stets von ihnen umgeben, und niemand fand mich je untätig sitzend oder, wie das Sprichwort sagt, Däumchen drehend und ohne Beschäftigung in der Kanzlei umhergehend. Ich las in dieser Zeit wer weiß wie viele Romane, lernte alle besten davon kennen, und sie gefielen mir so sehr, dass ich zur zeitweiligen Abwechslung in meinen Beschäftigungen beschloss, einen von ihnen sogar ins Russische zu übersetzen. Um mich nicht allzu sehr anzustrengen und mich nicht zu lange mit dieser Übersetzung zu beschäftigen, wählte ich dazu einen kleinen und mir mehr als die anderen lieb gewordenen Roman aus und arbeitete an dieser Übersetzung mit solchem Fleiß, dass ich sie in einigen Wochen ganz beendete. Es war fast das erste Buch, das ich von Anfang bis Ende übersetzte, und das dabei empfundene Vergnügen war so groß, dass ich es sogleich mit besonderem Fleiß ins Reine schrieb und in drei Bänden in einen guten Einband binden ließ. Diese Bücher werden bis heute bei mir unversehrt aufbewahrt und dienen als Denkmal meines damaligen Fleißes. Doch dem Schicksal gefiel es nicht, dass diese Übersetzung gedruckt wurde, denn damals konnte man an ihren Druck gar nicht denken, da alle Bücher bei uns damals nur in der einen Akademie und auf Staatskosten gedruckt wurden. Und später, als andere Druckereien aufkamen und es möglich gewesen wäre, erschien dieses Buch plötzlich im Druck, schon von einem anderen übersetzt — und so blieb meine Übersetzung liegen: Damit war ich jedoch später auch zufrieden, denn sie war eine Anfängerarbeit und nicht so gut, dass sie den Druck verdient hätte.
Bei solchen Beschäftigungen und unter solchen Umständen traf mich der Frühling dieses Jahres an.
Bei seinem Anbruch beunruhigte mich der Oberst unseres Regiments mit seiner Forderung, ich solle zum Regiment zurückkehren; denn da die Armee sich zum Aufbruch in den Feldzug zu sammeln begann und allen Regimentern befohlen wurde, ihre Abwesenden zusammenzuholen, vergaß unser Oberst auch mich nicht und reichte auf dem Dienstweg ein Gesuch ein, dass ich aus Königsberg angefordert werde, und die kommandierenden Generale versäumten nicht, darüber an unseren General zu schreiben.
Man kann nicht genug schildern, wie sehr mich diese Forderung bestürzte. Das Herz erbebte in mir und all mein Blut geriet in Wallung, als unser Sekretär mir dieses Schreiben brachte und, es mir reichend, sagte: "Sieh mal, Bruder, was man über dich schreibt! Man will, dass du in den Feldzug gehst... Nun, pack deine Sachen!" Mit zitternden Händen nahm ich dieses verfluchte Schreiben von ihm entgegen, und meine Augen versagten mir beim Lesen fast den Dienst. Sie erstarrten, und ich verstand kein einziges Wort von dem Gelesenen, so sehr hatte mich diese Unverhofftheit bestürzt. Doch ich war noch nicht aus meiner ersten Bestürzung heraus und hatte noch nicht alles gelesen, als der Sekretär mir das Schreiben wieder aus den Händen riss und, ohne ein weiteres Wort zu sagen, damit ins Richterzimmer eilte und mich mit völlig zerrütteten Gedanken und in einem Zustand zurückließ, den ich keineswegs schildern kann.
Am meisten bekümmerte mich, dass ich damals weder Pferde noch sonst etwas für den Feldzug bereit hatte. Ich war so sehr davon überzeugt, nicht von der Stelle zu kommen, dass ich, nachdem ich die Pferde verkauft hatte und beim Gouverneur einen fertigen Tisch hatte, am allerwenigsten an den Feldzug und daran dachte, mich mit dem nötigen Feldproviant zu versorgen. All dies musste nun auf einmal beschafft und vorbereitet werden, und was das Ärgerlichste war, auch unverzüglich, denn es wurde verlangt, dass ich in größter Eile entlassen werde. Überdies muss ich gestehen, dass mir mein Aufenthalt in Königsberg schon so fröhlich und angenehm geworden war, dass ich mich gar nicht mehr von dieser Stadt trennen und das hiesige ruhige und angenehme Leben gegen das harte und trübe Feldlager eintauschen wollte.
Alle meine Bücher und meine bis dahin geliebten Beschäftigungen wurden mir damals zuwider. Ich ging den ganzen Tag mit hängendem Kopf umher und wusste wie ein begossener Pudel nicht, was nach den erwähnten Worten des Sekretärs und seinem Weggang aus mir werden sollte. Da er mir nichts Weiteres gesagt hatte, wusste ich nicht, was ich schließen sollte und ob er im Ernst gesagt hatte, ich solle mich für den Feldzug bereit machen, oder ob er scherzte. Die Miene, mit der er diese Worte ausgesprochen hatte, schmeichelte mir zwar mit einer gewissen Hoffnung, doch ich wagte nicht, mich darauf zu verlassen. Gleichwohl war meine Bestürzung so groß, dass ich den ganzen Tag nicht so viel Mut hatte, ihn genauer nach mir zu fragen und eine weitere Erklärung zu verlangen. Zur Steigerung meiner Bestürzung fing nicht nur er selbst nicht an, weiter davon zu sprechen, sondern ging den ganzen Tag so finster und verdrießlich umher, dass niemand wagte, ein Wort mit ihm anzufangen, sondern auch kein anderer fing mit mir davon zu sprechen an, gleichsam als wüsste man nicht, dass man mich zur Armee anforderte.
Über all das konnte ich mich nicht genug wundern, und da ich nicht wusste, was ich schließen sollte, beschloss ich, mich selbst nach ihrem Schweigen zu richten und das Weitere abzuwarten.
Doch zum Glück dauerte diese Ungewissheit nicht lange. Kaum war ich nach einer sehr unruhigen Nacht am nächsten Morgen in die Kanzlei gekommen, als einer unserer Schreiber zu mir trat und sagte: "Gäben Sie mir, gnädiger Herr, etwas für einen Schnaps, so würde ich Ihnen im Geheimen etwas zeigen." — "Sehr gut! sagte ich und zog einige kleine Münzen aus der Tasche: — hier ist das Geld bereit, zeig nur her, und je angenehmer es sein wird, desto mehr Geld gibt es." — "Wir werden sehen!" sagte er und lief von mir weg. Ich wusste nicht, was das bedeuten sollte, vermutete nur, dass es gewiss etwas sei, das mich betraf, und meine Vermutung war richtig. Mein Kopist kam nach einer kleinen Weile wieder heraus und gab mir mit einem Zwinkern zu verstehen, dass ich ihm in den Flur folgen solle. Hier führte er mich in den verborgensten Winkel, zog ein Schreiben aus dem Busen und sagte, indem er es mir reichte: "Lesen Sie, mein Herr, schneller, Timofei Iwanowitsch hat mir verboten, das jemandem zu zeigen, besonders Ihnen." Ich wunderte mich, als ich das hörte, doch meine Verwunderung wurde noch größer, als ich, nachdem ich es mit meinen Augen flüchtig überflogen hatte, sah, dass es das Antwortschreiben unseres Generals über mich an die Armee war. Darin hieß es, da an mir ein unumgänglicher Bedarf bestehe, könne man mich keineswegs entlassen, man werde aber in Petersburg darum ersuchen, dass Übersetzer geschickt würden; und wenn sie geschickt würden, dann werde auch ich zum Regiment entlassen werden.
Wie ein Berg fiel mir damals von den Schultern, als ich dieses Schreiben gelesen hatte. Ich konnte leicht ersehen, dass ich keinen Grund mehr hatte, eine baldige Abreise zur Armee zu fürchten, und über die Maßen darüber erfreut, gab ich meinem Schreiber einen ganzen Poltinnik für einen Schnaps — so froh war ich über diese mir mitgeteilte Nachricht! Doch er bat mich, niemandem davon zu erzählen und so zu tun, als wüsste ich nichts davon. Ich versprach ihm das gern und lachte innerlich, als unser Sekretär am selben Tag zu mir kam und, mir etwas zum Übersetzen gebend, wieder anfing, mich anzutreiben, und mir gleichsam Angst einjagend und lächelnd sagte, warum ich mich denn nicht reisefertig mache und mich nicht zur Abreise vorbereite. Ich setzte damals eine gezwungene traurige Miene auf und sagte ihm in kläglicher Weise antwortend: "Was soll man tun, wenn sich nichts ändern lässt, so muss es wohl schon so sein. Wenn man wollte, könnte man mich ja hierlassen, aber wenn Sie es so brauchen, dann fahre ich eben." — "Es geht nicht! fiel er ein: — du hast doch gesehen, wie streng man es verlangt. Doch übersetzen Sie mal das hier, du schaffst es noch, dich bereit zu machen!" Nach diesen Worten ging er von mir weg, wieder ohne etwas Entscheidendes gesagt zu haben. Doch mir war schon viel leichter ums Herz. "Schon gut, sagte ich zu mir selbst: jetzt führst du mich nicht mehr hinters Licht und betrügst mich nicht. Ich bin bereit, dich über mich scherzen zu lassen, schick nur recht bald ab, was über mich geschrieben ist!" Und er quälte mich tatsächlich mehr als eine Woche, trieb mich jeden Tag zur Abreise an und hielt mich wieder jeden Tag mit Übersetzungen auf und eröffnete es mir nicht eher, als bis er, seiner Meinung nach, es schon müde war, mich zu quälen.
Da dankte ich ihm, als wüsste ich von nichts, für seine Gefälligkeit und schrieb alles allein seinem Willen zu, und das war ihm am allerliebsten.
Auf diese Weise half mir dieser Mann auch ein zweites Mal; und durch seine Gewogenheit wurde auch die Anforderung von Übersetzern aus Petersburg nicht allzu sehr beschleunigt. Dazu zwang sie die Notwendigkeit selbst; denn da sie sich auf mein dauerndes Verbleiben bei ihnen nicht völlig verlassen konnten, wurde für jeden nötigen Fall die erwähnte Anforderung tatsächlich gestellt, aber zu meinen Gunsten so eingerichtet, dass man keineswegs erwarten konnte, dass sie rasch ausgeführt und die angeforderten Übersetzer zu uns geschickt würden.
Gleichwohl wollte mir diese Begebenheit lange nicht aus dem Kopf gehen. Ungeachtet der vom General erteilten Absage und aller Versicherungen unserer Sekretäre fürchtete ich immer noch, dass sich durch irgendeinen Zufall die Umstände ändern und man mich zur Armee jagen könnte; und ich beruhigte mich nicht eher völlig, als bis die Armee in den Feldzug aufgebrochen und über die preußischen Grenzen nach Polen abgezogen war.
Doch mein Brief ist schon lang, und es ist Zeit, ihn zu beenden; deshalb breche ich meine Rede ab und beeile mich, Ihnen dasselbe zu sagen, nämlich dass ich Ihr usw. bin.
LUSTGÄRTEN
72. Brief
Lieber Freund! Nachdem ich auf diese Weise wieder, ohne jedes eigene Zutun, durch Zufall vom Feldzug befreit worden war und mich noch mehr meines Verbleibens an einem Ort und meines längeren Aufenthalts in Königsberg vergewissert hatte, begann ich meine frühere Lebensweise fortzusetzen und mich nicht nur mit all denselben Dingen zu beschäftigen, sondern fügte ihnen auch einige andere Beschäftigungen hinzu. Kaum war der Winter vergangen und mit ihm die langen Abende, die so geeignet zum Bücherlesen sind, als sich mit dem anbrechenden Frühling auch unsere Lustbarkeiten, Vergnügungen und Beschäftigungen in vielem veränderten. Die im Laufe des Winters bei unserem General abgehaltenen Bälle und Tänze hörten zwar nicht ganz auf, waren aber schon viel seltener und weniger besucht. Der größte Teil des preußischen Adels war auf seine Güter gefahren, und auch von der Armee kamen nur noch wenige. Sie alle waren an ihre Plätze abgereist und in den Feldzug gezogen, und all dies verminderte unsere winterlichen Lustbarkeiten und schränkte sie so ein, dass Bälle und Gesellschaften beim General schon sehr selten waren, und wenn sie stattfanden, bestanden sie meist aus seinen besten Freunden und Bekannten. Diesen Mangel ersetzte er zwar durch häufigere Ausfahrten in die Häuser der angesehensten preußischen Adligen, die in der Stadt geblieben waren, besonders zu seiner Favoritin, der Gräfin Keyserlingk, und durch Spaziergänge mit ihnen in Gärten und an anderen Vergnügungsorten. Da aber diese Vergnügungen und Lustbarkeiten eher privater als öffentlicher Art waren, konnten wir daran nicht teilnehmen und mussten uns mit den Festtagen allein begnügen, von denen unser General keinen einzigen ausließ, ohne bei sich ein festliches Mahl zu geben und danach einen Ball.
Da aber diese Festtage selten waren, wir uns aber an Tänze und Vergnügungen dieser Art nicht so wenig gewöhnt hatten, dass sie uns hätten genügen können, bemühten wir uns, diesen Mangel durch das Aufsuchen städtischer Hochzeiten und das Tanzen auf ihnen zu ersetzen; da aber schließlich auch diese wegen der Sommerzeit selten wurden, mussten auch wir unsere Zuflucht zu Spaziergängen in Gärten nehmen und dort jene Stunden mit Vergnügen verbringen, die uns von den Geschäften frei blieben.
Zum Glück gab es damals in Königsberg eine Menge solcher Gärten, in die zu gehen und dort angenehm die Zeit zu verbringen uns unverwehrt war.
Sie lagen über die ganze Stadt verstreut und gehörten Privatleuten; sie waren zwar nicht allzu groß und nicht prächtig, doch manche von ihnen recht hübsch und gut in Ordnung gehalten. Ihre Besitzer verpachten sie, um von ihnen ein gewisses jährliches Einkommen zu erhalten, an Leute, die sich vom Betrieb von Wirtshäusern ernähren, und diese, die solche Wirtshäuser in Häuschen inmitten dieser Gärten betreiben, locken damit Leute zum Besuch an, weshalb sie im Sommer immer voll von einer Menge Leute aller Art sind. Es gehen Kaufleute hin, es gehen gute Bürger hin, es gehen Studenten hin und manchmal auch Handwerker. Mit einem Wort, der Zutritt ist, außer dem niedersten Pöbel {Im Sinne von "gemeines Volk" — Leibeigene, Hörige.}, niemandem verwehrt, und jeder hat die Freiheit, dort zu sitzen oder zu spazieren oder sich mit verschiedenen Spielen zu vergnügen, wie zum Beispiel mit Karten, Kegeln, Fortuna {Ein Glücks- und Lotteriespiel.} und anderem dergleichen. Nur eines wird streng beachtet, dass hier stets Zucht, Ruhe und aller Anstand herrschen, weshalb man hier niemals Lärm noch Geschrei noch sonstigen Unfug hört; sondern alle Besucher dieser Gärten, in Gruppen geteilt, sitzen entweder irgendwo beisammen oder spazieren durch die Alleen und Wege oder vergnügen sich mit irgendeinem Spiel und verbringen ihre Zeit in Vergnügen und Lachen. Keine Gruppe stört die andere, und niemand kümmert sich um jemanden, sondern alle bemühen sich nur, einander jede Höflichkeit und Artigkeit zu erweisen. Es war wahrhaftig angenehm, da ein kleines Häuflein älterer Leute zu sehen und anzutreffen, die irgendwo in einer Laube still und friedlich saßen und ihr L'Hombre spielten; dort andere auf Bänkchen unter den Zweigen schattiger Bäume, die die ihnen gebrachten Portionen Kaffee, Tee oder Schokolade tranken oder mit der Pfeife im Mund und Gläsern guten Biers vor sich saßen und sich in gewichtigen und gesetzten Gesprächen übten. Das Bier gebrauchen sie, um damit ihren Tabak hinunterzuspülen, und schöne Zwiebäcke aus gebeuteltem Roggenmehl gebacken, um etwas dazu zu essen. Was die Jungen betrifft, so beschäftigen sich diese mehr mit dem Kegelspiel oder der sogenannten "Lagenbahn" {Kegelbahn.}, wobei sie zwar um Geld spielen, aber ohne jeden Lärm und jedes Geschrei und um ganz kleine Beträge, keineswegs um des Gewinns willen, sondern allein zum Zeitvertreib. Da wieder findet man sie beim Fortunaspiel oder im Haus selbst beim Billard; und wenn jemand etwas essen möchte, so kann er sich etwas kochen oder braten lassen, auch sich ein Gläschen Branntwein, Likör oder Wein bringen lassen, wie es eben im Haus vorhanden ist. Mehr als dies wird hier nicht verkauft, doch was es gibt, ist alles so gut, so billig und so gemütlich {Abgeschieden, behaglich, mit Komfort.}, dass jeder mit Vergnügen von dort weggeht.
Mir waren Gärten und Lustorte dieser Art lange unbekannt, und mit ihnen machte mich kein anderer bekannt als ebenderselbe Kamerad, der Deutsche, Herr Pickart, dem ich für die Bücher und die Hochzeiten so viel verdankte.
Er führte mich, zusammen mit seinem Kameraden, einmal hinein, und sie gefielen mir so sehr, dass ich von da an fast jeden Sonntag, an welchen Tagen wir freier waren als an den übrigen, in solche Gärten ging, um nach dem Mittagessen meinen Tee oder Kaffee zu trinken und die ganze übrige Zeit entweder mit Kegelspiel und Fortuna oder mit Spazierengehen zu verbringen, und nicht selten leisteten auch die beiden mir Gesellschaft und spielten mit mir dort L'Hombre. Und ich kann sagen, dass mir solche Ausflüge nie langweilig wurden, sondern dass ich jedes Mal mit besonderem Vergnügen von ihnen ins Quartier zurückkehrte. Besonders gefiel mir der stille, sanfte und friedliche Umgang aller, die dort waren, und die Höflichkeit, die alle erwiesen. Freilich scheuten und mieden mich anfangs alle Herren Preußen als russischen Offizier, doch sobald ich freundlich mit ihnen deutsch zu sprechen begann, wurden sie, mich für einen geborenen Deutschen haltend, sogleich ganz andere und ausnehmend freundlich. Sie nahmen mich gern in ihre Gesellschaft auf und ließen sich mit mir nicht selten in Erörterungen und sogar in politische Gespräche ein. Und da ich ihnen gern die Freiheit ließ, sich zu täuschen und mich für einen Deutschen zu halten, und sie manchmal absichtlich in ihren Meinungen bestärkte und dadurch noch mehr in diesem Irrtum befestigte, so geschah es nicht selten, dass ich gerade dadurch von ihnen vieles erfuhr, was man sonst nicht hätte erfahren und auskundschaften können, besonders über die damaligen Kriegsereignisse. Über diese waren sie so gut unterrichtet, dass ich mich nicht genug wundern konnte; wie sie aber alle Neuigkeiten so schnell und ausführlich erfahren konnten, war mir ganz und gar unbegreiflich, denn nicht selten hörte ich von ihnen über manche Dinge zwei oder drei Wochen früher, als davon in den Zeitungen geschrieben stand.
Außerdem spazierte ich nicht selten auch durch die Straßen und an anderen schöneren Orten der Stadt, besonders auf den Erdwällen, die die Vorstädte umgeben und die den Königsberger Einwohnern als allgemeiner Spazierplatz dienten. Jeden Sonntag nach dem Mittagessen waren sie voll von einigen tausend auf ihnen spazierenden Menschen beiderlei Geschlechts, und alle hielten diesen Ort für den besten Spazierweg. Er war es auch tatsächlich, denn von ihrer Höhe konnte man seinen Blick ins Feld schweifen lassen und traf dabei an vielen Stellen auf die allerschönsten Ansichten der Gegenden, die diese preußische Hauptstadt umgeben. Zuweilen gingen wir zum Spaziergang auch vor die Stadt selbst, besonders den Pregel hinab. Die Gegend dort ist niedrig und besonders schön und bequem zum Spazierengehen. Sie ist von einer Menge Kanälen durchzogen, die mit Baumalleen bepflanzt sind, und an der Hauptallee befinden sich viele Lusthäuschen und Wirtshäuser zur Erholung der Spaziergänger.
Doch so sehr mich alle solche Spaziergänge auch beschäftigten, ließ ich ihretwegen doch nicht von meinen übrigen Beschäftigungen ab, besonders nicht von den Büchern.
Freilich war die Zeit nach Anbruch von Frühling und Sommer nicht mehr so geeignet zum Lesen wie die trübe Winterzeit, da eine größere Zahl äußerer verlockender Gegenstände die Aufmerksamkeit auf sich zog und das Lesen störte; doch obgleich ich es nicht mehr mit solcher Anstrengung tat, fuhr ich doch fort, mich darin zu üben, las aber nicht mehr so sehr Romane als Bücher anderer Art. Die Ursache dafür war, dass ich die besten Romane schon alle gelesen hatte und nur noch Überbleibsel {Oboruschi, oboryschi, oborki, obirki — Reste.} übrig waren und solche, auf deren Lektüre ich kaum Zeit verwenden wollte, und überdies fielen mir zufällig die beiden Büchlein des Herrn Sulzer {Siehe Anmerkung 15 nach dem Text.} in die Hände, die dieser berühmte deutsche Autor über die Schönheit der Natur geschrieben hat. Der in ihnen enthaltene Stoff war für mich ganz neu, gefiel mir aber so sehr, dass ich davon völlig gefesselt war. Mit einem Wort, diese beiden kleinen Büchlein brachten in mir eine Wirkung hervor, die sich auf fast alle Tage meines Lebens erstreckte, und waren der Grund einer überaus großen Veränderung, die sich dann in allen meinen Empfindungen vollzog. Sie waren es, die mich als erste mit dem wunderbaren Bau der ganzen Welt und mit allen Schönheiten der Natur bekannt zu machen begannen, die mir später so viele angenehme Minuten im Leben bereiteten und Anlass zu jenen unzähligen unschuldigen Vergnügungen gaben, die später einen bedeutenden Teil meines Glücks ausmachten.
Kaum hatte ich sie gelesen, als sich nicht nur meine Augen gleichsam öffneten und ich die ganze Natur mit ganz anderen Augen zu betrachten und dort tausend Annehmlichkeiten zu finden begann, wo ich bis dahin nicht die geringsten bemerkt hatte, sondern in mir entbrannte auch der glühende und unersättliche Wunsch, mehr Bücher derselben Art zu lesen und von Stunde zu Stunde weiter den ganzen Bau der Welt kennenzulernen. Mit einem Wort, diese Büchlein waren gleichsam die Lunte, die die in meinem Herzen nistende und bis dahin mir selbst unbekannte Neigung zu allen physikalischen und anderen sogenannten Naturwissenschaften entzündete. Von diesem Augenblick an ließ ich fast alle Romane in Ruhe und begann schon alle solchen Bücher aufzuspüren, die mit diesen irgendeinen Zusammenhang hatten; und da der Deutsche, der mich mit Büchern versorgte, nur wenige solche hatte, scheute ich keineswegs das Geld für den Kauf ganz neuer aus dem Laden und beschaffte sie überall, wo sie sich nur auffinden ließen. Und kaum hatte ich mich ihnen ein wenig zugewandt, als ich unmerklich auch Geschmack an poetischen Werken fand, die mit ihnen so nahe und eng verwandt sind. Und da der Deutsche Bücher dieser Art genug hatte, stürzte ich mich in deren Lektüre, und dies weckte in mir so viel Lust, dass ich unmerklich selbst eine gewisse Neigung zur Dichtkunst bekam und mich in müßigen Stunden zuweilen nicht nur im Verfassen einiger Verschen übte, sondern es auch auf mich nahm, zur bequemeren Auffindung von Reimen eine Art poetisches Wörterbuch zusammenzustellen, welches Büchlein bis heute bei mir unversehrt ist und als Denkmal meiner damaligen Liebe zur Poesie dient.
Gleichwohl gefiel es dem Schicksal, wie man sieht, nicht, mich zum Dichter zu machen.
Aus all meinen damaligen Mühen wurde schließlich nichts, und obwohl ich ein Liebhaber der Dichtkunst blieb, wurde ich doch kein Dichter und sah bald, dass die Natur mich nicht mit der dazu nötigen Gabe ausgestattet hatte. Mit einem Wort, die Schwierigkeit des Reimens wurde mir bald überdrüssig, und da ich mich inzwischen mit anderen und wichtigeren Gegenständen beschäftigte, ließ ich die Poesie in Ruhe.
Im Übrigen verbrachte ich, wie oben schon erwähnt, nicht all meine freie Zeit allein mit Lesen, sondern mit dem Anbruch des Frühlings und der Liebe zu naturkundlichen Büchern erwachte in mir meine alte Neigung zum Zeichnen. Wegen der oben erwähnten verschiedenen Veränderungen, die mit mir vorgingen, und aus Mangel an freier Zeit hatte ich fast ein ganzes Jahr lang Pinsel und Farben nicht mehr angerührt; da aber in diesem Sommer die Geschäfte bei uns schon so abgenommen hatten, dass mir jeden Tag eine Menge freier Zeit blieb, so kam ich, nachdem ich mich in der Kanzlei schon recht eingewöhnt {Im Sinne von — frei geworden.} hatte und dort ein eigenes Zimmer besaß, einmal auf den Gedanken zu versuchen, ob ich nicht zuweilen zwischen den Geschäften in der Kanzlei selbst ein wenig zeichnen könnte! Und da mein kleiner Versuch nach Wunsch gelang und ich sah, dass mich nicht nur niemand dafür tadelte, sondern alle sogar kamen, um zuzusehen, wie ich zeichne, und, meine Bildchen bewundernd, meinen Fleiß und meine Emsigkeit lobten, so brachte ich nach und nach den größten Teil meiner Farben und meines übrigen Zeichengeräts in die Kanzlei und übte mich hier zwischen den Geschäften im Zeichnen wie zu Hause. Eine ganze Schublade im Tisch hatte ich hier mit Muscheln, Gläsern, Pinseln und anderem vollgepackt und beschäftigte mich damit fast jeden Tag einige Stunden.
Zugleich lebte nach und nach auch meine Lust zu den übrigen wissenswerten Beschäftigungen wieder auf. Da ich die Freiheit hatte, mich auf die oben erwähnte Weise im Zeichnen zu üben, malte ich in dieser Zeit eine Menge Bilder für den Guckkasten {Stereoskop.} und brachte ihn ganz zu solcher Vollkommenheit, dass alle, die ihn sahen, sich nicht genug an ihm erfreuen konnten. Ich brachte ihn mehrmals in die Kanzlei, und alle unsere Kanzleileute lobten mich dafür über alle Maßen und sahen stets mit Vergnügen hinein. Er war auch tatsächlich gut: Seine Proportion war so gelungen und die Bilder so lebendig nach der Natur gemalt, dass sie imstande waren, sogar unseren Platzmajor Herrn Miller zu täuschen. Ich kann mich dieses Vorfalls nicht ohne Lachen erinnern. Es war in meinem Quartier. Dem erwähnten Herrn Platzmajor fügte es sich einmal, zu mir zu kommen, um sich mein Quartier anzusehen, denn ich hatte ihn einige Zeit zuvor gebeten, es zu wechseln und mir ein besseres zu geben.
Mein Kasten stand damals gerade in meinem Schlafzimmer auf dem Fensterbrett. Er fiel ihm als Erstes in die Augen.
— Was ist das bei Ihnen? — fragte er.
— Schauen Sie doch durch das Gläschen, — antwortete ich. Der Major beugte sich vor und begann zu schauen; doch wie
wunderte ich mich, als er nach einer Minute mit großer Verwunderung ausrief:
— Ei, ei, ei! Wo ist denn diese Straße und solche schönen Häuser? Wieso habe ich das bis jetzt nicht gesehen? Wie viele Quartiere da sind!
Nach diesen Worten sprang er vom Kasten zurück und richtete mit großer Gier seinen Blick aus dem Fenster, im Glauben, tatsächlich eine echte Straße gesehen zu haben und zu sehen. Ich wälzte mich vor Lachen, als ich sah, wie gut er sich getäuscht hatte.
— Pfui, zum Teufel! — schrie er und begann auszuspucken und meinen Kasten zu schelten. — Was ist das für ein Teufelszeug! Ich habe mich ja wahrhaftig getäuscht und dachte, ich sehe eine echte Straße. Ist es möglich, was für ein Narr war ich!
Ich bemühte mich, seine Scham durch die Versicherung zu bedecken, dass nicht er allein, sondern viele sich auf dieselbe Weise täuschten. Doch er schämte sich über die Maßen, und diese Kleinigkeit bewirkte, dass ich danach ein sehr schönes Quartier bekam, denn er bemühte sich nun auf jede Weise, mich günstig zu stimmen und dadurch dazu zu bewegen, diese Sache nicht herumzuerzählen.
Zur selben Zeit bastelte ich mir in meinem Quartier noch ein anderes merkwürdiges Stück, das viele eigens zu mir kommen und es bewundern ließ. Es war zwar ein reines Kinderspielzeug, seinem Wesen nach aber nicht unbeachtenswert, umso mehr, als es meine zweite bemerkenswerte Erfindung im Leben darstellte. Schon gleich zu Anfang meines Aufenthalts in Königsberg hatten mir die da und dort in dieser Stadt angelegten Springbrunnen besonders gefallen, und da ich an einem von ihnen von meinem früheren Quartier aus jeden Tag vorbeigehen musste, blieb ich nicht selten stehen und bewunderte zuweilen eine halbe Stunde lang dieses unablässig in die Höhe schießende Wasser, das eine goldene Kugel auf sich trug. Das häufige Betrachten dieses Springbrunnens brachte mich einmal auf einen sehr seltsamen Gedanken, nämlich: Ich wollte versuchen, ob ich nicht auch für mich einen wenigstens kleinen Springbrunnen ersinnen und machen könnte, und zwar einen solchen basteln, den ich immer mit mir führen und überall aufstellen könnte, wo es mir beliebte. Ein wahrhaft erstaunlicher und ziemlich seltsamer Gedanke. Ich lachte anfangs selbst über diesen meinen Einfall und hielt die Sache für ungereimt und unmöglich. Doch was kann nicht die Lust und Neigung zu wissenswerten Künsten und Fertigkeiten hervorbringen? Je weiter ich darüber nachdachte, desto weniger Unmöglichkeiten fand ich, und endlich gelang es mir, in meinen Gedanken einen Plan zu entwerfen, der mir ganz ausführbar schien.
Kaum hatte ich das ersonnen, als ich, nach meiner angeborenen Ungeduld, meinen Einfall auch in Wirklichkeit ausführen wollte.
Der Umstand, dass ich mich damals in einer Stadt befand, die voll von Handwerkern aller Art war, die alles machen konnten, was man bei ihnen bestellte, trieb mich dazu noch mehr an, doch meine bisherige Zeitnot hielt die Ausführung dieses Vorhabens eine Weile auf. In diesem Frühling aber, als ich mehr Muße erhielt und mich zudem mehr vergewissert hatte, dass ich nicht in den Feldzug gehen würde, machte ich mich an diese Sache und betrieb ihre ganze Ausführung und das Antreiben der Tischler, Klempner, Zinngießer, Schlosser und Maler, schneller zu machen, was ihnen von mir vorgeschrieben war, mit solchem Eifer, dass ich nach etwa zwei Wochen das unbeschreibliche Vergnügen hatte, meinen Miniaturspringbrunnen bestehen und durch seine Wirkung mir mehr Vergnügen bereiten zu sehen, als ich hatte denken und erwarten können. Mit einem Wort, dieses Stück oder vielmehr dieses Spielzeug gelang nach Wunsch und war es tatsächlich wert, von jedermann mit Neugier betrachtet zu werden. Der ganze Springbrunnen mit all seinem Zubehör fand Platz in einem kleinen bemalten Kästchen, das in Länge und Breite nicht mehr als etwa zehn Werschok und in der Höhe etwa drei Werschok maß. Gleichwohl zeigte sich nach dem Öffnen dieses Kästchens, das auf einem Tischchen in der Ecke neben der Wand und dem Fenster stand, darin ein schönes kleines rundes Becken, in der Mitte mit einer größeren und ringsum mit zwölf kleinen vergoldeten Figürchen geschmückt, die teils Delfine, teils Frösche darstellten. Aus ihnen allen sprang die gleiche Zahl kleiner Fontänchen, entsprechend der großen in der Mitte, deren Strahl über anderthalb Arschin in die Höhe reichte und ein angenehmes Rauschen und Plätschern hervorbrachte. Mit einem Wort, alles war so eingerichtet, dass man es mit Vergnügen betrachten konnte; und was das Beste war, die Wasserzuleitung aus einem auf dem Dachboden jenes Zimmers aufgestellten Zuber war so kunstvoll verborgen, dass niemand sie bemerken konnte. Eine lange Röhre aus Blech, aus verschiedenen ineinandergesteckten Stücken zusammengesetzt, führte dieses Wasser in den Springbrunnen und war so hinter der Wand verborgen, dass man sie gar nicht sah. Wenn man den Springbrunnen zusammenlegen musste, wurden alle Stücke dieser Röhre ineinandergesteckt und dann in dasselbe Kästchen gelegt, wodurch der Vorteil entstand, dass man ihn überallhin mitnehmen konnte und er sehr wenig Platz einnahm.
Nun kann ich nicht schildern, wie sehr dieses Spielzeug nicht nur mich, sondern auch alle erfreute, die zu mir kamen. Alle, die es sahen, konnten sich nicht genug an ihm erfreuen. Für die Hauptröhre in der Mitte des Beckens hatte ich eine Menge verschiedener Aufsätze angefertigt, mit deren Hilfe man das Wasser auf verschiedene Weise springen lassen konnte, wie zum Beispiel: bald in geradem Strahl nach oben, bald in eine Menge Spritzer zerstäubt, nach Art eines Regens, bald in Form eines Sterns, bald in Form eines Pfauenschwanzes und so weiter. Mit einem Wort, ich brachte damit eine Menge verschiedener Abwandlungen hervor und setzte mit all dem die Zuschauer in Erstaunen und unterhielt sie. Alle unsere Kanzleileute versäumten nicht, zu mir zu kommen, sobald sie davon hörten, und erhoben mich mit Lobsprüchen für meine Kunst und meinen Einfall bis in den Himmel. Dies steigerte ihre gute Meinung von mir sehr.
Sie versäumten nicht, dies anderen lobend zu erzählen, und das war mir schon Belohnung genug für die Mühe, die ich auf seine Anfertigung verwandt hatte.
Doch so viel Vergnügen ich mit diesem Springbrunnen allen bereitete, die mich besuchten, so viel Schelte bekam ich dafür von vielen anderen, die an meinem Quartier vorübergingen. Doch an dieser Schelte war eigentlich ich selbst oder vielmehr meine Dummheit und mein Übermut schuld. Unter den übrigen Bleiaufsätzen für die Röhre meines Springbrunnens, die ich größtenteils selbst bastelte und anfertigte, kam ich auf den Gedanken, einen gebogenen zu machen und so einzurichten, dass das Wasser beim Anlassen des Springbrunnens nicht gerade nach oben, sondern im Bogen zur Seite durch das geöffnete Fenster sprang und, in Tropfen zerstäubt, auf die Straße fiel. In diesen Aufsatz ließ ich das Wasser dann, wenn jemand auf der Straße an meinem Quartier vorüberging, und allein zu dem Zweck, über seine Verwunderung lachen und kichern zu können; denn kaum war der Mensch auf der Höhe meines Fensters, als ihn plötzlich von oben viele Wassertropfen nach Art eines Regens benetzten. Der Mensch, der sie spürte, wunderte sich, sah zum Himmel und nach allen Seiten, nach oben, und da er nichts sah, staunte er und verstand nicht, woher das Wasser kam. Und dies gab zuweilen Anlass, dass manche, in Verstimmung {Gereiztheit.} geraten, schimpften, ohne selbst zu wissen, auf wen, und weggingen, mich mit stattlichen Segenswünschen überhäufend. Doch an niemandem trieb ich diesen Scherz so oft wie an den Frauen, die manchmal mit ihren Taft- {Taft — glatter Seidenstoff.} Sonnenschirmen die Straße entlang spazierten. Kaum erblickte ich solche Damen, als ich mich hinter der Wand versteckte, damit man mich nicht sehe, für eine Minute meinen Springbrunnen öffnete und es so einrichtete, dass das Wasser gerade auf ihre Schirme fiel und durch das Aufprallen seiner Tropfen auf ihnen ein Geräusch erzeugte. Mein Gott, was für ein Lärm und Geschrei erhob sich dann bei ihnen!
— Ach, Herr Jesu! Herr Jesu! {Herr Jesus.} Regen, Regen, Regen! — schrien sie und begannen zu laufen, und ich platzte fast vor Lachen, im Zimmer hinter der Wand sitzend und mich an ihrer Verstimmung ergötzend.
Kaum hatte ich dieses Stück gebastelt und durch es mit vielen Handwerkern Bekanntschaft geschlossen, als auch meine frühere Lust zum Hokuspokus {Zaubertricks, Erfindungen.} wieder auflebte, den ich schon während meines Aufenthalts in Estland gelernt hatte, und ich wollte mich mit allen dazu nötigen Instrumenten versehen. Im Nu fertigte ich eine Menge Zeichnungen an und eilte mit ihnen zu verschiedenen Handwerkern. Sie stellten mich auch zufrieden, indem sie alles nach meinem Wunsch anfertigten, und mein Vergnügen war überaus groß, als ich all dies nach meinem Wunsch bei mir sah und selbst all die damals erlernten Kunststückchen und Kniffe vorführen konnte. Doch man kann leicht schließen, dass ich keinen Grund hatte, mich mit dieser Kunst vor irgendjemandem zu brüsten, sondern mich nur für mich selbst daran erfreute, und ich erwähne dies nur, um damit zu zeigen, mit welchen Dingen ich mich um diese Zeit beschäftigte und welche Neigung ich schon damals zu allerlei Kunststücken und Fertigkeiten hatte.
Doch dies wird für diesmal genug sein. Mein Brief ist schon lang genug und hat seine gewöhnlichen Grenzen erreicht, deshalb überlasse ich die Erzählung von meinen weiteren Erlebnissen künftigen Briefen und beende den jetzigen mit einer neuen Versicherung meiner unwandelbaren Freundschaft zu Ihnen und dass ich für immer Ihr usw. bin.
ENDE DES SECHSTEN TEILS.
(Schluss folgt.)
QUELLE:
Болотов А. Т. Жизнь и приключения Андрея Болотова: Описанные самим им для своих потомков: В 3 т. Т. 1: 1738-1759 / Вс. ст. С. Ронского; Примеч. П. Жаткина, И. Кравцова. -- М.: ТЕРРА, 1993.
Ein Teil der ausgelassenen Kapitel wurde ergänzt nach:
Издание: А. Т. Болотов в Кёнигсберге (Из записок А. Т. Болотова, написанных самим им для своих потомков). Калининград, Кн. Из-во, 1990.
Die übrigen Kapitel wurden nach der ersten Ausgabe der "Записки" (Приложения к "Русской старине", 1870) ergänzt.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

