/ Kurische Nehrung

Die preußische Sahara

Die preußische Sahara

Zweimal begraben. Der vom Sand verschüttete Friedhof in Pillkoppen (Morskoje).

Im Jahr 1817 erschien in Deutschland das Buch „Bemerkungen eines Russen über Preussen und dessen Bewohner gesamelt auf einer im Jahr 1814 durch dieses Land unternommenen Reise“. Es besteht aus 16 Briefen eines russischen Reisenden, der 1814 zum ersten Mal an die Ufer von Pregel und Memel kam, an seinen Freund, einen Deutschen. Nach einem Aufenthalt in Memel und einem Abstecher nach Tilsit erzählt der Verfasser, der auf Wunsch der Herausgeber ungenannt blieb, im dritten Brief, welche Abenteuer er auf dem Weg über die Kurische Nehrung nach Königsberg erlebte. Ins Russische war dieser Text bisher nicht übersetzt worden.

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.

Die Kurische Nehrung. – Ihre Bewohner. – Schiffstrümmer am Strand. – Schwarzort. – Die Unfreundlichkeit der Einheimischen. – Geographische Irrtümer. – Bernstein. – Nidden. – Die Lebensgeschichte des Posthalters. – Morgen an der Meeresküste. – Ein Unglück im Treibsand. – Sturm auf dem Meer. – Rossitten. – Das Vordringen der Dünen. – Der Pfarrer. – Vogelfang. – Sarkau. – Eine Kirche ohne Türen. – Der Durchbruch des Meeres. – Die Entstehung der Kurischen Nehrung. – Cranz. – Trutenau.

Der Abschied von dem Memeler Völkchen, das starke Getränke so liebt, kostete mich keine Tränen, denn ehrlich gesagt hatte ich mich hier gehörig gelangweilt. Deshalb beeilte ich mich, alle meine Handelsgeschäfte zu erledigen, und reiste weiter.

Memel ist von der Kurischen Nehrung durch eine etwa 3000 Fuß breite Meerenge getrennt, die das Kurische Haff mit der Ostsee verbindet. Die Reisenden werden auf einer Fähre übergesetzt. Diese Fähre flößte auf den ersten Blick kein Vertrauen ein, brachte mich aber glücklicherweise wohlbehalten ans andere Ufer.

Blick auf Memel von der NehrungBlick auf Memel von der Kurischen Nehrung.

Die Strömung aus dem Haff ins Meer ist so stark, dass das Wasser in der Meerenge und sogar noch in beträchtlicher Entfernung draußen auf See süß bleibt. Es unterscheidet sich vom Meerwasser durch seine dunklere Farbe.

Die Kurische Nehrung ist ein sandiger Landstreifen von 16 Meilen Länge und einer Viertel- bis einer halben Meile Breite. Sie trennt das Kurische Haff von der Ostsee und besteht aus einer Kette von Sanddünen, die an manchen Stellen eine Höhe von mehreren hundert Fuß erreichen. Mit Ausnahme des Dorfes Rossitten, wo es ein Ackerfeld und ein kleines Wäldchen gibt, ist die Nehrung jeglicher Vegetation bar: keine Felder, keine Bäume, nicht einmal der winzigste Gemüsegarten, und die Bewohner der sieben elenden Dörfchen, die auf der Haffseite der Nehrung liegen, leben ausschließlich vom Fischfang.

Es kann auf Erden keinen traurigeren Ort geben als diesen. Nichts als Sand und Wasser: keine schattigen Bäume, keine Quelle mit kühlem, erfrischendem Wasser. Hier gibt es nicht einmal eine grüne Wiese, die das eintönige Weiß der kahlen Sanddünen beleben würde. Wie Menschen hier leben können, ist mir unbegreiflich. Allerdings zeigt der Umgang mit ihnen, dass sie außer der menschlichen Gestalt wenig Ähnlichkeit mit anderen Menschen haben.

Die Unfreundlichkeit in ihren Gesichtern, die Selbstgefälligkeit, die unverständliche, bellende Sprache – alles beweist, dass sie auf der niedrigsten Stufe menschlicher Entwicklung stehen.

Der Weg führt am Meeresstrand entlang, der mit unzähligen Schiffstrümmern bedeckt ist. Diese Reise ist schon an sich ermüdend, sie wird aber noch unangenehmer, wenn man unterwegs so viele Zeugnisse von Schiffbrüchen sieht. Viele Unglückliche haben an dieser ungastlichen Küste ihr ganzes Vermögen verloren. Und manche sogar ihr Leben. Diese Gedanken versetzten mich in eine melancholische Stimmung, die wunderbar mit dem trübseligen Schweigen der kargen Natur ringsum harmonierte, die hier, so scheint es, dem ganzen Menschengeschlecht tödlich gram ist.

Ich atmete freier, als ich Schwarzort erreichte, die erste Poststation auf meinem Weg, und mich wieder unter Menschen befand, auch wenn diese Menschen wohl die unfreundlichsten waren, denen ich je auf Poststationen begegnet bin. Ich reiste mit eigenen Pferden und nahm keine Postpferde. Das mochte ihnen durchaus Anlass zum Verdruss geben, denn ich sah keinen einzigen freundlichen Blick, und auf neun von zehn Fragen bekam ich keine Antwort.

SchwarzortAm Haffufer in Schwarzort (Juodkrantė, Litauen).

Das Essen war, wie auch der Kaffee, schlecht und ungerechtfertigt teuer, Wein und Bier gab es überhaupt nicht. Dass diese Leute überhöhte Preise verlangen, ist verzeihlich: Was könnte sie in dieser trostlosen Wüste halten, wenn nicht die Möglichkeit, mehr zu verdienen als irgendwo sonst?

Letzten Endes ist der Reisende ja zufrieden, wenn er für sein Geld, selbst für viel Geld, überhaupt etwas bekommt. Wenn die Wirtsleute die Reisenden aber durch ihr unfreundliches Benehmen um das Vergnügen der Unterhaltung bringen, so zeigt das, dass die stiefmütterliche Natur, die die Einheimischen umgibt, ihre Manieren verdorben hat.

*         *         *

Auf dem Weg von Schwarzort nach Nidden widerfuhr mir ein komischer Vorfall. Um den Pferden den Weg durch den tiefen Sand zu erleichtern, stieg ich aus dem Wagen und ging eine Weile am Strand entlang. Bald traf ich auf einen Fuhrmann, der heftig mit einem Reisenden stritt, den er, wie ich verstand, nach Memel fuhr. Der hitzige Streit1 war in vollem Gange. Der Reisende war so aufgebracht, dass er Anstalten machte, den Fuhrmann zu verprügeln, wovor diesen nur mein plötzliches Erscheinen bewahrte. Da schlugen mir beide vor, in ihrem Streit Schiedsrichter zu sein. Er bestand in Folgendem: Der Fuhrmann behauptete, er könne von der Stelle, an der sie sich befanden, die Anhöhe sehen, die man den Holländerhut nennt, der Reisende dagegen hielt das für völlig unmöglich und meinte, der Fuhrmann mache sich einfach über ihn lustig.

Meine Versicherung, dass beide recht hätten, hätte mich beinahe in die allgemeine Zänkerei hineingezogen. Es kostete mich enorme Mühe, sie dazu zu bringen, sich meine Erklärung anzuhören. An der Grenze zu Kurland gibt es am Meeresufer tatsächlich einen Hügel, der Holländerhut genannt wird. Und er war natürlich von der Stelle aus zu sehen, an der wir standen, daher war klar, dass der Fuhrmann gar nicht daran gedacht hatte, sich über seinen Fahrgast lustig zu machen. Dass er in seiner Einfalt tatsächlich glaubte, dies sei die Küste Hollands, ließ sich leicht mit seiner Unkenntnis der elementarsten Geographie erklären. Ich verließ sie, nachdem sie sich versöhnt hatten, zufrieden damit, dass es mir gelungen war, die drohende Prügelei zu verhindern.

*         *         *

Der Strand ist hier mit unzähligen kleinen, bunten, runden Steinchen bedeckt, die auf dem weißen Sand sehr hübsch aussehen. Sie sind alle entweder hellrot oder leuchtend blau.

BernsteinEin außergewöhnlicher Bernsteinklumpen.

Ich fand einige ziemlich große Stücke Bernstein, die durchaus mehrere Dukaten wert sein mochten. Und doch warf ich sie ins Meer, da ich wusste, dass das Sammeln von Bernstein nach den hiesigen Gesetzen eine strenge Strafe nach sich zieht.

Ich fürchtete, dass ein anderer aus Unwissenheit oder Habgier der Versuchung nicht widerstehen und diese schönen Steine an sich nehmen könnte. Auf der Kurischen Nehrung findet man selten Bernstein, hier begegnet man keinen Bernsteinfischern mit großen Keschern, deshalb geht der größte Teil der Steine, die das Meer hier auswirft, offenbar verloren.

*         *         *

Spät am Abend erreichte ich Nidden, wo die Poststation äußerst schlicht war, dafür aber wenigstens einen sehr freundlichen Wirt hatte, mit dem ich mich angenehm unterhielt, während man mir das Abendessen zubereitete. Er erzählte viel Interessantes über die Kurische Nehrung und ihre Bewohner. Da dieser Mann nicht ohne eine gewisse Bildung war, äußerte ich mein Erstaunen darüber, dass er sich hier niedergelassen hatte. Er versicherte mir jedoch, dass er diesen Ort jedem anderen vorziehe, da er hier geboren und erzogen worden sei und, abgesehen von drei Studienjahren an der Königsberger Universität, sein ganzes Leben in dieser Sandwüste verbracht habe.

Seine Hauptbeschäftigung ist der Fischfang, den er leidenschaftlich liebt. Außerdem bringen ihm die Durchreisenden eine Menge Neuigkeiten, und aus der Poststation bezieht er einen beträchtlichen Gewinn. Eine Episode aus seinem Leben ist zu bezeichnend, als dass ich sie Ihnen verschweigen könnte. Und da er sie mir erzählt hat, ohne mir das Versprechen abzunehmen, darüber zu schweigen, wird er mir auch nicht böse sein, wenn ich diese Geschichte mit seinen Worten wiedergebe.

„Ich studierte drei Jahre in Königsberg“, erzählte er, „als mein Vater, der Posthalter, dessen Nachfolger ich werden sollte, mich nach Hause rief und mir verkündete, es sei Zeit für mich, eine Familie zu gründen. Dagegen hatte ich eigentlich nichts einzuwenden, aber es stellte sich heraus, dass der Vater mir die Braut schon selbst ausgesucht hatte.

NiddenNidden (Nida, Litauen): Ein kurischer Fischer flickt ein Netz.

Der Tag der Verlobung kam, und ich begegnete zum ersten Mal meiner künftigen Frau, die ich nie zuvor gesehen hatte, und obwohl sie nicht hässlich war, missfiel sie mir doch außerordentlich.

Ich begann heftig gegen diese Ehe zu protestieren, doch der Vater versicherte mir, er werde einige Gründe anführen, die meine Meinung ändern würden. Dann nahm er mich bei der Hand, führte mich in ein entlegenes Zimmer, verschloss die Tür fest hinter sich und zog dann unter seinem Rock eben jene Gründe hervor, nämlich eine kräftige Peitsche, mit der er mir sehr überzeugend zu beweisen begann, dass diese Ehe mir ausschließlich zum Nutzen gereichen werde. Nun ja … Die Argumente waren schlagend, und ich erklärte, der Vater habe mich überzeugt und ich hätte gegen die Verlobung nichts mehr einzuwenden.

Doch nachdem ich alles überdacht hatte, beschloss ich, meinen Willen nicht der Macht der väterlichen Peitsche zu unterwerfen. Deshalb erklärte ich dem Vater trotz der Verlobung geradeheraus, dass ich das mir aufgezwungene Mädchen nicht heiraten werde. Der Vater würdigte mich keiner Antwort und schickte mich bald darauf in Geschäften nach Memel, wobei er die Zeit meiner Rückkehr sehr genau festlegte. Ohne etwas Böses zu ahnen, kehrte ich zur festgesetzten Zeit zurück und fand das Haus voller Gäste, unter denen auch ein Geistlicher war. Sie alle warteten auf mich, um die Zeremonie meiner Trauung zu beginnen. Der Vater führte mich, der ich sehr überrascht war, zur Braut und bat den Pastor, die Trauung zu vollziehen, ohne meinem Widerstand die geringste Beachtung zu schenken.

Fassungslos über das Geschehen brüllte ich, statt „Ja“ zu sagen, laut „Nein“! Und in diesem Augenblick versetzte mir der Vater eine so ​​schallende Ohrfeige, dass ich entsetzt zurückfuhr und schnell „Ja“ sagte. So war ich auf einmal gegen meinen Willen verheiratet. Seitdem sind viele Jahre vergangen, der Vater ist längst nicht mehr auf der Welt, und ich gehe oft an sein Grab und weine dort Tränen der Dankbarkeit dafür, dass mein Erzeuger mir eine gute Frau ausgesucht hat, die auch jetzt, am Abend des Lebens, das Glück meines Daseins ausmacht.“

*         *         *

… Nach einem ausgezeichneten Schlaf schickte ich am nächsten Morgen meine Pferde eine Stunde früher von Nidden voraus, in der Hoffnung, sie bald einzuholen, da sie bei dem lockeren Sand des Weges nur gemächlich vorankommen würden. Erfrischt von der Morgenkühle schritt ich kräftig an der Meeresküste entlang.

DünenJunge Reiter am Fuß einer Düne.

Ein froher, belebender Morgen ist überall schön, selbst an den öden Ufern der Ostsee. Die eben aufgegangene Sonne streute den goldenen Glanz ihrer Strahlen über das Silber der niedrigen Wellen, deren zartes Perlmutt am Horizont mit dem Azur des Himmels verschmolz.

Die weißen Segel einiger Schiffe zogen hoch über dem Horizont dahin, und über den Wellen am Ufer hing noch eine dünne Schleppe von Morgennebel, die ein leichter Windhauch allmählich forttrug. Das schwache Rauschen der Wellen war in der tiefen Stille ringsum kaum zu hören und schien wie der Atem der erwachenden Natur. Bald jedoch verwischte die höher steigende Sonne die zarten Umrisse dieses schönen Bildes und verwandelte es in eine trübselige Schmiererei.

Der Nebel, der sich zu wunderlichen Gestalten verwoben hatte, verschwand, kein einziges Schiff war mehr zu sehen, und statt der vergoldeten silbernen Fläche des Meeres bot sich meinem Blick nun eine eintönige graue Wasserfläche ohne Ende und Rand. Du wirst dich vielleicht wundern, dass mich der Anblick des ruhigen Meeres langweilt. Ich gebe gern zu, dass diese unermessliche Wassermasse für viele Menschen ein erhabenes Schauspiel ist, selbst wenn sie ruhig ist. Wer jedoch wie ich viele Jahre am Meer gelebt und einige Seereisen unternommen hat, wird ihm gegenüber recht gleichgültig. Sonnenaufgang und besonders Sonnenuntergang über dem Meer jedoch erregen, auch wenn man sie tausendmal gesehen hat, jedes Mal aufs Neue Bewunderung.

Heute war die Sonne der unangenehmste Reisegefährte der Welt. Bald erschwerte mir ihr blendendes Licht das Gehen und machte den ohnehin beschwerlichen Weg doppelt so mühsam. Der lockere Sand gab bei jedem Schritt unter meinen Füßen nach. Die Sonnenstrahlen, die von der weißen Sandfläche der Nehrung zurückgeworfen wurden, machten die Hitze unerträglich, und der schwache Wind, der an diesem Tag wehte, vermochte den müden Wanderer nicht zu erfrischen. Ich hatte zwei Meilen zurückgelegt, als es mir endlich gelang, meinen Wagen einzuholen, aber die Pferde brauchten ebenso wie ich eine Rast.

Ich gönnte ihnen eine halbe Stunde Ruhe, frühstückte in dieser Zeit ausgiebig und tat dann, was fast jeder Reisende auf dieser Strecke tut: Ich gab mich einem süßen Schlaf hin, während die Pferde mich langsam immer weiter voranzogen. Wer in einer solchen Lage dem Verlangen nach Schlaf widerstehen kann, hält zweifellos auch die Lektüre des langweiligsten Romans oder die ödeste Predigt in der Kirche aus. Der eintönige Anblick von Sand und Wasser, wohin man auch blickt, das monotone Rauschen der Meereswellen und das einlullende Schaukeln des Wagens, der wie eine Schnecke vorwärtskriecht, fließen zusammen und locken den Schlaf herbei, der den Reisenden wie ein behaglicher Kokon umhüllt.

TreibsandDie Pferde stecken im Treibsand fest.

Aus dem süßen Schlummer rissen mich die erschrockenen Schreie des Fuhrmanns. Ich kam zu mir und sah, dass meine Pferde fast bis zum Hals im Sand versunken waren.

Der Kutscher war nämlich, um den Pferden den Weg zu erleichtern, von der ausgefahrenen, lockeren Spur abgebogen und in Treibsand geraten, in den sie einsanken, sobald sie ihn betreten hatten.

Mir blieb nichts anderes übrig, als ins Dorf Rossitten zu laufen, um Hilfe zu holen, wo ich die Dorfbewohner mit großer Mühe und dem Versprechen einer ansehnlichen Belohnung dazu bewog, mir beim Herausziehen der Pferde zu helfen. Für das Ausgraben der Pferde musste ich vier Taler bezahlen, was natürlich unerhörter Wucher war. Allerdings arbeiteten sechs Männer mehr als drei Stunden, bevor sie meine Pferdchen aus der Sandgefangenschaft befreien konnten. Da es auf dem Festland gewöhnlich keinen Treibsand gibt, vermute ich, dass Sie davon keine Vorstellung haben; deshalb will ich versuchen, Ihnen diese seltsame, für die hiesige Gegend typische Erscheinung zu erklären.

Mitten im Sand, oft in großer Entfernung vom Meer, gibt es Stellen, die, wenn ein Mensch oder ein Tier sie betritt, plötzlich wie eine Wolfsgrube einbrechen und alles mit sich reißen, was sich an der Oberfläche befand. Im Augenblick, in dem die Sandmasse einstürzt, tritt viel Wasser nach außen, und die Stelle wird danach so fest, dass man ohne jede Gefahr schwere Kanonen darüber fahren kann. Solche Vorfälle ereignen sich hier sehr häufig. Menschen, Wagen, Pferde versinken im Sand, und niemand weiß, wo sie sind und wohin sie verschwunden sind.

Wer in den Treibsand gerät, kann nur in sehr seltenen Fällen gerettet werden. Die Leute, die aus Rossitten zu Hilfe gekommen waren, wunderten sich, dass meine Pferde ihre Köpfe noch über dem Boden hielten. Vor einigen Jahren versank die kleine Tochter eines Offiziers aus Memel im Treibsand. Die Unglückliche wurde vor den Augen ihrer Freunde in die Sandgefangenschaft hinabgezogen. Der Körper des Mädchens konnte trotz aller Bemühungen nie gefunden werden. Soviel ich weiß, hat sich noch kein einziger Naturforscher je die Mühe gemacht, den Ursprung dieser seltsamen Naturerscheinung zu untersuchen.

*         *         *

Gegen Abend begann sich der Himmel zu verfinstern. Unzählige Möwenschwärme jagten mit schrillen Schreien über das Haff, was stets ein untrügliches Zeichen eines nahenden Sturms ist; deshalb beschloss ich, bis zum Mittag des folgenden Tages in Rossitten zu bleiben, wo ich denn auch Zeuge dieses majestätischen Naturschauspiels wurde.

Dünen der Kurischen NehrungBlick auf Pillkoppen (Morskoje) von der Ephas-Düne.

Es geschah, was ich erwartet hatte. In der Nacht kam ein starker Wind auf, der am Morgen in einen Sturm überging; deshalb suchte ich mir im Dorf einen Führer und bat ihn, mich auf die höchste Düne zu bringen, um von dort aus das aufgewühlte Meer und die Umgebung zu betrachten.

Es war ein wahrhaft grandioses Schauspiel! Vor mir breitete sich das unermessliche Meer aus, das die Farbe des schwarzen, wolkenverhangenen Himmels angenommen hatte. Wütend türmte es seine rasend heranrollenden Wogen zu den Wolken empor, von denen schäumende Gischt nach allen Seiten flog. Es schien, als würden diese gähnenden Wasserberge gleich unseren schmalen Landstreifen überfluten, an dem sie sich jedes Mal mit ohrenbetäubendem Getöse brachen. Nach beiden Seiten zog sich in die Ferne die weiße Hügelkette, und hinter mir lag das ruhige, spiegelglatte Kurische Haff, und irgendwo an seinem Horizont war kaum die litauische Küste zu erkennen.

Der Hügel, auf dem ich stand, war mehrere hundert Fuß hoch, was den Blick aufs Meer noch eindrucksvoller machte. Es war Zeit hinabzusteigen, und da bewahrte mich mein Führer vor einer Gefahr, die in dieser Gegend allen Fremden droht. Ich wollte den Hügel geradewegs hinuntergehen, doch der Führer sagte, auf diese Weise würde ich unweigerlich aus einer Höhe von mindestens hundertfünfzig Fuß abstürzen. Der Hügel war von oben bis unten eine Masse blendend weißen Sandes, und das erzeugte die optische Täuschung eines sanft abfallenden Vorderhangs. Dass er in Wirklichkeit steil und fast senkrecht war, war von oben nicht zu sehen. Um mich davon zu überzeugen, steckte der Führer auf dem Gipfel neben der Stelle, an der er stand, einen Stock in den Sand, und als wir dann auf dem von ihm vorgeschlagenen Weg hinabgestiegen waren und ich von unten zum Gipfel des Hügels hinaufblickte, sah ich, dass der Stock praktisch direkt über unseren Köpfen aufragte.

*         *         *

Rossitten liegt auf einer Halbinsel, die ins Haff hineinragt, und besitzt ein kleines Stück Ackerland, darunter ein Wäldchen aus Eichen und Kiefern mit verdrehten Stämmen – das einzige auf der ganzen Nehrung. Früher war der größte Teil der Nehrung mit Bäumen bedeckt, doch die Menschen fällten sie aus Unverstand, wodurch der übrige Wald, außer diesem kleinen Stück, nach und nach vom Sand verschüttet wurde.

Dünen der Kurischen NehrungEin langer Weg durch die Dünen.

Die Versandung des Landes hat hier ein solches Ausmaß angenommen, dass vielleicht bald auch von diesem Dorf nichts mehr übrig sein wird, denn fast jeden Tag erobert der Sand neue Stücke der kleinen Fläche, auf der Ackerbau betrieben wird.

Und da der Sand vom Wind fortgeweht und vom Regen von den hohen Sandhügeln heruntergespült wird, können keinerlei Schutzzäune gegen diese Plage helfen.

So wurde das Dorf Lattenwalde vollständig vom Sand verschüttet, und heute ist keine Spur mehr von ihm übrig. Alles, was vom Dorf Kunzen geblieben ist, sind einige Hütten, die jeden Augenblick einzustürzen drohen. Die Kirche, das Pfarrhaus und die meisten Gebäude dieses Ortes sind bereits tief unter dem Sand begraben.

Der Pfarrer der Gemeinde Kunzen, der seit dem Verschwinden seines Dorfes in Rossitten lebt, hält seine Predigten in einer Art Scheune. Er hat die kümmerlichste Stelle im ganzen Land und kaum so viel Einkommen, wie er braucht, um sein karges, freudloses Dasein zu fristen. Die Hauptnahrung des Geistlichen besteht aus Fisch und Krähenfleisch, das übrigens gar nicht übel schmeckt. Krähen stehen bei den Einheimischen in großen Mengen auf dem Speiseplan und gelten als Delikatesse, da hier andere Fleischsorten überhaupt nicht zu finden sind.

Einen Teil seines Einkommens bezieht der Pfarrer aus dem Vogelfang, den er in eben jenem kleinen Wald bei Rossitten betreibt. Dieses Wäldchen soll sehr reich an Vögeln sein. Die gefangenen Vögel schickt der Pfarrer zum Verkauf nach Königsberg.

Die Amtstätigkeit dieses Geistlichen kommt im Sommer gewöhnlich völlig zum Erliegen, denn alle seine Gemeindemitglieder, mit Ausnahme der vier Postmeister und einiger Hofbesitzer in Rossitten, steigen im Frühjahr mit Kind und Kegel auf ihre Wagen und ziehen auf die andere Seite des Haffs, wo sie Fischfang betreiben. Sie kehren nicht vor dem Spätherbst zurück. Kinder, die in dieser Zeit geboren werden, bleiben bis zur Heimkehr ungetauft. Auch Abendmahl und Trauungen finden nicht statt, und alle diese kirchlichen Handlungen vollzieht der Geistliche gesammelt an wenigen Tagen.

Kirche von SarkauDie kleine Kirche von Sarkau (Lesnoi).

Im Dorf Sarkau gibt es eine Kirche, die gewissermaßen eine Filiale der Rossittener ist. Sie wird vom dortigen Pfarrer versehen. Diese Kirche hat keine Türen, sondern stattdessen nur zwei Öffnungen in den Wänden mit wackligen Klappen.

Durch sie gelangt die örtliche christliche Gemeinde ins Innere. Es gibt hier zwei Kanzeln: Die eine ist dem Haff zugewandt, die andere dem Meer. Der Pfarrer steigt je nach Windrichtung entweder auf die eine oder auf die andere. Der Wind muss ihm nämlich in den Rücken wehen, sonst würde ihm der feine Sand, der so oder so in das hölzerne Gebäude dringt, in die Augen fliegen.

Zwischen Rossitten und Sarkau begegnete ich einer so ungeheuren Menge Möwen, dass sie, als sie alle zugleich aufflogen, die Sonne verdeckten und ringsum alles dunkel wurde. Es waren gewiss mehrere Millionen Vögel. Bevor sie sich in die Luft erhoben, bemerkte ich auch einige Raben, die in friedlicher Nachbarschaft neben den Möwen saßen. Nur Futtermangel konnte diese stolzen Einzelgänger dazu bringen, die Gesellschaft der hysterischen Möwen zu dulden.

Bei Sarkau gibt es auf der Nehrung eine flache Stelle, an der die Wellen vom Meer schon mehrmals ins Haff hinübergerollt sind und so den Weg nach Memel fortgespült haben. Man hat versucht, das Vordringen des Meeres durch den Bau eines Damms zu verhindern, doch das scheint nicht ausgereicht zu haben, denn das Meer reicht schon jetzt bis an den Rand des Damms, obwohl in letzter Zeit keine Stauwinde zu beobachten waren. Sollte das Meer hier einmal ernsthaft zum Haff durchbrechen, könnten die Marschgebiete Litauens schwer in Mitleidenschaft gezogen werden.

Die Kurische Nehrung verdankt ihre Entstehung zweifellos einer Naturkatastrophe und verdient in dieser Hinsicht die besondere Aufmerksamkeit der Gelehrten. Alte Chroniken berichten, sie sei im Jahr 1190 nach einem Sturm entstanden, der lange zwölf Jahre gedauert habe. Dabei habe der starke Wind ständig aus ein und derselben Himmelsrichtung geweht. In den Chroniken Livlands steht, soviel ich weiß, nichts darüber.

Kurisches HaffFischerboote am Haffufer.

Damals war Preußen noch nicht von den Rittern erobert, deshalb hatte es keine Geschichtsschreiber, und da die Deutschen erst 1230, also vierzig Jahre später, hierherkamen, konnten sie irgendwelche spärlichen Nachrichten über die Entstehung der Kurischen Nehrung nur aus einheimischen Sagen erhalten.

Das aber bedeutet, dass man den zwölfjährigen Sturm mangels verlässlicher Beweise in Zweifel ziehen kann. Allerdings habe ich die Chronik des Bischofs Christian, des ältesten preußischen Geschichtsschreibers, noch nicht gesehen. Sollte sich diese seltene Handschrift in Königsberg auftreiben lassen, werde ich sie unbedingt lesen. Ich hoffe sehr darauf. Vielleicht enthält die Chronik irgendwelche Angaben, da Bischof Christian ein Zeitgenosse dieser Naturerscheinung gewesen sein muss.

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Bei Sarkau endet der Sand, und es beginnt ein großer Fichtenwald, der sich bis nach Cranz erstreckt, einem großen Dorf mit einem guten Gasthof. Ein sehr seltsames Gefühl überkam mich, als ich mich umwandte und auf die hinter mir liegende Kurische Nehrung zurückblickte. Ich war wieder unter freundlichen, gutherzigen Menschen, unter denen ich diese kurische Sandwüste mit ihren Halbwilden bald vergessen werde. Ein gut zubereitetes Mittagessen, bei dem unter anderem frisch gefangene gekochte Heringe aufgetragen wurden, die hier Strömlinge heißen, erfrischte mich, und nach einem Bad im Meer ging ich früh zu Bett, um am nächsten Tag frühmorgens aufzubrechen und noch bei Tageslicht in Königsberg anzukommen.

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Ab Cranz wird die Gegend sehr fruchtbar. Wiesen, Obstgärten, Gutshöfe und Wäldchen wechseln einander ab und erfreuen das Auge. Bald erreichten wir Trutenau, ein schönes Gut mit einer Mühle – einer großen Papierfabrik. Sowohl die Fabrik als auch die Häuser der Fabrikanten sind überaus malerisch: Der rote Putz ihrer Wände bildet einen angenehmen Kontrast zu den dunklen Wäldern und dem blauen See, dessen Wasser die Mühle antreibt. Neben dem Hauptgebäude der Fabrik erhebt sich ein hoher, mit Eichen bewachsener Berg, und dahinter liegt ein ziemlich tiefes Tal, in das der Wasserstrom von der Mühle rauschend hinabstürzt.

TrutenauPapierfabrik und Windmühlen in Trutenau (Medwedewka).

Die Anlagen der Papierfabrik sind in hervorragendem Zustand, doch das Papier, das hier hergestellt wird, ist nicht rein weiß, was man mit der Beschaffenheit des Wassers erklärt.

Um dieses Problem zu lösen, bleicht man die feineren Sorten, aber dennoch reichen sie an das gute weiße holländische Papier nicht heran. Hier stellt man auch englischen Pressspan her, den die Tuchfabrikanten für die Appretur des Tuches benötigen, wobei das Herstellungsverfahren geheim gehalten wird, weshalb man mir nicht erlaubte, die Maschinen zu sehen. Der Besitzer dieser Fabrik, Herr Jachmann, ein bekannter Gelehrter, war verreist, und so ist verständlich, dass die Angestellten mich die Produktion ohne seine Erlaubnis nicht besichtigen lassen konnten. Der Erfinder dieses Verfahrens, ein Mann namens Kanter2, war viel in der Welt herumgereist, um die entsprechenden Erfahrungen zu sammeln und sich die nötigen Kunstgriffe anzueignen, doch das gelang ihm kaum; deshalb stellte er nach seiner Rückkehr selbst zahllose Versuche an, für die er sein ganzes Vermögen und 14 000 Reichstaler aufwandte, die ihm Friedrich der Große geschenkt hatte.

Schließlich erfand er dieses Verfahren, und zwar in solcher Vollkommenheit, dass der hier hergestellte Pressspan sogar bei englischen Herstellern gefragt war und dem Aachener Span bei Weitem vorgezogen wurde. Der Erfinder selbst aber zog wenig Nutzen aus seiner Entdeckung, denn er lebte nicht lange. Die Früchte seiner Gedanken und seiner beharrlichen Arbeit genießen nun freilich seine Erben.


LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.

ANMERKUNGEN

1. Die geschilderte Auseinandersetzung wurde zum Gegenstand einer Diskussion zwischen Übersetzerin und Redakteur. Man musste einen Insider hinzuziehen. Er schlug sich auf die Seite des Fahrgastes und erklärte kategorisch, dass man vom Meeresufer zwischen Juodkrantė und Nida den Holländerhut (engl. The Dutchman's Cap, lit. Olando Kepurė) unmöglich sehen kann. Die kleine Anhöhe, die sich zehn Kilometer nördlich von Klaipėda am Meeresufer befindet, werde schlicht von den Dünen der Nehrung verdeckt. Doch seine Behauptung stützt sich auf Eindrücke aus dem 21. Jahrhundert, als die Nehrung auf ihrer ganzen Länge mit Wald bedeckt ist. Zur Zeit der von dem anonymen russischen Reisenden beschriebenen Begegnung gab es jedoch keinerlei Wald – nur Sand, und daher ist es durchaus möglich, dass der Hügel Holländerhut doch zu sehen war. Zudem konnte er damals wesentlich höher gewesen sein! Selbst in der Wikipedia steht, dass er von der Meerseite her starker Erosion ausgesetzt ist. Die Eiserne Düne Zipfelberg in Primorje (Groß Kuhren) zum Beispiel ist in den letzten hundert Jahren fast um die Hälfte niedriger geworden! Wie hoch sie 1814 war, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Noch ein Beispiel: Bei klarem Wetter kann man von der Aussichtsplattform über dem Lebed-See auf der russischen Seite zwei Hochhäuser im Zentrum von Klaipėda sehen, obwohl die Entfernung dorthin etwa 50 km beträgt. Allerdings wird diesen Sommer eine heranwachsende Kiefer die Sicht versperren. Kurz, wer recht hatte, ließ sich so nicht klären. Dass aber unser Landsmann, der zum ersten Mal auf der Nehrung war, sich daranmachte, den Einheimischen zu erklären, wo der Hase im Pfeffer liegt, charakterisiert ihn in gewisser Weise sowohl als Menschen als auch als Schriftsteller …

2. Offenbar handelt es sich um Johann Jakob Kanter (Kanter, Johann Jakob; 1738 Königsberg – 1786 Königsberg).


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.