LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Eine Festungsmauer um eine Stadt beeinflusst natürlich die allgemeine Stimmung in ihr. So ist zum Beispiel Danzig [Gdańsk] unbestreitbar eine Festung ersten Ranges, und wenn wir uns dort befinden, fühlen wir sofort, dass wir in einen steinernen Dschungel geraten sind. Der Gegensatz zwischen Danzig und seiner Umgebung ist sehr groß.
Königsberg ist eine Stadt, die weit mehr Raum einnimmt, als man bei der Zahl ihrer Einwohner erwarten würde. Sie geht ganz natürlich in die sie umgebende Landschaft über. Zwar ist um die Stadt ein Verteidigungswall errichtet, doch ist er recht einfach, ohne Gräben und Befestigungen, und scheint nicht so sehr zum Schutz als vielmehr zum Vergnügen der auf ihm spazierenden Königsberger gebaut zu sein.
Vom Holländer Baum bis zum Litauer Baum ist der Wall mit Bäumen bepflanzt, an einigen Stellen findet sich auch niedriges Gebüsch, und es sind Bänke zum Ausruhen aufgestellt.
Von hier eröffnen sich schöne Ausblicke auf die Stadt und die Umgebung, auf die in üppigem Grün versinkenden, gartenähnlichen Friedhöfe, auf den Wasserspiegel des entzückenden Oberteichs. Besonders schön ist der Abschnitt in der Gegend der Sternwarte. Sehr malerisch ist auch der Blick auf den Jüdischen Friedhof und auf die Alte Roßgärter Kirche, die inmitten der Felder im Grün der Bäume steht, und schließlich auf die alte Zollschranke Litauer Baum, wenn man den Pregel hinauf bis Arnau außerhalb der Stadt blickt.

Im Frühling ist der Blick auf die grünen Wiesen jenseits des Pregels bei Jerusalem prächtig.
Ansichten der Umgebung Königsbergs aus der Zeit, als Karl Rosenkranz seine „Skizzen“ schrieb.
Man muss den Menschen danken, die den Festungswall pflegen, besonders den Mitgliedern der Kesselschen Verschönerungskommission. Man erinnere sich an das Ödland beim Holländer Baum, hinter dem Kornspeicher, wo jede Grenze zwischen Stadt und Vorstadt fehlt, weil der Wall schon vorher, neben der Sternwarte, abbricht.
Wie verwahrlost war dieser Ort einst! Und wie anmutig lächelt uns jetzt der Ziergarten mit seinen Beeten, kleinen Bäumen und bekiesten Wegen an! Von hier bis zum Steindammer Tor gehen vor allem einfache Bürger. Der an die Sternwarte grenzende Friedhof zieht viele durch das verständliche Bedürfnis an, die Gräber ihrer Angehörigen zu besuchen.
Vom Roßgärter Tor bis zum Königstor ist die Promenade voller Kaufleute, Gelehrter, Beamter und Offiziere, die sich um ihrer Gesundheit willen Bewegung verschaffen.
Viele dieser Herren nehmen ihre Frauen mit und sind bis zum Fanatismus gewissenhaft: Sie spazieren hier regelmäßig sogar im Winter bei fußhohem Schnee.
Vom Königstor bis zum Litauer Baum trifft man nur gewöhnliche Bürger, Soldaten, Gesellen, Bettler, alte Jungfern, die sich vom Verkauf von Stickereien und Strickwaren ernähren, Tagelöhner, die von der Stadtmauer aus das Stück Land beobachten können, das sie gepachtet und mit Kartoffeln bepflanzt haben.
Ständige Zierde des Stadtwalls sind die Steueraufseher.
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde auf den Wällen Königsbergs die Erholungszone „Schneider-Gürtel“ angelegt.
In grünen Uniformröcken mit blauen Kragen, den größten Teil des Jahres in Mänteln, patrouillieren sie auf den ihnen anvertrauten Abschnitten auf und ab. Zu bestimmten Stunden werden sie abgelöst. Ihr Blick ist scharf und unruhig. Argwohn ist die Pflicht dieser Herren. Oft durchbohren sie sogar einen harmlosen Spaziergänger mit Blicken, wenn er plötzlich irgendwie ihre Aufmerksamkeit erregt hat.
In der Tat braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Aufseher der Steuerbehörde selbst in den geringfügigsten Dingen Argwohn zeigen, denn sie müssen lange Stunden in völliger Untätigkeit bei Anspannung aller Sinne verbringen. Sie spüren Unterschlagern und Betrügern nach.
Wie dem auch sei, diese Beamten müssen sich mit dem Gedanken trösten, dass sie schon durch ihre bloße Anwesenheit hier ihr Handwerk rechtfertigen, denn die Betrüger wagen sich nicht auf den Stadtwall, da sie sehr wohl um die Anwesenheit nicht nur der Steuerbeamten, sondern auch der Wachen dort wissen.
Übrigens ist die List hier in Königsberg ebenso erfinderisch wie irgendwo in Paris. Besonders gut entwickelt ist auf dem Königsberger Stadtwall das System der sogenannten Scheindurchbrüche.
Dort unten, im Gebüsch, sitzt den ganzen Abend ein Mann, und neben ihm liegt ein Sack. Es wird immer dunkler. Höchste Zeit für die städtischen Wachen auf ihrem Posten, die Wachsamkeit zu verstärken und auf der Hut zu sein. Nach einiger Zeit gesellt sich zu dem im Hinterhalt Sitzenden sein Kamerad, und beide schleppen den Sack auf den Stadtwall hinauf. Die Wachen lassen ihnen Zeit hinaufzusteigen und stürzen dann auf die beiden Komplizen zu, um sie auf frischer Tat zu ertappen. Die Übeltäter werfen den Sack weg und verschwinden mit Windeseile an der Innenseite des Walls. Aus dem Sack springt indessen ein großer Straßenköter und beginnt, die Wachen in die Knöchel zu beißen. Und während diese sich mit dem leeren Sack gegen den Hund wehren, der vom langen Sitzen in Enge und Stickluft ganz toll geworden ist, wird an einer anderen, unbewachten Stelle eine stattliche Viehherde ohne jeden Zoll in die Stadt geschmuggelt.

Von dem Mehl, das falsche Bucklige in einem falschen Buckel oder falsche Hochschwangere in die Stadt tragen, ernähren sich ganze Familien.
2023 wurde am Ufer des Grabens, der sich am Wall entlangzieht, das Museum für Königsberger Geschirr „Blockhaus“ eröffnet.
Würden die Beamten, statt tagein, tagaus den Stadtwall abzulaufen, auf die Felder und zu den Mühlen gehen, so würden sie die Physiognomien ihrer Stammkunden recht gut kennenlernen; doch dann würden sie vielleicht ein allzu starkes Mitleid mit diesen armen Zerlumpten empfinden, was ihnen die Erfüllung ihrer Pflichten erschweren würde.
Was das einfache Volk betrifft, so stellt der Stadtwall für es eine verlockende Versuchung dar, unbemerkt eine Strecke von gerade einmal zwanzig Schritten zu überwinden, um nicht ein zweites Mal für ein paar Pfund Mehl zu bezahlen, für die schon einmal bezahlt worden ist.
Sieht man von diesem stillen Zollkrieg ab, in dem es übrigens zuweilen ordentliche Raufereien gibt, so kann ich noch hinzufügen, dass es an manchen Stellen auf unserem Stadtwall sehr niedliche Eidechsen gibt, die an warmen Regentagen aus ihren Löchern hervorkriechen, dass im Frühling die Lumpensammlerinnen gern ihre Lumpen an der Innenseite der hufeisenförmigen Wallbögen in der Sonne trocknen und dass man etwas später auf den umliegenden Feldern Frauen sehen kann, die mit dem Sammeln von Heilkräutern und Sauerampfer beschäftigt sind.
Heinrich Heine hätte einen solchen Kontrast gewiss besser als ich in seinen Versen besingen können: auf der einen Seite die grauen Gestalten der Lumpensammlerinnen, die unermüdlich ebenso graue Fetzen sortieren, auf der anderen die zartgrünen Felder, die sich in die Ferne erstrecken, und die über sie verstreuten Gestalten der Kräuterfrauen, die unermüdlich die grüne Ernte dieses Jahres für die städtischen Apotheken und Küchen sammeln.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

