Dem Andenken an Paweł Adamowicz gewidmet —
den Stadtpräsidenten von Gdańsk, einen Menschen, der sein Leben
dem Dienst an seiner Stadt und ihren Bewohnern gab.
AM ANFANG WAREN DIE MENSCHEN
Vor gerade einmal 13–14 Jahrtausenden lag dort, wo sich heute die Ostsee erstreckt, ein Gletscher. Viel Süß- und Salzwasser ist seither geflossen, doch auch an diese Ufer kamen Menschen. Für ihre Hütten wählten sie Plätze, die vor Überschwemmungen und übermäßiger Dürre geschützt waren. Sie lernten, Werkzeuge aus Stein herzustellen und mit Feuerstein Feuer zu entfachen. Sie betrieben Ackerbau und Viehzucht, fingen Fische und jagten Robben. Sie schmückten sich mit Bernstein. Die alten, vermutlich germanischen Stämme, die sich an der Ostseeküste niederließen, glaubten fest an die magische Kraft des Sonnensteins und schnitzten daraus Amulette – Figuren von Tieren und Gottheiten.
In der Bronzezeit (3500–1200 v. Chr.) gab es bereits mehr Siedlungen. Gewichtiger sind auch die archäologischen Funde aus dieser Zeit, die vermutlich der nordischen Kultur Pommerns und des nördlichen Ostpreußens zuzuordnen sind. An die Stelle der Hügelgräber traten Kollektivgrabstätten, wie sie für die Germanen typisch waren. Wer hätte gedacht, dass diese Tatsachen eines Tages tragische Folgen haben würden. 1919 sollte das Deutsche Reich damit vor den Beteiligten am Versailler Friedensvertrag herumwedeln.
Danziger Bucht. Illustration von Gustav Schönleber (1851–1917) aus dem Buch „Küstenfahrten an der Nord- und Ostsee“.
In der Hallstattzeit (etwa 900 bis 400 v. Chr.) – am Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit – fand man neben den üblichen Bestattungen auch Keramikurnen mit Asche. Auf der Keramik sind menschliche Gesichter dargestellt. Von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden hier rund zweitausend Gräber freigelegt, die Hälfte davon Brandbestattungen. Die Funde aus dieser Zeit – Pinzetten, Nadeln, Ohrringe mit Anhängern u. a. – entsprechen genau den Funden aus Skandinavien, Dänemark und Norddeutschland. Selbst slawische Forscher, so schrieben deutsche Politiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hätten es nicht gewagt, den germanischen Charakter dieser Kultur und die enge Verwandtschaft germanischer und skandinavischer Stämme zu bestreiten.
Gegen Ende der Hallstattzeit veränderte sich alles bis zur Unkenntlichkeit. Die bestehende Zivilisation brach ab, um einer neuen Platz zu machen – der Latènekultur. Die Siedlungen glichen nun eher Festungen, es entstanden Ansätze von Städten, die sich bis zum Ende der Epoche zu großen Zentren des Handels und Handwerks entwickelten.
Hügelgräber verschwanden fast völlig, es überwog die Brandbestattung. Auch die Gegenstände des Alltags veränderten sich. Aus Eisen fertigte man Waffen – Dolche, Schwerter. Die Latènehelme hatten nun die Form einer Halbkugel mit hohlen Hörnern. Das Reitzeug veränderte sich, Hufeisen kamen auf. Dabei ritten die in diese Gegend gekommenen Kelten nicht nur, sondern fuhren auch mit Wagen. Mit dem Aufkommen der Töpferscheibe erhielt das Tongeschirr regelmäßigere Formen. Auch der Schmuck wurde feiner und vielfältiger: Halsreifen, Perlenketten, Armbänder aus Bernstein. Der Glaube an seine magische Kraft wurde mit den Jahrhunderten nur noch stärker. Es entstanden Handelswege über Land, die „Bernsteinstraßen“, die entlang der großen Flüsse, darunter auch der Weichsel, nach Süden in Richtung Schwarzes Meer, nach Rom und Griechenland führten.

Kelten
Die keltischen Stämme bildeten sich in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. in den Flussgebieten von Rhein und oberer Donau heraus. Antike Autoren nannten sie Gallier – vom griechischen Γαλάται bzw. lateinischen Galatae. Die Kelten galten als eines der kriegerischsten Völker Europas. Um den Feind einzuschüchtern, stießen sie vor dem Kampf ohrenbetäubende Schreie aus. Im 1. Jahrtausend v. Chr. verwendeten die Kelten als Erste einen Metallreifen, um die Räder ihrer Streitwagen haltbarer zu machen. In der altgriechischen Mythologie ist der Namensgeber der Kelten ein Sohn des Herakles oder des Polyphem. Als Herakles mit den Rindern des Geryon von Erytheia zurückkehrte, gelangte er zu König Bretannos. Dessen Tochter Keltine verliebte sich in Herakles und versteckte die Rinder. Als Gegenleistung für die Rinder verlangte sie, dass er ihre Liebe teile. Herakles willigte ein, und Keltine gebar ihm einen Sohn, Keltos, nach dem das Volk der Kelten benannt wurde. Und ein Kelt ist außerdem eine Form des urzeitlichen Beils.
Grundlage der Stammeswirtschaft in der Latènezeit (500–1 v. Chr.) war der Ackerbau. Der Boden hat zahlreiche Teile landwirtschaftlicher Geräte bewahrt, ebenso Münzen, die die Kelten selbst prägten, um mit den Nachbarstämmen abzurechnen. Der Handel bot Anlass zum Kennenlernen, zur Annäherung und zur gegenseitigen Durchdringung verschiedener Kulturen. Und offenbar kam man sich so nahe, dass die Nachbarn die germanischen Stämme allmählich von dem angestammten, von ihnen urbar gemachten Land zu verdrängen begannen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts suchten deutsche Ideologen recht ernsthaft nach den Ursachen dieses für sie unbegreiflichen Phänomens. Mangels schriftlicher Quellen schlossen sie allein aus den vorhandenen Artefakten, dass es in den letzten Jahrhunderten v. Chr. einen großen Auszug aus Skandinavien und von den nahe gelegenen Inseln in diese Gebiete gegeben habe. Unter den Auswanderern waren auch die Burgunden – sie erwähnte erstmals Plinius in seiner wie durch ein Wunder erhaltenen „Naturgeschichte“. Wahrscheinlich gehörten auch die ostgermanischen Rugier dazu, die in den Raum der Danziger Bucht zogen und ihrerseits von Goten und Gepiden verdrängt wurden. Letztere besetzten eine kleine Insel in der Weichselmündung und nannten sie Gepedoios. Vielleicht war es tatsächlich so – Dokumente aus jener Epoche sind leider nicht erhalten.
Über die Stämme, die das Küstengebiet bewohnten, haben antike Historiker natürlich geschrieben. Die Frage ist nur, wie zuverlässig diese Angaben sind. Der besonders akribische Johann Aphagen (Johann Aphagen) ging in seinen Forschungen bis zum Perserkönig Dareios I. Hystaspes zurück, der von 522 bis 486 v. Chr. regierte, und stellte unter Berufung auf den frühesten römischen Geographen Pomponius Mela, Verfasser der „De chorographia“, seine eigene Version auf. Mela habe ein Volk erwähnt, das die Gebiete an der Mündung der Weichsel ins Meer bewohnte und sich Teutonen (Krieger) oder Hermionen nannte. Ebendort, in einem an Auwiesen reichen Gebiet am Ufer der Bucht, sei die Stadt Hermionia gegründet worden. Daraus schloss Aphagen, dass die Hermionen niemand anderes als die Goten oder Germanen seien. Diese Version griff der gebürtige Ostpreuße Friedrich August Vossberg auf, Numismatiker und Bankangestellter. In seinem Werk erklärte er kühn, dass eben jene Stämme, von denen der antike Historiker berichtet hatte, den Grundstein für das künftige deutsche Danzig gelegt hätten – und nicht für das polnische Gdańsk. Für sein Wirken zum Wohl des Deutschen Reiches wurde Vossberg mit dem Kronenorden, dem Hausorden von Hohenzollern und der Goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet.
Die ersten Jahrhunderte n. Chr. standen an der unteren Weichsel im Zeichen der Völkerwanderung. Und die deutschen Spurensucher machten sich erneut ans Werk – diesmal versuchten sie, in den Weichselgebieten eine slawische Spur zu finden. Slawen lebten hier tatsächlich. Bis zum 10. Jahrhundert gab es recht viele ihrer Siedlungen, worauf archäologische Funde hinweisen.
Die Germanen nannten ihre Nachbarn – die Elbslawen, die Lausitzer Sorben und die Kaschuben, die bis heute Pommern bewohnen – Wenden.
Im Bestreben, ihre unmittelbare Verbundenheit mit diesen uralten Landen zu beweisen, füllten deutsche Historiker ganze Bibliotheken. Besonders erfolgreich bei der Verteidigung deutscher Ansprüche auf Preußen war ein gebürtiger Tilsiter – der deutsche Philologe, Professor für deutsche Archäologie an der Berliner Universität, bekannteste Vorgeschichtsforscher und Begründer der „siedlungsarchäologischen Methode“ Gustaf Kossinna. Seine Ideen standen der nationalsozialistischen Ideologie nahe. Er promovierte mit der Dissertation „Über die ältesten hochfränkischen Sprachdenkmäler“ und veröffentlichte mehrere Bücher über die Herkunft der germanischen Völker. Und um das Interesse an diesem Thema zu fördern, gründete er sogar die „Deutsche Gesellschaft für Vorgeschichte“.
Seiner Ansicht nach bildeten die germanischen Völker eine nationale Identität mit einem historischen Recht auf das Gebiet, das sie seit alters bewohnt hatten. Damit wurde die spätere Eroberung europäischer Gebiete durch die Nationalsozialisten gerechtfertigt. Und das betraf vor allem Polen. Eines Tages kam Kossinna der Gedanke, dass es Teil des Deutschen Reiches sein müsse. 1919 schickte Kossinna sein Buch „Das Weichselland, ein uralter Heimatboden der Germanen“ an die Versailler Konferenz – um zu beweisen, dass alle Gebiete, in denen germanische Artefakte gefunden worden waren, Teil des alten deutschen Territoriums seien und nicht an Polen übergeben werden dürften.
Fragment der Handschrift Vita sancti Adalberti mit der ersten Erwähnung von Gdańsk.
Auf derselben Grundlage stellte er seine abstruse Theorie auf, wonach bereits in der Bronzezeit eine nordische arische Rasse existiert habe, deren Nachkommen die heutigen Deutschen seien. Diese Rasse sei allen anderen in jeder Hinsicht intellektuell überlegen gewesen, und ihre Wanderung von Norden nach Süden habe die gesamte Weltgeschichte umgewälzt. Darüber hinaus leugnete Kossinna rundweg die Existenz slawischer Siedlungen.

Wenden
Als Wenden bezeichneten die Germanen sämtliche in ihrer Nachbarschaft lebenden slawischen Stämme. Die Wenden (oder Veneter, Veneder) besiedelten einst einen Teil des heutigen Deutschlands zwischen Elbe und Oder. Das Wendenreich, das etwa von 1040 bis 1129 an der Ostseeküste bestand, war ein frühfeudaler Staat der Elbslawen – der Abodriten bzw. Obodriten, der Wilzen bzw. Lutizen und der Pomoranen. In der russischen Literatur werden die Wenden üblicherweise als Lausitzer oder Lausitzer Serben bezeichnet. In Deutschland widmet sich seit 1991 die Stiftung für das sorbische Volk der Bewahrung der Sprache und Kultur dieses Volkes.
Polnische Archäologen bewiesen allerdings das Gegenteil: Bereits vor dreitausend Jahren, in einer Zeit langer und zahlreicher Wanderungsbewegungen, gab es auf dem Boden von Gdańsk eine slawische Siedlung. Im 6. und 7. Jahrhundert hatten die dauerhaften Siedlungen die Form befestigter Burgwälle, wie sie durch Ausgrabungen auch in der Umgebung von Gdańsk bekannt sind – in Sopot, Oliwa, Chmielno und anderen Orten. Insgesamt entdeckten Archäologen an der Danziger Küste rund 50 solcher Burgwälle, an denen die alte „Bernsteinstraße“ vorbeiführte. Zu den archäologischen Funden zählen arabische, griechische, römische und byzantinische Münzen. Ptolemäus bezeichnete die Danziger Bucht in seiner „Geographie“ als die Slawische.
Konrad Jażdżewski, der 1948 die Ausgrabungen leitete, bestätigte, dass die Burg von Gdańsk in den Jahren 970–980 entstanden war. Seinem Nachfolger Andrzej Zbierski gelang es, die Grenzen der Siedlung zu bestimmen. Die Forscher konnten nachweisen, dass die Burg von Gdańsk die „materielle Bestätigung der Staatspolitik des polnischen Herrschers Mieszko I. ist, der Pommerellen und das Stettiner Pommern seinem Herrschaftsgebiet einverleibte“.
Die Ausgrabungen zeigten zudem, dass sich diese Burg im Bereich der heutigen Straßen Grodzka, Rycerska und Sukiennicza befand und ihre Umrisse von der unregelmäßigen Form einer Insel zwischen den Mündungen von Motława und Weichsel bestimmt wurden.
Die Ufer der Insel waren mit zehn Meter hohen aufgeschütteten Wällen aus Holzstämmen und Erde befestigt, errichtet in der für die Slawen typischen „Hakenbauweise“. Sie dienten nicht nur der Verteidigung, sondern hielten auch dem Andrang des Wassers stand. An den hölzernen Anlegestellen auf der Außenseite der Wälle machten Handelsschiffe fest.
Die Fläche der Burg betrug nicht mehr als zwei Hektar. Die Bevölkerung (insgesamt etwa 1200 Menschen) lebte vorwiegend von Fischfang und Handwerk. Ein Fünftel der Burg war durch einen Erdwall als Fürstensitz abgetrennt. Gut möglich, dass Bischof Wojciech Adalbert von Prag aus dem mächtigen böhmischen Fürstengeschlecht der Slavnikiden Gdańsk im Jahr 997 in eben diesem Zustand vorfand. Er war vom ersten polnischen König Bolesław dem Tapferen in Begleitung einer Kriegerschar hierher entsandt worden, um das Christentum zu predigen, und erlitt noch im selben Jahr den Märtyrertod durch die heidnischen Prußen. Bolesław kaufte den Leichnam Wojciechs gegen sein Gewicht in Gold frei. Der Benediktinermönch Johannes Canaparius aus dem Kloster auf dem Aventin beschrieb seinen Aufenthalt in der „urbs Gydannyzc“ (der Stadt Gdańsk), wo der Heilige die pomoranischen Heiden zum Glauben an Christus bekehren sollte. Dies ist die erste schriftliche Erwähnung der Stadt, deren Bewohner sich Pomoranen nannten (die am Meer Lebenden).
Der Märtyrertod des heiligen Adalbert in Preußen. Ausschnitt aus der Gnesener Bronzetür der Kathedrale Mariä Himmelfahrt in Gniezno, in der Teile seiner Reliquien aufbewahrt werden.
Ernsthaft zu entwickeln begannen sich Stadt und Hafen in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, zu Beginn der „Ära der Bernsteinpracht“. Damals durfte Bernstein ausschließlich mit Genehmigung der fürstlichen Macht gewonnen werden, die das Monopol darauf besaß. Der Stein wurde zu Amuletten und Schmuck verarbeitet, und nach der Taufe der Bevölkerung durch den heiligen Wojciech (in Böhmen Vojtěch, in Preußen Adalbert genannt) fertigte man aus Bernstein auch Halskreuze. Die Erzeugnisse der einheimischen Meister wurden nach Flandern und später auch in andere Länder ausgeführt.

Der heilige Adalbert
Der erste christliche Missionar, der in Preußen zu predigen versuchte, wurde um 956 als Sohn eines örtlichen Fürsten in Libice nad Cidlinou (Böhmen) geboren. Als Kind war er schwer krank, und man legte ihn in der Hoffnung auf Heilung auf den Altar der heiligen Maria. Vor dem Altar gelobten die Eltern, ihren Sohn im Falle seiner Genesung für den geistlichen Stand zu bestimmen. Dass das Kind gesund wurde, galt als wundersames Zeichen. In Libice lernte der Junge Adalbert von Magdeburg kennen, der ihm die erste Firmung spendete. Als Vojtěch – so war er bei der Geburt getauft worden – 15 Jahre alt war, schickten ihn die Eltern zur Ausbildung in ein Magdeburger Kloster. Hier in Magdeburg empfing Vojtěch auch die zweite Firmung und nahm den Namen seines geistlichen Lehrers Adalbert an. In seinem nicht allzu langen Leben, das er dem eifrigen Dienst an der Kirche widmete, war er Bischof von Prag, gründete das erste Männerkloster in Böhmen und förderte die Entstehung von Mönchsorden, musste aber schließlich nach Rom fliehen. Von dort ging er zunächst nach Ungarn und dann nach Polen, wo er als heiliger Wojciech bekannt und verehrt wurde.
Den Tod durch die heidnischen Prußen erlitt Adalbert im April 997. Nach heutigem Kalender fällt der Todestag des Heiligen auf den 28. April. Abweichungen in den Quellen lassen sich auch dadurch erklären, dass das Jahr im 10. Jahrhundert mitunter von Ostern zu Ostern gerechnet wurde.
Im 11. Jahrhundert erlebten in Gdańsk verschiedene Handwerke einen Aufschwung, und der Handel blühte. Waagen, Münzen – nicht nur polnische, sondern auch dänische, englische und deutsche –, Weingefäße aus Wolhynien, byzantinische Stoffe, Glasgeschirr vom Rhein und Schwertscheiden aus Schweden sind nur ein kleiner Teil der bei den Ausgrabungen gefundenen Gegenstände.
DIE HERRSCHAFT DES DEUTSCHEN ORDENS
Im 12. Jahrhundert war Gdańsk bereits eine recht große Siedlung mit Marktplatz, Hafen, Stadtmauer und einigen hundert Höfen. 1263 verlieh ihr der pommerellische Herzog Swantopolk II. der Große das lübische Stadtrecht. 1282 ereignete sich etwas, das die Vereinigung der polnischen Länder nach sich zog: Mestwin II., Sohn Swantopolks II. und fünfter und letzter Herzog von Pommerellen, übertrug seine Ländereien dem Herzog von Großpolen, Przemysł II. Neben den einheimischen Fürsten erhoben jedoch auch die brandenburgischen Markgrafen und die polnischen Könige Anspruch auf das pommersche Herzogtum. 1294 übernahm Przemysł die Herrschaft über Pommerellen, kam aber zwei Jahre später durch die Hand der Brandenburger ums Leben. Sein Nachfolger wurde der polnische Fürst Władysław I. Ellenlang (Łokietek).
Im August 1308 fielen die Truppen der brandenburgischen Markgrafen Otto IV. und Waldemar in Ostpommern ein und eroberten bis Ende September Gdańsk. Der königliche Statthalter Bogusza, der die Verteidigung der Stadt leitete, konnte den Angriff des Gegners aus eigener Kraft nicht abwehren. Władysław Ellenlang verweigerte wegen anderweitiger Verpflichtungen seine Unterstützung, ermächtigte Bogusza jedoch, sich persönlich an den Großkomtur des Deutschen Ordens Heinrich von Plötzke zu wenden, der damals den Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen vertrat, und ihm für seine Dienste eine gute Belohnung zu versprechen. 100 Ritter und 200 Fußsoldaten trafen Mitte Oktober 1308 in Gdańsk ein.
Die fürstliche und die Ordensbesatzung vereinbarten, die Bewachung der Burg zu gleichen Teilen unter sich aufzuteilen – was seitens der Polen äußerst unvorsichtig war. Die Kreuzritter erledigten ihre Aufgabe, erhielten aber keine Belohnung, denn die fürstliche Kasse war leer. Darauf schien der Orden nur gewartet zu haben. Er selbst war bereit, für diese Länder zu bezahlen. Wahrscheinlich ging es ihm weniger um das Geld als um einen Vorwand, Pommerellen mit dem Zentrum Gdańsk an sich zu bringen, was große wirtschaftliche und politische Vorteile versprach. Natürlich konnten sich die Ritter einen so günstigen Moment nicht entgehen lassen, um das alte „polnische Problem“ zu lösen – die Kontrolle über einen Ostseehafen zu erlangen, der für die Ausfuhr von Getreide aus den meerfernen preußischen Gebieten von großem Wert war.
Am 14. November 1308 nahmen die Ritter Gdańsk ein, brannten es nieder und metzelten fast alle Einwohner nieder. Das von den Ordensrittern angerichtete Massaker ging als „Danziger Blutbad“ in die Geschichte ein.
Doch dies ist nur eine Version. Die Angaben zur Zahl der Opfer gehen in den historischen Quellen weit auseinander. Polen sprach vor dem päpstlichen Gericht von zehntausend Toten. Der Orden beharrte darauf, dass es überhaupt kein Blutbad gegeben habe. Getötet worden seien lediglich 16 Räuber, die die Bürger selbst ausgeliefert hätten. Die Schuld an der niedergebrannten Stadt schob der Orden ebenfalls den Einwohnern zu.
1309 schloss der Orden mit Brandenburg den Vertrag von Soldin und kaufte ihm Pommerellen samt Danzig für 10.000 Mark Silber ab.
Im selben Jahr 1309 verlegte Siegfried von Feuchtwangen seine Residenz von Venedig in die Ordensburg Marienburg, die die Ritter bereits 1274 am Ufer der Nogat im Mündungsgebiet der Weichsel gegründet hatten. Damit erhielt der Deutsche Orden alle Merkmale eines vollwertigen Staates, mit einem geschlossenen Territorium und der Hauptstadt Marienburg.
Ausschnitt aus einem Plan der Danziger Innenstadt (1615). Das vollständige Bild in hoher Auflösung lässt sich unter diesem Link ansehen und herunterladen.
Die Magdeburger Bischöfe riefen Siedler dazu auf, die brachliegenden slawischen Gebiete zu besiedeln. Im Weichseldelta, in den ständig überfluteten Niederungen und auf kaum nutzbarem Ödland, ließen sich flämische, holländische und niederdeutsche Bauern nieder, die Erfahrung mit der Trockenlegung und Bewirtschaftung von Torfmooren besaßen. Die Neuankömmlinge errichteten vor allem Deiche, Dämme und Entwässerungsgräben, denn das Land lag hier weit unter dem Meeresspiegel. Im Jahr 1350 waren die Arbeiten abgeschlossen. Zu dieser Zeit war das Umland von Gdańsk und Marienburg bis hin nach Elbing überwiegend von Deutschen besiedelt. Die verbliebene, nicht sehr zahlreiche einheimische Bevölkerung nahm die Germanisierung an.

Der Deutsche Orden
Orden der Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem
Geistlicher Ritterorden, 1190 in Palästina gegründet und vor allem durch die Eroberung der prußischen Gebiete und den dort errichteten Ordensstaat (1309–1525) bekannt geworden. Seit dem Ende des 13. Jh. lag er in kriegerischen Auseinandersetzungen mit Litauen und Polen. 1410 unterlag er in der Schlacht bei Grunwald dem polnisch-litauischen Heer und verlor bedeutende Gebiete. Nach der Niederlage im Dreizehnjährigen Krieg (1454–66) wurde er Vasall Polens. Als staatliches Gebilde wurde er 1525 mit der Gründung des Herzogtums Preußen aufgelöst. In nomineller Form besteht er bis heute fort.
Während der Herrschaft des Deutschen Ordens erlebte Gdańsk einen bis dahin beispiellosen wirtschaftlichen und politischen Aufschwung, was übrigens selbst heutige polnische Historiker nicht bestreiten. Das Gebiet wuchs um neue Ländereien und Einwohner. Es entstanden Gebäude und Ingenieurbauten. Auf einer künstlichen Insel im Radaunekanal errichteten die Ritter eine gemauerte Mühle – die damals größte in Europa. Die Mahlsteine wurden von zwölf Rädern angetrieben. Nach einem Brand im Jahr 1391 wurde die Mühle wiederaufgebaut, und nun bewegten bereits achtzehn Räder ihre Mahlsteine. Die Große Mühle (so nannten sie die Ordensleute selbst) – mit einem Seitenflügel und einem hohen Dachboden, der als Lager für Getreide und Mehl diente – brachte enorme Gewinne. Sie versorgte die Stadt mit Getreide und Mehl und auch mit Brot, denn an der Ostseite des Gebäudes befand sich eine Bäckerei.
Märchenhafte Summen spülte auch der Bernsteinhandel in die Kasse. Bernstein wurde nach Brügge, Lübeck, Amsterdam, Antwerpen, Köln, Nürnberg und Venedig verkauft. Die Bernsteinlager wurden streng bewacht. Wer gefundene Steine verheimlichte, dem drohten Strafen bis hin zum Galgen. Die gesamte Ausbeute musste den sogenannten „Bernsteinherren“ abgeliefert werden. Der ganze Bernstein ging nach Lübeck und Danzig, wo ihn die sogenannten „Paternostermacher“, wörtlich „Rosenkranzmacher“, verarbeiteten. Sie waren in Zünften organisiert, und nur sie hatten das Recht, Bernstein zu bearbeiten.
Im Jahr 1343 verlieh der Orden der Stadt das damals in Pommern verbreitete Kulmer Recht. Es regelte nicht nur die Beziehungen zwischen der Bevölkerung und der Verwaltung der Kreuzritter, sondern legte auch die Fischgründe fest, die Grenzen der Gebiete, die den Bürgern für wirtschaftliche Zwecke überlassen wurden, die Höhe des Zinses und anderes mehr. Detailliert festgeschrieben waren auch die Rechte des Deutschen Ordens als „Herr über ganz Preußen“.
Besonderes Gewicht wurde darauf gelegt, den Rittern das Recht auf die Biberjagd zu sichern und den Fang von Süßwasserfischen mit dem Zugnetz zu verbieten. Außerdem stand ihnen von jedem von den Bürgern erlegten Wild ein Schulterstück zu, und sie durften einen Zoll für das Übersetzen von Menschen über die Weichsel erheben.
Das Kulmer Recht legte die Stadtgrenzen fest, erlaubte den Bau von Befestigungen und gewährte den Bürgern die Selbstverwaltung. Nach der Einführung des Kulmer Rechts erhielt das trapezförmige Stadtgebiet den Namen Rechtstadt (Rechte Stadt oder Urbs Principalis). Zur selben Zeit wurde der Bauplatz für die Kirche der Heiligen Jungfrau Maria bestimmt. Wahrscheinlich war gerade ihre Lage der Grund für den unregelmäßigen Grundriss der Stadt mit ihren parallel zum Fluss hin verlaufenden breiten Straßen und den sie kreuzenden schmalen Gassen. Auch das wichtigste Element einer mittelalterlichen Stadt fehlt hier – der zentrale Marktplatz. An seine Stelle traten die lange Straße Langer Markt und das Ufer der Mottlau.
Nach der Verleihung des Stadtrechts begann man mit dem Bau der Stadtmauern. Doch deren Wehrkraft erschien den Kreuzrittern zu schwach, und sie gingen daran, einen neuen Mauerring zu errichten, der durch zwanzig Türme verstärkt war.
„St. Marien in Danzig“. Ernst Kolbe, 1928.
Im Jahr 1361 trat Danzig dem Bund der Hansestädte bei. Unter den größten von ihnen gab es eine Rollenverteilung: Die Hauptstadt der Hanse, Lübeck, nannte man das Lager, Bremen den Schlüssel, weil hier die größten Geschäfte abgeschlossen wurden, Hamburg das Schloss, den Umschlagplatz. Danzig aber verglich man mit einem Löwen, der die Speicher der Hanse bewachte. Die Hanse, ein Zusammenschluss vieler Städte und Regionen, war für den gemeinsamen Handel zur See und zu Lande gegründet worden, zum Schutz der Interessen der Kaufleute und zum Kampf gegen Piraten und Räuber. Danzig blieb Mitglied der Hanse bis zu deren Zerfall, als der Dreißigjährige Krieg von 1618–1648 den deutschen Handel und die Schifffahrt nahezu vernichtete. Hinzu kam, dass sich die Handelswege zu jener Zeit zum Atlantik und nach Westeuropa zu verlagern begannen.
Für die osteuropäischen Slawen war der Deutsche Orden die gefährlichste Macht. Das Großfürstentum Litauen strebte im Bündnis mit dem Königreich Polen danach, die vom aggressiven Nachbarn eroberten Gebiete zurückzugewinnen. Die Kreuzritter hingegen waren daran interessiert, sie dauerhaft für sich zu sichern. Der Interessenkonflikt führte zu einem Krieg, der den Namen Großer Krieg (1409–1411) erhielt.
Die entscheidende Schlacht des Großen Krieges fand am 15. Juli 1410 zwischen Tannenberg und Grunwald statt und endete mit der Vernichtung des Ordensheeres. Der polnische König Władysław Jagiełło, Stammvater der bedeutenden Königsdynastie der Jagiellonen, hielt fest: „Unter den zahllosen Toten hatten wir nur wenige Verluste... Wir haben den Hochmeister vernichtet, … viele Komture, und die Übrigen zur Flucht gezwungen... Die Verfolgung dauerte bis zu zwei Meilen. Viele wurden in Seen und Flüssen ertränkt und viele erschlagen, sodass die Zahl der Entkommenen sehr gering ist.“

Die Marienburg (Malbork)
Die größte mittelalterliche Backsteinburg der Welt, ein Musterbeispiel der Backsteingotik und Weltkulturerbe, aus der die gleichnamige polnische Stadt hervorging, diente von 1309 bis 1456 als Residenz des Hochmeisters des Deutschen Ordens. Die Turmspitze eines der bekanntesten Wehrtürme der Burg – der Baszta Maślankowa – ziert eine Wetterfahne in Gestalt einer Frau, die in einem Fass Butter stampft. Der Legende nach geht der Name des Turms auf eine für die Bürger unerträglich hohe Buttersteuer zurück: Die Ritter sperrten die unzufriedenen Einwohner eben in diesem Turm ein.
Nach der Katastrophe von Grunwald verschanzten sich die Reste der Ordenstruppen in ihrer Hauptburg Marienburg, vor deren Mauern das polnische Heer erst zehn Tage nach der Schlacht eintraf. In dieser Zeit hatten sich die Kreuzritter auf die Abwehr der Belagerung vorbereiten können. Jan Długosz, der polnische Historiker und Diplomat, hatte allen Grund zu bedauern, dass „der glänzende und denkwürdige Sieg von Grunwald zunichtegemacht und beinahe zum Gespött wurde...“ Am 1. Februar 1411 wurde der Erste Thorner Frieden (Frieden von Toruń) unterzeichnet, nach dem der Hochmeister und der Orden dem Königreich Polen 100.000 große Prager Groschen zu zahlen hatten. Der König seinerseits verpflichtete sich, alle nach Kriegsrecht eroberten Burgen in den preußischen Landen zurückzugeben und die polnischen Truppen von dort abzuziehen. Zudem erhielten die Ordensritter gemäß den Vertragsbedingungen alle Gefangenen zurück, die in der Schlacht bei Grunwald und in allen darauffolgenden Gefechten gemacht worden waren. Mit der Unterzeichnung des Thorner Friedens endete der Große Krieg. Nach Ansicht von Długosz brachte er dem Königreich Polen keinerlei Nutzen. Doch das nur auf den ersten Blick.
Nach der Niederlage bei Tannenberg führten die immer wieder innerhalb des Ordens selbst aufbrechenden Probleme allmählich zu seinem Zerfall. Sein Ansehen sank so tief, dass sich keine neuen Kräfte mehr fanden, um die gelichteten Reihen der Kreuzritter aufzufüllen.
Am stärksten untergrub das Ansehen des Ordens der Verfall der Sitten in seinen Klöstern, der den Spott der Öffentlichkeit nach sich zog. Die Rettung aus aller Not hätte in der Wiederherstellung des finanziellen Wohlstands im Land gelegen. Die Landgüter lehnten sich gegen die unerträglichen Steuern auf. Die Kaufleute klagten, dass sie seit Tannenberg immer mehr Geld zahlen mussten und dafür immer weniger Schutz erhielten. Der Versuch, die Proteste der Stadtbevölkerung und des weltlichen Adels zu unterdrücken, hatte für die Ordensritter verheerende Folgen. Der Dreizehnjährige Krieg von 1454–1466, auch als Städtekrieg bekannt, gab den Kreuzrittern praktisch den Rest. Infolge dieses Krieges wurde der Orden zum Vasallen des polnischen Königs und gab seine Ansprüche auf Danzig auf.
Am 19. Oktober 1466 wurde in Thorn der Zweite Thorner (Toruńer) Frieden zwischen dem Deutschen Orden und dem Königreich Polen unterzeichnet, der den Dreizehnjährigen Krieg beendete. Gemäß dem Vertrag fielen Pomerellen (Danziger Pommern), das Kulmerland und das Michelauer Land, Marienburg, Elbing und das Bistum Ermland an Polen.
Kasimir Jagiellończyk gliederte Gdańsk dem Königreich Polen an und beschenkte die Einwohner mit zahlreichen Privilegien. Die Stadt begann, eigene Münzen zu prägen. In ihrem Wappen erschien über den beiden Kreuzen die Königskrone der Jagiellonen-Dynastie.
Im Jahr 1525 säkularisierte Sigismund I. den Deutschen Orden, dessen Staat fortan zum Herzogtum Preußen wurde. An die Spitze des weltlichen Staates trat der ehemalige Hochmeister des Ordens, Albrecht, der dem polnischen König den Lehnseid leistete.
DAS GOLDENE ZEITALTER VON GDAŃSK
Die Renaissance erreichte Danzig, wie ganz Polen, bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Ihr folgte die Reformation, die einen neuen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse mit sich brachte, den Aufstieg des Patriziats beschleunigte und zu einer Reform des Bildungswesens führte. Immer mehr junge Leute gingen zum Studium ins Ausland – nach Paris, Wien, Bologna. Die ehemaligen Studenten kehrten mit einer neuen Weltanschauung in die Heimat zurück. Aus ganz Europa kamen Maler, Bildhauer und Architekten in die Stadt.
In Danzig brach die große Epoche des Goldenen Zeitalters an. Kunst und Architektur erhielten eine Fülle von Impulsen. König Sigismund I. der Alte liebte die Kunst sehr und förderte neue Talente nach Kräften. Für das gesamte polnisch-litauische Königreich wurde die Regierungszeit des Königs und seines Sohnes Sigismund II. August zu einem wahren „Goldenen Zeitalter“. Der König griff als Erster die neuen Strömungen der Zeit auf und ließ die alte Königsresidenz auf dem Krakauer Wawel im modernen Stil umbauen; dafür holte er den Florentiner Architekten Bartolomeo Berrecci ins Land.

Neben Krakau zählte auch Gdańsk zu den bedeutendsten Zentren der Renaissancekultur in Polen.
Die Tendenzen der Renaissance zeigten sich hier vor allem in der Bildhauerei und der Architektur – beim Bau von Palästen, Bürgerhäusern und Rathäusern –, nicht zuletzt dank niederländischer und deutscher Meister. Seite an Seite mit ihnen arbeiteten einheimische Baumeister, die alle Neuerungen der Renaissancearchitektur aufnahmen und mit den örtlichen Traditionen verbanden.
Ein Bauwerk in bester Renaissancetradition ist das mehrgeschossige Löwenschloss in der Langgasse. Errichtet wurde es 1569 von dem Architekten Hans Kramer, der es mit zwei Löwenskulpturen schmückte. Wer sie geschaffen hat, ist unbekannt. Vermutlich stammen sie vom Beischlag eines Gebäudes, das einst an der Stelle des Palais stand und der recht wohlhabenden polnischen Familie Zierenberg gehörte. Im 17. Jahrhundert ging das Löwenschloss an die Herren Schwarzwald über, die gesellschaftliche Empfänge und Bälle liebten. Bei ihnen stieg sogar der polnische König Władysław IV. ab, als er Danzig 1636 besuchte.

Renaissance
Die Epoche der kulturellen Blüte – mit anderen Worten die Wiedergeburt – begann im 14. Jahrhundert in Italien und erreichte im 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt. In dieser Zeit strebt die Kunst nach einer realistischen Darstellung der Wirklichkeit und löst sich von der mittelalterlichen Stilisierung und Zeichenhaftigkeit. In der Gesellschaft bildete sich die Vorstellung von einer in der Natur herrschenden Harmonie und vom Menschen als Krone der Schöpfung heraus. Es entstand die Philosophie des Humanismus, die die Rolle des Individuums aufwertete. Der Begriff „Renaissance“ selbst bezeichnet die Wiedergeburt antiker Traditionen auf der Grundlage des christlichen Weltbildes. Die berühmtesten Namen dieser Epoche sind Sandro Botticelli, Piero della Francesca, Leonardo da Vinci, Raffael Santi und viele andere.
Ein weiteres Werk Hans Kramers ist das achtgeschossige Englische Haus, auch Engelshaus genannt, das ebenfalls im Renaissancestil errichtet wurde. Der mächtige Bau ist mit Skulpturen geschmückt, und zur optischen Gliederung der Geschosse dienen Zierkarniese. Der Eingang ist als Triumphbogen mit seitlichen kannelierten Säulen gestaltet.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte sich ein Kreis gebildeter Menschen herausgebildet, dank dem die Kunst der Renaissance Einzug in den Artushof hielt – den Versammlungsort der Patrizierbruderschaften, die keine Kosten für die prachtvolle Ausstattung ihres Sitzes scheuten. Die teuersten und seltensten Kunstwerke wurden gemeinschaftlich erworben. Kollektives Mäzenatentum war gang und gäbe und eine Ehrensache.
Der Ursprung des Hofes selbst geht auf das mittelalterliche europäische Ritterepos zurück – auf den tapferen keltischen König Artus. Das Symbol der Brüderlichkeit und Gleichheit – König Artus’ Tafelrunde, an der sich alle Ritter als Gleiche fühlten – inspirierte zum Bau des Artushofes, der als offizielles Kaufmannshaus diente. Später wurde der Hof zu einem wichtigen Mittelpunkt des gesellschaftlichen und geschäftlichen Lebens im alten Danzig. Den Eingang bewachten Löwen, die das Stadtwappen hielten.
Das Innere des Artushofes war prachtvoll: Gemälde der größten Meister, Schiffsmodelle und der mit über 10 Metern größte Kachelofen der Welt. Die Figuren auf den Kacheln stellen reale historische Persönlichkeiten dar. Der Schöpfer des Ofens, Georg Stelzener, errichtete ihn 1545 als bedeutendes dekoratives Element der Innenausstattung. Ob er jemals seinem eigentlichen Zweck diente, ist unbekannt – denn alle Versuche, den Saal mit ihm zu beheizen, endeten mit einer Reparatur.
Berühmt war Gdańsk auch für seine Holzschnitzer. Die Möbel von erlesener Schönheit, die Treppe und die mit Schnitzwerk verzierten Bänke im Inneren des Hofes sind ihr Werk. Die geschnitzten Details (Kapitelle, Bilderrahmen) fertigten die Danziger Schnitzer Meister Paul und Adrian Karffycz.
Jeder Bruderschaft war ein eigener Bereich zugewiesen. Und jede setzte alles daran, ihn nicht weniger prächtig auszuschmücken als die anderen. Die weltlichen Mäzene wetteiferten miteinander und schmückten die Wände des Hofes mit Werken berühmter Meister – überwiegend mit religiösen Motiven. Von den historischen Gemälden jener Zeit ist nur eines bekannt: „Die Belagerung der Marienburg im Jahr 1460“ von Martin Schoninck. Der Maler schuf es 1533 im Auftrag einer der Bruderschaften, die an der Belagerung und Einnahme der Festung teilgenommen hatten.
Die Fassade des Gebäudes wurde seit dem Ende des 15. Jahrhunderts mehrmals umgestaltet – nicht ohne Mitwirkung italienischer Meister. 1618 erhielt sie schließlich die Gestalt, die ihr Abraham van den Blocke verlieh. Nach den Zerstörungen von 1945 wurde die Fassade des Artushofes nach diesem Vorbild wiederaufgebaut.
Im neuen Stil wurden in Danzig häufig alte gotische Gebäude und Adelshäuser entweder umgebaut, oder man schmückte ihre Fassaden mit Skulpturen und fantasievollen Ornamenten. Mitunter zwang die Konkurrenz unter den Patriziern die Architekten, den Schwerpunkt stärker auf äußere Effekte zu legen und dabei nicht nur Originalität, sondern auch eine gewisse verschnörkelte Überladenheit zur Schau zu stellen. Es entstanden eigenwillige, unverwechselbare Häuser, verputzt und in verschiedenen Farben gestrichen. Man vermutet, dass damals sogar die Fassaden des Rechtstädtischen Rathauses und der Marienkirche bemalt waren. Außerdem war es Mode, die Fassaden mit Skulpturen zu schmücken und mitunter regelrecht zu „überfrachten“. Die Besitzer nahezu jedes Hauses wollten es mit einer antiken oder mythischen Figur bekrönen, etwa mit einem römischen Krieger oder einer altgriechischen Göttin.
In ihrer Begeisterung für das Dekor verletzten die Architekten die harmonische Ausgewogenheit der Renaissance – ein Wesenszug, der vor allem für den Manierismus kennzeichnend ist. Da die Manieristen auch fern ihrer Heimat arbeiteten und bauten, verbreitete sich der Stil von Italien aus über ganz Europa. Danzig bildete in dieser Hinsicht keine Ausnahme.

Als typischstes und ausdrucksstärkstes Bauwerk des Manierismus in Gdańsk gilt das backsteinerne Grüne Tor. Es wird einem gewissen Regnier aus Amsterdam zugeschrieben.
Der Meister arbeitete unter der wachsamen Aufsicht des Stadtbaumeisters Hans Kramer, des Schöpfers eines der eindrucksvollsten Bauwerke der Stadt, des Hohen Tores (auch Oberes Tor genannt). Dessen Bildhauerschmuck entwarf und schuf der berühmteste Bildhauer der Stadt, der aus Flandern stammende Willem van den Blocke. Durch dieses Tor zog der Zug des polnischen Königs auf den Königsweg und weiter zum Goldenen Tor, das von allegorischen Figuren bekrönt ist. Es gilt seinerseits als Musterbeispiel sowohl des Klassizismus als auch des Manierismus. An der Fassade des Tores stehen die Worte „Frieden, Freiheit, Wohlstand, Ruhm“, auf der Stadtseite „Klugheit, Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Eintracht“. An der Ostwand prangt eine alte Weisheit in lateinischer Sprache: „In Eintracht blühen kleine Staaten auf, in Zwietracht verfallen große.“ An der Westwand steht ein Segenswunsch auf Deutsch: „Möge das Glück jene begleiten, die dich lieben, auf dass Friede in deinen Mauern sei und Wohlergehen in deinen Palästen.“ In den Jahren 1612–14 entwarf und errichtete Willem van den Blockes Sohn Abraham, der Hauptbildhauer der Stadt, dieses Tor gemeinsam mit dem Baumeister Jan Strakowski.
Meisterwerke des niederländischen Manierismus sind die Peinkammer, ein einstiges gotisches Tor, das Jan van Oppberhem umbaute, und das Zeughaus, in dem nicht nur Waffen und Munition, sondern auch Festdekorationen, Skulpturen und anderes mehr aufbewahrt wurden. Im nahe gelegenen Strohturm lagerte man Schießpulver, und im benachbarten Gebäude der Alten Apotheke wurden Kugeln gegossen.

Manierismus
Der Manierismus (von italienisch maniera – Art, Manier) ist ein westeuropäischer Stil in Literatur und Kunst des 16. und des ersten Drittels des 17. Jahrhunderts. Kennzeichnend für ihn ist der Verlust der Harmonie der Renaissance zwischen Leiblichem und Geistigem, zwischen Natur und Mensch. Als Wegbereiter des italienischen Manierismus gelten Giulio Romano, Jacopo Pontormo, Domenico Beccafumi und Francesco Parmigianino. Das Aufkommen dieses Stils wird mitunter mit einem gesellschaftlichen Niedergang in Verbindung gebracht, der sich vor dem Hintergrund der erhabenen Renaissance besonders deutlich abhebt. Nach Danzig gelangte der Bazillus des Manierismus, wie so vieles andere, aus Holland.
Die Innenräume des Zeughauses waren mit Waffen geschmückt – mit Kanonen, Haubitzen, Mörsern und Kanonenkugeln. Hier wurde, wie in einem Museum, eine riesige Menge an Helmen, Harnischen, Steinschleudermaschinen und anderem militärischem „Spielzeug“ verwahrt. Die Geschichte des Zeughauses unterscheidet sich kaum von der anderer historischer Bauten. Vermutlich im Jahr 1599 wurde der Entwurf des Architekten Anthonis van Obbergen angenommen. Im Jahr 1600 rissen die Arbeiter für den Bau des Zeughauses ein altes Gebäude ab und begannen, die Baugrube für das Fundament auszuheben. Genau zu dieser Zeit brach eine schreckliche Seuche aus, die 17.000 Menschenleben forderte. Die Arbeiten wurden natürlich unterbrochen. Um das Versäumte aufzuholen, beschloss der Stadtrat, Maurer aus Lübeck zu holen und Arbeiter aus den örtlichen Werkstätten auf die Baustelle zu schicken. Nach fünf Jahren waren die Arbeiten abgeschlossen, doch an der Fassade wurde vermutlich noch etwa vier Jahre gearbeitet.
Durch Pracht und Schönheit besticht das Goldene Haus, das Abraham van den Blocke in den Jahren 1609–1614 im Stil der Renaissance und des Frühbarocks im Auftrag des Bürgermeisters und großzügigen Danziger Kunstmäzens Johann Speymann errichtete. Seine Fassade zeichnet sich durch Reichtum und Raffinesse aus. Geschmückt mit Vergoldungen und Skulpturen des Meisters Johann Voigt aus Rostock, macht das Haus seinem Namen tatsächlich alle Ehre. Auch eine eigene Legende hat es.
In den Fluren des Hauses erscheint bisweilen der Geist Judiths, der schönen Gattin des Bürgermeisters, und flüstert: „Handle gerecht, fürchte niemanden.“
Bei der Gestaltung der Hausfassaden diente Steinskulptur entweder als dekoratives Element oder bedeckte die Wandfläche vollständig. Den wohlhabenden Danzigern gefiel diese Tradition so sehr, dass sie sogar miteinander zu wetteifern begannen. Da die Häuser mit der Zeit geradezu überladen geschmückt waren, kamen schließlich auch die steinernen Beischläge an die Reihe. Steinmetzarbeiten waren ein äußerst kostspieliges Vergnügen, einen solchen Luxus konnten sich nur recht vermögende Leute leisten. Dafür gab es Meister mehr als genug, die jeden Wunsch des Auftraggebers erfüllen konnten. Und ihre Dienste nahmen nicht nur polnische Bürger in Anspruch, sondern auch Ausländer.
Die französische Architektur übte natürlich Einfluss auf die Danziger Schule aus, doch keinen so starken wie die niederländische. Vielleicht lag der Grund in den früheren engen Beziehungen beider Staaten – die Niederlande waren im 15. Jahrhundert der größte Handelspartner Danzigs. Zudem kam es vor, dass Holländer für immer hierher übersiedelten. Und es lockten sie nicht nur der hohe Wohlstand der Stadt, die Glaubensfreiheit und ein ordentlicher Verdienst. Der Köder für Tausende reicher Holländer war – so seltsam es klingen mag – gerade die Möglichkeit, Häuser im neuen Stil umzubauen, und die Freiheit, diesen Stil selbst zu wählen. Zumal hier viele Steinmetzmeister tätig waren, darunter auch flämische. Gute Geschäfte machte zum Beispiel Willem van der Meer aus Gent, bekannt durch seine Arbeit am Kamin für den Großen Ratssaal im Rechtstädtischen Rathaus und durch die Ausschmückung steinerner Fassaden in der Altstadt. Dem Flamen Willem van den Blocke, der in seiner Heimat in der Werkstatt seines Lehrers Cornelis Floris gearbeitet hatte, gelang es sogar, für immer in Danzig zu bleiben. Am 18. Juni 1584 reichte er beim Stadtrat ein Gesuch ein, in dem er sein Können in den höchsten Tönen pries. Und er erreichte tatsächlich, was er wollte: Er erhielt das außergewöhnliche Privileg, ohne Annahme des Bürgerrechts arbeiten zu dürfen.
„Danzig im 17. Jahrhundert“. Wojciech Gerson, 1865.
Besonders hervorgetan hat sich Willem bei der Anfertigung prunkvoller Grabmäler. Ruhm erlangte er, nachdem er für die Marienkirche das erste steinerne Monument der Neuzeit geschaffen hatte, das das Patriziat verherrlichte – das Grabmal Johann Brandes'. Nach dieser Arbeit überhäuften ihn die Aufträge geradezu.
Van den Blocke beherrschte das ABC der Ornamentmotive meisterhaft, was er Floris und dem Schöpfer des manieristischen Ornaments Hans Vredeman de Vries verdankte. Die Notwendigkeit, sich der Tradition der polnischen Grabskulptur anzupassen, führte in seiner Werkstatt zur Entstehung von „Werken ganz eigener Prägung, die weder für die Niederlande noch für Polen typisch sind – mit einem Wort: Danziger Werke“, so schreiben Kunsthistoriker über Meister Willem. Im Unterschied zu seinem Vater erwarb Abraham van den Blocke seinen Ruhm jedoch mit barocken Werken. Und das ist bereits das silberne Zeitalter, für das es zahlreiche Beispiele in einer der gemütlichsten alten Straßen gibt – der Frauengasse, die nicht nur ihr altes Erscheinungsbild, sondern auch ihre Funktion als Wohnstraße bewahrt hat. Hier stehen Gotik, Manierismus und Barock friedlich nebeneinander.

Barock
Barock bedeutet, aus dem Italienischen übersetzt, „bizarr“, „zu Übertreibungen neigend“ – und zwar in der gesamten Kunst, in der Architektur aber ganz besonders. Als Heimat dieses Stils gilt gemeinhin Italien. Die Epoche des Barocks stellte sich von Anfang an dem Klassizismus und dem Rationalismus entgegen. Glaubt man der allgemein verbreiteten Auffassung, so gab es drei Hauptfaktoren, die die Herausbildung der Barockkultur in den Ländern Westeuropas bestimmten: der rasche Wandel der naturwissenschaftlichen und geographischen Vorstellungen von der Welt, die zunehmende Komplexität der Säulenordnungen in der Architektur und die Bewegung der Gegenreformation in der katholischen Kirche. Der neuen Ideologie mussten auch neue Formen in der Kunst entsprechen, und diese ließen nicht lange auf sich warten.
Wegen der außergewöhnlich großen Beliebtheit der dekorativen Skulptur traten in der Renaissance in Danzig alle anderen Kunstgattungen gleichsam in den Hintergrund.
VON NAPOLEON BIS WESTERPLATTE
Den Höhepunkt seiner Macht erreichte Polen unter der Herrschaft des letzten Königs aus der Dynastie der Jagiellonen, Sigismund II. August (1548–1572). 1561 kam Livland zum Königreich hinzu. Und mitten im Livländischen Krieg gegen Russland wurde die polnisch-litauische Personalunion am 1. Juli 1569 durch die Lubliner Union ersetzt. Der vereinigte polnisch-litauische Staat erhielt den Namen Rzeczpospolita. Die Städte entwickelten sich weiter. Über polnisches Gebiet verliefen europäische Handelswege, was die Blüte der großen Häfen an der Ostseeküste begünstigte – und allen voran Danzigs.
Die folgenden Jahrhunderte waren in Europa von Kriegen und Konflikten belastet, die auch Polen nicht verschonten.
Im Jahr 1654 dankte Königin Christina von Schweden zugunsten ihres Cousins Karl X. Gustav ab, und die neue Regierung griff in den Russisch-Polnischen Krieg ein. Das Hauptziel bestand nicht nur darin, das russische Heer zu schwächen, sondern auch darin, die Ostsee in einen „schwedischen See“ zu verwandeln, wodurch Schweden den Handel in der Region vollständig hätte kontrollieren können. 1655 fielen die Schweden in Polen ein. Dieser Krieg ging als „Schwedische Sintflut“ in die Geschichte ein. Innerhalb von drei Jahren wurden alle großen polnischen Städte geplündert, fast die Hälfte der Polen kam ums Leben. Das Blut floss in Strömen. Dann fiel die schwedische Armee über die Dänen her, kehrte erneut nach Polen zurück und zog anschließend weiter in die Ukraine … So entvölkerten die zivilisierten Nachfahren der Wikinger fast ein Drittel Europas. Am 3. Mai 1660 wurde in Oliva, einem Vorort von Gdańsk, der Friedensvertrag unterzeichnet, der diesem blutigen Krieg ein Ende setzte.
1733 begann ein neuer Krieg – der Polnische Thronfolgekrieg. Am 1. Februar starb August II. der Starke, König von Sachsen und Polen, was zu einem Kampf um den polnischen Thron führte: zwischen dem Kandidaten Frankreichs, Stanislaus I. Leszczyński, der bereits von 1704 bis 1709 König von Polen gewesen war, und dem Sohn Augusts II. des Starken, dem sächsischen Kurfürsten August dem Sachsen. Am 12. September wurde auf dem Warschauer Wahlsejm nach einer Spaltung zwischen den Parteien Stanislaus I. Leszczyński zum König von Polen gewählt. Seine Gegner sammelten Abteilungen bewaffneter Szlachta, baten Russland um Hilfe und wählten am 24. September ihren eigenen Kandidaten auf den polnischen Thron – August den Sachsen. So bildeten sich in Europa zwei Koalitionen: Sachsen, Österreich, Russland und ihre polnischen Verbündeten gegen Frankreich, Spanien, Sardinien, Bayern und ebenfalls deren polnische Verbündete.
1734. Belagerung Danzigs durch russische Truppen.
Im Juli 1733 besetzten die Russen Warschau und rückten auf Danzig vor, doch einnehmen konnten sie die Stadt erst Ende Juni des folgenden Jahres. Am 3. Oktober 1735 endete der Polnische Thronfolgekrieg mit einem Waffenstillstand. Stanislaus Leszczyński flieht, als einfacher Bauer verkleidet (anderen Angaben zufolge in Frauenkleidern), aus Gdańsk zunächst nach Marienwerder (Kwidzyn) und von dort nach Königsberg, wo er anschließend fast ein Jahr lang lebt. Am 8. November 1738 unterzeichneten Österreich und Frankreich in Wien einen Friedensvertrag, und Stanislaus I. Leszczyński musste den Thron August dem Sachsen überlassen. Spanien erhielt von Österreich Neapel und Sizilien, und Sardinien riss den westlichen Teil der Lombardei an sich. Russland wiederum festigte seine Stellung in Polen und drängte Frankreich und Österreich zurück.

„Schwedische Sintflut“
1655 beschlossen die Schweden, die Schwächung der Rzeczpospolita auszunutzen, und fielen in polnisches Gebiet ein. Innerhalb von sechs Monaten gelang es der schwedischen Armee, den größten Teil Polens und Litauens zu erobern. Die „Schwedische Sintflut“ schwächte die polnische Wirtschaft schwer, doch die Bevölkerung der Rzeczpospolita leistete den Eroberern erbitterten Widerstand. Es bildeten sich Partisanenverbände, die sehr erfolgreich kämpften, obwohl die schwedischen Truppen zahlenmäßig deutlich überlegen waren. Die historischen Ereignisse rund um den schwedischen Einfall bilden die Grundlage des historischen Romanepos „Sintflut“ des berühmten polnischen Schriftstellers Henryk Sienkiewicz, das 1886 erschien. „Sintflut“ ist der zweite Teil einer dreibändigen Trilogie, zu der außerdem die Romane „Mit Feuer und Schwert“ und „Pan Wołodyjowski“ gehören.
1793 fiel Gdańsk infolge der Zweiten Teilung Polens erneut an Preußen. Eine Krise setzte ein. Viele Alteingesessene – Polen – zogen in alle Himmelsrichtungen fort, und auf ihr Land kamen Deutsche, die alte Gebäude abrissen und die Stadt nach ihren eigenen Traditionen neu zu bebauen begannen.
Unterdessen schmiedete Napoleon bereits seine weitreichenden Pläne … Der größte strategische Hafen an der Ostsee lag in seinem Interessenbereich. In einem Brief an Marschall Lefebvre vom 18. Februar 1807 gestand er dies ein: „Ihr Ruhm ist mit der Einnahme Danzigs verbunden. Sie müssen dorthin aufbrechen.“
Im März 1807 drängte François-Joseph Lefebvre, Marschall des französischen Kaiserreichs, die preußischen Truppen aus der Umgebung Danzigs zurück. Sein Korps aus Franzosen, Badenern, Sachsen und Polen war der Danziger Garnison zahlenmäßig deutlich überlegen; zu dieser gehörten neben preußischen und polnischen Soldaten auch drei russische Bataillone und drei Kosakenregimenter. 27 000 Mann gegen 17 000. Die Vorbereitungen der Franzosen zur Einnahme der Stadt kamen kaum voran. Lange warteten sie auf den Nachschub an Belagerungsartillerie – Regen und aufgeweichte Wege verzögerten den Transport. Am meisten aber setzte ihnen das unablässige Feuer der Danziger Garnison zu, die vom preußischen Feldmarschall Graf Kalckreuth und dem russischen Fürsten, Generalmajor Alexej Grigorjewitsch Schtscherbatow, befehligt wurde.
Die auf dem Weg nach Danzig steckengebliebene französische Artillerie traf erst am 13. April ein, und Lefebvre ging zum Angriff über, wobei er die Stadt mit 78 Geschützen beschoss. Die Aufforderung zur Kapitulation wies die Führung der Garnison zurück. Unterdessen nahmen die Franzosen die Insel Holm ein, um die Verbindung der Stadt zum Meer abzuschneiden. Die dort stationierten preußischen und russischen Einheiten wurden überrumpelt und geschlagen.
Durch den ständigen Beschuss brannte Danzig nieder. Die Garnison hielt zwar stand, doch ihre Kräfte gingen zur Neige. Munition und Lebensmittel wurden knapp. Napoleon hatte Lefebvre bereits Verstärkung geschickt – das 15 000 Mann starke Korps von Marschall Jean Lannes. Doch am 29. April keimte auch im belagerten Danzig Hoffnung auf: An den Mündungen der Weichsel erschienen die Schiffe von Generalmajor Nikolai Michailowitsch Kamenski. Am 3. Mai griffen sie die Franzosen auf der Insel Holm an, wurden jedoch aufgehalten. Auch Lannes warf frische Kräfte in den Kampf. Eine englische Fregatte, die mit Kamenski gekommen war, konnte wegen des starken Gegenwinds nicht in die Weichsel einlaufen und den Angriff unterstützen. Man beschloss den Rückzug. An Graf Levin August von Bennigsen, den Oberbefehlshaber der russischen Armee, schrieb Kamenski, mit so geringen Kräften sei es unmöglich, nach Danzig durchzubrechen, nicht einmal auf dem Wasserweg.
Doch Danzig brauchte Unterstützung. Man beschloss, auf einem Segel- und Ruderschiff 300 Zentner Schießpulver, 200 Zentner Hafer und 50 preußische Jäger über die Weichsel zu schicken. Doch wieder ein Fehlschlag: Die Franzosen eröffneten das Feuer und beschädigten das Segel. Auch die Ruderer wurden getroffen, das Schiff wurde vollends manövrierunfähig und lief auf Grund. Lefebvre bot erneut die Kapitulation an, doch General Schtscherbatow lehnte ab und erklärte, die Garnison werde sich bis zum letzten Mann verteidigen, sofern man ihr nicht gestatte, die Festung mit militärischen Ehren und Waffen zu verlassen und sich mit der russischen Armee zu vereinigen. Napoleon würdigte diese Haltung und willigte in den freien Abzug der Garnison ein. Allerdings unter einer Bedingung: ein Jahr und einen Tag lang nicht gegen die Franzosen zu kämpfen.
1807. Belagerung Danzigs. P.J. Fill, 1807 (gedanopedia.pl).
Die Belagerung der Festungsstadt dauerte 52 Tage, bis zum 27. Mai 1807. Am 21. Juli schuf Napoleon dann einen halbautonomen Staat, die Freie Stadt Danzig oder Danziger Republik – mit all ihren Besitzungen an der Weichselmündung und der Halbinsel Hela. Zum Gouverneur wurde General Jean Rapp ernannt, der die französische Garnison befehligte.
Seit der Einnahme der Stadt bauten die Franzosen ihre Befestigungen aus und errichteten neue Forts und Lünetten. Zu dieser Zeit war Danzig eine uneinnehmbare Festung, umgeben von einem Wall mit 22 Bastionen und einem Wassergraben.
Am 2. Januar 1813 erreichten Kosakenpatrouillen Platows die Stadt, und am 9. begannen sie mit ihrer Blockade. Eine Woche später stieß die Infanterie der Generäle Fabian von Steinheil und Friedrich von Löwis zu ihnen. Ein Sturm auf die Festung fand jedoch nicht statt, da er als unzweckmäßig galt. Im Frühjahr rückten die Truppen des Herzogs Alexander von Württemberg vor die Stadt, und erst dann begannen die Vorbereitungen zu einer „regelrechten“ Belagerung der Festung.
Das Hauptproblem der Russen war der Mangel an schwerer Belagerungsartillerie. Hilfe kam aus Preußen, das fünfzig Geschütze bereitstellte, und der Verbündete England stellte nicht nur mehr als hundert Haubitzen, Mörser und schwere Kanonen, sondern auch mehrere Kriegsschiffe zur Verfügung. Der Verbündete war an der Einnahme Danzigs interessiert – so hätte er Zugang zu einem weiteren gut ausgestatteten Hafen erhalten. Mit der englischen Hilfe traf auch eine Abteilung reitender Artillerie ein, die mit einer völlig neuen Waffe ausgerüstet war, konstruiert von Oberst William Congreve.
1813. Russische Truppen beschießen Danzig mit englischen Raketen.
Die sogenannten Congreve-Raketen erprobten die Briten erstmals 1806 bei Angriffen auf den französischen Stützpunkt in Boulogne, doch ihre Wirkung fand man damals wenig überzeugend. Daraufhin verbesserte der Konstrukteur seine Erfindung und erreichte eine Fluggeschwindigkeit der Rakete von 330 Kilometern pro Stunde bei einer Reichweite von bis zu drei Kilometern. Congreve gelang es, die Kaliber der Raketen an die Kaliber der Geschütze anzugleichen, wobei die schweren Raketen die Bezeichnung „Zoll-Raketen“ erhielten. Die Kraft der neuen Waffe erprobte Congreve an Kopenhagen, wo drei Viertel der Stadt in Flammen aufgingen.

Das Wappen von Gdańsk
Das heute gültige Wappen erhielt Gdańsk am 25. Mai 1457, zugleich mit dem Magdeburger Recht, das der polnische König Kasimir Jagiellończyk der Stadt verlieh. Die Macht des polnischen Königs symbolisiert die goldene Krone ganz oben im roten Feld (Rot ist die traditionelle Farbe der Hansestädte). Darunter stehen senkrecht übereinander zwei silberne Malteserkreuze des heiligen Johannes, die an die deutschen Ritter erinnern, deren Nachkommen sich in der Stadt niederließen. Im 18. Jahrhundert diente das Danziger Wappen als Familienwappen der Grafen Scheremetew. Einer Legende zufolge stammte ihr Ahnherr, ein gewisser prußischer Woiwode, aus Pommern. Das große Wappen von Gdańsk wird durch zwei goldene Löwen als Schildhalter ergänzt, und auf einem goldenen Band darunter steht der lateinische Wahlspruch: Nec temere nec timide (Weder unbesonnen noch furchtsam). In der modernen Fassung kam hinzu: GDAŃSK — city of freedom. (Aus naheliegenden Gründen können wir hier keine Übersetzung anführen – Anm. d. Red.)
Als Nächstes war Danzig an der Reihe. Rund 200 Raketen wurden auf die Stadt abgefeuert, doch die erhoffte Wirkung blieb aus. „Die englischen Artilleristen schossen, eher zur Probe als zur Wirkung, einige sogenannte Congreve-Raketen in die Stadt, die zwar viel Lärm, aber wenig Nutzen brachten“, sagte Baron Steinheil nach dem Fehlschlag dieser Aktion. Auch die Franzosen spotteten über den Misserfolg. Doch am 18. Oktober war ihnen das Lachen bereits vergangen. „…um sieben Uhr morgens feuerten sie von vier Batterien aus eine gewaltige Menge Brandraketen, Bomben und glühender Kugeln ab … An sieben oder acht Stellen brach Feuer aus, jedoch ohne Folgen. Gegen Mittag stellten die Russen den Raketenbeschuss ein, schickten aber weiterhin Bomben und glühende Kugeln auf größte Entfernung, sodass sie bis zur Speicherinsel niedergingen … Eine solch außergewöhnliche Reichweite hatte sich niemand vorstellen können. Die Beschießung dauerte die Nacht vom 18. auf den 19. und den ganzen folgenden Tag an“ – so zitiert Nikolai Rogoschan in seiner Veröffentlichung „Der Einsatz von Raketenwaffen bei der Belagerung Danzigs 1813“ den französischen Ingenieurhauptmann Prosper-Honoré d'Artois aus dessen „Bericht über die Verteidigung Danzigs im Jahr 1813“.
Überall loderten Brände. Die Speicher mit den wichtigsten Lebensmittelvorräten der Stadt brannten nieder. Man gab den Congreve-Raketen die Schuld an allem. Und sie prasselten weiter auf Danzig nieder. Die Kräfte der Franzosen waren endgültig gebrochen. Vor der Übergabe der Festung verteilte Rapp die Lebensmittelvorräte und ließ Waffen und Munition vernichten. Am 29. November wurde die endgültige Kapitulation unterzeichnet.
In seinem offiziellen Bericht meldete Rapp: „Als uns nach siebenmonatiger Blockade und dreimonatiger Belagerung der Hunger zur Übergabe zwang, stand der Feind der Festung nicht näher als wir im Jahr 1806 bei den ersten Spatenstichen.“
Am 2. Januar 1814 streckte die französische Garnison die Waffen. 14 Generäle und 15.000 Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Polen und Deutsche wurden nach Hause entlassen, 9.000 Franzosen wurden gefangen genommen und nach Russland gebracht, schreibt der Historiker Alexander Michailowski-Danilewski in seiner „Beschreibung des Krieges von 1813“. 1815 fiel die Stadt infolge des Wiener Kongresses an Preußen zurück.
Das folgende halbe Jahrhundert wird gemeinhin als Zeit der großen Krise, des Niedergangs und des wirtschaftlichen Zusammenbruchs Danzigs bezeichnet. Erst die Mitte des 19. Jahrhunderts brachte positive Veränderungen. 1852 entstand die erste Eisenbahnlinie, die die Küste mit Bromberg (poln. Bydgoszcz), Schneidemühl (Piła), Thorn (Toruń) und Hohensalza (Inowrocław) verband. 1871 erhielt Danzig ein modernes Wasserleitungs- und Kanalisationssystem. Zur selben Zeit kam auch das erste städtische Verkehrsmittel auf – die Pferdebahn. Bis zur Inbetriebnahme der elektrischen Straßenbahn sollten nur noch 25 Jahre vergehen.
Illustration von Gustav Schönleber aus dem Buch „Wanderungen an der Nord- und Ostsee“.
1914 entfesselte Deutschland den Ersten Weltkrieg und verlor ihn. Pommern blieb vom Krieg verschont, doch Danzig geriet erneut in den Brennpunkt der Ereignisse.
In allen Ländern, die gegen Deutschland Krieg geführt hatten, liefen die Vorbereitungen für den Abschluss des Versailler Friedensvertrags, dessen zahlreiche Bestimmungen ernsthafte Meinungsverschiedenheiten hervorriefen. Die Siegermächte schickten sich an, Deutschland in Stücke zu reißen und seine Kolonien unter sich aufzuteilen.
Die Konferenz wurde auf den Tag genau und im selben Spiegelsaal des Schlosses von Versailles bei Paris eröffnet, in dem 1871 die Gründung des Deutschen Kaiserreichs proklamiert worden war. Den Ton gaben die Staatsführer der USA (Präsident Woodrow Wilson), Großbritanniens (Premierminister David Lloyd George) und Frankreichs (Präsident Raymond Poincaré und Premierminister Georges Clemenceau) an.

Der Völkerbund
Die internationale Organisation Völkerbund wurde 1919–1920 auf Initiative und Forderung des 28. US-Präsidenten Thomas Woodrow Wilson vor der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrags in Paris gegründet. Ab dem 28. September 1934 gehörten ihm 58 Staaten an. Mit seinen Zielen – Abrüstung, Verhütung von Kriegen, Gewährleistung kollektiver Sicherheit, Beilegung von Streitigkeiten zwischen Staaten auf dem Weg diplomatischer Verhandlungen, Verbesserung der Lebensqualität auf der Erde – ist er der Vorläufer der heutigen UNO. 1946 stellte der Völkerbund seine Tätigkeit ein. Die Grundsätze einer friedlichen Gemeinschaft der Völker formulierte erstmals 1795 Immanuel Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“, in der er die Grundlagen eines künftigen Völkerbundes beschrieb und damit die Idee des Völkerbundes vorwegnahm.
Poincaré eröffnete die Konferenz mit einem Programm zur Zerstückelung Deutschlands. Wilson schlug jedoch vor, zunächst die Frage der Gründung eines Völkerbundes zu erörtern, der zu einem Hebel der Einflussnahme auf Europa werden konnte – auf ein Europa, das den Vereinigten Staaten, der einzigen Macht, die sich an jenem Krieg bereichert hatte, zehn Milliarden Dollar schuldete. Die Frage der deutschen Kolonien wollte Wilson im Rahmen des Völkerbundes lösen. Werde er nicht geschaffen, so meinte er, „wird die Welt sagen, die Großmächte hätten erst die wehrlosen Teile der Welt unter sich aufgeteilt und danach einen Bund der Völker gegründet“. Man beschloss, die Verwaltung der von Deutschland abgetrennten Gebiete auf Grundlage von Völkerbundmandaten fortgeschrittenen Nationen zu übertragen, die aufgrund ihrer Erfahrung und geografischen Lage eine solche Verantwortung übernehmen konnten. Wilson konnte die Bedingungen diktieren. Angesichts solcher Schulden war Europa zur Geisel geworden, der nichts anderes übrig blieb, als den Vorschlag ihres Gläubigers anzunehmen.
Die polnische Frage gehörte zu den Hauptthemen der Konferenz. Mitten in den Debatten erklärte Clemenceau: „Als die Frage der Bildung eines polnischen Staates aufgeworfen wurde, ging es nicht nur darum, eines der größten Verbrechen der Geschichte wiedergutzumachen, sondern auch darum, eine Barriere zwischen Deutschland und Russland zu errichten …“
Bei der Festlegung der Grenze zwischen den Staaten wurde vor allem die nationale Zugehörigkeit der Bevölkerung in den von Deutschland abzutrennenden Gebieten berücksichtigt. Gebiete mit unbestreitbar polnischer Bevölkerung sollten Polen zugeschlagen werden. Darüber hinaus war ursprünglich vorgesehen, Polen auch Danzig samt den an die Eisenbahnlinie angrenzenden Gebieten zurückzugeben. Während der Großteil Ostpreußens bei Deutschland verblieb, erhielt Polen einen Zugang zum Meer in Form eines Korridors, der durch deutsches Gebiet verlief. Die Regierungen der Entente-Staaten scheuten sich, Polen die westlichen Gebiete zurückzugeben, die Preußen zu verschiedenen Zeiten an sich gebracht hatte, da dies in Deutschland unweigerlich revanchistische Stimmungen hervorrufen und zum Auslöser eines neuen Krieges werden musste.
Schließlich beschlossen Lloyd George, Wilson und Clemenceau, Danzig zu einem eigenständigen staatlichen Gebilde zu machen – einer „Freien Stadt“. Dabei wurde auch darauf geachtet, dass der „Polnische Korridor“ möglichst wenige Gebiete mit deutscher Bevölkerung umfasste. Die polnische Delegation bedauerte daraufhin, dass der neue Status Danzigs den von den Führern der drei maßgeblichen Mächte versprochenen freien Zugang Polens zum Meer einschränke. Erst der Bau Gdingens machte ihn einigermaßen vollwertig.
So entstand im vergangenen Jahrhundert auf der Landkarte Europas erneut das bemerkenswerte staatliche Gebilde einer „Freien Stadt“, diesmal unter dem Protektorat des Völkerbundes. Mit Polen verband sie nur wenig – eine Zollunion sowie das Recht des Mutterlandes, Einrichtungen wie Schulen und Bibliotheken zu gründen und teilweise am öffentlichen Leben des neuen Gebildes teilzunehmen. Danzig erhielt die wesentlichen Merkmale der Souveränität: eine eigene Verfassung und eine eigene Währung, den Danziger Gulden. Deswegen schlug man in Berlin Alarm: Würde ausgerechnet diese eigene Währung nicht die Bande zu Deutschland zerreißen, dem doch so viel an der Wahrung der kulturellen Einheit von Freier Stadt und Reich lag?!
Karte der Freien Stadt Danzig mit den umliegenden Gebieten (owp-stiftung.de).
Zusammen mit seinen Vororten – Zoppot, Oliva und Tiegenhof (heute Nowy Dwór Gdański) – sowie den umliegenden 252 Dörfern und 62 Gehöften wurde die Freie Stadt aus dem Deutschen Reich herausgelöst, ohne jedoch Polen angegliedert zu werden. Die Deutschen lehnten diese Entscheidung entschieden ab. Die Polen gewährten Privilegien waren ihnen ein Dorn im Auge. Vor allem aber hatte niemand die Meinung der Danziger selbst berücksichtigt, unter denen die Deutschen die Mehrheit stellten: Auf den 1966 Quadratkilometern, die das Gebiet 1910 umfasste, lebten damals etwa 330.630 Menschen, davon 315.336 Deutsche und nur 9490 Polen. Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich dieses Verhältnis kaum.
„Der selbstherrliche Wille der Versailler Diktatoren hat die Oberhand gewonnen“, schrieben die deutschen Publizisten Heinrich Schnee und Hans Draeger in ihrem Beitrag „Zehn Jahre Versailles“. „Hier lebt eine Bevölkerung, die den Deutschen stammesverwandt ist. Sie hat um ihre alte Hansestadt gekämpft. Und alles wiederholt sich – wir haben dieselben Rivalen vor uns, die wollen, dass die Stadt erneut dem polnischen Reich einverleibt wird. Sie haben beschlossen, dem Volk Sprache und Kultur zu rauben. Das ist eine regelrechte Kolonisierung.“
Um die Darstellung der deutschen Seite zu widerlegen, legte Polen in Versailles Belege dafür vor, dass immerhin die Hälfte der Danziger Bevölkerung polnisch sei. Zum gleichen Schluss kamen in einem veröffentlichten Memorandum auch Universitätsprofessoren (Konopczyński, Bujak, Romer, Nitsch): Die Stadt müsse polnisch sein, da sie es ursprünglich gewesen sei. Allerdings mit einer Einschränkung – ohne politischen Druck von polnischer Seite.
Der polnische Dichter Adam Mickiewicz sagte damals: „Danzig, einst unser, wird wieder unser sein. Das ist der Traum aller Polen.“
In den Reden in Versailles war vom deutschen Geist und von deutscher Kultur die Rede: „Danzig ist der Kern der deutschen Nation.“ „Die Bevölkerung Danzigs legt einen Schwur ab: Was auch geschehen mag – mögen Stürme an unseren Schwellen toben, mögen man uns welche Gaben auch immer versprechen –, wir sind Deutsche und bleiben Deutsche. Wir geben alles, um der Kolonisierung und dem Anschluss an Polen zu entgehen. Wir werden kämpfen bis zu dem Tag, an dem wir wieder mit unseren Stammesbrüdern in einem Reich vereint sind – in einem einigen Deutschland.“
Die deutsche Seite beklagte, „die Väter des Versailler Vertrags sind Opfer polnischer Agitation und Geschichtsfälschung geworden“ und ließen außer Acht, welchen Aufschwung Danzig im letzten Jahrhundert genommen habe. Und was könnte Polen schon bieten? Alles zerstören, was die Deutschen so sorgfältig aufgebaut und eingerichtet hatten? Danzig werde den ohnehin armen Polen eine schwere wirtschaftliche Last aufbürden, die Zahl der Arbeitslosen werde steigen, das Land noch tiefer in den Niedergang geraten. Solche Prognosen stellten die Vertreter Deutschlands auf der Versailler Konferenz. Als Alternative wurde vorgeschlagen, Polen statt Danzig Königsberg zu überlassen oder einen anderen Zugang zum Meer über Ost- oder Westpreußen zu finden.

Der Versailler Vertrag
Der am 28. Juni 1919 im Schloss von Versailles in Frankreich unterzeichnete Vertrag beendete offiziell den Ersten Weltkrieg von 1914–1918. Seine Bedingungen waren nach langen geheimen Beratungen auf der Pariser Friedenskonferenz 1919–1920 ausgearbeitet worden. Auf der einen Seite unterzeichneten das Dokument die Siegermächte – die USA, das Britische Empire, Frankreich, Italien und Japan –, auf der anderen das kapitulierte Deutschland. Die Friedensverträge zwischen der Entente und den an der Seite Deutschlands kämpfenden Staaten wurden später unterzeichnet. An den Verhandlungen nahmen Delegierte aus 27 Ländern teil. Vertreter Deutschlands, Österreichs und Ungarns waren davon ausgeschlossen. Auch Russland saß nicht mit am Verhandlungstisch: Es war wegen des 1918 mit Deutschland geschlossenen Separatfriedens nicht zur Konferenz eingeladen worden, nach dessen Bedingungen die Deutschen einen beträchtlichen Teil der russischen Ressourcen und Gebiete erhalten hatten.
„Die Abtrennung Danzigs von Deutschland bedeutete für Polen eine äußerst bedeutsame Stärkung seiner Position – den Pommerschen Korridor. Polen wird alles aufs Spiel setzen, um zumindest den Status der Freien Stadt aufrechtzuerhalten, falls ihre vollständige Annexion (der Anschluss an Polen) nicht anerkannt wird“, schrieb der deutsche Historiker Karl Thalheim.
Dieser aus Sicht des Deutschen Reiches räuberische und demütigende Frieden pflanzte dem deutschen Volk den Traum von nationaler Wiedergeburt ins Bewusstsein und schuf alle Voraussetzungen für die Machtergreifung der Nationalsozialisten unter Hitler.
Nachdem er den Vertragstext gelesen hatte, sagte der französische Marschall Ferdinand Foch prophetisch: „Das ist kein Frieden, das ist ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre“...
Tatsächlich wurden die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen von Tag zu Tag gespannter. Schon in den ersten Monaten nach der Anerkennung Danzigs als Freie Stadt gingen beim Völkerbund von beiden Seiten Dutzende Eingaben zur Klärung strittiger Fragen ein. Die Polen verdrängten die Deutschen, die den größten Teil der Bevölkerung stellten.
Auch die Privilegien, die der Republik Polen durch Versailles und später durch das Warschauer Abkommen gewährt worden waren, schienen nicht zu genügen. In Danzig und in ganz Deutschland rollte eine Protestwelle wegen der Verlegung der polnischen Grenze. Die Stadt geriet in die Isolation. Die Befürchtung wuchs, Polen werde auch den südlichen Teil der Provinz an sich reißen. In einer ihrer Erklärungen verkündeten die Deutschen, sie würden „weitere Eroberungshandlungen nicht länger dulden“.
Polen versuchte wiederholt, seinen Einfluss auf die Freie Stadt auszuweiten, die naturgemäß ihre Autonomie verteidigte. Doch auch die polnischen Interessen wurden beschnitten. Nach den damals geltenden Bestimmungen durften polnische Beamte jederzeit mit dem Personalausweis, ohne Reisepass, nach Danzig einreisen. Wie alle Ausländer mussten sie sich jedoch bei der Polizei melden und den Zweck sowie die Dauer ihres Aufenthalts angeben. Andernfalls wurden sie als unerwünschte Personen ausgewiesen. Eine demütigende Lage. Die beste Lösung wäre der Anschluss der Stadt gewesen. Darum wurde gerungen – im Grunde ein psychologischer Krieg der Geheimdienste, und genau den fürchtete die deutsche Regierung: Die Abwehr war zu jener Zeit im Vergleich zum polnischen Nachrichtendienst schwächer und personell kleiner.
Die Deutschen empörte, dass die Polen offen aufwieglerische Kundgebungen veranstalteten, die „die Bevölkerung immer mehr aufhetzen, um sie auf den Krieg vorzubereiten“. Beide Seiten hatten keine größere Sorge als Danzig. Doch Deutschland hatte schlicht keine Mittel, um für die Stadt Krieg zu führen. Die Inflation stieg. Ab dem Sommer 1923 setzte eine Hyperinflation ein, wie sie die Geschichte noch nicht gekannt hatte. In den vier Monaten bis Ende November wuchs die Geldmenge um das 132.000-Fache, das Preisniveau um das 854.000-Fache, der Dollarkurs um fast das 400.000-Fache.

Der Umlauf an Reichsbanknoten näherte sich 100 Trillionen und erreichte Ende 1923 nach Angaben der Reichsbank fast 500 Trillionen Mark.
Im März des folgenden Jahres goss der Rat des Völkerbunds zusätzlich Öl ins Feuer: Er gestattete Polen, auf der Westerplatte ein Munitionsdepot einzurichten. Damit konnte Deutschland potenziell sogar der Zugang zum Danziger Hafen ganz versperrt werden. Gegen den Bau des Depots protestierten nicht nur die Einwohner, sondern auch der Danziger Senat und sogar die christlichen Kirchen. Einen Sturm der Entrüstung unter der Bevölkerung löste der sogenannte „Briefkastenputsch“ aus. In einer Januarnacht des Jahres 1925 hängten polnische Postbedienstete in verschiedenen Teilen Danzigs Briefkästen auf und eröffneten einen Dienst zur Annahme und Zustellung von Post – entgegen dem Versailler Vertrag. Dieser gestattete ihnen lediglich die Aufsicht über und die Verwaltung ihrer eigenen Post-, Telegrafen- und Telefonverbindung mit dem Danziger Hafen.

Adam Mickiewicz
In Polen gilt er als einer der größten Dichter der Romantik. Als einen der Ihren betrachten Adam Mickiewicz nicht nur die Polen, sondern auch die Belarussen und die Litauer. Er wurde am 24. Dezember 1798 im Dorf Zaosie im Kreis Nowogródek (in Belarus) des Gouvernements Wilna (Vilnius) im Russischen Kaiserreich geboren. Er besuchte die Dominikanerschule und absolvierte die Universität Wilna. Wie viele Studenten der Universität gehörte er dem geheimen patriotischen Bund der Philomaten an. Sein erstes Gedicht, „Städtischer Winter“, veröffentlichte Mickiewicz 1818 in der Wilnaer Zeitung Tygodnik Wileński. In den ersten, 1822 von Józef Zawadzki herausgegebenen Sammelband „Poesie“ gingen die „Balladen und Romanzen“ des jungen Dichters sowie das Vorwort „Über die romantische Poesie“ ein, das zum Manifest der romantischen Strömung in der polnischen Literatur wurde. Im zweiten Band der „Poesie“ erschienen die Dichtungen „Grażyna“ und „Dziady“. Im Oktober 1826 lernte Mickiewicz Puschkin kennen, und aus dieser Begegnung erwuchs eine aufrichtige Freundschaft. Zur selben Zeit erschienen in Russland Mickiewicz’ „Sonette“, und 1828 wurde in Sankt Petersburg das Versepos „Konrad Wallenrod“ mit einer Widmung an Kaiser Nikolaus I. gedruckt. Dieses Werk wurde zum Höhepunkt seines Schaffens. 1834 schrieb Adam Mickiewicz, bereits in Paris, sein bedeutendstes und umfangreichstes Werk – „Pan Tadeusz“. Im Herbst 1855 reiste der Dichter nach Konstantinopel, steckte sich dort mit der Cholera an und starb. Die sterblichen Überreste von Adam Mickiewicz ruhen in der Wawel-Kathedrale in Krakau.
Polen erhielt ein Zugeständnis nach dem anderen. Die Mitgliedstaaten des Völkerbunds erörterten bereits, was geschehen würde, wenn Deutschland Polen angriffe. Sicherheit bedeutete für den Völkerbund, dass Deutschland innerhalb der ihm zugewiesenen Grenzen untätig blieb. Den Deutschen hingegen ließ dies freie Hand und nährte ihre Hoffnung, die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Den Verlust Danzigs würden sie Versailles niemals verzeihen.
Schon im Dezember 1925 wurde auf der Konferenz von Locarno ein Paket von Dokumenten für den Beitritt Deutschlands zum Völkerbund vorbereitet. Am 10. September 1926 war es dann so weit. Unter Losungen wie „Nieder mit Waffen, Kanonen und Maschinengewehren“ weinten die Delegierten vor Glück und klatschten in die Hände. Nur der deutsche Außenminister Gustav Stresemann (Friedensnobelpreisträger 1926 für den Abschluss der Locarno-Verträge) „applaudierte mit den Fingerspitzen“, wie Augenzeugen bemerkten. Schon bald würde Deutschland erneut die Rückgabe seiner Kolonien fordern.
Anfang 1930 starteten deutsche Nationalisten eine Kampagne zum 10. Jahrestag der Abtrennung Danzigs und Westpreußens von Deutschland. Die Demonstranten in Danzig forderten eine Änderung der Ostgrenze und beriefen sich dabei auf das Selbstbestimmungsrecht der in den abgetrennten Gebieten verbliebenen Deutschen. Auf Kundgebungen in Warschau wiederum wurde zum Kampf um ein „polnisches Gdańsk“ aufgerufen, das viele nach Versailles für eine Art polnisch-deutschen Zwitter hielten. Eisenbahn, Post und Hafenverwaltung wurden zu Schauplätzen kleinerer Scharmützel. Selbst die Buchhandlung im Bahnhof war in eine deutsche und eine polnische Abteilung aufgeteilt.
Deutschland stärkte den deutschen Geist in Danzig auf jede erdenkliche Weise, damit die Verbindung zum Reich nicht abriss. Sehr intensiv wurde der Austausch von Studenten und Universitätsprofessoren betrieben. Es fanden gemeinsame Kultur- und Sportveranstaltungen sowie Kongresse aller Art statt.
Während die Politiker über Gebietsfragen stritten, lebte die Bevölkerung Danzigs ihr eigenes Leben. Ausländer aus aller Welt reisten an, um die Schönheit der Ostsee zu genießen. In den kurzen Sommermonaten erwachte das gesellschaftliche und sportliche Leben. Großer Beliebtheit erfreute sich das Tenniszentrum in Zoppot, wo sich trotz der damaligen Probleme fast alle besten Spieler der Welt zu Turnieren einfanden. Man segelte und verfolgte Pferderennen. Der Strand war voller Urlauber aus Deutschland und Polen. Ein besonders reizvoller Ort in Zoppot war das Kasino. Tausende Gäste lockte ein einzigartiges musikalisches Ereignis an – die Opernaufführungen unter freiem Himmel, die auf dem Höhepunkt der Sommersaison in der Waldoper stattfanden.
Nicht nur die Kurorte waren voller Urlauber, sondern auch die gemütlichen, gepflegten Dörfer an der Danziger Bucht. Die Gäste bewunderten die gotische Architektur und kosteten in behaglichen Schenken Gerichte der regionalen Küche, die damals beliebten „rosa Liköre“ und natürlich das berühmte Goldwasser – Danziger Goldwasser.
Um 1935 begann sich die Lage drastisch zu ändern. Im Senat der Freien Stadt stellten die Danziger Nationalsozialisten die Mehrheit. Presse- und Versammlungsfreiheit wurden praktisch abgeschafft, unliebsame Politiker verhaftet, und die Verfolgung der Polen nahm zu. Besonders schmerzhaft bekamen dies die Mitarbeiter der polnischen Post und Eisenbahn, katholische Geistliche, Lehrer sowie die örtlichen Juden zu spüren. Die Abschaffung der Verfassung der Freien Stadt wurde vorbereitet.
Im Oktober 1938 forderte Ribbentrop die Eingliederung Danzigs in das Deutsche Reich und bestand auf einem Recht zum Land- und Seetransit durch den Polnischen Korridor. Die Weigerung Polens gilt als einer der Anlässe für den Deutsch-Polnischen Krieg und in der Folge für den Zweiten Weltkrieg.
Im August 1939 begann Deutschland, psychologischen Druck auf Polen auszuüben. Die Informationen beider Seiten widersprachen sich. Die Polen behaupteten, die Deutschen stellten Banden und Sabotagetrupps auf und verübten Überfälle. Die Deutschen wiederum warfen den Polen Grausamkeit und die Fortsetzung ethnischer Säuberungen vor. In Bydgoszcz kam es zu blutigem Terror – dem Bromberger „Blutsonntag“, dem Tausende Deutsche zum Opfer fielen. Diese Ereignisse, die das Reich propagandistisch ausschlachtete, dienten später als Vorwand für Massenhinrichtungen von Polen im eroberten Bydgoszcz und in Pommerellen. Hitlers Ansprüche auf den Polnischen Korridor und die Unnachgiebigkeit der polnischen Führung schürten die ethnischen Spannungen nur noch weiter.
Im sozialistischen Polen vermied man es, die Ereignisse in Bydgoszcz überhaupt zu erwähnen. Mit der Aufarbeitung dieser historischen Altlasten begann man erst, als sich das Land von der „Schocktherapie“ der 1990er-Jahre gerade erst erholt hatte.
Die Silhouette des Archäologischen Museums (links der Mitte) am Ufer der Mottlau, in dessen Turm sich früher eine Sternwarte befand, ist ebenso ein Wahrzeichen Gdańsks wie das Krantor (rechts).
Während Polen seine Zeit mit Streitigkeiten und Konflikten mit dem winzigen Stadtstaat vergeudete, schien es nicht zu bemerken, dass Deutschland mit aller Kraft zum Krieg rüstete. Und das trotz des 1934 geschlossenen bilateralen Nichtangriffsvertrags. Hellhörig wurden die Polen erst, als das deutsche Linienschiff „Schleswig-Holstein“ in die Danziger Bucht einlief.
Vor dem Krieg ereigneten sich noch einige bemerkenswerte Dinge. Der deutsche Nachrichtenoffizier Oscar Reile, ein persönlicher Mitarbeiter von Admiral Canaris, schrieb in seinen Aufzeichnungen über die geheimen Operationen der Abwehr, dass am 10. August 1939 eine Sondermission Großbritanniens und Frankreichs in Moskau eintraf. Sie sollte sondieren, ob die Sowjetunion bereit sei, gemeinsam mit ihnen Hitler irgendwie einzuschüchtern, der seine Absicht, Danzig und den „Polnischen Korridor“ dem Reich einzuverleiben, inzwischen gar nicht mehr verbarg.

Hitler-Stalin-Pakt
Am 23. August 2019 jährt sich zum 80. Mal die Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrags zwischen der UdSSR und Deutschland, bekannt als Molotow-Ribbentrop-Pakt. Darin verpflichteten sich die Sowjetunion und Deutschland, „sich jeden Gewaltakts, jeder aggressiven Handlung und jeden Angriffs gegeneinander, und zwar sowohl einzeln als auch gemeinsam mit anderen Mächten, zu enthalten“. Unterzeichnet wurde der Pakt vom sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow und vom deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop. Dem Vertrag war ein geheimes Zusatzprotokoll beigefügt, das für den Fall einer „territorialen Umgestaltung“ die Abgrenzung der sowjetischen und der deutschen Interessensphären in Osteuropa festlegte.
Doch Stalin ordnete am 22. August an, die englische und die französische Delegation unverrichteter Dinge heimzuschicken, und schloss am folgenden Tag mit Deutschland einen Nichtangriffspakt. Seine Entscheidung begründete er damit, man „… müsse das deutsche Angebot annehmen und die französisch-englische Mission unter einem höflichen Vorwand abreisen lassen. … Es liegt in unserem Interesse, wenn es zum Krieg zwischen dem Reich und dem englisch-französischen Block kommt. Wesentlich für uns ist, dass er so lange wie möglich dauert, bis beide Lager einander erschöpft haben“.
„Stalin wusste zweifellos, dass der Frieden von seiner Entscheidung abhing. Doch er entschied sich für den Krieg, der der UdSSR angeblich Vorteile versprach“, schreibt Reile.
Hitler hingegen traute niemandem und weihte nicht einmal seine engsten Vertrauten in seine Pläne ein, geschweige denn den Nachrichtendienst. Daher ist nicht bekannt, wann genau er den endgültigen Entschluss fasste, Polen anzugreifen. Als er am 31. August 1939 um 17 Uhr den Angriffsbefehl unterzeichnete, hielten seine Generäle das noch immer für nicht mehr als einen Bluff. Einen ähnlichen Befehl hatte der Führer bereits am 25. August um 15.25 Uhr erteilt und ihn am selben Tag um 20.30 Uhr wieder zurückgenommen.
Am 1. September 1939 trafen die ersten Schläge des Zweiten Weltkriegs die Besatzung der Westerplatte. Im Morgengrauen (um 04.45 Uhr) schlugen die Salven der „Schleswig-Holstein“ ein neues und das tragischste Kapitel in der Geschichte Gdańsks auf. Die Nationalsozialisten griffen die polnische Post und die kleine polnische Besatzung des Forts auf der Halbinsel an.
Rund zweihundert Mann, darunter Postbeamte, verteidigten sich eine Woche lang tapfer. Die Führung, die gar nicht daran dachte, Verstärkung zu schicken, hielt die Moral der Soldaten aufrecht: „Dies ist ein Kampf für unsere Ehre und für Gdańsk. Das polnische Gdańsk. Wir werden uns niemals ergeben. Wir werden für all unsere Demütigungen Vergeltung üben.“ Doch die Kräfte schwanden, die Munition ging zur Neige. Die Verwundeten lagen ohne medizinische Versorgung da. Schweren Herzens und in der Einsicht, dass ihre Selbstaufopferung niemandem mehr nützen würde, hissten die Überlebenden die weiße Fahne. Sie kapitulierten ohne schriftliche Bestätigung des Befehls. Gdańsk wurde einmal mehr als Danzig Teil Ostpreußens.
Am Tag nach der Kapitulation verließ der erste Transport Danzig – überwiegend mit Kulturschaffenden – in Richtung eines der höllischsten Konzentrationslager: Stutthof.
Am 17. September 1939 marschierten sowjetische Truppen in Ostpolen ein. Sie rückten bis zu den Grenzen vor, die im geheimen Protokoll zwischen der Sowjetunion und Deutschland festgelegt worden waren. Am 28. September wurde in Moskau der deutsch-sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag geschlossen. Wie deutsche Politiker sagten, wollte Stalin aus dem polnisch-deutschen Krieg den größtmöglichen Nutzen ziehen.
Durch Bombenangriffe und Kampfhandlungen wurden während des Zweiten Weltkriegs bis zu 80 % der Gebäude in der historischen Innenstadt von Gdańsk zerstört.
Bis Ende März 1945 stand die Freie Stadt unter der Herrschaft der Faschisten. Ihre Befreiung dauerte sechs Wochen und kam nicht nur die sowjetische Armee teuer zu stehen, sondern auch Gdańsk, das durch die Bombardierung aus der Luft praktisch dem Erdboden gleichgemacht wurde. Bis zu 90 Prozent der Gebäude wurden zerstört.

Danziger Goldwasser
Seinen Namen verdankt der polnische Likör Goldwasser dem katalanischen Arzt Arnaldus de Villanova. Schon im 13. Jahrhundert heilte er mit seinem Elixier, einem Kräuterauszug mit Partikeln aus echtem Gold, sogar den Papst von einer gefährlichen Krankheit. Erstmals wurde Goldwasser 1598 in Danzig, dem heutigen Gdańsk, hergestellt. Er ist weniger süß als viele andere Liköre und farblos. Schüttelt man jedoch die Flasche, steigen vom Boden feine Goldflitter auf. Manche Sorten werden mit Zitrusaromen verfeinert. Der Alkoholgehalt beträgt 38 Prozent. Man sagt, die winzigen Goldblättchen im Danziger Goldwasser brächten dem, der ihn trinkt, Reichtum und Glück. Sehr lange war der „Goldlikör“ das Aushängeschild von Gdańsk.
Doch es herrschte Krieg. Und wie dem auch sei, das Hauptziel war erreicht. Nach der Potsdamer Konferenz wuchs das Staatsgebiet Polens auf Drängen Moskaus im Vergleich zur Vorkriegszeit um gut ein Drittel. Allerdings vermeiden es heutige polnische Politiker, auch daran mehr als nötig zu erinnern.
Am Olivaer Tor wurde auf dem sowjetischen Friedhof ein Denkmal für dreitausend gefallene sowjetische Soldaten errichtet. 1949 entstand hier ein Mausoleum-Denkmal, das die Bürger der Stadt Gdańsk den sowjetischen Helden widmeten. Und an der Allee des Sieges stand der legendäre Befreier-Panzer T-34. Mit diesen Kampffahrzeugen schlugen die Panzerarmee von General Katukow und die mit T-34 ausgerüstete polnische Panzerbrigade „Helden der Westerplatte“ gemeinsam den Feind in Gdańsk und Gdynia.
Und dennoch reißen trotz des unbestreitbaren Beitrags der sowjetischen Soldaten zum Sieg über den Faschismus die Vorwürfe gegen Russland nicht ab... Dabei bestreiten die Beteiligten gar nicht, dass auch sowjetische Flugzeuge das von den Faschisten besetzte Danzig bombardierten. Der Befehlshaber der Fernfliegerkräfte (ADD), Marschall Alexander Golowanow, schreibt in seinen Memoiren: „Die Rote Armee führte an der gesamten Front von der Ostsee bis zu den Karpaten einen Schlag von beispielloser Wucht. Die starke Verteidigung des Gegners wurde auf einer Länge von 1200 Kilometern durchbrochen … Angriffe wurden auf die Eisenbahnknotenpunkte in Stralsund, Swinemünde, Hela, Gdynia und Danzig geflogen. Besonders schwere Verluste erlitt der Gegner im Hafen und am Eisenbahnknotenpunkt von Danzig. An neun Angriffen darauf waren 2177 Flugzeuge beteiligt. Luftaufnahmen hielten gewaltige Flächenbrände fest. Es brannten Transportschiffe, Hafenanlagen, Eisenbahnzüge, Öl- und Holzlager …“ Die Angriffe seien mit äußerster Präzision geführt worden, bemerkt der Autor. Und er fährt fort: „Am 7. April führten wir bei Tageslicht einen Schlag gegen den eingeschlossenen Gegner in der Stadt Königsberg und ihrer Festung, gegen die mehr als 550 unserer Bomber aufstiegen … Alles, was sich innerhalb des vorgegebenen Ziels befand – gemeint ist die Festung –, wurde im Grunde dem Erdboden gleichgemacht.“
Danzig und Gdynia hatten sich gut auf die Ankunft der sowjetischen Truppen vorbereitet. Die Straßen waren mit Barrikaden versperrt und vermint, viele Häuser zur Sprengung vorbereitet. Danzig galt als eine der stärksten Festungen des Dritten Reiches.
Am 18. März vernichteten sowjetische Bomber den Flugplatz und 64 deutsche Flugzeuge, wodurch die deutsche Armee praktisch ohne Luftdeckung blieb. Und in der Nacht zum 19. „wurde das mit Flüchtlingen überfüllte Danzig einem verheerenden Bombenangriff ausgesetzt, an dem 300 bis 400 ‚Fliegende Festungen‘ amerikanischer Bauart beteiligt waren“, erinnerte sich einer der deutschen Kriegsberichterstatter. — „Wir mussten diesem schrecklichen Totentanz hilflos zusehen … In der Nacht zum 20. März erschienen sie erneut, diesmal aus dem Osten, warfen nahezu ungehindert ihre gesamte Bombenlast über der Stadt ab und verschwanden nach Westen … Sowjetische Flugzeuge kreisten jeden Tag am Himmel. Schlachtflieger mit roten Sternen auf den Tragflächen beschossen mit Bordkanonen und Maschinengewehren jedes Auto auf den Straßen der Stadt. Die Einwohner verließen die Keller kaum noch.“
In den Nachkriegsjahren beeilten sich die polnischen Behörden, vor allem die das Stadtbild prägenden Großbauten wiederzuerrichten. Die Straßenbebauung musste warten. (Foto – spätestens Mitte der 1950er-Jahre.)
Am 27. begann mit Unterstützung der sowjetischen Luftwaffe der Sturm auf Gdańsk. Die Stadt stand in Flammen.
Der deutsche Militärhistoriker Kurt von Tippelskirch schreibt in seinem Buch „Geschichte des Zweiten Weltkriegs“: „Es besteht die Neigung, die Bedeutung der massierten Bombenangriffe der strategischen Bomber der USA und Großbritanniens auf deutsches Gebiet auf jede erdenkliche Weise zu übertreiben. Diese massierten Bombenschläge, die bei der Störung des deutschen Hinterlandes und Verkehrswesens, bei der Zerstörung deutscher Städte und der Vernichtung ihrer Zivilbevölkerung eine gewisse Rolle spielten, wurden jedoch nicht zum entscheidenden Faktor für die Niederlage des Dritten Reiches.“ Tippelskirch weist darauf hin, dass „die Terrorangriffe aus der Luft gegen die Zivilbevölkerung und zur Zerstörung deutscher Städte weder zum Erreichen noch zur Beschleunigung des Sieges der Westmächte beitrugen. Eine militärische Bedeutung, selbst im weitesten Sinne des Wortes, hatten diese Angriffe nicht.“
„Nach der Zerschlagung des Dritten Reiches durch die Rote Armee wurde Ostpreußen aufgelöst. Sein südlicher Teil, etwa zwei Drittel des Gesamtgebiets, darunter auch Gdańsk, wurde Polen übergeben. Die deutsche Bevölkerung wurde deportiert“, schreiben die Autoren M. Besrukow und A. Turowski im „Reiseführer des Sieges“.
Jemand hat sehr treffend bemerkt, dass vieles, was uns heute unglaublich erscheint, im Krieg alltäglich und gewöhnlich war.
BERÜHMTE PERSÖNLICHKEITEN AUS GDAŃSK
Gdańsk hat der Welt eine ganze Reihe talentierter und charismatischer Menschen geschenkt – Wissenschaftler, Schriftsteller, Politiker. Zu ihnen gehört der Vater der polnischen Diplomatie Johann von Höfen, besser bekannt als Johannes Dantiscus oder Jan Dantyszek, einer der berühmtesten Dichter Europas in der Renaissance. Philipp Clüver – ein bekannter Historiker und Geograph, der Italien zu Fuß durchwanderte, Verfasser des in Europa vielbeachteten Lehrbuchs „Einführung in die Geographie“ mit zahlreichen Karten, darunter auch von Polen. Martin Opitz – ebenfalls ein Dichter, Verfasser vortrefflicher Sonette und Tragödien, der in Schlesien geboren wurde, sich 1636 in Danzig niederließ und dort während einer Pestepidemie starb. Opitz ging als „deutscher Homer und Horaz“ in die Geschichte ein. Nicht vergessen ist in Gdańsk auch Reinhold Curicke – Jurist, Geschichtsschreiber und Verfasser der Abhandlung „Der Stadt Dantzig historische Beschreibung“, der ersten Monographie über die Stadt.

„Die Blechtrommel“
Ein Film des deutschen Regisseurs Volker Schlöndorff. 1979 wurde er mit dem „Oscar“ und der höchsten Auszeichnung des Filmfestivals von Cannes geehrt. Grundlage des Films ist der Roman des gebürtigen Danzigers und Nobelpreisträgers Günter Grass. Die Handlung der eigenwilligen Filmparabel spiegelt die Psychopathologie wider, die nach Auffassung der Autoren der nationalsozialistischen Ideologie eigen ist und gesellschaftlichen Wahnsinn hervorbringt. Die Handlung spielt fast ausschließlich in Danzig und Umgebung, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis 1945, und schließt die tragischen Ereignisse des ersten Tages des Zweiten Weltkriegs ein.
Im Jahr 1611 beglückte Johannes Hevelke das Goldene Zeitalter Danzigs mit seiner Geburt. Der Sohn einer Bierbrauerfamilie führte nicht nur das Geschäft seines Vaters fort, sondern wurde auch Konstrukteur von Teleskopen und sogar Stadtoberhaupt. Johannes erhielt eine hervorragende Ausbildung. Nach dem Abschluss des „Athenaeums“, des berühmten Akademischen Gymnasiums Danzig, schickten ihn die Eltern zum Studium nach England, später nach Frankreich und Holland. Neben der Rechtswissenschaft an der Universität Leiden studierte der junge Hevelke nebenbei – und zwar sehr gründlich – auch die Astronomie. In die Heimat zurückgekehrt, richtete er auf dem Dach seines Elternhauses die Sternwarte „Stellaeburgum“ ein, schliff die Linsen für seine Teleskope selbst und konstruierte eigenhändig ein 50 Meter langes Teleskop, das von einer Mannschaft ausgedienter Matrosen bedient wurde.
Johannes Hevelke veröffentlichte 19 Werke zur Astronomie, die meisten davon druckte er in seiner eigenen Druckerei. Der Astronom führte die lateinische Form seines Namens ein: Hevelius. 1664 wurde er als erster Danziger zum Ehrenmitglied der Royal Society in London ernannt.
Ludwig XVI. und Johann III. Sobieski setzten ihm ständige Jahresgehälter aus. Zu Ehren des polnischen Königs und Mäzens benannte Hevelius eines der Sternbilder Schild des Sobieski und widmete dem Monarchen sein Werk „Selenographia“, das die Ergebnisse seiner Mondbeobachtungen enthielt. Im Jahr 1679 brannte die Sternwarte des Hevelius mit ihren einzigartigen astronomischen Instrumenten, Handschriften und ihrer prachtvollen Bibliothek nieder, und er errichtete eine neue.
Nicht weniger berühmt war das Umfeld des Hevelius. Mit seinem Wirken sind die Namen erfahrener Zeichner verbunden. Anfangs illustrierte der Astronom seine Werke selbst, doch aus Zeitmangel wandte er sich an Fachleute. Der erste war Adolf Boy. Später lernte er den herausragenden Maler und Grafiker Andreas Stech kennen und dessen Freund, den nicht minder bekannten Grafiker, Kupferstecher und Zeichner Jeremias Falck, einen gebürtigen Polen, der seine Arbeiten deshalb bisweilen mit „Polonus“ signierte.
Stech selbst wurde 1635 in Stolp geboren. Zunächst unterrichtete den Jungen sein Vater, danach der bereits erwähnte Adolf Boy. 1658 heiratete Andreas die Tochter seines Lehrers – die Witwe des Malers August Ranisch. Unter Stechs zahlreichen Werken befinden sich auch zwei Porträts des Hevelius.
Im künstlerischen Milieu Danzigs bildete sich auch die Kunst Daniel Schultz’ heraus, des Hofmalers dreier polnischer Könige – Johann II. Kasimir, Michael Korybut Wiśniowiecki und Johann Sobieski. 1793 entfernten die preußischen Behörden die Werke des Künstlers aus dem Rechtstädtischen Rathaus.
Ein Jahr vor dem Tod von Johannes Hevelius wurde in Danzig ein weiterer berühmter Bürger geboren – Daniel Gabriel Fahrenheit, der Schöpfer der ersten Thermometer und Begründer der Temperaturskala, die Briten und Amerikaner bis heute verwenden.
Kein gebürtiger Danziger, aber seit 1773 Einwohner der Stadt war der aus Königsberg stammende Nathanael Matthäus von Wolff, der dadurch berühmt wurde, dass er als Erster Impfungen gegen die Pocken einsetzte. Er tat dies 23 Jahre früher als Edward Jenner, der als Entdecker der Methode gilt. Die Zeit, die ihm neben seiner ärztlichen Praxis blieb, widmete Wolff ebenfalls der Astronomie.

Der charismatische Lech Wałęsa (im Bild) wurde zu einer Symbolfigur, die zum Pantheon der berühmten Danziger gehört. Der Gewerkschafter und Politiker, Elektriker von Beruf, Werftarbeiter, Anführer der Arbeiterstreiks in den 1970er-Jahren und einer der Gründer der legendären „Solidarność“, wurde 1983 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. 1990 wurde er zum Präsidenten Polens gewählt. Auch der heutige Präsident des Europäischen Rates und ehemalige polnische Ministerpräsident Donald Tusk wurde in Danzig geboren.
Zweifellos ist der berühmteste Danziger der Weltliteratur und Chronist der Stadt Günter Grass (1927–2015), ebenfalls Nobelpreisträger und Ehrenbürger von Gdańsk. Weltruhm brachte ihm der Roman „Die Blechtrommel“ ein.
1979 wurde der Roman von Günter Grass verfilmt. Das philosophische Filmdrama in der Regie von Volker Schlöndorff löste einen beispiellosen Skandal aus. Eine amerikanische fundamentalistische religiöse Organisation in Oklahoma stufte den Film als obszön ein. Dennoch wurde er mit dem „Oscar“ und der „Goldenen Palme“ der Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet. Heute gilt „Die Blechtrommel“ als einer der herausragendsten Filme des Neuen Deutschen Films.
KASCHUBEI
Günter Grass stammte aus Pommerellen, aus der Kaschubei. Lebendig ist die Legende, dass Gott, als er die Erde erschuf, die Kaschuben völlig vergessen habe. Doch einer der Engel bemerkte dies rechtzeitig. Gott schaute in seine Vorratskammern – dort war von allem nur noch ein wenig übrig. Und so überschüttete er das kaschubische Land mit Eichenhainen, Kiefernwäldern, blauen Seen, gewundenen Flüssen, Sanddünen, grünen Tälern, Felsbrocken und Meerestropfen. In dieser malerischen Schönheit lebt seit uralten Zeiten ein bemerkenswertes slawisches Volk – die Kaschuben, die Urbevölkerung Pommerellens, die die zahlenmäßig größte ethnische Gruppe in Gdańsk, Słupsk, Sopot und Gdynia bildet.
Die Kaschuben zählen auf Kaschubisch die Dreistadt zur Kaschubei. Quelle: Wikipedia.

Die kaschubische Sprache
Lange wurde darüber gestritten, ob das Kaschubische ein Dialekt des Polnischen oder eine eigenständige Sprache sei. Schließlich wurde es als eigenständige Sprache anerkannt und erhielt sogar den Status der einzigen Regionalsprache Polens. In den Schulen wird es allerdings nur als Zusatzfach unterrichtet. Seit 2005 dürfen Schüler ihre Prüfungen auf Kaschubisch ablegen.
Wie die gesamte Bevölkerung Pommerellens widersetzten sich auch die Kaschuben der Germanisierung und verteidigten ihr Recht auf die eigene Muttersprache. Der Arzt Florian Ceynowa, den man den „Vater des kaschubischen Regionalismus“ nennt, verfasste die erste Grammatik der kaschubischen Sprache.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen die Kaschuben wegen der Wirtschaftskrise ihre Heimat zu verlassen. Die einen suchten Saisonarbeit im Ausland, die anderen wanderten nach Deutschland, Kanada und in die USA aus. Der kaschubische Schriftsteller Hieronim Derdowski, der einzigartige Angaben über die kaschubische Auswanderung zusammentrug, errechnete, dass Ende des vorletzten Jahrhunderts 90.700 Kaschuben in den USA lebten, 25.000 in Kanada und 15.000 in Brasilien. Ein kleiner Teil der Kaschuben ließ sich in Australien und Neuseeland nieder.
Ein weiterer in Pommerellen bekannter Name ist der Dichter und Pädagoge Jan Trepczyk, Verfasser eines polnisch-kaschubischen Wörterbuchs, Autor der inoffiziellen kaschubischen Hymne Zemia Rodnô und einer der Gründer des Museums für kaschubisch-pommersches Schrifttum und Musik in Wejherowo.
Im Polen der Zwischenkriegszeit stand man den Kaschuben zwiespältig gegenüber. Einerseits waren die Polen dankbar, dass sie sich Polen angeschlossen hatten, andererseits fürchtete man, die Kaschuben könnten Autonomie fordern – mit allen sich daraus ergebenden Folgen.
Im Zweiten Weltkrieg gelang es den Deutschen trotz all ihres Drucks und ihrer Bemühungen nicht, die Kaschuben zu assimilieren. Deshalb wurde das erste Konzentrationslager Stutthof in erster Linie gerade zur Vernichtung der widerspenstigen kaschubischen Intelligenz errichtet.
Nach dem Krieg veränderte sich die ethnische Zusammensetzung durch die Umsiedlung der Deutschen nach Deutschland und der Pommern aus dem deutschen Pommern nach Gdańsk. Und Polen aus dem Landesinneren kamen, wie jemand scherzte, „in die Ostseebäder“, um die Einheit der Völker zu festigen. An eine kaschubische Autonomie dachte niemand mehr.
Heute leben die Kaschuben in der Woiwodschaft Pommern. Sie haben eigene Medien und ein Zentrum für kaschubische Kultur in der „Kaschubischen Schweiz“, in Szymbark. Um die Bewahrung ihrer Eigenart kümmert sich die Kaschubisch-Pommersche Vereinigung.
Das an Traditionen reiche Kaschubenland zieht jedes Jahr zahlreiche Touristen an. Auch wenn die Welt das Rauchen bekämpft – wie es so schön heißt, kann man kein Wort aus einem Lied streichen: Zu den markantesten Traditionen der Kaschuben gehört der Tabakgenuss. Der Schnupftabak wird in Dosen aus Kuhhorn aufbewahrt.
DREISTADT ODER AUF POLNISCH – TRÓJMIASTO
Diesen Namen erhielt der Ballungsraum, zu dem drei Städte gehören: Gdańsk, Sopot und Gdynia mit ihren Vororten, die sich zusammen über rund zwanzig Kilometer entlang der Danziger Bucht erstrecken. Ihre Gesamtbevölkerung beträgt etwa eine Million Menschen. Faktisch ist die Dreistadt eine einzige Stadt mit einer Fläche von 414,38 Quadratkilometern. Am 28. März 2007 wurde der Ballungsraum mit der Deklaration „Charta der Dreistadt“ auch urkundlich besiegelt.
Die Geschichte begann 1922 mit dem Bau des Hafens Gdynia an einem kleinen Abschnitt der Ostseeküste. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Städte Gdańsk und Sopot zu Polen und bildeten zusammen mit dem 1922 gegründeten Gdynia einen Ballungsraum. Eine solche Erscheinung ist in Europa keineswegs einzigartig – man denke etwa an das belgische Antwerpen mit Mechelen und Turnhout. Und in unserem Fall sei daran erinnert, dass auch Königsberg (das heutige Kaliningrad) einst aus dem Zusammenschluss dreier Städte entstand: Altstadt, Kneiphof und Löbenicht.
Durch hervorragend organisierte Verkehrsverbindungen miteinander verbunden, können Gdańsk, Sopot und Gdynia als eigenständige Städte gelten, von denen jede ihre eigene Geschichte hat. Die jüngste Stadt der Dreistadt ist Gdynia, der größte moderne Hafen an der Ostsee. Heute kann man sich kaum vorstellen, dass an ihrer Stelle Anfang des vorigen Jahrhunderts ein altes, seit 1253 bekanntes Fischerdorf stand, das der heutigen Stadt ihren Namen gab. Vom Baubeginn bis 1926 stieg die Einwohnerzahl Gdynias um das Hundertfache – von 1000 auf 100.000.
Gdynia nennt man die Stadt mit der Seele des Meeres. Das erste Seeschiff lief 1923 in den Hafen ein. Bis 1939 gab es hier bereits sechs große Liegeplätze für Schiffe.
Im Zweiten Weltkrieg benannten die deutschen Besatzer Gdynia in Gotenhafen um und zerstörten Hafen und Werften vollständig. Viele wie durch ein Wunder erhaltene Gebäude der Stadt sind Beispiele des im Europa des frühen 20. Jahrhunderts beliebten Jugendstils.
Heute liegen an der Mole von Gdynia zwei Museumsschiffe. Eines davon, die Fregatte „Dar Pomorza“, hat eine bewegte Geschichte. Sie wurde 1909 auf der Werft Blohm & Voss in Hamburg unter dem Namen „Prinzess Eitel Friedrich“ gebaut und diente bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs als Schulschiff der deutschen Handelsmarine, danach als Stützpunkt für U-Boot-Besatzungen in Köln. Nach dem Krieg ging das Schiff zunächst als Trophäe an Frankreich und erhielt den Namen „Colbert“. 1929 kaufte die polnische Gemeinschaft in Pommern das Schiff für 7000 Pfund und taufte es auf den Namen „Dar Pomorza“. 1934–35 unternahm die Fregatte eine Weltumsegelung. Den Zweiten Weltkrieg überstand sie in Stockholm und kehrte im November 1945 unversehrt nach Gdynia zurück. Heute ist sie ein Museumsschiff mit originell gestalteten Kajüten und einer Sammlung von Exponaten, die die Besatzung zusammengetragen hat.
Gdynia. Die Fregatte „Dar Pomorza“ am Kai.

Flughafen Lech Wałęsa
Auch der Flughafen Gdańsk hat sich in den letzten Jahren stark verändert: Dank eines neuen Terminals ist die Zahl der Flüge gestiegen. Auch die Start- und Landebahn wurde erneuert. Und ein modernisiertes Instrumentenlandesystem (ILS) ermöglicht Landungen selbst unter schwierigsten Bedingungen. Die größten europäischen Billigfluggesellschaften bringen Sie mit Direktflügen von Gdańsk aus in nahezu alle Winkel der Alten Welt.
Die „Dar Pomorza“ ist auf polnischen Silbermünzen abgebildet, die zum 15-jährigen Bestehen des Seehafens Gdynia herausgegeben wurden. Auch zum 50. und 75. Jubiläum der Fregatte erschienen Gedenkmünzen.
Neben dem Segelschiff liegt ein echtes nationales Heiligtum: der polnische Torpedobootzerstörer „Błyskawica“, das einzige erhaltene der vor dem Zweiten Weltkrieg gebauten Schiffe, auf dem nach wie vor Mannschaften und Offiziere der polnischen Kriegsmarine Wache halten.
In Gdynia gibt es keine engen Gassen wie in alten Städten. Doch es gibt Orte, die durch ihre vergleichsweise junge Geschichte interessant sind. Etwa die Allee des 10. Februar, die sich durch die ganze Stadt bis zum Strand zieht: Sie ist nach dem Tag benannt, an dem Polen gemäß dem Versailler Vertrag 140 Kilometer Ostseeküste zurückerhielt. An dieser Straße stehen auch die erhaltenen historischen Gebäude der Hauptpost und des Stadtrats.
Eine der reichsten Ausstellungen Europas zur Geschichte der polnischen Auswanderer, die einst von Gdynia aus nach Übersee aufbrachen, ist hier im Emigrationsmuseum zu sehen. Ein wahres, nicht von Menschenhand geschaffenes Freilichtmuseum sind die Stadtteile Orłowo und Redłowo, in deren Nähe das Naturreservat Kępa Redłowska liegt, das als Perle der Dreistadt gilt und bei den Einheimischen ein beliebter Ort für Spaziergänge und Sport ist.
Einer der beliebtesten Badeorte an der Ostsee und die inoffizielle „Sommerhauptstadt“ Polens (die Winterhauptstadt ist der Skiort Zakopane im Süden des Landes) ist Sopot mit etwas mehr als 40.000 Einwohnern, das sich zwischen Gdańsk und Gdynia an der Küste der Danziger Bucht einfügt. Dank jodhaltigen Meerwassers, heilkräftiger Solequellen und alter Badeanstalten gilt die Stadt als Kurort.
Sopot ist berühmt für die längste Holzseebrücke Europas mit einer Länge von mehr als einem halben Kilometer.
Die erste errichteten 1817 die Russen für ihre Kriegsschiffe, zerstörten sie aber, als sie die Stadt verließen. 1827 wurde hier eigens für die Kurgäste eine neue, jedoch kleine Promenadenbrücke gebaut, die später auf die heutige Länge verlängert wurde. Und von der Aussichtsplattform des 1904 erbauten Alten Leuchtturms kann man nicht nur das Panorama der Stadt bewundern, sondern auch die Danziger Bucht mit der Halbinsel Westerplatte sehen.
Das Gebiet, auf dem heute Sopot liegt, war seit dem 7. Jahrhundert von slawischen Stämmen besiedelt. Im Mittelalter stand hier ein Dorf, später entstanden Landhäuser wohlhabender Bürger. Ab 1772 gehörte Sopot zu Preußen, 1919 kam es an Polen. Die Geschichte der Stadt als Kurort begann 1823, als der ehemalige napoleonische Arzt Jean Georg Haffner hier Heilbäder einrichtete. Seitdem zählt das kleine Seebad zu den renommiertesten Kurorten Europas.
Viele Besucher zieht die Waldoper an, in der die Sopoter Festivals stattfanden. Gegründet wurde sie vor hundert Jahren – im Jahr 1909 – von Paul Walther-Schäffer, dem Kapellmeister des Danziger Stadttheaters, in einem von bewaldeten Hügeln umgebenen Talkessel. Die Aufführungen waren ungeheuer erfolgreich. Gespielt wurden vor allem Opern deutscher Komponisten, besonders beliebt war Wagner. Sopot wurde zu einem Zentrum des Musiklebens. Zur Eröffnung des Internationalen Liederfestivals 1961 wurde das Theater modernisiert, Bühne und Zuschauerraum erhielten ein riesiges Dach.
Sopot. Die hiesige Mole (Molo) ist die größte hölzerne Seebrücke Europas.
Sportbegeisterte finden in der Stadt zahlreiche Möglichkeiten: Segeln, Reiten, Tennis. Sehr beliebt sind die Radwege entlang der Küste, die die Städte und Vororte der Dreistadt miteinander verbinden. Einen eigenen städtischen Nahverkehr hat Sopot nicht, die Busse werden von den kommunalen Verkehrsbetrieben Gdańsks und Gdynias betrieben. Auch eine Linie des Gdynier Oberleitungsbusses fährt in die Stadt. Darüber hinaus gelangt man von Sopot aus mit den Zügen der städtischen Schnellbahn in die anderen Städte der Dreistadt – sie ist eine Art Mittelding zwischen S-Bahn und Straßenbahn.
Sehenswürdigkeiten gibt es in dem Kurort nicht allzu viele, doch zu sehen gibt es dennoch einiges. Zum Beispiel das 2004 erbaute „Tanzende Haus“, das die Polen das „schiefe“ nennen. Es hat keinen einzigen rechten Winkel. Wände, Türen und Fenster krümmen sich wie in einem Zerrspiegel. Trotzdem fügt sich das „Schiefe Haus“ harmonisch in das architektonische Ensemble der historischen Innenstadt von Sopot ein.
Die St.-Georgs-Kirche in der Kościuszko-Straße wurde 1899–1901 mit Unterstützung des preußischen Königs Wilhelm II. und seiner Gemahlin Auguste Viktoria errichtet, die persönlich Geld für den Bau spendete. Der Architekt Ludwig von Tiedemann verzichtete auf ein Honorar für seine Arbeit.
Der König nahm den Entwurf selbst ab und ließ einige Änderungen vornehmen – er bestand darauf, den Turm zu erhöhen, damit er von der Danziger Bucht aus zu sehen sei. So erhielten die Seeleute eine zusätzliche Landmarke an der Küste. Bei der Eröffnung und Weihe der Kirche am 17. September 1901 war die Königin anwesend. Auf die St.-Georgs-Kirche zu führt die berühmteste Straße der Stadt, die Bohaterów Monte Cassino, oder Monciak, wie sie im Volksmund heißt.
Ein für die Stadt ungewöhnliches Bauwerk ist die Erlöserkirche, die 1919 im Jugendstil für die Sopoter Protestanten erbaut wurde. Im Krieg wurde das Gebäude schwer beschädigt, doch die Kirche blieb in Betrieb. Sie ist die einzige Kirche in der Dreistadt, in der evangelische Gottesdienste abgehalten werden.
Zu den umstrittenen Sehenswürdigkeiten Sopots gehört der Brunnen „Jaś Rybak“ („Fischer Hänschen“). Manche halten ihn aus unerfindlichen Gründen für geschmacklos. Errichtet wurde der Brunnen nach Kriegsende. Die Statue eines Fischers mit einem Korb voller Fische steht inmitten der Wasserstrahlen. Eine ähnliche Skulptur stand einst im Garten einer der Villen.
Oliwa. Der Abtspalast im wichtigsten Park Gdańsks – dem Park von Oliwa.
Nicht weniger einzigartig ist Oliwa, ein Vorort der Dreistadt. „Am Fuße malerischer Hügel ausgebreitet, gruppierten sich die Häuser um die Kathedrale und entlang des Oliwaer Bachs. Seit dem frühen Mittelalter führte von Gdańsk nach Słupsk und Puck ein Handelsweg, der Via regia – ‚Königsstraße‘ – genannt wurde. Von hier aus stieg der Weg durch das weit geöffnete Tor des malerischen Tals der Freude zu den Hügelkuppen hinauf.“ So beschreibt der Schriftsteller Lech Krzyżanowski diesen stillen, gemütlichen Ort im Nordwesten Gdańsks mit seiner prachtvollen Kathedrale, seinem Palast und seinem Park.

Die Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit, der Jungfrau Maria und des heiligen Bernhard in Oliwa
Die Kathedrale war die Hauptkirche Pommerns und die Grablege der örtlichen Fürsten und Herzöge. Zusammen mit dem Abtspalast gehörte sie zum Zisterzienserkloster Oliwa, das am 2. Juli 1186 gegründet wurde. Die dreischiffige Basilika ist im gotischen Stil mit barocken Elementen gehalten. Die Fassade wird von zwei hohen, 46 Meter messenden Türmen mit barocken Hauben flankiert. Im Inneren befinden sich 23 Marmoraltäre im Stil des Barock und des Rokoko. Im Lauf ihrer Geschichte brannte die Kathedrale mehrmals. 1350, nach dem dritten Brand, wurde sie im gotischen Stil wiederaufgebaut. 1925 erhielt sie den Rang einer Kathedrale, und 1992 wurde sie zum Sitz des Erzbistums Gdańsk. Ihr größter Schmuck ist die Orgel des Mönchs Johann Wilhelm Wulff.
Zum ersten Mal wird Oliwa 1186 in inoffiziellen Dokumenten des Zisterzienserklosters erwähnt, als Herzog Sambor einen Konvent von Zisterziensern aus dem pommerschen Kolbatz in dieses Land holte und der Abtei sieben benachbarte Dörfer schenkte. Als berechnende Leute erweiterten die Mönche ihren Besitz sehr schnell, legten Staudämme an, bauten Mühlen und verbesserten die Methoden der Bodenbearbeitung.
Mehr als 600 Jahre lang bestand auf dem Boden von Oliwa die Zisterzienserabtei, um die sich im Lauf der Jahrhunderte dramatische Ereignisse abspielten. Im 13. Jahrhundert wurde das Kloster zweimal von den Prußen überfallen, die es bis auf die Grundmauern niederbrannten. Dreimal plünderten es die Kreuzritter. Schließlich errichteten die Mönche eine Kapelle aus Backstein. Bis zur Mitte des Jahrhunderts entstand eine Basilika mit Kapellen in typisch romanischem Stil. Heute zeigt sich ihr Gebäude in der Gestalt, die es beim Umbau nach dem verheerenden Brand von 1350 erhielt. Nach all dem Unglück, das die Mönche Schlag auf Schlag traf – Seuchen, Überfälle, Brände –, hatte die Abtei Glück: Bis zum 18. Jahrhundert ließen sich hier zahlreiche vornehme Danziger Familien fest nieder. Die Patrizier bauten eigene Mühlen, Ölmühlen, Schmieden und Sägewerke. Sie halfen den Mönchen sogar 1754–56 beim Bau des neuen Abtspalastes. Nach der ersten Teilung Polens fiel der Ort mit seinen 500 Einwohnern und 70 Gebäuden an Preußen, dessen Behörden sich den gesamten Besitz der Abtei aneigneten. Die Klosterkirche von Oliwa wurde zur katholischen Pfarrkirche, die alte Pfarrkirche St. Jakob ging an die Evangelischen. So endete mit dem Beginn der preußischen Herrschaft die Geschichte des Zisterzienserordens in Oliwa.
Das friedliche Leben unterbrach der Erste Weltkrieg. Die Glocken und die Pfeifen der alten Domorgel wurden für Kriegszwecke eingeschmolzen. Gemäß dem Versailler Vertrag wurde Oliwa Teil der Freien Stadt. Kaum war die Orgel im Dom repariert, begann der Zweite Weltkrieg, und Oliwa geriet zusammen mit Danzig erneut unter deutsche Herrschaft. Nach dem Krieg wurde der Ort wieder instand gesetzt und verwandelte sich in einen wunderschönen, malerischen Stadtteil. Das heutige Erscheinungsbild der Kathedrale von Oliwa ist seit dem 16. Jahrhundert erhalten. Die Fassade schmücken zwei 46 Meter hohe Türme mit spitzen Helmen.
Hundert Meter von der Basilika entfernt stehen die alte Pfarrkirche St. Jakob und der Abtspalast. Eine Atmosphäre von Frieden und Harmonie schafft der herrliche Zisterzienserpark mit gepflegten Rasenflächen, Teichen und Schwänen, winzigen Kanälen und Wasserfällen. In einem Winkel des Parks steht ein Denkmal für den polnischen Dichter Adam Mickiewicz, dessen Namen diese „Oase der Stille und Besinnung“ trägt.
Der größte Teil der Dreistadt ist natürlich Gdańsk, die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern, mit ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte. Die Stadt ist aus den Ruinen wiedererstanden, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat.
Gdańsk. Die historische Innenstadt, die wie ein Phönix aus der Asche auferstanden ist, überwältigt die Fantasie!
Die alten Steinhäuser, Kirchen, Tore und Straßen wurden wiederaufgebaut. Die alten Gebäude nahmen ihre historischen Plätze wieder ein – allenfalls haben sie ihre Funktion geändert. Im Rathaus etwa befindet sich heute das Historische Museum Gdańsk, und direkt davor erfreut der „Neptunbrunnen“ nach wie vor die Bürger der Stadt.
Bis heute lebt die Legende fort, dass der Herrscher der Meere eines Tages das Klimpern der Münzen leid war, die die Leute in den Brunnen warfen, und mit aller Kraft seinen Dreizack ins Wasser schlug. Die Münzen verwandelten sich in Goldstaub, das Wasser färbte sich golden und erhielt heilende Kräfte. So entstand das „Goldwasser“ (Goldwasser, oder Złota Woda), das Gdańsk berühmt gemacht hat. Mit der rein polnischen Erfindung gleichen Namens – einem auf 20 Kräutern angesetzten und mit teuren Gewürzen verfeinerten Likör – hat es natürlich nichts zu tun.
Im Jahr 1881 beschrieb übrigens Stanisław Tarnowski, Professor an der Jagiellonen-Universität in Krakau, die bekannte Branntweinbrennerei in der Breitgasse 52 so: „Das Lager des weltbekannten Danziger Branntweins, die Fabrik des berühmten ‚Goldwassers‘, dessen Hauptstadt ‚Zum Lachs‘ ist. Bis heute ist hier die polnische Inschrift erhalten, und ein riesiger hölzerner Lachs hängt über der Tür seit Gott weiß welch undenklichen Zeiten – vielleicht seit dem Gründungstag dieses Ladens, also nicht mehr und nicht weniger als seit 1598. Ich weiß nicht, ob im Lager noch dreihundert Jahre altes archäologisches ‚Goldwasser‘ aufbewahrt wird (falls ja, muss es gut sein), doch schon die Firma selbst ist ein ehrwürdiges archäologisches Denkmal.“ Im März 1945 verbrannte der legendäre „Lachs“ zusammen mit der Rechtstadt. Doch wie örtliche Heimatforscher schreiben, „öffnete er 1976 an genau derselben Stelle wieder gastfreundlich seine schweren Flügeltüren und bestätigte damit die Beständigkeit der Tradition“.
Entlang der Mottlau erstreckt sich die Lange Brücke, über der sich der älteste und mächtigste Hafenkran Europas erhebt, der Żuraw (die Deutschen nannten ihn Krantor). Heute erzählen die Exponate des hier untergebrachten Zentralen Meeresmuseums die Geschichte der polnischen Seefahrt.

Die Bewegung „Solidarność“
Die Unabhängige Selbstverwaltete Gewerkschaft „Solidarność“ ging aus der massenhaften Streikbewegung im August und September 1980 hervor und wurde auf der Lenin-Werft in Gdańsk gegründet. Gründer und Anführer der „Solidarność“ war Lech Wałęsa. Von Januar 1982 bis Mai 1986 musste die „Solidarność“ im Untergrund arbeiten. Am 17. April 1989 wurde die Gewerkschaft wieder offiziell zugelassen. Als größte antikommunistische Bewegung vereinte die „Solidarność“ unterschiedlichste politische Kräfte – von katholischen Konservativen und rechten Liberalen bis hin zu ultralinken Sozialisten und Anarchisten. In den Jahren 1989–1990 gelang es den Gewerkschaften, eine friedliche Revolution herbeizuführen und Polen endgültig vom kommunistischen Regime zu befreien.
Vom Ufer der Mottlau gelangt man durch eines der Stadttore ins Zentrum der Rechtstadt, in die schönste Straße, die Frauengasse, durch das Frauentor. An ihrem Ende steht die majestätische gotische Backsteinbasilika St. Marien, die mehr als 20.000 Menschen fassen kann. Unter ihren Gewölben befinden sich 31 Kapellen, drei Dutzend große Fenster und eine alte astronomische Uhr. Seit dem 15. Jahrhundert zeigt sie die Mondphasen, die Tierkreiszeichen, das Datum und die Uhrzeit.
In einer der Gassen der Rechtstadt steht die vom Krieg fast unversehrt gebliebene Dominikanerkirche St. Nikolai mit ihrem vergoldeten, mehrstöckigen Altar und einer großen Orgel.
Neben der Rechtstadt entwickelt sich auch die Altstadt, in der es ebenfalls viel zu bewundern gibt. Erhalten geblieben ist die vom Deutschen Orden erbaute Große Mühle. Hinter ihr, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, steht das Altstädtische Rathaus. Gegenüber der Großen Mühle befindet sich die Katharinenkirche, die älteste Kirche von Gdańsk. Unmittelbar dahinter wurde einige Jahrhunderte später die heute wohl „politischste“ Kirche der Stadt angebaut – die Brigittenkirche, die in den 1980er-Jahren den Aktivisten der antikommunistischen „Solidarność“ als Zufluchtsort diente.
Seltsamerweise, wie nach einer Auswahl, blieben in Gdańsk einige Gebäude erhalten, deren Verlust man kaum hätte bedauern müssen. Es sind das ehemalige Gestapo-Gebäude (bis 1956 war darin der sowjetische NKWD untergebracht) und das Haus von Rudolf Spanner, der im Zweiten Weltkrieg Militärarzt war. In den Jahren 1943–44 entwickelte er ein Verfahren zur Herstellung von Seife aus menschlichem Fett. Seine Experimente führte er an Häftlingen aus Stutthof durch. Nach Aussagen von Zeugen beim Nürnberger Prozess handelte es sich dabei lediglich um die Leichen von Häftlingen. Zur Verantwortung gezogen wurde Spanner nicht, da nicht nachgewiesen werden konnte, dass er die Menschen getötet hatte, deren Leichen er für seine Experimente verwendete. 1957 war der Sadist bereits Direktor des Anatomischen Instituts in Köln, wo er einen vielbeachteten anatomischen Atlas schuf, der bis heute verwendet wird. Er selbst starb 1960 an einem Schlaganfall.

Die historische Altstadt von Gdańsk war das gewaltigste und beispielloseste Restaurierungsprojekt überhaupt.
Gebraucht wurden nicht nur Arbeitskräfte, sondern vor allem Zeit. Die Restauratoren standen vor einer äußerst schwierigen Aufgabe: Sie mussten Abbildungen aller zerstörten Häuser finden. Im Danzig der Vorkriegszeit hatte man keine systematische Dokumentation angelegt, und sämtliche Archive waren nach Westen gebracht worden. Deshalb musste das historische Zentrum Stück für Stück zusammengesetzt werden – anhand von Zeichnungen, Ausschnitten aus alten Zeitungen, Familienfotos und Gemälden. Als Erstes entstanden Entwürfe der Fassaden in der Langgasse, der Hundegasse und der Jopengasse. Bei der Räumung der Trümmer nach dem Krieg wurden alle architektonischen Details in den Restaurierungswerkstätten gesammelt – man kann sagen, Stäubchen für Stäubchen. Zu bestimmen, welches Steinfragment zu welchem Haus gehörte, war äußerst schwierig. Geleitet wurden die Restaurierungs- und Wiederaufbauarbeiten von Jan Borowski und Marian Celiński, Mitarbeitern der Abteilung für polnische Architektur der Technischen Hochschule Gdańsk.
Es gibt in der Dreistadt noch Viertel, an die sich die Handwerker gerade erst gemacht haben. Ihre Wiederherstellung ist nur eine Frage der Zeit – die Arbeiten ruhen keinen einzigen Tag. Auch die öffentlichen Diskussionen über die Projekte zum Wiederaufbau der Stadt gehen weiter.
In den 20 Jahren unter Stadtpräsident Paweł Adamowicz, der Anfang 2019 vor den Augen der ganzen Stadt auf tragische Weise ums Leben kam, verwandelte sich Gdańsk von einem europäischen Provinznest in ein weltbekanntes Touristenzentrum. Der junge Stadtpräsident ist den Einwohnern und allen, die seine Arbeit verfolgten, mit vielem in Erinnerung geblieben. Zum Beispiel mit seiner originellen Lösung des Straßenproblems. 2013 ordnete er an, im Zentrum von Gdańsk den Asphalt zu entfernen, unter dem das historische Kopfsteinpflaster lag. Adamowicz war der Ansicht, dass der alte Belag eine Menge Vorteile hat: Regenwasser bleibt nicht auf dem Pflaster stehen, und es gibt weniger Staub als auf Asphalt. Auch für die Verkehrssicherheit ist er nur von Vorteil – Autofahrer sind gezwungen, das Tempolimit einzuhalten. Und natürlich lag ihm der ästhetische Aspekt nicht weniger am Herzen: „Wissen Sie, wie angenehm es ist, im Taxi über Kopfsteinpflaster zu fahren! Auf den Champs-Élysées gibt es auch Kopfsteinpflaster …“
Anders als die polnische Staatsführung setzte sich Paweł Adamowicz für die Aufnahme von Migranten und für möglichst günstige Bedingungen für sie ein. Und Gdańsk wurde tatsächlich die erste polnische Stadt, die einen beispiellosen Plan zur Integration verschiedener Völker beschloss. Der Bürgermeister hoffte, dass das Programm zumindest in den nächsten Jahrzehnten Bestand haben würde. Wie er sagte, haben alle das Recht, glücklich zu sein.
Adamowicz pflegte gutnachbarliche Beziehungen zu Russland und führte die Tradition ein, am Tag der Befreiung von Gdańsk vom Faschismus Blumen an den Gräbern der gefallenen sowjetischen Soldaten niederzulegen, weshalb die Opposition ihn als „russisches Element“ bezeichnete. Als „unechter Pole“ erwies er sich auch, als er nach der Aufhebung des visafreien Regimes mit Kaliningrad durch die polnische Seite das offizielle Warschau kritisierte. Seiner Meinung nach standen hinter dieser Entscheidung politische Kräfte, denen die Interessen der einfachen Polen wenig bedeuten.
Die Bürger hielten ihren Bürgermeister für einen ehrlichen, markanten und interessanten Politiker, der dem Volk nahestand, und schätzten ihn für seine große Aufmerksamkeit gegenüber sozialen Programmen. Er verschanzte sich nicht hinter den dicken Mauern seines Amtszimmers. Er sprach mit den Menschen auf der Straße (ohne Leibwächter!), diskutierte mit ihnen seine Ideen, interessierte sich für ihre Probleme und löste sie. Unter Adamowicz wurde das Büro für Stadtentwicklung – Biuro Rozwoju Miasta – geschaffen, das sämtliche Investitionen in der Stadt vorbereitet und überwacht, soziologische und technische Untersuchungen durchführt und Informationen über die Bedürfnisse der Einwohner sammelt.
Seit 2006 gibt es in Gdańsk ein Stipendienprogramm für Studierende in IT-Studiengängen. Später führte der Bürgermeister die Politik der „offenen Stadt“ ein: Im Internet wird ein Ausgabenregister veröffentlicht, und jeder Einwohner kann nachlesen, wie viel Geld für Bildung, Medizin, Kultur, Straßenreparaturen, den Unterhalt staatlicher Einrichtungen … aufgewendet wird. In Gdańsk hat sich rund um die Stadtverwaltung ein Milieu von Intellektuellen und gesellschaftlichen Aktivisten gebildet, das zum wichtigsten Motor stetiger positiver Veränderungen wurde.
Die Veränderungen im heutigen Gdańsk sind recht umfassend. 2011 wurde das Fußballstadion PGE Arena Gdańsk mit 44.000 Plätzen fertiggestellt, dessen Kosten auf 623 Millionen Złoty geschätzt werden. Der Bau hatte 2008 begonnen. Bis Dezember 2009 trug das Stadion den Arbeitsnamen Baltic Arena, bis die PGE Group die Namensrechte an der Arena erwarb.
Ein Jahr zuvor hatte die überdachte Mehrzweckhalle Ergo Arena mit 15 000 Plätzen ihre ersten Besucher empfangen; sie liegt direkt an der Grenze zwischen Sopot und Gdańsk, und beide Städte beteiligen sich an ihrer Finanzierung. Eröffnet wurde der Sport- und Veranstaltungskomplex mit einem Volleyballspiel, das den Bürgern in Erinnerung blieb, weil die polnische Mannschaft die brasilianischen Weltmeister schlug. Neben Sportwettkämpfen finden in der Ergo Arena Ausstellungen und Konzerte statt. Hier gastierte der Cirque du Soleil, es traten Lady Gaga, Elton John, Rod Stewart, Jean-Michel Jarre, Sting, Depeche Mode, die Scorpions und viele andere auf. 2014 war die Halle Austragungsort der Leichtathletik-Weltmeisterschaft.
In den letzten Jahren erhielt Gdańsk die neue städtische Bahnlinie PKM sowie die südliche Stadtumgehung (Obwodnica Trójmiejska), eine Schnellstraße. Die Seebrücke in Brzeźno und der Jachthafen an der Szafarnia-Straße wurden umgebaut. Es entstanden Schulen sowie Schwimmbäder mit Sporthallen, die Uferpromenade und der Fischmarkt wurden erneuert, und zur Insel Sobieszewo führt nun eine bewegliche Brücke.
2016 wurde unter der Toten Weichsel ein fast anderthalb Kilometer langer Straßentunnel gebaut. Er ist ein wichtiges Teilstück der Trasa Słowackiego, die den Lech-Wałęsa-Flughafen mit dem Seehafen verbindet. Es handelt sich um eine der größten Investitionen der letzten Jahre im polnischen Küstengebiet und das erste Bauwerk dieser Art im Land.

Aleksandra Dulkiewicz
Am 3. März 2019 wählten die Bürger Aleksandra Maria Dulkiewicz zur neuen Stadtpräsidentin von Gdańsk. Seit 2017 war sie Stellvertreterin von Paweł Adamowicz gewesen und hatte seit dem Tag seines Todes die Amtsgeschäfte der Stadtpräsidentin geführt. Vor ihrer Kandidatur arbeitete Aleksandra Dulkiewicz im Europäischen Solidarność-Zentrum und in der Gdańsker Agentur für Wirtschaftsentwicklung Invest. Sie war Vorsitzende der Fraktion der Bürgerplattform im Stadtrat von Gdańsk. Vom 17. März 2017 bis zum 14. Januar 2019 war sie stellvertretende Stadtpräsidentin von Gdańsk für Wirtschaftspolitik. Bei den Kommunalwahlen 2018 leitete sie den Wahlkampfstab von Paweł Adamowicz.
Die tiefgreifendsten Veränderungen der letzten Jahre betrafen auch den Nordhafen, dessen Bau 1970 begann und der bereits vier Jahre später eröffnet wurde. Später kamen ein Umschlagplatz für Flüssigbrennstoffe, ein Erzkai und ein Terminal für den Umschlag von Flüssiggas (LPG) hinzu. Dies sind die Meilensteine, dank derer ein großer Hafen entstand, der Gdańsk in der europäischen Liga der Tiefwasserhäfen vertritt. Im Juni 2007 wurde das Tiefwasser-Containerterminal eröffnet, und danach folgte ein Wendepunkt in der Geschichte des Hafens: Eine regelmäßige Überseecontainerlinie wurde in Betrieb genommen, die Gdańsk mit dem Fernen Osten verbindet. Der Hafen wird ständig weiterentwickelt und gilt heute nicht nur als Anlage von regionaler Bedeutung, sondern auch als östlichster kontinentaler Hafen des vereinten Europas.
Paweł Adamowicz, der Vorsitzende des Aufsichtsrats des Hafens war, sagte: „Der Nordhafen gehört zu den großen Erfolgen, ganz unabhängig davon, wie man die Zeit der Volksrepublik Polen insgesamt bewertet. Damals war er Ersatz und Vorbote der wirtschaftlichen Souveränität des Landes … Er ist eine der Investitionen, die die Prüfung durch die Zeit bestanden haben.“
In der Biografie von Adamowicz gibt es Kapitel, die mit der Gewerkschaftsbewegung Solidarność verbunden sind. Von 1990 bis 1994 war er ihr Mitglied. Am 31. August 2005 wurde auf dem Platz der Solidarność in Gdańsk, am Denkmal für die 1970 getöteten Arbeiter der Danziger Werft, die Gründungsurkunde des Europäischen Solidarność-Zentrums unterzeichnet. Zugleich regte Adamowicz die Gründung eines Museums der Solidarność-Bewegung an. Der Bau begann 2010 und kostete 232 Millionen Złoty, die Hälfte der Mittel stellte die Europäische Union bereit. Bei der Eröffnung des Museumskomplexes am 30. August 2014 waren nicht nur der Präsident Polens und der Stadtpräsident von Gdańsk zugegen, sondern auch der Solidarność-Führer und ehemalige Staatspräsident Lech Wałęsa. Das fünfstöckige Museumsgebäude mit mehr als 25 000 Quadratmetern Fläche ist einem Schiff im Bau nachempfunden. Jeder Saal ist einer bestimmten Etappe der Bewegung gewidmet.
In Gdańsk gibt es auch das Museum des Zweiten Weltkriegs – das größte der Welt und das einzige in Europa. Die Ausstellung erzählt nicht nur vom Schicksal Polens, sondern auch von der Leningrader Blockade, den sowjetischen Partisanen und der Schlacht von Stalingrad. Das Museum zeichnet ein umfassendes Bild des Krieges. Das Gebäude selbst hat eine Fläche von 23 000 Quadratmetern, 5000 davon nimmt die Ausstellung ein, deren Hauptteil unter der Erde liegt. Der Rundgang beginnt im Untergeschoss und endet im Turm, von dem aus man auf das nach dem Krieg wiederaufgebaute Gdańsk blickt.
In den letzten zwei Jahrzehnten hat Gdańsk nicht nur das im Krieg Zerstörte wiederhergestellt, sondern sich auch modernisiert. Auf den Straßen, die mit kostenlosem WLAN ausgestattet sind, fahren neue Straßenbahnen und komfortable Busse. Eine neue Straßenbahnlinie von Piecki-Migowo nach Wrzeszcz wurde gebaut, derzeit entstehen drei weitere Kilometer. Neue Radwege mit einer Länge von fast 100 Kilometern wurden angelegt; sie verlaufen auch entlang der Küste und verbinden die Städte und Vororte der Dreistadt. Die Arbeiten am städtischen Fahrradverleihsystem Mevo stehen kurz vor dem Abschluss. Im Rahmen eines Sanierungsprogramms wurden auch die grauen Plattenbauten aus den 1970er-Jahren aufgewertet. Jetzt wirken sie nicht mehr so trostlos.
Die großen Projekte wären ohne Investitionen der Europäischen Union nicht möglich gewesen. Auch das ist ein Verdienst von Adamowicz. Er stellte ein Team zusammen, das in der Lage war, sie umzusetzen.
Die einzigartige Lage und der Geist der Freiheit haben Gdańsk eine ganz besondere Atmosphäre verliehen. Das ist zu einem großen Teil das Verdienst seines Stadtpräsidenten. Paweł Adamowicz versprach nichts Unmögliches: „Wir sagen konkret, was wir wo umsetzen wollen … Bei uns ist alles durchgerechnet, denn wir sind Profis. Gdańsk braucht keine Amateure. Gdańsk ist eine zu ernsthafte, zu große Stadt, um zweifelhaften Experimenten von Amateuren ausgesetzt zu werden.“ Er schuf eine freie Stadt für glückliche Menschen. Und auf die Frage, womit man anfangen solle, antwortete er: „Bringen Sie den Menschen einfach bei, ihre Stadt zu lieben. Fangen Sie bei den Kindern an.“
HISTORISCHER KALENDER VON GDAŃSK
997 – Erste schriftliche Erwähnung Gdańsks in der „Vita des heiligen Adalbert“.
1263 – Gdańsk erhält von Lübeck das Stadtrecht.
1282 – Herzog Mestwin II. übergibt Ostpommern (Pommerellen) mit seiner Hauptstadt Gdańsk dem großpolnischen Herzog und späteren König von Polen Przemysł II.
1308 – Die Ritter des Deutschen Ordens erobern Gdańsk, die Stadt wird in Danzig umbenannt.
1309 – Der Orden schließt mit Brandenburg den Vertrag von Soldin und kauft ihm Pommern samt Danzig ab.
1343 – Der Orden verleiht Danzig das Kulmer Recht; der Bau der Marienkirche, des Rechtstädtischen Rathauses und der Stadtmauer beginnt.
1361 – Danzig wird Mitglied der Hanse.
1410 – Infolge der Schlacht bei Tannenberg erhält die Stadt königliche Privilegien.
1454 – Kasimir Jagiellończyk erlässt die Urkunde über die Eingliederung Danzigs und ganz Pommerellens in das Königreich Polen.
1454–1466 – Dreizehnjähriger Krieg der preußischen Städte gegen den Deutschen Orden, an dessen Ende der Orden Vasall des polnischen Königs wird und den Anspruch auf Danzig verliert.
15.–16. Jh. – „Goldenes Zeitalter“ Danzigs.
1626–1629 – Der Polnisch-Schwedische Krieg endet am 26. September 1629 mit dem Waffenstillstand von Altmark. Er wurde unweit von Danzig im preußischen Dorf Altmark (Stary Targ, Woiwodschaft Pommern) geschlossen.
1655–1660 – „Schwedische Sintflut“. Der Angriff der Schweden auf Polen (Polen-Litauen) führte zum Waffenstillstand von Wilna im Russisch-Polnischen Krieg von 1654–1667 und zum gemeinsamen Kampf der verfeindeten Seiten gegen die drohende schwedische Vorherrschaft. Formal endet der schwedische Einfall mit dem Waffenstillstand in Oliva.
1660 – Unterzeichnung des Vertrags von Oliva, der die Konflikte zwischen Polen-Litauen und Schweden beilegt, die nach dem Polnisch-Schwedischen Krieg von 1600–1629 und dem Nordischen Krieg von 1655–1660 fortbestanden hatten.
1733–1735 – Polnischer Thronfolgekrieg, infolgedessen August der Sachse König von Polen wird.
1772 – Erste Teilung Polens. Pommerellen und ein Teil Großpolens fallen an Preußen.
1793 – Zweite Teilung Polens und Anschluss Danzigs an Preußen.
1795 – Dritte Teilung Polens. Österreich und Preußen erhalten polnische Gebiete. Damit hört Polen auf, als Staat zu existieren.
1807 – Napoleon erobert Danzig und erklärt es zur Freien Stadt.
1815 – Danzig kehrt zu Preußen zurück.
1852 – Die erste Eisenbahn verbindet Danzig mit Bromberg (poln. Bydgoszcz), Schneidemühl (Piła), Thorn (Toruń) und Hohensalza (Inowrocław).
1870 – Inbetriebnahme der Pferdebahn.
1895 – Inbetriebnahme der elektrischen Straßenbahn.
1919 – Infolge des Versailler Friedensvertrags erhält Danzig den Status einer „Freien Stadt“
1939 – Am 1. September beginnt in Danzig (Westerplatte) der Zweite Weltkrieg
1945 – Ende des Krieges, Beginn des Wiederaufbaus der Stadt.
1970 – Beginn der Unruhen auf der Danziger Werft.
1980 – Entstehung der Gewerkschaftsbewegung „Solidarność“.
1983 – Lech Wałęsa erhält den Friedensnobelpreis.
1990 – Aus den ersten freien Wahlen im Jahr 1990 geht Lech Wałęsa als Präsident Polens hervor.
1998 – Paweł Adamowicz wird zum Stadtpräsidenten von Danzig gewählt. Danach wird er die Wahlen noch viermal gewinnen.
3. März 2019 – bei der vorgezogenen Wahl des Stadtpräsidenten von Danzig, die nach dem tragischen Tod von Paweł Adamowicz abgehalten wurde, wählen die Einwohner seine Stellvertreterin Aleksandra Dulkiewicz zum neuen Stadtoberhaupt.
BIBLIOGRAFIE
- Freidrich Carl Gottlieb von Duisburg. Versuch einer historisch-topographischen Beschreibung der freien Stadt Danzig.
- Daniel Gralath. Versuch einer Geschichte Danzigs.
- О. Райле. Секретные операции абвера. Тайная война немецкой разведки на Востоке и Западе 1921–1945. Бойцы невидимого фронта.
- Ю. Рубцов. К 70-й годовщине освобождения Гданьска.
- М. Тымовский, Я. Кеневич, Е. Хольцер. История Польши.
- Lokarno-Konferenz 1925. Eine Dokumentensammlung.
- Мирный договор между Союзными и Объединившимися державами и Германией (Версальский договор) 28 июня 1919
- Lorenz. Die Geschichte der Kaschuben.
- Friedrich A. Vossberg. Muenzgeschichte der Stadt Danzig.
- Walther Recke. Der diplomatische Kampf um Danzig vor und in Versailles.
- Lothar Foerster. Die Abtrennung Danzigs von Preußen und dem Deutschen Reich.
- Karl C. Thalheim. Das Grenzlanddeutschtum.
- Табуи Женевьева. Двадцать лет дипломатической работы.
- https://polski.pro/o-polsce/gdansk-gorod-neptuna
- www.gdansk.ru
- https://wikiway.com/poland/gdansk/
- Ernst Ziehm. Die Entstehung der Freien Stadt Danzig.
- Kossinna, Zeitschrift für Ethnologie.
- Лех Кшижановский. Гданьск.
- Л.Е.Горизонтова, В.А.Дьяков и др. Краткая история Польши.
- Герберт Дирксен. Москва, Токио, Лондон – Двадцать лет Германской внешней политики.
- М.П. Безруков, А.Е. Туровский и др. Путеводитель побед.
- А.Е. Голованов. Дальняя бомбардировочная...
- В.А. Зубачевский. Проблема Данцига и «польского коридора» в германо-польских отношениях в 1929–1933 гг.
- Военная энциклопедия под ред. В.Ф. Новицкого. Данциг.
- А. Самсонов. Победное завершение восточно-померанской операции. Штурм Гдыни, Данцига и Кольберга.
- Franz Steffen. 4000 Jahre bezeugen Danzigs Deutschtum: Geschichte der ethnographischen, geschichtlichen, kulturellen, geistigen u. künstlerischen Verbundenheit Danzigs mit Deutschland von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart
- М.Т. Кузьмина. Искусство Польши.
- Мировая экономика, финансы и инвестиции. globfin.ru
Für die Gestaltung wurden Illustrationen aus dem Archiv der Redaktion von VisitPrussia.com, aus Wikipedia sowie von den Fotoportalen Pixabay und PxHere verwendet. Weitere Quellen sind in den Bildunterschriften angegeben.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

