/ Königsberg – Kaliningrad

Die Lehre von Groß-Jägersdorf: Wer zaudert, verliert

Die Lehre von Groß-Jägersdorf: Wer zaudert, verliert

Die Schlacht bei Groß-Jägersdorf in Ostpreußen am 30. August 1757. Zeichnung von Alexander von Kotzebue.

Man sagt, von Heerführern werde eine zweifache Kunst verlangt: nämlich, dass sie zu siegen verstehen und, mehr noch, dass sie ihre Siege zu nutzen wissen und sie nicht ungenutzt verloren gehen lassen. Was aber unsere Heerführer betrifft, so scheint mir, dass es ihnen an beiden dieser Künste gebrach. Sie verstanden weder zu siegen noch ihre Siege zu nutzen. Den Sieg hat Gott uns unverhofft geschenkt, und, wie mir scheint, ganz ohne unsere Absicht und unser Zutun; ihn aber zu nutzen, daran dachte bei uns niemand auch nur im Entferntesten.

Andrej Bolotow

„Leben und Abenteuer des Andrej Bolotow, von ihm selbst für seine Nachkommen beschrieben“


Stepan Apraxin

(1702–1758)

Generalfeldmarschall (seit 1756), Oberbefehlshaber der russischen Armee im ersten preußischen Feldzug von 1757. Er war ein Verwandter von Graf P. M. Apraxin, einem Mitstreiter Peters I. Dank mächtiger Gönner stieg er bis zum Präsidenten des Kriegskollegiums auf, obwohl er keine herausragenden militärischen Fähigkeiten besaß. Er liebte prächtige Garderobe und üppige Mahlzeiten, auf die er selbst auf Feldzügen nicht verzichtete. Er galt als gutmütig, wohltätig, treu in der Freundschaft und gewissenhaft im Dienst.

Am frühen Morgen des 30. August 1757 brach die russische Armee unter dem Kommando von Generalfeldmarschall Stepan Apraxin aus ihrem Lager bei Norkitten (Siedlung Meshduretschje), in dem sie drei Nächte verbracht hatte, in Richtung Allenburg (Siedlung Druschba) und Königsberg (Kaliningrad) auf. Kaum waren die ersten russischen Kolonnen, vermischt mit dem Tross, hinter dem Wald hervorgetreten, der das Lager deckte, stießen sie auch schon auf die Schlachtordnung der preußischen Armee. Die in Gefechtslinien aufgestellte preußische Infanterie eröffnete sofort das Feuer und ließ dem Gegner keine Zeit, aus der Marschordnung in die Gefechtsordnung überzugehen. Allerdings hatten auch die preußischen Soldaten nicht damit gerechnet, die Russen aus dem Wald auf offenes Gelände heraustreten zu sehen. Die preußische Armee war um vier Uhr morgens aus ihrem Lager bei Groß-Jägersdorf aufgebrochen, um den Feind noch vor Tagesanbruch in seinem Lager anzugreifen. Doch so oder so war das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Drei gezielte Salven konnten die preußischen Infanteristen abgeben, bevor von den russischen Stellungen vereinzeltes Gewehrfeuer erwiderte. So begann die Schlacht bei Groß-Jägersdorf – eine Schlacht, die die russische Armee gewann, ohne daraus weiteren Nutzen zu ziehen. Sie hätte mit der völligen Zerschlagung der Armee enden können, die Ostpreußen deckte. Ihre Vorgeschichte und die Ereignisse, die ihr folgten, sind sogar noch interessanter als der Verlauf des Gefechts selbst. Deshalb muss die Geschichte von Groß-Jägersdorf der Reihe nach erzählt werden – mit ausführlichen Abschweifungen in Politik und Kriegswesen.

Friedrich greift an, Russland tritt in den Siebenjährigen Krieg ein

Die Kampfhandlungen des Siebenjährigen Krieges (1756–1763), den Historiker mitunter den allerersten Weltkrieg nennen, begannen nicht in Europa, sondern im fernen Amerika, wo die Interessen Englands und zweier anderer Kolonialmächte – Frankreichs und Spaniens – aufeinanderprallten. Die erbittertsten und blutigsten Schlachten des Siebenjährigen Krieges fanden jedoch auf dem europäischen Kontinent statt.

Die fünf führenden Staaten unter den Beteiligten dieses Konflikts verfolgten darin weitreichende und klar umrissene Ziele:


  • England – die einzige koloniale Weltmacht zu werden und dabei den Hauptkonkurrenten Frankreich sowie zum Teil das immer weiter im Niedergang begriffene Spanien zu überflügeln.

  • Frankreich – England in der Kolonialpolitik Konkurrenz zu machen und die vorherrschende Macht in Kontinentaleuropa zu bleiben.

  • Österreich – das zuvor verlorene Schlesien zurückzugewinnen und seinen Status als stärkste Macht in Osteuropa zu festigen.

  • Preußen – in den Kreis der führenden Staaten Europas aufzusteigen und sein Territorium auf Kosten der Nachbarstaaten zu erweitern.

  • Russland – zu einem führenden Akteur der europäischen Politik zu werden, seine baltischen und westlichen Besitzungen zu sichern und sich die Unterstützung Österreichs im Krieg gegen die Türkei zu sichern.


Die übrigen Kriegsteilnehmer verfolgten Ziele lokaler Natur, die zudem immer wieder angepasst wurden.

Von den fünf Hauptbeteiligten des globalen Konflikts hatte Russland anfangs die geringste Motivation, sich daran zu beteiligen, wurde aber im Verlauf der Kampfhandlungen immer tiefer in den Krieg hineingezogen.

Keine der gegen Preußen kämpfenden Mächte strebte die Vernichtung des preußischen Staates an. Allen kam ein kleines Preußen als streitlustiger Verbündeter gelegen – allerdings ohne Ansprüche auf mehr.

Ausschnitt einer Karte der Schlachten des Siebenjährigen Krieges Ausschnitt einer Karte der Schlachten des Siebenjährigen Krieges.

Um zu verhindern, dass die zu einer Koalition vereinten Mächte Frankreich, Österreich und Russland einen abgestimmten Operationsplan ausarbeiteten, schlug der preußische König Friedrich II. (alias Friedrich der Große, alias der Alte Fritz) als Erster los: 1756 besetzte er Sachsen und vergrößerte seine Armee um 20.000 sächsische Soldaten. Im Mai 1757 folgte der Vorstoß auf Prag, woraufhin Russland und Frankreich in den Krieg eintraten.

Preußen: nicht durch Masse, sondern durch Können

Vergleicht man die Hauptkräfte der Militärblöcke England–Preußen–Hannover und Frankreich–Österreich–Russland, fällt die erdrückende Überlegenheit des letzteren bei der Zahl der Soldaten unter Waffen ins Auge: 723.000 gegenüber 340.000. Tatsächlich war die zahlenmäßige Lage für die preußische Seite sogar noch bedrückender, denn Großbritannien hatte nicht vor, seine kleine Armee in Schlachten auf europäischem Boden einzusetzen. Die Gefechte in den Kolonien waren weit weniger blutig, erlaubten es der englischen Regierung aber, die für das Land wichtigsten Aufgaben bei der Kontrolle über die Kolonialbesitzungen zu lösen. In Europa dagegen führte England den Krieg nur mit Geld. Somit betrug das Kräfteverhältnis der Armeen in Europa etwa 1:3 zuungunsten Preußens. Friedrich II. sah darin jedoch kein Hindernis für das Erreichen seiner Ziele. Er verließ sich auf die Gefechtsausbildung der preußischen Armee und ihre hohe Beweglichkeit, die es ermöglichte, in den entscheidenden Momenten an einem bestimmten Ort zumindest ein Kräftegleichgewicht herzustellen. Da Ostpreußen jedoch kein solcher Ort war (zumindest zu Beginn des Feldzugs), war dort eine andere Taktik vorgesehen. Darauf kommen wir etwas später zurück; zunächst wollen wir betrachten, was die Preußen der Gefahr einer russischen Offensive entgegenzusetzen hatten.

Johann von Lehwaldt

(1685–1768)

Generalfeldmarschall (seit 1751). Geboren in Legitten (heute Siedlung Turgenewo, Rajon Polessk). Verbrachte 63 Jahre im preußischen Militärdienst. Befehligte die preußischen Truppen in der Schlacht bei Groß-Jägersdorf (1757). 1760 wehrte er erfolgreich die Belagerung Berlins ab. Ab 1762 Generalgouverneur von Ostpreußen. Beigesetzt in Königsberg auf dem Friedhof an der Kirche Juditten.

Unter dem Kommando des preußischen Generalfeldmarschalls Johann von Lehwaldt standen folgende Kräfte: Infanterie – 20.250 Soldaten, Kavallerie – 7.600 Reiter, preußische Miliz – 2.200 Mann. Das scheint nicht viel zu sein. Doch bevor man auf eine bedingungslose Überlegenheit der russischen Armee an Mannschaften und Artillerie schließt, sollte man sich daran erinnern, dass am 5. November 1757 in der Schlacht bei Roßbach Friedrichs 22.000 Mann starke Armee die 43.000 Mann starke französische vernichtend schlug. Und um die Erfolgsaussichten der kleinen, aber disziplinierten Armee Lehwaldts richtig einzuschätzen, muss man verstehen, wie Mitte des 18. Jahrhunderts Schlachten gewonnen wurden.

In jeder europäischen Armee jener Jahre war die Infanterie die wichtigste Waffengattung. Die Infanteristen waren mit glattläufigen Steinschlossgewehren bewaffnet. Ihre Reichweite für einigermaßen gezieltes Schießen überstieg 200 Meter nicht.

Um die erforderliche Feuerdichte zu gewährleisten, wurden die Infanteriebataillone in Linie aufgestellt. Und um eine annehmbare Feuergeschwindigkeit zu erreichen, stellten die meisten Armeen Europas ihre Infanterie in drei Gliedern auf. Während ein Glied eine Salve abgab, luden die übrigen nach. Dazu nahm der Soldat eine Papierpatrone aus der Patronentasche, riss ihr Ende mit den Zähnen ab, öffnete den Deckel der Zündpfanne, schüttete etwas Pulver darauf, schloss den Pfannendeckel, schüttete das restliche Pulver der Patrone in den Lauf und stieß mit dem Ladestock eine Bleikugel mit dem Papierpfropfen hinterher. Danach war der Soldat bereit zum Schuss. Die Bataillone Friedrichs II. erreichten eine Gesamtfeuergeschwindigkeit von bis zu 5–5,5 Salven pro Minute. Bei Übungen verlangte Friedrich sogar, „jeder Soldat solle sechs Kugeln in der Minute abfeuern, mit der siebten im Lauf“.

Stellen wir uns nun ein Gefecht jener Zeit in seinem Ablauf vor. Die in drei Gliedern aufgestellten Infanterieverbände beginnen sich anzunähern. Das Tempo der Annäherung ist ein langsamer Paradeschritt – nur so ließ sich die Forderung erfüllen, die Linie streng einzuhalten. Wenn die Entfernung zum Gegner auf etwa 140–150 Meter geschrumpft ist, gibt der Offizier den Befehl zur Salve. Die Schüsse Hunderter Soldaten verschmelzen zu einem einzigen. Beim Gegner fallen Tote und Verwundete, doch die gedrillte Infanterie schließt sofort die Reihen, ohne die Formation aufzulösen, und erwidert mit einer eigenen Salve.

Wenn die Entfernung auf etwa 50, manchmal sogar 30 Meter geschrumpft ist, gibt eine der Seiten als erste den Befehl „Bajonett aufpflanzen!“; die Soldaten stecken das Bajonett auf das Gewehr und gehen, ohne in Laufschritt zu verfallen, mit starrenden Bajonetten in einen beschleunigten Schritt über, bis sie im Bajonettangriff auf den Gegner treffen.

Und genau hier besaß die preußische Armee gleich drei Trümpfe, die zeitgenössischen militärischen Beobachtern auffielen:


  1. Die preußische Infanterie schaffte es, zwischen der Annäherung auf Schussweite und dem Übergang zum Bajonettangriff 4–5, mitunter sogar 6 Salven abzugeben.
  2. Wie ein gut eingespieltes Räderwerk schloss die preußische Infanterie ihre Reihen, wenn feindliche Kugeln oder Kanonenkugeln ein ganzes Stück aus der Linie rissen; deshalb folgte die Antwortsalve ohne Verzögerung und ohne Einbuße an Feuerdichte.
  3. Die preußischen Kommandeure bewiesen bemerkenswerte Kaltblütigkeit, und die Infanterie ging nicht vorzeitig zum Bajonettangriff über; daher gelang es ihr häufig, noch eine weitere, „überzählige“ Salve auf den Gegner abzufeuern, der bereits mit gefälltem Bajonett anrückte.


Im anschließenden Bajonettkampf siegte dann allerdings derjenige, in dessen Reihen mehr kampffähige Soldaten verblieben waren. Deshalb erwiesen sich gerade jene ein, zwei zusätzlichen Salven, die die preußische Infanterie gewöhnlich noch abgeben konnte, mitunter als entscheidend.

Bei den Ereignissen des Sommers 1757 auf dem Gebiet Ostpreußens hatten dessen Verteidiger noch einen weiteren Trumpf – die Person des Oberbefehlshabers selbst, Generalfeldmarschall Johann von Lehwaldt. In der russischen Geschichtsschreibung wird Lehwaldt nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei war es gerade sein Feldmarschall, auf den König Friedrich seine Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang des Feldzugs gegen die russische Armee setzte. Lehwaldt war maßvoll vorsichtig, verfügte über außerordentlich große Erfahrung (besonders im Vergleich zu den russischen Befehlshabern), galt als Meister des Manövers, als Improvisator und als Spezialist darin, die Schwachstellen des Gegners zu ertasten. Bedenkt man zudem, dass der Feldmarschall gebürtiger Ostpreuße war und daher das Gelände gut kannte, so hätte Friedrich für die Umsetzung seiner Pläne keine bessere Besetzung finden können.

Apropos Friedrich der Große selbst. Oft wird die Frage gestellt: Was hat dieser König, der den Beinamen „der Große“ erhielt, im Kriegswesen eigentlich so Großes vollbracht?

Friedrich II.

(1712–1726)

Preußischer König aus dem Haus Hohenzollern, auch „Friedrich der Große“ und „der Alte Fritz“ genannt, deutscher Nationalheld. Als Vertreter des aufgeklärten Absolutismus führte er eine Reihe von Reformen durch und schaffte im Land Zensur und Folter ab. In Schlachten führte er die Armee persönlich zum Angriff. Trotz mehrerer militärischer Niederlagen errang er einen politischen Sieg, indem er die Grenzen Preußens erheblich erweiterte und es zu einer der führenden europäischen Mächte machte.

An taktischen Kunstgriffen scheinbar nicht viel, nur einen einzigen – die sogenannte „schiefe Schlachtordnung“. Ihr Wesen bestand darin, dass die Linie der Bataillone nicht in gerader Front, sondern gestaffelt vorrückte. Dabei bestand der Flügel, der der feindlichen Front am nächsten vorgeschoben war, aus den kampfstärksten Einheiten und wurde zusätzlich durch ein paar weitere Infanterielinien verstärkt. So entstand auf diesem Flügel eine örtliche zahlenmäßige Überlegenheit, mit deren Hilfe die preußische Armee den gegnerischen Flügel eindrückte, wodurch die übrigen feindlichen Einheiten ständig von Umfassung bedroht waren. Meist brachte diese Bedrohung das geordnete Gewehrfeuer des Gegners sofort durcheinander; in seinen Reihen setzten Hektik und Umgruppierungen ein, die schließlich in die Flucht der Infanterie und danach in den Rückzug der gesamten feindlichen Armee vom Schlachtfeld mündeten. Die „schiefe Schlachtordnung“ galt ein halbes Jahrhundert lang als höchste Errungenschaft der Feldtaktik und wurde erst nach der Schlacht bei Auerstedt 1806 zu einem Kapitel der Geschichte. „Mit einer Armee von 30 000 Mann“, schrieb Friedrich, „kann man 100 000 besiegen, wenn man sie in der Flanke fasst.“

Friedrichs übrige Leistungen wirkten äußerlich keineswegs groß. Er schaffte es „lediglich“, die Verluste außerhalb des Kampfes auf Feldzügen auf ein Minimum zu senken, machte die Versorgung der Verwundeten und ihren Abtransport vom Schlachtfeld zur Pflicht und setzte jeglichen Plünderungen und Ausschreitungen gegenüber der Zivilbevölkerung ein für alle Mal ein Ende: Ein Soldat, der einem Bauern einen Laib Brot wegnahm, oder ein Furagierkommando, das eine Bauerngemeinde ohne Bezahlung oder Schuldschein zurückließ, kam vor ein Kriegsgericht, auf das die Erschießung folgen konnte.

Bei aller Anerkennung für die „beste Armee Europas“, wie Zeitgenossen die Armee Friedrichs des Großen mitunter nannten, muss man auch ihre Schwächen erwähnen. Im (verglichen mit seinen Gegnern) kleinen Preußen, das sich zudem von der Pestepidemie der Jahre 1709–1711 bevölkerungsmäßig noch nicht vollständig erholt hatte, war es äußerst schwierig, eine Armee von 150 000–200 000 Mann auf der Grundlage von Rekrutenaushebungen aufzustellen. Um die Infanterieregimenter aufzufüllen, griffen die preußischen Werber mit Friedrichs Billigung zu allen, selbst kriminellen Mitteln. Man holte Menschen durch Betrug, wegen Schulden oder durch regelrechten Menschenraub in die Armee, auch Ausländer.

Gefangen genommene feindliche Soldaten wurden mitunter geschlossen in die preußische Armee eingereiht. Dem Rekruten nahm man um jeden Preis die Unterschrift unter den Fahneneid ab, danach wurde ihm der Kopf auf besondere Weise geschoren – damit man Deserteure leichter fassen konnte.

Danach konnte der Neuling den Dienst nur noch verlassen, indem er im Kampf fiel, aus gesundheitlichen Gründen ausschied oder wegen Fahnenflucht erschossen wurde. Angesichts dieser Lage war die Moral der Soldaten sehr schlecht. Um Massendesertionen vorzubeugen, waren Nachtmärsche verboten, auf Waldwegen wurde die Infanterie von Kavallerie begleitet, und während der Schlacht standen an den Flanken jedes Regiments besondere Kompanien, deren Aufgabe es war, die Reihen zusammenzuhalten und jeden Fluchtversuch vom Schlachtfeld zu unterbinden.

Die preußische Kavallerie in der Gestalt, in der sie auf den „Bühnen“ der Kriegsschauplätze des Siebenjährigen Krieges auftrat, war die Lieblingswaffengattung des Königs, sein ganzer Stolz, sein Kind, das er buchstäblich von der Wiege an großgezogen hatte.

Anders als die Infanterie wurde die Kavallerie ausschließlich auf freiwilliger Grundlage aus freien Bürgern des preußischen Staates rekrutiert.

Die Elite der preußischen Kavallerie bildeten die Kürassiere – die schwere Linienkavallerie. Ihren Namen erhielt sie vom Kürass, einem stählernen Brustpanzer, der den Kürassier vor Blankwaffen und sogar vor einem Gewehr- oder Kartätschenschuss schützte, wenn dieser aus großer Entfernung oder schräg abgegeben wurde. Friedrich verfasste persönlich Instruktionen und Anweisungen zu Bewaffnung, Formation und Taktik der Linienkavallerie. Für die Kürassierschwadronen wählte man kräftige Pferde hannoverscher Rasse aus. Reitübungen fanden in der preußischen Kavallerie täglich statt. Nur so ließen sich nach Ansicht des Königs ein hoher Ausbildungsstand und ein reibungsloses Zusammenwirken erreichen.

Preußische Kürassiere

Die preußische Linienkavallerie war darauf gedrillt, im Galopp so dicht geschlossen anzugreifen, dass die Reiter einander mit den Knien berührten. Eine solch kompakte Masse, die einmal Fahrt aufgenommen hatte, konnten weder Infanteriesalven noch ein Kartätschenhagel aufhalten. Selbst verwundete Reiter und Pferde brachen, vom allgemeinen Strom mitgerissen, in die feindlichen Formationen ein, sprengten die Reihen und überrannten die Infanterie, woraufhin sich der Gegner in eine chaotische Menschenmenge verwandelte, die vor den Pallaschen der Kürassiere zu fliehen suchte. Nach Friedrichs Vorschrift kämpfte die preußische schwere Kavallerie im Angriff ausschließlich mit der blanken Waffe und durch die Wucht des Ansturms – das Schießen vom Pferd hielt der preußische König für sinnlos, und Zeitgenossen bestätigen, dass er damit völlig recht hatte.

Auch die leichte Kavallerie – die Husaren – wurde auf freiwilliger Grundlage für die preußische Armee angeworben. Die Hauptaufgaben der Husaren bestanden in raschen Flanken- und Rückenangriffen auf den Gegner, in der Verfolgung des zurückweichenden Feindes, in der Gefechtssicherung von Kolonnen auf dem Marsch (u. a. auch zum Aufgreifen von Deserteuren), in der Aufklärung und in der Verstärkung von Furagiertrupps.

Die preußischen Husaren waren die einzigen in Europa, für die die allgemeine militärische Disziplin galt.

In den übrigen Armeen herrschte in größerem oder geringerem Maße eine „Husarenfreiheit“, die der Führung und den anderen Truppenteilen oft viele Probleme bereitete. Doch wie in anderen Armeen waren die Pferde der Husaren klein gewachsen; ihre Dressur wie auch die reiterliche Ausbildung der Husaren selbst wurde nur in minimalem Umfang betrieben – man ging davon aus, dass die Husaren ihr Können und ihre Ausbildung selbstständig verbessern sollten.

Was die Dragoner betrifft, so hielt Friedrich es nicht für nötig, sie in großer Zahl zu unterhalten. Seiner Meinung nach ließen sich alle Aufgaben der Kavallerie von der schweren und der leichten Reiterei lösen. Die preußischen Dragoner kämpften wie die Dragoner anderer Armeen zu Pferd und zu Fuß und waren mit leichten, kurzläufigen Gewehren von geringer Treffgenauigkeit bewaffnet, die auf höchstens 150 Meter wirksam waren. Das Schießen aus dem Sattel war ihnen streng verboten – übrigens ebenso wie der übrigen Kavallerie, mit Ausnahme der Husaren, die mit Pistolen für den Nahkampf ausgerüstet waren.

Friedrich II. und die preußische Generalität hatten eine überaus hohe Meinung von den Fähigkeiten der preußischen Armee. Umgekehrt hielt der preußische König die Ausbildung der gegnerischen Armeen für in keiner Weise mit den Kampfqualitäten seiner eigenen Truppen vergleichbar.

Die russische Armee – eine unbekannte Größe

Man muss zugeben, dass Friedrich teilweise recht hatte. Allerdings hatte die von Kaiserin Elisabeth durchgeführte qualitative Reorganisation der russischen Armee zu Beginn des Siebenjährigen Krieges bereits erste Früchte getragen. In der Zeit der Palastrevolutionen und Intrigen von 1727–1741 war die noch von Peter geschaffene neue russische Armee in Verfall geraten. Wurde die Garde materiell noch auf einem mehr oder weniger ordentlichen Niveau gehalten, so stand es um die Versorgung der Kampftruppen äußerst schlecht. Besonders schwierig war die Lage bei der Kavallerie. Nach den Worten des österreichischen Offiziers Hauptmann Paradis, der sich in den 30er Jahren (des 18. Jh.) in Russland aufhielt, „hat die russische Armee bei der Kavallerie großen Mangel… Zwar gibt es Dragoner, doch ihre Pferde sind so schlecht, dass man die Dragoner nicht für Kavalleristen halten kann… Wenn die Dragoner absaßen, rissen sie ihre Pferde zu Boden“.

Die Reorganisation der Armee verbesserte die Lage einigermaßen.

Zu den drei bestehenden Kürassierregimentern kamen drei weitere hinzu. Doch selbst diese Zahl an schwerer Reiterei reichte nicht aus. Einer Vermehrung der Kürassierregimenter standen jedoch die hohen Kosten für den Ankauf und den Unterhalt großer Pferde entgegen. Deshalb wurde die mittlere Kavallerie – die Dragoner – zur Grundlage der regulären russischen Reiterei. Angesichts der unzureichenden Finanzierung sah die russische Führung in den Dragonerregimentern durchaus einen Vorteil, da diese Waffengattung sowohl für den Dienst zu Pferde als auch zu Fuß bestimmt war. Die Vielseitigkeit minderte allerdings die Qualität der Dragoner als Infanterie, da sie mit leichteren und kürzeren Gewehren bewaffnet waren. Auch erzielte der Einsatz der Dragoner bei Reiterattacken eine geringere Wirkung als der Angriff klassischer Linienkavallerie. Als hochmobile Kampfabteilungen, die praktisch jede Aufgabe von untergeordneter Bedeutung bewältigen konnten, waren die Dragoner dagegen recht wirkungsvoll.

Eine reguläre leichte Kavallerie fehlte in der russischen Reiterei praktisch völlig. Schon unter Peter hatte man versucht, Husarenabteilungen aus angeworbenen Ungarn, Walachen und Polen aufzustellen. Da sich jedoch mit der Zeit keine Mittel für ihren Unterhalt fanden, bot man den frischgebackenen Husaren Landzuteilungen in Kleinrussland an – im Austausch für die Bereitschaft, im Kriegsfall ins Feld zu ziehen; man machte die Husaren also zu einer Art Kosaken. So waren die Husarenregimenter zu Beginn des Siebenjährigen Krieges völlig kampfunfähig, weshalb die russische Armee ergänzend und als Grundlage der leichten Kavallerie irreguläre Reiterei einsetzte – Don- und Tschugujew-Kosaken sowie das sogenannte „Vier-Völker-Kommando“, das aus Kalmücken, Baschkiren, Kasaner Tataren und Mischären bestand.

Diese Abteilungen waren höchst bunt bewaffnet – von Infanteriegewehren bis zu Bögen und Wurfspießen –, was zu zahlreichen anekdotischen Situationen führte und den Offizieren und der Führung der russischen Armee Kopfzerbrechen bereitete.

Pjotr Schuwalow

(1711–1762)

Graf, Generalfeldzeugmeister (ab 1756), Generalfeldmarschall (ab 1762), Regierungschef unter Elisabeth I., Militärreformer. Als Leiter des Artilleriewesens führte er eine grundlegende Reorganisation und Modernisierung der russischen Artillerie durch, die ihr bis zum Ende der Napoleonischen Kriege den Rang der besten Artillerie Europas sicherten.

Unbestrittener Stolz der russischen Armee in der Mitte des 18. Jahrhunderts war hingegen die Artillerie. Die Reformen der Artilleriebewaffnung, die Generalfeldzeugmeister Graf Pjotr Schuwalow in Angriff nahm, steigerten die Bedeutung dieser Waffengattung in den Feldzügen erheblich. Die russische Artillerie wurde, ohne an Feuerkraft einzubüßen, verhältnismäßig leicht und beweglich – etwas, dessen sich die Artillerie des Gegners nicht rühmen konnte. Im Zuge der Reform wurde eine vernünftige Vereinheitlichung der Kaliber und Ladungen erreicht, was die Versorgung der Artillerieeinheiten mit Munition erheblich erleichterte. Als wichtigste Neuerung Schuwalows gilt jedoch die Einführung der Einhorn-Haubitzen.

Um die Bedeutung dieses Schrittes zu ermessen, ist ein kurzer Exkurs in die Geschichte der Artillerie des 18. Jahrhunderts nötig.

Alle Geschütze jener Zeit wurden in Kanonen, Haubitzen und Mörser eingeteilt. Die längsten Rohre hatten die Kanonen. Bei gleichem Kaliber verfügten sie im Vergleich zu den anderen Geschützarten über die stärkste Ladung und die höchste Anfangsgeschwindigkeit der Kugel. Die große Ladung erforderte ein festes Rohr und eine zuverlässige Lafette. Daher waren Kanonen auch die schwersten Geschütze der Armee. Die Kanone feuerte im direkten Richten gusseiserne Vollkugeln. Durch den Abpraller sprang die Kugel nach dem Aufschlag mehrmals vom Boden ab, was die Ungenauigkeit der damaligen Visiere ausglich.

Eine Kanonenkugel traf den Gegner zuverlässig auf Entfernungen von einem Kilometer und mehr, konnte bei einer Aufstellung in mehreren Linien drei bis vier Soldaten töten und zerstörte obendrein Befestigungsanlagen.

Der Nachteil der Kanonen lag jedoch nicht nur in ihrem großen Gewicht, sondern auch darin, dass sie nur Vollkugeln verschießen konnten – eine Sprenggranate oder Bombe wäre von der starken Ladung schon im Rohr zerstört worden. Außerdem war ein wirksames Rikoschettschießen mit Kugeln in sumpfigem oder stark zerklüftetem Gelände unmöglich.

Die Haubitze hatte ein kürzeres Rohr. Sie feuerte in mäßig gekrümmter Flugbahn hohle Bomben (Geschosse von über einem Pud Gewicht) und Granaten (unter einem Pud), in die eine Pulverladung eingebracht wurde. Die Granate zerplatzte in der Luft über dem Gegner oder nach dem Aufschlag in seinem Stellungsbereich und traf die Mannschaften mit den Splittern ihrer Hülle. Das war allerdings die Theorie; in der Praxis besaß die Pulverladung der Bombe keine so große Kraft, die Hülle lieferte nicht die nötige Zahl an Splittern, die Granate zerbrach oft beim Aufprall auf ein hartes Hindernis, und mitunter zündete die Ladung gar nicht. Daher war die Wirkung von Bomben und Granaten im Vergleich zu abprallenden Vollkugeln nicht so ausgeprägt. Im Nahkampf gingen die Haubitzen zum direkten Richten über und beschossen den anrückenden Gegner mit Kartätschen. Die Reichweite einer Kartätschenladung war mit der eines Gewehrschusses vergleichbar; solange die Geschwindigkeit der Kartätschenkugeln hoch war, streuten sie nicht breit genug, und wenn die Streuung die gewünschte Fläche erreichte, war die Kartätsche bereits ermattet und durchschlug oft nicht einmal das dichte Uniformtuch, von dem Kürass der schweren Kavallerie ganz zu schweigen.

Das von den Artillerieoffizieren Danilow und Martynow erfundene „Einhorn“ war eine Haubitze mit verlängertem Rohr auf einer leichten Feldlafette.

Im Unterschied zu einer gewöhnlichen Haubitze oder einem Mörser konnte es Vollkugeln verschießen (wenn auch nicht so weit wie eine Kanone), und die Kartätsche verließ sein Rohr mit höherer Anfangsgeschwindigkeit. Die konische Kammer (der Teil des Rohres, in dem die Pulverladung lag) des „Einhorns“ sorgte dafür, dass die Rückstände des verbrannten Pulvers vollständig aus dem Rohr geschleudert wurden, und verkürzte die Zeit für das Reinigen des Rohres mit dem Wischer. So erhielt die russische Armee eine bewegliche, vielseitige und schnell feuernde Waffe, die die erforderlichen Eigenschaften optimal in sich vereinte.

„Einhorn“
„Geheime Haubitze“

Am Feldzug nach Preußen nahmen auch die weithin bekannten „Geheimen Haubitzen“ teil. Ihr „Geheimnis“ bestand in einer ovalen Seele des Rohres, deren größere Achse parallel zum Boden lag. Nach der Vorstellung ihrer Schöpfer sollten diese Haubitzen die Kartätsche nicht in einem gleichmäßigen Kegel, sondern in einer Art Fächer ausstoßen, was eine breitere Streuung und eine größere Trefferwirkung bewirken sollte, da man annahm, dass die meisten Kugeln der Ladung ihr Ziel gerade in der Körperhöhe der feindlichen Soldaten erreichen würden. Leider kannten weder Schuwalow noch die Waffenschmiede jener Zeit die physikalischen Gesetze, die den Flug der Kartätsche bestimmen und nach denen die Form der Rohrseele keinen Einfluss auf die Verteilung der Kartätschenkugeln im Raum hat; die schmeichelhaften Urteile der Militärs über den Einsatz solcher Haubitzen im Gefecht lassen sich daher ausschließlich der Unterwürfigkeit gegenüber Vorgesetzten zuschreiben, die für die russische Armee (und nicht nur zu jener Zeit!) so typisch war. Übrigens wurden die „Geheimen Haubitzen“ nach Schuwalows Tod bald ausgemustert.

Was die russische Infanterie betrifft, so war ihre Bewaffnung eindeutig ihre Schwachstelle.

Ausländische Diplomaten, die nebenbei als Spione tätig waren, berichteten aus Russland, dass die Infanterieregimenter sowohl mit Gewehren des neuen, erleichterten Modells von 1753 als auch mit alten Waffen ausgerüstet waren, die noch seit petrinischer Zeit in Gebrauch standen. Die Handfeuerwaffen der russischen Armee dienten in der Regel bis zum völligen Verschleiß. Die Läufe wurden mehrfach aufgebohrt. Dies führte dazu, dass jede Infanterieeinheit Waffen mit unterschiedlichen Kalibern, Schussweiten und Feuergeschwindigkeiten besaß, was einem geschlossenen Feuer unter den Bedingungen der Lineartaktik nicht zuträglich war. Allerdings berichten dieselben Quellen auch vom hohen Kampfgeist der russischen Soldaten und von einer geringen Fahnenflucht.

Lehwaldts Pläne

Den Feldmarschall erfahren und kriegskundig zu nennen, wäre eine gewaltige Untertreibung. Zum Zeitpunkt des russischen Einmarsches war Lehwaldt 72 Jahre alt, davon hatte er 58 im Militärdienst verbracht und sowohl an Angriffs- als auch an Verteidigungsschlachten teilgenommen. Seine Aufgabe bestand darin, die russische Armee am ungehinderten Vormarsch zu hindern, sie in zahllose kleine Scharmützel zu verwickeln, die Beschaffung von Proviant und Futter zu erschweren und ihr, wenn die Umstände günstig waren, in einigen Gefechten empfindliche Schläge zu versetzen. Dabei galt es, die eigene Armee vor schweren Verlusten zu bewahren und auf Verstärkung von Friedrich zu warten. Lehwaldt war es gestattet, Friedensverhandlungen aufzunehmen und zeitweilige Waffenstillstände zu schließen; er durfte sogar Königsberg preisgeben, wenn sich nur dadurch der Vormarsch der Russen verlangsamen ließ.

Als beste Lösung sah Friedrich jedoch die Zerschlagung der russischen Armee in einer Schlacht, in der Lehwaldt der zahlenmäßigen Überlegenheit der russischen Truppen Kriegskunst, Überraschung und eine vorteilhafte Stellung im Gelände entgegensetzen sollte.

Schon als die russische Armee im Frühjahr 1757 zu ihrem Feldzug aufbrach, hatte Lehwaldt die Festung Königsberg inspiziert und war zu dem Schluss gekommen, dass ihre Erdwälle verfallen waren und keinen auch nur einigermaßen verlässlichen Schutz gegen den Feind boten. Eine hartnäckige Verteidigung von Memel (Klaipėda) und Königsberg schloss Lehwaldt von Anfang an aus, da die Befestigungen dieser Festungen nicht stark genug waren und eine Verteidigung innerhalb der Festungsmauern die ihm gestellten Aufgaben ohnehin nicht hätte erfüllen können. Dennoch ließ man in den Festungen Garnisonen zurück (3000 Soldaten in Königsberg und 800 in Memel), samt Festungsartillerie. Die Befestigungen Königsbergs im Bereich des Brandenburger Tors wurden sogar instand gesetzt, damit die Festung nicht zur leichten Beute der russischen Kavallerievorhut würde, sondern bei einem Sturmangriff die Hauptkräfte des Gegners bände.

Wilhelm von Fermor

(1702–1771)

Graf, General en chef, Teilnehmer an vielen großen Schlachten des Siebenjährigen Krieges. Während des ersten Feldzugs nach Preußen leitete er die Belagerung und Einnahme Memels. Als Befehlshaber der russischen Armee besetzte er 1757–58 Ostpreußen und Königsberg. Erster russischer Generalgouverneur Preußens. 1759 übergab er den Oberbefehl an P. S. Saltykow. Nach dem Krieg Generalgouverneur von Smolensk. In Kaliningrad ist eine Straße nach Fermor benannt.

Während die russischen Kolonnen auf die preußische Grenze zumarschierten und das Korps des Generals en chef Wilhelm von Fermor zur Belagerung der Festung nach Memel geschickt wurde, nahm Lehwaldts Operationsplan endgültig Gestalt an. Er unternahm nichts gegen die Einnahme Memels und schickte weder die Armee noch einen Teil von ihr aus, um Fermor auf dem Weg zur Armee Apraxins anzugreifen, denn in diesem Fall hätten seine Truppen von zwei Seiten zugleich angegriffen werden können. Lehwaldt stellte seine Hauptkräfte bei Insterburg (Tschernjachowsk) auf und begann nach der Vereinigung der beiden russischen Armeen, vor deren Vormarsch zurückzuweichen, wobei er diesen Rückzug unter Kontrolle hielt und die Russen in kleinen Störgefechten zermürbte. Lehwaldt hatte mehrere günstige befestigte Stellungen vorbereitet, an denen der Feldmarschall der russischen Armee bei günstiger Gelegenheit eine Entscheidungsschlacht liefern konnte. Unterdessen begannen Abteilungen der Landmiliz, die russischen Furagierkommandos und einzelne Einheiten auf dem Marsch in kleinen Scharmützeln zu bedrängen.

Apraxins Pläne

Apraxins Lage war weitaus schwieriger als die seines Gegners. Ihm fehlte jene Carte blanche, jene volle Handlungsfreiheit, die Lehwaldt besaß. Liest man die Memoiren von Zeitgenossen und die Arbeiten von Historikern verschiedener Epochen zur Geschichte des Siebenjährigen Krieges, so drängt sich unwillkürlich die Vermutung auf, Apraxins eigentlicher Plan habe darin bestanden, auf feindlichem Gebiet irgendetwas zu vollbringen, das ihm die Gunst der Kaiserin Elisabeth eintragen würde, nicht von den Preußen geschlagen zu werden und möglichst bald nach Petersburg zurückzukehren. Allerdings entstanden all diese Aufzeichnungen und Analysen erst nach dem traurigen Ende des Oberbefehlshabers der russischen Armee und bedienten das verfestigte Klischee eines unentschlossenen, zaghaften Mannes ohne jedes Feldherrntalent; man sollte ihnen daher mit einer gewissen Skepsis begegnen.

Beginnen wir also damit, dass Apraxin zunächst ein sehr allgemein gehaltener Befehl erteilt worden war: in Richtung der preußischen Grenze zu marschieren. Klare Anweisungen, wohin die Armee ziehen sollte (nach Königsberg oder nach Schlesien), gab es nicht.

Er sollte in allgemeiner Richtung nach Westen vorrücken und weitere Befehle abwarten oder je nach Lage handeln.

Für einen pflichtbewussten Menschen ohne die geringste Spur von Abenteuerlust, wie unser Feldmarschall einer war, konnte es keinen verhängnisvolleren Befehl geben. Nach dem Grenzübertritt und der Einnahme Memels wurden die Anweisungen allerdings klarer und konkreter. Hauptziel der russischen Armee wurde Königsberg.

Von der Grenze bis Norkitten

Der Einmarsch von Apraxins Armee auf preußischen Boden begann mit einer kleinen, aber empfindlichen Blamage: Eine russische Aufklärungsabteilung aus Dragonern und Kosaken unter dem Kommando eines Majors französischer Herkunft namens de la Rua besetzte das Dorf Kummeln, das zwischen den heutigen Städten Nesterow und Gussew lag. Da sie im Dorf keinen Feind vorfanden, ergaben sich der Major und seine Offiziere dem Trunk. Der Angriff der preußischen Reiterei traf sie völlig unvorbereitet. Das Ergebnis waren über vierzig Gefallene und die panische Flucht der russischen Abteilung. Weitere 26 Dragoner und Kosaken gerieten in Gefangenschaft. Die preußische Armee hatte keine Toten zu beklagen.

Andrej Bolotow

(1738–1833)

Schriftsteller, Philosoph, Wissenschaftler, Begründer der russischen Agrarwissenschaft. Während des Siebenjährigen Krieges im Militärdienst, schied er im Rang eines Hauptmanns aus. Nach dem Krieg widmete er sich der Botanik, der Forstwirtschaft und der Agronomie. Verfasser zahlreicher Handbücher auf diesen Gebieten. Dreißig Jahre lang schrieb er an seinen autobiografischen Aufzeichnungen „Leben und Abenteuer des Andrej Bolotow, von ihm selbst für seine Nachkommen beschrieben“, einer überaus wertvollen historischen Quelle zu den Ereignissen des 18. und 19. Jahrhunderts.

Wie der Feldzugsteilnehmer Unterleutnant Andrej Bolotow bezeugt, untergrub dieser Vorfall die Moral der russischen Soldaten erheblich. Offiziere stellten fest, dass immer häufiger von der Unbesiegbarkeit der preußischen Armee und der den russischen Truppen bevorstehenden Niederlage die Rede war. Und obwohl der Verursacher dieser unglücklichen Ereignisse, de la Rua, zum Gemeinen degradiert wurde, standen alle weiteren Geschehnisse unter dem Eindruck des Vorgefallenen.

Mehrmals vor Groß-Jägersdorf wurde Apraxins Armee nachts alarmiert und in Schlachtordnung aufgestellt – nur um im Morgengrauen festzustellen, dass weit und breit kein Feind zu sehen war.

Zugleich setzte die Landmiliz den russischen Truppen unablässig zu. Mit ihren Überfällen auf Furagiere und Sicherungsabteilungen sorgte sie für ständige Nervosität in den Einheiten. Apraxin befahl, die Milizionäre zu fangen und zu erschießen. Kosaken und Kalmücken gingen noch härter vor: In Dörfern, in denen bewaffnete Gruppen gesichtet worden waren, kam es zu Plünderungen und zur Ermordung von Zivilisten, danach wurden diese Dörfer vollständig niedergebrannt. Diese Taten lösten sofort Flüchtlingsströme aus: Die Menschen warteten ihr trauriges Schicksal nun nicht mehr ab, sondern steckten ihre Häuser selbst in Brand und zogen nach Königsberg. Die Armee begann Not zu leiden, da sie in bereits verwüstete Dörfer einrückte. Schließlich erließ Apraxin, wie Bolotow berichtet, den Befehl, die irreguläre Kavallerie in der Nachhut zu halten, wodurch die Armee ihre berittene Vorausaufklärung verlor ...

Die Gräueltaten machte sich Friedrich zunutze. Es begann ein Informationskrieg: Der Alte Fritz ließ Relationen veröffentlichen, in denen in grellen Farben geschildert wurde, wie eine „wilde Barbarenhorde“ über die friedliche Bevölkerung herfiel. Die Relationen verbreiteten sich in ganz Europa, wurden in Zeitungen nachgedruckt und an den Höfen verlesen. Der Ruf der russischen Armee war schwer beschädigt, was Elisabeth, die sich mit aller Kraft als aufgeklärte und gnädige Monarchin darzustellen suchte, äußerst missfallen musste. Diesen Krieg gewannen Friedrichs Propagandisten zweifellos, zumindest in jener Phase. Um unnötige Opfer zu vermeiden, stellte Lehwaldt jedoch die Aktionen der Landmiliz ein und befahl ihren Angehörigen, sich mit der Hauptarmee zu vereinigen.

Die mit Trossen überladene russische Armee kam nur sehr langsam voran. Die Tagesmärsche betrugen 5–15 Werst. Oft schlug die Armee nach einem Marsch für 2–3 Tage ein Lager auf.

Apraxin führte den Feldzug „gründlich“ – mit Dienerschaft, Silbergeschirr, überreichlicher Garderobe und allem übrigen Zubehör des friedlichen Lebens eines Adligen. Nach der Einnahme von Gumbinnen (Gussew) wurde die örtliche Bevölkerung drei Tage lang auf die russische Kaiserin vereidigt. Am 9. August kam es auf dem Marsch zwischen Gumbinnen und Insterburg zu einem Gefecht zwischen einer Abteilung preußischer Husaren und einer zur Aufklärung ausgesandten Abteilung russischer leichter Kavallerie (300 Husaren und 800 Kosaken), die von Kürassieren unterstützt wurde. Beide Seiten behaupteten, ihre eigenen Verluste hätten nur wenige Mann betragen, während die des Gegners an die fünfzig herangereicht hätten.

Am 19. August vereinigte sich bei Insterburg die Armee Apraxins mit dem Korps Fermors. Zu diesem Zeitpunkt zählte die russische Armee „bis zu 134 000 Mann, nämlich 19 000 Reiter, 99 000 Fußsoldaten und 16 000 Mann irregulärer Truppen“ (Bolotow). Eine so gewaltige zahlenmäßige Überlegenheit hätte ein fähiger Feldherr zweifellos in eine qualitative verwandelt: Er hätte der feindlichen Armee eine Entscheidungsschlacht aufgezwungen, sie mit einem Teil seiner Truppen an den Flanken und (oder) im Rücken umgangen und sie gezwungen, bis zum letzten Soldaten zu kämpfen oder sich zu ergeben. Für einen mittelmäßigen Feldherrn wie Apraxin war das jedoch eine unlösbare Aufgabe. Zugleich war der Entschluss, auf das linke Ufer des Pregels überzusetzen, um nicht auf den von Lehwaldt vorbereiteten Stellungen kämpfen zu müssen, im Großen und Ganzen richtig, wenn auch recht schlicht.

Vom 27. bis 29. August setzte die russische Armee über den Pregel. Die am linken Ufer eintreffenden Truppen schlugen ihr Lager auf, im Rücken gedeckt durch die Flüsse Pregel und Auxine (Golubaja). Zur Seite des Feindes hin schützte ein dichter Wald das Lager. Während des Übersetzens wurde die russische Armee von der preußischen Vorhut angegriffen, die so etwas wie eine gewaltsame Aufklärung durchführte. Der Angriff wurde von einer entsandten Abteilung des „Kommandos der vier Völkerschaften“ erfolgreich abgewehrt. Bis zur Entscheidungsschlacht blieben nur noch Stunden. Lehwaldt wusste das, Apraxin aber ahnte nichts davon…

Ein unverhoffter Sieg in einer unerwarteten Schlacht

Alle Schilderungen vom Beginn der Schlacht setzen mit der Feststellung ein, dass der Oberbefehlshaber der russischen Armee es nach dem Übergang über den Pregel bei Norkitten nicht für nötig hielt, das Gelände erkunden zu lassen. Das war in der Tat ein seltsamer und unverzeihlicher Fehler, zumal Apraxin – und das hält Bolotow in seinen Aufzeichnungen ausdrücklich fest! – in solchen Fragen zuvor sogar übertrieben vorsichtig gewesen war. Möglicherweise glaubte der Feldmarschall, sein Manöver sei Lehwaldt verborgen geblieben, sodass mit dem baldigen Erscheinen der preußischen Armee am linken Ufer nicht zu rechnen sei. Andererseits lag es auf der Hand, dass schon die einheimische Bevölkerung, von den Kundschaftern ganz zu schweigen, das preußische Kommando über jeden Schritt der russischen Armee unterrichten würde. Festzuhalten ist also, dass Lehwaldt den Überraschungseffekt größtenteils der Nachlässigkeit der russischen Führung verdankte und nicht irgendwelchen originellen taktischen Einfällen.

All das führte dazu, dass die russische Armee den frühen Morgen des 30. August 1757 und den Rest des Tages ganz anders verbrachte, als ihre Führung es geplant hatte. Vorgesehen war ein weiterer Marsch in Richtung Allenburg (heute Siedlung Druschba). Die russischen Regimenter und Schwadronen schickten sich an, in der gewohnten Marschordnung durch einen schmalen Durchgang zwischen dem Wald und dem Fluss Auxine auszurücken.

Die Marschkolonnen zogen bunt gemischt mit Trossen und Artillerie dahin, als sie völlig unerwartet auf die in Schlachtordnung aufgestellten preußischen Regimenter stießen.

Hier sind zwei wichtige Punkte hervorzuheben. Erstens waren von der von Bolotow beschriebenen Streitmacht von 110 000 Soldaten unter Apraxins Befehl noch 55 000 kampffähige Männer übrig. Das „Fehlen“ der halben Armee lässt sich leicht erklären: durch Ausfälle infolge von Krankheiten (ca. 11 000 Mann), durch die in Gumbinnen und Insterburg zurückgelassenen Garnisonen sowie durch die große Zahl von Soldaten ohne Kampfauftrag (Versorgungs- und Wirtschaftspersonal). Zweitens kam der Beginn der Schlacht für beide Seiten unerwartet, wenn auch in unterschiedlichem Maße: Die russische Armee rechnete überhaupt nicht mit einem Angriff, die preußische wiederum musste statt eines Lagers Kolonnen auf dem Marsch angreifen.

Denkmal in MeschduretschjeDenkmal für den Sieg bei Groß-Jägersdorf in der Umgebung der Siedlung Meschduretschje (Norkitten).

Natürlich waren die Preußen als Erste gefechtsbereit. In der Mitte der Front stellte sich die Infanterie in Linie auf und konnte ganze drei Salven abgeben, bevor die russischen Truppen mit Schnellfeuer aus Gewehren und Kanonen antworten konnten. Genau hier, im Zentrum, spielten sich die dramatischsten Ereignisse ab. Erschwerend kam hinzu, dass nur ein kleiner Teil der russischen Armee unmittelbar ins Gefecht eingriff, während der Rest wegen der Ratlosigkeit der Führung und der äußerst ungünstigen Stellung untätig blieb. Die Lage rettete General en chef Wassili Lopuchin. Er war es, der mit seiner Division den ersten und wichtigsten Stoß auffing, es schaffte, unter feindlichem Feuer die Bataillone zu formieren, und mit Gegenfeuer der Infanterie Lehwaldts standhielt.

Diese Zeit reichte aus, damit die russische Armee sich neu formieren und auf die Abwehr des Angriffs vorbereiten konnte, statt in die Flucht geschlagen zu werden – was für sie verhängnisvolle Folgen gehabt hätte.

Lehwaldt erfasste die Lage und führte mit den Schwadronen Schorlemers einen wuchtigen Kavallerieangriff gegen unseren rechten Flügel. Ein Durchbruch der preußischen Kürassiere drohte die russische Armee einzukesseln und ihr Hinterland zu vernichten. Dieser Stoß konnte erst mit herangezogener Verstärkung aufgehalten werden, da die Preußen die ersten Treffen der russischen Reiterei zerschlagen hatten.

Auf dem linken Flügel gingen die Kosaken zum Angriff über, wandten sich jedoch, als sie auf die Kavallerie des Prinzen von Holstein trafen, zur Flucht und suchten Schutz hinter der russischen Infanterie. Bisweilen wird diese Episode als gezieltes Hinterherlocken des Gegners durch die Kosaken dargestellt, doch Bolotow berichtet unmissverständlich, dass die zurückweichenden Kosaken tatsächlich flohen und damit die Infanterieeinheiten in eine äußerst missliche Lage brachten: Öffnete die Infanterie ihre Reihen und löste das Karree auf, war sie dem Ansturm der feindlichen Kavallerie wehrlos ausgeliefert. Dennoch erging der Befehl, die Kosaken hinter die eigenen Stellungen durchzulassen. Nun drohte die Katastrophe auf dem linken Flügel. Doch die Artilleristen retteten die Lage – die vorrückende preußische Kavallerie geriet genau vor die Haubitzen einer russischen Batterie, und die folgende Kartätschensalve fügte ihr verheerende Verluste zu. Es entstand eine Stockung, die die Truppen des linken Flügels nutzten: Die Infanterie formierte sich erneut zum Karree, und die Kürassiere gingen zum Gegenangriff über. Die preußische Reiterei zog es vor, sich zurückzuziehen.

Groß-Jägersdorf 30.08.1757

Karten der Schlacht bei Groß-Jägersdorf.

Groß-Jägersdorf 30.08.1757

Zu diesem Zeitpunkt hatte Apraxin die Führung der Truppen endgültig verloren. Der Ausgang der Schlacht hing nun ganz von den Divisions- und Regimentskommandeuren ab. Die Division General Lopuchins im Zentrum der Front konnte der örtlichen Überlegenheit des Gegners nicht standhalten, wurde aufgerieben und wich langsam in den Wald zurück. Die Lage rettete ein anderer General – Rumjanzew. Ganz aus eigener Initiative stieß er durch die steckengebliebenen Trosse und das Walddickicht vor, um Lopuchin zu Hilfe zu kommen. Das Hervorbrechen der Reserve aus dem Wald und der anschließende geordnete Bajonettangriff kamen für die Preußen völlig überraschend.

Die preußische Armee begann zurückzuweichen. Inzwischen hatten zwei weitere russische Infanteriedivisionen in den Kampf eingegriffen, und der Rückzug von Lehwaldts Armee glich immer mehr einer Flucht. Die russische Artillerie verlegte ihr Bombenfeuer auf die rückwärtigen Einheiten der Preußen und zwang sie, sich den fliehenden vorderen Truppen anzuschließen. Die Schlacht war gewonnen.

Doch war sie wirklich gewonnen? Mitunter hört man die Ansicht, Lehwaldt habe seine Ziele erreicht – er habe der Armee Apraxins einen empfindlichen Schlag versetzt und sich zurückgezogen, wobei er die eigene Armee für spätere Schlachten erhalten habe. Allerdings ist kaum vorstellbar, dass Lehwaldt damit rechnete, an Menschen etwa ebenso große Verluste zu erleiden wie die russische Armee und ihr zudem seine gesamte Artillerie zu überlassen. Gewiss, wegen der Unentschlossenheit Feldmarschall Apraxins kam es nicht zur Zerschlagung der preußischen Armee, da keine Verfolgung des zurückweichenden Gegners organisiert wurde. Doch die Lage auf dem ostpreußischen Kriegsschauplatz war für die russische Armee nun weit günstiger als vor der Schlacht.

Ein Geheimnis, mit ins Grab genommen

Warum also nahm die russische Armee Königsberg nicht ein, sondern machte, in Allenburg angelangt, kehrt? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Die Historiker stellen Vermutungen an, doch den wahren Grund kannte nur Stepan Apraxin selbst. Er begründete seine Entscheidung mit dem Schwund an Soldaten und dem Mangel an Proviant und Futter, doch das überzeugte weder die Zeitgenossen noch die Historiker vollends. Weitere Einzelheiten hätten womöglich im Prozess gegen den Oberbefehlshaber ans Licht kommen können, doch er erlebte ihn nicht mehr – das Alter und die Angst vor der Strafe forderten ihren Tribut. Und alle Verurteilungen von Apraxins Handeln durch seine Mitstreiter im Feldzug wurden erst laut, nachdem die Kaiserin den Rückzugsbefehl missbilligt hatte.

In seinem Bericht an Elisabeth unmittelbar nach der Schlacht bei Groß-Jägersdorf schmückte sich Apraxin nicht mit fremden Verdiensten, erwähnte jedoch mit keinem Wort General Rumjanzew, der die Wende in der Schlacht herbeigeführt hatte. Er erwies lediglich dem gefallenen Lopuchin die Ehre. Alle weiteren Ereignisse – vom Verzicht auf die Verfolgung des geschlagenen Lehwaldt bis zur Umkehr der eigenen Armee – zeigen, dass auf Apraxin sowohl die Verantwortung für den gesamten Feldzug als auch seine eigene Rolle darin schwer lasteten. Der wahrscheinlichste Grund für die Entscheidung, die Apraxin später womöglich das Leben kostete, war wohl die Furcht, die Armee in neuen Schlachten, durch Hunger und Seuchen zu verlieren.

Die Heimkehr von Apraxins Armee rief bei Elisabeth und dem größten Teil des Hofes höchsten Unmut hervor.

Der noch vor Kurzem als Held des „Sieges über Friedrich“ Gefeierte (bei Hofe störte sich niemand daran, dass Friedrich selbst Hunderte Werst vom Ort des Geschehens entfernt war), dem man feierlich zwei Kanonen für sein Familienwappen verliehen hatte, wurde nun von derselben Umgebung der Kaiserin zum Hauptschuldigen am ruhmlosen Ausgang des Feldzugs erklärt. Während die Armee in den Winterquartieren lag, wurde der Oberbefehlshaber nach Petersburg beordert, wo er jedoch nie ankam, da man ihn in Narva verhaftete. Im Gefängnis verhörte ihn der Chef der Geheimen Kanzlei, Alexander Schuwalow, persönlich. Apraxin bekannte sich jedoch nicht schuldig und belastete auch niemanden. Auch die Prüfung des beschlagnahmten Archivs des Feldmarschalls brachte nichts – Hinweise auf Verschwörung, Verrat oder böse Absicht fanden sich darin nicht. Apraxin selbst richtete einen Brief an die Kaiserin, in dem er unter anderem schrieb: „…und dies kann ich melden, dass es in der ganzen Armee keinen einzigen Menschen gab, der nicht den letzten Tropfen seines Blutes für die Wahrung der allerhöchsten Interessen und in Erfüllung des Willens Eurer Majestät hätte vergießen wollen…“

Eilig wurde auch der Held der Einnahme Memels (und später auch Königsbergs), General Wilhelm Fermor, verhört. Doch auch er bestätigte lediglich die Worte seines Vorgesetzten: „Regen und großer Schlamm“ hätten die Armee um ihre Pferde gebracht, die selbst kaum noch auf den Beinen stehen und weder die Trosse ziehen noch Soldaten im Sattel tragen konnten; deshalb habe man beschlossen, in die Winterquartiere zurückzukehren, statt sich in Preußen einzurichten.

Die Ermittlungen gerieten in eine Sackgasse, und niemand weiß, wie alles geendet hätte, doch Stepan Apraxin hielt das Warten auf den Prozess nicht aus und starb am 17. August 1758.

Elisabeth I.

(1709–1762)

Russische Kaiserin (ab 1741), Tochter Peters I. Sie gelangte durch einen Palastputsch mit Unterstützung der Garde auf den Thron. Sie verstand sich als Fortsetzerin des Werks ihres Vaters. Eine herausragende Vertreterin des aufgeklärten Absolutismus. Unter Elisabeth wurde die Vollstreckung von Todesurteilen ausgesetzt, die erste Universität Russlands gegründet und Ostpreußen angegliedert. Die Kaiserin setzte der Vorherrschaft der Ausländer in allen Bereichen der russischen Staatsverwaltung ein Ende, indem sie Angehörige russischer Adelsgeschlechter auf Schlüsselposten berief.

Einer Volkslegende zufolge sprach Elisabeth, nachdem sie sich sämtliche Ermittlungsakten hatte vortragen lassen: „Nun denn, es bleibt nur noch das letzte Mittel – ihn freizusprechen.“ Ihre Worte wurden dem Angeklagten wörtlich verlesen, doch kaum war „es bleibt nur noch das letzte Mittel“ ausgesprochen, traf den entkräfteten Feldmarschall der Schlag, von dem er sich nicht mehr erholte.

Katharina II. lieferte den Historikern in ihren Memoiren ihre eigene Version der Gründe für Stepan Apraxins Entscheidung, mit der Armee aus Ostpreußen abzuziehen. Sie schrieb, der Rückzug „…glich einer Flucht, denn er ließ seine Equipage zurück, verbrannte sie und vernagelte die Kanonen. Niemand verstand etwas von diesem Vorgehen; selbst seine Freunde wussten nicht, wie sie ihn rechtfertigen sollten, und begannen deshalb, nach verborgenen Absichten zu suchen. Obwohl ich selbst nicht genau weiß, worauf der überstürzte und unverständliche Rückzug des Feldmarschalls zurückzuführen ist, da ich ihn nie wiedergesehen habe, glaube ich doch, dass der Grund darin lag, dass er von seiner Tochter, der Fürstin Kurakina, die noch immer aus Politik und nicht aus Neigung mit Pjotr Schuwalow liiert war, und von seinem Schwiegersohn, dem Fürsten Kurakin… recht genaue Nachrichten über die Gesundheit der Kaiserin erhielt, die sich zusehends verschlechterte…“

Später wurden Katharinas Worte zu der Version weiterentwickelt, Kanzler Bestuschew habe die Armee vom Feldzug zurückgeholt, weil er vorhatte, Elisabeths Enkel Pawel Petrowitsch unter Umgehung von dessen Vater – dem späteren Kaiser Peter III. – auf den Thron zu bringen. Diese Version hält sich bis heute, obwohl sie außer Acht lässt, dass sowohl vor 1757 als auch danach für solche Zwecke stets die in Petersburg und Umgebung stationierte Garde eingesetzt wurde.

Aus dem Abstand der Jahrhunderte betrachtet, lässt sich sagen, dass nichts Schlimmes geschehen ist. Die russische Armee führte eine langwierige Expeditionsoperation durch, schädigte die Wirtschaft Ostpreußens ein wenig und stellte dessen Armee auf die Probe.

Der Versuch selbst, in den Verlauf eines globalen Krieges einzugreifen, war jedoch erfolglos – der Feldzug nach Preußen wirkte sich in keiner Weise auf den Kriegsverlauf aus, weder in Europa noch erst recht in der Neuen Welt und in Asien. Friedrich II. kämpfte damals ausschließlich gegen Österreich und Frankreich, und die Ereignisse des Sommers 1757 durchkreuzten seine Pläne keineswegs. Die eigentliche Anstifterin des Krieges, England, hatte offenbar überhaupt keine Vorstellung davon, was sich dort im fernen Ostpreußen abspielte, und bereitete sich planmäßig auf entscheidende Siege auf dem amerikanischen Kriegsschauplatz vor. Paradoxerweise scheiterte Russland mit dem Feldzug auf ganzer Linie, ohne dabei eine militärische Niederlage zu erleiden.

Dennoch lässt sich nicht sagen, dass der erste Feldzug nach Preußen vergeblich war. Die russische Armee gewann die Überzeugung, jede Armee Europas besiegen zu können. Die Preußen erkannten im russischen Soldaten einen ebenbürtigen Gegner, dem man nur mit gleich starken oder überlegenen Kräften standhalten kann, und deshalb stieß die russische Armee beim nächsten Feldzug gegen Königsberg auf keinen ernsthaften Widerstand mehr. Die Ereignisse des Sommers 1757 aber wurden zu einem der spannendsten Kapitel in der Geschichte unserer Region.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.