LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Die menschliche Natur ist so beschaffen, dass wir manchmal über unergründliche Dinge nachsinnen, die keinerlei praktischen Sinn haben: wie viele Schuhe und Stiefel die Leute in Königsberg tragen, wie viele Strümpfe und Handschuhe in den Kleiderschränken seiner Damen liegen usw.
Es mag uns auch interessieren, wie viele Wale in den Polarmeeren schwimmen oder wie viele Schiffe mit unermesslichen Schätzen auf dem Meeresgrund ruhen. Und mancher stellt sich ein Gebäude vor, in dem jedes Zimmer noch eine Tür hat, die ins nächste führt, sodass wir niemals umkehren müssen – immer nur vorwärts durch ein endloses architektonisches Universum aus Stein, Holz und Glas. Wir können von so unermesslichen Gebäuden träumen, deren Mauern sich meilenweit erstrecken, deren Türme bis an die Wolken reichen und deren Treppen und Gänge zahllos sind: Treppen hinauf, Treppen hinab, gewölbte Terrassen gehen ineinander über, und luftige Galerien winden sich wie tropische Lianen um die Stockwerke.
Und welch ein Genuss ist es, sich in der Phantasie solche großartigen Formen auszumalen und sie ins Leben übertragen zu können! Wahrhaftig, die Architektur ist eines der rätselhaftesten und reizvollsten Gebiete des menschlichen Genius!
Blick auf das Schloss vom Altstädter Kirchenplatz.
Hier in Königsberg gibt es kein Heidelberger Schloss, in dessen malerischen Ruinen Nachteulen, Mäuse und Spinnen hausen. Es gibt keinen Prager Hradschin, in dessen festgefügten Mauern sich mit lässiger Anmut und zugleich mit edlem Schwung kostbare Prunksäle, kaiserliche Salons, Speisesäle und prächtige Gemäldegalerien ausbreiten. Aber auch wir in Königsberg haben ein Schloss, und schon dieses Wort klingt in meiner Seele wie bezaubernde Musik.
Ich bin schon zu alt, um die Abneigung der heutigen Jugend gegen das alte Rittertum1 zu teilen, ich hege noch immer zu viel Sympathie für das Mittelalter, das ich einst bewunderte, und halte die Neigungen meiner Jugend noch immer in Ehren – kurz, ich verbinde mit dem Wort „Schloss“ noch immer etwas Herrliches, eine Art Idee eines irdischen Paradieses. Die Architektur eines Schlosses soll ja auch Begriffe wie Größe und Herrschaft verkörpern.
Unser Schloss macht vor allem durch seine Lage [auf einem Hügel] einen majestätischen Eindruck – es beherrscht die Stadt. Der Schlossturm ist das höchste Bauwerk der Stadt und folglich der Beobachtungsposten der örtlichen Feuerwehr. Außerdem hat das Königsberger Schloss recht imposante Ausmaße.
Auf dem Schlosshof finden bequem mehrere Infanterieregimenter Platz. Ein Flügel mit eigenem Eingang [der Unfriedtbau] wurde vor verhältnismäßig kurzer Zeit errichtet, um vornehmen Gästen des Königs eine standesgemäße vorübergehende Unterkunft zu bieten und zugleich Seiner Majestät zu ermöglichen, sich den auf dem Schlossplatz versammelten Untertanen aus den Fenstern oder vom Balkon zu zeigen. Dieser Anbau unterscheidet sich im Stil vom ganzen übrigen Schloss, weil er später als alle anderen Teile errichtet wurde (1705–1712).
Unser Schloss gibt sich sofort als das wichtigste Bauwerk der Stadt zu erkennen, ob man es nun von fern betrachtet oder aus einer benachbarten Straße herankommt. Ein sehr eindrucksvoller Blick darauf bietet sich vom Altstädtischen Markt [Altstädtischer Markt] und vom Platz vor der Altstädtischen Kirche [Altstädter Kirchenplatz]: Das Schloss erhebt sich feierlich über die zierliche Hofkonditorei Pomatti und über die Wohnhäuser ringsum und beherrscht das Stadtbild.
Feierliche Aufstellung auf dem Schlossplatz.
Die Einzigartigkeit unseres Königlichen Schlosses, Zeuge vieler Epochen, hängt meiner Ansicht nach mit der Vielfalt seiner Baustile zusammen. Der älteste davon ist der Stil der Deutschordenszeit, in dem der Turm und die Schlosskirche2 erbaut sind.
Unter der Kirche verbergen sich ausgedehnte Keller, die heute als Weinkeller dienen, und über ihren Gewölben befindet sich der riesige Moskowitersaal mit großen hellen Fenstern nach allen vier Seiten, aus denen sich die herrlichste Aussicht auf die Stadt und die Umgebung bietet. Von den Seitentürmen führen Gänge in den Saal, und in den Türmen selbst fehlt es nicht an kleinen, zierlichen Gemächern. Die heutige Kirche war einst der Versammlungssaal [Remter] der Ordensritter, und die Gottesdienste wurden damals in der Kapelle abgehalten. Später wurde der Rittersaal zur Kirche umgebaut, und deshalb ist ihre Architektur so verwickelt und unübersichtlich.
Die Gewölbe, die Säulen, die allegorischen Malereien „grau in grau“ sowie die farbige heraldische Malerei sind für sich genommen vortrefflich, doch im Ganzen ist die Kirche geringer, als es unser Schloss eigentlich verdient. In ihrem Inneren findet das Auge einfach keinen Mittelpunkt der Komposition. Es weiß nicht, ob es sich an die seitlich angebrachte Orgel, an die Kanzel oder etwa an die gegenüber aufragenden Bänke des Adels halten soll. Das Licht aus den Fenstern dämmert nur schwach und verliert sich irgendwo in den oberen Galerien, Emporen und Glasmalereien, sodass die Kirche stets einen düsteren, trübseligen Eindruck macht.
Auffällig ist, dass alle diese Holzeinbauten in einem Stil ausgeführt sind, der mit dem ursprünglichen ganz und gar nicht harmoniert: diese eckigen, hässlichen Kästen, in denen die Betenden sitzen, diese kahlen, weiß und gelb gestrichenen Flächen, all diese groben Formen und die geschmacklose Vergoldung um Kanzel und Altar schreien geradezu ihre Hässlichkeit heraus vor dem Hintergrund der schlanken Säulen und zierlichen Gewölbe. Fügt man zu der Fülle der oben aufgezählten optischen Dissonanzen noch die großen flachen Tafeln hinzu, auf denen die Namen der Krieger stehen, die sich in grausamen Schlachten für das Vaterland geopfert haben, so erhält man ein ungefähres Bild dieses seltsamen Ortes, an dem man Gott verehrt.
Doch es gibt im Schloss Orte, die einen höchst phantastischen, märchenhaften Eindruck machen. In ihnen haben wir, wie auch im Archiv, das zugleich als Sitzungssaal der Königlichen Deutschen Gesellschaft dient, prächtige Bögen und schöne gotische Fenster.
Auf die gotischen folgen Fenster von komplizierterer Form. Dann wieder quadratische und rechteckige, die einige Ellen weit genau in einer Linie verlaufen und dann in einem wunderlichen Zickzack auseinanderstreben. Hier gibt es gewaltige Portale, aber auch vermauerte Fenster und Türen. Gerade sie machen den stärksten Eindruck, erzeugen eine besondere Wirkung des Geheimnisvollen. Wohin führte einst diese Tür? Was verbirgt sich dahinter? Solche Gedanken wecken in uns die zügellosesten Phantasien, und wir träumen davon, wenigstens für eine Weile in jene Zeit zurückzukehren, als die uneinnehmbare Feste des Deutschen Ordens am Pregel von Gräben mit Zugbrücken umgeben war, als man Gefangene hierher brachte und die hiesigen Komture ein riesiges Gebiet rings um das Schloss verwalteten.
Hier, neben dem Treppenlauf, lugt ein Kellerhals hervor, und darüber hängt, zwei Stockwerke umfassend, eine schöne hölzerne Galerie, stark verfallen, doch dabei malerisch, als lüde sie ein, zu den Türen oben hinaufzusteigen. Wo dieser mystische Teil des Schlosses endet, zieht sich bis zum vorderen Eckturm ein späterer Bau in strengem romanischem Stil hin. Er gibt sich sogleich als der Rechtsprechung oder vielmehr der Justiz zugehörig zu erkennen, denn er trägt ihr Symbol, die Fasces – ein Rutenbündel mit einem Beil in der Mitte3.
Die zur Kirche parallele Fassade ist jetzt im trockenen Stil eines Landhauses der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gestaltet, der Flügel dazwischen aber, in dem sich die Wohnung des Oberpräsidenten (!) befindet, ist ganz im schlichten bürgerlichen Stil erbaut. Der modernste Teil des Schlosses schließlich [siehe oben – der Unfriedtbau] erinnert mit seiner Architektur an italienische Paläste, genauer gesagt an florentinische.
Der Ostflügel des Königsberger Schlosses und der Schlossplatz zu seinen Füßen.
Betrachtet man das Schloss von dem nach ihm benannten Platz aus, so ist die Ostfassade, die links mit dem erwähnten Unfriedtbau beginnt und rechts mit dem Haberturm endet, am malerischsten, denn sie vereint viele Gegensätze von Hoch und Niedrig, Symmetrie und Unregelmäßigkeit, Pracht und Schlichtheit, Glattem und Eckigem.
Und dieser Anblick wird im Winter noch gesteigert, wenn Schnee liegt und der Mond sein zauberisches Licht auf die rot-schwarzen, schwarz-blauen und weiß-braunen Steinmassen gießt, die unten und oben von glitzerndem Schnee gesäumt sind.
In dem riesigen Schloss gibt es Säle, die vielleicht nur einmal in einigen Jahrzehnten Gäste empfangen (die königlichen Gemächer) oder für Feierlichkeiten geschmückt werden, wie etwa der Moskowitersaal, den wir mit gnädiger Erlaubnis des jetzigen Königs erst kürzlich für eine Kunstausstellung genutzt haben.
Es gibt Säle mit den grünen Tischen des Tribunals, des Konsistoriums, des Oberlandesgerichts usw. Hier befinden sich Archive, Bibliotheken, Altertumskabinette, Kunst- und Gewerbeschulen, Dienstwohnungen für die Familien einiger Bediensteter, Kastellane usw.
Im Schloss finden die Versammlungen einer ganzen Reihe gelehrter Gesellschaften statt, die, da sie öffentlich sind, regelmäßig fast alle Gebildeten der Stadt zusammenführen. Hier gibt es vorzügliches Wasser in einem bemerkenswerten Brunnen und im Keller unter dem Nordflügel ein gemütliches Weinlokal mit dem düsteren Namen „Blutgericht“ [Blutgericht].
Hier ist auch Platz für die Stadtwache, und dort, in der hinteren, entlegenen Ecke, zur Prinzessinstraße hin, steht der mächtige, einer Kanone ähnliche Gefängnisturm [der Haberturm, dt. Haberturm]. Und uns allen, die wir über den Schlossplatz gehen, leuchtet aus dem großen Fenster des Sitzungssaals der Physikalisch-ökonomischen Gesellschaft die genaue Normaluhr entgegen. Kurz, in dem riesigen Schloss werden die verschiedensten Tätigkeiten ausgeübt.
Durch das Schlosstor gehen ständig Menschen, fahren Equipagen hinaus und herein. Stellen Sie sich nur in irgendeine Ecke des Hofes und betrachten Sie die Gestalten, die in verschiedenen Richtungen unter seinen hohen Mauern vorüberziehen, wie eine Bühne, die stets mit neuen Schauspielern gefüllt ist.
Blick auf das Königsberger Schloss vom Teich aus.
Doch bei aller Fülle seines inneren Lebens verändert das Schloss den Gesamtcharakter Königsbergs nicht. Sein Erscheinungsbild fügt sich dank der rechteckigen Form des Hofes und des Fehlens jeglicher Statuen und sonstigen oft unpassenden Schmucks (wenn man von ein paar Wappen absieht) sehr folgerichtig in den umgebenden Stadtraum ein.
Die Erhöhung, von der aus unser Monarch bei seiner Krönung am 10. September 1840 eine Rede4 hielt, die die Herzen seiner Untertanen entflammte, ist eine recht prosaische Freitreppe. Doch alle Worte, die aus der bewegten Brust des Königs kamen, hallten im Schlosshof so wider, dass jeder Anwesende ihren Sinn ganz deutlich verstehen konnte. Und noch nach Jahrhunderten wird man diese Stelle mit Ehrfurcht zeigen als den Altar, an dem der König vor Gott seinem Volk ein Gelübde ablegte.
ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN
1. Karl Rosenkranz (1805–1879) war zur Zeit der Niederschrift der „Skizzen“ noch keine vierzig Jahre alt.
2. Hier zeigt der Autor mangelnde Sachkenntnis – am ältesten war der Nordflügel des Schlosses, der sogar vor dem Bergfried und der Kirche erbaut wurde.
3. Fasces – ein Rutenbündel mit einem Beil in der Mitte, mit einem Riemen zusammengebunden, als Symbol der Macht der höchsten Amtsträger im alten Rom.
4. Friedrich Wilhelm IV. (dt. Friedrich Wilhelm IV; 15. Oktober 1795, Berlin – 2. Januar 1861, Potsdam) – König von Preußen seit dem 7. Juni 1840 aus dem Haus Hohenzollern. Älterer Bruder des ersten Kaisers des geeinten Deutschlands Wilhelm I. und der russischen Kaiserin Alexandra Fjodorowna, der Gemahlin Kaiser Nikolaus’ I. Im Text ist die Rede erwähnt, die der frischgebackene König von Preußen im Hof des Königsberger Schlosses vor seinen Untertanen hielt.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

