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Das Königsberger Märzen-Schmeckbier

Das Königsberger Märzen-Schmeckbier

Der Hof des Königsberger Schlosses.


Illustration aus dem Buch von Christoph Hartknoch (Christoph Hartknoch, 1644–1687) „Alt- und Neues Preussen oder Preussischer Historien“ (Alt- und Neues Preussen oder Preussischer Historien), 1684.

Jedes Jahr am Himmelfahrtstag werden die Bewohner des Kneiphofs zu einem festlichen Abendmahl ins Königliche Schloss geladen, wo man sie reichlich bewirtet und ihre Ohren mit Musik erfreut. Dieser Brauch heißt Schmeckbier, und manche Gäste essen und trinken dabei so viel, dass man sie nach Hause geleiten muss.

Der Legende nach erwirkte dieses Privileg für seine Landsleute Hans von Sagan (Hans von Sagan), ein berühmt gewordener Schustergeselle aus dem Kneiphof. In der Schlacht gegen die Litauer bei Rudau im Jahr 1370 ergriff er das Banner des Deutschen Ordens, das einem gefallenen Ritter aus der Hand geglitten war, und führte die Truppen zum Angriff. Der Feind wurde geschlagen, die Litauer konnten Königsberg nicht einnehmen, und der Orden verlieh Hans Sagan zum Dank für seine Heldentat den Adelszusatz „von“ zu seinem Namen und versprach überdies, ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Und der gutmütige Hans bat um das Privileg, einmal im Jahr im Königsberger Schloss auf Kosten der Staatskasse alle, die er wollte, unbegrenzt mit Bier bewirten zu dürfen.

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Die Sage Das Schmeckebier zu Königsberg1 wurde im 19. Jahrhundert von dem deutschen Literaturhistoriker und Bibliographen Johann Georg Theodor Grässe (Johann Georg Theodor Grässe, 1814–1885) aufgezeichnet.

Die älteste heute bekannte Erwähnung dieses Bierfestes findet sich in der „Preußischen Chronik“ von Lucas David2, der als Hofrat Herzog Albrechts und Augenzeuge den Brauch so beschreibt:

„Einige Tage vor Himmelfahrt schickt der Burggraf von Königsberg seine Diener zum Bürgermeister, zu den Ratsherren und Kaufleuten sowie zu den einfachen Bürgern in beide Gärten – den der Kaufmannschaft und den gemeinen – der Stadt Kneipab3. Die Diener laden im Namen des Herzogs alle zum Abendmahl ins Schloss Königsberg am Himmelfahrtstag ein. Diese wiederum nehmen als gehorsame Untertanen die Einladung zur alljährlichen Wiederkehr des Festes an, und etwa dreihundert Mann erscheinen um vier Uhr nachmittags, in einem langen Zug zu dritt aufgestellt.

Kurz zuvor zieht der Bürgermeister mit einigen Ratsherren über den Markt der Altstadt hinauf ins Schloss. Ihnen folgen alle übrigen Ehrengäste. Im Schloss empfängt der Bürgermeister die besonders angesehenen Gäste, die übrigen wohlhabenden Bürger aber die Räte des Herzogs und der Adel. Alle werden hineingeleitet. Dort sind bereits die Tische gedeckt, an die jeder nach seinem Stand gesetzt wird, und man bewirtet sie mit allerlei Speisen und Getränken – Wein, Met und dem besten Märzenbier. Und so fort, bis alle gesättigt sind.

Wenn während des Mahls der Braten aufgetragen wird, erheben alle die Becher auf die Gesundheit des Herzogs, und in diesem Augenblick werden im Festsaal alle Trompeten geblasen und die Heerpauken geschlagen. Gewöhnlich dauert das Mahl in den Gemächern des Schlosses etwa eine Stunde und länger. Danach, nach dem Abendessen, zwischen sieben und acht Uhr abends, werden im Schlosshof Bänke aufgestellt, alle gehen hinaus, setzen sich darauf, und es beginnt ein ordentliches Zechgelage.

Die Trompeter nehmen ihre Plätze ein, einer in der Ecke des Hofes beim Barbier4, ein anderer in der Mitte beim Schlossbrunnen, ein dritter am Eingang der Kirche, ein vierter an einer anderen Stelle. Und jeder bläst die Trompete so, wie man es bei einem feierlichen Umzug zu tun pflegt – hört der eine auf, beginnt der andere. Die Heerpauke ertönt fast ohne Unterlass … Und all das zum Gedächtnis an Hans von Sagan, bis der letzte Gast gegangen ist. So wird von Jahr zu Jahr, von Geschlecht zu Geschlecht das Andenken an den ruhmreichen Schuster bewahrt. Unterbrochen wurde dieser gute alte Brauch nur in Kriegsjahren.

Nach dem Festmahl, bis neun Uhr abends, geleiten der Burggraf und die Übrigen die Gäste bis zu dem Tor, durch das sie ins Schloss gekommen sind. Dort labt man sich nach altem Brauch noch einmal an einem guten Trunk. Von dort werden sie weiter durch die Vorburg des Schlosses5 bis zur Treppe geleitet, von wo alle an der Münze vorbei zum Altstädtischen Markt gehen, wo man erneut stehen bleibt, um sich noch einmal die Kehle zu befeuchten – „für den Heimweg“, denn gute Freunde können sich nicht so leicht trennen. Doch inzwischen ist schon die Stadtgrenze erreicht, gegessen und getrunken ist mehr als genug, und so ist es an der Zeit, voneinander Abschied zu nehmen. Der Burggraf kehrt mit seinem Gefolge ins Schloss Königsberg zurück, der Bürgermeister aber mit den Bürgern aus Kneipab (jedoch in geringerer Zahl als zu Beginn des Festes und in nicht mehr so geordneten Reihen) zieht über den Markt der Altstadt zurück in seine Stadt, den Kneiphof, wie man sie gewöhnlich nennt“.

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Und Folgendes schreibt Caspar Hennenberger über diesen Brauch in seinem Werk „Kurtze und warhafftige Beschreibung des Landes zu Preussen“ (1584)6:

„Jedes Jahr am Himmelfahrtstag kommen die Bewohner des Kneiphofs zum Abendessen ins Schloss, wo man sie satt speist, unbegrenzt mit Bier bewirtet und mit Musik unterhält. Dieser Brauch heißt Schmeckbier. Bier wird an diesem Tag nach Herzenslust getrunken. Manche muss man sogar nach Hause geleiten.“

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Erhalten ist ein Verzeichnis der Vorräte für das Bierfest vom 5. Mai 1597:

– 5 Ochsen;

– 34 Kälber;

– 70 Schinken;

– 2 Schock7 Hechte;

– 10 Schock Bier;

– 4 Schock Hühner und Kapaune;

– 66 Schock Krebse;

– 252 Stof Rheinwein;

– 25 Fässer Märzenbier;

– Gebäck.

Michael Lilienthal führt in seinem 1723 in Königsberg erschienenen Werk „Erläutertes Preußen …“8 folgende Angaben an:

„Im Jahr 1619, am Himmelfahrtstag, richtete Seine Kurfürstliche Gnaden, Kurfürst Georg Wilhelm, das Fest Schmeckbier aus (das viele Jahre lang nicht abgehalten worden war), und zu diesem Fest kam eine große Menge Volkes.

Im Moskowitersaal saßen die Räte und Richter. Der Kurfürst bewirtete alle mit einem guten Mahl. Da er aber zu jener Zeit unpässlich war, trug er den Herren Regimentsräten (den Oberräten) auf, zusammen mit anderen vornehmen Junkern die Gastgeber an der Tafel zu sein, sodass man uns fürstlich speiste und tränkte.

Die Bürger saßen in den Gemächern des Schlosses, doch nicht für alle reichte der Platz, und so wurden einige Tische und Bänke auf dem Platz aufgestellt.“

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Spätere Aufzeichnungen über diese Tradition gibt es nicht, und so lässt sich schließen, dass sie offenbar schon während der Regierungszeit Kurfürst Georg Wilhelms (1619–1640) erloschen ist. Dennoch bleibt die Frage: Selbst wenn unsere Vorfahren an Letzteres glaubten – konnte dieser Brauch nicht noch einen anderen Beweggrund haben als die Heldentat des Hans von Sagan?

Nicht nur in Königsberg, sondern auch in anderen Städten Preußens war es Brauch, von Michaelis9 bis Ostern so viel Bier zu brauen, dass es den ganzen Sommer bis zum Herbst reichte. Diese Mengen wurden hauptsächlich im Monat März gebraut und eingelagert (das sogenannte Lagerbier10). Und zu der Zeit, da man diese Fässer aus den Kellern holte und anstach, wurden im Junkerhof fröhliche Gelage abgehalten, bei denen das Märzenbier ausgeschenkt wurde, das man Schmeckbier nannte, also wörtlich „Bier zum Schmecken“. Das bemerkt auch Lucas David in dem oben zitierten Abschnitt, und die folgende Bestimmung des Kneiphöfer Rates von 1539 zeigt deutlich, dass das Märzenbier und das sogenannte Schmeckbier ein und dasselbe sind:

„Wenn der Herr Burggraf des Schlosses anstatt und im Auftrag Seiner Fürstlichen Durchlaucht, wie es nach altem löblichem Brauch üblich ist, den Rat samt der Gemeinde bittet, am Tag der Himmelfahrt Christi das Märzenbier zu kosten, so soll der Rat vollzählig erscheinen, Seiner Fürstlichen Durchlaucht untertänige Ehrerbietung zu erweisen und dieser Stadt zur Ehre. Bleibt aber jemand ohne triftigen Grund und ohne Erlaubnis des Bürgermeisters fern, so soll er mit einer Strafe von einem ungarischen Gulden belegt werden.“

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In einer Bestimmung des Magistrats der Stadt Elbing aus dem Jahr 1640 über das Malzschütten und den Trunk der Mälzenbräuer11 heißt es:

„Auf Drängen der Älterleute und Ältesten (der Zünfte) der Mälzenbräuer werden folgende Artikel überprüft und bestätigt:

1) Vierzehn Tage vor Oculi12 (im März) sollen die Älterleute und Ältesten den präsidierenden Herrn Bürgermeister sowie die Zunftmitglieder bitten, dass nach altem Brauch das „Große Bier“ (das Große Bier) gebraut werde.

2) Beim Malzschütten sollen die Älterleute (der Brauer) den Brüdern gekochten oder in Salz gelegten Hecht vorsetzen, dazu Kringel und Brot, außerdem soll eine gute Menge Elbinger Bier aufgetragen werden – auf Kosten der Älterleute der Brauerzunft.

3) Drei Wochen nach Ostern ist es verboten, Bier zu trinken, ohne jegliche weitere Ausgaben.

4) Am Montag nach dem ersten Sonntag nach Trinitatis (im Juni) soll mit dem Trunk begonnen und bis einschließlich zur Wochenmitte fortgefahren werden, und zwar an den festgesetzten Tagen mittags nach 1 Uhr beginnend und nicht länger als bis 10 Uhr abends, worauf der Keller geschlossen werden soll.

5) Am Sonnabend zuvor aber sollen die Älterleute und Ältesten (der Brauer) den ehrbaren Rat und die Herren Geistlichen, der Schenk aber alle übrigen Brüder bitten, sich am nächsten Montag zum Biertrunk zu versammeln.

Dabei sollen auf den Tisch der Herren aufgetragen werden: Salzhecht, Rinderbraten, Pökelfleisch mit den gehörigen Beilagen und sonstiges Brot. Den jüngeren Brüdern aber nur ein Stück Pökelfleisch mit Brot und dergleichen.“

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Es ist sehr wahrscheinlich, dass ähnliche Regeln für das Brauen und Trinken des Märzenbiers auch in Königsberg galten, auch wenn darüber keine Nachrichten gefunden wurden. Deshalb lässt sich nicht behaupten, der Brauch des Schmeckbiers sei als Lohn für die Heldentat des Hans von Sagan auf dessen Bitte und zu seinem Gedächtnis eingeführt worden. Vielmehr handelt es sich um eine alte Tradition der Brauerzunft.

Die musikalische Begleitung des Festes durch Trompeter und Trommler in Königsberg hatte aller Wahrscheinlichkeit nach keinerlei Bezug zu lange zurückliegenden Kriegstaten, denn auch in Elbing mussten Musikanten spielen, die an beiden Enden des Junkergartens aufgestellt waren und das sogenannte „Hofrecht“13 ausübten.

Und wenn in Elbing die Gäste zu einer dreitägigen Verkostung des Märzenbiers geladen wurden, dann dürfte es in Königsberg genauso zugegangen sein. Zudem besaß der Deutsche Orden im hiesigen Schloss eine eigene Brauerei.

Wenn also die Brauerzünfte des Kneiphofs die Ehre genossen, alljährlich den Ordensmarschall (den Komtur des Schlosses oder später den Burggrafen) einzuladen, ihr eigenes Märzenbier zu kosten, so erwies dieser ihnen seinerseits die Gegenhöflichkeit und lud die Kneiphöfer Bürger ins Schloss ein, „das Bier zu schmecken“.

Allerdings berichten uns die Chroniken nur von den Bürgern des Kneiphofs als Inhabern dieses Privilegs. Dabei ist völlig unklar, wann, wie und wo sie dieses Privileg erworben haben.

ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN

1. Der Name des Festes lässt sich als „schmackhaftes (wohlschmeckendes) Bier“ (Schmeckbier) verstehen, aber auch als „Schmeck das Bier!“ (Schmeckebier), besonders wenn man von der zweiten Schreibweise ausgeht, wie in der Sage bei Johann Grässe.

2. Lucas David (Lucas David, 1503–1583) – preußischer Hofhistoriograph und Gerichtsrat Herzog Albrechts (1490–1568), der in dessen Auftrag an einem grundlegenden Werk zur Geschichte Preußens arbeitete. Das Werk blieb unvollendet, gehört aber zu den wichtigen Primärquellen.

3. Die Stadt Kneiphof erscheint in den Chroniken unter folgenden Namen: Kneibabe, Kneipabe, Kneippabe, Knypabe, Knypafe, Knypawe, Knyphabe, Knyphoff’s. Königsberg-Kneiphof.

4. So in der Chronik („die Trommeter stellen sich, der eine fast in den Winkel beim Barbier, der andere bei dem Born doch fast mitten...”).

5. Lucas David verwendet hier das Wort Zwinger.

6. Caspar Hennenberger (Caspar Hennenberger. 1529–1600) – preußischer lutherischer Pfarrer, Historiker und Kartograph. Verfasser des Werks „Kurtze und warhafftige Beschreibung des Landes zu Preussen“, 1584.

7. Schock – Zähleinheit, entspricht 60 Stück von etwas.

8. Michael Lilienthal (Michael Lilienthal, 1686–1750) – deutscher lutherischer Theologe, Historiker, Bibliograph und Numismatiker.

9. Michaelistag – 21. November.

10. Lager (von Lagerbier, „Bier, das bei der Lagerung nachreift“) – eine Biersorte, bei deren Herstellung untergärige Hefe mit anschließender Gärung bei niedriger Temperatur verwendet wird. Heute ist dies die am weitesten verbreitete Biersorte, deren Anteil am Weltverbrauch bis zu 80 % erreicht.

11. Bemerkenswert ist schon die Bezeichnung – „die Kneiphöfer Mälzenbräuer“, wie es in der Chronik heißt.

Es handelt sich um Vertreter des Großbürgertums (zu diesem gehörten außer den Mälzenbräuern auch die Großkaufleute, die Inhaber von Handelshäusern. Beide trugen die Bezeichnung Junker).

Wer in Königsberg ein Haus mit Braugerechtigkeit besaß (oder pachtete), gelangte gewöhnlich zu großem Wohlstand. Die Mälzenbräuer (Mälzenbräuer) brauten das Bier in der Regel nicht selbst, sondern überließen dies den Zunftmitgliedern, den eigentlichen Brauern und Mälzern. Die meisten Mälzenbräuer Königsbergs wohnten im Löbenicht. In diesem (recht proletarischen) Stadtteil führten sie ein sehr behagliches Leben. In gebildeten Kreisen hieß es, ein solches Leben könnten nur Soldaten oder Mönche führen. Bis heute gibt es ein Sprichwort, das auf den bekannten lateinischen Ausspruch Aut Caesar aut nihil (Entweder Caesar oder nichts) zurückgeht:

Aut miles, aut monachus, aut Mälzenbräuer im Löbenicht. (Entweder Soldat oder Mönch oder Mälzenbräuer im Löbenicht).

12. Oculi (Oculi – christlicher Begriff): der dritte Passionssonntag; der dritte Sonntag der Fastenzeit. Herkunft: vom lateinischen oculi – „Augen“, entsprechend dem ersten Wort des Introitus der Sonntagsliturgie Oculi mei semper ad Dominum „Meine Augen [sehen] stets auf den Herrn“ (Psalm 25,15).

13. Die Pflicht der Musikanten, bei städtischen Festen zu spielen, hieß Hoff-Recht (in alter Schreibweise) – also „Hofrecht“.

QUELLEN

1. Lucas David. «Preußische Chronik», 1575.

2. Caspar Hennenberger. «Kurze und wahrhaftige Beschreibung des Landes zu Preussen», 1584.

3. Johann Georg Theodor Grässe. «Sagenbuch des Preußischen Staates», Band 2, Glogau, 1871.

4. Википедия. Mälzenbräuer.



LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.