Die Bewohner Samlands erwarteten voller Sorge die Ankunft der Eindringlinge. Jeden Tag und besonders in den Nächten entzündeten sie an der Küste gewaltige Feuer, um das Nahen der feindlichen Schiffe rechtzeitig zu erkennen. Sie wussten auch, dass der Herr Hochmeister, der hochverehrte Markgraf Albrecht, sie nicht zu schützen vermochte. Und da sie von nirgendwoher Hilfe erwarten konnten, waren sie in großer Unruhe und berieten miteinander, wie sie einem so großen Unheil begegnen sollten. Tag um Tag verging, und endlich erschienen die Schiffe der Polen auf dem großen Wasser und im Haff nahe den Ufern Samlands, über dem nun die unmittelbare Gefahr eines feindlichen Einfalls von der See her schwebte.
Zu jener Zeit lebte an der Küste ein freier Bauer namens Valtin Supplit. Er stand beim einfachen Volk in hohem Ansehen, denn er stammte aus einem alten Geschlecht prußischer heidnischer Priester und war insgeheim selbst oberster Waidelot1. Er verkündete laut, er wisse, wie man die Feinde vom Land fernhalten könne, doch brauche er dazu die Zustimmung der Obrigkeit. Erst wenn er diese erhalten habe, könne er mit Hilfe der einfachen Leute, seiner Landsleute, bewirken, dass kein einziges feindliches Schiff am Ufer anlege und ganz Samland samt Königsberg gerettet werde.
Diese Worte wurden dem Markgrafen Albrecht von Brandenburg überbracht, und der gab angesichts der misslichen Lage, in der er sich befand, zu allem seine Zustimmung. Der Bauer möge es nur versuchen, solange es noch nicht zu spät sei. Jede Hilfe sei jetzt willkommen.
Als Valtin Supplit dies hörte, versammelte er die Bauern aus den umliegenden Dörfern und sagte ihnen, nur mit Hilfe der prußischen Götter sei die Rettung aller möglich. Dazu brauche er einen pechschwarzen Stier – gleich, ob einen alten oder einen jungen. Dieser Stier müsse nach altem Brauch und dem Glauben der Vorfahren geopfert werden.
Außerdem benötige er zwei große Fässer Bier. Das Fleisch des Stiers müsse aufgegessen und das Bier restlos ausgetrunken werden.
Bekanntlich neigen die Bauern seit jeher zu Götzendienst und Trunk, und so hörten sie Valtins Reden mit Vergnügen und Freude. Sie zögerten nicht lange, sondern brachten ihm flugs einen Stier und rollten zwei Fässer vortrefflichen Bieres herbei.
Dann zog die ganze Schar, angeführt vom Priester, an den Meeresstrand bei Rantau. Die Frauen aber wurden zu dem Ritual nicht zugelassen. Hinter dem Zug her rannten aus Leibeskräften auch die Jungen, die Söhne der Bauern, um von Weitem zuzusehen, was geschah.
Als alle an der Küste angekommen waren, schlachtete Valtin den Stier eigenhändig, zog ihm das Fell ab und zerlegte ihn sorgfältig. Die Eingeweide nahm er heraus und verbrannte sie samt den Knochen, das Fleisch aber legte er in einen riesigen Kessel zum Kochen und salzte es tüchtig, damit es Durst mache. Dabei fuchtelte er wie die Gaukler auf dem Markt mit den Händen, zappelte seltsam mit den Beinen und sprach eine große Menge besonderer Gebete an die alten prußischen Götter. Nachdem das Fleisch im Kessel gar gekocht war, richtete der Waidelot am Ufer ein großes Gelage aus. Alle aßen vom Opferfleisch und tranken reichlich Bier dazu, bis alles ohne Rest verzehrt und ausgetrunken war. Und zum Abschluss des Mahles wurden wiederum viele seltsame Lobpreisungen gesprochen. Was für ein Ritual dieser Waidelot vollzog und was für Gebete er sprach – das weiß niemand.
Einige Tage vergingen, und die Danziger Schiffe2 zeigten sich erneut am Horizont. Als der Feind näher kam, versuchte er am Ufer anzulegen, doch es wollte ihm einfach nicht gelingen. Die Polen stiegen auch in kleine Boote um, scheiterten aber wieder und wieder, obwohl das Wetter gut war und niemand sie hinderte. Die Leute, die ihnen vom Ufer aus zusahen, verstanden nicht, was vor sich ging und warum die Feinde unverrichteter Dinge davonsegelten. Auch der Markgraf mit seinen Kriegern konnte es nicht begreifen.
Später, als der Krieg zu Ende war, kamen viele, die auf jenen Schiffen gewesen waren, nach Samland. Sie erklärten, ein seltsames Blendwerk habe sie damals umfangen. Wo immer sie an der Küste anzulegen versuchten, scheiterten sie. Bald erhob sich das Ufer vor ihnen wie eine unbezwingbare Sandwand, die ein gewöhnlicher Mensch gar nicht erklimmen konnte, bald empfingen sie an der Küste dichte, undurchdringliche Wälder. Schließlich kehrten die Schiffe um, ohne etwas ausgerichtet zu haben. Als die Samländer diese Erklärungen hörten, erinnerten sie sich an ihren Waidelotenpriester. Allem Anschein nach war es seine Kunst gewesen, die den polnischen Eroberern die Augen vernebelt hatte, und so wurde Valtin Supplit noch mehr verehrt als zuvor.
Doch plötzlich traf die einheimischen Fischer ein neues Unglück: Die Fische verschwanden aus dem Meer. Wie sehr sie sich auch mühten, ihre Netze blieben leer. Auf der Suche nach Fisch fuhren sie mit ihren kleinen Booten unter Gefahr für Leib und Leben weit hinaus aufs Meer, manchmal fünf, sechs Meilen. Doch auch dort war der Fang recht kärglich.
Lange sieben Jahre vergingen, und die ganze Zeit über lebten die Bewohner der samländischen Küste am Rande des Hungers. Die Leute klagten einander über das neue Unheil und verstanden nicht, warum die Götter so sehr auf sie zürnten, dass sie ihnen die Nahrung nahmen. Und nach und nach begannen sie zu munkeln, Valtin Supplit sei schuld daran, dass die Fische von ihren Ufern gewichen seien. Der wiederum räumte ein, dass dies wohl seine Schuld sein könnte, denn beim Opferritual habe er von den Ufern Samlands alles vertrieben, was sich ihnen näherte. Also habe er mit den feindlichen Schiffen auch alle Fische verjagt, weil er vergessen habe, für sie eine Ausnahme zu machen.
Da bat der Waidelot die Dorfleute erneut um Hilfe. Er wolle versuchen, die Fische an die Küste zurückzuholen. Dazu hieß Valtin sie, ihm eine schwarze Sau zu kaufen und sie ordentlich zu mästen. Die Fischer und Bauern hörten ihn an, sammelten begeistert Geld und kauften die Sau und zwei Fässer Bier. Nachdem die Sau ordentlich fett geworden war, ließ der Priester sie samt dem Bier wieder an dasselbe Ufer bei Rantau bringen. Und abermals begann das Ritual. Valtin schlachtete die Sau, begleitete alles mit seltsamen Körperbewegungen und nahm die Eingeweide heraus. Danach schnitt er der Sau die Zitzen ab, murmelte unverständliche Worte über ihnen und warf sie dann ins Meer. Bevor er das Fleisch in den Kessel legte, sprach er lange Beschwörungen, salzte das Fleisch dann tüchtig, damit es Durst mache, und kochte es über großem Feuer in einem riesigen Kessel. Danach aßen und tranken alle Anwesenden, sodass bald nichts mehr übrig war.
Und niemand zwang jemanden dazu, denn die Götter lieben freiwillige Helfer. Das Opfer und der Dienst der Bauern aber bestanden darin, dass, wie man weiß, Fleisch und Blut sie fröhlich machen. Und man sieht wohl: Wie die Götter, so der Dienst. Es müssen vortreffliche Götter sein, denn man dient ihnen damit, dass man viel isst und trinkt, auch wenn man dabei viel sündigt.
Von dem heidnischen Opfer erfuhr der Pfarrer Michael Wille aus Pobethen. Nachdem er alle Einzelheiten erfragt hatte, meldete er alles dem samländischen Bischof Georg von Polentz3. Als dieser von dem Götzendienst hörte, geriet er in großen Zorn. Und da ihn diese Nachricht Ende März erreichte, kam er in den ersten Ostertagen selbst nach Pobethen, um die Sache an Ort und Stelle zu untersuchen. Dort angekommen, ließ er den besagten Valtin samt den einheimischen Bauern, seinen Genossen im heidnischen Glauben, zu sich aufs Schloss rufen. Und so erschienen vor ihm dreiundsiebzig Mann aus acht Dörfern, die mit dem Waidelot Fleisch gegessen und Bier getrunken oder ihm auf die eine oder andere Weise geholfen hatten.
Nachdem die Erschienenen alles gestanden und bereut hatten, beriet sich der Bischof mit den Priestern, wie und auf welche Weise die Abtrünnigen zu bestrafen seien. Und man beschloss, sie einer strengen Strafe zu unterziehen, und setzte dafür einen bestimmten Tag fest.
Der Herr Bischof von Samland befahl außerdem dem Pfarrer von Legitten, der die prußische Sprache gut beherrschte, am nächsten Sonntag in der Kirche zu Pobethen von der Kanzel eine Predigt gegen den Götzendienst in prußischer Sprache zu halten. Am Ende der Predigt sollte er sich an das Volk wenden und alle auffordern, unseren Herrn Jesus Christus zu bitten, sich der armen Abtrünnigen zu erbarmen, damit sie in Reue zum christlichen Glauben zurückkehrten und ihre verirrten Seelen retteten. Und so geschah es.
Unterdessen verbreitete sich in ganz Samland die Kunde vom Gericht und von der Bestrafung der Sünder, und am angekündigten Tag zogen gewaltige Menschenmengen nach Pobethen – manche mit Sorge im Herzen um die verirrten Seelen, die meisten aber als müßige Gaffer. Aus sieben oder acht samländischen Kirchspielen und sogar aus Königsberg selbst kamen die Leute. Es waren so viele, dass die Kirche zu Pobethen nicht alle fassen konnte. Da befahl der Bischof den örtlichen Pfarrern, auch auf dem Kirchhof und auf der großen Wiese neben der Kirche zu predigen, wofür dort eigens behelfsmäßige Kanzeln errichtet wurden, damit das einfache Volk das Wort Gottes gut hören und alle Gebote Christi lernen könne, besonders das erste und das zweite4. Man gebot ihnen auch, den heidnischen Brauch der Verehrung kriechenden Gewürms zu vergessen, besonders der Ringelnattern und Blindschleichen.
Der Bischof ließ im Voraus eine Papierkrone nach Art einer Bischofsmitra anfertigen und darauf Schweineköpfe sowie den gehörnten Kopf des Teufels malen. Nach dem Ende der Predigt legten alle Schuldigen ihre Oberkleider ab und standen bis zum Gürtel entblößt da. Man hieß sie, die Arme kreuzweise vor der Brust zu verschränken, und jeder nahm eine biegsame, gut geflochtene Rute in die Hände. Dem falschen Bischof, dem Waidelot, aber setzte man die papierne Bischofsmitra auf den Kopf.
Dann wurde allen Abtrünnigen befohlen, in die Kirche zu gehen. Dem Zug voran schritt der oben genannte Valtin Supplit mit der Papiermitra auf dem Kopf. In jeder seiner Hände, die er vor der Brust gekreuzt hielt, trug er eine lange geflochtene Rute. Am Altar angelangt, richteten alle Schuldigen Worte der Buße an die Anwesenden.
Zum Schluss ordnete der Bischof von Samland an, den Waidelot als Anstifter mit dem Pranger zu bestrafen. Seine Mittäter sollten an ihm vorbeigehen und jeder am Pranger kurz stehen bleiben. Der Waidelot aber sollte jeden zweimal mit der Rute schlagen, damit es ihnen künftig verleidet sei, auf ihn zu hören.
Dann zogen die schuldigen Bauern noch einmal am Pranger vorbei, und jeder musste, wenn er stehen blieb, seinen falschen Lehrer zwei- oder mehrmals mit der Rute schlagen. Das geschah, damit er es nicht mehr wage, die Leute mit seinen heidnischen Bräuchen zu verführen und falschen Göttern zu dienen. Und so geschah es. Jeder blieb stehen und schlug den Waidelot mit der Rute zum Dank für seine falsche Lehre. Und unter den Schuldigen war ein Bauer namens Peter Wenike, der dem falschen Priester mit solchem Eifer seinen Dank mit Schlägen abstattete, dass diesem die Krone vom Kopf flog. Insgesamt erhielt der Waidelot 150 Rutenhiebe.
Nach dem Ende der Züchtigung befahl der samländische Bischof allen Abtrünnigen, ein ganzes Jahr lang jeden Sonntag am Altar zu stehen, der Predigt des Pfarrers aufmerksam zuzuhören und Buße zu tun. Und nach einem Jahr sollte jeder von ihnen bei seinem Pfarrer beichten, um Vergebung der Sünden bitten und die heiligen Sakramente empfangen. Das taten sie in tiefer Demut und Reue – die Fische waren an die Ufer zurückgekehrt –, nun konnte man auch an die Seele denken.
ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN
1. Waideloten (pruß. Waidelotte, lit. vaidilos, lett. vaideloši) – allgemeine Bezeichnung der heidnischen Priester bei den baltischen Völkern (Prußen, Litauern, Letten). Das Wort „Waidelot“ geht auf die Verbindung vaid-lo-to-jis und die Wurzel waist mit der Bedeutung „wissen“, „kennen“ zurück.
2. Danzig (poln. Gdańsk) wird erstmals im Jahr 997 in einer Chronik im Zusammenhang mit der Mission des heiligen Adalbert (Wojciech) nach Preußen erwähnt. Nach archäologischen Ausgrabungen bestand eine Siedlung an der Stelle Gdańsks jedoch bereits im 5. Jahrhundert n. Chr. Von 997 bis 1308 gehörte Gdańsk zu Polen. Im November 1308 wurde es von den Rittern des Deutschen Ordens erobert, Preußen angegliedert und in Danzig umbenannt. 1466, nach dem Ende des Dreizehnjährigen Krieges des Deutschen Ordens gegen Polen, in dem der Orden unterlag, kam Gdańsk zu Polen und erhielt seinen ursprünglichen Namen zurück. 1793 fiel Gdańsk infolge der Teilung Polens an Preußen und wurde wieder zu Danzig. Im Jahr 1520 war Danzig also Gdańsk und gehörte den Polen.
3. Georg von Polentz (1478–1550). Letzter katholischer Bischof von Samland in den Jahren 1518–1525.
4. Das erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“
Das zweite Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“
QUELLEN
M. Lucas David, „Preussische Chronik“, 1812 (Preussische Chronik von M. Lucas David. Königsberg).
Tettau/Temme, „Die Volkssagen Ostpreußens, Litauens und Westpreußens“, 1837 (Tettau/Temme. 1837, Die Volkssagen Ostpreussens, Litauens und Westpreussens).
● Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie auf VisitPrussia.com das Interview mit der Übersetzerin deutscher und insbesondere preußischer Märchen, unserer ständigen Autorin Tatjana Koliwai, die einen eigenen Blog führt, in dem unzählige weitere Gleichnisse, Legenden und Märchen in ihrer Übersetzung veröffentlicht sind.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

