/ Preußen

Bernstein

Bernstein

Dekorative Schale, mit Bernstein eingelegt.

Eine gesegnete Gabe der preußischen Küste und eine der bemerkenswertesten Schöpfungen der Natur. Der Bernstein, wie man in Preußen sagte, auch Börnstein oder Aitstein genannt – nach den altdeutschen Wörtern börnen und aiten, die „brennen“ und „verbrannt werden“ bedeuteten –, war schon im Altertum bekannt.

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.

Reihe „Beim Blättern in alten Seiten“.
Wochenblatt „Die Gartenlaube“.
Leipzig, 1859, Heft 31, S. 445–447.
Der Bernstein.


Die hochbusigen trojanischen Jungfrauen und auch die Frauen der hellenischen Krieger, die auf „geflügelten, schwarzbordigen1 Schiffen“ nach Troja gesegelt waren, um es zu zerstören, schmückten sich mit Bernstein. Sowohl Trojaner als auch Griechen kauften den Bernstein bei den Phöniziern – den Briten der antiken Welt –, die ihn von der Meeresküste herbeibrachten. Von welcher? Nun, von eben jener, an der man ihn auch heute am häufigsten findet – von der Meeresküste Preußens.

Nach dem altgriechischen Mythos, den der römische Dichter Ovid in seinen „Metamorphosen“ erzählt, ist der Bernstein versteinerte Tränen, vergossen von den Schwestern des Phaethon, als der uneheliche Sohn des Helios bei dem tollkühnen Versuch, den Wagen seines Vaters zu lenken, sein Ende fand. Die weinenden Heliaden wurden zur Strafe in Pappeln verwandelt. Sie standen am Ufer des Eridanos, und ihre Tränen fielen ins kalte Wasser und erstarrten zu Bernstein – einem schönen Abschiedsgeschenk für den Sohn der Sonne.

„Es weinen die unglücklichen Jungfrauen, um den Bruder trauernd,
Träne um Träne fließt in die Wasser des heiligen Flusses …“

Eridanos nannten die Hellenen zur Zeit Homers den Fluss Padus, der heute Po heißt, ihre Nachkommen einen in die Nordsee mündenden Fluss (die Maas, die Schelde oder den Rhein selbst), und erst zur Zeit von Christi Geburt – also zu einer Zeit, als Sidon und Tyros, die einstigen Metropolen Phöniziens, schon in Trümmern lagen und die Phönizier nur noch in der Geschichte fortlebten – gelang es, den wahren Fundort des Bernsteins zu ermitteln: die sandige Meeresküste Preußens mit dem poetischen Namen Nerung. Auch der Name Eridanos lebt hier fort. Nur klingt er jetzt wie Radaune2. So heißt ein kleines, etwa 15 Kilometer langes Flüsschen, ein Nebenfluss der Mottlau, die ihrerseits in die Weichsel mündet.

Lange Zeit galt der Bernstein als Mineral, nicht umsonst nannte man ihn einen Stein. Neuere Forschungen haben jedoch gezeigt, dass er zweifellos pflanzlichen Ursprungs ist und zu den Pflanzenharzen gehört, auch wenn ihm einige ihrer Eigenschaften fehlen.

Wahrscheinlich ist er ein fossiles versteinertes Harz von Nadelbäumen aus der Unterklasse der Nacktsamer, Coniferae, die als Art infolge einer der zahlreichen Naturkatastrophen ausgestorben sind, wie sie sich auf unserem Planeten periodisch ereignen. Professor Göppert aus Breslau3 meint, der Bernstein sei während der vorletzten oder letzten Eiszeit entstanden [bekannt als Waldai-Vereisung, die etwa 100 000 Jahre dauerte und vor ungefähr 11 700 Jahren endete – Red.]. Das wird unter anderem durch die Tatsache bestätigt, dass die kleinen Insekten, die man häufig im Bernstein findet, mit denen identisch sind, die es auch heute gibt.

Der Bernstein ist trotz seiner Bekanntschaft mit den alten Phöniziern aus Sicht der Geologie nicht sehr alt – einer Wissenschaft, die bekanntlich nicht mit Jahrzehnten und Jahrhunderten, sondern mit Jahrtausenden rechnet. Um das häufige Vorkommen des Bernsteins in den nördlichen Breiten zu erklären, nimmt man an, dass es sich um Baumharz handelt, das reichlich aus den Stämmen der Nadelbäume quoll und, ins Wasser gelangt, rasch erhärtete.

Damals hatten die Breiten, in denen das heutige Preußen liegt, ein gesegnetes mildes Klima. Auf einem großen Teil des heutigen Ostseegrundes wuchsen unermessliche Wälder, die unter den Wassermassen versanken, als vom hohen Norden zusammen mit den Eismassen gewaltige Fluten hierher kamen, was den Wechsel vom milden warmen zum rauen kalten Klima herbeiführte.

۞    ۞    ۞

Je nach Fundort unterscheidet man See- und Erdbernstein. Ersterer wird hauptsächlich vom Meeresgrund gewonnen. [Und nach Stürmen auch vor der Küste und sogar am Strand – Red.]

Die Gewinnung des Bernsteins vom Meeresgrund ist zu jeder Jahreszeit möglich. An den Stränden kann man Bernstein finden, wenn ein Sturm Braunalgen mit darin festsitzendem Bernstein vom tiefen Meeresgrund losreißt und ans Ufer treibt. Hier wird er zur Beute der Bernsteinfischer. Das sind vorwiegend kräftige Männer in groben Wollröcken und ledernen Brustschürzen, mit besonderen großen Keschern an langen Stangen.

BernsteinfischerBernsteinfischer bei der Arbeit am Strand von Palmnicken (Siedlung Jantarny).

Sie gehen bis zum Gürtel, manchmal sogar bis zur Brust in die tosende See, erspähen die von den Wellen ans Ufer getriebenen Algen, schöpfen sie heraus und sammeln den größten Bernstein in ihre Säcke.

Die Algen – eine lästige, aber unvermeidliche Beigabe – schütten die Fischer nach der Rückkehr ans Ufer auf den Sand, wo Frauen und Kinder sorgfältig die kleineren Bernsteinstückchen aus der braunen Masse lesen, um die kostbaren Funde nach Hause zu tragen. Die Männer aber gehen nach einer erfolgreichen „Bernsteinjagd“ gewöhnlich in den nächsten Krug und huldigen dort mit Kartoffelschnaps dem Bacchus. Je nach dem von Neptun geschenkten Fang fallen ihre Gelage mehr oder weniger reichlich aus.

Dies ist die verbreitetste Art, auf die das Meer seiner Bernsteinschätze beraubt wird. Wesentlich geringer ist die Menge Bernstein, die Neptun den Landbewohnern, diesen Geschöpfen seines Bruders Jupiter, freiwillig überlässt. Oder, weniger hochtrabend ausgedrückt, die Menge Bernstein, die die Ostsee bei Nord- und Westwind an die östliche und westliche Küste Preußens wirft.

Wie dem auch sei, die Westküste des Samlandes [der Halbinsel Samland – Red.] ist die kostbare „Bernsteinküste“ Preußens, die von der See am reichlichsten beschenkt wird. Weniger reich sind die Strände von Danzig [heute Gdańsk], die Frische Nehrung und die Nordküste des Samlandes. Noch weniger die Kurische Nehrung und Pommern, am ärmsten aber die Küsten Kurlands [Lettland] und Schwedens. An allen übrigen Meeresküsten, wo Bernstein vorkommt, wurde er nur äußerst selten gefunden.

۞    ۞    ۞

Erdbernstein wird in Gruben gewonnen. [Mitte des 19. Jahrhunderts gab es an den Ostseeküsten noch keine Tagebaue und Bergwerke. – Red.] Um sie anzulegen, sucht man an der Meeresküste Stellen, an denen das Ufer durch Unterspülung abgebrochen ist, sodass an der stehengebliebenen Steilwand die Schichtung der Erdlagen deutlich sichtbar wird. Wo braune Streifen auf Braunkohlenlager hinweisen oder wo Schichten blauen Tons vorhanden sind, darf man auch Bernstein erwarten.

Bei der Bernsteingewinnung aus Gruben wird eine geeignete Stelle ausgesucht, ihr Fuß von Schutt und Gesteinsbrocken befreit, dann der Fuß des Steilhangs vorsichtig untergraben, damit ein Stück des Ufers herabstürzt. Aus der herabgefallenen Erdmasse wird ein Damm aufgeschüttet, der das Ufer vom Meer trennt. Der Damm ist gewöhnlich halbkreisförmig mit geneigten Wänden, damit die Erde nicht abrutscht. Dann beginnen einige Arbeiter, am Steilhang eine große Grube auszuheben. Sie wird gesäubert, vertieft und geebnet. Da über den Bernsteinlagern nicht selten Grundwasser steht, muss es abgeleitet werden, worauf man das restliche Wasser in kesselförmige Vertiefungen leitet; die Grube wird ringsum mit Pfählen umstellt, diese werden mit Reisig durchflochten, und jede Ritze wird sorgfältig mit Gras und Moos verstopft.

Nachdem die mühsame Vorarbeit beendet und die Grube fertig ist, stellen sich die Stecher in eine Reihe und stoßen vorsichtig etwa drei Fuß tief Werkzeuge, die großen Meißeln ähneln, in die Erde, wobei sie behutsam eine dünne Erdschicht nach der anderen abtrennen.

Vor den Stechern steht in der Grube der Abnehmer, der aufmerksam beobachtet, ob nicht Bernstein aus der Erde zum Vorschein kommt. Die größten Stücke werden sofort vorsichtig herausgenommen und in nasse Lappen gewickelt, damit sie nicht zerspringen, wenn sie nach Jahrtausenden unter der Erde an die Luft gelangen, wie es zuweilen vorkam.

Die Stecher tragen die Erde Schicht für Schicht ab, solange es möglich ist, ohne dass der überhängende Rand der Grube einstürzt. Sie werden ständig von Aufsehern (Aufseher, Ausgucker) beobachtet. Erst wenn diese sich überzeugt haben, dass in dieser Grube kein Bernstein mehr ist, verlässt man sie, um an anderer Stelle sein Glück zu versuchen. Ungefähr ebenso arbeiten die kalifornischen und australischen Goldgräber.

Was den Gewinn betrifft, so wird er gewöhnlich folgendermaßen geteilt: Ein Drittel erhält der Eigentümer des Grundstücks, auf dem nach Bernstein gesucht wird, das zweite Drittel bekommt der Unternehmer, der die Grabung veranstaltet, und das letzte Drittel geht an die Arbeiter, die es unter sich aufteilen. Die Arbeiter erhalten außerdem jede Woche einen kleinen festen Lohn aus der Tasche des „Grubenbesitzers“, also des Unternehmers, und dieser bewirtet die Arbeiter bei seinen Besuchen an der Grabungsstelle mit Tabak und Bier – Schnaps verachten die Gräber des Erdbernsteins gewöhnlich, im Unterschied zu ihren Kollegen, den Fischern des Seebernsteins.

Der Verkauf des gefundenen Bernsteins geschieht meist so: Der Unternehmer nimmt den gesamten gefundenen Bernstein an sich und zahlt den übrigen Beteiligten ihre Anteile in bar aus, ausgehend von einem zuvor zwischen allen Seiten vereinbarten Wert. Der Preis, den der Unternehmer von Aufkäufern, Händlern und Bernsteindrechslern über den von ihm selbst gezahlten Preis hinaus erhält, bildet den zweiten Teil seines Gewinns.

۞    ۞    ۞

Der Wert des Bernsteins bestimmt sich in erster Linie nach Größe, Farbe und Form, nach größerer oder geringerer Durchsichtigkeit. Völlig klarer Bernstein wird gewöhnlich am höchsten geschätzt. Der halbdurchsichtige Bastardbernstein ist der verbreitetste, der undurchsichtige der am wenigsten wertvolle. Im Westen bevorzugt man die milchweiße Farbe, im Osten die blassgelbe.

BernsteingewinnungBernsteingewinnung aus einer Grube am Meeresufer.

Nach der Größe, die der beste Maßstab des Wertes ist, wird der Bernstein in Große Ware und Kleine Ware eingeteilt.

Die Große Ware heißt auch Sortiment und wird unterteilt in:

1). Großbernstein, d. h. Bernstein mit einem Gewicht von 1/3 Pfund4 und mehr, im Wert von 40–60 Talern das Pfund, je nach Form und Farbe. Ausgesucht schöne Stücke nach Form und Farbe, die mehr als 1 Pfund wiegen, kosten 100 Taler und mehr;

2). Zehner – Bernstein mit einem Gewicht von fünf bis neun Lot5, zum Preis von 25 bis 30 Talern das Pfund;

3). Dreißiger – Bernstein mit einem Gewicht ab zwei Lot, d. h. auf ein Pfund müssen 15 bis 16 Stück kommen. Der Wert dieser Sorte ist gewöhnlich halb so hoch wie der der vorigen, d. h. 14–18 Taler das Pfund;

4). Czacken – Bernsteinstückchen mit einem Gewicht von einem Lot und darunter; der Wert hängt vom Verhältnis der großen und kleinen ab und beträgt 7 bis 10 Taler das Pfund.

Diese vier Bernsteinsorten bilden in unterschiedlichen Mengen das Sortiment, das gewöhnlich in Großpartien zum Verkauf in den Orient geschickt wird.

۞    ۞    ۞

Die Kleine Ware wird unterteilt in:

1). Grundsteine, d. h. Stückchen, die die Größe einer Hasel(nuss) nicht erreichen, aber die einer Bohne haben. Sie kosten 1,15 bis 1,5 Taler das Pfund.

2). Knibbel – Bernstein von der Größe einer Erbse. Sein Wert beträgt 2/3 bis 3/4 Taler das Pfund.

Alle hier angegebenen Preise beziehen sich jedoch nur auf durchsichtigen Bernstein. Halbdurchsichtiger kostet halb so viel, undurchsichtiger kaum ein Drittel des Preises von durchsichtigem Bernstein.

۞    ۞    ۞

Trotz seiner geringen Größe werden aus dem Knibbel dennoch Bernsteinperlen gefertigt. Somit gehört auch er zu den sogenannten Arbeitssteinen. Alles, was kleiner als Knibbel ist, taugt nicht mehr zur Verarbeitung und wird als Abfall für einige Groschen das Pfund verkauft. Daraus bereitet man Bernsteinlack, Bernsteinöl und Bernsteinsäure, und Bernsteingrus geringer Qualität dient zur Herstellung von Räucherwerk.

Bernsteinsäure und Bernsteinöl gelten als nervenstärkende, krampflösende, schweißtreibende und harntreibende Mittel. Die Dämpfe des Bernsteinräucherwerks wurden oft als Heilmittel bei Gicht, Verstauchungen und Rheumatismus angewandt. Bernsteinlack verleiht Holzgegenständen einen schönen, glänzenden, wasser- und luftdichten Überzug.

۞    ۞    ۞

Der Bernstein ist ein wichtiger Ausfuhrartikel der preußischen Küste, besonders in den Orient, und zwar früher in höherem Maße als jetzt. Einst kamen türkische, armenische und griechische Händler nach Preußen, um hier Bernstein zu kaufen, verarbeiteten wie unverarbeiteten. Er wurde in die Türkei und in die Länder des Orients und des Südens ausgeführt, wo man ihn für Frauenschmuck verwendete und auch zur Herstellung von Räucherwerk, da die Perser, Chinesen und andere Bewohner des Orients den Duft des Bernsteins allen Düften der Aromastoffe vorziehen, an denen der Orient so reich ist, und Bernsteinräucherwerk gern bei religiösen Festen und Gastmählern verwenden.

Heute kommen die Bewohner der Levante [östlicher Teil des Mittelmeerraums – Red.] nicht mehr nach Preußen. Den Bernsteinhandel haben preußische und besonders Danziger Juden in die Hand genommen. Jahrhundertelang war und ist Danzig das größte Zentrum des Bernsteinhandels.

RiesenbernsteinDer größte Bernsteinklumpen vor dem Zweiten Weltkrieg wurde 1803 in einem Straßengraben zwischen Insterburg (Tschernjachowsk) und Gumbinnen (Gussew) gefunden. Er wog mehr als sieben Kilogramm.

Im vergangenen Jahr 1858 liefen laut der amtlichen „Schiffsrechnungsliste“ aus Danzig Schiffe mit 1028 Zentnern unverarbeiteten und verarbeiteten Bernsteins sowie Bernsteinchemikalien (darunter 14 Zentner Bernsteinöl) aus.

Der größte Teil der Ladung ging nach Holland, das das Innere Indiens, die Indischen Inseln, China und Japan mit Bernsteinschmuck und Bernsteinwaren versorgt, die dort sehr gefragt sind. So groß der Wert des nach Holland verschifften Bernsteins auch sein mag, ist das bei Weitem nicht die ganze Bernsteinausfuhr: Mindestens ebenso viel geht von Danzig ins Innere des Festlands – nach Polen, Russland, Rumänien und in die Türkei.

In Danzig wird auch der größte Teil des Bernsteins verarbeitet. Allerdings beginnt Paris es in dieser Hinsicht gegenwärtig zu überflügeln. Jetzt wird dort sehr viel „Sonnenstein“ geschliffen, und ein Teil davon kehrt dann zu ungerechtfertigt überhöhten Preisen nach Deutschland zurück.

Da der Bernstein im Vergleich zu anderen Harzen eine wesentlich größere Festigkeit besitzt, gibt es viele Arten seiner Verarbeitung. Eine gewaltige Menge Steine für Halsketten geht in die Türkei, die Donauländer und nach Ägypten. Und von Ägypten weiter in den Sudan, nach Nubien und Abessinien, wo Sklavenhändler den Bernstein oft gegen Sklaven für Haus- und Feldarbeit bei trägen Muslimen und gegen Konkubinen für deren Harems eintauschen. Für Indien werden eigens große flache formlose Steine ausgesucht. Sie werden zu Halsketten für die Statuen von Brahma, Vishnu, Shiva und Buddha verarbeitet, die in den dortigen Tempeln aufgestellt sind. Für die Ausfuhr in den Orient werden auch Bernsteinmundstücke für Pfeifen gefertigt, denn den Muslimen ist es erlaubt, nur aus solchen zu rauchen, da der Koran den Gläubigen verbietet, „tote Tiere“ mit den Lippen zu berühren (jegliche Hörner, Schildpatt usw. sind verboten).

۞    ۞    ۞

Angesichts des hohen Wertes, den der Bernstein stets besaß, zog er seit alters die Aufmerksamkeit der Herrscher verschiedener Länder auf sich. Doch wahrscheinlich war es bis zur Ankunft der deutschen Ritterbrüder des Ordens in Preußen jedem – Einheimischem wie Fremdem – nicht verwehrt, Bernstein zu sammeln, wie die Chronisten Grunau und Leo ausdrücklich bezeugen:

Antiquitus legebat quisque succinum in Prussia gratis.
(In alter Zeit sammelte jeder den Bernstein umsonst)

Histor. Prussiae

Die Ritter des Deutschen Ordens, die im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts ihre Herrschaft über die ganze Küste des Samlandes ausgedehnt hatten, verkündeten die Einführung des sogenannten Bernsteinregals, d. h. des Monopolrechts auf Gewinnung und Verkauf des Bernsteins. Unerlaubtes Bernsteinsammeln wurde damals mit dem Tod bestraft.

Die „Bernsteinordnung“ des 14. Jahrhunderts übertrug die allgemeine Aufsicht über die Einhaltung des Bernsteinregals dem Ordensmarschall in Königsberg. Aller gefundene Bernstein musste an die Bernsteinsammler abgeliefert werden (die sogenannten Ordensschäffer, die vom Marschall ernannt wurden. Die Einheimischen hatten weder das Recht, Bernstein bei sich aufzubewahren, noch ihn zu verkaufen.

Der Orden besaß das Monopol auf den Bernsteinhandel und verbot auf seinen Ländern sogar den Beruf des Bernsteindrechslers. Allen gesammelten Bernstein schickte der Orden unverarbeitet an seine Komture in Lübeck und Brügge.

In Brügge wurde um 1300 eine Bernsteinzunft gegründet. Ihre Mitglieder fertigten verschiedene religiöse Gegenstände, vor allem Rosenkränze aus Bernstein. Gut 100 Jahre später zählte die Zunft etwa 70 Meister und rund 300 Lehrlinge.

Die wichtigsten Zentren des Bernsteingewerbes in Preußen waren Danzig und Königsberg. Während das katholische Danzig sich auf die Herstellung religiöser Gegenstände spezialisierte, fertigte das protestantische Königsberg vor allem Gegenstände des täglichen Gebrauchs. So wurden aus großen Bernsteinstücken Kreuze, Herzchen, Kästchen, Pokale, Ringe, Statuetten, allerlei Nippes, Schachspiele usw. hergestellt.

۞    ۞    ۞

Dem Monopol des Ordens wurde ein empfindlicher Schlag versetzt, als durch den Thorner Frieden von 1466 ganz Westpreußen seiner Herrschaft entzogen wurde und die Frische Nehrung – ein Drittel der Bernsteinküste – an den neu gebildeten Freistaat Danzig6 fiel.

Die junge ehrgeizige Republik vertrat liberalere Ansichten über das Bernsteinregal und machte dem Bernsteinhandelsmonopol des Ordens bald erfolgreich Konkurrenz, da es in Danzig sowohl an kunstfertigen Drechslermeistern als auch an anderen Mitteln zur Bernsteinverarbeitung nicht mangelte.

Das veranlasste den ersten Herzog in Preußen, Albrecht von Brandenburg7, der 1525 seinen Hochmeistermantel gegen den herzoglichen Hermelin eingetauscht hatte, die Bernsteinverarbeitung auch auf seinem Gebiet zu erlauben. Er gestattete auch die Gewinnung von Erdbernstein, was kurz zuvor in Danzig erlaubt worden war. Die ersten Bernsteingruben entstanden in Preußen in den 1550er Jahren.

Allerdings mussten die Bernsteingräber dem Herzog eine Abgabe zahlen, und das Sammeln von Bernstein an der Küste blieb weiterhin durch das Bernsteinregal geregelt. Zuwiderhandelnde wurden mit strengen Geldstrafen belegt. Die Ergänzungen zur Bernsteinordnung von 1582 verboten jedermann, gleich welchen Standes, sich ohne Ausweis am Seestrand blicken zu lassen.

GalgenGalgen für Verletzer des Bernsteinregals.

An den Meeresufern wurden Galgen errichtet, und wer beim unerlaubten Bernsteinsammeln ertappt wurde, wurde auf der Stelle gehängt. Von der Unterschlagung von Bernstein Verdächtigen und von Aufkäufern presste man Geständnisse mit Peitschen und Folter heraus.

Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg8 schien anfangs eine mildere Politik zu verfolgen und tat viel für die Entwicklung des Bernsteinhandels in seinem preußischen Herzogtum. Doch gerade er verfügte später, dass alle Bewohner der Ostseeküste wie auch diejenigen, die die Küste in Handelsgeschäften besuchten, einen amtlichen Eid leisten mussten, sich keinen Bernstein anzueignen. Diesen sogenannten Strandeid mussten alle männlichen Personen über achtzehn Jahre ablegen. Nicht einmal Geistliche waren ausgenommen. Im Eid gab es folgende Passage:

Fragment

„Und wenn ich sehe und merke, dass mein Vater, meine Mutter, Brüder, Schwestern oder andere Leute im Umgang mit dem Bernstein das Vertrauen missbrauchen wollen, schwöre ich, dies nicht zuzulassen und der Versuchung nicht zu erliegen ..“

Für Zuwiderhandelnde wurden folgende Strafen festgelegt: für den Diebstahl eines Pfundes Bernstein eine Geldstrafe von 90 preußischen Gulden; für zwei Pfund die doppelte Strafsumme; für drei Pfund eine Strafe von 270 Gulden, Auspeitschung und Verbannung aus dem Küstengebiet auf 10 Jahre; für vier Pfund dieselbe Strafe, aber außer den Peitschenhieben noch der Pranger sowie lebenslange Landesverweisung; für fünf Pfund und mehr der Galgen und doppelter Ersatz des Gestohlenen durch die Familie des Verbrechers.

Im Falle eines besonders großen Diebstahls (25 Pfund Bernstein und mehr) konnte der Schuldige sogar zur Hinrichtung durch das Rad verurteilt werden!9 Das bloße Betreten des Strandes ohne Erlaubnis wurde mit einer Geldstrafe von 12 bis 18 Gulden bestraft und führte im Wiederholungsfall zur Verbannung aus dem Küstengebiet für die Dauer von einem bis drei Jahren.

Um diese Gesetze rascher in Kraft zu setzen und möglichst bald mit der Bestrafung der Verletzer des Bernsteinregals zu beginnen, wurde auf Befehl des Großen Kurfürsten am 21. November 1644 in Fischhausen das Bernsteingericht eingerichtet, das aus einem Fiskal und sechs Beisitzern bestand.

Die barbarischen Methoden im Kampf gegen die Verletzer des Bernsteinregals, die Einschüchterung und der Zwang, denen die Küstenbewohner ausgesetzt waren, wirkten sich sehr negativ aus. Nach dem alten lateinischen Sprichwort Nitimur in vetitum! (Zum Verbotenen zieht es die Menschenseelen!) führten sie zum gegenteiligen Ergebnis, verleiteten verwegene Seelen zu heimlichem Diebstahl und erzeugten eine Gegenverbitterung, deren Opfer viele Wächter wurden, die die Küste bestreiften.

Die zahlreichen Galgen auf den Kämmen der Küstendünen und die Eide (keinen Bernstein zu stehlen) waren eine schwache Motivation zur Einhaltung der Regeln.

Die Einheimischen hielten den Bernsteindiebstahl größtenteils nicht für ein Verbrechen: „Die Wellen werfen den Stein ans Ufer. Der Bernstein ist der Segen des Meeres, darum gehört er uns, den Leuten der Küste, und folglich ist es kein Diebstahl, ihn sich anzueignen.“

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden die Strafen etwas gemildert. Fortan wurde nur dann zum Tod durch den Strang verurteilt, wenn etwa eine Vierteltonne Bernstein gestohlen worden war und zudem „der Dieb niederen Standes war“. Auch die Durchsuchungen wurden genauer geregelt. Alle drei Jahre mussten die Küstenbewohner von der Grenze Danzigs bis Memel „mit Söhnen und Knechten“ erscheinen, den Strandeid leisten, ihre Kescher überprüfen lassen und, falls in der Wirtschaft irgendein Zuwachs an Wohlstand festzustellen war, überzeugend nachweisen, dass dieser nicht vom Absatz unrechtmäßig angeeigneten Bernsteins herrührte.

Im Jahr 1717 wurden die einheimischen Bauern bei der Durchsuchung ihrer Habe sogar dann bestraft, wenn man in einer Truhe oder in einem Schrank nur ein einziges Stückchen Bernstein fand.

۞    ۞    ۞

Ab 1762, nach dem Ende der russischen Besetzung Ostpreußens, wurden die Strafen humaner. Todesstrafe und Landesverweisung wurden abgeschafft, und Prügel wurden nur dann verhängt, wenn der Übeltäter, auf frischer Tat ertappt, den berittenen Wächter angriff10. Stets aber war die Strafe Gefängnis bei Wasser und Brot, in schwereren Fällen das Zuchthaus mit „Willkomm und Abschied“, die bei der Ankunft und bei der Entlassung des Häftlings vollzogen wurden. Das waren 25 Stockschläge, die unter strenger Aufsicht des Gefängnisäskulaps abgezählt wurden.

Einen Fremden hingegen, der es wagte, ohne Legitimationskarte11 in der Tasche an den Meeresstrand zu gehen, erwarteten der „spanische Mantel“ und das Gefängnis.

Hölzerne Schandtonnen, auch „spanische Mäntel“ genannt, waren in Europa seit dem 13. Jahrhundert ein Strafwerkzeug.

BernsteinschachAltes Bernsteinschach.

Den in die innen mit Blech ausgekleidete Schandtonne Gesteckten durfte man beschimpfen, ohrfeigen und mit Unrat bewerfen. Um die Qualen des Bestraften zu vergrößern, hängte man an den unteren Rand der Schandtonne Gewichte.

Der Strandeid wurde zudem durch einen Zusatz verschärft, der von Kindern die Denunziation ihrer Eltern verlangte! Dieser Zustand dauerte bis in die jüngste Zeit an. Es sei erwähnt, dass, als 1807 das Bernsteinregal an Kaufleute verpachtet wurde, die verhassten Durchsuchungen und die Pflicht der einheimischen Bauern, Bernstein zu sammeln und abzuliefern, aufhörten, der Zugang zum Seestrand aber noch immer streng kontrolliert blieb. Die Lage änderte sich erst 1837, als die Bewohner des Küstenstreifens selbst das Nutzungsrecht am Bernsteinregal pachteten.

Das bedeutete, dass die früheren Beschränkungen des Zugangs zum Meeresufer aufhörten, und erst von diesem Zeitpunkt an begannen die zahlreichen Besuche in Cranz, Neukuhren und anderen Seebädern der samländischen Küste und deren intensive Entwicklung.

Natürlich erhielt der Staat nun geringeren Gewinn aus dem Bernsteinregal, doch diese Verluste wurden voll ausgeglichen – nicht nur durch die Einnahmen, die die Seebäder der preußischen Küste das ganze Jahr über einbrachten, sondern auch durch die Gesundung der sittlichen Atmosphäre unter der einheimischen Bevölkerung.

۞    ۞    ۞

Zum Schluss des Artikels möchten wir den vor einigen Jahren von Professor Göppert in Breslau unternommenen Versuch erwähnen, Bernstein künstlich zu gewinnen. Der Gelehrte hielt Fichtenharz und Fichtenzweige drei Monate lang in warmem Wasser (65–80 Grad C). Das Harz begann nicht mehr nach Terpentin, sondern eher angenehm balsamisch zu riechen, was es in seinen Eigenschaften dem Bernstein annäherte, doch löste es sich im Unterschied zum Bernstein trotzdem in Alkohol. Ein anderes Harz, venezianisches Terpentin12, wurde zusammen mit Lärchenzweigen ein ganzes Jahr in warmem Wasser gehalten. Dadurch verlor es ebenfalls einen Teil seiner Löslichkeit, konnte aber dennoch die Eigenschaften des Bernsteins nicht vollständig erreichen. Diese begonnenen Versuche werden die Physiker wahrscheinlich zu weiteren Experimenten und Versuchen anregen, die wunderbare Gabe der Natur nachzubilden.

ANMERKUNGEN

1. Die Schiffe der Achäer (eines der wichtigsten altgriechischen Stämme) beschreibt Homer als schwarzbordig, d. h. mit geteertem Rumpf.

2. Radaune (poln. Radunia). Kleiner Fluss in der Kaschubei (Pommern) im Norden Polens, der aus einem See abfließt und unweit von Gdańsk in die Mottlau mündet.

3. Johann Heinrich Robert Göppert (1800, Sprottau – 1884, Breslau – heute Wrocław, Polen). Deutscher Botaniker, Paläontologe, Arzt und Universitätsprofessor.

4. Pfund (von lat. pondus – Gewicht) – Maßeinheit der Masse.
In den angelsächsischen Ländern (im Unterschied zu Russland) entsprach das Pfund 0,45359237 kg. Am verbreitetsten ist heute das internationale Avoirdupois-Pfund (von engl. avoirdupois, von frz. avoir de pois – nach Gewicht verkaufte Waren), das rechtlich als 0,45359237 kg definiert ist.

5. Lot – vormetrische Masseneinheit (verwendet in der zweiten Hälfte des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts), gleich 1⁄32 Pfund oder 12,79725 Gramm.

6. So im Original:

Textfragment

7. Gemeint ist Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1490, Ansbach, Fränkischer Reichskreis – Schloss Tapiau, Gwardeisk) – Hochmeister des Deutschen Ordens und erster Herzog in Preußen.

8. Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg (1620, Cölln an der Spree – 1688, Potsdam) – Kurfürst von Brandenburg (1640–1688), genannt der „Große Kurfürst“, und Herzog in Preußen aus der Dynastie der Hohenzollern.

9. Rädern – eine in der Antike und im Mittelalter verbreitete Art der Todesstrafe, auch unter der Bezeichnung „Katharinenrad“ oder einfach „Rad“ bekannt. Das Rädern wurde bereits im alten Rom angewandt. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war es in Europa verbreitet, besonders in Deutschland und Frankreich, wo es als die qualvollste (nach der Vierteilung) und schändlichste Hinrichtung galt. Dem zum Rädern Verurteilten wurden mit einer Eisenstange oder einem Rad alle großen Knochen des Körpers gebrochen, dann band man ihn auf ein großes Rad und stellte das Rad auf einen Pfahl. Der Verurteilte lag mit dem Gesicht nach oben und starb an Schock und Austrocknung, oft recht lange. Die Leiden des Sterbenden wurden durch die nach ihm hackenden Vögel noch verschlimmert.

10. Berittener Wächter (Strandreiter) – berittener Soldat der Strandpatrouille, der jeden Tag die Küste zu Pferd inspizierte und darauf achten musste, dass niemand eigenmächtig Bernstein auflas.

11. Legitimationskarte – (hist.) Erlaubnis zum Aufenthalt in dem betreffenden Gebiet.

12. Venezianisches Terpentin – ein traditionelles altes, hochgereinigtes Lösungsmittel, das aus den Knospen von Nadelbäumen, in der Regel der Lärche, gewonnen wird. Es ist ein ölig-harziges Exsudat von Larix Europaea oder Larix deciduas.

Für den Artikel wurden außerdem folgende Materialien verwendet:
Beiträge zur Kunde Preußens. Bd. 6. Königsberg. (1824)
Fragmente zur Naturgeschichte des Bernsteins. Danzig. (1835)

 

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.