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Die Geburt des Großen Kurfürsten

Die Geburt des Großen Kurfürsten

Der Herzog in Preußen und Kurfürst* von Brandenburg** Friedrich Wilhelm I. von Hohenzollern (1620–1688) kam nach dem Tod seines Vaters 1640 als ganz junger Mann an die Macht. Die ausgezeichnete Bildung, die er an einem der Zentren des Calvinismus, der Universität Leiden (Niederlande), erhalten hatte, wo er seit seinem vierzehnten Lebensjahr Geschichte, Recht, Politik und Kriegswesen studierte, half ihm, vom Beginn seiner Herrschaft an wirksam und unabhängig zu handeln. Die zahlreichen titulierten Einflussagenten jener Staaten, die mit Preußen auf der europäischen Bühne rivalisierten und seine Unerfahrenheit auszunutzen suchten, gingen leer aus. Friedrich Wilhelms größte Leistung ist zweifellos die Erlangung der Souveränität Brandenburg-Preußens im Jahr 1657, als Polen infolge seiner energischen und wohldurchdachten Politik auf seine Rechte am Herzogtum Preußen verzichtete. Auf dem Weg zu diesem Ziel mussten noch einige weitere gewaltige Aufgaben gelöst werden: die gesamte Macht in seiner Hand zu bündeln, den durch den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) ausgebluteten, zersplitterten preußisch-brandenburgischen Landen neues Leben einzuhauchen, die Wirtschaft wiederzubeleben und eine schlagkräftige Armee aufzubauen. All das gelang Friedrich Wilhelm, wofür ihn die dankbaren Zeitgenossen den Großen (Großer Kurfürst) zu nennen begannen. Nach ihm wurde nur noch ein einziger preußischer Monarch einer ähnlichen Ehre gewürdigt, doch von Friedrich II. erzählen wir ein andermal.

* Kurfürst (wörtlich „Wahlfürst“, von küren – „wählen“ und Fürst) – ein Fürst, der das Recht besaß, den deutschen König und seit dem 13. Jahrhundert den Kaiser zu wählen. Die Markgrafen von Brandenburg erhielten diesen prestigeträchtigen Titel durch die Goldene Bulle von 1356, woraufhin das Fürstentum Kurfürstentum genannt wurde. Die Institution der Kurfürsten hörte bald nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 auf zu bestehen.

** Die Markgrafschaft Brandenburg (auch als Mark Brandenburg bekannt) war eines der Fürstentümer des Heiligen Römischen Reiches und bestand von 1157 bis zur Auflösung des Reiches. Das Fürstentum entstand im Siedlungsgebiet der Wenden, die die Nachfolge der Stämme der Vandalen angetreten hatten. Heute gehört das Land Brandenburg mit der Hauptstadt Potsdam zur Bundesrepublik Deutschland.

In dem kürzlich veröffentlichten Artikel „Das große Eismanöver“ haben wir vom Höhepunkt des militärischen Wirkens des Großen brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm erzählt, als er sich nicht nur als reifer, sondern als ganz und gar außergewöhnlicher Feldherr erwies. Der Weg zu diesem glanzvollen Sieg war jedoch lang und keineswegs immer triumphal. Anders konnte es auch nicht sein, denn die Lage rings um den und innerhalb des preußisch-brandenburgischen Staates begünstigte die vom Kurfürsten in Angriff genommenen Umgestaltungen in keiner Weise.

Wenn wir das Wirken einer historischen Persönlichkeit analysieren, ziehen wir gewöhnlich Parallelen zu anderen Staaten in anderen Zeiten und vergleichen sie mit weithin bekannten Personen. Zumal die Persönlichkeit Friedrich Wilhelms im sowjetischen (und danach auch im russischen) Schullehrplan und in der populären Literatur nur knapp und eher negativ behandelt wurde, mit seltsamen Analogien nach dem Muster „preußischer Absolutismus – deutscher Militarismus – Hitlerfaschismus“. Doch gerade der Absolutismus war damals die fortschrittlichste Form der Staatsordnung, und ein Militarist war Friedrich Wilhelm nicht mehr als Peter I. oder Napoleon, mit denen ein Vergleich am treffendsten erscheint. Vergleicht man Friedrich Wilhelm nun mit dem gewohnten Muster eines Feldherrn-Monarchen, Napoleon I. Bonaparte, so liegt der Unterschied auf der Hand: Napoleon war dazu geboren, ein großer Stratege zu werden, Friedrich Wilhelm dagegen machte sich selbst zum berühmtesten Feldherrn seiner Epoche und steckte ungeheuer viel Kraft und Energie hinein. Napoleon wurde von den ungezügelten Kräften einer Volksrevolution nach oben gespült, Friedrich Wilhelm hingegen musste den Widerstand des einflussreichsten und aktivsten Teils der damaligen Bevölkerung Preußens überwinden – der adligen und bürgerlichen Oberschicht. Der wichtigste Unterschied besteht aber wohl darin, dass sich, während ganz Frankreich sich überanstrengte, um Napoleons Ruhm zu sichern, Friedrich Wilhelm selbst zum Ruhme Preußens nicht schonte. Und hier ist ein Vergleich mit einem anderen Monarchen mit dem Beinamen „der Große“ angebrachter – mit Peter I. Vergleicht man beide als Reformer, so zeigt sich, dass die Reformen des Großen Kurfürsten aufgrund völlig anderer Umstände nicht so tiefgreifend waren und die militärische Komponente seines Wirkens gegenüber der zivilen und administrativen überwog. Doch hinter dem russischen Zaren stand das gewaltige Potenzial eines unermesslichen Landes, das mit den bescheidenen Ausgangsbedingungen Preußens in keiner Weise zu vergleichen war. Und wenn Peter, mit den Worten des Dichters, „Russland sich aufbäumen ließ“, so brachte Friedrich Wilhelm dem preußischen Pferdchen bei, nicht über die eigenen Beine zu stolpern, in den vorgeschriebenen Gangarten zu laufen und streng auf die Befehle des Reiters zu hören.

So kommt es, dass Friedrich Wilhelm ein wenig Bonaparte und ein wenig Peter I. war; unzweifelhaft aber war er genau der Mensch, der Preußen schuf und es aus der Vielzahl der übrigen deutschen Staaten heraushob. Begonnen aber hatte sein Weg mit überaus großen Problemen, die er von seinen Vorgängern geerbt hatte.

Friedrich Wilhelm kam 1640 im Alter von zwanzig Jahren im brandenburgisch-preußischen Staat an die Macht. Zu diesem Zeitpunkt bestand der Staat aus fünf Teilen: dem Kurfürstentum Brandenburg, dem Herzogtum Preußen, dem Herzogtum Kleve, der Grafschaft Mark und der Grafschaft Ravensberg. Alle diese Teile des Staates waren nicht nur voneinander isoliert, sondern einige von ihnen besaßen ihrerseits Exklaven in anderen deutschen Fürstentümern. So sah der brandenburgisch-preußische Staat auf der Landkarte wie neun ungleich große Gebiete aus. Der Form der politischen Ordnung nach war das Staatsgebilde Brandenburg-Preußen im 17. Jahrhundert eine ständische Monarchie, das heißt, in jedem der zugehörigen Länder trat ein gewähltes Organ zusammen – der Landtag –, der alle wichtigen dieses Gebiet betreffenden Entscheidungen des Monarchen billigte oder ablehnte. Im Staat fehlte eine Einheit der Gesetze für alle Besitzungen, es galt eine Vielzahl lokaler Rechtsakte.


Friedrich Wilhelm im Jahr 1647Friedrich Wilhelm ist 29 Jahre alt. Porträt von Adriaen Hanneman (1647).


Die Lage im Staat am Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) war katastrophal: In Preußen, das in den polnisch-schwedischen Kriegen die bewaffnete Neutralität erklärt hatte, war ein Bevölkerungsrückgang von etwa 20 % und ein allgemeiner wirtschaftlicher Niedergang zu verzeichnen; im Kurfürstentum Brandenburg war weniger als ein Drittel der Bevölkerung übrig geblieben, und das Land war vom Krieg buchstäblich verwüstet. Das Brandenburg, das sich auf die Seite des Kaisers gestellt hatte, wurde von Verbündeten wie von Gegnern geplündert. Dabei richteten einigen Angaben zufolge gerade die verbündeten Truppen der Habsburger und der Katholischen Liga in den Städten und Dörfern Brandenburgs die größten Schäden an. Wirksame militärische Mittel, dem ein Ende zu setzen, besaß Friedrich Wilhelm nicht – 1640 verfügte er über eine winzige Armee von nur 4000 Soldaten. Zum Vergleich: Für eine vollwertige Verteidigung einer Festung wie Königsberg waren etwa 12–15 Tausend nötig. Deshalb erklärte Friedrich Wilhelm schon 1641 als erster der kaisertreuen deutschen Fürsten, nicht länger gegen die Schweden kämpfen zu wollen. Andere folgten ihm, was schließlich zum Hamburger Präliminarfrieden führte, der die Bereitschaft der wichtigsten Mächte zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges markierte. Diese Wende war der erste politische Erfolg des damals noch nicht „Großen“ Kurfürsten. Der nächste war die Entschädigung für die verwüsteten Gebiete nach dem Westfälischen Frieden (1648), dem zufolge Brandenburg Hinterpommern, die aufgehobenen Erzbistümer Magdeburg und Halle sowie die aufgehobenen Bistümer Minden und Cammin erhielt.

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges unternahm Friedrich Wilhelm titanische Anstrengungen, um auf den Landen Brandenburgs und Preußens einen einheitlichen zentralisierten Staat zu schaffen – das, was erst nach seinem Tod zum Königreich Preußen werden sollte.

Auf diesem Weg hatte er folgende Hauptprobleme zu lösen: die Zersplitterung und Verwüstung der Gebiete, die Lehnsabhängigkeit Preußens von der polnischen Krone, die Schwäche der Wirtschaft und der Armee (nach dem Krieg war sie vom Landtag auf 1800 Soldaten verringert worden).

Als Erstes entfernte der Kurfürst alle Anhänger des habsburgischen Kaisertums und einer bedingungslosen Wahrung des Status quo Brandenburgs im Reich von seinem Hof. Als Berater holte er tatkräftige Leute, die die Idee der Schaffung eines neuen, einheitlichen und unabhängigen Staates unterstützten. Bei der Bildung der neuen politischen Elite setzte er auf einfache Adlige und Bürger.

Zu Beginn seiner Herrschaft bereitete ihm vor allem Preußen politische Schwierigkeiten. Die Stellung der Hohenzollern war dort schon seit der Zeit der Regentschaft schwach; die Stände erkannten die herzogliche Macht über sich formal an, die tatsächliche Macht im Herzogtum aber hatte die adlig-bürgerliche Oberschicht, vertreten durch die ernannten Räte und die Häupter der Magistrate der Städte am Pregel. In Königsberg hatte sich eine Art Oligarchie herausgebildet, die sich bei Streitigkeiten mit dem Kurfürsten sofort an den polnischen König als Lehnsherrn des Herzogs wandte. Überhaupt strebte der örtliche Adel die Schaffung einer sogenannten „Adelsrepublik“ im Herzogtum an, möglicherweise sogar mit einem Übergang unmittelbar unter die Jurisdiktion des polnischen Königs. Angesichts der Schwäche seiner Macht konnte Friedrich Wilhelm solchen Bestrebungen anfangs nichts entgegensetzen. Um sie zu stärken, brauchte er eine schlagkräftige Armee, und eine solche ließ sich nur mit einer starken Wirtschaft aufbauen. Deshalb rief Friedrich Wilhelm ein Programm zur Wiederauffüllung der Bevölkerung des Staates ins Leben und lud alle aus religiösen Gründen Verfolgten ins Land ein. Und nebenbei auch alle anderen, die in ihrer Heimat keine Perspektiven hatten. Dem Ruf folgten französische Hugenotten, Holländer, Schweizer und Bewohner einer Reihe deutscher Länder. Später wurden auch Juden eingeladen. In Preußen und Brandenburg erhielten sie für Europa beispiellose Rechte und Garantien.

Der brandenburgisch-preußische Staat wurde zum tolerantesten Land der Alten Welt.

Auf dem Weg zu einer eigenen starken Armee unternahm Friedrich Wilhelm folgende Schritte: 1644 wurde die Armee Brandenburg-Preußens zu einem stehenden Heer; die Söldner wurden entweder fest übernommen oder entlassen, und fortan wurde die Armee durch freiwillige Werbung ergänzt. 1651 unterstellte der Kurfürst alle Festungsgarnisonen und übrigen Truppenteile einem einheitlichen Oberbefehlshaber, Freiherrn von Sparr, und übernahm selbst die Führung der Feldarmee. Damit war ausgeschlossen, dass sich auf dem Staatsgebiet irgendwelche bewaffneten Verbände befanden, die nicht dem zentralen Kommando unterstanden. Danach, 1653, berief er den Landtag in Berlin ein und versuchte, die Zustimmung zu einer Vergrößerung der Armee auf Kosten von Steuern zu erhalten. Doch er erhielt eine Absage. Auch das preußische Junkertum (die Schicht der Großgrundbesitzer) und die Magistrate lehnten es ab, die Ausgaben für die Armee zu erhöhen. Da griff Friedrich Wilhelm zu einem listigen Zug: Um die Eliten an die Kandare zu nehmen, ging er mit ihnen einen Handel ein. Dem Adel wurden alle seine Privilegien bestätigt, im Land wurde die Leibeigenschaft eingeführt – nicht so hart wie in Russland, aber immerhin mit der Unterstellung der Gemeinden unter die Gutsherren und der Übertragung der Gerichtsbarkeit, der Funktionen der örtlichen Selbstverwaltung und der Ordnungsorgane in den ihnen unterstehenden Gebieten auf Letztere sowie mit dem Recht, das Maß der Fronarbeit, der Abgaben und Zinsen festzusetzen. Im Gegenzug erhielt der Monarch die volle Staatsgewalt und die Zustimmung zur Einführung neuer Steuern für den Unterhalt der Armee. Infolgedessen wurde die Armee binnen fünf Jahren (bis 1658) mehr als verzehnfacht und erreichte eine Stärke von 22 000 Soldaten.

Wodurch zeichnete sich nun die neue brandenburgische Armee aus? Erstens durch einen hohen Ausbildungsstand, moderne Bewaffnung und fortschrittliche Taktik. Zweitens durch ein starkes Offizierskorps. Sobald Geld vorhanden war, begann Friedrich Wilhelm erfahrene Offiziere aus den Armeen Schwedens, Hollands und Dänemarks in seine Dienste zu rufen. Ihre Kampferfahrung wurde bei der Ausbildung eigener Offiziere genutzt. Drittens war die brandenburgische Armee außerordentlich gut organisiert und diszipliniert. Die Reglements untersagten jegliche Plünderung und Marodeurtum und schrieben einen humanen Umgang mit der Zivilbevölkerung vor. Die Versorgung der Armee erfolgte zentral über eigens geschaffene rückwärtige Einrichtungen – die Magazine. Sold wurde an Soldaten und Offiziere pünktlich und ohne Verzögerung ausgezahlt. Friedrich Wilhelm und seine Generäle begannen, die fortschrittlichen schwedischen taktischen Modelle anzuwenden. Diese bestanden darin, dass die mit Feuerwaffen ausgerüstete Infanterie die wichtigste und entscheidende Kraft auf dem Schlachtfeld war. Man setzte gerade auf die Feuerwirkung, wofür die Lineartaktik in mehreren Gliedern angewandt wurde. Diese Glieder konnten gleichzeitig eine Salve in drei Rängen abgeben oder, einander ablösend, eine Folge von Salven. Die Salve aus Musketen, später aus Flinten, war das Hauptmittel der Verteidigung auch gegen Reiterei – im Gegensatz zur veralteten Taktik, bei der die Pikeniere, Fußsoldaten mit langen Piken, das Mittel gegen die Kavallerie waren. In den Armeen Schwedens und Brandenburg-Preußens wurden ebenfalls Pikeniere eingesetzt, doch machten sie nur ein Viertel bis ein Drittel der gesamten Infanterie aus, während es in den typischen Armeen Südeuropas gleich viele Pikeniere und Musketiere gab. Somit besaß eine Infanterieeinheit nach dem schwedischen taktischen Modell eine wesentlich größere Feuerkraft. In der brandenburgisch-preußischen Armee wurden der Infanterie außerdem leichte Feldhaubitzen beigegeben, die ihre Kampfkraft noch steigerten, insbesondere ihre Standfestigkeit gegenüber der Kavallerie. Darüber hinaus widmete Friedrich Wilhelm der berittenen Infanterie große Aufmerksamkeit – beweglichen Infanterieeinheiten, die sich zu Pferd fortbewegten, aber zu Fuß kämpften.

Man kann mit Bestimmtheit sagen, dass eine schlagkräftige Armee von 22 000 Soldaten ausreichte, damit die europäischen Staaten jener Zeit sich militärischer Abenteuer gegen ihren Besitzer enthielten. Eine solche Zahl an Bajonetten hätte für eine große Schlacht gereicht, allerdings konnte man im Falle einer Niederlage danach fast ohne sie dastehen. Außerdem konnte eine solche Armee der entscheidende Trumpf für einen starken Verbündeten sein. Und gerade das reizte Friedrich Wilhelm am meisten. Wenn deine Teilnahme über das Schicksal eines großen Krieges entscheidet, eines viel größeren als des, den du allein führen könntest, wird dein Bündnispartner allen deinen Bedingungen zustimmen. Eine solche Bedingung konnte unter bestimmten Umständen die Befreiung Preußens von der Lehnsabhängigkeit sein. Es galt nur noch, diese „bestimmten Umstände“ abzuwarten.

Hier ist erneut daran zu erinnern, dass die Ordensführung seit eben jenem Jahr 1466, als der Deutsche Orden durch den Zweiten Thorner Frieden Vasall der polnischen Krone wurde, die Pläne, sich von dieser Abhängigkeit zu befreien, nie aufgab.

Der Zweite Thorner Frieden

Mit zahlreichen Siegeln versehen, wird das Original des Vertrags zwischen dem Königreich Polen und dem Deutschen Orden im Warschauer Hauptarchiv Alter Akten aufbewahrt. Oben: Ausschnitt aus dem Gemälde von Marian Jaroczyński „Der Zweite Thorner Frieden“ (1873).



Am geradlinigsten war natürlich der Plan einer militärischen Revanche. Doch nach dem Krieg und bis zum Niedergang des Ordens waren seine finanziellen Möglichkeiten zu schwach, um eine Armee anzuwerben, die die polnische hätte besiegen können. Deshalb versuchte man auf andere Weise der Vasallität zu entkommen. So schlug Hochmeister Heinrich Reffle von Richtenberg 1472 den Weg der offenen Konfrontation ein und leistete dem ungarischen König Matthias Hunyadi den Eid. Man rechnete damit, dass Ungarn dem Orden im Kampf gegen Polen helfen und das ungarische Protektorat nicht so streng sein werde. Noch weiter ging sein Nachfolger, Hochmeister Martin Truchseß von Wetzhausen. Er leistete nicht nur dem ungarischen König den Eid, sondern erklärte 1478 Polen auch den Krieg. Doch die Könige von Polen und Ungarn fanden unerwartet eine gemeinsame Sprache. Der Hochmeister musste die Kampfhandlungen einstellen und der polnischen Krone den Eid leisten. Hochmeister Johann von Tiefen wich nach seinem Amtsantritt vier Jahre lang dem Eid aus und leistete ihn erst 1493. Den Gipfel der Unbotmäßigkeit zeigte der vorletzte Hochmeister Friedrich von Sachsen. Vor seiner Wahl zum Hochmeister war er nicht einmal Ordensbruder gewesen. Die Ordensspitze wählte ihn unter anderen Kandidaten wegen seiner vornehmen Abstammung und seiner Vasallität gegenüber dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Deshalb weigerte sich Friedrich von Sachsen, dem polnischen König den Vasalleneid zu leisten, mit der Begründung, er sei bereits Vasall des Kaisers. Der Kaiser unterstützte ihn in dieser Weigerung voll und ganz. Und um einem Zwang zu entgehen, reiste der Hochmeister in seine Heimat Sachsen. Dort lebte er bis an sein Lebensende, ohne je Lehnsmann des polnischen Königs geworden zu sein. All das war als politischer Schachzug natürlich schön, faktisch aber betrachtete die polnische Seite den Orden weiterhin als ihren Vasallen und mischte sich, als wäre nichts geschehen, in seine inneren Angelegenheiten ein. Danach wurde Albrecht von Brandenburg-Ansbach Hochmeister. Auch er wurde vom Orden von außen auf diesen Posten berufen. Grund für die Wahl gerade Albrechts war seine Verwandtschaft mit dem polnischen König (mütterlicherseits war er ein Urenkel Jagiełłos) und seine Zugehörigkeit zum im Reich einflussreichen Geschlecht der Hohenzollern. Den polnischen König Sigismund I. störte weder das eine noch das andere, und er verlangte wie üblich, ihm den Lehnseid zu leisten. Albrecht begann im Geiste Friedrichs von Sachsen unter jedem Vorwand auszuweichen. Gleichzeitig suchte er starke Verbündete für den Kampf gegen Polen und fand sie in der Person des Moskauer Großfürsten Wassili III. Der Moskauer Fürst wünschte sehnlichst eine Schwächung Polens, und ein Ausscheiden Preußens aus der Vasallität hätte dies sehr begünstigt. Deshalb versprach Wassili III. Geld für die Anwerbung von 10 000 Soldaten. Das Geld wurde bewilligt und nach Königsberg geschickt, kam dort aber aus einer Reihe von Gründen nicht an. Albrecht erklärte 1519 Polen den Krieg. Er dauerte zwei Jahre, verwüstete die angrenzenden Gebiete der Gegner, lastete wie ein Joch auf dem Haushalt, brachte dem Orden aber keinerlei Ergebnisse. Angesichts der Ausweglosigkeit der Lage verfiel Albrecht in Depression und erwog sogar, auf den Titel des Hochmeisters zu verzichten. Doch da begegnete ihm die Lehre Luthers, und sein Leben erhielt einen neuen Sinn: Er machte sich daran, in Preußen einen weltlichen Staat mit dem Luthertum als Staatsreligion zu schaffen. Er brauchte Frieden, in dem er den protestantischen Gottesdienst einführen und den Ordensstaat säkularisieren konnte. Im Austausch gegen solche Garantien war er bereit, dem polnischen König zu huldigen und die Frage der Selbstständigkeit Preußens für lange Zeit zurückzustellen. Wie sich zeigte – für 132 Jahre. Die Zeit, zur Idee der Selbstständigkeit zurückzukehren, kam erst unter der Herrschaft Friedrich Wilhelms.

Die Gelegenheit, die von ihm geschaffene Armee zur Erlangung der lang ersehnten Unabhängigkeit Preußens von Polen einzusetzen, bot sich dem Kurfürsten recht bald. 1655 kam man in Schweden zu dem Schluss, dass Polen, geschwächt durch den Krieg mit Russland, und das dynastisch mit ihm verbundene Litauen allzu ausgedehnte Gebiete besaßen, die ihren Möglichkeiten zur wirksamen Verteidigung nicht entsprachen. Es begann der Nordische Krieg von 1655–60, oder die Schwedische Sintflut, wie man ihn auf dem polnischen Kriegsschauplatz nannte. Friedrich Wilhelm begriff, dass dies für Preußen eine großartige Chance war, aus der Lehnsabhängigkeit herauszukommen. Natürlich hätte er einfach verkünden können, dass er dem polnischen König nicht mehr untertan sei, und den Vasalleneid brechen können. Doch in den Augen der gesamten europäischen Monarchenwelt hätte er als Rebell und Eidbrecher dagestanden, der juristisch trotzdem Lehnsmann blieb, nur eben ein aufständischer. Nach Friedrich Wilhelms Plan sollte der polnische König selbst auf das Lehnsrecht an Preußen verzichten.

Anfangs mag es scheinen, als sei der Kurfürst, wie man so sagt, mit dem Strom geschwommen und habe sich, zwischen immer neuen Umständen lavierend, unerwartet für sich selbst der Möglichkeit genähert, sich der Herrschaft der polnischen Krone zu entziehen. In der modernen Geschichtsschreibung ist gerade diese Sichtweise verbreitet. Es gibt aber auch eine andere, aus der folgt, dass alle Handlungen Friedrich Wilhelms von genauer Berechnung geleitet waren. Nicht umsonst nannte man ihn „den schlauesten Fuchs Europas“.

Verfolgt man den Gang der Ereignisse sorgfältig, so zeichnet sich die Generallinie eines großartigen Plans ab, wie man aus der unlösbaren Lage mit den Bestimmungen des Zweiten Thorner Friedens und der Lehnsabhängigkeit Preußens herauskommen konnte. Alles deutet auf etwa folgende Überlegungen des Kurfürsten hin: Wenn es unmöglich ist, einfach aus dem Lehnsvertrag auszutreten und im Grunde deinem Lehnsherrn gleichgestellt zu werden, so kann man diesen Lehnsherrn wechseln. Das ändert deinen Status nicht und ruft daher keine Ablehnung bei den europäischen Monarchen hervor. Dein Status ist lediglich eine innere Angelegenheit des früheren und des jetzigen Herrn. Die Sache wurde auf die alltäglichste Weise inszeniert: Der schwedische König fällt in Preußen ein, die polnischen Truppen können Preußen nicht schützen, das Herzogtum geht als Lehen an den Sieger über. Genau so geschah es auch, allerdings brachte der polnische Adel die Karten durcheinander, der, als er begriff, dass die schwedische Offensive die völlige Beseitigung der Selbstständigkeit Polens bedeutete, für militärische Hilfe alle möglichen Wohltaten bis hin zum polnischen Thron zu versprechen begann. Das war sehr verlockend, aber leider undurchführbar. Gleich in der ersten Schlacht gegen die Schweden erlitten die Truppen Brandenburg-Preußens eine Niederlage. Ohne die Fortsetzung der verheerenden Kampfhandlungen abzuwarten, wurden, noch während die Schweden auf Königsberg vorrückten, Abgesandte zum schwedischen König geschickt mit der Bitte um Frieden, der dann am 17. Januar 1656 in Königsberg unterzeichnet wurde. Und am 29. Juni 1656 wurde zwischen dem König von Schweden Karl X. Gustav und Friedrich Wilhelm ein Vasallenvertrag unterzeichnet. Unter anderem sollte der Kurfürst demnach eine viertausend Mann starke Armee gegen Polen stellen und im Falle eines gemeinsamen Sieges die Gebiete Ermland, Großpolen und Posen erhalten. Karl X. geizte nicht mit Siegprämien, denn sie hätten ja ohnehin seinem Vasallen gehört. Für den Kurfürsten aber machte die Gefahr einer unumschränkten Vorherrschaft Schwedens in der Region alle Vorteile dieser Erwerbungen zunichte. Sie drohte Preußen für Jahrzehnte vom polnischen zum schwedischen Lehnsmann zu machen. Erschwerend kam hinzu, dass sich nicht nur das Herzogtum Preußen auf die Seite Schwedens stellte – der Armee König Karls schlossen sich immer neue polnische und litauische Magnaten und Woiwoden mit ihren Truppen an. Dem schwedischen König huldigten einzelne Städte und ganze Woiwodschaften. Dadurch entstanden Bedingungen, die es erlaubten, ein charakteristisches Merkmal der Kriege jener Zeit zu überwinden – die Begrenztheit der Pläne. Diese Regel, die mit der verhältnismäßig geringen Stärke der Armeen der europäischen Staaten des 17. Jahrhunderts zusammenhing, galt nur, solange der Gegner bereit war, für seine Souveränität zu kämpfen. Wenn aber einfache Leute und Adlige selbst bereitwillig in die Dienste des Eroberers treten, eröffnet sich die Möglichkeit, das Gebiet des angegriffenen Staates vollständig zu verschlucken. Zumal der polnische König Johann II. Kasimir und der schwedische König Karl X. Gustav aus derselben Dynastie Wasa stammten und wechselseitig Anspruch auf den Thron des anderen erheben konnten (was übrigens der offiziell verkündete Kriegsgrund war); folglich ließ sich eine Einverleibung Polens leicht mit einem Konflikt innerhalb der Dynastie erklären, was dem Adel die Qual der Wahl der Seite erheblich erleichterte.


Die Könige Polens und Schwedens aus der Dynastie Wasa

Vertreter der Dynastie Wasa – die Könige Polens und Schwedens, Johann II. Kasimir (links) und Karl X. Gustav, Zeitgenossen und Kollegen des Großen Kurfürsten, die einander das Recht auf den Thron streitig machten.


Die raschen Erfolge Karls X. Gustav gingen jedoch mit unverzeihlichen Fehlern einher, die am Ende zu einem ebenso raschen Abebben der Schwedischen Sintflut führten. Erstens gelang es ihm nicht, Polen als sein neues Territorium und dessen Bewohner als seine Untertanen wahrzunehmen; die schwedischen Truppen verwüsteten sowohl nicht unterworfene Gebiete als auch Landstriche, die freiwillig auf seine Seite übergegangen waren. Infolgedessen entstand in Letzteren, gelinde gesagt, Unzufriedenheit mit ihnen. Zweitens wurden die Interessen eines weiteren großen Akteurs in der Region nicht berücksichtigt – Russlands. Hätte Karl Gustav seine Anstrengungen zur Eroberung Polens mit denen des Zaren Alexei Michailowitsch vereint, wäre die Frage der Existenz Polens als solchem entschieden gewesen. Dafür aber hätte man Russland der beiderseitigen Vorteile aus der Eroberung polnischen Gebiets versichern, einen Teilungsplan vorlegen und in den Fragen der umstrittenen Gebiete im östlichen Baltikum einen Kompromiss eingehen müssen, das heißt, Russland schlicht Ländereien in Livland oder Ingermanland samt Zugang zur Ostsee überlassen müssen. Zu solch großzügigen Gesten war der schwedische Monarch nicht bereit.

Für Russland waren Polen wie Schweden ewige Rivalen in der Region, deshalb unterstützte es folgerichtig die jeweils schwächere Seite und kämpfte erst gegen Polen, dann gegen Schweden und zum Schluss wieder gegen Polen. Genauso dachten auch die Dänen, für die das Entstehen eines riesigen schwedisch-polnisch-litauischen Imperiums in der Region ebenfalls ein großes Problem gewesen wäre.

Am Ende wurde die Lage rund um Polen äußerst verworren. Es gab drei unversöhnliche Rivalen: Polen (mit Litauen), Schweden und Russland. Jeder von ihnen kämpfte für sich selbst, daher waren alle Bündnisse nur vorübergehender Natur. Als interessierte Partei trat auch Dänemark auf, das seine Ansprüche vor allem an Schweden und am wenigsten an Russland richtete. Eine weitere Kraft stellte das Saporoger Heer dar, das notgedrungen zu Russland neigte und Polen als Hauptgefahr ansah, aber ebenfalls schon auf beiden Seiten gekämpft hatte. In den Krieg wurden auch entferntere Staaten hineingezogen – das Krim-Khanat unterstützte Polen, Siebenbürgen und Rumänien schlugen sich dagegen auf die Seite Schwedens. Gegen Schweden eingestellt waren die Niederlande, wo man ebenfalls Polen unterstützte. Und inmitten dieses Knäuels von Widersprüchen befand sich Preußen, das die Armeen der Großmächte im Falle eines großen Feldzugs einfach hätten zertrampeln und verwüsten können, wie es der Mark Brandenburg im Dreißigjährigen Krieg widerfahren war.

Doch der Nordische Krieg (1655–1660) zerfiel in fünf Hauptkriegsschauplätze (den polnisch-schwedischen, den russisch-schwedischen, den pommerschen, den dänisch-schwedischen und den norwegischen), und deshalb überstieg die Stärke der Armeen in den Schlachten auf jedem von ihnen meist nicht 10–15 Tausend Soldaten und erreichte nur selten 25 Tausend. Im Zentrum dieser komplizierten Partie stand die Armee Friedrich Wilhelms (mit einer Gesamtstärke von etwa 20 000 Mann), der sich klar bewusst war, dass seine Teilnahme am Krieg auf der einen oder anderen Seite den Gang der Ereignisse an jeder der Fronten grundlegend verändern konnte.

Als daher fast ein Wunder geschah und der polnische Adel vom stillen Preisgeben seiner Staatlichkeit zu entschlossenem Handeln zur Befreiung des Landes von den schwedischen Eroberern überging, als sich eine eindrucksvolle antischwedische Allianz bildete, begriff der Kurfürst, dass die Zeit gekommen war, die Verbündeten zu wechseln. Doch nicht einfach so, sondern zu seinen eigenen Bedingungen, denn im Unterschied zu den anderen Verbündeten Polens würde seine Armee an der wichtigsten Stelle operieren. Allerdings kam Friedrich Wilhelm nicht sofort zu dem Entschluss, das Bündnis mit den Schweden zu brechen und sich Polen anzuschließen. Anfangs wollte die polnische Seite Preußen durch Drohungen und Gewalt in ihre Vasallität zurückholen. Dazu wurde sogar ein besonderes Korps unter Gosiewski nach Preußen geschickt, dem litauische Abteilungen und krimtatarische Reiterei beigegeben waren. Die recht beachtlichen Kräfte von fast 8000 Polen und Litauern und 2000 Tataren schlugen am 8. Oktober 1656 in der Schlacht bei Prostken die 4000 Mann starke Armee der Preußen und Schweden vernichtend. Die Verluste der preußischen Truppen waren nicht verhängnisvoll, doch auf die Niederlage folgte die Verwüstung des Südostens Preußens. Diese Schlappe brach allerdings den Willen Friedrich Wilhelms nicht. Zu Verhandlungen mit Polen fand er sich erst ein Jahr später bereit, als die polnische Seite zu Zugeständnissen hinsichtlich des Status des preußischen Herzogtums bereit war. Wie im Fall der Schweden erfolgte die Unterzeichnung des neuen Vertrags in zwei Etappen: am 19. September 1657 in Wehlau (Snamensk) und am 6. November desselben Jahres in Bromberg, polnisch Bydgoszcz.

Der 200 Jahre alte Traum des Deutschen Ordens und danach des Herzogtums Preußen von der Rückgewinnung der staatlichen Souveränität war erfüllt. Doch selbst da war der Kurfürst noch nicht zum „Großen“ geworden, obwohl dies die wichtigste Leistung in all den Jahren seiner Herrschaft war.

Nach dem Übertritt Brandenburg-Preußens auf die Seite Polens war der Ausgang des Krieges vorherbestimmt. Die Truppen der polnischen Koalition führten 1658 Operationen zur Befreiung des Königlichen Preußen durch und nahmen bis zum 30. Dezember 1658 nach halbjähriger Belagerung die Stadt Thorn ein. Während der Belagerung unternahm Schweden ein Manöver mit seiner Armee und landete am 17. Juni 1658 Truppen auf der Frischen Nehrung, um von dort auf Königsberg vorzustoßen und Preußen zum Ausscheiden aus dem Krieg zu zwingen. Dort stießen die Schweden jedoch auf hartnäckigen Widerstand und gaben den Zug auf die preußische Hauptstadt auf.

Bis 1660 hatte der Krieg die Kräfte und Ressourcen aller beteiligten Seiten erschöpft. Der Kriegseintritt Dänemarks, das von Österreich und zum Teil von England unterstützt wurde, brachte die schwedische Seite an den Rand des militärischen Zusammenbruchs. Aus Furcht vor einer Störung des Kräftegleichgewichts im Norden Europas schaltete sich Frankreich ein und drohte ultimativ, auf der Seite Schwedens in die Kampfhandlungen einzutreten. Der regionale Krieg drohte zu einem gesamteuropäischen zu werden. Deshalb kamen alle Seiten zu dem Schluss, dass es Zeit sei, Friedensverhandlungen aufzunehmen. Am 3. Mai 1660 wurde der lang ersehnte Friede von Oliva unterzeichnet, der alle strittigen Fragen in der Region regeln sollte. Kurfürst Friedrich Wilhelm unterzeichnete ihn gleichberechtigt mit dem polnischen und dem schwedischen König und dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Der Friede von Oliva festigte endgültig den Status Preußens als unabhängiger Staat. Etwas später wurde in Kopenhagen Frieden zwischen Schweden und Dänemark geschlossen.

Die Erlangung der staatlichen Souveränität machte Preußen noch nicht zu einer bedeutenden europäischen Macht. Erwartungsgemäß zeigte sich ein altes Problem – die adlige Freiheit, die sich in der Epoche der Regentschaft und der faktischen Herrschaft ernannter und gewählter Beamter und Räte in Preußen entwickelt hatte. Die preußische Elite war gewohnt, ohne die feste Hand eines Souveräns auszukommen. Selbst die Unabhängigkeit von der polnischen Krone erfreute bei Weitem nicht alle adligen und bürgerlichen Gruppierungen. Die propolnische Partei in Königsberg war schon immer stark gewesen – den polnischen König konnte man erfolgreich als höchste Instanz im Gegensatz zum Herzog nutzen. So beschritt auch nach den Verträgen von Wehlau und Bromberg ein Teil des Adels den Weg des verdeckten und offenen Widerstands gegen die Macht Friedrich Wilhelms und verstärkte sogar seine Beziehungen zum polnischen Hof. Im Adel reifte eine Verschwörung, deren Ziel die Beschränkung der herzoglichen Befugnisse war. Für den Fall eines Misserfolgs in einem offenen Konflikt war dabei vorgesehen, den polnisch-preußischen Vertrag zu annullieren und den König von Polen um die Aufnahme Preußens in das Königreich zu ersuchen, etwa nach dem Prinzip der Union mit Litauen. Dabei hätte der polnische König auch den Status eines Herzogs in Preußen getragen und wäre nominell vom Landtag bestätigt worden.

Es muss nicht erklärt werden, dass diese Ideen für Friedrich Wilhelm kategorisch unannehmbar waren, und daher begann der Kampf gegen sie sofort. Schon während des Nordischen Krieges, 1657, errichtete er am westlichen Rand Königsbergs die Festung Friedrichsburg. Die Festung lag am Ufer des Pregels, dort, wo sich die Baumsperre „Holländer Baum“ befand, hatte vier Bastionen und die Möglichkeit zur Rundumverteidigung. Die Festung trug deutlich die Merkmale einer Befestigung mit doppelter Bestimmung: Einerseits schützte sie die Stadt vor dem Eindringen einer feindlichen Flotte, andererseits kontrollierte sie den gesamten Seegüterverkehr aus Königsberg. Außerdem wurden Versuche sinnlos, sich in der Stadt hinter den Wallbefestigungen vor der Armee des Kurfürsten zu verschanzen. Örtliche Heimatforscher weisen in ihren Studien oft darauf hin, dass die Kanonen der Festung auf die Stadt gerichtet waren – als unmissverständliche Warnung an die Magistrate. Doch die Entfernung von der Festung bis zu den Zentren der drei Pregelstädte betrug 1000–1500 m, was es erlaubte, sie nur symbolisch im Visier der Kanonen zu halten. Auf eine solche Entfernung konnten die damaligen Geschütze eine gegossene Vollkugel abfeuern, nicht aber eine Granate oder Bombe. Geschossen hätte man dabei im Steilfeuer, und folglich konnte man bestenfalls auf eine psychologische Wirkung rechnen.


Die Festung Friedrichsburg auf einem Plan KönigsbergsDie Festung Friedrichsburg (rot umrandet) auf einem Plan Königsbergs aus dem 18. Jahrhundert. Bis heute erhalten ist nur ihr mächtiges Tor, in dem sich das historisch-kulturelle Zentrum „Schiffsauferstehung“ befindet.

Der eigentliche Kampf gegen den unbotmäßigen preußischen Adel begann erst nach dem Ende des Nordischen Krieges. Dabei stand Friedrich Wilhelm in seiner Innenpolitik ausschließlich auf der Seite des Adels, verlangte von ihm aber die bedingungslose Anerkennung seiner obersten Gewalt.

Die Rechte des Adels und zum Teil der Magistrate in der örtlichen Selbstverwaltung wurden in beispiellosem Maße erweitert. Dabei war jedoch keine Einmischung in Staatsangelegenheiten, Außenpolitik und Militärverwaltung zugelassen, außer durch den Dienst von Adligen in staatlichen Behörden. Insgesamt war die Politik des Kurfürsten für den dienenden Adel überaus günstig, was viele von ihnen zu schätzen wussten.

Dennoch traten in Königsberg zwei Anführer der Opposition hervor: unter den zivilen Räten Hieronymus Roth (1606–1678), unter den Militärs Generalleutnant Graf Albrecht von Kalckstein (1592–1667). Beide hielten die Schritte Friedrich Wilhelms zur Lösung aus der Lehnsabhängigkeit von Polen für illegitim, da sie vom preußischen Landtag nicht gebilligt worden waren. Die Oppositionellen entfalteten gleich nach dem Ende des Nordischen Krieges eine stürmische Tätigkeit. In ihren Aufrufen an den preußischen Adel forderten sie eine Revision der Bedingungen des Friedens von Oliva und der Verträge von 1657 und warben für die Anerkennung des polnischen Protektorats durch die Stände. Einer der Gründe für diese Agitation waren die Steuern, die Friedrich Wilhelm den Magistraten auferlegt hatte. Die Steuern wurden für den Unterhalt einer starken Armee benötigt. Nicht dass sie maßlos hoch gewesen wären, im Gegenteil, sie waren sorgfältig berechnet und geordnet. Doch da das Thema Steuern allen nahe war, wäre es dumm gewesen, es nicht zu nutzen. Die Magistrate wollten die Steuererhebung einfach ignorieren und abwarten, wie die oberste Gewalt darauf reagieren würde.

Als Ersten ließ Friedrich Wilhelm 1661 Albrecht von Kalckstein verhaften. Nachdem der General jedoch geschworen hatte, nicht mehr gegen den Kurfürsten aufzutreten, wurde er begnadigt und verbrachte seine restlichen Jahre auf dem Familiengut Knauten (Siedlung Prudki im Kreis Bagrationowsk). Hieronymus Roth dagegen verstärkte seine Aktivität nur noch, reiste zu einer Audienz beim polnischen König nach Warschau und erzählte ihm dort, die Königsberger Stände wünschten ihn als Herrscher Preußens zu sehen. Solche Schritte versetzten Johann Kasimir in tiefe Verlegenheit, doch er verstand sehr wohl, dass das vom Krieg verwüstete Polen nicht imstande war, irgendwelche realen Schritte zur Rückgewinnung des Herzogtums zu unternehmen. Von Roths Reise nach Polen erfuhr der Kurfürst, und er betrachtete diese Handlungen nicht mehr als Politik, sondern als Hochverrat. 1662 zog er mit einem Korps von 2000 Soldaten in Königsberg ein und ließ Roth verhaften. Der Aufruf zur Intervention und zum Machtwechsel zog damals unweigerlich die Todesstrafe nach sich, doch Friedrich Wilhelm zeigte erstaunliche Großmut. Er ließ den Verräter in die Mark Brandenburg bringen und im Gefängnis der Stadt Peitz unter würdigen Bedingungen festhalten. Dabei wurde Roth gesagt, dass einem Gnadengesuch stattgegeben werde, wenn er seine Schuld eingestehe, auf weiteren Widerstand verzichte und ein solches Gesuch einreiche. Roth lehnte diese Bedingungen ab. Mehr noch, bald darauf wurde er dabei ertappt, wie er Briefe gegen den Kurfürsten an seine Mitstreiter weitergab. Erst danach wurde er unter gewöhnliche Haftbedingungen gestellt und blieb bis an sein Lebensende in Gefangenschaft.

Doch die antibrandenburgische Partei in Preußen war noch nicht endgültig zerschlagen. Den Kampf gegen den Kurfürsten setzte einer der Söhne Albrechts von Kalckstein fort – Christian Ludwig (1630–1672). Auch er war Militär im Rang eines Obersten, die Ablehnung der Herrschaft der brandenburgischen Kurfürsten in Preußen hatte er von seinem Vater übernommen, und in seinen Handlungen ging er weiter als alle seine Mitverschworenen. Nach dem Tod des Vaters 1667 lieferten ihn seine Verwandten im Erbstreit als Verräter an den Kurfürsten aus. 1668 wurde er verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt, aber sogleich begnadigt und kam mit einer Geldstrafe davon. Das lehrte ihn nichts. 1670 floh der Oberst nach Warschau, wo er vor dem polnischen Sejm eine Rede über die Notwendigkeit einer gewaltsamen Lösung der Frage der Eingliederung Preußens in Polen hielt. Von dort schickte er auch Aufrufe nach Preußen mit der Forderung, sich der Macht des Kurfürsten nicht zu unterwerfen, und mit Versprechungen, dass bald Hilfe aus Polen komme. Friedrich Wilhelm berief zur selben Zeit den Landtag ein, um eine Erhöhung der Steuer für den Unterhalt der Armee zu erreichen. Die Agitation des Obersten Kalckstein unter den preußischen Ständen drohte diese Pläne zu durchkreuzen. Darum wurde eine Sonderoperation durchgeführt, würdig der Romane von Alexandre Dumas.

Der aufständische Oberst wurde in der polnischen Hauptstadt entführt und in einen Teppich eingewickelt auf preußisches Gebiet gebracht. Kalckstein wurde nach Memel (Klaipėda) gebracht, wo er peinlich verhört und von einem Sondertribunal zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil wurde am 8. November 1672 vollstreckt. Übrigens war dies die einzige Hinrichtung aus politischen Gründen in den ganzen 48 Jahren der Herrschaft des Großen Kurfürsten.

Zu dieser Zeit war der Kurfürst selbst über fünfzig. Vier der wichtigsten Aufgaben waren gelöst: Die Verwüstung der Lande infolge des Dreißigjährigen Krieges war überwunden, die Macht zentralisiert, eine schlagkräftige Armee geschaffen, die Souveränität Preußens erreicht. Eine blieb noch: Die Lande Brandenburgs und Preußens waren weiterhin durch Gebiete getrennt, die Polen gehörten. Zwischen ihnen lagen die Gebiete des Königlichen Preußen und Ostpommerns (Pommerellens), die der Deutsche Orden infolge des Zweiten Thorner Friedens verloren hatte. Die Aufgabe ihrer Rückgewinnung erschien auf den ersten Blick nicht unlösbar – Polen wurde immer schwächer und verlor nach und nach den Status einer regionalen Führungsmacht. Im Gegenzug aber begannen die größten Mächte Europas, vor allem Frankreich und England, die Rolle eines europäischen Polizisten zu übernehmen, der über das Kräftegleichgewicht in den Regionen wachte und dessen Verschiebung zugunsten der einen oder anderen Seite kategorisch nicht zuließ. Dennoch meinte Friedrich Wilhelm, dass ein groß angelegter militärisch-politischer Feldzug zur Eroberung der Gebiete, die Preußen und Brandenburg trennten, Erfolg haben könnte, wenn man eine Koalition interessierter Staaten zusammenbrächte – Brandenburg-Preußens, Russlands und Schwedens. Allerdings erschien ein Bündnis Brandenburgs mit Russland zwar durchaus logisch, der Antagonismus in den Paaren Russland–Schweden und Schweden–Brandenburg aber war offenkundig. Theoretisch hätte man Schweden also dazu bewegen können, etwa gegen Gebietszugeständnisse gegen Polen aufzutreten. Freilich konnte man auch andere Staaten in die Koalition holen, etwa Dänemark oder Holland. Gerade deshalb bildete sich als Gegengewicht zu den imperialen Ambitionen Frankreichs und Englands eine recht stabile Allianz aus Dänemark, Holland und Brandenburg-Preußen.

Der neue militärische Konflikt begann für Brandenburg eben 1672 mit Holland. Überhaupt war Europa im 17. Jahrhundert ein wahrer brodelnder Kessel von Kriegen und Konflikten, die praktisch nie erloschen, nur die Kriegsschauplätze wechselten. Dabei hatten sich einige ständige Spannungsherde herausgebildet. Einen haben wir oben schon erwähnt – das Gebiet des südlichen und östlichen Baltikums, wo die gegenseitigen Gebietsansprüche eine jahrhundertealte Geschichte hatten. Der zweite war der Norden Frankreichs und Holland. Frankreich sah schon lange mit Verdruss auf alles, was in Holland geschah. Erstens, weil die Holländer ihre Glaubensbrüder, die Hugenotten, in Frankreich selbst unterstützten. Zweitens, weil die Erfolge der Holländer beim Aufbau des Kapitalismus und der Marktwirtschaft den wirtschaftlichen Interessen des französischen Königreichs zuwiderliefen. Drittens, weil der französische König sich daran erinnerte, dass er juristisch (wenn man in alten Manuskripten wühlte) ein Lehnsrecht auf die holländischen Gebiete besaß. Für Holland wurde die Lage noch dadurch erschwert, dass seine früheren traditionellen Verbündeten im Gegensatz zu Frankreich – Schweden und England – aus der Allianz ausgetreten waren und sogar einem Bündnis mit ihm zuneigten. Auf die Seite Hollands trat Brandenburg, das für die Teilnahme am Krieg eine Armee von 20 000 Soldaten stellte. Die Hilfe Brandenburgs kam sehr gelegen, wenn man bedenkt, dass Frankreich durch geheime Verhandlungen und Abkommen die traditionellen Verbündeten Hollands – Schweden und England – aus dem Krieg herausgehalten hatte und Österreich Holland wegen seines eigenen Krieges mit den Türken nicht helfen konnte. Unterstützung leisteten Holland außerdem Spanien und einige deutsche Fürstentümer. Dabei verfügten Frankreich und seine ausländischen verbündeten Korps über eine für damalige Verhältnisse gewaltige Armee von bis zu 160 000 Mann. Dennoch durchkreuzten die Verteidigungsmaßnahmen der Holländer, bis hin zur Überflutung des Gebiets, über das der Gegner vorrücken würde, Frankreichs Pläne für einen schnellen Sieg. Da beschlossen die Franzosen, Brandenburg aus dem Spiel zu nehmen. Dazu überredeten sie die Schweden, in Brandenburg einzufallen. Und als den Kurfürsten Meldungen über eine Zunahme der Soldaten in Schwedisch-Pommern erreichten, wollte er zunächst nicht glauben, dass Schweden ohne ernsthafte Gründe die Bestimmungen des Friedens von Oliva verletzen könnte.

Unterdessen überschritten die Schweden die Grenze zwischen Schwedisch-Pommern und Brandenburg. Innerhalb einiger Monate seit November 1674 besetzten sie mit ihrer erdrückenden militärischen Überlegenheit ohne nennenswerten Widerstand einen beträchtlichen Teil der Mark Brandenburg. Die schwedische Armee befehligte Feldmarschall Carl Gustav Wrangel (1613–1676), den Friedrich Wilhelm noch aus der Zeit der Schwedischen Sintflut kannte. Dabei hatte der Kurfürst ihn sowohl als Verbündeten als auch als Gegner kennengelernt. Die Nachricht von der schwedischen Aggression erreichte Friedrich Wilhelm in Holland, doch trotz des Wunsches, sofort gegen die Schweden zu ziehen, verschob er, vom gesunden Menschenverstand geleitet, den Feldzug bis zum Ende des Frühjahrs. Erstens war es unmöglich, die Front gegen Frankreich zu entblößen, da dies zu einer Katastrophe im ganzen Französisch-Holländischen Krieg geführt hätte. Zweitens verfügte der Kurfürst über eine Armee, die etwa den schwedischen Kräften in Brandenburg entsprach. Ein Winterfeldzug über eine solche Entfernung hätte mindestens ein Viertel der Soldaten außer Gefecht gesetzt, was völlig unannehmbar war. Drittens begriff er bei nüchterner Einschätzung der Lage, dass der Winter auch die Schweden behinderte. Angesichts des Winterwetters und der Verteidigungsfähigkeit der Festungen würden sie nur wenige davon einnehmen können, und der Hauptfeldzug würde im Frühjahr beginnen. Doch kaum war es warm geworden, befahl er unverzüglich, die Armee vom holländischen Kriegsschauplatz abzuziehen und in höchstem Tempo in die Heimat zurückzukehren. Da eine solche Verlegung der Truppen nach allen Reglements und Vorschriften mindestens zwei Monate gedauert hätte, wurde befohlen, nicht auf den rückwärtigen Nachschub (die Magazine) zu warten, sondern alles Nötige unterwegs bei der örtlichen Bevölkerung zu kaufen. Außerdem wurde eine Vorhut aus gut fünftausend Reitern und etwa tausend Mann Infanterie gebildet, die Magdeburg in nur zwei Wochen erreichte und dabei einen Weg von 250 km zurücklegte.

Alle weiteren Ereignisse würden ohne jede künstlerische Erfindung jeden historischen Blockbuster schmücken, wobei der Zuschauer den Eindruck gewänne, die Drehbuchautoren hätten es mit der Handlung übertrieben.

In Magdeburg also zählte Friedrich Wilhelm die mit ihm dort eingetroffenen Truppen – er konnte auf 5600 Reiter und 1000 Mann Infanterie mit 13 Geschützen zählen. Das war etwa halb so viel wie beim Gegner. Doch das schwedische Kommando erwartete die Armee des Kurfürsten bestenfalls in zwei Monaten – so war damals die Geschwindigkeit der Fußmärsche. Die Schweden lagen in kleinen Garnisonen in Städten und Festungen. Und deshalb beschließt Friedrich Wilhelm, die Stadt Rathenow anzugreifen, die im Zentrum des von den Schweden besetzten Gebiets lag und ein Straßenknotenpunkt war, der die schwedischen Garnisonen miteinander verband. „Verbindung und Führung der Einheiten stören“, „die gegnerische Gruppierung zerschneiden und sie in Teilen schlagen“ – all das klingt wie Direktiven und Frontberichte aus einer ganz anderen Zeit, als solche Methoden zum Klassiker geworden waren. Übrigens werden wir auch im Weiteren in den Handlungen Friedrich Wilhelms ganz moderne Methoden militärischer Operationen sehen.

Den Befehl über den Sturm auf Rathenow erhielt der erfahrene Feldmarschall Georg Derfflinger, der in dieser Gegend schon in den Jahren des Dreißigjährigen Krieges gekämpft hatte. Da Infanterie und Geschütze für eine vollwertige Belagerung und einen Sturm offensichtlich nicht ausreichten, beschloss man, zu einer Kriegslist zu greifen. Die Armee des Kurfürsten setzte heimlich, unter Meidung der Hauptstraßen, über die Elbe und befand sich am 24. Juni in der Umgebung von Rathenow. Die Aufklärung nahm Verbindung mit dem städtischen Magistrat auf und übermittelte den städtischen Beamten den Auftrag, ein Festbankett für die schwedischen Offiziere auszurichten. Unter Ausnutzung dessen, dass in der Garnison kein einziger nüchterner Offizier mehr übrig war, zog Derfflinger eine schwedische Uniform an und überredete die Wache, das Tor zu öffnen. Zum Unglück für die Schweden war Derfflinger offenbar ein ganz guter Schauspieler. Als die Wache das Tor aufriss, war das Schicksal der überrumpelten Garnison von Rathenow besiegelt.

Alle Berechnungen des Kurfürsten erwiesen sich als richtig. Als man in einem der Teile der zerstückelten schwedischen Armee, die in Brandenburg lagerte, vom unerwarteten Auftauchen des Gegners und der Einnahme Rathenows erfuhr, verloren die Befehlshaber die Nerven. Die Schweden wussten nichts – weder die Zahl der Soldaten, mit denen der Kurfürst unerwartet erschienen war, noch welche Städte sie schon besetzt hatten, noch die weiteren Pläne Friedrich Wilhelms. Obwohl schon die Hälfte der schwedischen Armee zahlenmäßig der Armee Brandenburgs nicht nachstand, begannen die Schweden aus Furcht vor einer Einkesselung den Rückzug aus der zur Verteidigung vorbereiteten Stellung in Richtung der Stadt Fehrbellin, in der Hoffnung, die Armee zu vereinigen. Die Vorausabteilungen des Kurfürsten holten bald die schwedische Nachhut ein und schlugen sie in einem kurzen Gefecht. Als Friedrich Wilhelm erfuhr, dass die Nachhutgefechte die Schweden nicht zum Anhalten und zur Vorbereitung auf eine Hauptschlacht gezwungen hatten, befahl er, eine Verfolgung mit 1600 Reitern zu organisieren, keine Entscheidungsschlacht anzunehmen, das zurückweichende Heer aber ständig mit kleinen Gefechten zu beunruhigen. Einige Tage eines solchen Rückzugs zermürbten das schwedische Heer; außerdem hatten Kundschafter vor den zurückweichenden Schweden die Rhinbrücke zerstört. Die Schweden waren gezwungen, eine Hauptschlacht zu liefern. Diese schwedische Gruppierung befehligte übrigens der Halbbruder des Feldmarschalls Wrangel – Wolmar (1641–1676).

Man muss sagen, dass nach allen Regeln in dieser Schlacht die Schweden hätten siegen müssen. Wie oben erwähnt, waren die Kräfte der Gegner der Zahl der Soldaten nach etwa gleich, doch die Schweden hatten doppelt so viele Geschütze (28 gegen 13 oder 14). Außerdem hatte die schwedische Armee eine Verteidigungsstellung bezogen, und angreifen mussten die Brandenburger. In einer solchen Lage war für einen erfolgreichen Angriff eine spürbare zahlenmäßige Überlegenheit nötig. Friedrich Wilhelm aber hatte nicht nur keine solche Überlegenheit, sondern es bestand auch ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Infanterie und Kavallerie zugunsten der Letzteren. Und das, obwohl im 17. Jahrhundert die Infanterie als Hauptkraft auf dem Schlachtfeld galt und die Kavallerie als Hilfswaffe. Doch im Kriegsrat bestanden Friedrich Wilhelm und Georg Derfflinger darauf, dass man die Schweden jetzt schlagen müsse, solange sie verwirrt und desorganisiert seien. Die Verwirrung der Schweden zeigte sich darin, dass sie bei der Erkundung des Geländes die beherrschende Anhöhe an ihrer rechten Flanke übersehen hatten. Diesen Hügel besetzte Friedrich Wilhelm für seine Artilleriestellung. In der am 28. Juni 1675 ausgetragenen Schlacht wählte Friedrich Wilhelm die Taktik nahezu abwechselnder Kavallerieangriffe auf beide Flanken der Schweden, die die schwedische Ordnung in den Truppen zerrütten und eine Umfassungsgefahr schaffen sollten. Der Plan bewährte sich voll und ganz. Außerdem sprach an der linken Flanke des brandenburgischen Heeres die günstig aufgestellte Batterie ihr Wort. Die Schweden verteidigten sich anfangs tapfer, doch die örtliche Kräfteüberlegenheit an den Flanken tat ihre Wirkung. Die brandenburgische Kavallerie warf die schwedischen Schwadronen direkt auf die eigene Infanterie zurück, die deshalb den Gegner nicht mit dichtem Feuer empfangen konnte. Das schwedische Heer wankte und begann zurückzuweichen, wobei der Rückzug allmählich in Flucht überging. Die Verluste der Schweden an Toten und Gefangenen betrugen 3000 Soldaten und übertrafen die Verluste der Armee des Kurfürsten um das Fünfzehnfache.


Der Große Kurfürst in der Schlacht bei FehrbellinDer Große Kurfürst und General Derfflinger in der Schlacht bei Fehrbellin.

Hätten an der Schlacht bei Fehrbellin etwa dreimal so viele Truppen teilgenommen, wäre sie zur bekanntesten Schlacht der europäischen Geschichte des 17. Jahrhunderts geworden. In der Geschichte Deutschlands aber hat sie zweifellos ihre Spur hinterlassen. Deutsche Historiker behaupten, dass Friedrich Wilhelm gerade nach dieser Niederlage der Schweden offiziell „der Große Kurfürst“ genannt wurde. Dies war der erste Beiname „der Große“ in den Titeln deutscher Monarchen. Den zweiten und letzten erhielt König Friedrich II. Der Tag des Sieges bei Fehrbellin wurde in Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg als Feiertag begangen.

Karte der Schlacht bei FehrbellinKarte der Schlacht bei Fehrbellin.


Nach der Niederlage bei Fehrbellin trat die schwedische Armee den allgemeinen Rückzug an. Der Sieg Brandenburgs ermutigte die Dänen, und bald schlossen sie sich dem Krieg gegen die Schweden an, eingedenk der einst verlorenen Gebiete, die jetzt der schwedischen Krone gehörten. Der Krieg verlagerte sich rasch auf das Gebiet Schwedisch-Pommerns. Schon im Herbst 1675 wurden die Städte Stettin (heute das polnische Szczecin), Wismar und eine Reihe kleinerer befreit. Danach zog sich der Krieg in die Länge und wurde sowohl zu Lande als auch zur See geführt, wo den Schweden die dänisch-holländische Flotte gegenüberstand.

Im Verlauf dieses Krieges ereignete sich auch die Geschichte, die im Artikel „Das große Eismanöver“ beschrieben ist. Danach folgte ein empfindlicher „Nasenstüber“ von Frankreich, das die Eingliederung der im Krieg mit Schweden besetzten Gebiete in Preußen verhinderte. Der Krieg mit Schweden wurde der letzte große Feldzug des Großen Kurfürsten. Das brandenburgische Heer nahm noch im Rahmen der kaiserlichen Armee am Großen Türkenkrieg (1683–1699) teil, doch seine Rolle dort war nicht so bedeutend, und der Krieg endete erst nach dem Tod Friedrich Wilhelms selbst.

In den 48 Jahren der Herrschaft des Großen Kurfürsten befand sich der brandenburgisch-preußische Staat nur 22 Jahre nicht im Kriegszustand. Manchmal führte Friedrich Wilhelm sogar drei Kriege gleichzeitig. Historiker zählten in diesem Zeitraum 103 Schlachten (Gefechte, Belagerungen, Scharmützel), von denen 66 als gewonnen, 23 als verloren gelten und weitere 24 einen unbestimmten Status erhielten. Dabei war Friedrich Wilhelm kein begnadeter Feldherr, wohl aber ein fleißiger Schüler und ein sehr energischer Mensch, der genau verstand, dass militärische und politische Erfolge das Ergebnis eines ganzen Bündels von Maßnahmen sind. Nachdem er am Ende des Dreißigjährigen Krieges verwüstete und zersplitterte Gebiete übernommen hatte, übergab er sie seinem Nachfolger als gefestigten Staat, der durchaus bereit war, sich in ein vollwertiges Königreich zu verwandeln. Natürlich schonte er, wie viele europäische Monarchen, zur Erreichung seiner Ziele weder sich noch seine Untertanen. Man kann sagen, dass er die Traditionen des berüchtigten „preußischen Militarismus“ und des „preußischen Drills“ begründete und das Land ausschließlich mit Zwangsmaßnahmen in eine lichte Zukunft führte. Doch in jener Zeit war das eine völlig normale Erscheinung, die in der Gesellschaft Beifall fand. Bei aller Kompromisslosigkeit im Heeresaufbau machte Friedrich Wilhelm Preußen zugleich zu einem Land der Toleranz und der Glaubensfreiheit. Hier gab es keine Judenpogrome, hier schlachtete man nicht nachts Angehörige einer anderen Konfession ab, hier stürmte man keine Städte, weil sich dort „Ketzer und Gotteslästerer“ verschanzt hatten. Im Gegenteil, hier erwartete man diejenigen, die in ihrer Heimat solchen Verfolgungen ausgesetzt waren, und diese Tradition setzte sich auch nach dem Tod des Großen Kurfürsten fort. Übrigens siedelten die Vorfahren Immanuel Kants (väterlicherseits) gerade zur Regierungszeit Friedrich Wilhelms aus Litauen nach Preußen über.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.