Teile 1–3. Teil 4. Teil 5. Teil 6. Teil 7.
37. Brief. Der Beginn des Feldzugs
38. Brief. Der Marsch durch Litauen
39. Brief. Das Lager bei Kowno
40. Brief. Der Marsch nach Preußen
41. Brief. Der Einmarsch in Preußen und ein Alarm
42. Brief. Der Marsch durch Preußen
43. Brief. Der Marsch durch Preußen zum Pregel
44. Brief. Der erste Alarm
45. Brief. Der zweite Alarm
46. Brief. Alarm
47. Brief. Die Schlacht
48. Brief. Der Marsch nach Wehlau
DER BEGINN DES FELDZUGS
37. Brief
Lieber Freund! Da ich mich nun anschicke, unseren preußischen Krieg zu beschreiben oder doch jenen Teil davon, den ich selbst mit ansehen durfte, halte ich es nicht für überflüssig, eine kurze historische Erläuterung vorauszuschicken, was eigentlich den Anlass gab, dass wir in diesen in Europa so berühmten, sogenannten Siebenjährigen Krieg hineingezogen wurden, der dem Menschengeschlecht so verderblich war und in dem auf allen Seiten eine so ungeheure Menge Volkes umkam.
Am meisten, ja beinahe als erste und vornehmste Ursache dieses vielen vergossenen Menschenblutes ist der einige Jahre zuvor verstorbene König von Preußen Friedrich II. anzusehen, der Oheim des jetzt regierenden Königs von Preußen. Mit ausnehmenden Eigenschaften und Gaben geboren, in Strenge bei einem Vater erzogen, der ihn nicht liebte, schon in seiner Jugend von Lehrern und Freunden nicht eben guten Charakters vom Weg wahrer Tugend abgebracht und nachdem er alle seine jungen Jahre beinahe in Gefangenschaft verbracht hatte, hatte er kaum seinen Vater verloren und im Jahre 1740 nach ihm den preußischen Thron bestiegen, als er, da er ein prächtiges und zahlreiches Heer, eine große Menge barer Gelder und sein ganzes Reich in blühendem und sehr gutem Zustand vorfand, die Wirren zu nutzen gedachte, die damals infolge des Todes Kaiser Karls VI. in ganz Europa entstanden waren, und auf beinahe dreiste und höchst ungerechte Weise der kaiserlichen Macht die an ihn grenzende und sehr ansehnliche Provinz Schlesien {Schlesien.} zu entreißen. Er fiel damals auf das allerplötzlichste über diese Provinz her und bedrängte, da er ein sehr gewandter, listiger, zum Krieg ausnehmend befähigter und darin glücklicher Herrscher war, die nach dem Tod des besagten Kaisers hinterbliebene Tochter Maria Theresia seinerseits so sehr, dass diese bedrängte und damals beinahe von ganz Europa verfolgte Herrscherin zu ihrer Rettung und um die übrigen von ihrem Vater ererbten Lande und die Kaiserkrone selbst zu behalten, notgedrungen gezwungen war, ihm die besagte Provinz abzutreten.
Da aber deren Verlust für den kaiserlichen Hof allzu empfindlich war und die besagte Herrscherin die ihr damit angetane Kränkung keineswegs vergessen konnte, so hatte jener Krieg kaum geendet und diese ruhmreiche, alle Unbill glücklich überwindende Herrscherin sich kaum auf dem Kaiserthron befestigt, als sie schon an die Wiedergewinnung der besagten Provinz zu denken und von weitem die allergeheimsten Vorbereitungen dazu zu treffen begann.
Mit Hilfe ihrer Minister fand sie Mittel, viele und mächtige europäische Herrscher auf ihre Seite zu ziehen und in ihnen starke Verbündete zu gewinnen.
Gerade diejenigen, die zuvor mit ihr Krieg geführt und ihr nicht wohlgewollt hatten, wurden ihre Freunde und Helfer. Geheime Bündnisse wurden mit dem sächsischen Kurfürsten geschlossen, der damals zugleich König von Polen war, ebenso mit dem König von Frankreich und mit Schweden selbst; und alle nur erdenklichen Mittel wurden angewandt, um ein ebensolches Bündnis mit Russland zu schließen und auch dieses dazu zu bewegen, sich in diese geplante und es ganz und gar nichts angehende Sache verwickeln zu lassen. Die Ränke und Listen des damaligen sächsischen Ministers Brühl, der diese ganze Sache damals am eifrigsten betrieb, hatten darin auch den erwünschten Erfolg. Der damals über Russland herrschenden Kaiserin Elisabeth Petrowna, die, wie man sich damals erzählte, ohnehin schon einen gewissen persönlichen Groll gegen den König von Preußen hegte und ihn hasste, wurde so viel Schlechtes über diesen König eingeflüstert und so viel von Gefahren erzählt, die Russland angeblich von diesem berühmt gewordenen und so mächtig gewordenen Herrscher drohten, dass es nicht verwunderlich ist, dass durch die Ränke der kaiserlichen, französischen und sächsischen Minister endlich auch sie so weit gebracht wurde, dass sie sich entschloss, ein ebensolches Bündnis zu schließen und der Kaiserin bei ihrem geplanten Vorhaben mit allen Kräften ihres Reiches beizustehen. Und da all dies im Geheimen und auf sehr verborgene Weise betrieben wurde, so hätte diese Sache vielleicht auch den erwünschten Erfolg gehabt, und der König von Preußen hätte nicht nur Schlesien wieder verloren, sondern wäre auch nach dem Wunsch aller Verbündeten gedemütigt worden, wenn nicht ein einziger nichtiger Umstand all dem im Wege gestanden und alles von Grund auf verändert und durchkreuzt hätte.
Die Habgier und der Verrat eines nichtswürdigen Sekretärleins, durch dessen Hände alle Geschäfte des besagten sächsischen Ministers Grafen Brühl gingen, waren an allem schuld und vereitelten nicht nur die großen Absichten so vieler Herrscher, sondern entfachten auch das Feuer eines Krieges, der unzähliges Volk vernichtete und einer noch größeren Zahl von Sterblichen unbeschreibliche Verwüstungen, Unglück und Not brachte. Dieser Nichtswürdige, der später selbst spurlos verschollen ist, war vom König von Preußen bestochen und unterrichtete ihn wöchentlich über alles, was im Geheimen in Brühls Kabinett vor sich ging, und übermittelte ihm sogar Abschriften der allergeheimsten Korrespondenzen zwischen den Höfen. Durch dieses Mittel erfuhr der König vorzeitig, welch ein schrecklicher Sturm sich gegen ihn zusammenbraute, und da er sehr listig und in allen seinen Angelegenheiten und Unternehmungen sehr rasch und überaus gewandt war, fand er ein Mittel, dem ihm drohenden Schlag zuvorzukommen und allen Unternehmungen seiner Gegner das größtmögliche Hindernis in den Weg zu legen. Ohne den Verbündeten Zeit zu lassen, ihre letzten kriegerischen Vorbereitungen zu treffen, und die Zeit nutzend, solange sie sich noch nicht ganz versammelt hatten, rückte er plötzlich und ohne jede Kriegserklärung mit 60 000 Mann seines Heeres in das sächsische Kurfürstentum ein, bemächtigte sich seiner im Nu, zwang das ganze sächsische, auf einen Krieg noch nicht vorbereitete Heer, sich ihm gefangen zu geben, den König selbst aber, sich nach Polen zurückzuziehen, und die in Dresden zurückgebliebene Königin bedrängte und kränkte er so sehr, dass sie bald darauf ihr Leben verlor.
Alle Bemühungen des kaiserlichen Hofes, diese Dreistigkeiten abzuwenden, und selbst die Schlacht der kaiserlichen Truppen mit den preußischen an den Grenzen Böhmens blieben erfolglos und konnten den König von Preußen in seinen raschen Unternehmungen und glücklichen Erfolgen nicht aufhalten.
All dies geschah Ende des vergangenen Jahres 1756, und eben dies entfachte das Feuer in ganz Europa und gab den Anlass zum Beginn dieses schrecklichen Krieges. In allen neueren Zeiten hatte es noch niemals eine so schreckliche Rüstung und solche Truppenaufgebote gegeben, wie sie zu Beginn dieses Jahres 1757 überall betrieben wurden. Ganze neun Armeen rückten im Frühjahr dieses Jahres an verschiedenen Orten ins Feld, und der König von Preußen war von allen Seiten von Feinden umringt. Von der einen Seite schickten sich die Franzosen an, ihn anzugreifen, von der zweiten die sogenannten Reichstruppen von Sachsen her, von der dritten die Kaiserlichen von Böhmen und Schlesien her, von der vierten die Schweden von Pommern her, und von der fünften war unseren Truppen befohlen, von Preußen her gegen ihn zu ziehen und ihn anzugreifen. Der König von Preußen aber schickte sich unterdessen an, nicht nur sein Land überall zu schützen und zu verteidigen, sondern auch noch selbst auszuziehen und Böhmen zu verheeren.
Eben dies war der Grund für die damalige Zusammenziehung aller unserer Truppen bei Riga, die ich in meinem letzten Brief an Sie erwähnt habe; und nun, da ich zu dem damals abgebrochenen Gegenstand zurückkehre, will ich sagen, dass, während wir auf die damals beschriebene Weise dicht an der Vorstadt der Stadt Riga im Lager standen und mit unserer überflüssigen Habe nicht wussten, wohin, und sie wegwarfen, mit allen Regimentern große Anordnungen getroffen wurden. Sie alle wurden in verschiedene Divisionen und Brigaden eingeteilt, über deren jede besondere Generale als Kommandeure gesetzt wurden. Jede Brigade bestand aus drei Regimentern und wurde gewöhnlich von irgendeinem Generalmajor oder Brigadier befehligt. Unser Archangelgoroder Regiment kam in eine Brigade zusammen mit dem 3. Grenadierregiment und dem Rostower Regiment, und als Brigadekommandeur erhielten wir den Generalmajor Villebois.
Da die Absicht unserer obersten Befehlshaber war, uns so schnell wie möglich über die Düna zu bringen, wurde uns befohlen, uns für den folgenden Tag bereitzuhalten, in feierlichem Zug durch die Stadt Riga zu marschieren und über die errichtete Brücke über den Dünastrom in die uns auf jener Seite des Flusses zugewiesenen Lager zu gehen, denn an dem Tag, an dem wir ankamen, setzte eine andere Brigade über, die aus dem Butyrker, dem Beloserker und dem Apscheroner Regiment bestand. Und so setzte am anderen Morgen, das heißt am 29. April, nachdem die Trosse vorausgeschickt worden waren, auch unsere Brigade über und bezog etwa drei Werst von der Stadt entfernt ein Lager.
Der Übergang der Armee über die Düna auf besagte Weise, brigadenweise, war wahrhaftig sehenswert, denn der damals zum Oberbefehlshaber der Armee ernannte Generalfeldmarschall Stepan Fjodorowitsch Apraxin wollte bei dieser Gelegenheit alle Regimenter sehen, die seinem Befehl unterstellt waren und mit ihm gegen den Feind ins Feld zogen, und darum waren gleich am Aufgang zur Brücke zwei prächtige Zelte aufgeschlagen, in deren einem sich stets der besagte Oberbefehlshaber selbst mit der ganzen übrigen Generalität und vornehmen und hochgestellten Leuten befand, während das andere von einer großen Menge Damen und vornehmer Frauen gefüllt war, die diese seltene Zeremonie ebenfalls sehen wollten.
Alle Stadtwälle in der Nähe dieses Ortes, ebenso die Häuser, Dächer und Fenster waren mit Volk beiderlei Geschlechts übersät.
Was die Regimenter betrifft, so mussten sie alle in bester Ordnung und feierlich marschieren und im schönsten Aufputz erscheinen. Allen Soldaten waren grüne Baumzweige an die Hüte gesteckt, gleichsam als Vorzeichen künftiger Siege, die sie über den Feind erringen würden. Zuerst marschierten die versammelten Fouriere {Bezeichnung der Unteroffiziere, die die Aufgaben der Quartiermacher in Kompanien und Schwadronen versahen. Sie trugen ein Fähnchen und ritten sogar bei der Infanterie zu Pferde.} aller Regimenter jener Brigade mit entfalteten Fähnchen unter Führung ihrer Quartiermeister. Dieser zierliche Zug mit seinen bunten kleinen Fahnen bildete die erste Pracht des ganzen Aufzugs. Dann kam der Stat {Wahrscheinlich der Stab, d. h. die Offiziere des Armeestabs.}, und die Handpferde des diese Brigade befehligenden Generals wurden geführt. Nichts erhöhte die Pracht so sehr wie die schönen Schabracken, mit denen diese Pferde bedeckt waren; in der ganzen Armee waren sie damals für die Generale einheitlich gefertigt, und wenn auch nicht kostbar, so boten sie doch einen prächtigen Anblick. Sie waren aus Wachstuch gemacht, aber mit verschiedenen Farben bemalt und bepinselt, sodass sie von weitem wie seiden aussahen; an den Seiten waren darauf mit Gold die Namenszüge und Wappen des jeweiligen Generals dargestellt, was alles einen gewissen erhabenen und prunkvollen Anblick gewährte. Hinter diesen Pferden wurden die Kanonen mit ihren Kästen und Geschossen gefahren, und dann folgte der General selbst zu Pferde in Begleitung seines Stats; hinter ihm aber folgten die Regimenter seiner Brigade in der üblichen feierlichen Ordnung, mit entfalteten Fahnen, unter Trommelschlag und spielender Militärmusik. Alle Offiziere und selbst die Fahnen mussten salutieren, wenn sie am Generalfeldmarschall vorüberzogen, wobei jeder sich bemühte, seine Pflicht so gut wie möglich zu erfüllen. Die Sauberkeit und Ordentlichkeit der Kleidung und Ausrüstung der Soldaten, die grünen Zweige an ihren Hüten und mehr noch die ledernen, nach Art alter Sturmhauben gefertigten und eine Art Federbusch tragenden Grenadiermützen auf allen Grenadieren verliehen besonderen Glanz und erhöhten die Pracht.
Man kann nicht genug schildern, welch verschiedene Gefühle der Anblick dieses Zuges nicht nur in anderen, sondern in uns selbst, die wir daran teilhatten, erweckte. Die Gedanken, dass wir in den Krieg ziehen und aus dem Vaterland in fremde, ferne und feindliche Länder aufbrechen, dass wir gehen, Not zu leiden, Blut zu vergießen und für das Vaterland zu sterben, die Vorstellung, dass von all den vielen Menschen, die damals dahinzogen, sehr viele nicht zurückkehren, sondern im Krieg und auf den Märschen ihr Leben lassen würden, die Ungewissheit, wen und wo dieses unglückliche Los treffen würde und wem das Schicksal bestimmt hatte, nicht zurückzukehren, und andere derartige Gedanken versetzten den Geist in eine gewisse Niedergeschlagenheit und verstörten die ganze Seele. Dagegen ermunterten auf der anderen Seite die allgemeine vorgefasste Meinung von der Tapferkeit und Unbesiegbarkeit unserer Truppen, die schmeichelnde Hoffnung, dass der Feind uns keineswegs standhalten könne, die schwärmerische Vorstellung, dass wir ihn bei unserer Menge sogar mit Mützen zuwerfen {Überschütten.} würden, und die zweifelsfreie Zuversicht, dass wir ihn besiegen, zerschmettern und ruhmbedeckt, mit Lorbeeren gekrönt zurückkehren würden, das bange Herz aufs Neue, belebten es gleichsam und erfüllten es mit dem Feuer kriegerischen Eifers, der uns so sehr hilft, alle Mühen und Beschwerden des Krieges willig und ohne Verdruss zu ertragen.
Doch ich bin schon von meinem Gegenstand abgekommen. Nun kehre ich zu ihm zurück und will sagen, dass unser Regiment in besagtem neuen Lager etwa drei Werst hinter Riga mehr als eine Woche stand, in welcher Zeit die übrigen Regimenter über die Düna setzten und alle nötigen Anordnungen für den Feldzug getroffen wurden. Die ganze Armee war in drei Divisionen oder Teile geteilt, deren erste der Feldmarschall selbst befehligte, die zweite, in der wir uns befanden, der General en chef Wassili Abramowitsch Lopuchin und die dritte der General en chef Wilim Wilimowitsch Fermor. Der Plan sah vor, dass die beiden ersten Divisionen auf verschiedenen Wegen durch Kurland nach Polen oder, besser gesagt, nach Samogitien oder Schmudien {Samogitien – das Land der Samogiten oder Samaiten, eines Volksstammes litauischer Herkunft. Das Schamaitische Land – eines der Gebiete Litauens, bewohnt von einem Volk litauischen Stammes, den Schamaiten. Samogiten und Schamaiten sind verwandte Völkerschaften und leben vermischt auf dem Gebiet der Kreise Rossieny, Telschi und Schawli des ehemaligen Gouvernements Kowno.} ziehen und sodann, nachdem sie sich vereinigt und die direkt aus Smolensk kommenden Kavallerieregimenter und leichten Truppen erwartet hätten, in Preußen einrücken sollten, die dritte Division aber unter dem Befehl Fermors sich nach rechts wenden sollte, geradewegs auf die erste preußische Grenzfestung Memel zu, um diese Stadt mit Unterstützung der ebenfalls dorthin zur See entsandten Flotte zu belagern.
Nachdem alles für den Feldzug Nötige bereitet war, erfolgte endlich am 3. Mai der feierliche Auszug des Generalfeldmarschalls aus Riga.
Vom Donner der Kanonen, die damals von den Stadtmauern dröhnten, stöhnte nur der Fluss, und der Auszug dieses Heerführers war überaus prunkvoll und prächtig. Unsere Brigade stand damals gerade an der Straße, auf der er fahren sollte, weshalb wir in Reih und Glied aufgestellt wurden und ihm als oberstem Befehlshaber mit gesenkten Fahnen die Ehre erweisen mussten. Ein ungeheures Gefolge von Kriegsleuten aller Art umgab ihn auf seiner Fahrt. Dieses Schauspiel bot sich uns damals zum ersten Mal und war für uns überwältigend, denn die Pracht dieses Zuges war so groß, dass mancher Herrscher nicht mit einer solchen in den Krieg zieht. Aber! Hätte doch die Rückkehr dieses Generals in diese Stadt diesem großartigen Auszug entsprochen!
Hiermit beende ich diesen meinen Brief und verbleibe, indem ich Ihnen sage, dass ich Ihr Freund bin, und so weiter.
DER MARSCH DURCH LITAUEN
38. Brief
Lieber Freund! Während wir uns auf besagte Weise mit den Vorbereitungen zum Feldzug beschäftigten und unsere Zeit mit Zeremonien und Aufputz verbrachten, arbeiteten unsere Feinde ganz anders und waren bei weitem nicht so saumselig. Um die Wahrheit zu sagen, brachen auch wir recht früh zum Feldzug auf; doch der König von Preußen kam uns darin weit zuvor. Als er die von allen Seiten gegen ihn betriebenen so schrecklichen Rüstungen sah, die so weit gingen, dass all die verschiedenen gegen ihn aufgebotenen Truppen bis zu 700 Tausend zählten, und fühlte, dass er gegen sie allzu schwach war, denn er hatte selbst mit all seinen Verbündeten, den Hannoveranern, nicht mehr als 260 Tausend Mann Truppen, suchte er durch Schnelligkeit und Gewandtheit wettzumachen, was ihm an Kräften fehlte. Und da er wusste, dass keine der ihm feindlichen Mächte den Feldzug früh eröffnen konnte, beschloss er, diese Gelegenheit zu nutzen und, nachdem er so viele Kräfte wie möglich gesammelt hätte, plötzlich über die stärkste von allen und ihm nächstgelegene herzufallen, nämlich über die römische Kaiserin, denn er hoffte, wenn es ihm gelänge, sie gleich zu Anfang zu besiegen und ihr einen entscheidenden Schlag zu versetzen, so würde er ihr damit nicht nur große Behinderung bereiten, sondern auch die Absichten der anderen, mit ihr verbündeten Mächte zunichtemachen.
Eben dies war auch die Ursache, dass er in diesem Jahr außerordentlich früh und mit einer Armee von mehr als 100 Tausend Mann ins Feld rückte und von verschiedenen Seiten in drei Kolonnen in die kaiserlichen Lande zog. Er selbst rückte an der Spitze der ersten aus Sachsen geradewegs nach Böhmen ein, sein berühmter Feldmarschall Graf Schwerin zog an der Spitze der zweiten durch Schlesien, die dritte aber führte der Prinz von Bevern, und er zog von der Lausitz her in die kaiserlichen Lande.
Aus denselben Gründen, aus denen der König eine Entscheidungsschlacht zu liefern eilte, sah sich die Kaiserin veranlasst, einem ganz entgegengesetzten System zu folgen.
Sie beschloss, nur verteidigungsweise vorzugehen, bis ihre Verbündeten imstande sein würden, ins Feld zu rücken, denn sie sah voraus, dass der König von Preußen dann gezwungen sein würde, seine Kräfte auf verschiedene Korps zu verteilen; darum wartete sie nur auf diesen günstigen Zeitpunkt, um ihre Kriegshandlungen zu beginnen, und bis dahin dachte sie nur daran, ihre Lande vor dem Angriff des Feindes zu decken.
Infolge dieses Systems teilte denn auch der Befehlshaber ihrer Truppen, General Browne, seine Armee in verschiedene Korps, übergab sie dem Befehl des Herzogs von Arenberg, des Grafen Königsegg und des Grafen Serbelloni und stellte sie an verschiedenen Orten entlang der Grenzen auf, er selbst aber stellte sich mit der übrigen Armee dem König entgegen. Durch diese Anordnung hoffte er Böhmen zu decken, und da alle diese Korps zahlreich waren und schnell vereinigt werden konnten, glaubte er, sie könnten die Preußen überall daran hindern, in die kaiserlichen Grenzen einzudringen.
Doch es geschah nicht dies, sondern ganz das Gegenteil. Die Gewandtheit, List und Geschicklichkeit des Königs und die Kunst seiner Generale vereitelten alle Absichten und Hoffnungen der Kaiserlichen. Nichts konnte ihnen standhalten. So sehr sich die Kaiserlichen auch bemühten, die Preußen aufzuhalten, diese überwanden doch alle ihnen entgegengestellten Hindernisse,— brachen in das kaiserliche Gebiet ein und zwangen nicht nur die übrigen kaiserlichen Heerführer zurückzuweichen, sondern auch Browne selbst, sich bis unter die Kanonen der böhmischen Hauptstadt Prag zurückzuziehen und nach Vereinigung aller seiner Korps dort ein mit Retranchements und einer Menge Batterien befestigtes Lager zu beziehen, wohin bald auch der König selbst gelangte.
Kaum hatte er Prag erreicht und sich mit allen seinen abgesonderten Korps vereinigt, als er, ohne im Geringsten zu zögern und ungeachtet der ganzen vorteilhaften Stellung, die die Kaiserlichen eingenommen hatten, und ihrer Schanzen und Batterien, von denen sie umgeben waren, beschloss, sie anzugreifen, wobei er zu seinen Generalen, die ihm davon abrieten, sagte, man müsse das Eisen schmieden, solange es heiß sei. Eben dies gab den Anlass zu jener Prager Schlacht, die die allerberühmteste in diesem ganzen Krieg war und am 25. April geschlagen wurde, das heißt eben an jenem Tag, an dem wir mit unserem Regiment aus unseren Quartieren aufbrachen und unsere Truppen sich bei Riga zu sammeln begannen.
Die besagte Schlacht war schrecklich und überaus blutig. Auf preußischer Seite kämpften 80, auf Seiten der Kaiserlichen 75 Tausend Mann.
Die preußischen Truppen befehligte der König selbst mit seinen berühmtesten Generalen: Graf Schwerin, Keith und vielen anderen, die Kaiserlichen aber Prinz Karl von Lothringen und General Browne.
Der König hörte nicht auf seinen Feldmarschall Schwerin und griff die Kaiserlichen an, und zwar ganz anders, als ihm dieser kundige General und eigentliche Begründer der preußischen Armee geraten hatte, wurde aber eben dadurch beinahe vollständig geschlagen. Alle seine Truppen hatten sich bereits zur Flucht gewandt, und die Kaiserlichen hätten gewiss einen vollständigen Sieg errungen, hätten nicht ein besonderer Umstand und die unerschrockene Tapferkeit eben des besagten Feldmarschalls Schwerin eine Wendung herbeigeführt und die ganze Sache umgekehrt. Als der Feldmarschall die völlige Niederlage seiner Truppen sah, ergriff er eine Fahne und stürzte sich mit dem Ruf: „Feiglinge und Taugenichtse sind alle, die mir nicht folgen!“ selbst dem Feind entgegen. Als das Heer dies sah, stürmte es ihm nach. Schwerin fiel tot mit der Fahne in der Hand, doch gerade sein Tod entfachte Kühnheit und Tapferkeit im preußischen Heer. Es erneuert den Kampf, stürzt sich auf den Feind, wirft ihn über den Haufen und erringt schließlich einen vollständigen Sieg.
Der rechte Flügel der Kaiserlichen musste sich an einen anderen Ort zurückziehen, der linke aber in Prag einrücken und sich dort einschließen. 5000 Mann der Kaiserlichen blieben auf dem Platz, 10 000 wurden samt 240 Artilleriegeschützen gefangen genommen, und 48 000 wurden mit einer Menge Prinzen und Generale in Prag eingeschlossen. Doch auch dem König von Preußen kam dieser Sieg nicht billig zu stehen. Er verlor in dieser Schlacht 10 000 Mann; doch noch empfindlicher war ihm sein Verlust durch den Tod des Grafen Schwerin, um den es ihm so leid war, dass er, als er nach der Schlacht kam, um seinen blutbedeckten Leichnam noch einmal zu sehen, ihn lange schweigend und mit Tränen, die ihm aus den Augen rollten, betrachtete und schließlich ausrief: „Das war kein Untertan, sondern ein Vater, den ich bewunderte!“
Viele Generale, sowohl seine als auch die kaiserlichen, vollbrachten in dieser Schlacht Wunder der Tapferkeit. Besonders zeichneten sich darin auf preußischer Seite Prinz Heinrich, der Bruder des Königs, und General Zieten aus, auf kaiserlicher Seite aber General Browne, der ebenfalls an den in dieser Schlacht empfangenen Wunden sterben musste.
Solche Taten und schreckliche Blutbäder geschahen also schon in Europa zu der Zeit, als wir uns anschickten, in den Krieg zu ziehen. Doch nun will ich zu uns zurückkehren und meine Erzählung fortsetzen.
Der siebente Mai war endlich jener Tag, an dem auch unser Regiment nach dem Beispiel der anderen zum Feldzug aufbrechen musste; und da es bis zum Feindesland noch sehr weit war und beim Marsch durch Kurland keinerlei Gefahr bestand, marschierten unsere Regimenter der besseren Bequemlichkeit halber einzeln hintereinander.
Wir wandten uns sogleich nach links, durchquerten die Fischervorstadt und bezogen dahinter das frühere Lager des Pskower Regiments, wo wir an jenem Tag auch übernachteten.
Am folgenden Tag (dem 8.) legten wir nur zwei Meilen zurück, am dritten aber (dem 9.) begannen wir, uns den kurländischen Grenzen nähernd, bereits einigermaßen die Beschwerden des Krieges zu spüren. Obwohl unser Marsch ebenfalls nicht mehr als zwei Meilen oder 14 Werst betrug und wir zwar schon am Morgen aufbrachen, konnten wir dennoch wegen der Enge des Weges, der überaus großen Stockungen und weil wir solche Märsche noch nicht gewohnt waren, nicht früher als gegen Mitternacht in das bestimmte Lager gelangen, unsere Trosse aber kamen erst am Morgen an, und darum mussten wir an diesem Ort den folgenden Tag (den 10.) Rasttag halten und Menschen wie Pferden Erholung gönnen.
Das Lager war uns an diesem Ort mitten in einem Kiefernwald angewiesen, und wir standen zum ersten Mal an einem so unbequemen und schlechten Ort und mussten überdies noch die ganze Nacht ohne unsere Wagen und Zelte verbringen und Kälte leiden, denn die Nächte waren damals noch kalt. Wir zündeten uns mitten im Wald Feuerchen an und wärmten uns fast die ganze Nacht daran, ohne gegessen und ohne geschlafen zu haben, und sagten uns voraus, dass uns dies auch künftig oft widerfahren würde. Die Generale, die unsere Brigaden befehligten, verfluchten und beschimpften unsere Trosse. Bald schienen sie ihnen zu schwer, bald kam von ihnen alle Stockung, und darum wurde der Befehl wiederholt, die Lasten zu verringern und unbedingt zwei Offiziere auf einen Wagen zu setzen. Man kann sich leicht denken, dass uns dieser Befehl ganz und gar nicht erfreute. Wir grämten uns damals alle und bedauerten einander, denn keiner wollte sich von seinem Wagen trennen. Doch zum Glück wird nicht alles ausgeführt, was befohlen wird. Mit einigen Offizieren geschah es tatsächlich, und diese Ärmsten mussten wieder etliche Sachen wegwerfen und ihre Wagen zurücklassen; doch die meisten, darunter auch ich, behielten unter verschiedenen Vorwänden ihre Wagen, wozu auch unsere Regimentskommandeure, die uns nicht allzu streng zwangen, viel beitrugen.
Am anderen Morgen, dem 11., brachen wir wieder auf und setzten unseren Marsch durch Kurland in bester Ordnung und brigadenweise in folgender Reihenfolge fort: zuerst marschierte die Brigade des Generalmajors Villebois, bestehend aus dem 3. Grenadier-, unserem Archangelgoroder und dem Rostower Regiment. Dann folgte die Brigade des Generalmajors Fürst Wassili Michailowitsch Dolgorukow, bestehend aus dem Kürassierregiment des Thronfolgers sowie den Infanterieregimentern Nisowski, Butyrki und Wyborg, und zuletzt die Brigade des Brigadiers Nuschers, bestehend aus dem Pskower, dem Apscheroner und dem Beloserker Regiment. Nachdem wir zweieinhalb Meilen zurückgelegt hatten, übernachteten wir beim Gut Ekau, wo sich ein zerstörtes steinernes Schloss und eine Mühle befanden.
Am nächsten Tag, dem 12., gegen Abend, gelangten wir endlich zu dem Städtchen Bauske und lagerten diesseits davon, weil man über den Fluss Memele nicht hinüberkommen konnte und zuvor eine Pontonbrücke schlagen musste.
Bis zum Morgen des 13. war sie bei uns auch schon fertig, und ich sah hier zum ersten Mal diese Feld- und fliegende Brücke.
Die Pontons waren bei uns aus Blech gefertigt und rot angestrichen, und da sie überdies alle gleich waren, bot die ganze Brücke den allerschönsten Anblick, und ich konnte mich nicht satt an ihr sehen. An diesem Tag ging unsere ganze Division darüber und zog ohne jede Zeremonie durch das Städtchen. Der Anblick dieses kurländischen Städtchens, in dem ich als Kind gelebt hatte, und die Erinnerung an all die Orte, die ich damals gesehen hatte, bereiteten mir angenehme Freude, und ich konnte mich nicht satt daran sehen. Nachdem wir es durchquert und einen anderen Fluss, die Musse, durchwatet hatten, schlugen wir nicht weit davon ein Lager auf, im Angesicht der ganzen Division.
An diesem Ort standen wir zwei Tage, den 14. und 15., in welcher Zeit wir nicht untätig waren. Uns wurde befohlen, das Exerzieren und Feuern zu üben, und die befehlenden Generale besahen unsere Kunst, wobei unser freigebiger Oberkommandeur Lopuchin unseren Soldaten einige Dukaten schenkte. Mit unserem Brigadekommandeur, Herrn Villebois, waren wir dagegen nicht so zufrieden. Seine Strenge und sein Hochmut waren uns nicht sehr angenehm.
Am Morgen des dritten Tages, dem 16., brachen wir wieder auf und betraten endlich das Königreich Polen. Wir konnten nicht umhin, uns bei diesem Abschied von unserem Vaterland und den vertrauten Landen mehrmals nach ihm umzublicken und mit einem Seufzer zu sagen: „Leb wohl, liebes und teures Vaterland!.. Wird Gott uns gewähren, dich wiederzusehen, und wann wird das sein?“ Gewisse besondere und rührende Gefühle durchströmten damals alle Glieder unseres Leibes und trieben uns wider Willen Tränen in die Augen. Wir bemühten uns zwar, sie zu verbergen, doch waren sie bei sehr vielen recht deutlich zu bemerken. Wir übernachteten damals, nachdem wir ein wenig über das erste polnische oder vielmehr litauische Städtchen hinausgegangen waren, das Scheismen heißt.
Da es am 17. bei den Trossen wieder eine kleine Stockung gab und überdies die übrigen Brigaden noch nicht eingetroffen waren, wurde beschlossen, an diesem Ort einen Rasttag zu halten und die anderen zu erwarten. Da aber die allergrößte Stockung und Behinderung uns die Artillerie bereitete, von der wir einen ganzen Park bei unserer Division hatten, wurde sie an diesem Tag vorausgeschickt.
Auf den darauffolgenden Tag, den 18., fiel damals das Pfingstfest. Und da unser Oberkommandeur ein überaus frommer und gottesfürchtiger Mann war, brachen wir nicht eher auf, als bis wir in den aufgestellten Regimentskirchen die Messe gehört hatten, und darum gelangten wir in das bestimmte Lager bei einem anderen Städtchen, Linkowo, erst bei Tagesanbruch des folgenden Tages, des 19. Doch mussten wir noch am selben Tag weiter bis zu einem dritten Städtchen namens Klawana marschieren; an diesem Ort aber hielten wir dann Rasttag, am 20.
Am 21., nachmittags, brach unsere Brigade wieder auf und marschierte bis zum Dorf Pawikschni, wo sowohl die Infanterie als auch die Trosse erst um Mitternacht ankamen.
An diesem Ort trat in meinen Umständen eine Veränderung ein. Bis dahin war ich immer noch Kompaniechef gewesen und hatte die Kompanie geführt, was für mich sehr vorteilhaft war, denn es ist ein großer Unterschied, ein einfacher Offizier oder Vorgesetzter einer Kompanie zu sein, besonders auf dem Marsch. Doch hier erkrankte plötzlich unser Regimentsquartiermeister, Herr Stein, und es musste ein anderer geschickter und fähiger Offizier zur Versehung seines Amtes gewählt werden. Im ganzen Regiment fand man keinen anderen dazu fähigen als mich. Obwohl ich mich bemühte, mich dem zu entziehen, half mir nichts, und ich musste, nachdem ich meine Kompanie einem anderen, abkommandierten Leutnant übergeben und die Fouriere unter meinen Befehl genommen hatte, vorausreiten, um die Lager zu besetzen. Diese Veränderung war mir ärgerlich und auch wieder nicht. Ich wurde dadurch von der unbeschreiblichen Last und Langeweile befreit, die ich bis dahin gehabt hatte, da ich stets bei meiner Kompanie zu Pferde ritt und bei jeder Werst anhielt. Man kann nicht schildern, wie ärgerlich und lästig uns allen, da wir es nicht gewohnt waren, diese Langsamkeit und das Anhalten fast bei jedem Schritt auf dem Marsch war. Von morgens bis abends marschierten wir oft und legten doch nicht mehr als 10 oder 15 Werst zurück, und während dieser ganzen Zeit durfte sich keiner auch nur einen Schritt von seinem Platz bei der Kompanie entfernen. Nicht selten geschah es, dass einem vom unablässigen Sitzen auf dem Pferd das Kreuz wie entzweibrach und man so müde wurde, dass man seines Lebens nicht froh war. Viel half mir noch mein neu gekauftes Buch. Es steckte stets in meiner Tasche, und sobald man „Halt!“ rief, griff ich danach und las weiter. Zum Glück war es sehr fesselnd, und ich konnte beim Lesen nicht müde werden. Mit der besagten Veränderung aber wurde ich all dieser Beschwernisse ledig, und besonders angenehm war mir, dass ich dadurch stets mehr Zeit und Ruhe für mich haben konnte, denn da die Märsche sehr kurz waren, brauchten wir, frei wie wir waren, nicht lange, um 15 oder 12 Werst zurückzulegen, und nach dem Abstecken des Lagers blieb uns dann nichts mehr zu tun, und wir konnten, auf unsere Regimenter wartend, schlafen und ausruhen, so viel wir wollten. Mit einem Wort, wir hatten so viel freie Zeit, dass es bald so weit kam, dass mir dieser Müßiggang schon langweilig wurde. Und da ich nicht gewohnt war, untätig zu sein, verfiel ich, nachdem ich meine Bücher gelesen und sie sehr liebgewonnen hatte, darauf, in der Muße meinen „Cleveland“ zu übersetzen und damit all meine freie Zeit zu verbringen. Diese Beschäftigung brachte mir doppelten Nutzen, denn erstens empfand ich, damit beschäftigt, nicht die geringste Langeweile; zweitens entging ich dadurch der Notwendigkeit, meinen Kameraden, den beiden anderen Quartiermeistern unserer Brigade, Gesellschaft zu leisten, mit ihnen in die Städtchen und Dörfer zu reiten und dort die Zeit mit Trinken, Zechen und nicht selten auch mit anderen unerlaubten Streichen zu verbringen. Diese Kameraden waren Herr Kulbars und Herr Pochwisnew. Der erste war vom 3. Grenadierregiment und diente als Oberquartiermeister; der zweite vom Rostower Regiment, und ein ausgemacht leichtsinniger Bursche. Außerdem hatten wir in diesem Amt noch den Vorteil, dass wir, da wir stets vor den Regimentern in den Städtchen ankamen, alles Nötige für unseren Proviant zu freiem Preis beschaffen und kaufen konnten und nicht zum dreifachen Preis, wie wir bis dahin gekauft hatten, denn kaum war die Division irgendwo angelangt, so war in einer Stunde alles aufgekauft und nichts mehr zu bekommen. Doch ich will zur Fortsetzung der Beschreibung unseres Marsches zurückkehren.
Am 22. Mai gelangte unsere Division zu dem Städtchen, das Nowe Miasto heißt, und nachdem wir hier einen Rasttag gehalten hatten (den 23.), setzten wir (den 25.) unseren Marsch bis zum Städtchen Krekenau fort.
An diesem Ort mussten wir wieder zwei Tage stehen, den 26. und 27., denn da Proviant bereitgestellt war, mussten wir ihn wieder in Empfang nehmen und uns Brot backen. Bei dieser Gelegenheit kam es uns zum ersten Mal vor, dieses Brot in Erdöfen zu backen und den Sauerteig in Gruben anzusetzen: ein bis dahin nie gesehenes und durch seine Neuheit merkwürdiges Schauspiel. Als wir die besagten Gruben sahen und darin den in Bastmatten und Säcken angesetzten Teig, zum Backen der Brote aber andere, nach Art von Höhlen ausgegrabene, wunderten wir uns und wollten nicht glauben, dass dabei etwas Gutes herauskommen könne: doch unser Staunen wuchs noch, als wir danach Brote und Zwieback sahen, so gut und schmackhaft, wie wir sie bis dahin noch nie gegessen hatten.
Was mich betrifft, so widerfuhr mir hier ein lustiges Abenteuer. Da ich in dieser Zeit völlig müßig war, saß ich eines Tages in meinem Offizierszelt auf der Erde und ging meiner gewohnten Beschäftigung nach, das heißt, ich übersetzte auf den Knien meinen „Cleveland“. In diese Sache vertieft, wusste und ahnte ich nicht, dass eine schreckliche Gewitterwolke aufgezogen war und schon über uns hing, und hörte nur, wie plötzlich ein gewaltiger Sturm mit Wirbelwind zu brausen und zu heulen begann und unsere Zelte zu zerreißen anfing. Ich fing an zu rufen, die Leute sollten herbeilaufen und schnell die Pflöcke fester in die Erde schlagen, doch es gab niemanden, und es war auch keine Zeit, auf mich zu hören! Mein Zelt packte der Wirbelwind ohne viel Federlesens ganz und gar, schlug es auf die Erde und klatschte mich damit samt meinem Papier und meiner Tinte völlig zu Boden. Was sollte ich da tun? Ich schrie aus Leibeskräften, doch bei dem gewaltigen Getöse, den Blitzen und dem Donner hörte es niemand, und mich selbst herauszuwinden war ganz unmöglich: so gründlich hatten mich die Zeltbahnen verstrickt. Mit einem Wort, ich wäre damals beinahe erstickt, denn ich musste auf diese Weise mehr als eine halbe Stunde unter dem Zelt liegen, bis all die Leute, die sich irgendwo vor dem Regen verkrochen hatten, mein Unglück bemerkten und herbeiliefen, um mich aus meinem Gefängnis zu befreien. Doch als was für eine Missgestalt kam ich da heraus! Ich war nicht nur vom Regen ganz durchnässt, sondern auch mit Tinte beschmiert und schon froh, dass ich befreit war.
Am 28. dieses Monats begann der Marsch unserer Division von neuem und dauerte bis zum Städtchen Serbelischki, und am folgenden Tag, dem 29., gelangten wir endlich zu einem berühmten polnischen, jedoch nicht sonderlich großen Städtchen namens Keidany. An diesem Ort trafen wir am darauffolgenden Tag, dem 30., mit der ersten Division zusammen, die der Feldmarschall selbst führte. Denn er war, aus Mitau auf einem anderen Weg über Jangyschki, Maschkutek, Schlaw, Radziwilki und Schadow kommend, ebenfalls bei Keidany eingetroffen. Doch vereinigten sich diese beiden Divisionen damals noch nicht, sondern standen getrennt in Lagern.
Bei Keidany (1) standen wir ganze fünf Tage, teils um den Proviant in Empfang zu nehmen, der auch hier bereitgestellt war, und daraus Brot zu backen, teils in Erwartung (2) der übrigen Brigaden, die hinter den anderen etwas zurückgeblieben waren. Am 3. Juni jedoch brach unser Feldmarschall mit seiner Division weiter nach Kowno auf, und am Tag danach (dem 4.) folgten auch wir ihm mit unserer Division, die bis zum Städtchen Bobti gelangte und dort übernachtete. Unsere Brigade aber blieb diesmal zurück und traf erst am 5. bei diesem Städtchen ein.
Endlich, am 6., gelangten wir zu dem Städtchen oder, besser gesagt, dem recht namhaften und berühmten Städtlein Kowno.
Wir fanden hier bereits eine große Ansammlung von Regimentern vor, denn da man noch vor dem Städtchen über den Fluss Wilija setzen musste, der ziemlich groß war, und noch keine Brücken geschlagen waren, so lagerten sich die ankommenden Regimenter an diesem Fluss und warteten auf deren Fertigstellung.
Am 7. setzten wir über den besagten Fluss Wilija, zogen durch Kowno und schlugen bei diesem Städtchen ein Lager auf. Hier standen wir nicht geringe Zeit, denn da die ganze Armee über den besagten Fluss auf nur einer einzigen schmalen Pontonbrücke setzen musste und überdies diese Stadt zum Generalrendezvous oder Sammelplatz bestimmt war, so erforderte dies nicht wenig Zeit.
Übrigens, da der Aufenthalt an diesem Ort durch einige Begebenheiten, die mir widerfuhren, denkwürdig war, so will ich die Erzählung davon bis zum folgenden Brief aufschieben und den jetzigen hiermit beenden, indem ich Ihnen unterdessen sage, dass ich bin und so weiter.
DAS LAGER BEI KOWNO
39. Brief
Lieber Freund! Nun will ich Ihnen die Abenteuer erzählen, die mir während unseres Aufenthalts in dem erwähnten polnischen Städtchen Kowno widerfuhren.
Das erste ereignete sich gleich am allerersten Tag unserer Ankunft dort und bestand in einem kleinen Missgeschick, das ich mir selbst durch meine Dummheit zuzog, und zwar: Ich habe schon früher erwähnt, dass ich damals das Amt eines Quartiermeisters versah und stets vorausritt, um das Lager zu besetzen. Demgemäß ritten wir auch damals voraus, als unsere Brigade sich noch jenseits des Flusses Wilija befand. Als wir in das Städtchen Kowno kamen, blieb der Quartiermeister des Rostower Regiments, Herr Pochwisnew, ein leichtsinniger Bursche und Bruder Lustig, weiß Gott weshalb, im Städtchen hinter uns zurück, und mit ihm blieben auch seine Fouriere. Als wir mit Herrn Kulbars an den Ort kamen, wo hinter dem Städtchen unser Lager sein sollte, hatten wir keine Zeit, lange zu säumen, weil unsere Regimentstrosse zu der Zeit, als wir losritten, schon über den Fluss zu setzen begannen, und darum beeilten wir uns, das Lager rasch abzustecken. Doch nun überkam mich das Unglück, dass der Rostower Quartiermeister fehlte, ohne den ich das Lager für mein Regiment nicht abstecken konnte, weil unsere Brigade sich stets in solcher Ordnung aufstellte, dass auf dem rechten Flügel das Grenadierregiment, auf dem linken unseres und in der Mitte das Rostower Regiment stand; folglich konnte ich, ohne dass das mittlere Lager besetzt war, das äußere nicht besetzen. Lange wartete ich auf diesen Herrn, doch er hatte sich dort ein wenig verbummelt und kam nicht. Das ärgerte mich über alle Maßen, und ich bedachte ihn dafür mit einem ordentlichen Segen.
Endlich begannen sich schon unsere Trosse zu zeigen, und die Lager unserer beiden Regimenter hatten wir noch nicht einmal abzustecken begonnen.
Was sollte ich da tun? Es blieb nichts anderes übrig, als für das Rostower Regiment die uns bekannte Distanz abzumessen, dann eine gerade Linie mit dem Grenadierregiment zu nehmen und mein eigenes abzustecken. Doch als ich nach Abmessen dieser Strecke an den Ort kam, wo unser Regiment zu stehen hatte, sah ich, dass dort ein eben erst umgepflügter und noch nicht geeggter Acker war, und nicht etwa ein gewöhnlicher, sondern ein aus einer Wiese aufgerissener. Mit einem Wort, auf dem ganzen Platz lag Scholle auf Scholle und Rasenstück auf Rasenstück. Das ärgerte mich außerordentlich, denn einen so abscheulichen Platz hatten wir auf unserem ganzen Marsch noch nie für ein Lager bekommen; dagegen sah ich, dass der Platz, den ich für das Rostower Regiment abgemessen hatte, aus der allerschönsten und ebensten Wiese bestand. Das machte mich neidisch und ärgerlich, umso mehr, als wir wussten, dass wir hier nicht geringe Zeit stehen würden. In diesen Umständen und da ich sah, dass der Rostower Quartiermeister mit seinen Fourieren noch immer nicht kam, bekam ich Lust, meinem Regiment einen Dienst zu erweisen und unter irgendeinem Vorwand die Wiese für uns zu besetzen, die Rostower aber auf den Acker abzuschieben und dadurch mein Regiment vor äußerster Unbequemlichkeit zu bewahren. Und so ging ich, nachdem ich ein wenig nachgedacht und mir schon im Voraus Ausreden und Rechtfertigungen ausgedacht hatte, zum Quartiermeister der Grenadiere, um Rat einzuholen; doch dieser sagte mir weder dies noch das. Und so wagte ich es, da ich von ihm weder Befehl noch Verbot erhalten hatte, auf gut Glück und steckte mein Lager neben seinem Regiment ab. Um aber mein Vergehen irgendwie zu bemänteln, steckte ich neben mir auf dem Acker auch für das Rostower Regiment das Lager ab. Meine Fouriere wollten sich zwar für ein fremdes Regiment nicht abmühen, doch ich zwang sie dazu und befahl ihnen sogar, alle Plätze mit besonderem und noch größerem Fleiß zu bezeichnen, um es desto ordentlicher abzustecken. Kaum war ich damit fertig, als tatsächlich schon die Trosse sowohl der Rostower als auch unseres Regiments ankamen, und ich befahl sogleich, die meinen an ihre Plätze zu stellen und schnell das Lager zu beziehen. Die Rostower, die ihre Fouriere nicht sahen, fingen zwar mit den Unseren Streit an, warum wir uns auf ihren Platz stellten, doch ich besänftigte sie mit diesem und jenem und überredete sie, sich in dem von mir für sie angewiesenen Lager aufzustellen. Kaum hatten sich die Trosse aufgestellt, als auch die Infanterie kam. Der Rostower Quartiermeister raffte sich nicht eher auf, aus Kowno loszureiten, als bis er die Infanterie schon anrücken sah, und kam kaum noch atemlos mit seinen Fourieren zu uns herangesprengt. Er hatte damals keine Zeit, die Beschaffenheit des Platzes zu prüfen; doch als er sah, dass sein Platz schon von unserem Regiment besetzt war, sprengte er zu mir heran und sagt: — „Ach, Bruder! Ich habe mich im Städtchen etwas verspätet, und du hast meinen Platz besetzt und dich nicht dorthin gestellt.“ — „Du hättest eben nicht zurückbleiben sollen!“, antwortete ich, „meine Trosse konnten doch nicht auf dich warten, und mir blieb nichts anderes übrig!“ — „Nun, mag es so sein“, sagte er, „aber ach, welch ein Jammer, jetzt schaffe ich es nicht mehr, das Lager abzustecken, die Regimenter kommen schon!“ — „Reite nur! Reite nur!“, sage ich, „ich habe auch für euer Regiment schon mit meinen Fourieren abgesteckt.“ Er dankte mir sogar noch dafür und sprengte dem Regiment entgegen, seinen Fourieren aber befahl er, an den Platz zu gehen. Doch diese Nichtsnutze, als sie dorthin kamen, durchschauten bald meine ganze List und warum all dies getan worden war, und ärgerten sich außerordentlich, dass sie auf dem Acker stehen sollten. Sie ließen es nicht dabei bewenden, sondern nahmen aus Bosheit gegen mich absichtlich alle Pflöcke heraus, steckten sie anders und verbogen mit Vorsatz die Linie und die Front so, dass auch die Zelte sehr krumm und schlecht zu stehen kamen. Ich aber, der von alledem nichts wusste und ahnte und mich über meinen Erfolg und Betrug freute, ritt los, empfing mein Regiment und führte es an seinen Platz. Doch was geschah? Meine Freude währte nicht lange, sondern verwandelte sich bald in Kummer, und dieses Spielchen hätte mich beinahe ins Unglück gebracht.
Kaum hatten die Regimenter das Lager bezogen, als unser Generalmajor Villebois aus dem Städtchen kam, dessen Zelt bei uns auf dem rechten Flügel aufgeschlagen war.
Kaum war er an das Lager herangeritten, als ihm die krumme Front des Rostower Regiments sofort in die Augen sprang. Da er von überaus hitzigem und aufbrausendem Wesen war, geriet er damals in maßlosen Zorn und sprengte geradewegs auf diese Front zu. Doch sein Ärger wuchs noch mehr, als er, in der Meinung, dort das unsrige zu finden, plötzlich das Rostower Regiment erblickte, sein Lieblingsregiment, das er, da er zuvor dessen Oberst gewesen war, auf besondere Weise in Schutz nahm und liebte. Er erhob damals ein gewaltiges Lärmen und Geschrei und sprühte ringsum Feuer und Flammen. — „Wer ist das? Wer? Wer hat das gemacht? Wer hat das so gemacht? Wer hat das Lager abgesteckt? Warum schlecht? Warum krumm? Warum nicht an der richtigen Stelle?“, schrie und tobte er, „her mit ihm!“
Der Rostower Quartiermeister, der seine Hitzigkeit kannte, wagte es damals schon nicht mehr, sich vor ihm blicken zu lassen; doch zum Unglück traten einige Offiziere hervor, die nicht weniger als die übrigen mit dem Platz unzufrieden waren, und beklagten sich bei ihm, wobei sie geradewegs mich allein beschuldigten.
Ich befand mich damals bei meinem Regiment und wusste und ahnte von alledem nichts; doch bald sah ich Leute durch das ganze Lager laufen und nach mir fragen, ich solle zum General kommen. — „Nun!“, sagte ich mir damals selbst, „jetzt geht es mir an den Kragen! Wie werde ich wohl davonkommen, und was wird mir geschehen: Der General ist ein toller Mensch, wenn er mir nur nichts antut!“ Wie ich dachte, so geschah es auch. Kaum hatte mich der General erblickt, als er in gewaltigem Jähzorn über mich herfiel und mich mit Schmutz bewarf. Ich wollte ihm zwar meine Rechtfertigungen vortragen, doch wie hätte er sie anhören sollen! Nicht Rechtfertigungen anzuhören, sondern mich zu bestrafen hatte er im Sinn. „Entwaffne ihn!“, schrie er nur, „entwaffne ihn, Adjutant, dem werde ich es schon beibringen!“ Der Adjutant stieg sogleich vom Pferd und begann, mir den Degen abzunehmen. Was sollte ich da tun? Ich sah, dass man mit der Peitsche keinen Axtrücken zerschlägt, stand wie versteinert und ließ ihn widerspruchslos den Degen abnehmen. Danach ritt der General, ohne noch etwas anzuhören, davon, und ich musste in mein Zelt gehen.
Die Kunde von meinem Unglück verbreitete sich sogleich im ganzen Lager, und allen war unbegreiflich, wofür man mich wohl verhaftet habe. Und da das ganze Regiment mich liebte und mit mir zufrieden war, gab es niemanden, der mich nicht bedauerte und mich nicht nach der Ursache fragte. Mein Zelt füllte sich sogleich mit Offizieren, die gekommen waren, den Unglücklichen zu besuchen, und ich sagte ihnen damals, halb jammernd, halb lachend: „Für euch alle, meine Herren, leide ich da! Euch habe ich geschont und nicht auf den Acker gestellt; dafür muss ich nun selbst das Unglück ertragen.“ Sie waren mit meinem Eifer sehr zufrieden und bedauerten mich darum noch mehr, wobei sie sagten, ich leide unschuldig. Endlich, als er davon hörte, kam auch unser Oberst selbst zu mir und fragte mich nach dem ganzen Hergang. Ich erzählte ihm alles ausführlich und sagte schließlich lachend: „Wie Sie wollen, Herr Oberst! Sie müssen mich jetzt in Schutz nehmen – ich habe das nicht für mich, sondern für Ihr ganzes Regiment getan, mir wäre es ja gleich, ob ich auf dem Acker oder auf der Wiese stehe!“ — „Gewiss, ich werde nicht versäumen, mich darum zu bemühen“, antwortete er, „und bin mit dir in dieser Sache sehr zufrieden. Doch gedulden Sie sich ein Stündchen. Man muss dem Zorn des Generals Zeit lassen, sich abzukühlen, und dann traue ich es mir zu, dass die ganze Sache beigelegt wird.“
Und in der Tat, es waren noch keine zwei Stunden vergangen, als eine Ordonnanz nach mir gelaufen kam, ich solle unverzüglich zum General ins Zelt kommen.
Ich fand dort meinen Oberst vor, und der General war schon sanft wie ein Lamm und fragte mich nach dem ganzen Hergang. „Euer Exzellenz“, sagte ich ihm damals kühn, „geruhten mich vorhin nicht anzuhören, ich bin an dieser Sache ganz und gar nicht schuld; der Rostower Quartiermeister blieb in Kowno zurück, und ich weiß nicht, weshalb er sich dort aufgehalten hat, sogar bis zu der Zeit, als die Regimenter schon in der Stadt angekommen waren. Ich wartete hier mehr als zwei Stunden auf ihn, damit er sein Lager besetze, konnte ihn aber auf keine Weise erwarten. Schließlich waren die Trosse schon angekommen und verlangten von mir einen Platz. Ich wusste nicht, was ich da tun sollte, und da ich dachte, es würde schlimmer sein, wenn Euer Exzellenz die Trosse in Unordnung und Verwirrung durcheinanderdrängend anträfen, fand ich nichts anderes, als den Platz für mein Regiment neben dem Grenadierregiment zu besetzen.“ — „Oh! So also war das?“, unterbrach mich der General, „und was hat denn jener Bursche dort getrieben, und weshalb hat er in Kowno gefeiert?“ — „Das alles weiß ich nicht, Euer Exzellenz“, antwortete ich, „nur war hier weder er noch einer seiner Fouriere, und ich, als ich auch ihre Trosse schon angekommen sah, musste danach selbst auch für ihr Regiment das Lager abstecken.“ — „Aber warum ist es denn krumm abgesteckt?“, fragte der General. — „Daran bin ich nun nicht schuld“, antwortete ich, „ich muss das Abstecken von Lagern nicht erst lernen, und ich habe es gut abgesteckt, aber sie selbst haben absichtlich und vorsätzlich alles verbogen und meine Pflöcke versetzt, nur um mich damit bei Euer Exzellenz in Ungnade zu bringen.“ — „Da sieh einer an, welche Nichtsnutze!“, rief da der General, „also bist nicht du, mein Freund, schuld, sondern an allem ist Pochwisnew schuld; doch dem Burschen werde ich es schon beibringen! Adjutant! Händige dem Herrn Unterleutnant den Degen aus, und geh stattdessen hin, verhafte Pochwisnew und lass ihn auf die Wache setzen.“ Dann wandte er sich zu mir und sagte: „Verzeih mir, mein Freund! Man hat mir nicht alles richtig gesagt, und ich wusste von alledem nichts.“ Gott verzeihe dir, dachte ich mir damals, und unterdessen, gebe Gott, nur schnell fort von ihm.
So endete dieses unglückliche Abenteuer, das in meiner ganzen Dienstzeit das einzige dieser Art geblieben ist. Alle Offiziere freuten sich über meine Befreiung und lobten mich, dass ich mich gut herausgezogen hatte. Gleichwohl fürchtete ich, der General könnte die wahre Ursache in Erfahrung bringen; doch zum Glück kamen wir bald danach aus seinem Befehlsbereich und wurden einer anderen Division zugeteilt, und auch unser eigentlicher Quartiermeister, Herr Stein, genas von seiner Krankheit und trat wieder in sein Amt ein. Und so kehrte ich zu meiner Kompanie zurück und ritt nicht mehr aus, um Lager zu besetzen.
Das zweite Abenteuer war lustiger Art und bestand darin, dass ich mich unabsichtlich und unwissentlich betrank, und zwar zum ersten Mal in meinem Leben.
Das geschah folgendermaßen. Schon lange vor der Ankunft in Kowno hatten wir genug davon gehört, dass man in Kowno die berühmten polnischen Mete verkaufe, die Lipez genannt werden. Die Neugier zu erfahren, was das für ein Getränk sei, war bei uns überaus groß, und darum hatten wir Kowno kaum erreicht und unsere Lager bezogen, als jeder sich beeilte, Urlaub in diese Stadt zu erbitten, um sich mit dem Kauf nötiger Dinge zu versorgen. Unter diesen war auch ich nicht der Letzte. In der Stadt angekommen, war meine erste Sorge, ausfindig zu machen, wo man Lipez verkauft. Man wies mir eine Schenke oder einen Weinkeller, wo ich, angekommen, sogleich danach fragte. Man fragte mich, wie viel ich befehle. „Einen Stof!“, sagte ich, denn ich dachte, er sei ebenso schwach wie die übrigen polnischen Mete, die man zuweilen gegen den Durst trinken kann und deren Liebhaber wir auf dem Marsch durch Polen schon geworden waren. Der Wirt wunderte sich, mich allein zu sehen und doch einen ganzen Stof Met verlangend! Doch ohne etwas zu sagen, ging er und brachte ihn mir; ich aber wunderte mich nicht weniger, dass er mir mit dem Stof ein kleines Gläschen und nicht ein Trinkglas auf den Tisch stellte. „Was ist denn das!“, dachte ich mir, „wer hat je gesehen, dass man Met aus Gläschen trinkt, noch dazu aus so kleinen?“ Doch überlegte ich wieder, dass hier vielleicht ein solcher Brauch sei, und als ich den Wirt ordentlich in deutsche Tracht gekleidet sah, scheute ich mich des Anstands halber zu fragen, was die Ursache sei, und schämte mich, um ein Trinkglas zu bitten. Und so schenkte ich mir sogleich ein Gläschen ein und trank es aus. Der Met kam mir wie wahrer Nektar vor: klar, wohlschmeckend, süß, angenehm, und überdies schien er mir ganz und gar nicht stark, sondern schwach. Darum wunderte ich mich noch darüber und sagte mir: „Da hat man gesagt, Lipez sei sehr stark, und stattdessen kann man ihn ohne Weiteres trinken.“ Und so trank ich nach einer kleinen Weile noch ein Gläschen davon, und nach einiger weiterer Zeit noch eines. Doch da er mir diesmal etwas stärker vorkam, trank ich damals nicht mehr davon, sondern dachte, erst einiges einzukaufen und jemanden von meinen Bekannten zu suchen und danach wieder hierherzukommen und den Rest auszutrinken. Nachdem ich mir das so zurechtgelegt hatte, sage ich zum Wirt, ob er mir nicht den Gefallen tun und diesen Met in den Schrank stellen und einige Stunden aufbewahren wolle, bis ich mit Freunden komme und den Rest austrinke. — „Mein Gott!“, sagte der Wirt, „warum sollte ich ihn nicht aufbewahren! Bitte sehr, mein Herr, Ihr Met wird unversehrt bleiben, nur belieben Sie ihn zu bezahlen.“ — „Gewiss, mein Freund“, sagte ich, „das versteht sich von selbst; wie viel willst du denn dafür?“ — „Einen Dukaten, nur!“, sagte der Wirt mit Kaltblütigkeit! Dieses Wort traf mich wie ein Schlag. „Da haben wir’s!“, dachte ich mir, „ein feines Metlein!“ Ich gestehe, dass es mir schon sehr leid tat, nicht vorher gefragt zu haben, was er kostet; doch da es mir schon peinlich und unschicklich schien, ihn zurückzugeben, griff ich, wenn auch mit größtem Widerwillen und Ärger über mich selbst, in den Beutel, zahlte, so viel er verlangte, und ging davon, mich selbst wegen meiner Unvorsichtigkeit und den Met wegen seiner Teuerkeit scheltend; doch die Komödie war damit noch nicht zu Ende. Kaum war ich eine halbe Stunde durch die Stadt gegangen, als mir der Adjutant unseres Regiments begegnete, der sich freute, mich zu sehen, und mir sagte, er suche mich schon lange, und ich solle so schnell wie möglich ins Lager zum Oberst gehen, wegen einer gewissen Angelegenheit. Ich wollte ihn zwar mit mir in die Schenke einladen, doch er entschuldigte sich mit Mangel an Zeit und riet mir wiederum, auch ich solle keine Minute säumen.
Da ich also keine Zeit hatte, meinen Lipez zu holen, lief ich ins Lager, das nicht weiter als eine Werst vom Städtchen entfernt war.
Kaum war ich dort beim Oberst angekommen und, nachdem ich die Sache erledigt hatte, derentwegen er mich gerufen hatte, in mein Zelt zurückgekehrt, als mir plötzlich beide Arme und Beine den Dienst versagten. Das kam mir furchtbar und merkwürdig vor. Ich begriff nicht, was das bedeutete, und sagte erschrocken nur: — „Herr, erbarme dich! Was ist das! Was ist mit meinen Armen und Beinen geschehen: Schmerz scheine ich keinen zu fühlen, und doch habe ich sie fast gar nicht in der Gewalt.“ Kurz, ich wurde zu einem solchen Krüppel, dass ich mich auf die Erde legen musste und wie ein Gelähmter herumlag, ohne zu begreifen, was die Ursache sei, denn da ich im Übrigen völlig bei Verstand und Besinnung war, kam es mir gar nicht in den Sinn, dass diese Wirkung mein süßes und billiges Metlein hervorgebracht habe. Die Offiziere, die zu mir hereinschauten, erklärten mir endlich dieses Geheimnis. Sie fragten mich, ob ich nicht Lipez getrunken habe, und als ich ihnen sagte, ich hätte drei Gläschen getrunken, brachen sie in Gelächter aus und sagten: — „Na, Bruder! Dann wirkt er eben, und mit dir wird es noch ganz anders kommen.“ Ihre Weissagung traf auch ein. In der Tat war danach kaum eine halbe Stunde vergangen, als mein süßes und herrliches Metlein mich so übermannte, dass ich sinnlos betrunken wurde und fast ohne Verstand und Besinnung wie ein Klotz vor dem Zelt im Gras herumlag und nichts anderes tat, als aus vollem Halse zu lachen und zu wiehern, denn jedes Dingelchen kam mir lächerlich vor. Und da erst erfuhr ich zum ersten Mal, wie ich betrunken bin, doch Gott sei Dank ist mir dies bis heute nur zweimal im Leben widerfahren. In diesem Zustand verbrachte ich den ganzen Rest des Tages, ohne zu wissen, wo ich mich lassen sollte; am anderen Morgen aber, als ich ausgeschlafen hatte, verfluchte ich diesen verwünschten Met samt seinem Wirt und ging nicht nur nicht in die Stadt, um ihn auszutrinken, sondern wollte gar nichts mehr von ihm hören und ließ ihn ruhig beim Wirt im Schrank stehen.
Doch ich will zur Beschreibung unseres Marsches zurückkehren. Die ganze Armee wurde, nachdem sie über den Fluss Wilija oder Wilna gesetzt hatte, rings um Kowno ins Lager gelegt. Dieses Städtchen liegt in der allerschönsten Lage. Der nicht unbedeutende Fluss Njemen fließt zwischen hohen Bergen durch ein breites Tal. Kowno liegt unmittelbar an seinem Ufer und hat ziemlich viele steinerne Bauten, Kirchen und andere schöne Häuser, in deren schönstem damals unser Feldmarschall wohnte; die übrigen waren von seinem Gefolge, von ausländischen Volontären und anderen vornehmsten Generalen belegt. Die ganze Stadt war damals voller Volk und wimmelte von Kriegsleuten. Dicht an den Mauern umfließt diese Stadt der andere, oben erwähnte Fluss Wilna, der in den Njemen mündet, sodass die Stadt gerade auf der Landspitze erbaut ist. Die Regimenter waren an den Ufern dieser beiden Flüsse in Lagern verteilt und boten damals den allerschönsten Anblick.
Bald nach unserer Ankunft an diesem Ort traf auch der General en chef Browne bei der Armee ein; ebenso vereinigten sich mit ihr unsere Truppen, die geradewegs aus Smolensk und aus Starodub kamen und größtenteils aus Reiterei und leichten Truppen bestanden.
Auf diese Weise versammelte sich an diesem Ort unsere ganze Armee, mit Ausnahme der Division des Generals Fermor, die, wie oben erwähnt, ausgezogen war, Memel zu belagern.
Kaum war die ganze Generalität zusammengekommen und versammelt, als hier zweimal ein Kriegskonsilium oder Kriegsrat abgehalten wurde, auf dem über die weiteren Unternehmungen verhandelt wurde und darüber, wo und wie man die preußischen Grenzen überschreiten solle; danach wurde in der ganzen Armee eine neue Verteilung der Regimenter vorgenommen. Unser Regiment kam nun in eine andere Division, und zwar in die, welche der General en chef Browne befehligte; unsere Brigade aber, die aus unserem sowie dem Narwaer und dem Wyborger Regiment gebildet wurde, führte nun Herr Brigadier Berch.
Während wir uns auf diese Weise und mit solcher Langsamkeit von Riga bis Kowno schleppten und, uns hier von allen Seiten nach und nach sammelnd, unsere Zeit nicht so sehr mit Tätigkeit als mit Müßiggang und leeren Überflüssigkeiten verbrachten, brannte in Böhmen und an anderen Orten das Feuer der Kriegsflamme auf das allergrausamste weiter. Die schon erwähnte und so schreckliche Schlacht zwischen Kaiserlichen und Preußen bei Prag hatte, so blutig sie auch war und obwohl in ihr binnen weniger Stunden auf beiden Seiten mehr als 30 Tausend Mann erschlagen und verstümmelt worden waren, die Lage der Dinge doch nicht im Geringsten verändert, die Grausamkeit des Krieges nicht gemindert und noch keinerlei Hoffnung auf Frieden geweckt. Diese Schlacht ist besonders darum denkwürdig, weil, obwohl alle dachten und erwarteten, sie werde große Folgen haben, dies doch nicht eintraf und sie keine hatte. Alle dachten, der König von Preußen, der damals die Kaiserlichen besiegt hatte, werde den geflohenen Kaiserlichen nachsetzen, sie einholen und alle vernichten, die in Prag Eingeschlossenen aber durch Feuer und Hunger zwingen, sich gefangen zu geben, und viele wetteten sogar, der König werde nicht versäumen, dies zu tun, und hofften, er werde sich ganz Böhmens bemächtigen, ehe die Kaiserlichen noch zur Besinnung kämen: doch alle täuschten sich darin.
So sehr der König auch seine Kunst aufbot, um diesen Sieg so weit wie möglich auszunutzen, hatte er damit doch keinen weiteren Erfolg. Zur Vernichtung der geflohenen Kaiserlichen schickte er zwar den Herzog von Bevern mit 20 Tausend Mann seines Heeres zur Verfolgung aus, doch alle Bemühungen dieses Herzogs waren erfolglos, und er konnte sie auf keine Weise daran hindern, sich mit einem anderen kaiserlichen Korps zu vereinigen, das nicht weit von Kolin stand. Diese Truppen, verstärkt und vermehrt durch andere, die aus Mähren und aus Ungarn kamen, bildeten in kurzer Zeit wieder eine recht große Armee, und zu ihrem Oberbefehl wurde Daun geschickt, ein General, der als Einziger mit seinen Gaben denen des Königs einigermaßen gleichkommen konnte und imstande war, ihm die Stirn zu bieten.
Der König selbst aber beschloss, auf dem Schlachtfeld zu bleiben, um die Stadt Prag und alle darin festsitzenden Kaiserlichen einzuschließen und zu nehmen.
Er sandte sogleich hinein, um die Übergabe zu fordern; doch er wunderte sich, als er hörte, dass sich darin Prinz Karl von Lothringen selbst mit einer ganzen Armee kaiserlicher Truppen befand, denn ihre Zahl belief sich auf bis zu 40 Tausend Mann. Ungeachtet dessen schloss der König diese große Stadt von allen Seiten ein, legte überall Batterien an und begann, sie auf das allergrausamste zu bedrängen. Allein an Bomben und glühenden Kugeln wurden bis zu 170 000 hineingeworfen und 900 Gebäude dadurch zerstört und beschädigt. Doch mit all diesen Anstrengungen konnte der König nichts Wesentliches ausrichten und sich nicht einmal der geringsten Befestigungen dieser Stadt bemächtigen. Prinz Karl widerstand auf das allerhartnäckigste und schlug alle seine Anschläge zurück. Die Natur selbst half ihm darin einigermaßen. Überaus schreckliche Gewitter und Platzregen bewirkten, dass der Fluss Mulde über die Ufer trat, die preußischen Pontonbrücken zerriss und sie den Kaiserlichen in die Hände spielte, wodurch im preußischen Heer große Zerrüttung entstand.
Unter diesen Umständen und da er sah, dass all sein Schießen den Feinden wenig Schaden tat, beschloss der König, die Kaiserlichen auszuhungern und zur Übergabe zu zwingen, und da sich in der Stadt bereits Mangel an Lebensmitteln zu zeigen begann, hätte er damit vielleicht auch den erwünschten Erfolg gehabt, hätten ihn nicht andere Umstände daran gehindert, nämlich dass General Daun mit 60 Tausend Mann kaiserlicher Truppen gegen die Stadt vorzurücken begann, um sie von der Belagerung zu befreien, und dass der Herzog von Bevern, zu schwach, um ihn aufzuhalten, zurückweichen musste. Als der König davon hörte, ließ er Keith die Belagerung fortsetzen, er selbst aber zog so viele Truppen ab, wie es nur möglich war, vereinigte sich mit dem Herzog von Bevern und zog mit 23 Bataillonen Infanterie und 30 Schwadronen Reiterei gegen Daun, um sich mit ihm zu schlagen.
Zu diesem Unternehmen bewog den König erstens, dass ihm bekannt war, dass Daun von der Kaiserin befohlen worden war, alles zu wagen, um Prinz Karl zu befreien und nicht zuzulassen, dass der König in Prag eine ganze Armee gefangen nehme. Zweitens sah er, dass er, ohne sich mit ihm zu schlagen und ihn zu besiegen, sich Prags auf keine Weise bemächtigen konnte; und drittens und vor allem wusste er, dass aus einem Sieg über Daun sehr wichtige und für ihn vorteilhafte Folgen entstehen konnten. Er hoffte bestimmt, dass er, wenn er diese Schlacht gewönne, erstens ein großes und nunmehr vollständiges Übergewicht über die Kaiserlichen erlangen würde; zweitens würde er alle gegen ihn rüstenden Reichsfürsten, die er schon durch 500 von ihm ins Innere Deutschlands entsandte Husaren erschreckt hatte, welche die Vereinigung ihrer Truppen verhindern sollten und sogar bis Nürnberg und Regensburg gelangt waren, und die schon so weit gebracht waren, dass sie zu schwanken und an das Verlassen der kaiserlichen Seite zu denken begannen, dazu zwingen, ihn um den Abschluss einer Neutralität mit ihnen zu bitten; drittens hoffte er, dadurch auch den Plan der Franzosen selbst zu zerrütten und vielleicht alle ihre Kriegsoperationen in Deutschland aufzuhalten, denn diese hatten unterdessen schon Zeit gehabt, nicht nur ins Feld zu rücken, sondern auch den Rhein zu überschreiten und, vereinigt mit einem Korps der Kaiserlichen, in Westfalen einzurücken, wo Prinz Soubise, an ihrer und der Kaiserlichen Spitze, in weniger als einer Woche die Stadt Wesel nahm, den Preußen das ganze Fürstentum Kleve und Geldern entriss und sie bis zur hannoverschen Armee selbst zurücktrieb, die unter dem Befehl des Herzogs von Cumberland es übernommen hatte, von dieser Seite die Lande der preußischen Herrschaft zu verteidigen; doch von dem bei der Armee eingetroffenen französischen Marschall d’Estrées war sie ebenfalls schon bei Hastenbeck geschlagen worden und hatte selbst die Stadt Hannover verloren. Viertens hoffte er, dass dadurch auch die Schweden selbst, die mit ihrem Angriff auf Pommern drohten, friedfertiger und vorsichtiger würden; und fünftens vertraute er darauf, dass dadurch auch unser Hof selbst sich anderen Gedanken zuneigen würde, denn der König hätte dann seine Armee nach allen Seiten verteilen und nicht nur auch gegen uns eine größere Macht aufstellen, sondern auch dem bedrängten Herzog von Cumberland zu Hilfe eilen können.
Eben diese Gründe und schmeichelnden Hoffnungen bewogen den König, sich zu beeilen, gegen die Kaiserlichen zu ziehen und Daun eine Schlacht zu liefern.
Viele, die sich auf die Kriegskunst verstehen, werfen dem König in diesem Fall einen großen Fehler vor und sagen, er hätte sich mit seiner Armee an einem vorteilhaften und solchen Ort aufstellen können, wo er, auch ohne eine Schlacht zu liefern, Daun hätte hindern können, sich bis Prag durchzuschlagen, und dass er dadurch diese Stadt hätte nehmen können, die sich nicht mehr länger als einige Tage halten konnte. Doch der König, an Überstürzung gewöhnt und schon allzu begierig nach dem Sieg, wollte selbst angreifen und verdarb damit die ganze Sache.
Daun, der eine sehr vorteilhafte Stellung gewählt hatte, erwartete ruhig den Angriff des Königs von Preußen. Kaum war dieser angekommen, als er ihn auch sogleich angriff, und am 7. Juni, um zwei Uhr nachmittags, begann die Schlacht. Der linke Flügel der preußischen Armee nähert sich zum Angriff auf den rechten kaiserlichen. Im Nu wird dieser Flügel von vorn und von der Seite angegriffen, und der ungestüme Ansturm der Preußen wirft die kaiserliche Reiterei über den Haufen. Graf Serbelloni, obwohl verwundet, stürzt sich mit dem Säbel in der Hand gegen die Preußen, erneuert den Kampf und gewinnt wieder die Oberhand über sie. Die Infanterie kämpfte unterdessen unter schrecklichem Blutvergießen; sechsmal wurden die Bataillone Friedrichs zerrüttet und zurückgetrieben, und sechsmal kehrten sie mit gleicher Unerschrockenheit zurück, um die Kaiserlichen anzugreifen. Daun und der König von Preußen sind selbst überall zugegen! Prinz Karl Lobkowitz, Fürst Esterházy und Graf O’Donell versehen das Amt sowohl von Befehlshabern als auch von gemeinen Soldaten. Auf preußischer Seite aber helfen ihm beide Brüder des Königs, Prinz Heinrich und Ferdinand, und teilen mit ihm Mühen und Gefahren. Gegen sieben Uhr abends erlahmen beide Armeen von den schweren Mühen und gönnen sich, gleichsam wie in gemeinsamem Einverständnis, eine halbe Stunde Ruhe. Friedrich unternimmt es, eine letzte Anstrengung zu machen und den Fehler wiedergutzumachen, den sein General Manstein begangen hatte, indem er den Kampf dort begann, wo es ihm vom König verboten worden war. Er sammelt seine besten Truppen, um noch einmal die tapferen kaiserlichen Bataillone anzugreifen, die sie so oft zurückgetrieben hatten, und geht selbst, sie zu führen. Er hält die Fliehenden mit einem einzigen Wort auf: „Oder wollt ihr ewig leben?“, und führt sie wieder in den Tod! Daun aber befiehlt unterdessen seiner Reiterei auf dem linken Flügel, sich auf den Feind zu stürzen und ihn in der Flanke anzugreifen. Diese Bewegung und der tapfere Widerstand seiner Infanterie entschieden endlich das Schicksal dieses schrecklichen Tages und verschafften ihm einen vollständigen Sieg. Die Preußen verloren in dieser denkwürdigen Schlacht bis zu 8000 Mann ihrer besten Infanterie und bis zu 12 000 an Verwundeten und Versprengten. Der König zieht sich in ziemlicher Unordnung zurück. All seine prunkvollen und großartigen Pläne und schmeichelnden Hoffnungen brechen zusammen. Er kehrt noch am selben Abend zu der vor Prag zurückgelassenen Armee zurück, befiehlt nach einem Tag, die Belagerung aufzuheben, und zieht dann mit Schande und Verlust ganz aus Böhmen ab; die Kaiserlichen erbeuten 22 Fahnen und 45 Kanonen mit einer Menge Munition. Diese Trophäen dienen als Beweis ihres Sieges, der sie nicht mehr als 5000 Mann kostet, mit denen sie sich große Vorteile erkaufen und ganze 40 Tausend samt einer Menge Prinzen und Generale vor der Gefangenschaft retten.
Man kann nicht schildern, wie sehr der kaiserliche Hof durch die Nachricht von diesem entscheidenden, ruhmreichen und in allen Verhältnissen eine große Wende herbeiführenden Sieg erfreut wurde.
Daun hatte als Erster den Ruhm, den König in einer förmlichen und regelrechten Schlacht geschlagen zu haben, und der Kaiser und die Kaiserin waren so zufrieden mit ihm, dass sie selbst zu seiner Gemahlin fuhren, um ihr diese freudige Nachricht mitzuteilen. Im Übrigen ist bekannt, dass die Kaiserin eben bei dieser Gelegenheit ihren Militärorden stiftete und ihm ihren Namen Maria Theresia gab. Sie erwies General Daun den ausnehmenden Vorzug, ihm zu gestatten, selbst die Beförderungen in ihren Armeen vorzunehmen. Dieses Zeichen der Achtung und des Vertrauens war für diesen Feldmarschall umso schmeichelhafter, als es ihm Gelegenheit bot, gerade seinen Nebenbuhlern um die Ehre Beweise der Freundschaft zu geben. Die Auswahl, die er bei dieser Beförderung traf, bedeckte ihn mit Ruhm und Ehre anderer Art, die, wenn auch nicht so laut wie der durch den Sieg erworbene, doch nicht weniger großen Lobes würdig ist. Doch ich will zu unserer Armee und zur Fortsetzung meiner Erzählung zurückkehren.
Aus allem oben Geschriebenen kann man leicht ersehen, dass diese berühmte Schlacht bei Kolin in Böhmen eben an dem Tag geschlagen wurde, an dem wir mit der Armee in dem besagten polnischen Städtchen Kowno ankamen. Die Kaiserlichen versäumten nicht, sogleich einen Kurier mit der Nachricht von ihrem Sieg zu uns zu schicken; doch wir erhielten diese Nachricht nicht früher als am 16. Juni.
Man kann sich leicht denken, dass diese Nachricht uns allen sehr angenehm war, denn da die Kaiserlichen unsere Verbündeten waren und wir selbst für sie in den Krieg zogen und im König von Preußen einen gemeinsamen Feind hatten, rief sie in unserer ganzen Armee beinahe dieselbe Freude hervor, als wäre dieser Sieg über ihn von unseren eigenen Truppen errungen worden. Der Feldmarschall versäumte nicht, ihn sogleich in der ganzen Armee bekannt zu machen, und sofort wurden allen Regimentern Abschriften der erhaltenen kaiserlichen Relation mitgeteilt. Danach wurden aus allen Regimentern sämtliche Regimentsgeistlichen ins Hauptquartier gerufen, wo unter Kanonendonner dem Allerhöchsten ein feierlicher Dank dargebracht wurde. Alle Generale speisten an jenem Tag beim Feldmarschall, und die Kanonen mussten den ganzen Tag arbeiten und die Einwohner von Kowno mit ihrem Donner betäuben.
Danach säumten wir hier nicht länger, sondern noch am selben Tag wurden Befehle ausgegeben, wir sollten uns bereitmachen, weiter zu marschieren. Doch ich will die Erzählung von unserem weiteren Marsch bis zum folgenden Brief aufschieben und verbleibe unterdessen und so weiter.
DER MARSCH NACH PREUSSEN
40. Brief
Lieber Freund! Kaum hatten wir also die oben erwähnte freudige Nachricht erhalten, als unsere Heerführer nicht länger in Kowno säumen wollten, sondern den Marsch zu beschleunigen begannen, und darum wurde schon am Tag darauf, das heißt am 17. Juni, einigen Brigaden befohlen aufzubrechen und nach und nach über den Fluss Njemen zu setzen, über den ebenfalls eine ansehnliche Brücke auf Pontons geschlagen worden war. Am darauffolgenden Tag setzte die Armee weiter über, und an diesem Tag verließ auch der Generalfeldmarschall selbst Kowno; doch die ganze Armee konnte keinesfalls vor dem 21. übersetzen, an welchem Tag endlich auch unser Regiment zusammen mit den übrigen hinüberging.
Dieser Aufbruch aus Kowno ist mir bis heute besonders in Erinnerung, wegen eines traurigen Ereignisses, das sich eben in der Stunde zutrug, als wir aufbrachen.
Ich hatte in unserem Regiment einen sehr guten Freund, der überdies auch ein wenig mit mir verwandt und dazu ein naher Nachbar meiner Dörfer war. Er diente schon als Leutnant und hieß Fjodor Semjonowitsch Seliwerstow. Da er von sehr gutem Charakter war, lebten wir stets in Freundschaft mit ihm und liebten einander. Dieser Mann erkrankte während unseres Marsches durch Polen, als wir noch weit von Kowno entfernt waren. Und da alle, denen es widerfährt, auf Feldzügen zu erkranken, mit Recht unglückliche Menschen genannt werden können, weil nur wenigen von ihnen, und besonders denen, die an schweren Krankheiten leiden, die Genesung gelingt, so war auch Herr Seliwerstow diesem unglücklichen Los unterworfen. Zwar behandelte ihn unser Regimentsfeldscher, doch kann eine ordentliche Behandlung auf dem Marsch erfolgen, wenn der Kranke statt der nötigen Ruhe jeden Tag neuen Beschwernissen ausgesetzt ist und wenn der Arzt selbst keine Zeit hat, an sich selbst zu denken? Darum brachte man ihn zwar lebend nach Kowno, doch seine Krankheit hatte sich schon so verschlimmert, dass er schon am Rande des Lebens stand. Und aus diesem Grund halfen ihm, obwohl wir in Kowno etwa zwei Wochen ruhig standen, keine Arzneien mehr. Doch das war noch nicht genug; sein unglückliches Geschick wollte, dass er eben in dem Augenblick das Leben verlor, als wir eben erst aufbrachen und die Kibitka mit ihm eben erst von der Stelle gerückt war. Ich kann nicht schildern, wie sehr ich und seine anderen Freunde erschüttert waren, als man, nachdem man uns mit Mühe ausfindig gemacht hatte, herbeigelaufen kam, um uns zu sagen, dass er in die Ewigkeit hinübergegangen sei. Wir grämten uns und wussten nicht, was wir damals mit ihm anfangen sollten. Das ganze Regiment war damals schon mit all seinen Trossen in Bewegung, und diese wurden angetrieben, in großer Eile über den Fluss zu setzen. Wir meldeten es dem Oberst und baten, uns wenigstens für einige Stunden zu beurlauben, um seinen Leichnam zu begraben. Doch der Umstand war so schwierig, dass man es unserem Brigadekommandeur melden musste, denn von ihm war streng verboten, dass sich jemand von seinem Platz entferne: Doch auch dieser beurlaubte uns nicht länger als für eine Stunde und befahl uns, ihn dort zu begraben, wo wir seinen Wagen auf der Straße fänden. Was sollten wir da tun? Wir mussten dem strengen Befehl unseres Vorgesetzten gehorchen und, alle Riten und Begräbniszeremonien vergessend, ihn nicht so sehr begraben, als vielmehr, nachdem wir in einem zufällig neben der Straße gelegenen Wäldchen eine kleine Grube ausgehoben hatten, mit Sand zuschütten, denn bei der Eile und der großen Hast des Marsches und dem überaus großen Durcheinander zwischen all den Trossen war nicht einmal ein Priester ausfindig zu machen.
So dienten ihm unsere Tränen, mit denen wir den entseelten Leichnam unseres Freundes benetzten, und die Seufzer, die wir zum Himmel emporsandten, anstelle aller Zeremonien und Begräbnisriten.
Ich kann mich nicht erinnern, mit welchem Jammer unsere Herzen damals erfüllt waren, als der Sand seinen Leichnam zum letzten Mal vor unseren Augen bedeckte. Wir stellten uns vor, dass es sehr leicht geschehen könne, dass auch wir einem ebenso unglücklichen Los unterworfen sein würden, und sagten einander: „Wer weiß! Vielleicht widerfährt es auch uns, auf dem Marsch zu sterben! Vielleicht wird man auch uns auf dieselbe Weise oder noch schlimmer in den Sand verscharren, und keiner von unseren Verwandten wird wissen, wo auch nur unser Grab ist!“
Auf dieselbe Weise und um dieselbe Zeit verlor auch mein früherer Lehrer, Herr Miller, das Leben. Eine grausame Krankheit raffte ihn zusammen mit vielen anderen aus der Welt. Obwohl ich von diesem Mann in meiner Kindheit viel Schlimmes erfahren hatte, hatte ich all das doch längst vergessen, und er, der Offizier geworden war, liebte mich schon so sehr, dass ich ihn für meinen Freund hielt, und darum konnte ich nicht umhin, auch seinen entseelten Leichnam mit Tränen der Freundschaft zu benetzen. Dieser starb zwar noch im Lager, am Vorabend unseres Aufbruchs, doch da er ein Ausländer war, wurde auch ihm kein besseres Begräbnis zuteil. Auf dieselbe Weise wurde auch er ohne weitere Zeremonien in einer Grube verscharrt. Doch es ist Zeit für mich, diese traurigen Gegenstände zu verlassen und zu unserem Marsch zurückzukehren.
Da wir nach dem Übergang über den Fluss Njemen sehr steile und unwegsame Berge überqueren mussten, wurde uns, nachdem wir am 22. an seinem Ufer Rasttag gehalten hatten, befohlen, Proviant für drei Tage mitzunehmen und vorauszumarschieren, die Trosse aber zurückzulassen, damit sie nach eigenem Ermessen über die Berge kämen. Das geschah uns zum ersten Mal, dass wir uns von unseren Trossen trennen und uns auch selbst mit Mundvorrat versehen mussten, was uns, da wir es nicht gewohnt waren, recht befremdlich vorkam. Wir zogen an diesem Tag (dem 23.) mit der ganzen Armee bis zum Dorf Gogi, das am Ufer des Njemen liegt, und dachten, unsere Trosse würden lange nicht kommen; doch sie kamen wider unser Erwarten noch am selben Tag über die Berge und trafen gegen Abend bei uns ein.
Die einzige Schwierigkeit für uns war nur die, dass wir die Pferde zum Füttern schwimmend über den Fluss Njemen bringen mussten, und das nicht ohne große Gefahr.
Den folgenden Tag (den 24.) standen wir hier und ruhten aus, am 25. aber brachen wir wieder auf und ließen die Trosse hinter uns. Doch sie überholten uns unterwegs, und wir übernachteten an diesem Tag beim Städtchen Preny. Am anderen Morgen aber (dem 26.) gelangten wir auf dem weiteren Marsch zum Städtchen Barbaryschki und schlugen dahinter unser Lager auf, in dem auch der Feldmarschall selbst seine prächtigen Zelte bezog, die wir bis dahin noch nie gesehen hatten und uns darum an ihrer Pracht und Schönheit und an der Größe des ganzen feldmarschallischen Lagers nicht satt sehen konnten. Das Ganze bot mit seiner Menge bunter Zelte und Pavillons den Anblick eines kleinen Feldstädtchens, in dessen Mitte sich stolze, gewaltige Zelte mit ihren vergoldeten Knäufen erhoben. Eines, und das größte von ihnen, stand vorn und diente als Saal; ein anderes, das dahinter stand, war kleiner und diente als Vorschlafgemach, und hinter diesem stand eine runde kalmückische Kibitka, die dem Feldmarschall als Schlafgemach diente; eine Menge kleiner und dicht aneinandergedrängter Zelte umgab diese Pavillons von drei Seiten, und in ihnen wohnten der Stat und die übrigen niederen Ränge, die sich beim Feldmarschall befanden.
An diesem Ort standen wir wieder mehr als eine Woche, teils wegen des nahenden Festes Peter und Paul, teils weil man von diesem Ort aus schon nach rechts abbiegen musste, um in Preußen einzurücken, und bei uns noch nicht alles bereit war. Auch wünschte unser Generalfeldmarschall, eine Generalmusterung seines ganzen Heeres abzuhalten oder vielmehr zu lernen, es in Schlachtordnung aufzustellen. Und darum wurde (am 28.), am Vorabend des Peterstages, die ganze Armee auf ein unweit unseres Lagers gelegenes, sehr freies und weites Feld hinausgeführt und ordentlich in Schlachtordnung in zwei Treffen aufgestellt. Nach Ankunft des Generalfeldmarschalls wurde ihm zum ersten Mal von der ganzen Armee die Ehre erwiesen, und er ritt sie ganz ab und ergötzte sich am Anblick einer so zahlreichen Menge Volkes, die unter seinem Befehl stand. Ein zahlreiches Gefolge, bestehend aus verschiedenen hochgestellten Personen, die sich in seinem Zelt befanden, aus einer Menge Generale und ausländischer Volontäre, folgte ihm, und einige Dutzend Tschugujewer Kosaken, Husaren, Kürassiere und andere berittene Truppen eskortierten diesen Zug und verliehen ihm noch mehr Pracht. Was die Brigadekommandeure betrifft, so erwartete jeder von ihnen die Ankunft des Feldmarschalls vor der Front seiner Brigade, sprengte bei seiner Annäherung zu ihm heran und erwies ihm mit dem Degen die Ehre, nachdem er unterdessen befohlen hatte, die Trommeln zu rühren, in allen Regimentern die Musik spielen zu lassen und überall die Fahnen zu senken, sobald der Feldmarschall mit ihnen auf gleicher Höhe sei.
All dies erhöhte die Pracht dieses Schauspiels, das für uns selbst noch neu war, denn damals sahen wir zum ersten Mal die ganze Armee in Reih und Glied, und dieser Anblick war für unsere Augen überwältigend.
Nach Beendigung des ganzen Abritts und der Besichtigung aller Regimenter, die damals für den Einmarsch ins Feindesland bestimmt waren, wurde ein Bittgottesdienst gehalten, um von Gott den Segen für das von uns begonnene Werk zu erflehen, und danach begann das Feuern auf folgende Weise: Nach dem ersten Schuss der auf dem rechten Flügel aufgestellten Signalkanone begann aus allen Regimentskanonen in beiden Treffen das Kanonenfeuer, je eine Kartusche. Auf das zweite Signal feuerte die ganze Armee zugweise in Pelotons, und auf das dritte wurde von der ganzen Armee aus Kanonen und kleinem Gewehr eine Generalsalve abgegeben, welcher Schuss schon ziemlichen Donner machte und für unser Gehör ebenso neu und überwältigend war wie der Anblick der ganzen Armee für unsere Augen. Danach wurde vom ersten Treffen und der Reiterei ein Scheinangriff ausgeführt, und wir wurden, nachdem wir ein wenig über das Feld gelaufen waren und einige Pud Pulver nutzlos verschossen hatten, ziemlich erschöpft endlich in die Lager entlassen.
Am anderen Morgen feierten wir das Fest Peter und Paul mit der üblichen kirchlichen Zeremonie und einer Parade, an welchem Tag mir eine besondere Freude zuteilwurde durch die Ankunft meines Schwagers, Herrn Nekljudow, im Regiment. Er war, wie früher schon erwähnt, noch aus unseren Kantonnementsquartieren nach Polen abkommandiert worden, um Proviant zu beschaffen und einzukaufen, und hatte sich in den namhaften polnischen Städten Wilna und Grodno aufgehalten, und schließlich war er nach Erledigung seines Auftrags entlassen worden und in sein Regiment gekommen. Diese Sendung war für ihn bei weitem nicht so vorteilhaft und einträglich wie für viele andere, die bei solchen Geschäften zugegen sind und sich ganze Tausende erwerben. Mein Schwager war nicht von solchem Charakter und solcher Gesinnung, dass er sich etwas unrechtmäßig erworben und dafür irgendwelche Betrügereien und dem Eid und der Pflicht zuwiderlaufende Dinge unternommen hätte, darum erwarb er sich durch diesen Auftrag nicht eine Kopeke, sondern erlitt im Gegenteil bei dieser Sendung keinen geringen Verlust, denn ihm starben an Krankheiten fast alle seine sehr guten Leute, die bei ihm gewesen waren, und er kam nur mit einem alten Männlein zurück und litt solchen Mangel an Leuten, dass ich ihm schon mit den meinen einigermaßen aushelfen musste, bis er sich Burschen beschaffen konnte.
Am Tag nach dem Peterstag (dem 30.) kam von General Fermor Major Romanius zu uns gesprengt mit der freudigen Nachricht, dass die uns so furchtbare preußische Grenzfestung Memel, die er zu belagern ausgezogen war, endlich nach einer einige Tage währenden Belagerung am 24. dieses Monats durch Kapitulation von ihm genommen worden sei, und zwar mit so gutem Erfolg, dass auf unserer Seite während der ganzen Belagerung nur 3 Mann getötet und 17 verwundet worden seien. Die Freude über diesen ersten über den Feind errungenen Vorteil war in der ganzen Armee unbeschreiblich, und es schien, dass sie die Furcht, die wir vor den Preußen hatten, sehr verringerte, denn deren Tapferkeit wurde damals in den Himmel gehoben und uns schon allzu übergroß geschildert, weshalb wir wohl wussten, dass wir gegen einen tapferen und starken Feind zogen, den man nicht anders als fürchten musste, obwohl in Wirklichkeit seine Kräfte bei weitem nicht so furchtbar waren.
Am folgenden Tag, das war der 1. Juli, gab es in unserer ganzen Armee eine Feier und einen Dankgottesdienst für dieses glückliche Ereignis, und die Erde stöhnte nur vom Klang der Kanonen, die neben dem Zelt des Feldmarschalls donnerten, denn Pulver nutzlos zu verschwenden, waren wir überaus große Liebhaber. Er gab für die ganze Generalität ein prächtiges Mahl, und wir alle konnten uns nicht genug am Anblick der feindlichen Fahnen ergötzen, die in Memel erbeutet und, nachdem man sie zum Feldmarschall gebracht hatte, vor seinem Zelt aufgestellt worden waren.
Doch diese Feier wäre beinahe durch ein trauriges Ereignis gestört worden.
Eben zu der Zeit, als sie begangen wurde, brach im Städtchen Barbaryschki ein gewaltiger Brand aus, und der Wind trug das Feuer geradewegs auf unsere unweit des Städtchens stehende Artillerie zu, weshalb damals ein gewaltiger Alarm entstand und man sich beeilte, die Pulverkästen so schnell wie möglich fortzuschaffen; doch der Brand wurde bald gelöscht, und es entstand keinerlei Schaden.
So standen wir in diesem Lager bis zum 6. Juli, fast ganze zehn Tage, und an besagtem Tag brach der Feldmarschall mit der ersten Division zum weiteren Marsch auf und zog, nach rechts abbiegend, geradewegs auf die preußischen Grenzen zu, und am folgenden Tag (dem 7.) brachen auch wir mit den übrigen auf, setzten unseren Marsch bis zum späten Abend fort und übernachteten beim Dorf Gutsche, wo das Lager der ganzen Armee schon nach Plan und ordentlich aufgeschlagen war und nicht wie zuvor brigadenweise, hier die eine Brigade, dort die andere; denn je näher wir dem Feindesland kamen, desto mehr Vorsicht wandte man an, und überdies musste man auch lernen, sich gemeinsam aufzustellen.
Am folgenden Tag (dem 8.), und zwar weit nach Mittag, brachen wir wieder auf, setzten den Marsch bis Mitternacht fort und kamen, um zu übernachten, in das besetzte Lager beim Städtchen Ludwin.
An diesem Ort standen wir wieder ganze vier Tage (den 9., 10., 11. und 12.), in welcher Zeit nichts Denkwürdiges geschah, außer dass am 12. nachmittags ein außerordentlich heftiges Gewitter mit Sturm und Hagel niederging. Vielen Offizieren riss es damals die Zelte fort, meines aber hielt stand. Der Hagel war so grob, dass fast alle Körner so groß wie eine Haselnuss waren, viele Hagelkörner aber größer als eine Walnuss.
Am 13. brachen wir wieder auf und mussten einen gewaltigen Wald umgehen und Wassermangel leiden. Wir übernachteten bei einem kleinen polnischen Städtchen, dessen Namen ich vergessen habe, und am Morgen (dem 14.) marschierten wir, Wasser mit uns nehmend, bis zu einem anderen polnischen Städtchen, dessen Namen ich damals nicht erfahren konnte, und übernachteten hier wieder in dem leeren Städtchen.
Endlich, am 15., kamen wir zu dem polnischen Städtchen Werbalow, das fast das letzte vor dem preußischen Land war. Und da wir uns auf diese Weise dem Feindesland schon fast ganz genähert hatten, wurde das Lager der ganzen Armee wieder gemeinsam aufgeschlagen, und zwar im Bataillonskarree; auch wurden schon Vorsichtsmaßregeln angewandt. Vor der Front wurden bei uns spanische Reiter ausgelegt, gerade so, als wären die Preußen Türken und Tataren, säßen uns schon auf der Nase und könnten uns alle niederhauen und in kleine Stücke zerhacken, wenn wir diese lächerliche Vorsichtsmaßregel nicht ergriffen, obwohl sie noch sehr weit von uns entfernt waren. Doch das war noch nicht genug; jenseits dieser spanischen Reiter wurden jede Nacht noch überaus große Pikette mit Kanonen und Haubitzen hinausgeführt. Nichts war uns so ärgerlich wie diese verfluchten Pikette, in denen wir unter Gewehr und ohne Zelte übernachten mussten, welche Vorsichtsmaßregel noch ganz und gar nicht nötig war und nur dazu diente, uns an die Mühen des Krieges zu gewöhnen, mehr noch aber zu unnötiger Plage.
An diesem Ort, und noch ohne die preußischen Grenzen zu überschreiten, stand die Armee wieder eine ganze Woche, teils um unsere noch hinten nachrückende Kavallerie zu erwarten, teils um Zeit zu gewinnen, Kundschaft über den Feind und die Orte einzuziehen, durch die wir ziehen sollten. In dieser Zeit traf am nächsten Tag tatsächlich der Generalmajor Graf Pjotr Alexandrowitsch Rumjanzew mit der ganzen Kavallerie und den Kürassierregimentern bei uns ein, mit denen er aus Russland durch Polen auf einem ganz anderen Weg gekommen war.
Am folgenden Tag, das heißt am 17. Juli, wurde schon ein preußischer Spion gefangen, der in Gestalt eines polnischen Schlachtschitzen mit Hunden umherritt.
Ich glaube, er hat gelacht, als er unsere Feigheit und unsere übertriebenen Vorsichtsmaßregeln sah. Unsere Kosaken fingen ihn und brachten ihn an uns vorbei zum Feldmarschall. Man sagte damals, er sei ein preußischer Leutnant mit zwei Soldaten gewesen. Dadurch erfuhren wir, dass auch der Feind seinerseits nicht untätig war, sondern gleichfalls einige, jedoch weit wesentlichere Vorsichtsmaßregeln ergriff.
Am 18. wurde in unserer Armee wieder eine neue Verteilung der Regimenter vorgenommen. Einige Regimenter wurden zum Avantgardekorps bestimmt, das stets voranziehen sollte, und der Befehl darüber wurde dem Generalleutnant Lieven übertragen, der bei uns in der Armee als der kundigste und klügste General galt, andere Regimenter aber wurden von Brigade zu Brigade versetzt. Von uns nahm man damals auch das Narwaer und das Wyborger Regiment weg und teilte an ihrer Stelle das Beloserker und das Butyrker der Brigade zu. Gott weiß, wozu damals ein solches Gemische geschah.
Damit endete damals unser ganzer Marsch durch Polen und befreundete Lande, und da er von dieser Zeit an im Feindesland begann, so erlauben Sie mir, lieber Freund, diesen Brief hiermit zu schließen und Ihnen zu sagen, dass ich bin und so weiter.
DER EINMARSCH IN PREUSSEN UND EIN ALARM
41. Brief
Lieber Freund! Nachdem ich Ihnen in den vorhergehenden Briefen die ganze Geschichte unseres langsamen und mühevollen Marsches durch Polen erzählt habe, gehe ich nun zur Beschreibung unseres Marsches durch Preußen oder unserer eigentlichen Kriegstaten über. Ich will Ihnen erzählen, lieber Freund, wie wir ins Feindesland einrückten, wie wir es durchzogen, wie wir mit feindlichen Streifparteien den sogenannten kleinen Krieg führten und wie wir uns dann auch mit ihrer ganzen Armee regelrecht schlugen. Doch ehe ich mich an diese Beschreibung mache, hielt ich es nicht für überflüssig, einige Worte über die Umstände vorauszuschicken, die unsere Feinde betreffen.
Da der König von Preußen auf die früher erwähnte Weise, in der schmeichelnden Hoffnung, die Kaiserlichen zu besiegen, seine ganze Macht vor allem gegen diese verwandt hatte, blieb ihm hinsichtlich der übrigen Orte und Lande seiner Herrschaft nichts anderes übrig, als sie nur mit kleinen abgesonderten Korps zu decken.
Von all diesen bereitete ihm keines so viel Sorge wie Preußen.
Die Entfernung dieses Königreichs von den Orten, an denen er sich selbst befand, und die misslichen Umstände, in denen er sich nach seiner Niederlage gegen die Kaiserlichen bei Kolin befand, stellten ihm Hindernisse entgegen, selbst dorthin zu ziehen, um es gegen unsere Truppen zu verteidigen, die sich ihm näherten und sich anschickten, in es einzurücken. Deshalb musste er wider seinen Willen dessen Verteidigung und Schutz einem Greis, seinem Feldmarschall Lehwaldt, anvertrauen, dem er so viele Truppen gab, wie er nur irgend abziehen konnte, deren Zahl sich jedoch nicht einmal auf 40 Tausend Mann belief. Mit dieser kleinen, jedoch aus den besten alten Regimentern bestehenden Armee stellte sich Feldmarschall Lehwaldt auf, um nach Möglichkeit Königsberg als die Hauptstadt dieses Reiches zu decken, und um die Bewegungen unserer Truppen besser beobachten zu können, rückte er schon im April aus Königsberg aus, schlug mit seiner Armee ein Lager zwischen Tilsit und Memel auf und richtete sein Hauptquartier in Insterburg ein. Hier ließ er alle berittenen und unberittenen Einwohner täglich im Gebrauch der Waffen üben, die Stadtwälle und -gräben instand setzen und die ersteren mit Kanonen bestücken; danach zog er mit seinen Truppen einen Kordon von den schamaitischen Grenzen bis nach Memel selbst.
Darin bestanden seine ersten Vorbereitungen; doch sobald er hörte, dass wir uns mit der ganzen Armee von Polen her Preußen näherten, bewog ihn dies, alle seine Truppen bei Insterburg zu vereinigen und zu sammeln, Memel aber wegen seiner Entfernung seinem Schicksal zu überlassen, denn es von der Belagerung zu befreien, ohne das Innere des Reiches zu entblößen, war ihm ganz unmöglich. Doch schickte er in jene Richtung ein Truppenkorps unter dem Befehl des Generalmajors Kanitz, um unsere Truppen am weiteren Eindringen nach Preußen von Memel her abzuhalten.
In dieser Stellung erwartete er das Herannahen unserer Truppen; doch kaum waren wir auf die oben beschriebene Weise bis dicht an die Grenze gelangt, als er, der sich zu schwach fühlte, dem Ungestüm unserer zahlreichen Armee standzuhalten, und fürchtete, von zwei Seiten bedrängt zu werden – von vorn durch uns und von der Flanke durch das Korps des Generals Fermor, das Memel bereits eingenommen hatte –, es für gut befand, mit seiner ganzen Armee noch weiter zurückzuweichen und sein Hauptquartier von Insterburg nach Wehlau zu verlegen, wohin später auch das Korps des Generals Kanitz zurückgerufen wurde, das zu schwach war, Fermors Vormarsch aufzuhalten. Insterburg und den ganzen Pregel gab er jedoch nicht völlig preis, sondern ließ dort den berühmten Obersten Malachowski mit Husaren und anderen leichten Truppen zurück, damit er die Bewegungen unserer Truppen beobachte und uns auf dem Marsch nach Möglichkeit beunruhige.
In dieser Lage befand sich Preußen zu der Zeit, als wir an seine Grenzen kamen und uns anschickten, mit der ganzen Armee in das Land einzurücken.
Der erste Einmarsch unserer vorderen Truppen erfolgte nicht vor dem 20. Juli, denn an diesem Tag wurde endlich unsere Avantgarde unter dem Kommando des Generals Lieven aus Wirballen in Marsch gesetzt und betrat feindlichen Boden. Als sie den ersten preußischen Flecken, Stallupönen genannt, erreicht hatte, schickte er sogleich eine Streifpartie aus, um den Feind aufzuspüren und Kundschaft über ihn einzuholen; sie bestand aus 300 Mann der berittenen Grenadierregimenter Narwa und Rjasan sowie 180 Tschugujew-Kosaken unter dem Kommando des Majors de la Rua vom Rjasaner Dragonerregiment. Doch dieser erste Schritt geriet uns höchst unglücklich. Zu unserer Schande und Unehre schlugen die Feinde unsere Partie, und das wäre vielleicht nicht geschehen, hätte man mit ihr nicht einen Franzosen, sondern einen Russen geschickt; doch Seiner Exzellenz, Herrn Lieven (der alle Russen nicht leiden konnte und jedem Tschuchonen vor ihnen allen den Vorzug gab – er war eben derselbe, der früher in Reval gewesen war und den ich weiter oben erwähnt habe), gefiel es, einen so wichtigen Auftrag dem Herrn Franzosen anzuvertrauen, der seine Wahl denn auch sehr schlecht rechtfertigte.
Dieser nichtswürdige Offizier war von Stallupönen kaum drei Meilen vorgerückt, als er, da er nirgends einen Feind sah, sich auf die allerdümmste Weise einbildete, es sei keiner auch nur in der Nähe; und so quartierte er sich im Dorf Kumelen ein, begann zu zechen und zu trinken und ließ nicht nur sich selbst, sondern auch allen seinen Dragonern freie Hand, sich derselben Trunkenheit und anderen Ausschweifungen hinzugeben, geradeso, als wären sie in einem befreundeten Land und hätten nichts zu befürchten. Doch darin täuschten sie sich alle gewaltig. Der oben erwähnte tapfere preußische Oberst Malachowski hatte kaum vom Einmarsch unserer Truppen erfahren, als er im Nu mit einer Menge schwarzer und seiner gelben Husaren zur Stelle war. Die unerwartete Nachricht, preußische Husaren hätten sich schon hinter dem Dorf gezeigt, schreckte unsere Zecher, die sich über das ganze Dorf verstreut hatten, auf und stürzte sie alle in die größte Verwirrung. Doch während sie noch zusammenliefen und sich sammelten, während sie sich in aller Eile hinter dem Dorf aufstellten, stand die ganze feindliche Partie schon vor ihnen. Unsere Kosaken machten sich Ehre und fielen mit ihrem gewaltigen, gewohnten Geschrei von beiden Flanken über den Feind her; da sie hier aber nicht auf Tataren, sondern auf ordentliche und tapfere Husaren stießen, trieben diese sie bald zurück und gaben eine kräftige Salve aus ihren Karabinern auf sie ab. Dieser erste misslungene Versuch erschreckte unsere Dragoner, die ohnehin nicht sonderlich tapfer sind, derart, dass sie, als sie sahen, wie der Feind selbst mit blanken Säbeln auf sie zugesprengt kam, vor lauter Angst, ohne einen einzigen Schuss abzugeben, ins Wanken gerieten und die Flucht ergriffen. Da saßen ihnen die Feinde im Nacken und jagten sie durch das Dorf Mikulen mehr als zwei Meilen weit, hieben und stachen sie nieder und nahmen sie gefangen. Endlich kam den Unseren Sukkurs zu Hilfe und hielt den Feind von weiterer Verfolgung ab.
In diesem ersten, für uns unglücklichen Scharmützel wurden mehr als 40 unserer Dragoner und auch einige Kosaken erschlagen, 26 Mann gerieten in Gefangenschaft.
Auf feindlicher Seite aber ging, wenn man ihren Relationen glauben will, kein einziger Mann verloren; verwundet wurden nur 3, und 1 Pferd wurde getötet.
Die Kunde von diesem unglücklichen Vorfall verbreitete sich bei uns sogleich im ganzen Lager. Alle waren mit unseren Dragonern höchst unzufrieden, und den Herrn Major schalten und beschimpften alle ohne jedes Erbarmen. Er erhielt dafür auch die verdiente Strafe. Man degradierte ihn zum Soldaten, legte ihn in Ketten und ließ ihn vor Gericht stellen; den Wachtmeister seines Kommandos aber, Drjabow, der beträchtlichen Mut bewiesen, das Kommando auf der Flucht aufzuhalten versucht und dem Feind nach Kräften Widerstand geleistet hatte, beförderte man zum Leutnant,
Doch wäre es gut gewesen, wenn die ganze Sache damit ein Ende gefunden hätte und unser ganzer Fehltritt damit wiedergutgemacht gewesen wäre! Es kam aber anders. Der erwähnte Vorfall scheint dem äußeren Anschein nach zwar unbedeutend – denn solcher kleinen Scharmützel gibt es in Kriegen unzählig viele, sie entscheiden niemals die Hauptsache und gereichen meist nur beiden Seiten zum Schaden und zur Last –, von diesem Scharmützel aber lässt sich das nicht sagen; vielmehr ist es besonders denkwürdig dadurch, dass es große und schreckliche Folgen nach sich zog, die vielen Tausenden von Menschen zum Unglück gereichten. Denn erstens machte es in unserem ganzen Heer einen großen Eindruck von der Tapferkeit der Preußen und vermehrte dadurch in den Herzen sehr vieler Krieger die ohnehin schon große Scheu, Feigheit und Furcht vor den Preußen; zweitens flößte es unseren Feinden eine für uns sehr nachteilige Meinung von uns und unserer Tapferkeit ein und ermutigte sie außerordentlich; drittens aber, und das ist das Wichtigste und Denkwürdigste, gab es Anlass dazu, dass nicht nur die feindlichen Truppen, sondern sogar die preußischen Einwohner selbst sich einbildeten, wir alle seien schlimmer als alte Weiber und zu nichts zu gebrauchen. Deshalb rüsteten sich nun sogar ihre Bauern gegen uns und begannen, uns überall Schaden und Unruhe zu bereiten, und zum besonderen Unglück gaben sie davon die erste Probe im erwähnten Dorf Mikulin; denn als die Unseren, von den Preußen verfolgt, durch dieses Dorf sprengten, dachten die dortigen Bewohner, die Preußen hätten uns schon alle besiegt, und kamen aus Leichtsinn auf den Gedanken, den Husaren selbst beim Niederschlagen zu helfen, und schossen aus ihren Häusern und Fenstern auf die Unseren. Das aber gab den Anlass dazu, dass unser Feldmarschall, als man ihm davon meldete, verbittert und verärgert über all dies den unseligen Befehl erteilte, man solle künftig, wo immer sich Ähnliches ereigne und die Einwohner die Hand gegen uns erhöben, auch die Bewohner selbst nicht schonen und solche Dörfer verwüsten.
Doch kaum war dieser unselige Befehl seinem Mund entflogen, als er von unseren Kosaken, Kalmücken und anderen leichten Truppen sogleich missbraucht wurde.
Sie, die überall und nach allen Seiten ausgeschickt wurden, um Kundschaft über den Feind einzuholen, schonten nun weder Schuldige noch Unschuldige, sondern begannen an vielen Orten aus Gier nach Beute große Verwüstungen anzurichten: Sie vertrieben die Bewohner nicht nur aus den Dörfern, sondern quälten, schlugen und plünderten sie, verwüsteten ihre Häuser, brannten sie stellenweise sogar nieder und verübten solche Untaten, Unmenschlichkeiten und Ausschreitungen, wie sie nur Barbaren ziemen. Diese flößten nicht nur allen preußischen Einwohnern den größten Hass und Groll gegen uns ein, sondern bedeckten uns auch vor aller Welt mit Schande und Unehre, denn die Kunde von diesen Verwüstungen und Barbareien verbreitete sich sogleich überallhin, und überall begann man, uns für wahre Barbaren zu halten. Doch nicht genug damit: Da es später kein Mittel mehr gab, unsere auf den Geschmack gekommenen Kosaken im Zaum zu halten, gereichten die von ihnen angerichteten Verwüstungen später uns selbst zu empfindlichem Schaden und bewirkten, dass all die so zahlreichen Mühen, die wir in diesem Sommer auf uns nahmen, uns nur Unehre eintrugen und nicht den geringsten Nutzen brachten.
Da sieht man, was der Fehler eines einzigen Menschen bewirken kann! Doch ich bin schon vom Gegenstand abgekommen, und nun ist es Zeit, zur Fortsetzung meiner Erzählung zurückzukehren.
Endlich, am 22. Juli, brach auch die ganze Armee auf und rückte in das Königreich Preußen ein. Der Eintritt in Feindesland weckte in uns allen ein ganz besonderes Gefühl. „Herr, segne uns“, sagten wir damals zueinander, als wir den Boden unserer Feinde unter uns hatten, „nun sind wir endlich im preußischen Land! Wem wird Gott wohl gewähren, glücklich wieder herauszukommen, und wem ist bestimmt, hier seinen Kopf zu lassen!“ Wir fanden die Gegenden dieses Königreichs ganz anders als die polnischen. Hier herrschten in allem schon eine andere Ordnung und Einrichtung: Die Dörfer waren sauber, ordentlich angelegt und gebaut, die Wege überall gut, in den Niederungen überall gepflastert und stellenweise wie Dämme erhöht und mit Bäumen bepflanzt. Mit einem Wort, man konnte das alles nicht ohne besonderes Vergnügen betrachten. Da damals überdies noch keinerlei Verwüstung angerichtet worden war, befanden sich alle Bewohner in ihren Häusern, standen, ohne uns im Geringsten zu fürchten, alle vor ihren Häusern, und Frauen und Mädchen füllten Zuber mit frischem Wasser und gaben den vorüberziehenden Soldaten zu trinken. Mit einem Wort, es schien damals, als wären wir nicht in ein feindliches, sondern in ein befreundetes Land gekommen.
Unsere erste Station in Preußen war bei dem erwähnten ersten preußischen Flecken oder kleinen Städtchen Stallupönen.
Wir marschierten zwar auf zwei Wegen dorthin, doch beide Divisionen nebeneinander, und schlugen deshalb das Lager in einer Linie zu beiden Seiten dieses Fleckens auf, den wir vor uns hatten.
Kaum waren wir (am 23.) an diesem Ort angekommen und hatten uns eingerichtet, hier einen Rasttag zu halten, als am folgenden Tag in der ganzen Armee der erste Alarm entstand. Es war gerade Mittag, als bei uns in allen Regimentern die Trommeln geschlagen wurden und alles Volk in außerordentliche Aufregung geriet. Jeder ließ liegen, womit er beschäftigt war, kleidete sich an, griff zur Waffe und lief vor die Front, wohin alle Regimenter geführt wurden. Die Generale ritten vor den Regimentern auf und ab, und Adjutanten und Ordonnanzen sprengten unablässig bald in die eine, bald in die andere Richtung, sodass der Staub von ihnen nur so in Säulen aufstieg. Wir wussten nicht, wozu all das geschah, und hatten von den oben erwähnten Umständen der preußischen Armee und davon, wie weit sie von uns entfernt war, nicht die geringste Kenntnis; so schlossen wir nichts anderes, als dass gewiss die ganze feindliche Armee anrückte, um uns anzugreifen, und schon ganz nahe war. Daher muss man gestehen, dass dieser erste Vorfall und das Herannahen der vermeintlichen Bataille uns alle in eine gewisse Bangigkeit versetzte, besonders deshalb, weil noch niemand je einen Feind gesehen und noch keiner in einer Schlacht gestanden hatte. Unser Regiment stand damals fast ganz am rechten Flügel, und darum griff man bald darauf aus unserem und einigen anderen Regimentern je einige hundert Mann heraus und schickte sie unter einem Obersten in größter Eile nach rechts hinter das Dorf. Wir glaubten damals, dort sei gewiss der Feind und wir würden als Erste mit ihm kämpfen; und da ich selbst bei diesem Kommando war, kann ich sagen, dass ich dort zur Genüge sah, wie nicht nur so junge Leute, wie zum Beispiel ich einer war, sondern auch die ältesten Soldaten Bangigkeit zeigten, sodass wir Offiziere sie ermutigen und zur Unerschrockenheit anspornen mussten. Ich kann mich bis heute nicht ohne Lachen erinnern, welche Rolle ich damals spielte. Mir selbst war es ganz bang ums Herz, und ich glaube, jeder hätte mir am Gesicht ansehen können, dass es nicht auf dem rechten Fleck war und dass ich selbst gewaltig bangte und Angst hatte; dennoch bemühte ich mich auf jede Weise, das zu verbergen, und indem ich eine heldenhafte und unerschrockene Miene aufsetzte, redete ich meinen Soldaten auf alle Art zu und ermahnte sie, nicht zu verzagen, keine Angst zu haben und tapfer gegen den Feind zu kämpfen. Kurz, ich hielt ihnen den ganzen Weg über regelrechte Predigten, während meine eigenen Beine ihnen kaum zu folgen vermochten. Was bewirken nicht die Neuheit einer Lage und die mangelnde Gewöhnung! Doch was kam am Ende bei alldem heraus?
Als wir hinter das Dorf hinausgekommen waren, das Petrinatschen hieß und fast vor unserer Front lag, sahen wir niemanden vor uns, sondern nur freies Feld und in einiger Entfernung einen Wald.
Da jedoch alles darauf hinauslief, dieses Dorf und den rechten Flügel unserer Armee zu decken, und wir schlossen, der Feind befinde sich gewiss im Wald, stellten wir uns ordentlich auf, machten Gewehre und Patronen bereit und warteten auf den Feind. Doch hätten wir lange auf ihn warten können, denn vom Feind war dort keine Spur, und wir standen bis zum Abend und schauten uns die Augen aus. Endlich brach die Nacht herein, und man führte uns von diesem Platz ab; statt uns aber ins Lager zu entlassen, führte man uns ein Stück zurück und stellte uns wieder auf freiem Feld zur Deckung des rechten Flügels der Armee auf, wo wir die ganze folgende Nacht stehen mussten. Sie kam uns sehr sauer an und war die erste, die ich sehr unruhig verbrachte, denn kaum war es dunkel geworden, als eine fürchterliche Wolke heranzog und ein so fürchterliches Gewitter mit gewaltigem Regen und Sturm losbrach, wie ich es in meinem Leben selten erlebt habe. Man kann sich also leicht denken, wie uns zumute war, die ganze Nacht nicht nur ohne Zelte, sondern auch ohne Mäntel unter Regen und Sturm zu verbringen, und was das Ärgerlichste war: umsonst und ohne jede Not. Genug, wir alle ließen damals jeden Rang beiseite und verkrochen uns unter Munitionskästen und Kanonen, und selbst die Stabsoffiziere leisteten uns dabei Gesellschaft. Trotz alledem entließ man uns erst bei Tagesanbruch, und das geschah vielleicht deshalb, weil man uns ganz vergessen hatte, denn es bestand keinerlei Gefahr; und wir konnten auch später nicht erfahren, woher dieser ganze Alarm und die ganze Verwirrung gekommen waren. Man muss wohl annehmen, dass sich irgendwo ein paar feindliche Husaren gezeigt hatten, die zum Spähen ausgeschickt waren, und unsere Heerführer vielleicht meinten, schon die ganze preußische Armee rücke an, um uns zu schlagen und aus dem Königreich zu vertreiben; denn wegen einer kleinen Partie hätte es sich nicht gelohnt, die ganze Armee zu alarmieren und zu beunruhigen.
Am Morgen, das heißt am 24. Juli, brachen wir mit der ganzen Armee weiter auf, marschierten anderthalb Meilen bis zu einem preußischen Dorf, schlugen dort auf Hügeln und sehr unebenem Gelände das Lager auf und hielten an diesem Ort wiederum Rasttag. Hier sahen wir zum ersten Mal die jammervollen Folgen des blutigen Krieges. Im ganzen Dorf war kein einziger Mensch; alle Bewohner waren davongelaufen und hielten sich in den Wäldern versteckt, Häuser und ihre ganze Habe dem Feind zur Plünderung überlassend. Dieses Dorf war in der Tat von den Unseren schon auf das Allerschrecklichste verwüstet worden. Es gab fast kein einziges heiles Haus, in dem nicht etwas zerhackt, zerschlagen und zersplittert gewesen wäre; kein einziges Fenster und kein einziger Ofen war ganz geblieben, geradeso, als wären auch diese leblosen Dinge Feinde gewesen und hätten uns Übles getan. Was aber die übrige bäuerliche Habe betrifft, die sie nicht hatten mitnehmen können, so war davon keine Spur mehr übrig, nur Federn und Daunen lagen auf den Fußböden der Stuben verstreut; denn auch von den Bettbezügen wollten sich die Unseren nicht trennen, da aber niemand die Federn brauchte, lagen sie überall auf den Böden der Stuben und Kammern herum. Und so war es allgemein überall, wo solche Verwüstungen vorkamen.
Ein solcher Anblick erschütterte uns und erweckte ein gewisses Mitleid selbst mit unseren Feinden. In der ganzen Armee hieß es damals, den Anlass zu solcher Verwüstung hätten die preußischen Einwohner selbst gegeben: Ihnen allen sei durch Manifeste unseres Feldmarschalls bekannt gemacht worden, dass man sie in Ruhe lassen werde, wenn sie nur selbst keine feindlichen Handlungen unternähmen; sie hätten aber mehr ihren eigenen Truppen gehorcht, die ihnen befohlen hätten, uns bei jeder Gelegenheit zu beunruhigen und uns jeden möglichen Schaden zuzufügen, und deshalb hätten sogar die Bauern aus den Wäldern und hinter Büschen hervor auf unsere Soldaten geschossen, besonders nach dem letzten, für sie erfolgreichen Scharmützel. Weiter hieß es, unser Feldmarschall habe einen Eilboten zum preußischen Oberbefehlshaber geschickt mit der Forderung, den Bauern solche Frechheiten und Belästigungen zu untersagen, widrigenfalls man sie dafür gebührend bestrafen werde. Da aber von feindlicher Seite kein solches Verbot ergangen sei, habe eben dies unseren Heerführer bewogen, sie selbst zu bestrafen und dieses Übel durch die erwähnten Verwüstungen abzuwenden.
Ob dieses Gerücht zutraf oder nicht, weiß ich nicht genau; bekannt ist nur, dass das Übel dadurch nicht verringert, sondern nur noch vergrößert wurde.
Am 26. brachen wir wieder auf und gelangten an diesem Tag bis zu dem bedeutenden preußischen Städtchen Gumbinnen, dem Hauptort der dortigen Gegend; wir lagerten daneben und ruhten hier ganze zwei Tage, während welcher Zeit alle Gumbinner Einwohner vereidigt wurden. Dieses schöne Städtchen, das weder befestigt noch von den Seinen gedeckt, sondern ohne jeden Schutz gelassen war, unterwarf sich uns ohne Widerrede und schickte vorab Mitglieder seines Magistrats zum Feldmarschall mit der Bitte, sie unter seinen Schutz zu nehmen; dasselbe taten auch einige andere benachbarte Städtchen und Flecken.
Da die Armee, wenn sie von diesem Ort weiter gegen die Stadt Insterburg vorrückte, an einer Stelle ein sehr enges Defilee durch einen dichten und großen Wald und zwischen Hügeln passieren musste, und die Nachricht eingegangen war, dieser enge Durchgang sei von feindlichen Husaren besetzt, so wurde am 27. abends, nachdem schon der Zapfenstreich geschlagen war, von der Armee eine ansehnliche Partie ausgesandt, um diesen engen Durchgang zu erkunden und zu säubern; sie bestand aus 300 Husaren, 300 Tschugujew-Kosaken und 500 Donkosaken unter dem Kommando des Generalquartiermeisters von Stoffeln und des Husarenobersten Stojanow; zu ihrer Verstärkung sollte Brigadier Demiku mit einigen Schwadronen Kürassiere und anderer Kavallerieregimenter folgen. Als sich diese Partie bei Tagesanbruch des folgenden Tages dem erwähnten Wald näherte, fand sie dort tatsächlich eine nicht geringe Zahl feindlicher Husaren unter dem Kommando des oben erwähnten Obersten Malachowski und griff sie deshalb sogleich an; dieses kleine Gefecht war das erste ordentliche zwischen uns und den Preußen. Die Preußen schrieben in ihren Relationen, der erwähnte Oberst habe angeblich nur etwas über hundert Husaren bei sich gehabt; er sei in der Nacht auf diesen Tag von Gerwischkehmen aufgebrochen, um die Stellung unserer Armee zu rekognoszieren, und sei bis auf weniger als eine halbe Meile an uns herangekommen; Nebel und Dunkelheit hätten ihn angeblich gezwungen, zu seinem Posten zurückzukehren, der zwischen dem Fluss Pissa und dem Pitschiner Wald gelegen habe; dort hätten ihn die Unseren mit weit überlegener Macht angegriffen, wodurch es zu einem heftigen Schusswechsel gekommen sei, der ganze zwei Stunden gedauert habe; schließlich aber habe er die Unseren angeblich vertrieben, doch da sie sich in den Wald zurückgezogen hätten, habe man sie nicht weiter verfolgen können. Dem fügen sie, nach ihrer Gewohnheit, auf die allerschamloseste und gewissenloseste Weise zu prahlen und zu lügen, noch hinzu, wir hätten außer vielen Verwundeten und einem von ihnen gefangenen Husaren angeblich mehr als 50 Mann an Toten verloren, bei ihnen aber seien nur einige wenige Mann getötet und verwundet worden.
Doch das ist ganz und gar unwahr, und ihre Lüge ist aus ihrer Relation selbst ersichtlich, obwohl sie sie mit der Versicherung zu bemänteln suchten, ihre Angaben seien wahr, und besonders die Tapferkeit unserer Husaren und Kosaken rühmten.
In Wahrheit aber, wie es uns, die wir beinahe Augenzeugen waren, hinlänglich bekannt war, griff Oberst Stojanow sie mit seinen Husaren und Kosaken so tapfer an, dass sie nach zweistündigem Gefecht und Schusswechsel die Flucht ergreifen mussten; unsere Partie warf sie, noch ehe ihr Sukkurs eingetroffen war, nicht nur aus dem erwähnten Defilee, sondern verfolgte sie auch mehr als eine Meile weit, ja bis hinter Insterburg, wobei sie etwa 50 Husaren samt einem Offizier niedermachte und 1 Husaren, 1 Jäger und 2 bewaffnete Bauern gefangen nahm. Auf unserer Seite aber fielen 1 Husarenleutnant und 5 Husaren; verwundet wurden 1 Kosakenfähnrich, 1 Kosak und einige Husaren.
Die Nachricht von diesem ersten kleinen Vorteil über den Feind ermutigte unsere ganze Armee sehr. Alle freuten sich insgesamt darüber, dass auch die Preußen laufen können und dass unser früherer Fehltritt hinreichend wiedergutgemacht sei. Ferner rühmte man General Stoffeln für seine kluge Anordnung und Oberst Stojanow für seine unerschrockene Tapferkeit; auch hieß es, bei diesem Gefecht seien einige unserer Herren Volontäre zugegen gewesen, nämlich der junge Graf Apraxin, Graf Bruce, Fürst Repnin und Baron L'Hôpital, ein Neffe des französischen Gesandten.
Während sich dies bei uns vorn zutrug, standen wir mit der Armee ruhig bei Gumbinnen und ruhten aus, was mir besonders deshalb im Gedächtnis geblieben ist, weil ich mich diesen ganzen Tag mit der Übersetzung meines Buches beschäftigte.
Nachdem also der oben erwähnte enge Durchgang in unsere Hand gebracht war, brach unsere Armee am 29. auf, ließ in Gumbinnen das Infanterieregiment Nisowski mit den Kranken zurück, überschritt das Flüsschen Narp und schlug, beim erwähnten Wald und dem Dorf Stanaitschen angelangt, ihr Lager auf.
Kaum waren wir an diesem Ort angekommen, als von der vorausgeschickten Avantgarde die Nachricht einging, die feindliche Armee stelle sich angeblich ganz hinter dem Wald in Schlachtordnung auf; und da man dies so deutete, dass sie eine Bataille liefern oder uns mit aller Macht hindern wolle, durch den erwähnten engen und langen Wald zu ziehen, wurde, sobald es dunkel geworden war, der Generalmarsch geschlagen, und die ganze Armee zog, alle Trosse und zu deren Deckung einige Regimenter zurücklassend, mit der Artillerie in der Nacht durch den erwähnten Wald. Wir blieben mit unserem Regiment damals in der Arrièregarde beim Tross und warteten voller Ungeduld, was vorn mit der Armee geschehen würde und ob es nicht zur Hauptschlacht oder zu irgendeinem wichtigen Gefecht käme. Doch am Morgen hörten wir, sie habe den erwähnten Wald glücklich und ohne jede Behinderung durchzogen, und außer einem kleinen Scharmützel, das sich im Wald zwischen unseren Kosaken und preußischen Husaren zugetragen hatte, die herangeritten waren, um unsere Armee zu rekognoszieren, und in dem Letztere abermals mit Verlust vertrieben wurden, sei nichts vorgefallen. Zwar lügen die Preußen in ihren Bekanntmachungen auch über diesen dritten Fall, unbarmherzig prahlend, sie hätten die Unseren vertrieben und nur geringen Verlust gehabt; doch wie könnte das sein, da hier die ganze Armee marschierte und von ihnen nur etwa zweihundert Mann mit dem erwähnten Obersten Malachowski herangeritten waren?
Als unsere Armee den Wald durchzogen hatte, fand sie vor sich nicht nur nicht die ganze feindliche Hauptarmee, sondern überhaupt keine preußischen Truppen mehr, und da erfuhr man, dass das ganze Gerede über die preußische Armee völlig unzutreffend gewesen war. Es stimmte zwar, dass man feindliche Infanterie in jener Gegend sich hatte aufstellen sehen; später aber erfuhr man, dass es nur ein kleines Detachement gewesen war, bestehend aus einer gewissen Anzahl preußischer Reiterei und Infanterie, das unter dem Kommando des Generalmajors Platen von ihrer Armee vorausgeschickt worden war, um die Bewegungen unserer Truppen zu beobachten und Insterburg zu decken, und deshalb bis dahin bei dieser Stadt gestanden hatte. Als es aber erfuhr, dass unsere Armee schon nahe herangekommen war, und sich für zu schwach hielt, sie aufzuhalten, schickte es sich an, weiter hinter Insterburg zurückzuweichen, und zerstörte die Brücken bei dieser Stadt über die Flüsschen Aalrup und Inster; unseren vorderen Truppen aber war es so vorgekommen, als stelle sich schon die ganze feindliche Armee in Schlachtordnung auf und bereite sich zum Kampf vor, obgleich diese noch einige Werst von uns entfernt war und weder im Sinn noch in Gedanken etwas dergleichen hatte.
Bei uns aber gab es Feigheit und Furcht, Gott weiß wie viel!
Woraus sich von selbst ergibt, dass unsere Heerführer vom Feind und der Stellung seiner Armee eine sehr schlechte und unzureichende Kenntnis hatten.
So erhielten auch wir am Morgen den Befehl, mit dem Tross und der Arrièregarde der Armee zu folgen, und als wir erst in der Nacht bei ihr ankamen, fanden wir sie etwa drei Werst vor der Stadt Insterburg in deren Sichtweite stehend, wo sie den ganzen Tag in der Hitze ohne Zelte auf uns gewartet hatte.
Auf diesem Marsch bekam ich zum ersten Mal einen Feind zu Gesicht, allerdings keinen lebenden, sondern einen toten. Es war in dem erwähnten Wald, als man uns sagte, abseits unter einem Busch liege ein Leichnam. Wir alle sprengten mit größter Neugier hin, ihn zu besehen. Doch welch jammervoller Anblick bot sich unseren Augen! Der Mann war von gewaltiger Statur und hatte einen großen Schnurrbart; er lag völlig entblößt auf dem Rücken, von der Hitze ganz aufgedunsen und angeschwollen wie von der Wassersucht; unter der ganzen aufgeblähten Haut wimmelten Würmer, sodass man ihn nicht ohne Grauen und inneres Schaudern ansehen konnte. Wir mussten denn auch bald den Blick abwenden und, aufseufzend, davonreiten, wobei wir zueinander sagten: „So wird es vielleicht auch uns einmal irgendwo ergehen, dass wir unter einem Büschchen liegen und den Elementen, den Tieren, Vögeln, Würmern und Insekten zur Beute werden!“ Doch mein Brief ist schon lang. Es ist Zeit, ihn zu beenden und Ihnen zu sagen, dass ich bin und so weiter.
MARSCH DURCH PREUSSEN
42. Brief
Lieber Freund! Meinen letzten Brief an Sie habe ich mit unserer Ankunft bei Insterburg beschlossen. Indem ich nun meine Erzählung fortsetze, will ich sagen, dass wir kaum an diesem Ort angekommen waren, als wir hörten, die Unseren hätten sich dieser Stadt schon bemächtigt: Da die Preußen nur ein kleines Kommando darin zurückgelassen hatten, vertrieben es unsere Donkosaken sogleich; wir dagegen legten das Infanterieregiment Newski als Garnison in dieses sehr wenig befestigte Städtchen.
Am folgenden Tag, das heißt am 31. Juli, rückten wir näher an die Stadt heran, bezogen ein zwischen Insterburg und einem anderen, ihm gegenüber jenseits des Flusses gelegenen Städtchen, Georgenburg, abgestecktes Lager und standen hier sowohl diesen als auch die beiden folgenden Tage, das heißt den 1. und 2. August.
In dieser Zeit wurde die erste in der Stadt dem Feind abgenommene Beute verteilt; sie bestand aus einem gewaltigen Salzmagazin, und davon war so viel vorhanden, dass alle in der Armee befindlichen Leute, Dienende wie Nichtdienende, je zwei Pfund pro Kopf bekamen, und darüber hinaus blieb noch eine Menge als Vorrat übrig. Auch fand man in der Stadt ein Zeughaus mit einer Menge alter preußischer Ausrüstung, die vollständig an unsere Kalmücken verteilt wurde, und in Georgenburg fand man einige hundert Tschetwert Gerste und Hafer.
Am folgenden Tag, das heißt am 4. August, trafen auch unsere übrigen, aus Russland kommenden leichten Kosaken- und Kalmückentruppen sowie einige Dragonerregimenter unter dem Kommando des Generals en chef Sibilski und der Generalleutnants Sybin und Kostjurin bei der Armee ein.
Somit fehlte damals nur noch die Division des Generals Fermor, die nach der Einnahme Memels ebenfalls herankam, um sich mit uns zu vereinigen.
Der erwähnte General en chef Sibilski war erst vor Kurzem aus polnischen in unsere Dienste übernommen worden, und zwar aufgrund des Rufes, der von ihm umging, er sei ein tapferer und geschickter General. Deshalb wurde er bei der Annäherung an die preußischen Grenzen den erwähnten leichten Truppen entgegengeschickt und erhielt den Befehl, mit ihnen an einer anderen Stelle, weiter zu unserer Linken, in Preußen einzurücken, seinen Marsch über Goldap und Oletzko zu nehmen und die dortigen Bezirke zu besetzen. Als dieser General in Preußen eingerückt war, wunderte er sich höchlich über die Verwüstungen, Brandstiftungen und Plünderungen, die die Kosaken überall anrichteten, und musste mit Verdruss Zeuge all der Grausamkeiten und Barbareien sein, die unsere Kosaken und Kalmücken gegen alle Kriegsregeln verübten.
Über diese Verwüstungen schrieben die Preußen damals, zu unserer ewigen Schande, in ihren Relationen, sie hätten, sobald sie über Oletzko in Preußen eingerückt seien, sowohl diese Stadt als auch Goldap mitsamt einer Menge Dörfer bis auf den Grund ausgeplündert, die Dörfer Monethen, Garzicken, Danilen und Friedrichshofen aber gänzlich in Asche gelegt und dabei auch sehr viele Menschen umgebracht. Ferner, an allen dortigen Orten sei nichts als Feuer und Rauch zu sehen gewesen; am weiblichen Geschlecht seien die allergrößten Ausschweifungen und Schändungen verübt worden; aus dem niedergebrannten Dorf Monethen seien alle Frauen auf den See geflohen, hätten sich aber auch dort im Schilf vor den Kalmücken nicht verbergen können; den Pfarrer Hoffmann in Schareiken hätten sie halb zu Tode gemartert, um Geld aus ihm herauszupressen, obwohl er ihnen längst alles, was er an Habe besaß, gegeben hatte, und so weiter.
Solche Taten unserer Kosaken und Kalmücken brachten uns wahrlich wenig Ehre, denn alle europäischen Völker, die von solchen Barbareien hörten, begannen auch von unserer ganzen Armee zu denken, sie sei ebenso.
Was nun diese Kalmücken betrifft, so hatten wir damals zum ersten Mal Gelegenheit, diese leichten Truppen von uns zu sehen und ordentlich zu betrachten. Sie kamen uns sehr seltsam vor, besonders wenn sie halbnackt an uns vorüberritten und ihre geflochtenen Peitschen verkauften, die zu machen sie große Meister sind. Ihre Kleidung war meist leicht, aus rotem Tuch, doch sie zogen sie nie ordentlich an. Ihre Lieblingsgewohnheit – Pferdeaas zu essen und Pferdekadaver in Kesseln zu kochen – konnten wir nicht ohne Ekel ansehen. Wir sahen auch ihren Gottesdienst, der in einem besonderen runden Zelt abgehalten wurde. Einige ihrer Geistlichen saßen, die Beine nach tatarischer Art untergeschlagen, ringsum im Zelt am Boden, und jeder von ihnen murmelte, in einem Büchlein lesend, und darin allein bestand ihr ganzer Gottesdienst. Im Übrigen hielten wir anfangs sehr viel von ihrer Tapferkeit, später aber zeigte sich, dass es gleich gewesen wäre, wenn es sie überhaupt nicht gegeben hätte, denn sie brachten uns nur Unehre ein und nützten sehr wenig. Doch ich will zur Fortsetzung meiner Erzählung zurückkehren.
Der 3. August war einzig für den Übergang über den Fluss Inster bestimmt, der zwischen Insterburg und Georgenburg fließt.
Dieser Fluss war zwar klein, doch man musste eine Brücke schlagen, und über ihn hinüberzukommen ging nicht schnell. So wurde das Lager auf seiner anderen Seite bei der Burg Georgenburg aufgeschlagen.
Am folgenden Tag (dem 4.) setzten unsere neu eingetroffenen leichten Truppen über den Fluss, zogen an der Armee vorüber und stellten sich vor ihr auf, denn sie waren dazu bestimmt, stets vorn zu sein, die sogenannte fliegende Armee zu bilden und unseren Weg vom Feind zu säubern. Deshalb, und weil sie auf Fermors Division wartete, musste die Armee in diesem Lager einen Rasttag halten und schickte nur das Avantgardekorps voraus.
Während dieses Rasttages hatten wir Zeit, die Stadt Insterburg zu besuchen und uns alles Nötige zu kaufen. Doch wir fanden fast nichts mehr vor, alles war längst aufgekauft, und für kein Geld der Welt war etwas zu bekommen. Dieses Städtchen ist zwar nicht sonderlich groß, aber recht hübsch. Die Gebäude darin sind aus Stein, hoch und recht ansehnlich. Es liegt unmittelbar am Ufer des Flüsschens Angerapp, das sich hier mit dem Flüsschen Inster und einigen anderen vereinigt und dann schon Pregel heißt und nach Königsberg fließt. Und da unsere Armee vorhatte, auf der anderen Seite des Pregels zu marschieren, musste sie von diesem Ort aus nach links abbiegen.
Am Morgen des fünften wurde der Befehl zum Aufbruch gegeben, doch vor dem Abmarsch hatte ich Gelegenheit, ein jammervolles Schauspiel zu sehen, wie es Russland während der glücklichen und friedlichen Herrschaft Elisabeths fast ganz vergessen hatte und wie ich es noch nie gesehen hatte, nämlich die Hinrichtung schuldiger Verbrecher. Wir wunderten uns, als wir am Morgen aufstanden und unmittelbar vor unserem Regiment einen aufgerichteten Galgen sahen, und wussten nicht, was das zu bedeuten habe. Doch bald erfuhren wir den Grund. Man führte unser Regiment vor die Front, ließ es den Galgen umstellen, und wir sahen neben ihm einige preußische Bauern in Ketten. Ihr Verbrechen bestand darin, dass sie, wie oben erwähnt, heimtückisch hinter Büschen hervor auf unsere Soldaten geschossen und einige von ihnen getötet hatten. Und da diese Beunruhigungen zugenommen hatten, war beschlossen worden, zur Abschreckung der Übrigen einige von den Gefangenen mit dem Tod zu bestrafen. So wurden damals vor unseren Augen zwei gehängt, elf Männern aber, deren Verbrechen nicht so groß war, wurden die Finger an den Händen abgehackt, und man ließ sie wieder frei.
Ich kann sagen, dass ich dieses Blutvergießen nicht ohne Abscheu ansehen konnte und mich auch heute noch nicht ohne inneres Erschauern des Herzens daran erinnern kann.
Die Anwendung dieses grausamen Mittels brachte zwar den Nutzen, dass die preußischen Bauern seither weniger Untaten verübten, gab aber andererseits den Preußen Anlass, uns in ihren Schriften noch mehr der Grausamkeit zu beschuldigen und uns sogar vieles anzudichten und zu erfinden, was vielleicht nie geschehen war, wie davon weiter unten die Rede sein wird.
Nach Beendigung dieser Exekution brachen wir auf und setzten unseren Weg auf der rechten Seite des Pregels flussabwärts fort, legten an diesem Tag aber nicht mehr als sechs Werst zurück und schlugen beim Dorf Sterkenimken das Lager in zwei Linien auf; die Avantgarde aber wurde einige Werst weiter vorn beim Dorf Leisenimken aufgestellt, und noch weiter vorn säuberten unsere leichten Truppen die Gegend bei Saalau.
An diesem Ort standen wir ganze drei Tage, denn die feindliche Armee war nicht mehr allzu weit von uns entfernt, ihre vorderen Truppen unter dem Kommando des Generalleutnants Graf Dohna sogar recht nahe; dieser war mit 6 Bataillonen Infanterie und 15 Schwadronen Reiterei einige Meilen vor der Armee vorgerückt und hatte bei Taplacken an einem sehr vorteilhaften Ort Stellung bezogen, wobei er sein Lager mit einer Verschanzung und Batterien befestigte; vor ihm befanden sich ihre Husaren und übrigen leichten Truppen. Das gab bald Gelegenheit zu einem Scharmützel zwischen ihnen und unseren Kosaken; denn als aus dem erwähnten Lager unsere Kosaken und Kalmücken ausgeschickt wurden, um den Feind aufzuspüren, stießen sie bald auf preußische Husaren, die bei Norkitten standen und es wagten, sie anzugreifen. Doch auch diesmal erging es ihnen sehr übel. Sie wurden von unseren Kosaken geschlagen, vertrieben und verloren mehr als hundert Mann. Über diesen Vorfall gestehen die Preußen selbst, dass sie besiegt wurden, obwohl sie ihren Misserfolg mit allerlei Vorwänden zu bemänteln suchen, indem sie zum Beispiel sagen, einer ihrer Husarenoffiziere, der bei Gaschdorf stand, sei vom Mitleid mit flüchtenden preußischen Landleuten ergriffen worden, die schrien, man nehme ihnen alles weg und plündere sie aus; und da ihm Deserteure versichert hätten, es seien von den Unseren nur etwas über hundert Mann, sei er den Regungen seiner Tapferkeit und den Gefühlen gefolgt, die der Anblick der ausgeplünderten Menschen in ihm weckte, und habe beschlossen, mit 200 Husaren weiter vorwärts bis Norkitten vorzustoßen, um den Kosaken das weggetriebene Vieh wieder abzujagen. Doch dort sei er plötzlich von 3000 Kosaken umzingelt worden, und 300 Mann seien ihm von Plibischken her noch in die Flanke gefallen, weshalb er sich habe zurückziehen müssen; auf diesem Rückzug aber sei er beim Durchqueren vieler Defileen, unablässig zum Kämpfen gezwungen, selbst gefallen, nachdem er bis zu 58 Mann seines Kommandos verloren habe. Doch das ist unwahr, von ihnen wurden mehr getötet, auf unserer Seite aber fiel nur ein einziger Kosak, der von seinem strauchelnden Pferd gestürzt war.
Am 6. August vereinigte sich in diesem Lager endlich auch das Korps des Generals en chef Fermor mit uns, das vor Memel gestanden hatte.
Und da nun unsere ganze Armee vereinigt war, wird es bei dieser Gelegenheit nicht unangebracht sein zu erwähnen, wie groß sie war und welche Generale sie anführten und befehligten.
Was also die Zahl der Truppen betrifft, so zählte man insgesamt 19 Kavallerieregimenter. Diese Reiterei bestand aus 5 Kürassier-, 3 Dragoner-, 5 Husaren- und 6 Regimentern berittener Grenadiere; hinzu kamen noch 14 000 Kosaken, 2000 Kasaner Tataren und 1000 Kalmücken. Die Infanterie aber bestand aus 28 Musketier- und 3 Grenadierregimentern. Sodass man die ganze Armee auf bis zu 134 000 Mann rechnete, nämlich 19 000 Reiter, 99 000 Mann Infanterie und 16 000 Mann irreguläre Truppen.
Was aber die Generalität betrifft, die sich bei ihr befand, so bestanden unsere Heerführer und Befehlshaber aus folgenden Personen: 1) dem Generalfeldmarschall Apraxin als Oberbefehlshaber; 2) den Generalen en chef: Georg Lieven, Lopuchin, Browne, Fermor und Sibilski. Der Erste von diesen, also Lieven, befehligte keine Truppen, sondern befand sich im Gefolge des Feldmarschalls und war diesem zur Beratung beigegeben, gleichsam als eine Art Hofmeister – ein wahrlich seltsames Beispiel! Wie dem auch sei, er hatte an allen Kriegsoperationen großen Anteil; doch hätten wir uns vor aller Welt nicht mit solcher Schande bedeckt, wäre dieser Schlaukopf und vermeintliche Philosoph nicht bei uns gewesen; 3) den Generalleutnants: Matwei Lieven, Iwan Saltykow, Fürst Alexander Golizyn, Sybin und Wilhelm Lieven; 4) den Generalmajoren: Baumann, Schilling, Olitz, Sagrjaschski, Fürst Lubomirski, Graf Rumjanzow, Graf Tschernyschow, Fürst Dolgorukow, Manteuffel, Panin, Fast, Chomjakow und Fürst Wolkonski; 5) den Generalquartiermeistern: Villebois und Stoffeln; 6) den Generalquartiermeister-Leutnants: Weymarn und Springer; und 7) den Brigadieren: Demiku, Tiesenhausen, Dietz, Treiden, Plemjannikow und Hartwich.
So groß war unsere Armee nach den Listen und Papieren; in Wirklichkeit aber war sie damals bei Weitem nicht so groß, denn viele Regimenter hatten nicht ihren vollen Bestand, und überdies befanden sich von allen eine Menge Leute auf verschiedenen Abkommandierungen und abwesend; so war von der erwähnten Zahl kaum zwei Drittel oder die Hälfte tatsächlich zur Stelle.
Kaum hatte sich also, wie oben beschrieben, die ganze Armee vereinigt, als schon am folgenden Tag (dem 7.) in ihr eine neue Aufteilung unter den Regimentern und eine neue Einteilung vorgenommen wurde, und nach dieser Aufteilung kam unser Regiment zum Avantgardekorps unter das Kommando des Generals Lieven.
Dieses Korps setzte sich damals aus fünf Infanterieregimentern zusammen, die man allesamt als die schwächsten an Mannschaft ausgewählt hatte, ferner aus drei Regimentern Grenadierdragoner, vier Husarenregimentern und einigen tausend Kosaken und Kalmücken.
Wir brachen mit diesem Korps vor der Armee auf, und zwar schon am Abend des 8., und nachdem wir etwa acht Werst zurückgelegt hatten, bezogen wir in der Nacht das für die ganze Armee abgesteckte Lager bei einem preußischen Flecken, Leisenimken, in dem am 9. auch die ganze Armee eintraf.
An diesem Tag gab es einen Schusswechsel zwischen unseren Husaren und Kosaken und feindlichen vorderen Partien, die sich etwa drei Werst vor unserem Lager an einem sehr vorteilhaften Ort festgesetzt hatten; besonders heftig war das Feuer gegen Abend, doch als es dunkel wurde, verstummte es, und die Unseren kehrten, nachdem sie den Feind vertrieben hatten, ins Lager zurück; das war schon das vierte Scharmützel mit dem Feind.
Für den 10. war bestimmt, dass die ganze Armee hier Rasttag halten und sich mit dem Brotbacken beschäftigen sollte; doch kaum war es hell geworden, als man schon wieder Gewehrfeuer und auch einige Kanonenschüsse hörte. Wir waren an diese Schusswechsel schon so gewöhnt, dass wir uns im Lager nicht im Geringsten darum kümmerten, sondern uns ruhig in unseren Zelten herumwälzten, denn wir waren überzeugt, dass es sich zwischen den vorderen Truppen abspielte, dass diese allein damit fertig würden und die Sache keineswegs bis zu uns gelangen würde. Doch diesmal beunruhigte man auch uns ein wenig, als man eilig aus unserer Avantgarde je 200 Mann vom Regiment herausgriff und sie mit einigen Kanonen an den Ort schickte, wo der Schusswechsel im Gange war. Der Grund dafür war, dass unsere Kosaken, während sie sich mit einer abziehenden feindlichen Wache beschossen, auf ein preußisches Grenadierbataillon gestoßen waren, das beim Dorf Kolenen stand, und von ihm mit Kanonen vertrieben worden waren. Zwischen unserer und ihrer Infanterie kam es jedoch nicht zum Kampf, und die Unseren kehrten gegen Abend wieder ins Lager zurück; unsere Kosaken dagegen, die in einem unserem Regiment gegenüber nicht weit entfernt liegenden Dorf auf einige preußische Husaren gestoßen waren und von ihnen einigen Verlust erlitten hatten, gerieten darüber so in Wut, dass sie das Dorf umzingelten und es samt allen, die sich darin befanden, bis auf den Grund niederbrannten. Unsere Kosaken standen an diesem Tag unter der Führung ihrer Obersten Djatschkow und Serebrjakow, und das Gefecht war so heiß, dass die Preußen sich mit einem Verlust von etwa 100 Toten und sechs Gefangenen zurückzogen.
Am 11. stand die Armee an diesem Ort noch unbeweglich, und den ganzen Tag ging ein gewaltiger Regen nieder; gegen Abend hörte man wieder in der Ferne Schießen, das bis in die Nacht andauerte.
Das war schon das sechste Scharmützel und bestand darin, dass unsere leichten Truppen beim Dorf Ilschiken auf einige Kompanien preußischer Landmiliz stießen, sie schlugen und vertrieben.
Am 12. stand die Armee noch immer am selben Ort und suchte die günstigste Stelle aus, wo sie über den Pregel setzen könnte; denn obwohl ihre Absicht gewesen war, weiter am Pregel entlang zu marschieren, erfuhr man doch, dass alle Orte und Defileen hier von den Preußen besetzt und die wichtigsten Punkte mit Schanzen und Batterien befestigt waren, und so beschloss man, diesen Weg aufzugeben, nach links abzuschwenken, über den Pregel zu gehen, diese schlechten Stellen auf jener Seite zu umgehen und eben dadurch auch den Feind aus seinen Befestigungen herauszulocken. Das geschah denn auch tatsächlich, denn eben dies bewog auch Feldmarschall Lehwaldt, sein befestigtes Lager zu verlassen, bei Taplacken ebenfalls über den Pregel zu setzen und uns entgegenzuziehen.
Und obwohl wir damals die wirkliche Stellung der preußischen Armee nicht kannten, schlossen doch alle, dass es unvermeidlich bald zur Bataille kommen würde, denn alles lief schon darauf hinaus.
Während all dies geschah und wir etwa drei Tage in diesem Lager standen, widerfuhren mir einige Begebenheiten, die ich Ihnen erzählen muss. Die erste rührte von einem rechten Mutwillen oder Spielzeug her, mit dem ich mich in einer Mußestunde zu vergnügen beschloss und das mir beinahe Unheil eingebrockt hätte, nämlich: Als eines Tages mein Diener an meine Feldtruhe ging, um Wäsche herauszunehmen, fiel mir ein darin verwahrtes großes gläsernes Horn mit jenem weißen Knallpulver in die Augen, das ich weiter oben erwähnt habe und von dem ich mir während meines Aufenthalts auf dem Gut Kaltebrun eine beträchtliche Menge hergestellt hatte. Kaum hatte ich es erblickt, als in mir der Wunsch entstand, es einmal in großer Menge abzubrennen und zu sehen, wie laut es knallen würde. Das hatte ich schon lange im Sinn gehabt, doch bis dahin hatte sich keine passende Gelegenheit gefunden, und ich hatte es immer wieder vergessen. Nun aber wollte ich es ungeduldig, und so nahm ich es heraus, legte es auf mein Feldtischchen und ging einen Ort suchen, wo ich es am bequemsten ins Werk setzen könnte.
Es traf sich, dass der Tag damals überaus schön war und es gerade Mittag und heiß. Die Soldaten hatten Grütze gekocht, zu Mittag gegessen und sich nun alle schlafen gelegt; doch die Feuer auf den Feuerstellen rauchten noch.
Als ich hinter den Trossen umherging und mir diese rauchenden Feuer ansah, erblickte ich zum Glück an einer Stelle über einem Feuerchen einen Dreifuß und daneben eine Pfanne. Was konnte es Besseres geben? Ich beschloss, Pulver darauf zu schütten und sie auf den Dreifuß zu stellen, und kaum hatte ich es mir ausgedacht, als ich es auch schon ausführte. Im Nu holte ich mein Pulver, schüttete etwa einen guten Esslöffel davon in die Pfanne, schürte das Feuer und stellte sie auf den Dreifuß. Da ich mir aber leicht denken konnte, dass es heftig knallen und die Pfanne vom Feuer schleudern würde, ging ich, um mich keiner Gefahr auszusetzen, in mein Zelt, von dem aus man diese Stelle zum Glück sehen konnte, legte mich dort aufs Bett, ließ auf jener Seite die Zeltbahn herab und schaute voller Ungeduld, was geschehen würde. Lange geschah nichts, und ich dachte, das Feuer sei zu klein und darum schmelze das Pulver nicht so bald. Doch ich täuschte mich. Es schmolz in aller Ruhe und gab plötzlich einen Schlag, genau als wäre eine riesige Bombe geplatzt. Da ich einen so gewaltigen, alle meine Erwartungen übertreffenden Schlag nicht erwartet hatte, erstarrte ich damals und erschrak, denn erst jetzt, nicht früher, kam mir in den Sinn, dass mein Spielzeug leicht auch Unheil anrichten konnte. „Ach herrje!“, sagte ich damals zu mir selbst, „was habe ich da angerichtet und für einen Streich gespielt! Wenn bloß kein Alarm daraus wird und mir kein Unglück daraus erwächst! Der Schlag war zu stark und zu laut – wenn ihn nur nicht der Feldmarschall selbst gehört hat! Er steht doch nicht weit von hier, und das hatte ich ganz vergessen!“ Dieser Gedanke versetzte mich sogleich in große Angst, die sich aber noch mehr steigerte, als ich nach einer Minute sah, dass davon tatsächlich nicht nur unser, sondern auch die anderen in unserer Nähe stehenden Regimenter in außerordentliche Aufregung geraten waren. Alle Soldaten sprangen aus dem Schlaf auf, und es begann ein gewaltiges Herumlaufen und Fragen: Wo? Was? Wovon? Und warum hat es so geknallt? Jeder fragte den anderen und dieser einen Dritten, und des Geschwätzes war damals kein Ende. Der eine sagte, es sei eine Kanone abgefeuert worden; andere stritten, es sei eine Bombe geplatzt; Dritte meinten, ob nicht irgendwo ein Patronenkasten oder eine Pulverkammer in die Luft geflogen sei! Vierte wussten selbst nicht, was sie denken und wie sie urteilen sollten. Doch alle insgesamt liefen von verschiedenen Seiten zu der Stelle, wo der Schlag zu hören gewesen war, und wo sich im Nu eine Menge Volk versammelte, das aber nur hin und her drängte und, da es nichts sah, nicht wusste, was es denken und wem es den Schlag zuschreiben sollte.
Für mich, der ich damals im Zelt lag und dieses ganze Schauspiel mit ansah, war das höchst unangenehm. „Na, da haben wir’s“, sagte ich zu mir selbst, „habe ich nicht richtig geahnt, dass ich einen Streich angerichtet habe!
Welcher Teufel hat mich bloß geritten, mir diesen Spaß auszudenken? Was, wenn sie die ganze Sache herausfinden! Was, wenn mich jemand gesehen hat, als ich am Feuerchen war!
Was, wenn sie darauf kommen, dass ich an allem schuld bin?“ Kaum hatte ich das ausgesprochen, als eine neue Kunde mein Herz wie ein Blitzstrahl traf! Vom Feldmarschall kamen, einer nach dem anderen, mehrere Ordonnanzen herangesprengt, und alle riefen und fragten: „Wer war das? Wer hat da und warum eine Kanone abgefeuert?“ Da erstarrte ich und erschrak, als ich das hörte. Ich dachte schon, es werde Gott weiß was geschehen, und verzagte darüber so, dass ich nicht wusste, was tun; wäre es möglich gewesen, so wäre ich irgendwohin davongelaufen und hätte mich so versteckt, dass man mich auf keinen Fall gefunden hätte; da es aber nirgends hinzulaufen und nirgends einen Ort gab, fand ich nichts anderes, als mich auf dem Bett unter der Decke zu verstecken und mich schlafend zu stellen. Doch an Schlaf dachte ich damals nicht, sondern erwartete jede Minute, dass man kommen, mich holen und zum Feldmarschall führen würde, denn in der Eile hielt ich es schon für gewiss, dass man mich gesehen und die ganze Sache herausgefunden habe; und so zitterte ich wie im Fieber und tat nichts anderes, als im Stillen Gott zu bitten, er möge mir gnädig sein und mich vor diesem Unglück bewahren. Doch durch ein besonderes Glück traf es sich, dass mich niemand am Feuerchen gesehen hatte und niemandem in den Sinn kam, dass es von mir herrühren könnte; alle wiederholten nur und sagten, sich verwundernd, den vom Feldmarschall Geschickten selbst, es habe hier geknallt, doch was es gewesen sei und wovon, das habe niemand gesehen und wisse niemand, denn es sei weder Feuer noch Rauch zu sehen gewesen, und sie könnten sich selbst nicht genug darüber wundern. Und so endete diese Sache und blieb dabei, dass niemand etwas wusste und auch später nichts erfuhr, denn mich selbst zu offenbaren und mit meinem Scherz zu prahlen, hatte ich keinen Grund; ich blieb auf meinem Bett liegen und gab keinen Mucks von mir, bis sich alle beruhigt hatten, und auch dann versicherte ich denen, die es mir erzählten, ich hätte so fest geschlafen, dass ich nichts gehört habe.
Doch da mein Brief schon lang ist, beende ich ihn, verschiebe das Übrige auf den nächsten und verbleibe und so weiter.
MARSCH DURCH PREUSSEN ZUM PREGEL
43. Brief
Lieber Freund! Kaum war die in meinem letzten Brief beschriebene Begebenheit vorüber und ich hatte mich gefreut, dass alles glücklich vorbei und zu Ende war, als schon ein neuer Kummer bereitstand, mein Herz zu treffen. Mir widerfuhr an ebendemselben Ort noch eine zweite Begebenheit, die für mich aber unglücklicher war und keinem Scherz mehr glich, nämlich: Man bestahl mich, und zwar noch in derselben Nacht, die unglücklicherweise sehr dunkel war und in der ich nun nicht mehr zum Schein, sondern wirklich so fest schlief, dass ich nicht hörte, wie man mir mein Kästchen unter dem Kopfende hervorzog, es hinter dem Zelt aufbrach und alles Geld herausnahm. Die Sache war so geschickt und meisterhaft bewerkstelligt, dass ich, als ich am Morgen aufstand, mein Kästchen schon aufgebrochen in einiger Entfernung vom Zelt fand und nur die Hände ringen konnte! Lange konnte ich trotz aller meiner Bemühungen nicht herausbringen, wer das so bewerkstelligt hatte; später aber erfuhr ich, dass es ein neu in unsere Kompanie eingeteilter Soldat gewesen war, ein ausgemachter Gauner, den man deswegen aus der Grenadierkompanie hinausgeworfen hatte, obwohl er ein gewaltiger Kerl war. Ich verlor bei dieser Gelegenheit etwa zwanzig Rubel und eine goldene Medaille, um die es mir am meisten leid war, denn sie war meinem Großvater, Herrn Bakejew, von Kaiser Peter dem Großen dafür verliehen worden, dass er bei der Eroberung von vier Fregatten eigenhändig einen schwedischen Schout-bij-nacht gefangen genommen hatte.
Obwohl ich mich vor allem um ihre Wiedererlangung bemühte, hatte der Taugenichts sie für eine bloße Kleinigkeit an ein anderes Regiment verschleudert, und so konnte ich sie auf keine Weise mehr ausfindig machen und zurückbekommen.
Ferner blieb mir dieser Ort auch deshalb im Gedächtnis, weil ich von hier zum Fouragieren ausgeschickt wurde; denn da um diese Zeit das Heu überall versteckt und in die Dörfer gebracht war, wir uns aber schon dicht beim Feind befanden und keine Möglichkeit hatten, alle unsere Pferde mit Feldfutter zu versorgen, mussten wir sie mit Heu füttern, das wir uns aus den nahe gelegenen Dörfern holten, und jeden Tag Kommandos mit Offizieren danach ausschicken. Diese Kommandos waren für uns die allergefährlichsten, und jeder dankte Gott, wenn es gut abging. Der Grund dafür war, dass man unsere Soldaten, besonders aber die nichtdienenden Leute, wie zum Beispiel Fuhrknechte, Offiziersburschen und Diener, auf keine Weise zurückhalten konnte. Kaum ist man im Dorf angekommen, da zerstreuen sie sich darin und, statt das Heu rasch zu Ballen zu binden, fangen sie an, überall nach Hab und Gut zu suchen und zu stöbern, und man kann niemanden mehr finden; und so muss man jeden Augenblick darauf gefasst sein, dass feindliche Husaren heransprengen und die Zerstreuten in ihrer Unordnung niederhauen. Ich brachte mein Kommando jedoch glücklich hinter mich. Das Dorf lag zwar sehr nahe beim Feind, doch eben das war der Anlass, die größten Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Zum Glück fanden wir gewaltige Scheunen voller Heu, und ich ließ, ohne die Leute auseinanderlaufen zu lassen, unter meinen Augen so schnell wie möglich Ballen binden und zur Armee schaffen; und ich tat gut daran, mich so zu beeilen, denn kaum waren wir fort, als tatsächlich preußische Husaren herangesprengt kamen, im Dorf aber niemanden mehr antrafen und uns nachzusetzen nicht wagten.
Was übrigens dieses Fouragieren betrifft, so wird es jedem, der es nie gesehen hat, höchst erstaunlich vorkommen, und er wird nicht glauben, dass man eine so große Menge Heu auf einem einzigen Pferd fortschaffen kann, und, was noch erstaunlicher ist, im Sattel; denn man muss wissen, dass zur schnelleren und bequemeren Heranschaffung des Heus stets beritten fouragiert wird: Aus dem Heu werden zwei gewaltige Ballen oder Packen gebunden, von denen jeder fast eine kleine Fuhre ausmacht, und beide Ballen werden an Stricken quer über den Sattel über das Pferd geworfen; der Mann setzt sich zwischen sie und reitet gleichsam wie auf einem Heuwagen, denn die Ballen schleifen fast auf dem Boden, und vom Pferd ist hinter ihnen fast gar nichts mehr zu sehen. Wir selbst wunderten uns anfangs, als wir das sahen, und unsere Leute wussten nicht, wie man Heu auf diese Weise bindet; doch die Not lehrte auch sie bald diese Kunst.
Außerdem blieb mir dieser Ort auch dadurch im Gedächtnis, dass wir hier zum ersten Mal die Kartoffel sahen und kennenlernten, von welchem Gartengewächs wir bis dahin keinen Begriff gehabt hatten.
In allen unserem Lager benachbarten Dörfern waren große Gärten damit bestellt und bepflanzt, und da sie um diese Zeit zu reifen begann und schon zum Essen taugte, bekamen unsere Soldaten bald Wind davon, und im Nu kochte sie in allen Kesseln. Dennoch ging es wegen der Ungewohntheit dieser Speise nicht ab, ohne dass davon in der Armee Krankheiten entstanden, zumeist heftige Durchfälle, und unsere Armee musste für die Bekanntschaft mit dieser Frucht mit einigen hundert an diesen Krankheiten Verstorbenen bezahlen.
Was die Frage betrifft, ob wir im Übrigen während dieses Feldzugs mit Preußen zufrieden waren, so kann ich sagen, dass wir nach dem Eintreffen unserer leichten Truppen bei der Armee nicht nur an nichts Mangel litten, sondern sogar an allem Überfluss hatten, besonders an Fleisch. Groß- und Kleinvieh, Hofgeflügel und Lebendware aller Art, besonders Gänse, gab es in schrecklicher Menge, und stets waren sie zu sehr billigem Preis zu haben. Selbst Hammel kauften wir manchmal für nur zehn, eine Gans aber für nicht mehr als fünf und vier Kopeken. All das verkauften uns unsere Kosaken und Kalmücken, denn sie zerstreuten sich überallhin und verwüsteten unbarmherzig alle ringsum liegenden Dörfer. Und da die Bewohner nur ihr Großvieh retteten, alles Übrige aber zurückließen und in die Wälder flüchteten, um sich dort zu verbergen, waren die reichen preußischen Dörfer überall voll von unzähligem Kleinvieh und Geflügel aller Art, und unsere Kosaken, Kalmücken und selbst die Dragoner und Husaren hatten überall genug, woran sie sich gütlich tun konnten. Nur an Salz und Brot entstand bei uns bald Mangel, doch auch dem wusste man abzuhelfen.
Doch so gut dies einerseits war, so schlecht war es andererseits. Für all diese Fülle und diesen kurzlebigen Überfluss mussten wir sehr teuer bezahlen, nicht nur durch die große Not an allem, die wir später selbst erlitten, sondern auch durch die ewige Unehre, die wir uns dadurch in aller Welt zuzogen. Denn da all dies mit dem völligen Ruin der unschuldigen preußischen Landbewohner verbunden war, gab es den Preußen Anlass, vor aller Welt gewaltige und wohl kaum ungerechte Klagen gegen uns zu erheben, was man leicht daraus ersehen kann, was sie darüber in ihren Relationen schrieben.
„In diesem Herbst“, sagen sie, „hat hier niemand Wintergetreide gesät. – Der Feind fouragiert aus Mangel an Futter für seinen zahlreichen Tross und seine Reiterei überall mit der allergrößten Unordnung und räumt alle Dörfer bis auf den Grund aus. – Dem Korps des Generals Fermor muss man zum Lob nachsagen, dass es noch die größtmögliche Ordnung hielt und bei aller Plünderung wenigstens keine Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten verübte; deshalb blieb der größte Teil der Bewohner in jenen Gegenden in ihren Häusern und versorgte den Feind, der wohl zwanzigmal an denselben Ort kam, nach Kräften.
Die Hauptarmee dagegen hat das ganze Land mit Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten erfüllt. Alle Landleute fliehen und retten sich vor ihr in die Wälder und an unwegsame Orte.
Vielen Einwohnern werden aus bloßem Leichtsinn und Übermut, und nur weil einer nicht mehr geben kann oder nicht etwas sagen kann, was ihm selbst unbekannt ist, Nase und Ohren abgeschnitten; man nimmt ihm sein ganzes Vieh weg und verkauft es dann in der feindlichen Armee um einen Spottpreis, weil, wie sie selbst sagen, der Kosak sich Geld und Unterhalt selbst beschaffen muss. Eben daher rühren solche Frevel und Taten, vor denen die Natur selbst sich ekelt. Viele Menschen erdrosselt man mit Schlingen, anderen schneidet man bei lebendigem Leibe die Eingeweide auf und reißt ihnen das Herz aus der Brust, Dritten raubt man die Kinder, und man verübt noch ärgere Unmenschlichkeiten, die sich mit keinen Worten schildern lassen. Der ausgeplünderte und all seiner Habe beraubte Landmann wird dadurch zu außerordentlicher Erbitterung und Wut getrieben. Er erbittet sich, wo er nur kann, statt eines Almosens ein Gewehrchen, Pulver und Blei und sucht damit seine letzten Sachen zu schützen und zu verteidigen, die er in den Wäldern vor der Plünderung zu retten vermochte. Auf diese Weise sind von ihnen schon an die zweihundert oder mehr Kosaken erschossen worden, die selbst in die Wälder eindringen und auch dort ihre Untaten zu verüben suchen.“
So schrieben die Preußen über uns, und man kann sich nicht dafür verbürgen, dass von unseren Kalmücken und Kosaken hier und da, besonders abseits, nicht tatsächlich solche Unmenschlichkeiten verübt wurden.
Was aber die übrigen Verwüstungen betrifft, so waren wir selbst deren Augenzeugen. Unter allen Dörfern, die uns vor die Augen kamen, fanden wir kein einziges mit Menschen, sondern alle waren leer und bis auf den Grund ausgeplündert. In ihnen allen war nicht nur kein einziges Haus heil geblieben, sondern selbst die verborgenen, mit Reisig und Mist zugedeckten Gruben mit den darin versteckten Habseligkeiten blieben unseren Soldaten nicht verborgen. Sie spürten auch diese alle auf und raubten auch noch das Letzte. Was aber ihre Felder und die ausgesäten Saaten betrifft, so waren sie alle dort, wo die Armee marschierte, in einem höchst jammervollen Zustand; denn da die Armee, besonders seit sie sich dem Feind näherte, meist in Front und nicht auf der Straße marschierte, sondern geradewegs über die Felder und wie es eben kam, hatte man keine Zeit zu unterscheiden, ob da Korn stand oder etwas anderes, sondern alles wurde zertrampelt und mit dem Schmutz vermengt. Selbst Anhöhen und Schluchten mussten wir nicht auf Wegen, sondern geradewegs, wie es eben kam, überqueren. Und, oh, wie viel Zerbrechen und Umstürzen gab es bei uns bei solchen Gelegenheiten! Wie oft flog manch ein Wagen kopfüber den Hang hinab, wie viele Pferde versanken bis über die Ohren im Schlamm, und wie verdrießlich waren uns diese kleinen Übergänge!
Ich kann mich noch heute nicht genug darüber wundern, wie wir es schafften, unsere zerbrochenen Fuhrwerke auszubessern und zur Fortsetzung des Marsches wieder tauglich zu machen.
Doch ich bin schon vom Hauptgegenstand abgekommen, und nun ist es Zeit, zur Schilderung des weiteren Marsches zurückzukehren. So stand unsere Armee am erwähnten Ort bis zum 12. August. An diesem Tag aber wurde beschlossen, an der Stelle, wo man über den Fluss zu gehen beabsichtigte, aus der Hälfte der Armee- und schweren Trosse eine Wagenburg zu bilden, um sie auf dieser Seite zurückzulassen, mit der Armee aber auf die andere hinüberzugehen und zu versuchen, den Feind zur Bataille zu zwingen. Deshalb wurde befohlen, dass noch am selben Tag die Hälfte der Trosse aufbrechen und zum Fluss ziehen solle, und zur Deckung der erwähnten Wagenburg sollten unser Regiment, das Apscheronsker und das Archangelogoroder Dragonerregiment, dieses jedoch abgesessen, mit ihnen ziehen; so brachen wir noch am selben Abend auf, und da der Weg bis zum Fluss nur etwa drei Werst betrug, kamen wir noch rechtzeitig dort an und konnten beim Dorf Simonikschen eine ordentliche Wagenburg errichten. Diese leichte, nur aus Wagen bestehende Feldbefestigung bekamen wir hier zum ersten Mal zu sehen und zu bauen. Alle Wagen wurden in einer Reihe so aufgestellt, dass die Vorderräder des einen mit den Hinterrädern des anderen ineinandergriffen und dadurch ein solches Geflecht aus Wagen entstand, über das man mit einem Pferd keinesfalls hinüberkonnte; überdies konnte man sich hinter dieser Wagenumzäunung im Notfall auch gegen Fußvolk verteidigen. Mit einer solchen unzertrennlichen Verkettung der Wagen wurde ein recht weiter Platz umschlossen, gleich einer Festung oder Stadt, und er hätte allen als Zuflucht dienen können, die nicht mit der Armee ziehen konnten. Während wir diese Wagenburg bauten, waren andere schon damit beschäftigt, Brücken über den Pregel zu schlagen, die bis zum Morgen des folgenden Tages fertig waren; es waren zwei hölzerne und drei Pontonbrücken.
Am folgenden Tag, das heißt am 13. August, brach auch die ganze Armee auf, traf an diesem Ort ein und schlug rings um das erwähnte Dorf ihr Lager auf; die Trosse aber wurden wieder unter die Regimenter verteilt, denn das Zurücklassen der Wagenburg auf dieser Seite war wieder aufgeschoben worden, und so übernachteten wir hier alle zusammen.
Am 14., das heißt am Vorabend von Mariä Himmelfahrt, erhielt unser Avantgardekorps am Nachmittag den Befehl, über die Brücken auf die andere Seite des Pregels zu gehen, und nachdem wir übergesetzt hatten, eilten wir, einen engen Durchgang zu besetzen, der jenseits des Flusses auf der Anhöhe lag. Denn man muss wissen, dass jenseits des Flusses zunächst eine ebene Wiese war, die sich etwa zwei Werst weit erstreckte; dann kam plötzlich ein steiler und hoher Hang, und oben darauf war wieder eine ebene Fläche, die sich eine halbe Werst oder eine Werst weit erstreckte; dann begann ein überaus dichter und gewaltiger Wald, hinter dem wieder ein weites, von Wäldern umgebenes Feld lag. Einen Durchgang durch den Wald auf dieses Feld aber gab es nicht, sondern man musste durch einen einzigen engen, etwa eine Viertelwerst breiten Zwischenraum ziehen, der sich zur Linken zwischen dem erwähnten Wald und einer fürchterlichen, steilen Schlucht befand, durch die ein kleines Flüsschen floss, das von jener Seite in den Pregel mündete. Eben dieses enge Defilee mussten wir besetzen, und dazu war unser Korps bestimmt. Als wir dort ankamen, mussten wir uns wegen der Enge des Ortes hochkant aufstellen, das heißt längs dieses engen Durchgangs, und deshalb standen wir mit dem Gesicht zum Waldrand, und hinter unseren Trossen lag die oben erwähnte steile Schlucht.
Die Armee aber blieb zum Rasttag in ihrem bisherigen Lager jenseits des Flusses.
Am folgenden Tag wurden zur Feier des Festes Mariä Himmelfahrt in unseren Regimentern Feldkirchen aufgestellt und Gottesdienst gehalten; inzwischen setzte auch die zweite Division auf diese Seite des Flusses über und stellte sich neben uns auf, wobei sie den mehr nach rechts gelegenen freien Platz zwischen dem Wald und dem Hang einnahm, wo für die ganze Armee das Lager abgesteckt war. Die Hauptarmee mit der Kavallerie aber blieb noch auf jener Seite des Flusses und schickte, nachdem sie Proviant für drei Tage gefasst hatte, nur ihre Trosse herüber, die an den vorgesehenen Plätzen unter der Deckung der zweiten Division und unseres Avantgardekorps haltmachten.
Da die erwähnte zweite Division vom General en chef Lopuchin befehligt wurde, war er am Vortag zusammen mit uns eingetroffen und hatte sich in seinem Zelt gegenüber unserem Regiment am Waldrand niedergelassen. Da dieser General sehr fromm und zugleich überaus tugendhaft und ein guter Mensch war, wurde bei ihm am Vorabend die Nachtwache gehalten, und an diesem Tag beichtete er und empfing das Abendmahl, geradeso, als ahnte er, dass sein Leben nicht mehr lange währen würde und ihm nur noch wenige Tage auf dieser Welt blieben. Doch so sehr dieser General von allen Truppen geliebt und verehrt wurde, so sehr war ein anderer unbeliebt und verachtet, der damals bei uns befindliche Dragoner-Generalmajor Chomjakow, berühmt einzig dadurch, dass er ein gewaltiger Liebhaber von Spazierstöcken war, deren er einige hundert mit sich führte, und der uns damals viel zu lachen gab. Diesem alten Männlein, dem es seiner Gebrechlichkeit wegen besser angestanden hätte, daheim hinter dem Ofen zu sitzen, als auf dem Feldzug zu sein, hatte der Teufel eingegeben, den Platz für sein Zelt hinter unseren Trossen und unmittelbar am Rand der Schlucht zu wählen; doch dieser Platz war so ungünstig und wurde von unseren kranken und mit Kartoffeln überfressenen Soldaten so sehr heimgesucht, dass der arme Alte sein Leben verwünschte, sich hier niedergelassen zu haben, und, als er sah, dass all seine Stöcke und Spazierstöcke nichts halfen, fliehen und sein Zelt an einen anderen Ort verlegen musste.
Kaum hatten wir an jenem Tag die Messe gehört, als wir im Hauptquartier jenseits des Flusses drei Schüsse aus der Signalkanone vernahmen. Wir wussten schon, dass dies das Alarmsignal bedeutete; deshalb stürzten alle sogleich zu den Waffen, und alle Regimenter wurden sofort und in großer Eile vor die Front geführt, wo wir auf Befehle warteten. Bald danach hörten wir in der Ferne noch einige Kanonenschüsse. Doch kaum war das geschehen, als ein überaus heftiger und fürchterlicher Regen auf uns niederprasselte, der eine ganze Stunde anhielt und uns alle durchnässte.
Danach hörten wir zwar noch Kanonenfeuer, doch es folgte nichts weiter, und man entließ uns wieder.
Der Grund für diesen Alarm aber war, dass vom Feind an diesem Tag Generalmajor Ruesch mit 1200 Husaren und fünf Schwadronen Dragoner, unterstützt von einer hinreichenden Zahl Infanterie unter dem Kommando des Generals Kanitz, zur Rekognoszierung unserer Armee ausgeschickt worden war; diese Abteilung stieß auf unser Kosakenlager und erschlug von ihnen etwa zwanzig Mann, und eben das bewog den Feldmarschall, ihnen einige hundert Husaren und Dragoner zum Sukkurs zu schicken, die den Feind zum Rückzug zwangen und ihm die von ihm erbeutete Herde von Kosakenpferden wieder abjagten. Bei diesem Scharmützel wurden abermals auf beiden Seiten einige Mann getötet und verwundet.
Am darauffolgenden Tag, das heißt am 16., setzte endlich auch die übrige Armee samt dem Hauptquartier über den Fluss und bezog das vorgesehene Lager, und unser Heerführer, Herr Apraxin, speiste an diesem Tag bei General Lopuchin, der vor uns stand. Seinen Standort aber wählte er sich in der Mitte der Armee hinter dem oben erwähnten großen Wald.
Da wir uns auf diese Weise von Stunde zu Stunde näher an den Feind heranschoben, verging auch dieser Tag nicht ruhig. Gegen Abend hörte man wieder jenseits des Pregels Schießen und eine ordentliche Salve, auch einige Kanonenschüsse. Der Grund dafür war, dass jenseits des Flusses in der Nähe des Lagers wieder Feinde aufgetaucht waren und auf unsere Kosaken und Kalmücken schossen; diese aber zwangen sie, sich in den Wald zurückzuziehen, wobei sie ihnen 4 Husaren töteten und einen gefangen nahmen.
Man erzählte damals, unsere Kalmücken hätten bei dieser Gelegenheit hinlängliche Beweise ihrer Gewandtheit und der solchen leichten Völkern eigenen Tapferkeit gegeben: 7 Mann von ihnen – nachdem sie etwa zwanzig preußische Husaren erblickt hatten, die sich von den übrigen entfernt hatten, und nackt und ohne Sattel, nur mit Wurfspießen bewaffnet, über den Pregel geschwommen waren – fielen mit solcher Wucht über sie her, dass sie sie in die Flucht schlugen, bis an ihr Lager verfolgten und, wie oben erwähnt, drei töteten und einen gefangen nahmen. Doch das war beinahe ihre erste und letzte gute Tat, denn außer dieser habe ich nie gehört, dass sie etwas Bemerkenswertes geleistet hätten.
So gab es bei uns fast jeden Tag einen kleinen Krieg, doch bald darauf folgte auch ein bedeutenderer, wovon ich im nächsten Brief berichten werde; einstweilen bin ich und so weiter.
DER ERSTE ALARM
44. Brief
Lieber Freund! Nun bin ich beim wichtigsten Zeitpunkt unseres ganzen damaligen Feldzugs angelangt, nämlich bei den eigentlichen Kriegshandlungen gegen den Feind; denn was bisher erwähnt wurde, bestand größtenteils nur in bloßen Scharmützeln oder kleinen, unbedeutenden Gefechten, die bekanntlich niemals entscheidend sind, sondern gewöhnlich beiden Armeen nur zur Beunruhigung, zur Last und zum nutzlosen Verlust von Menschen gereichen; oder, kürzer gesagt: Nun ist der Reihe nach die Zeit gekommen, Ihnen von unserer Apraxinschen Bataille zu erzählen, von der Sie genug gehört haben, deren wirklichen Hergang Sie aber gewiss nicht kennen. Wie könnten Sie ihn auch kennen, da Sie selbst nicht dabei waren, und nach bloßem Hörensagen lässt sich auf keine Weise alles wirklich wissen. Eigene Beispiele haben mir das hinlänglich bewiesen.
Dennoch erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen alle dabei vorgefallenen Umstände im Einzelnen mitteile. Vielmehr gestehe ich Ihnen vorweg, dass sie mir selbst im Einzelnen unbekannt sind, obwohl ich tatsächlich selbst dabei war und alles mit eigenen Augen gesehen habe. Und kann denn ein so kleiner Mann, wie ich damals einer war, alle Einzelheiten wissen, die sich in der Armee zutrugen, zu einer Zeit, da alles in größter Verwirrung war und ich, der ich damals zufällig Kompaniechef war, mich von meinem Platz und meiner Kompanie keinen Schritt entfernen durfte? Was bleibt also anderes übrig, als mitzuteilen, was ich selbst sehen konnte und was mir zur Kenntnis gelangte? Eine Armee auf dem Marsch lässt sich nicht anders als mit einer großen, volkreichen Stadt vergleichen, in der ein Mensch, der sich in einem Winkel befindet, gewiss nicht alles im Einzelnen wissen kann, was am anderen Ende geschieht und vor sich geht; und ich glaube nicht, dass irgendjemand, die Heerführer selbst nicht ausgenommen, alle Einzelheiten einer Bataille ganz genau wissen kann. Die allgemeine Verwirrung und das Durcheinander, Lärm, Geschrei, Staub, dichter Rauch, vor allem aber die allgegenwärtige Gefahr und tausend andere Umstände können dies verhindern.
Was bleibt unter solchen Umständen anderes übrig, als Ihnen nur das mitzuteilen, was der Zufall mich selbst sehen ließ oder was ich damals mit Gewissheit hören konnte.
Da diese Bataille aber die einzige war, die ich selbst zu sehen bekam, will ich, um den Mangel im Übrigen auszugleichen, mich wenigstens bemühen, alles von mir Gesehene auf das Lebendigste und Ausführlichste zu schildern, damit Sie sich alle von mir gesehenen Begebenheiten auf das Vollkommenste vorstellen und davon einen solchen Begriff bekommen können, als hätten Sie sie selbst gesehen.
Doch bevor ich zur eigentlichen Erzählung von der Bataille schreite, möchte ich Ihnen zunächst die ganze damalige Position oder Stellung unserer Armee schildern, denn ohne das können Sie sich den wahren Zustand der damaligen Verwirrung keinesfalls vorstellen und keinen rechten Begriff von der Gefahr bekommen, in der wir uns damals befanden. Und um darin besser zum Ziel zu kommen, habe ich mir vorgenommen, nicht nur alles mir Bekannte ausführlich zu beschreiben, sondern das Nötige auch durch Pläne und Zeichnungen zu erläutern. Ich will Ihnen also zunächst erzählen, wie unsere Armee in ihrem letzten Lager vor der Bataille aufgestellt war. Ich weiß nicht, welches Urteil ich fällen soll, ob sie an einem vorteilhaften oder unvorteilhaften Ort stand und ob man unsere Heerführer loben oder tadeln muss, dass sie sie so aufstellten.
Stellen Sie sich also zunächst, lieber Freund, eine hohe, ebene Fläche vor, unweit des Ufers eines nicht sonderlich großen Flusses, der durch ein breites, tiefes und ebenes Tal fließt. Diese erwähnte hohe und ebene Fläche, die auf einer Anhöhe lag, an deren Fuß das erwähnte Tal begann, war weniger breit als lang; sie war, soweit ich mich erinnere, nicht mehr als eine halbe Werst breit und etwa anderthalb bis zwei Werst lang, denn von zwei Seiten umgab diesen Ort ein großer, dichter und undurchdringlicher Wald, der sich in der Breite oder quer eine Werst oder mehr erstreckte, und von der dritten Seite durchschnitt ihn eine gewaltige und sehr tiefe Schlucht mit einem darin fließenden kleinen Flüsschen, das in den oben erwähnten Pregel mündete. So war dieser Ort fast von allen Seiten von unüberwindlichen Schranken umgeben, und hinaus kam man nur an zwei Stellen, nämlich an seinen Enden: An dem einen Ende war zwischen dem Wald eine kleine Lichtung, an dem anderen zwischen dem Wald und der erwähnten Schlucht ebenfalls ein kleiner freier Raum, der sich in der Breite auf etwas mehr als eine Viertel- oder eine halbe Werst erstreckte.
Auf diesem schönen Platz war unsere Armee gelagert, und dem Anschein nach konnte es keine vorteilhaftere Stellung geben, denn sie stand gleichsam in einer von der Natur eigens angelegten Befestigung und war von allen Seiten von den erwünschtesten Schranken gedeckt: Vor sich hatte sie den erwähnten dichten, hohen und fast undurchdringlichen Wald, der ihre Front auf fast die allerbeste Weise deckte. Der rechte Flügel war durch denselben Wald gedeckt, der linke durch die erwähnte undurchdringliche und steile Schlucht, und nur im Rücken lag offenes Gelände, doch auch dieses war wegen des erwähnten tiefen Tals und des Pregels unzugänglich, sodass sie von keiner Seite einen feindlichen Angriff zu fürchten brauchte. Selbst das enge Defilee am linken Flügel neben der Schlucht, durch das allein man von diesem Ort freien Durchgang auf das weite, hinter dem Wald gelegene Eggersdorfer Feld hatte, war durch viele Regimenter versperrt, durch Truppen und Batterien gedeckt und hatte überdies vor sich noch ein kleines Bächlein mit einer Senke, das aus dem Eggersdorfer Feld kam und in die erwähnte große Schlucht mündete.
Die enge Lichtung zwischen den Wäldern am rechten Flügel aber war, gleichsam wie mit Absicht, seit alters von einigen kleinen Gräben durchzogen, die uns sehr gelegen kamen.
Mit einem Wort, alle Umstände stimmten auf das Beste miteinander überein, und es konnte keinen geeigneteren Ort geben, um das Lager während der erwarteten Bataille zu decken; es bedurfte nur der Kunst der Generale, diesen Ort gehörig zu nutzen. Ob aber unsere Heerführer die dazu nötige Kunst besaßen oder nicht, werden Sie aus dem Folgenden ersehen; ich aber will Ihnen inzwischen zur besseren Anschauung die ganze erwähnte Lage des Ortes in einer Zeichnung vorstellen {Diese Zeichnung siehe hinten im Buch. Anmerkung des Autors. Diese Zeichnung findet sich jedoch weder in der Handschrift des Buches noch „hinten“ darin. M. S.}.
Da haben Sie den Plan und die Beschreibung der ganzen Lage jenes Ortes, an dem sich unsere ruhmreiche Kriegshandlung abspielte. Stellen Sie sich ihn recht gut vor, damit Sie die weiter unten beschriebenen Begebenheiten umso besser verfolgen können, zu denen ich nun endlich übergehe.
In meinem letzten Brief habe ich diesen Gegenstand damit beschlossen, dass die Armee ganz über den Pregel gesetzt und an dem oben geschilderten Ort ihr Lager bezogen hatte, und meine Beschreibung reichte bis zum 16. August. Am Morgen des 17. war in der Armee noch alles ruhig. Nach den ausgegebenen Befehlen wussten wir, dass wir auch diesen Tag an diesem Ort stehen bleiben würden; deshalb wurde wieder zum Fouragieren ausgeschickt, und außerdem befahl man, Proviant für mehr als einen halben Monat zu fassen, und wir empfingen ihn bereits bis zum 5. September. Mit einem Wort, vom Feind war noch nichts zu hören und zu sehen, keine Spur, und obwohl wir alle hinreichend Grund hatten zu schließen, dass er nicht mehr weit sein könne und es bald zu einem richtigen Treffen mit ihm kommen werde, hatten wir doch, da wir nichts Genaues wussten, keinen Anlass, uns von Furcht und der Vorstellung eines tödlichen Gefechts beunruhigen zu lassen. Kurz, wir waren so ruhig, als befänden wir uns noch hundert Werst vom Feind entfernt, und ohne an irgendetwas zu denken, tranken und aßen wir und waren vergnügt und vertrieben uns die Zeit mit allerlei Feldzugskurzweil.
Gegen Mittag endlich hörten wir in der Ferne drei Kanonenschüsse und etwas später noch zwei. Wir hielten sie für feindliche und sagten noch zueinander, so laute hätten wir bis dahin noch nicht gehört, und schlossen, ob der Feind nicht schon nahe sei; da aber in der Armee keinerlei Lärm entstand und alles ruhig blieb wie zuvor, hielten wir diese Schüsse für unsere und schlossen, gewiss schössen die Unseren irgendwo in der Ferne auf feindliche Partien; und da wir an solche Geräusche schon gewöhnt waren, hörten wir sogleich auf, daran zu denken. Doch kaum war etwa eine Stunde vergangen, als wir sahen, dass wir uns getäuscht hatten und gewiss etwas Wichtiges vorgefallen war. In unserer Armee entstand ein gewaltiger Alarm.
Es begann ein fürchterliches Hin- und Herjagen von Adjutanten und Ordonnanzen, die riefen, man solle antreten und die Regimenter vor die Front führen.
In einer Minute war da die frühere Ruhe verschwunden, und es begann das kriegerische Durcheinander. Jeder ließ alles liegen, womit er beschäftigt war, griff zur Waffe, legte seine Kriegsausrüstung an und lief, um sich an seinen Platz in Reih und Glied zu stellen. Überall hörte man gedämpften Lärm, Laufen und das Antreiben der Vorgesetzten. Unser ganzes Kriegsvolk wurde gleichsam lebendig, und im Nu standen alle Regimenter schon vor ihren Lagern in Front und warteten auf den Befehl, wohin sie gehen und was sie tun sollten. Man kann nicht genug schildern, wie spürbar uns allen dieser beinahe erste und wirkliche Alarm war. Jeder, der nicht anders dachte, als dass der Feind schon anrücke und gewiss nicht mehr weit entfernt sei, konnte nichts anderes schließen, als dass man ihn in der nächsten Minute in Schlachtordnung stellen werde und dass endlich die Stunde nahe, in der er sich selbst und alles auf der Welt vergessen und sich zum Tode bereiten müsse. Der Umstand, dass die ganze Armee fast ausschließlich aus Leuten bestand, die den Feind noch nie zu Gesicht bekommen hatten, vermehrte in jedem seine Bangigkeit, die innere Wallung des Blutes und das Zittern der Glieder. Es heißt ja schon in einem einfachen Sprichwort, beim ersten Liedchen werde man rot, hier aber ging es um etwas Wichtigeres als ein Lied. Doch all das dauerte nicht lange, und man wollte uns gleichsam nur ein wenig erschrecken; denn kaum standen die Regimenter in Front und hatten sich formiert, als wieder Boten mit dem Befehl geschickt wurden, die Soldaten wieder in die Zelte zu entlassen und künftig auf das Signal aus drei Kanonen zu achten.
Das beruhigte uns alle wieder: Wir meinten, da sei gewiss etwas falsch gemeldet und dem Feldmarschall nicht richtig berichtet worden, gingen in unsere Zelte auseinander und nahmen unsere Beschäftigungen wieder auf. Der eine spielte Karten, der andere sang, der eine lachte, der andere scherzte und so weiter. Doch kaum war etwa eine Stunde vergangen, so gegen vier Uhr nachmittags, als wir schon das wirkliche Alarmsignal hörten. Im Hauptquartier beim Feldmarschall wurde dreimal aus der Signalkanone geschossen, und das war das Zeichen, die Regimenter wieder vor die Front zu führen. Wir taten es sogleich und fürchteten uns schon weniger als zuvor, weil wir dachten, man werde uns wieder entlassen. Doch dieser Tag hatte nun einmal damit begonnen, dass wir uns in unseren Erwartungen täuschen sollten; denn bald sahen wir, dass die Sache allmählich ernst wurde. Die Führer unserer Brigaden kamen zu uns, und plötzlich führte man die Regimenter mit fliegenden Fahnen aus dem Lager hinaus. Da begann bei vielen das Herzklopfen und ein jammervolles Abschiednehmen von den Bekannten, die im Lager zurückblieben.
Doch zum Glück hatten sie keine Zeit, sich lange damit aufzuhalten; man führte uns in großer Eile fort und brachte uns hinter den Wald auf das freie und weite Eggersdorfer Feld.
Doch wie sehr täuschten wir uns hier abermals! Wir dachten, wir würden geradewegs auf den Feind treffen und ihn nicht nur sehen, sondern auch sogleich mit ihm ins Gefecht kommen; stattdessen sahen und bemerkten wir auf dem ganzen Feld keinen einzigen Menschen und wunderten uns darüber außerordentlich. Trotzdem stellte man alle herausgeführten Regimenter in Ordnung auf, formierte sie etwa zwei Werst vom Lager entfernt in zwei Linien zwischen den beiden Dörfern, die in der Mitte dieses Feldes lagen, in Schlachtordnung und teilte sie ein, wie es sich gehörte. Doch kaum war man damit fertig, als man uns, ohne etwas getan zu haben, außer dass man ein Dorf niederbrannte, wieder ins Lager zurückführte, und wir waren etwa drei Stunden lang ganz umsonst marschiert und hatten umsonst dagestanden, denn vom Feind war noch nicht einmal eine Spur, man sagte nur, er befinde sich angeblich hinter dem vor uns liegenden Wald und stelle sich angeblich ebenfalls in Schlachtordnung auf; deshalb hatte man auch nicht unsere ganze Armee herausgeführt, sondern nur unser Avantgardekorps und die Division des Grafen Fermor, und das vielleicht, um ihm zu beweisen, dass wir sehr vorsichtig seien. Doch oh, wären wir doch immer so vorsichtig gewesen!
So endete auch dieser Tag ohne jedes wichtige Ereignis, und wir wussten in unserer Unerfahrenheit nicht, was es zu bedeuten hatte, dass man uns herausgeführt hatte. Ich war unter denen, die zum Kampf ausgerückt waren, und wir marschierten, um die Wahrheit zu sagen, recht beherzt und ohne jede Feigheit. Ungeduld stand allen ins Gesicht geschrieben, jeder wünschte eifrig, den Feind bald zu sehen, und richtete sein Gewehr her, um umso besser auf ihn schießen zu können. Doch so sehr wir auch schauten und so eifrig wir ihm einen tapferen Empfang bereiten wollten, er war nicht da, und wir konnten keinen einzigen Menschen sehen, obwohl wir das weite, sich mehrere Werst erstreckende Feld ganz überblicken konnten. Bei der Rückkehr ins Lager wussten wir nicht, ob wir uns darüber freuen oder grämen sollten. Doch darüber zu trauern hatten wir keinen weiteren Grund. Wem ist das Leben nicht lieb, und wer konnte gewiss sein, dass er heil bleiben und die Bataille lebend überstehen würde? Nur ich hatte Grund, mit dieser Rückkehr zufrieden zu sein; weshalb aber, das erraten Sie gewiss nicht. „Aus Feigheit!“, werden Sie sagen. – Nein, ich hatte wahrhaftig nicht nur keine Angst, sondern war sogar ruhiger, als ich selbst gedacht hatte. Sondern aus folgendem Grund: Mir war eine komische und unerwartete Begebenheit widerfahren.
Als wir auf dem Feld in Schlachtordnung standen und, auf den Feind aus dem Wald wartend, unsere Gewehre herrichteten, wollte auch ich nachsehen, ob auf der Pfanne meines Gewehrs Pulver sei, denn geladen hatte ich es schon längst.
Doch war das nicht ein rechter Schabernack, der sich da ereignete? Ich schaue hin – und an meinem Gewehr ist überhaupt kein Hahn!.. Mein Gott! Wie bestürzt war ich da und in welche Verwirrung geriet ich! Einerseits begriff ich nicht, wo er hingekommen war; andererseits ärgerte ich mich, dass ich im Notfall nicht nur nicht schießen, sondern mich nicht einmal verteidigen konnte; und drittens, und vor allem, fürchtete ich, es könnte jemand bemerken und darüber lachen. Doch wie dem auch sei, mein Hahn war nicht da: Das verfluchte Schräubchen, das, wie man annehmen muss, am Vortag beim Gewehrputzen nicht fest genug angezogen worden war, hatte sich gelöst und war samt dem Hahn verschwunden. Und zu allem Unglück gab es keine Möglichkeit, ihn zu suchen. Ich wagte nicht nur nicht zu suchen, sondern fürchtete mich sogar, es meinen besten Freunden zu sagen, ärgerte mich nur innerlich und lachte über mich selbst, indem ich sagte: „Ein trefflicher Krieger bin ich, wahrhaftig! Und der verfluchte Hahn hat sich auch die rechte Zeit zum Verschwinden ausgesucht. Gerade da hat ihn der Teufel geholt, als er am nötigsten war!“ – Doch zum Glück wurde ich aller Sorgen ledig: Die Sache ging ohne Kampf ab, und mein hahnloses Gewehr bemerkte niemand. Wir kehrten glücklich zurück, und bis zum Morgen war für mein Gewehr ein anderer Hahn fertig. Diese Ehre kann ich der Tüchtigkeit der Regimentsschlosser erweisen. Wahrhaftig, binnen einer Stunde setzten sie ihm einen ganz neuen an, und ich schämte mich nicht mehr, mich vor der Front zu zeigen, den verlorenen aber ließ ich ruhig auf den Eggersdorfer Feldern liegen.
Hiermit beende ich diesen meinen Brief, versichere Sie meiner Freundschaft und verbleibe und so weiter.
DER ZWEITE ALARM
45. Brief
Lieber Freund. In meinem letzten Brief habe ich Ihnen unsere erste Vorbereitung zur Bataille geschildert, nun will ich die zweite beschreiben. Sie mögen sich darüber wundern! Wie sie auch gewesen sein mag, ganze zwei Tage vergingen allein mit den Vorbereitungen zu ihr! Sie muss also gewiss außerordentlich gewesen sein. Außerordentlich war sie auch, lieber Freund, wie Sie selbst aus ihrer Beschreibung später sehen werden; doch ich lasse das Nebensächliche beiseite und komme zur Sache.
Die Nacht auf den achtzehnten August verbrachten wir im bisherigen Lager glücklich und in erwünschtester Ruhe. Alles war still und friedlich, und niemand dachte an den Feind. Was der folgende Tag bringen würde, wusste niemand, und der Morgen ließ nichts Außerordentliches erkennen.
Am Morgen schlug man nicht den Generalmarsch, sondern die Reveille, und das bewies uns schon, dass wir auch an diesem Tag nicht aufbrechen, sondern am selben Ort stehen bleiben würden.
Diese Stille und Ruhe dauerten bis gegen zwölf Uhr, und wir, in der Meinung, auch den ganzen Tag über werde nichts geschehen, schickten uns schon an, ihn mit allerlei Vergnügungen zu verbringen, als plötzlich ein unerwarteter Kanonenschuss unsere Ruhe störte und unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Das geschah, wie ich mich noch heute erinnere, gerade in dem Augenblick, als ich mich mit meinem Gefährten zum Mittagessen setzte; denn man muss wissen, dass ich mich kurz zuvor auf besondere Weise mit dem Hauptmann der mir benachbarten zwölften Kompanie, Alexej Dmitrijewitsch Weljaminow, angefreundet hatte, einem weltgewandten, sehr verständigen Mann, der mir außerordentlich zugetan und überdies ein Landsmann war, denn er war Gutsbesitzer im Kreis Tschern, wo auch ich ein Dörfchen besaß. Da er mich gern hatte, versuchte er mich schon lange zu überreden, dass wir zusammen essen sollten; und da er einen Koch hatte und gut aß, willigte ich endlich gern ein, und von da an lebten wir die ganze übrige Zeit dieses Feldzugs wie leibliche Brüder und aßen nicht nur zusammen, sondern schliefen auch in einem Zelt. Kaum hatten wir uns damals mit diesem meinem Freund und Gefährten zum Mittagessen gesetzt, als wir den erwähnten Schuss hörten, und wir sagten noch: „Ach herrje! Ist das nicht schon wieder Alarm? Nicht einmal zu Mittag essen lässt man uns.“ Doch über dieses erste Signal regten wir uns noch nicht sonderlich auf und aßen weiter; kaum aber hatten wir zu den Löffeln gegriffen, als ein zweiter und bald darauf auch ein dritter Schuss folgte. Da war keine Zeit mehr, lange nachzudenken: Die Löffel fielen uns aus den Händen, und wir ließen das Essen stehen und eilten, uns anzukleiden, zu den Waffen zu greifen und unsere Abzeichen und Schärpen anzulegen. Lärm und Aufruhr waren schon im ganzen Lager zu hören. Überall begann ein Laufen, Rufen und Antreiben. Der eine stand schon an seinem Platz vor der Front, ein anderer lief dorthin, um sich aufzustellen, ein dritter griff noch nach der Waffe und legte seine Kriegsausrüstung an; mancher, der sich irgendwohin entfernt hatte, rannte noch Hals über Kopf, unbekleidet, ins Zelt, beeilte sich, sich anzukleiden, und rechtzeitig zu kommen, um mit seinen Kameraden gemeinsam in den Tod zu gehen. Die Stimmen und Rufe der Vorgesetzten und Heerführer, die vor den Regimentern hin und her sprengten, waren überall zu hören und weckten Tapferkeit und Mut in den Herzen der Krieger. Die Erde stöhnte unter der Last der Geschütze, die von vielen Pferden gezogen wurden, und das Echo hallte nur so durch den uns gegenüberliegenden Wald vom Geschrei der Fuhrknechte und Fuhrleute, die die Pferde antrieben, die verderbenbringenden Geschütze schneller zu ziehen, welche zur Vernichtung des Feindes bereitstanden. Mit einem Wort, alles war in Bewegung und bot dem Auge des Kriegers einen angenehmen Anblick.
Kaum waren wir mit den Regimentern vor die Front getreten und hatten uns formiert, als wir schon unsere obersten Heerführer sahen, die mit großem Gefolge an unseren Regimentern vorüberritten.
Prächtiger konnte das Gefolge unseres Oberbefehlshabers nicht sein. Umgeben von einer großen Menge anderer hoher und niederer Befehlshaber, Generale und Offiziere, ritt er mit großem Gepränge dahin, um die Armee zu führen und über die Schicksale so vieler Tausender Menschen zu verfügen. Ein stolzes, kostbares, mit reichem Geschirr geschmücktes Ross trug tänzelnd, mit den Hufen spielend, diesen Heerführer. Eine Menge anderer Pferde unter reichen Schabracken folgte ihm als Handpferde. Endlich deckten ganze Scharen von Husaren und Tschugujew-Kosaken diesen prunkvollen und prächtigen Zug. Sie waren zu Leibwächtern unseres Heerführers bestimmt und folgten ihm überallhin.
Bald danach führte man unsere Regimenter mit fliegenden Fahnen wieder an denselben Ort, wohin wir am Vortag ausgerückt waren; doch nun führte man nicht nur die erste Division und unser Avantgardekorps hinaus, sondern die ganze Armee. Das konnten wir daraus schließen, dass, da unser Regiment gerade an der engsten Stelle und im Durchgang stand, alle Regimenter, berittene wie zu Fuß, mit ihren Fahnen und Geschützen an uns vorüberziehen und durch dieses enge Defilee auf das weite Egersdorfer Feld hinausmarschieren mussten. Dort wurden sie schon ordentlich in zwei Linien in Schlachtordnung aufgestellt, uns aber führte man erst nach allen hinaus, denn wir waren dazu bestimmt, den linken Flügel beider Linien zu decken, und man stellte uns quer zu beiden Linien auf. Welch ein Anblick bot sich uns plötzlich, als wir uns aus der Enge des Lagers herausgearbeitet hatten und auf eine Anhöhe kamen, von der aus die ganze Umgebung des Feldes zu überblicken war! Die ganze Hälfte des Feldes, die uns und dem Wald zugewandt lag, war mit einer zahllosen Menschenmenge bedeckt. Die Fronten der beiden Linien standen in beträchtlichem Abstand voneinander und erstreckten sich in der Länge so weit, dass man ihr Ende auf keine Weise sehen konnte. Nur die Fahnen wehten, leuchteten in ihrer Farbenvielfalt und schmückten dadurch dieses schöne Schauspiel am meisten. Der ganze leere Raum zwischen den beiden Linien war von einer Menge Volk erfüllt. So unbeweglich wie Mauern die beiden Linien standen, so belebt war dagegen das Volk, das sich zwischen ihnen befand. Hier sah man nur das Hin- und Herjagen der Reiterei, der Kommandeure, Adjutanten und Ordonnanzen und der Truppen, der Kanonen, ihrer Munitionskästen und ihres Geräts. Alle Befehlshaber waren geschäftig und bemühten sich, alles anzuordnen und aufzustellen, wo es nötig war, und die erforderlichen Befehle zu erteilen, wie man sich während des Gefechts zurückzuziehen habe: Alle erwarteten es ohne Zweifel.
Der Tag war damals der allerschönste und das Wetter das erwünschteste, und schon das bloße Blitzen der Waffen vermochte die Lust zum Kampf zu wecken.
Die damalige Stellung unserer Armee und die Aufstellung unserer Schlachtordnung hätten nicht vorteilhafter und besser sein können, denn stellen Sie sich vor, lieber Freund, das erwähnte Jägersdorfer Feld ist nicht durchweg so eben, dass man es waagerecht nennen könnte: auf unserer Seite befand sich darauf eine kleine Anhöhe. Diese Höhe begann an einer breiten Senke oder einem trockenen Grund, der zwischen den beiden Dörfern lag, und erstreckte sich bis an eben jenen Wald, hinter dem das Lager unserer Armee stand. Sie nahm recht viel Raum ein und beherrschte die ganze Weite des Jägersdorfer Feldes. Auf dieser Anhöhe oder diesem sanften Hügel stellte sich unsere Armee in Schlachtordnung auf und hatte Platz genug, sich nach Belieben zu entfalten. Ihre ganze Front oder Stirnseite war durch den erwähnten trockenen Grund oder die kleine breite Senke gedeckt, durch die ein kleiner, aber zäher und sumpfiger Bach floss, der ganze Rücken aber oder die Nachhut durch hohen und dichten Wald, sodass von hinten keinerlei Gefahr drohen konnte. Mit ihrem linken Flügel lehnte sie sich an eines der oben erwähnten Dörfer, die mitten im Feld und sehr nahe beieinander lagen; ob aber der rechte durch irgendetwas gedeckt war oder nicht, das konnte ich nicht sehen. Und selbst wenn er von Natur aus durch nichts gedeckt gewesen wäre, so deckte ihn doch eine hinreichende Zahl berittener und Fußtruppen mitsamt einer ganzen Kolonne Artillerie. Mit einem Wort, die Stellung der Armee war die erwünschteste und so beschaffen, dass jeder schließen konnte, sie habe einen überaus vorteilhaften Platz eingenommen. Damit Sie diese Schlachtordnung aber deutlicher sehen können, will ich sie Ihnen in einer eigens angefertigten Zeichnung darstellen. (?)
Nachdem wir uns auf diese Weise in aller Muße aufgestellt und das Nötige angeordnet hatten, erwarteten wir unerschrocken den Feind und hofften jeden Augenblick, er werde aus dem uns gegenüberliegenden Wald hervortreten und uns angreifen. Doch diese Rechnung war ohne den Wirt gemacht. Wie lange wir auch warteten und wie sehr wir auch die Augen nach der Seite richteten, von wo wir den Feind erwarteten, wir konnten nicht das geringste Anzeichen von ihm erblicken; ebenso vergeblich waren alle unsere Erkundigungen bei denen, die vom rechten Flügel zu uns herüberkamen. Wir fragten zwar einen jeden von ihnen: „Rückt der Feind an? Ist er schon aus dem Wald herausgekommen? Ist er nicht zu sehen?“ – doch alle antworteten, nein, und sie hätten sich selbst schon die Augen aus dem Kopf geschaut.
Mit einem Wort, all unser Warten war vergebens. Die feindlichen Heerführer waren nicht so dumm, wie wir glaubten.
Sie wussten wohl um ihre Schwäche uns gegenüber und um unsere große Überlegenheit an Kräften und waren weit davon entfernt, uns, die wir so vorteilhaft aufgestellt standen, am helllichten Tag und unter so offenkundiger Gefahr für sich selbst anzugreifen; vielmehr begnügten sie sich damit, dass wir uns ihnen auf diese Weise gezeigt hatten und sie unsere ganze Stärke wie auf der flachen Hand sehen und mustern konnten. Überdies hatten sie auch noch keine Zeit, den Kampf mit uns zu beginnen. Sie waren, wie wir hernach erfuhren, erst an jenem Tag von Wehlau in das hinter dem Wald bezogene Lager gekommen und hatten unsere Armee nur auskundschaften lassen. Über diese Rekognoszierung schreiben die Feinde in ihren Relationen, es sei von ihnen der Generalleutnant Schorlemer mit 20 Schwadronen Husaren und 20 Schwadronen Dragoner ausgeschickt worden; wir haben jedoch eine so große Zahl von Truppen nicht gesehen, und man erzählte uns später, dass an jenem Tag nur der preußische Generalleutnant Graf Dohna mit einer kleinen Bedeckung unser Lager und unsere Armee erkundet habe, denn dieser galt bei ihnen als der beste General; unseren Heerführern aber oder vielmehr den Vorposten war es so vorgekommen, als sei das schon die ganze Armee, und eben dies war die Ursache unserer Furchtsamkeit und unseres eiligen Auszugs aus dem Lager.
Aus all diesen Gründen konnten wir trotz all unseres Wartens den Feind nicht vor uns erblicken. Schon standen wir mehr als zwei Stunden; schon begann der Tag sich dem Abend zuzuneigen, von der feindlichen Armee aber war nicht einmal eine Spur zu sehen, und alles, was wir hören konnten, bestand darin, dass in der Ferne zwischen unseren Kosaken und dem Feind ein kleines Geplänkel stattfand, wobei er aus dem Wald bald mit Gewehren, bald mit Kanonen auf sie feuerte; und das waren vielleicht diejenigen, die von uns ausgeschickt worden waren, um den Feind auszukundschaften.
Endlich sahen unsere Heerführer ein, dass wir vergebens standen und nichts abwarten würden. Darum ließ man einige Male aus einer großen Kanone in den Wald feuern und warf aus den Haubitzen einige Bomben dorthin, vielleicht auf Feinde, die sich gezeigt hatten, brannte ein vor der Armee in der Ferne am Waldrand liegendes Dorf nieder und entließ unsere Regimenter wieder zurück ins Lager. Wir wussten nicht und konnten nicht begreifen, was das bedeuten sollte und wie lange man uns noch auf diese Weise umherführen und den Feinden vorzeigen würde.
Es begann schon beinahe zu dämmern, als wir zu unseren Zelten zurückkehrten, und da hörten wir zum ersten Mal den abendlichen Signalschuss aus einer Kanone im feindlichen Lager zum Schlagen des Zapfenstreichs; und da er recht laut zu hören war, konnten wir schließen, dass sich das feindliche Lager schon nicht mehr weit von dem unseren befand, und wenig später hörten wir ganz deutlich, wie man bei ihm auch den Zapfenstreich schlug.
Ich kann nicht genug beschreiben, mit welch verschiedenen Empfindungen der Seele wir diesem Klang der feindlichen Trommeln lauschten; noch nie bis zu dieser Zeit hatten wir ihn zu hören bekommen.
Mit großer Neugier spitzte ein jeder die Ohren, um ihm zu lauschen, und da ein so sicherer und offenkundiger Beweis für die Nähe der feindlichen Armee uns keinerlei Zweifel mehr erlaubte, dass es am nächsten Tag zur Schlacht mit ihm kommen werde, so hörten viele dem Schlagen dieses Zapfenstreichs und bald darauf auch des unseren mit besonderem Vergnügen und ohne jede Beunruhigung zu und freuten sich, dass sie es bald mit dem Feind zu tun haben würden und zugleich eine günstige Gelegenheit hätten, ihre Tapferkeit und ihren Mut zu beweisen; andere hingegen waren damals mit anderen Gedanken beschäftigt:
„Nun, Brüder!“, sagten damals manche, „man sieht jetzt schon an allem, dass es bei uns zur Rauferei kommt – ganz gewiss werden wir sie morgen haben! Wem wird Gott wohl helfen, seinen Widersacher zu bezwingen? Wir schmeicheln uns zwar mit der Hoffnung, die Preußen zu besiegen, aber es ist nichts Seltenes auf der Welt, dass auch kleine Armeen große geschlagen haben. Verhüte Gott, dass uns ein solches Unglück widerfährt!“ – „Ja!“, fielen andere ein, „das alles ist möglich; doch wie dem auch sei und wem Gott auch helfen mag, gewiss ist, dass es auf beiden Seiten nicht ohne Verluste abgehen wird. Viele werden bei dieser Gelegenheit ins Jenseits befördert werden. Und wem mag wohl vom Schicksal bestimmt sein, hier seinen Kopf hinzulegen!“ – „Ja!“, fuhren wieder andere fort, „viele von uns werden gewiss keinen Sonnenuntergang mehr sehen und hören jetzt zum allerletzten Mal den Abendzapfenstreich schlagen! Morgen um diese Zeit werden sie schon leblos und mit erkaltetem Blut daliegen! Doch wer mag wohl zu ihnen gehören? – Das alles ist uns von einem undurchdringlichen Schleier verhüllt, und alles ist eine schreckliche Ungewissheit!“ – „Ja!“, antworteten manche, „ungewiss ist auch, wem es dabei widerfahren wird, für immer verstümmelt zu werden und entweder einen Arm oder ein Bein zu verlieren oder so zerschossen und verwundet zu werden, dass er für immer als Krüppel und Missgestalt umhergeht. Glücklich wird der sein, der von alledem glücklich davonkommt und am Leben und ganz unversehrt bleibt.“ – Auf diese und ähnliche Weise sprachen damals viele miteinander, und die Ungewohntheit aller an das Feuer und dass sie noch nie in Schlachten gewesen waren, erzeugte bei vielen solche Empfindungen und Gedanken. Es gab aber auch viele, die alle bevorstehenden Gefahren nicht im Geringsten achteten, sondern sich mutigen Geistes und alles vergessend auf die Schlacht wie auf ein vergnügliches Festgelage vorbereiteten.
Kaum hatte man bei uns den Zapfenstreich geschlagen und kaum war es dunkel geworden, als ein so dichter Nebel, oder vielmehr Rauch, aufkam, wie ich ihn mein Lebtag nicht gesehen hatte.
Plötzlich wurde es so finster, dass man trotz des hellen Sommerabends nicht einmal auf zehn Klafter etwas sehen konnte. Wir wunderten uns über diese seltsame Lufterscheinung, und dies umso mehr, als wir hier bis dahin keine solchen Nebel gesehen hatten. Doch dieser Nebel dauerte nicht lange; nach einer Stunde verzog er sich wieder, und es wurde hell.
Da wurde in der ganzen Armee der Befehl ausgegeben, alle Soldaten in die Front hinauszuführen, und alle Regimenter sollten unter Gewehr übernachten, nachdem sie sich zuvor mit Proviant für drei Tage versehen hätten. Seltsam kam uns das vor, und wir konnten nicht begreifen, was das bedeuten sollte. Alle schlossen nur, dass wir gewiss am Morgen würden ausmarschieren müssen, und darum dachte jeder von uns daran, wie er sich leichthin mit Speise versorgen könnte. Zum Glück herrschte bei uns damals kein Mangel an Lebensmitteln. Ein Paar Gänse wurde sogleich gebraten und ein Schinken gekocht. Man stopfte mir den Beutel voll, und wir hofften, dass all das auch für fünf Tage reichen würde. Nachdem wir uns so vorbereitet hatten, übernachteten wir unter Gewehr. Hiermit will ich meinen Brief beenden und Ihnen sagen, dass ich bin usw.
ALARM
Brief 46
Lieber Freund!
Nun bin ich schon an jenem Zeitpunkt angelangt, der für unseren ganzen Feldzug dieses Jahres entscheidend war, nämlich am 19. August, der durch die an ihm geschlagene Schlacht berühmt und denkwürdig geworden ist. Für mich war er insofern besonders bemerkenswert, als er der einzige dieser Art war, der sich bis zum heutigen Tag in meinem Leben ereignet hat und den mich das Schicksal hat erleben lassen. Darum möchte ich Ihnen, lieber Freund, diese Schlacht aufs Allergenaueste beschreiben; doch ich hoffe nicht, dass meine Kräfte dazu ausreichen.
Bevor ich aber die Schlacht selbst zu beschreiben beginne, muss ich Ihnen den Grund des am Vorabend dieses Tages in der Armee ausgegebenen Befehls erklären, der uns so unverständlich erschienen war. Unsere Anführer versammelten, nachdem sie mit den Regimentern ins Lager zurückgekehrt waren, einen Kriegsrat und berieten, was zu tun sei. Alle stimmten einhellig darin überein, dass der Feind allem Anschein nach keine Schlacht liefern wolle und sich fürchte, sich im Feld zu zeigen, sondern nur bestrebt sei, uns den Weg zum weiteren Vormarsch zu versperren, indem er das allerengste Defilee besetzte, und uns mit alledem daran zu hindern, an ihm vorbeizuziehen und mit der Armee geradewegs nach Königsberg zu gelangen. Andere hingegen vermuteten und sagten, der Feind erwarte vielleicht einen Angriff von uns. Doch alle diese Urteile waren unbegründet, wie sich aus dem Folgenden zeigen wird.
Unsere Anführer jedoch, die damals all dies annahmen, schlossen, dass nichts anderes übrig bleibe, als ihm entgegenzuziehen und ihn zu zwingen, eine Schlacht zu liefern.
Doch da erhob sich die Frage: Wohin und über welche Orte sollte man zu ihm ziehen? Geradewegs über das Jägersdorfer Feld und auf dem nächsten Weg zu ihm zu ziehen, war ein Ding der Unmöglichkeit: Er stand mit seiner Armee hinter einem dichten und großen Wald und war durch ihn vollkommen gedeckt, durch diesen Wald aber gab es keinen anderen Durchgang als einen einzigen schmalen und engen Weg, und auch dieser war bereits von preußischen Truppen besetzt; folglich war es hier auf keine Weise möglich anzugreifen, um den erwähnten Wald herumzuziehen aber war sehr weit. Da jedoch nichts anderes übrig blieb und man sich beeilen wollte, so beschloss man, auch jenen ferneren Wald, hinter dem der Feind stand, von der linken Seite her zu umgehen und dadurch den Feind zu zwingen, sich uns entgegenzuwenden. Da man aber für diese Umgehung nicht anders als einige Tage aufwenden musste und zudem auf schlechten Wegen und durch enge Pässe zu ziehen hatte, so hielt man es für gut, den schweren Tross hier an Ort und Stelle zurückzulassen und nur den leichten und unentbehrlichen mitzunehmen und so leicht wie möglich aufzubrechen. Schließlich bestimmte man, mit diesem Unternehmen nicht zu zögern, um dem Feind keine Zeit zu lassen, auch die letzten Durchgänge zu besetzen, und setzte dafür den erwähnten 19. August fest, mit dem Beschluss, bei Tagesanbruch auszumarschieren; und eben deswegen war auch der Befehl ausgegeben worden, Proviant für drei Tage mitzunehmen, zum Abmarsch völlig bereit zu sein und unter Gewehr vor der Front zu übernachten.
Dies also waren die Anordnungen auf unserer Seite. Doch dem Schicksal gefiel es ganz anders. Unsere Pläne und Absichten wurden zunichtegemacht, und es geschah etwas ganz anderes, denn während wir auf diese Weise über die Mittel nachdachten und berieten, mit denen wir den furchtsamen Feind zur Schlacht zwingen könnten, war bei ihm von Furchtsamkeit nicht einmal die Rede. Er war wohl kaum weniger kühn als wir und beschloss, keine Zeit zu verlieren und uns selbst anzugreifen. Die Preußen waren seit Langem dafür berühmt, dass sie Zeiten und Gelegenheiten zu nutzen verstehen, und hatten gerade durch diese Kunst oft mit wenigen Leuten große Armeen geschlagen. Diese List gedachten sie auch in diesem Fall anzuwenden und den Mangel an eigenen Kräften durch Gewandtheit und Kühnheit wettzumachen. Es war ihnen hinreichend bekannt, an welch engem, wenn auch sehr vorteilhaftem Ort unsere Armee stand, und vielleicht war ihnen auch jene Uneinigkeit nicht unbekannt, in der sich damals unsere Generäle und Anführer befanden. Selbst unsere Absicht, herumzuziehen und auszumarschieren, hatten sie vielleicht auf irgendeine Weise in Erfahrung gebracht, und darum beschlossen sie, ohne lange nachzudenken, diese Gelegenheit zu nutzen und uns ganz unversehens zu überfallen, und zwar in dem Augenblick, wenn die Armee sich gerade erst in Bewegung setzte, um unsere Verwirrung auszunutzen und uns, ohne uns aus unserem Bau herauszulassen, wie Hühner zu erwürgen. Diese Absicht führten sie mit recht gutem Erfolg aus, wie sich aus dem Folgenden zeigen wird.
So wurden für uns Netze geflochten, wir aber schliefen, nicht das Geringste ahnend, und ruhten in aller Ruhe. Endlich begann die purpurne Morgenröte nach und nach den Horizont zu erhellen und uns einen allerschönsten Tag zu verkünden.
Der gegen Morgen wieder aufgekommene starke Nebel begann sich zu verziehen, und die Luft wurde dünn und durchsichtig; die Sonne, hinter den Bergen hervorgeeilt, hatte schon unseren ganzen Horizont erhellt, als ein lauter Signalschuss aus einer Kanone unseren süßen Schlaf unterbrach und die ganze Armee in Bewegung brachte. Wir horchten mit neugierigem Ohr, was man schlagen würde: die Reveille oder den Generalmarsch, und als wir diesen letzteren hörten, begannen wir uns sogleich eilig zum Abmarsch bereit zu machen. Wenig später schlug man „Zu den Wagen“, worauf sogleich alle Zelte abgebrochen, die Pferde vor die Fuhrwerke gespannt wurden und die Trosse ohne den geringsten Verzug, wie es ihre Gewohnheit ist, sich auf den Weg machten. Nun erinnern Sie sich, lieber Freund, an einen Umstand, den ich Ihnen erzählt habe, nämlich dass der Ausgang und die Ausfahrt aus dem Ort, an dem die Armee im Lager stand, nur durch jene eine schmale Lichtung führte, wo unser Avantgardekorps und die zweite Division standen; und da auch unser Marsch sich nach dieser Seite richten sollte, so drängten sich natürlich die Trosse der ganzen Armee, als sie sich in Bewegung setzten, an diesem Ort zusammen und verursachten das allergrößte Gedränge. Zu allem Unglück lag vor diesem engen Defilee ein zäher und schlammiger Bachgrund, und zwar eben jener, der, das Jägersdorfer Feld durchschneidend und zwischen den beiden Dörfern Jägersdorf hindurchfließend, in die steile Schlucht mündete, die sich hinter der Armee befand. Über diesen Bachgrund mussten sich die vorderen Trosse hinüberarbeiten, und da sie dadurch natürlich einen kleinen Aufenthalt erlitten, so wurden Gedränge und Verwirrung bei den hinteren noch größer. Alle Fuhrwerke drängten sich aneinander, und jedes suchte vorwärtszukommen und das andere zu überholen. Da aber die vorderen anhalten mussten, entstand ein solches Gedränge, dass man zwischen den Karren und Fuhrwerken nur mit großer Mühe zu Fuß hindurchkommen konnte. Alles war hier durcheinander: die Artillerie mit ihren Kästen und Geschossen, die Regimentstrosse, die Equipagen der Generäle und die Fuhrwerke der Offiziere und Soldaten, wodurch die Verwirrung am meisten entstand. Selbst die Regimenter hatten sich schon von ihren Plätzen in Bewegung gesetzt und waren an verschiedenen Stellen in Haufen zwischen den Trossen eingeklemmt, was alles das Gedränge und die Verwirrung noch vermehrte, die ohnehin immer herrscht, wenn eine Armee aus dem Lager zum Marsch aufbricht.
Eben zu dieser Zeit, eben zu der Zeit, als die allergrößte Verwirrung herrschte und die Truppen mit den Trossen auf die oben erwähnte Weise vermischt waren und die ganze schmale Lichtung, durch die die Hauptarmee hinausziehen sollte, von den letzteren so vollgestopft war, dass weder ein Durchgang noch eine Durchfahrt möglich war – eben zu dieser Zeit, sage ich, begann sich plötzlich zuerst ein leises Gerücht in der ganzen Armee und unter den Trossen zu verbreiten, der Feind rücke an und sei schon nahe; doch sogleich verwandelte es sich in allgemeinen Lärm, und überall hörte man schon den Ruf: „Der Feind! Der Feind!“ und die Versicherung, er sei schon ganz nahe; genau aber wusste es niemand. Der eine sagte, er habe sich auf dem Feld gezeigt, ein anderer behauptete, er sei schon über die Dörfer hinaus; ein dritter sagte, er sei schon mitten in den Trossen, und so weiter.
Jeder deutete es, wie es ihm beliebte, und fügte, um die anderen zu schrecken, hinzu, was ihm gefiel; der andere aber wusste nicht, was er schließen und welches Gerücht er für das zutreffendste halten sollte.
Doch nicht lange verharrten wir in dieser Ungewissheit. Nach etwa drei Minuten erhielten wir eine gute Bestätigung dafür. Vorn an dieser ganzen engen Stelle, rechts, wo sie an das Jägersdorfer Feld stieß, lagerte bei uns das zweite Moskauer Regiment und nahm den ganzen Zugang zu dem erwähnten Feld ein; und da es unser ganzes bisheriges Lager deckte, so war ihm zur besseren Befestigung und Deckung dieses Ortes eine kleine Artilleriekolonne beigegeben und für alle Fälle vor ihm aufgestellt worden. Dieses Regiment war das erste, das damals plötzlich den Feind erblickte, und, was das Erstaunlichste von allem ist, ihn schon unmittelbar vor sich.
Ich weiß es nicht, und wir alle wussten es damals nicht – urteilen und entscheiden Sie selbst –, wie es geschehen konnte, dass wir trotz all unserer früheren Vorsicht und trotz der überaus großen Menge unserer leichten Truppen, die die Armee bewachten, nicht sahen, wie der Feind durch seinen fernen Wald zog, wie er aufs Feld heraustrat und wie er das ganze weite, sich an die vier Werst in die Breite erstreckende Jägersdorfer Feld überquerte, und wie es geschehen konnte, dass wir ihn nicht eher erblickten, als bis er uns schon beinahe im Nacken saß. Eine wahrhaft seltsame und unbegreifliche Sache war das! Als wir zweihundert Werst vom Feind entfernt waren, trafen wir die allergrößten Vorsichtsmaßregeln, als stünde der Feind zwei oder drei Werst entfernt, und quälten uns alle auf den Feldwachen zu Tode; als aber der Feind tatsächlich in solcher Nähe war, da waren uns die Augen gleichsam verbunden, und wir haben, wie das Sprichwort sagt, „nicht gesehen, wie uns vor den Augen die Darre abbrannte“. Mit einem Wort, die Sache war unbegreiflich, und ich behaupte es nicht und kann es nicht behaupten, sondern will nur sagen, dass später in der Armee das Gerücht umging, unseren Anführern sei noch vor Tagesanbruch, als die Armee noch in Ruhe lag, mehrfach gemeldet worden, der Feind sei aufs Feld herausgetreten und rücke gegen uns heran, man habe dem aber angeblich nicht glauben wollen und es für Geschwätz und eine unmögliche Sache gehalten. Und zwar besonders auf die weise Überzeugung des Vertrauten und Gehilfen des Feldmarschalls, des oben erwähnten Generals Lieven hin. Ob es sich aber wirklich so verhielt, das weiß ich wahrhaftig nicht, denn ein so kleiner Mensch, wie ich es war, konnte es auch nicht wissen.
Wie dem aber auch sei, der Feind überraschte uns in einer solchen Verfassung, wie er sie sich nicht besser hätte wünschen und erbitten können. Das erwähnte zweite Moskauer Regiment erblickte ihn nicht eher, als bis er schon auf eine solche Entfernung heran war, dass die Kanonen ihn erreichen konnten, weshalb von der vor ihm stehenden Batterie in demselben Augenblick die Kanonade gegen den Feind begann, die uns auch bestätigte, dass das Gerücht vom Feind zutraf und dass er sich schon in geringer Entfernung von uns befand.
Mein Gott! Welche Bestürzung erhob sich damals in unserer ganzen Armee und in den Trossen! Welches Geschrei erhob sich, welcher Lärm, welch ein Gejage und welch ein Durcheinander begann!
Hier hörte man den Ruf: „Hierher! Hierher! Artillerie!“; an einem anderen Ort schrie man: „Reiterei, schickt schnell die Reiterei hierher!“ Dort schrie man: „Die Trosse weg! Weg! Zurück! Zurück! Zurück!“ Mit einem Wort, die ganze Luft erfüllte sich mit dem Geschrei der Melder und Befehlenden, mehr aber noch der Fuhrleute und Wagenlenker. Diese taten nichts anderes, als zu schreien: „Hü! Hü! Hü!“ und die Pferde anzutreiben, die allerlei Lasten zogen. Kurz, schon vorher hatte eine gehörige Verwirrung geherrscht, bei einem so unvermuteten Alarm aber wurde sie ganz unbeschreiblich. Alle Leute gerieten in Bestürzung und wussten nicht, was sie tun und unternehmen sollten. Selbst unsere Kommandeure und Anführer verloren alle Besonnenheit und stürzten wie von Sinnen überallhin, ohne zu wissen, was sie tun und unternehmen sollten. Ein solcher Fall war auch für sie selbst der erste, und dazu unglücklicherweise ein so unvermuteter und verworrener, sie aber waren alle noch ungeübte Leute. Nie habe ich sie in solcher Unordnung gesehen wie damals. Der eine jagte wie von Sinnen dahin und schrie mit totenbleichem Gesicht Befehle, ohne selbst zu wissen, welche; ein anderer trieb selbst die Trosse fort, schimpfte und schlug die Fuhrleute; ein dritter packte eine Kanone und jagte selbst mit ihr davon, so schnell das Pferd nur konnte. Ein anderer griff sich irgendein Regiment und zwängte sich mit ihm durch den Tross, kletterte über Karren und Packwagen und führte es, er wusste selbst nicht wohin. Mit einem Wort, alles befand sich in der allergrößten Verwirrung und Unordnung, und wie hätte es auch anders sein können, da man nicht wusste, ob man die Armee in Ordnung aufstellen oder sich gegen den schon anrückenden Feind verteidigen sollte: So nahe war er uns schon.
Konnte man unter solchen Umständen erwarten, dass unsere Armee in eine ordentliche Schlachtordnung gebracht werden und dem Feind ordentlichen Widerstand leisten könnte? Beinahe alle Regimenter oder der größte Teil von ihnen befand sich hinter dem Wald und hinter dem Tross, und alle konnten auf keine Weise durch ihn hindurchdringen, durch den Wald aber zu gehen, war wegen seiner Dichte ebenfalls keine Möglichkeit. So mussten sie mit verschränkten Armen stehen und warten, bis man ihnen den Weg freimachte. Doch dies zu tun, war wegen der damaligen Verwirrung und der Enge des Ortes nicht möglich. Nur die zweite Division, die unter dem Kommando des tugendhaften Generals en chef Lopuchin stand, konnte sich, da sie in der Lichtung selbst und dem Feld am nächsten lagerte, einigermaßen bewegen; aber auch ihre Regimenter konnten keineswegs geradeaus marschieren, sondern mussten in Reihen ziehen und sich, so aus der Lichtung nach rechts heraustretend, dicht am Wald entlang ziehen, denn weiter ins offene Feld vorzurücken, war wegen der Nähe des Feindes schon nicht mehr möglich.
Stellt man jemals Armeen so in Schlachtordnung auf? Doch was tut die Not nicht! Wir wären froh gewesen, wenn es uns auch nur auf diese Weise gelungen wäre, uns hinter dem Wald und den Trossen hervorzuarbeiten. Doch auch dieses letzten Mittels wurden wir bald beraubt.
Nun will ich Ihnen sagen, lieber Freund, wohin eigentlich ich in diesem Durcheinander geriet und was mit mir geschah. Unser Regiment befand sich, wie ich Ihnen früher erzählt habe, im Avantgarde- oder Vorhutkorps, zusammen mit einigen anderen ebenso schwach besetzten Regimentern wie dem unseren. Da wir beinahe ganz vorn standen und dazu bestimmt waren, während des Marsches die Trosse zu decken, so waren wir vor allen anderen Regimentern in Bewegung gesetzt worden und befanden uns gerade bei jenem Bachgrund, von allen Seiten von einer Menge Trosse umgeben, als von unserer und von feindlicher Seite das oben erwähnte Kanonenfeuer begann und einige der feindlichen Kugeln über die Trosse zu sausen, zu pfeifen und alles, was ihnen in den Weg kam, zu zerbrechen und zu zertrümmern begannen. Diese Erscheinung war für uns noch neu und bis dahin nie gesehen. Als wir dies hörten, hielten wir an und erwarteten den Befehl, wohin man uns gehen heißen würde: vorwärts auf der Landstraße oder nach rechts an jenen Ort, wo schon geschossen wurde. Wenig später sprengte, ich weiß nicht mehr, irgendein General zu uns heran, nahm uns auf und führte uns über den Bach vorwärts durch alle Trosse hindurch, wobei er uns zwang, uns auf jede Weise durch sie hindurchzuzwängen und, wo es nicht anders ging, über die Fuhren und Fuhrwerke zu klettern.
Hier will ich einen Augenblick innehalten und sagen, dass, da wir bei diesem Marsch vor uns wegen der Trosse nichts sehen konnten und für gewiss annahmen, dass wir, wenn wir uns aus ihnen herausgearbeitet hätten, geradewegs auf den schon kampfbereit stehenden Feind stoßen und sogleich mit ihm in ein blutiges Gefecht geraten würden, die Minuten, in denen wir auf die erwähnte Weise marschierten und uns durch die Trosse zwängten, für uns die allerkritischsten waren. Die Gewissheit von der Nähe des Feindes, der Klang des Kanonenfeuers, das schon ganz in der Nähe zu hören war, und die feindlichen Kugeln, die schon über die Trosse flogen, ließen uns nicht daran zweifeln, dass wir in wenigen Minuten ebenfalls zu schießen und mit dem Feind zu kämpfen beginnen würden; und die Ungewohntheit solcher Fälle und der Gedanke, dass die Sense des Todes schon über jedem ausgebreitet und bereit war, viele niederzumähen, und dass die damaligen Minuten für viele schon die letzten im Leben waren, versetzten die ganze Seele in solche Zerrüttung und alle Gedanken in solche Verwirrung und Bestürzung, dass sich der damalige Seelenzustand auf keine Weise mit Worten beschreiben lässt, denn in diesem Augenblick wirkten in ihr nicht eine, sondern viele Leidenschaften zugleich, und man kann wahrhaftig nicht sagen, ob die allen Menschen angeborene Furcht damals mehr über alle Seelenkräfte herrschte oder der Verdruss und Unwille über die damals überall sichtbare Unordnung und Verwirrung und der eben dadurch hervorgerufene Eifer und Wunsch, schneller vorzurücken und den Feind zurückzuschlagen – bei alledem kann man nicht umhin zu gestehen, dass jedem damals das Herz nicht am rechten Fleck saß, sondern recht spürbar zitterte und dabei immer wieder stockte.
Doch muss man zur Bezeugung der Wahrheit auch sagen, dass wir all dieses erste und wahrhaftig mit Worten unbeschreibliche Entsetzen nur ganz am Anfang empfanden und nur so lange, bis wir aufs Feld hinaustraten und den Feind erblickten.
Danach aber, ich weiß nicht, ob deshalb, weil der Mensch sich schon gleichsam in Verzweiflung und Erstarrung befindet, oder deshalb, weil er nicht allein, sondern mit einer Menge anderer zusammen ist, empfindet er bei Weitem nicht solchen Schrecken und solche Furcht, wie er sie seiner Natur nach und nach der tatsächlichen Gefahr und dem Ernst des Falles empfinden müsste, sondern wird schon weit mutiger und ruhiger im Geiste.
Doch ich bin schon von der Ordnung meiner Erzählung abgekommen; nun kehre ich zu ihr zurück und sage, dass wir, nachdem wir uns durch die Trosse hindurchgezwängt hatten und ins Freie hinausgetreten waren, die übrigen Regimenter unseres Avantgardekorps erblickten, die sich zu unserer Rechten in einer Linie aufstellten. Man befahl uns, uns ihnen anzuschließen, und an uns begannen sich auch die übrigen Regimenter unseres Korps anzuschließen. So gerieten wir an einen ganz anderen Ort als den, an dem wir am Vortag zu stehen gekommen waren. Und zum Glück fügte es sich, dass dieser Ort der allerschönste und, was das Allerbeste war, der allersicherste war; gerade an der Stelle, wo unser Regiment zu stehen kam, befand sich ein kleiner Hügel oder eine Anhöhe, von der aus die ganze Weite des Jägersdorfer Feldes zu sehen war. Kaum hatten wir sie erstiegen und uns umgesehen, als sich uns die ganze preußische Armee wie auf der flachen Hand darbot. Wir sahen, dass sie sich beinahe genau an der Stelle befand, wo wir am Vortag aufgestellt gewesen waren, und ihre erste Linie stand genau dort, wo unsere erste Linie gestanden hatte, die zweite aber gegenüber dem Dorf Klein-Jägersdorf, und beide ihrer Linien waren mit den Enden dem Ort zugekehrt, wo wir standen, sodass wir an beiden entlangsehen konnten. Zu unserem noch größeren Vergnügen war für uns auch der ganze Ort zu sehen, wo sich unsere Armee aufstellte, denn wir standen mit unserem ganzen Korps auf ihrem linken Flügel oder, besser gesagt, in der Flanke beider Armeen. Wir selbst aber waren gegen einen Angriff durch einen kleinen Sumpf gedeckt, der mit niedrigem, aber außerordentlich dichtem Gebüsch bewachsen war und sich vom Dorf Klein-Jägersdorf ein Stück nach links erstreckte. Über dieses Gebüsch hinweg konnten wir von unserem Hügel aus alles sehen, dem Feind aber war es nicht möglich, durch das Gebüsch zu uns zu gelangen. So standen wir in Ruhe und bereiteten uns nur darauf vor, Zuschauer des ganzen Schauplatzes der damals beginnenden blutigen Schlacht zu sein.
Sie begann zu Anfang der achten Stunde, als die Sonne schon recht hoch stand und mit ihrem Glanz bei stillem Wetter einen allerschönsten Tag hervorbrachte. Das erste Feuer eröffnete die feindliche Seite, und all das war für uns zu sehen.
Die Preußen rückten auf die allermutigste und allerordentlichste Weise vor, um unsere Armee anzugreifen, die sich am Wald entlang zog, und als sie auf Schussweite heran waren, gaben sie eine ordentliche Salve auf die Unseren ab. Es war das erste Mal, dass ich feindliches Feuer auf meine Landsleute sah.
Das Herz erbebte uns damals, und wir alle wunderten uns, als wir sahen, dass von unserer Seite nicht mit einem einzigen Gewehrschuss geantwortet wurde, gerade so, als hätten sie mit ihrer Salve alle bis auf den letzten Mann getötet. Die Preußen, nachdem sie die Salve abgegeben hatten, rückten, ohne anzuhalten, weiter vor, luden im Marsch ihre Gewehre, kamen noch näher an die Unseren heran und gaben mit ihrer ganzen ersten Linie eine zweite ordentliche Salve auf die Unseren ab. Da wunderten wir uns noch mehr und wussten nicht, was wir tun sollten, als wir sahen, dass von unserer Seite auch auf diese Salve nicht mit einem einzigen Gewehrschuss geantwortet wurde. – „Herr, erbarme dich! Was ist das?“, sagten wir, als wir zusammengetreten waren und von unserem entfernten Hügel aus auf dieses Schauspiel blickten, „leben die Unseren denn noch, und was tun sie? Ist denn niemand mehr am Leben?“ Einige Kleinmütige begannen schon tatsächlich zu schließen, dass man die Unseren alle niedergemacht habe. „Wie ist es möglich“, sagten sie, „bei zwei so grausamen Salven und auf solche Nähe heil zu bleiben?“ Doch unsere Augen bewiesen das Gegenteil. Sobald sich der Rauch etwas verzogen hatte, konnten wir unsere Front hinter den Preußen noch deutlich sehen; woher aber ein solches Schweigen rühren mochte, das konnte niemand ergründen. Einige abergläubische Alte dachten schon, ob nicht die Gewehre unserer Soldaten verhext seien; doch diese Meinung wurde von uns allen verlacht, denn sie war ganz und gar ungereimt. Als wir weiter zusahen, erblickten wir, dass die Preußen auch nach dieser Salve weiter vorrückten und im Marsch ihre Gewehre luden, und nachdem sie sie geladen hatten und noch viel näher herangekommen waren, gaben sie eine dritte, überaus schreckliche und überaus ordentliche Salve auf die Unseren ab. – „Nun!“, riefen wir da, „jetzt haben sie die Unseren gewiss wirklich alle niedergemacht!“ Doch kaum hatten wir das ausgesprochen, als wir zur allgemeinen Freude sahen, dass noch nicht alle der Unseren niedergemacht waren, sondern noch viele am Leben geblieben waren. Denn kaum hatten die Feinde die dritte Salve abgegeben, als auch von unserer Seite das Kanonen- und Gewehrfeuer aufflammte, und zwar nicht in Salven, ohne Ordnung, aber noch weit stärker als das feindliche. Von diesem Augenblick an hörten auch die Preußen auf, in Salven zu feuern. Das Feuer wurde auf beiden Seiten ununterbrochen, nicht eine Minute lang setzte es aus, und wir konnten das feindliche Schießen nicht mehr von dem unseren unterscheiden. Nur die Kanonenschüsse waren zu erkennen, besonders die aus unseren geheimen Schuwalow-Haubitzen, die wir an ihrem besonderen Klang und dem dichten schwarzen Rauch deutlich sehen und von dem übrigen Kanonenfeuer unterscheiden konnten, das ebenso wie das Gewehrfeuer auf beiden Seiten aufs Allerheftigste und ununterbrochen wurde.
Nun stellen Sie sich selbst vor, lieber Freund, wie es uns war, dieses blutige Schauspiel anzusehen, denn die damaligen Regungen der Seele mit der Feder zu beschreiben, bin ich nicht imstande.
Wir alle, das heißt die Stabs- und die übrigen Offiziere, standen in Gruppen beisammen, sahen diesem Gemetzel zu und konnten nur bedauern und urteilen, denn selbst konnten wir nichts tun.
Wir konnten zwar das ganze Geschehen sehen, standen aber so weit entfernt, dass nicht nur unsere Gewehre, sondern selbst die Regimentskanonen den Feind nicht erreichen konnten. So mussten wir nur mit verschränkten Armen zusehen und, zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, den entscheidenden Augenblick erwarten. Doch bald wurden wir auch des Vergnügens beraubt, das ganze Geschehen zu sehen; vom ununterbrochenen Schießen verdichtete sich der Rauch so sehr, dass wir die beiden kämpfenden Armeen nicht mehr sehen konnten, sondern nur das Knattern der Gewehre und den Klang des Kanonenfeuers hörten. Nur die äußersten Enden der kämpfenden Linien oder Fronten waren für uns einigermaßen sichtbar und boten ein überaus ergreifendes Schauspiel. Beide Fronten befanden sich in sehr geringer Entfernung voneinander und standen in ununterbrochenem Feuer. Die unsere stand während der ganzen Schlacht unerschütterlich, und das erste Glied blieb, wie es sich aufs Knie niedergelassen hatte, so auch knien. Die preußische Front aber schien in unaufhörlicher Bewegung zu sein: Bald rückte sie einige Schritte näher, bald wich sie wieder zurück, kämpfte jedoch mit nicht geringerem Mut und nicht geringerer Standhaftigkeit als die Unseren, und dies ging so ununterbrochen fort.
Eben zu dieser Zeit hatten wir Gelegenheit, all das zur Genüge anzusehen, was in solchen Fällen geschieht, und wie könnte man dieses jammervolle Schauspiel beschreiben! Hinter beiden Fronten sah man eine Menge Leute, die die verschiedensten Bilder boten: Der eine sprengte zu Pferd dahin, gewiss irgendeinen wichtigen Befehl überbringend, wurde aber getroffen und stürzte kopfüber von ihm zu Boden; ein anderer lief aus der Front heraus, konnte sich, von Wunden geschwächt, nicht mehr auf den Beinen halten und fiel; dort schleppte man einen getöteten Vorgesetzten fort, anderswo führte man einen Verwundeten unter den Armen; plötzlich zeigten sich in den Fronten ganze Gassen, und plötzlich wurden sie wieder geschlossen; die einzeln in der Front Getöteten konnte man wegen des Rauches nicht so deutlich sehen wie die übrigen. Doch wie soll man das Gewimmel und die Bestürzung der übrigen beschreiben, die sich hinter der Front befanden? In welch verschiedener Bewegung waren sie zu sehen: Viele ritten umher, ermunterten die Krieger und überbrachten ihnen die nötigen Befehle; andere sprengten hinter der Front entlang; wieder andere von der Front zurück. Hier führte man zugweise Verstärkung heran, dort schleppte man eine Kanone, anderswo einen Patronenkasten auf dem Rücken; an einem anderen Ort waren die Pferde unter ihnen getötet, und man musste sie losschirren und ausspannen; dort lief ein Pferd umher, das seinen Reiter verloren hatte; anderswo stürzte ein Reiter von seinem getöteten Pferd, und so weiter.
Mit einem Wort, alles bot ein klägliches und für ein zartes Herz erschütterndes Schauspiel, und wir, die wir all das sahen, konnten uns nicht genug daran sattsehen, so fesselnd und ergreifend war es für uns.
– Ihr hattet gut zuzusehen, werden Sie sagen, lieber Freund, als es nicht an euch selbst ging und ihr an einem so glückseligen Ort zu stehen kamt, an dem jeder während einer Schlacht gern zu stehen bereit wäre. Gewiss, gut!, antworte ich, und wir konnten mit unserem Los sehr zufrieden sein. Ich will dem hinzufügen, dass wir überdies noch eine Art kriegerischer Belustigung hatten, und zwar: Unmittelbar vor unserem Regiment oder, besser gesagt, unmittelbar vor meiner Kompanie, ganz oben auf jenem Hügel, auf dem wir standen, war bei uns eine ganze Kolonne Artillerie aufgestellt, die aus mehr als zwanzig großen Kanonen, Haubitzen und Einhörnern bestand. Diese Batterie, die unser Korps deckte, war während der ganzen Dauer der Schlacht nicht untätig. Von ihr feuerte man unablässig auf die feindliche zweite Linie und warf aus den Haubitzen Bomben sowohl auf sie als auch auf die beiden Dörfer, die von den Preußen besetzt waren, und wir konnten uns an dem Schauspiel des guten Erfolgs der gegen den Feind entsandten Kugeln und Bomben nicht genug ergötzen. Viele Kugeln, die die Front der feindlichen zweiten Linie der Länge nach trafen, rissen gewaltige Gassen, ebenso wie auch die Bomben überall große Verwirrung anrichteten. Beide Dörfer verwandelten wir sogleich in Feuer und Flammen und vertrieben dadurch die Feinde, die sich in ihnen festgesetzt hatten. Doch keine Bombe belustigte uns so sehr wie eine, die aus einer Haubitze geworfen wurde. Wir sahen, dass sich bei einer Weide, die zwischen den beiden Dörfern stand, eine Menge preußischer Offiziere aus ihrer zweiten Linie versammelt hatte, um ebenso wie wir dem Verlauf der Schlacht zuzusehen. Diesen Zuschauern wollten wir einen Schrecken einjagen, und wir baten den Artillerieoffizier, er möge versuchen, ihnen eine Bombe mitten in den Kreis zu setzen. Er erfüllte unseren Wunsch, und der Schuss war so gelungen, dass die Bombe genau unter die Weide traf und, eine Klafter über dem Boden, krepierte. Welch einen Aufruhr rief sie unter diesen Herren preußischen Kommandeuren hervor! Alle stoben auseinander; drei jedoch mussten für immer dort bleiben.
Sehen Sie, lieber Freund, hatten wir nicht wahrhaftig Muße, uns auf diese Weise zu belustigen, zu einer Zeit, da andere zugrunde gingen und starben? Doch was hätten wir anderes tun sollen? Aber warten Sie, vielleicht wird es bald auch an uns gehen. Ich habe noch nicht alles erzählt.
Die Preußen, die es vielleicht leid waren, von unserer Batterie so großen Schaden zu erleiden, kamen auf den Gedanken, auch ihrerseits einige große Kanonen gegen uns aufzufahren und unsere Spielzeuge ein wenig zum Schweigen zu bringen, hatten aber zu ihrem Unglück darin keinen sonderlich guten Erfolg.
Einige große Kanonen fuhren sie im Sumpf fest und konnten sie nicht wieder herausziehen, und auch diejenigen, die sie heranbrachten und aufstellten, konnten uns irgendwie nicht schaden; ob nun der Grund dafür war, dass sie etwas bergauf schießen mussten, oder ob die Entfernung für sie zu groß war – wie dem auch sei, ihre Kugeln schadeten uns nicht. Einige von ihnen flogen über die Front hinweg, und wir hörten nur ihren Klang; der größte Teil aber schlug weit vor dem Ort ein, wo wir standen, sodass wir über dieses vergebliche Bemühen unserer Feinde nur lachten.
Doch alle diese Späße hätten sich für uns beinahe in Ernst verwandelt. Während wir auf die oben erwähnte Weise sowohl dem Fortgang der Schlacht als auch den uns gegenüber hinter den Dörfern stehenden Feinden zusahen, bemerkten wir gar nicht, was bei uns auf dem linken Flügel geschah, der von uns aus hinter dem Hügel nicht zu sehen war, als plötzlich in einem anderen, links neben uns stehenden Regiment kleines Gewehrfeuer losknatterte. – „Ei! Was ist das?“, sagten wir zusammenfahrend, „ist etwa der Feind schon hier?“ Und wir wunderten uns und begriffen nicht, woher er kommen sollte, denn wir konnten beinahe das ganze Feld überblicken und hatten keinen Angriff auf uns bemerkt und hielten ihn wegen des oben erwähnten Sumpfes sogar für unmöglich. Bei alledem hatten wir uns noch nicht gesammelt, als man uns schon zurief, wir sollten unsere Front nach hinten kehren. Das kam uns noch seltsamer vor: Wir kehrten uns um, sahen aber niemanden vor uns außer unserer Reiterei, die hinter uns an verschiedenen Stellen aufgestellt war. – „Sollen wir etwa auf die Unseren schießen?“, sagten wir lachend. Doch wir warteten mit Ungeduld, was geschehen würde. Auf unserer linken Seite, wo das Feuer aufgeflammt war, hörte man gewaltigen Lärm und Schießen, und nicht weniger entstand auch auf der vor unserem Regiment stehenden Batterie eine gewaltige Verwirrung. Da erhob sich das Geschrei: „Hierher! Hierher! Umdrehen!… Kartätschen! Kartätschen!“ Und kaum hatte man alle Kanonen nach links gedreht, als aus ihnen allen und den dort befindlichen Einhörnern eine überaus schreckliche Salve abgefeuert und ein allerheftigstes Feuer eröffnet wurde. Wir konnten zwar hinter dem Hügel gar nicht sehen, auf wen sie schossen, konnten aber doch schließen, dass der Feind nahe war. Und da, man muss es gestehen, begann unser Gemüt etwas unruhig zu werden; der allseitige Lärm, das vielstimmige Rufen und Geschrei, der Klang der Kanonen und des kleinen Gewehrs, das Hin- und Hersprengen der Kommandeure und die an alle ergehenden Ermahnungen, bereit zu sein, ließen uns denken, dass auch an uns die Reihe komme, zu kämpfen und nach dem Beispiel der anderen zu sterben, und das Herannahen so schrecklicher Minuten erzeugte natürlich ein gewisses inneres Erbeben in den Herzen.
Doch da mein Brief schon lang ist und über diese Schlacht noch viel zu erzählen bleibt, so verschiebe ich das Übrige auf den nächsten und schließe diesen hiermit mit der Versicherung, dass ich bin usw.
DIE SCHLACHT
Brief 47
Lieber Freund! Wenn Sie diesen Brief zu lesen beginnen, so täuschen Sie sich nicht ebenso in Ihrer Erwartung, wie wir uns in unserer Erwartung zu jenem Zeitpunkt täuschten, an dem ich meinen vorigen Brief beendet habe. Wir dachten damals ohne Zweifel, dass wir im nächsten Augenblick mit dem Feind handgemein werden und ein blutiges Gefecht haben würden; doch darin irrten wir uns; es geschah etwas ganz anderes und von uns damals ebenso wenig Erwartetes, wie es ohne Zweifel jetzt von Ihnen erwartet wird, nämlich dass der ganze oben erwähnte und so schreckliche Lärm, das Geschrei und der Klang des Schießens, die uns so sehr beunruhigt hatten, plötzlich verschwanden und wider alles Hoffen und Erwarten vollkommen verstummten. Sie werden sich darüber wundern, doch in nicht geringere Verwunderung gerieten auch wir damals, als nach Verlauf einiger Minuten plötzlich das Gewehrfeuer verstummte und wenig später auch die Kanonen zu feuern aufhörten und man begann, sie wieder wie vorher aufzustellen und umzudrehen. Mit einem Wort, selbst der Lärm begann nach und nach abzuklingen, und man befahl uns, uns wieder umzukehren. Wir wunderten uns über all das unsäglich und fragten, ohne zu begreifen, was das bedeuten sollte, diejenigen, die vom linken Flügel herüberkamen und alles Geschehene gesehen hatten, nach dem Grund und konnten mit Mühe Folgendes in Erfahrung bringen:
Ganz am linken Flügel unseres Korps standen unsere Donkosaken. Diese waren gleich zu Beginn der Schlacht losgesprengt, um die hinter dem Sumpf stehende feindliche Reiterei anzugreifen.
Das hatten wir damals schon gesehen, und wir ärgerten uns noch, als wir den schlechten Erfolg dieser untauglichen Krieger mit ansahen. Den Anfang hatten sie sehr glänzend gemacht. Ihr Angriff spielte sich zwar mehr als eine Werst von uns entfernt ab, aber wir konnten deutlich hören, wie sie „Gi! Gi!“ johlten und Hals über Kopf auf die Preußen lossprengten. Wir dachten zuerst, sie würden sie alle mit ihren Lanzen niederstechen, doch bald sahen wir das Gegenteil. Ihre Tapferkeit bestand nur darin, dass sie johlten und mit ihren Büchsen herumknallten, denn da die Preußen unbeweglich standen und sich bereit machten, sie mutig zu empfangen, so wandten sich die Kosaken, als sie sahen, dass dies nichts für sie war, im selben Augenblick um und gaben Fersengeld. All das konnten wir sehen; was aber danach geschah, sahen wir nicht, weil die Kosaken, um den Sumpf herumreitend, aus unserem Blickfeld gerieten. Damals erfuhren wir dann, dass die preußischen Kürassiere und Dragoner ihnen selbst nachgesprengt waren und sie, um den Sumpf herumreitend, wie Schafe auf unsere Front zutrieben. Die Kosaken wussten nicht, wohin. Sie jagten wie von Sinnen geradewegs auf die Front unseres linken Flügels zu, die preußische Reiterei aber folgte ihnen auf den Fersen und hieb sie erbarmungslos nieder. Unsere Infanterie, die die geradewegs auf sie zujagenden und umkommenden Kosaken sah, hielt es für notwendig, etwas auseinanderzurücken und ihnen eine Durchfahrt zu lassen, damit sie hinter der Front Rettung finden könnten. Doch das hätte beinahe einen bösen Streich gespielt. Die preußische Kavallerie, die sie schwadronsweise in bester Ordnung verfolgte, strömte wie ein reißender Fluss heran und brach hinter den Kosaken her geradewegs in unsere Infanterie ein. Eben dies war der Grund, weshalb von jenem Regiment das Gewehrfeuer auf sie eröffnet wurde; doch es war schwer, ihr zu widerstehen und den schrecklichen Ansturm dieser Reiterei aufzuhalten. Die vorderste Schwadron war schon in guter Ordnung hinter den Kosaken her hinter unsere Front gelangt und hieb, sich zerstreuend, alle nieder, die sich hinter der Front befanden. Eben deswegen musste man unsere Front nach hinten kehren. Doch all das hätte nichts geholfen, und die Preußen, mit ihrer ganzen Reiterei in unsere Flanke eingebrochen, hätten uns alle bis auf den letzten Mann überrannt und den sich schon auf ihre Seite neigenden Sieg vollendet, wenn nicht ein Umstand ihren ganzen Ansturm aufgehalten und allen Umständen eine andere Gestalt gegeben hätte. Die Batterie, die ich oben erwähnt habe, konnte zum Glück noch rechtzeitig ihre Kanonen umdrehen, und die aus ihr abgegebene Kartätschensalve hatte den allererwünschtesten Erfolg, denn da sie quer durch die hintereinander heransprengenden preußischen Schwadronen feuerte, riss sie beinahe eine ganze Schwadron heraus, unterbrach dadurch ihren Ansturm und hielt die Heransprengenden nicht nur auf, sondern zwang sie, Hals über Kopf umzukehren. Diejenigen aber, die hinter unsere Front gesprengt waren, gerieten wie die Maus in die Falle. Die Infanterie schloss sich sogleich wieder, und sie alle mussten auf die allerjämmerlichste Weise umkommen.
Unsere Kavallerie empfing sie hier und hieb alle bis auf den letzten Mann nieder. So endete diese Sache auf die allererwünschteste Weise.
Dies also waren die Begebenheiten auf unserem linken Flügel. Nun wenden wir uns, lieber Freund, der Mitte zu und sehen nach, was wohl mit denen geschah, die wir vorhin im Kampf miteinander zurückgelassen haben. Hier war, der Wahrheit gemäß, die eigentliche Hauptsache und das allerhitzigste Gefecht. Was jedoch eigentlich hier und ebenso auf dem rechten Flügel geschah, das konnten wir selbst wegen der Entfernung und des Rauches nicht genau sehen. Ich habe schon oben erwähnt, dass wir nur die Enden beider Fronten sehen konnten, und was diese betrifft, so standen sie unbeweglich und beschossen einander genau zweieinhalb Stunden lang, gleichsam wie in den Boden gerammt, wovon wir Augenzeugen waren.
Das ist alles, was ich während der Dauer der Schlacht selbst sehen konnte. – Nun will ich Ihnen beschreiben, was ich nicht sehen konnte und was wir später erfuhren.
Der Feind führte seinen Hauptangriff an zwei Stellen, und zwar gegen beide Lichtungen oder Zugänge zu unserem festen Lager. Man sieht, dass er uns noch im Lager überraschen und keinen einzigen Mann aufs Feld hinauslassen wollte, was man vor allem daraus schließen kann, dass man bei getöteten preußischen Offizieren später die Disposition und Befehle fand, in denen vorgeschrieben war, die Soldaten sollten unsere spanischen Reiter zerhauen. Infolgedessen wurde sein Angriff sowohl auf den Hauptzugang als auch auf unseren rechten Flügel geführt, wo sich, wie ich früher erwähnt habe, ebenfalls eine kleine Lichtung befand. Zum Glück hatten die Unseren diesen letzteren Ort noch rechtzeitig besetzen können. Der tapfere Oberst Jasykow mit seinem ersten Grenadierregiment nahm diesen Ort ein und hielt alle allerheftigsten feindlichen Angriffe auf die allermutigste Weise aus. Zum Glück befanden sich hier alte Gräben und Kanäle, die den Unseren beinahe als Verschanzung dienten und eine große Hilfe waren. Mit einem Wort, wie sehr sich der Feind auch anstrengte und wie sehr er auch versuchte, durch diesen Ort hindurchzubrechen und die Unseren von der Stelle zu werfen, er hatte keinen Erfolg. Die Unseren hielten bis zum Ende der Schlacht stand und verloren, obgleich sie nicht geringe Verluste erlitten, diesen für den Feind so wichtigen Ort nicht.
Doch nicht mit so gutem Erfolg kämpften die Unseren auf dem linken Flügel oder vielmehr in der Mitte, wohin der Feind seinen Hauptangriff führte.
Ich habe schon oben erwähnt, dass der Feind sich so unbemerkt an uns herangeschlichen hatte, dass die Unseren keine Zeit hatten, die Regimenter ordentlich hinauszuführen und eine Linie gegen ihn aufzustellen, sondern sie mussten, sich irgendwie durch das Gedränge der Trosse zwängend, in Reihen ziehen und die Front am Wald entlang nach rechts irgendwie aufstellen und ausziehen. Mit einem Wort, die Unseren zogen sich noch auseinander und bemühten sich, sich so weit wie möglich auszudehnen, damit eine größere Zahl von Regimentern Platz finden und sich zur Verteidigung aufstellen könnte, als die Feinde, schon recht nahe herangekommen, jene erste Salve auf sie abgaben; dass darauf von unserer Seite nicht geantwortet wurde, hatte seinen Grund darin, dass die Unseren in Reihen marschierten und sich auseinanderzogen und, da sie sahen, dass die feindlichen Kugeln uns noch nicht schadeten, es nicht für nötig hielten, anzuhalten und die Front gegen sie zu kehren, sondern da für uns jede Minute kostbar war, nur danach strebten, sich so weit wie möglich auszudehnen. Dasselbe geschah auch bei der zweiten feindlichen Salve, durch die zwar einige Leute bei uns verwundet wurden; da es aber für uns das Wichtigste von allem war, die Front weiter auszuziehen, so antworteten wir auch auf diese nicht und zogen uns immer weiter auseinander. Als aber die Feinde zum dritten Mal eine Salve abgaben, da war es nicht mehr möglich, weiterzumarschieren und auszuharren. Ihre Kugeln begannen schon die Unseren weit stärker zu treffen, und darum mussten die Unseren anhalten und ihnen die Stirn bieten und auch zeigen, dass es bei uns nicht schlechtere Gewehre und Kugeln gibt als bei ihnen; und da begann auf beiden Seiten jenes unauslöschliche Feuer, das ich schon oben erwähnt habe.
Nun muss ich Ihnen, lieber Freund, sagen, dass dieses Feuer zwar auf beiden Seiten das allerheftigste war, jedoch nicht mit gleichen Vorteilen. Die Feinde hatten unvergleichlich mehr Vorteile als die Unseren. Ihr Angriff wurde in guter Ordnung, mit den besten Regimentern und Leuten und nach einer im Voraus getroffenen und genau befolgten Disposition geführt. Ihre Artillerie wirkte, wie es sich gehört, ihr ganzer Rücken aber war frei und durch die zweite Linie und die Reserven gestützt, aus denen sie nichts daran hinderte, jeden Verlust in der ersten kämpfenden Linie im selben Augenblick zu ersetzen und mit neuen und frischen Leuten aufzufüllen, und auf dieselbe Weise hatten sie die erwünschte Möglichkeit, die Kämpfenden mit dem nötigen Schießbedarf und Pulver zu versorgen. Was die Unseren betrifft, so hatten sie alle diese Vorteile unglücklicherweise nicht, denn erstens war im Voraus keinerlei Disposition getroffen worden, und es war auch keine Zeit gewesen, sie zu treffen, sondern alles lenkte und ordnete Gott selbst. Zweitens waren auf unserer Seite weit weniger Leute als auf feindlicher.
Bei ihnen kämpfte eine ganze Linie, bei uns aber konnten sich mit Mühe nur elf Regimenter ausziehen, und diese mussten für alles und jedes einstehen.
Zu allem Unglück waren auch diese wenigen Leute an Händen und Füßen gebunden; denn erstens war keine nötige Artillerie bei ihnen, außer einer kleinen Zahl von Regimentskanonen und Schuwalow-Haubitzen. Von eben diesen Geschützen, auf die die ganze Armee die größte Hoffnung setzte, waren nicht mehr als drei oder vier in der Schlacht, und was konnte man mit ihnen ausrichten, wenn man den größeren Teil ihrer Kästen und Geschosse nicht um den Wald herum heranschaffen konnte? Zweitens waren sie so dicht an den Wald gedrängt, dass sie hinter sich keinerlei Raum hatten. Drittens war von nirgendwo Hilfe und frische Leute als Ersatz für die Getöteten zu bekommen; der größte Teil der Armee war zwar nicht im Gefecht, stand aber hinter dem Wald und an solchen Orten, von denen man nicht zu ihnen gelangen konnte. Selbst die nötigsten Patronen waren nirgendwo zu bekommen, als man sie brauchte. Was anderes als Unglück konnte man unter so nachteiligen und verworrenen Umständen erwarten! Ach! Es begann auch tatsächlich schon und wäre gewiss eingetreten und vollendet worden, wenn nicht Gott selbst sich unser offenbar hätte erbarmen und den Sieg aus den Händen der Feinde sichtbar entreißen wollen. Unsere tapferen Regimenter standen zuerst fest wie eine unüberwindliche Mauer; sie erwiderten das feindliche Feuer, so sehr sie nur konnten, und hielten ganze zwei Stunden lang seine Dreistigkeit und seinen Ansturm auf. Doch was sollten sie schließlich tun, als der größte Teil von ihnen getötet und verwundet war? Die Reihen wurden schon allzu dünn, und es gab niemanden, um sie aufzufüllen. Beinahe alle Offiziere hatten sie verloren; und was das Schlimmste von allem war, sie hatten schließlich auch kein Pulver mehr als das einzige und letzte Mittel der Verteidigung. In dieser äußersten Not rückten sie etwas näher an den Wald heran, verdarben aber damit die Sache noch mehr. Die Feinde, die das sahen und für einen Rückzug hielten, stürzten sich mit allergrößtem Ungestüm auf sie und machten sie völlig nieder. Der ganze Waldrand erfüllte sich damals mit dem Stöhnen und Jammern der Verwundeten und Sterbenden und wurde vom Blut der Getöteten gerötet. Es war damals für die Kommandeure und Anführer keine Möglichkeit mehr, irgendwie zu helfen. Der tugendhafte und wahrhaft eifrige General en chef Wassili Abramowitsch Lopuchin, der zum Unglück Kommandeur dieser Division war, konnte, so sehr er auch seine Kräfte anspannte, die Soldaten zu tapferer Verteidigung ermunterte und ihnen zuredete, nicht mehr die geringste Hilfe leisten. Ihn selbst, von vielen Wunden zerfetzt und mit Blut überströmt, schleppten preußische Grenadiere schon in die Gefangenschaft, rissen ihm den Ordensstern ab und hätten ihn gewiss fortgeführt, wenn das nicht einige unserer Grenadiere gesehen hätten: Diese wollten, obgleich sie selbst umkamen, ihren geliebten General retten.
Nichts konnte ihr Ungestüm aufhalten. Wie Löwen entrissen sie ihn dem Rachen der Schlangen, doch ach! – schon kaum noch atmend.
Unter solchen Umständen können Sie leicht schließen, dass unser Untergang gleichsam schon an einem Haar hing. Die Preußen hatten unsere ganze Front schon vollständig überrannt und waren an einigen Stellen schon bis in die Trosse selbst eingebrochen. Da entstand die allerschrecklichste Bestürzung und ein heilloses Durcheinander. Alle schrien: „Weg! Weg! Zurück, zurück mit den Trossen!“ Dass sie aber nirgendwohin konnten, daran dachte niemand. Auf der einen Seite die allersteilste Schlucht, auf der anderen Seite der Fluss versperrten den Weg nach allen Richtungen. Wohin sich die Armee selbst hätte zurückziehen können, weiß Gott, dass aber die Trosse gewiss alle verloren gegangen wären, daran ist kein Zweifel. Mit einem Wort, der Sieg war von den Feinden schon zur Hälfte errungen, und wenn es noch ein ganz klein wenig länger gedauert hätte, so wären wir zu unsäglicher Schande vollständig geschlagen worden.
Nun wollen Sie, wie ich hoffe, ungeduldig wissen, auf welch wunderbare Weise wir uns nicht nur retteten, sondern auch den Sieg errangen? Das wussten wir, wenn man es recht bedenkt, selbst beinahe nicht; Gott selbst wollte uns retten. Alles bestand darin, dass unsere hinter dem Wald stehenden Regimenter, die es leid waren, untätig dazustehen, während ihre Brüder und Kameraden umkamen, und die von der ihnen bald bevorstehenden Gefahr gehört hatten, sich entschlossen oder vielleicht auch geschickt wurden, sich irgendwie durch den Wald zu zwängen und ihren Stammesbrüdern zu Hilfe zu kommen. Freilich war der Durchgang für sie sehr schwierig: Die Dichte des Waldes war so groß, dass sich mit Mühe auch nur ein Einzelner hindurchzwängen konnte. Doch nichts konnte ihren Eifer und ihre Ergebenheit aufhalten. Zwei Regimenter, das dritte Grenadierregiment und das Nowgoroder Regiment, ließen ihre Kanonen zurück, ließen auch die Patronenkästen zurück, als sie sahen, dass diese sie nur aufhielten und man sie nicht hindurchbringen konnte, stürzten allein vorwärts und begannen, sich durch den allerdichtesten Wald dem Rufen der Umkommenden und um Hilfe Schreienden entgegen hindurchzuarbeiten. Und zum Glück gelang es ihnen, an der allernotwendigsten Stelle herauszukommen, nämlich dort, wo das Narwaer und das zweite Grenadierregiment schon beinahe völlig geschlagen waren und wo die Gefahr größer war als an anderen Orten. Ihr Erscheinen kam im allerrechtesten Augenblick. Die erwähnten geschlagenen Regimenter kämpften schon Mann gegen Mann, einzeln, und gaben dem Feind nicht nach bis zum Vergießen des allerletzten Tropfens Blut. Es kann keine ruhmvollere Tapferkeit geben als die, welche damals die Krieger bewiesen, die die zersprengten Reste der erwähnten unglücklichen Regimenter bildeten.
Der eine, der einen Arm verloren hatte, hielt das Schwert noch in der anderen Hand und wehrte sich gegen die andringenden und auf ihn einhauenden Feinde.
Ein anderer, beinahe ohne Bein, ganz verwundet und ganz voller Blut, an einen Baum gelehnt, schlug noch um sich gegen die Feinde, die ihn zu verderben suchten. Ein dritter brüllte wie ein Löwe inmitten eines Haufens Feinde, die ihn umringt hatten, und bahnte sich mit dem Schwert den Weg, ohne um Gnade und Schonung bitten zu wollen, obgleich ihm das Blut in Strömen übers Gesicht lief. Ein vierter entriss denen die Waffe, die ihn, nachdem sie ihn entwaffnet hatten, in die Gefangenschaft schleppten, und suchte sie mit ihrer eigenen Waffe zu töten. Ein fünfter, vergessend, dass er allein war, stürzte sich mit dem Bajonett in einen Haufen Feinde und gedachte, sie alle niederzustechen. Ein sechster, der weder Pulver noch Kugeln hatte, riss den toten Gegnern die Taschen ab, suchte bei ihnen das unglückliche Blei und gedachte, mit ihren eigenen Kugeln auf sie zu schießen. Mit einem Wort, hier wurde alles bewiesen, was man nur von tapferen und unerschrockenen Kriegern verlangen konnte.
Eben in dieser letzten äußersten Not zeigten sich ihnen im Wald die erwähnten zwei Regimenter, die ihnen zu Hilfe eilten. Man kann die Freude nicht beschreiben, mit der die Kämpfenden auf diese zu ihnen kommende Hilfe blickten, und mit welchem Entzücken sie ihnen zuriefen und sie zur Eile antrieben. Da änderte sich hier alles bisher Gewesene. Diese frischen Regimenter zögerten nicht lange, sondern gaben eine Salve ab, erhoben das Kriegsgeschrei und stürzten sich mit dem Bajonett geradewegs auf die Feinde, und das entschied unser Schicksal und brachte die erwünschte Wendung. Die Feinde wankten, wichen etwas zurück, wollten sich besser aufstellen, doch es war keine Zeit mehr dazu. Die Unseren saßen ihnen im Nacken und ließen ihnen keine Minute Zeit. Da verwandelte sich die frühere preußische Tapferkeit in Furchtsamkeit, und an dieser Stelle wandten sie sich ohne langes Zögern um und begannen, ihr Heil im Rückzug zu suchen. Das erschreckte ihre übrigen Truppen, die Unseren aber ermutigte es. Sie begannen schon überall nach und nach zu wanken, bei uns aber begann das Feuer stärker als zuvor. Mit einem Wort, es verging keine Viertelstunde, als die Preußen an allen Orten sich zuerst noch in guter Ordnung zurückzuziehen begannen, dann aber wie das Vieh ohne jede Ordnung und Formation davonliefen.
All das oben erwähnte Geschehen konnten wir aus der Ferne und wegen des Rauches nicht sehen; doch als wir, ohne die Augen abzuwenden, auf das äußerste Ende ihres rechten Flügels blickten, konnten wir deutlich sehen, wie er zu wanken und seine frühere Stellung zu verlieren begann. Er war der letzte, der zum Rückzug überging, und an den übrigen Orten flohen die Feinde schon längst, er aber stand noch immer und feuerte. Als er aber seine fliehenden Kameraden sah, wollte auch er nicht lange zögern. Welch ein angenehmes und für einen Krieger entzückendes Schauspiel bot sich da! Zuerst rückte ihre Front etwa fünf Schritte zurück, dann noch mehr, dann noch weiter und bewegte sich von Stunde zu Stunde schneller. Wir konnten das alles sehen und wollten, zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, unseren Augen nicht trauen. „Ziehen sie sich etwa zurück?“, sagten wir zueinander, „oh, gebe Gott, dass die Unseren sie vertrieben haben!“ Doch bald war unsere Freude vollkommen. Wir sahen ihre ganze Front in völlige Flucht verwandelt und riefen alle: „Gott sei Dank, Gott sei Dank! Die Unseren haben gesiegt, die Unseren haben gesiegt!“ und klatschten in die Hände.
Da ergoss sich in einem einzigen Augenblick die Freude über unsere ganze Armee, und es schien, als stünde sie jedem Krieger in den Augen geschrieben.
Jeder beeilte sich, dem anderen von seinem Glück zu erzählen, obgleich jener dasselbe selbst gesehen hatte, und sogleich verbreitete sich über das ganze Heer ein angenehmes und leises Rauschen. Eine Minute darauf riefen unsere Kommandeure: „Marsch! Marsch! Marsch!“, und wir alle stürzten, wie wir standen, los. Man kann das Entzücken nicht beschreiben, mit dem wir damals dem Feind nachliefen oder vielmehr eilten, seinen Platz einzunehmen. Da gab es für uns keine Unmöglichkeit mehr. Wir gingen geradewegs durch das Gebüsch und durch den Sumpf, und ich weiß nicht mehr, wie wir uns hindurchgezwängt haben. Was für Possen ereigneten sich nicht alles während dieses Hindurchkriechens! Der eine, der vor Freude wie von Sinnen lief, geriet plötzlich in ein Schlammloch und versank bis zum Gürtel im Morast; ein anderer stolperte über einen Bülten, flog kopfüber hin, streckte sich in Morast und Schlamm aus und wälzte sich darin wie eine Vogelscheuche; wieder einer blieb mit dem Rock an den Büschen hängen und konnte sich nicht befreien, er riss ihn los, ohne darum zu trauern, dass er Schaden nahm. Einem zerpeitschten die Ruten Gesicht und Augen; einer, der in den Morast geraten war, konnte seine Beine nicht herausziehen und bat um Hilfe. Doch all das schien gut und recht. Wir liefen lachend und hellauf lachend durch diesen üblen Ort, und man hörte nur das eine: „Marsch! Marsch! Bruder! Gott sei Dank, die Unseren haben gesiegt!“
Bei alledem dachten wir, als wir im dichten Gebüsch waren, trotz all unserer Freude auch daran, beim Herauskommen aus ihm nicht auf den Feind zu stoßen. „Wer weiß“, sagten einige, „ob nicht seine zweite Linie noch an Ort und Stelle steht und die Fliehenden aufgehalten hat?“ Doch wie hätte das sein können! Wie sehr die Preußen in ihren Relationen auch prahlen, sie hätten sich in guter Ordnung zurückgezogen – von Ordnung war hier nicht einmal die Rede. Sie verschwanden in einem Augenblick aus unserem Blickfeld, und das ganze Feld war mit ihnen übersät. Als wir aus unserem Gebüsch aufs Feld traten, sahen wir keinen einzigen Mann von ihnen, nur ihre zurückgelassenen Kanonen standen da, und neben ihnen lagen getötete Artilleristen und andere Krieger.
Als wir endlich an den Ort gelaufen waren, wo ihre zweite Linie gestanden hatte, befahl man uns anzuhalten und uns mit den übrigen Regimentern auszurichten, die sich hier in einer Linie aufstellten, und kaum war die ganze Armee hinter dem Wald hervorgekommen und hatte sich in einer Linie aufgestellt, als man „Hurra!“ rief und die Hüte in die Luft warf. Oh! Welch ein freudiges Schauspiel war das für uns! Viele konnten vor Freudentränen kein Wort hervorbringen, so ergreifend war das für jeden Krieger.
So endete unsere ruhmreiche Apraxin’sche und erste Schlacht gegen die Preußen.
Dem Himmel gefiel es, uns über unseren Feind einen vollkommenen Sieg zu schenken, und wir konnten ihm nicht genug dafür danken, besonders als wir erfuhren, in welcher Gefahr sich die ganze Armee befunden hatte und wie wenig gefehlt hatte, dass sie vollständig geschlagen und wir auf ewig mit der Schande bedeckt worden wären, dass beinahe eine Handvoll Preußen imstande gewesen war, eine so zahlreiche Armee wie die unsere zu schlagen. Und wahrhaftig, wenn man es bedenkt, so wurde dieser Sieg nicht durch die Kunst unserer Heerführer errungen, von der nicht einmal die Rede war, sondern vielmehr durch die außerordentliche Tapferkeit unserer Truppen oder am meisten durch eine besondere Fügung des Schicksals, das alle Umstände so geordnet hatte, dass selbst die Tapferkeit unserer Krieger schon eine erzwungene war und sie wider Willen bis zum letzten Tropfen Blut kämpfen mussten, da sie weder fliehen noch sich zurückziehen konnten. Doch wie dem auch sei, wir siegten und errangen einen vollkommenen Sieg; damit Sie aber, lieber Freund, den ganzen Verlauf dieser Schlacht deutlicher sehen können, habe ich Ihnen alles in der hier beigefügten Zeichnung erläutert (siehe Zeichnung 3 am Ende des Buches {Diese Zeichnung findet sich jedoch nicht in Bolotows Originalhandschrift. M. S.}); was aber danach folgte, ebenso wie die übrigen diese Schlacht betreffenden Umstände, werde ich Ihnen im nächsten Brief mitteilen, den gegenwärtigen aber will ich hiermit beenden und sagen, dass ich auf immer Ihr usw. bin.
DER MARSCH NACH WEHLAU
Brief 48
Lieber Freund! Ich habe meinen letzten Brief damit beendet, dass wir den Feind vertrieben und einen vollkommenen Sieg errungen hatten. Nun aber muss ich Ihnen erzählen, was bei uns danach geschah und wie groß unser Gewinn war.
Man sagt, von den Heerführern werde eine doppelte Kunst verlangt, nämlich dass sie zu siegen verstehen, mehr noch aber, dass sie ihre Siege zu nutzen verstehen und sie nicht ungenutzt verloren gehen lassen. Was aber unsere Heerführer betrifft, so scheint mir, dass ihnen beide Künste fehlten. Sie verstanden weder zu siegen noch Siege zu nutzen. Den Sieg schenkte uns Gott unvermutet und, wie mir scheint, ohne jede Absicht und Mitwirkung unsererseits; ihn aber zu nutzen, daran dachten wir nicht einmal. Ob wir es nun nicht verstanden oder nicht wollten. Damals ging in der Armee das Gerücht um, viele hätten vorgeschlagen, den Feind zu verfolgen und zu versuchen, ihn von Grund auf zu schlagen; man habe dem Feldmarschall auch geraten, ohne jeden Verzug mit der ganzen Armee dem fliehenden Feind zu folgen. Herr Lieven aber, von dessen Ratschlägen am meisten abhing und dem es, wie wir später erfuhren, sogar unangenehm war, dass es uns unvermutet gelungen war, den Feind zu besiegen, habe bei dieser Gelegenheit gesagt, „dass es an einem Tag nicht zwei Feiertage gibt, sondern es genug sei, dass wir gesiegt haben“. Und da alle seine Aussprüche als Orakel galten, so wurde infolgedessen nicht die geringste Verfolgung des Feindes unternommen. Man gab ihm Zeit, sich weiter von uns davonzuschleppen, und hinderte ihn nicht, nach Belieben wieder Kräfte zu sammeln. Unter solchen Umständen waren unsere Feinde wahrhaftig noch sehr dumm, dass sie nicht umkehrten und uns nicht von Neuem angriffen: Sie wären imstande gewesen, uns bei unserer schönen Ordnung noch in Grund und Boden zu schlagen.
So zog der Feind ab, wir aber blieben an dem Ort stehen, wo wir uns nach der Schlacht aufgestellt hatten, und ohne uns einen Schritt vorwärts zu bewegen, ließen wir die Trosse zu uns bringen und das Lager aufschlagen.
Kaum hatte man uns aus der Front entlassen, da war unsere erste Sorge, zu Pferd zu steigen und hinzureiten, um die Orte der Schlacht zu besehen. Welch ein Schauspiel bot sich uns da, die wir dergleichen noch nie gesehen hatten! Der ganze sanfte Abhang, auf dem die preußische Linie gestanden und gekämpft hatte, war mit toten feindlichen Leibern bedeckt, und etwas Seltsames sahen wir bei dieser Gelegenheit. Sie alle lagen schon nackt da, wie ihre Mutter sie geboren hatte, und man hatte ihnen nicht nur Strümpfe und Schuhe, sondern selbst die Hemden ausgezogen. Wer sie aber auf diese Weise ausgeplündert hatte und wann, das konnten wir uns gar nicht erklären, denn die Zeit war außerordentlich kurz und die Schlacht kaum zu Ende. Und wir konnten uns nicht genug darüber wundern, wie schnell unsere Treiber, Offiziersburschen und Bedienten es fertiggebracht hatten, alle getöteten Preußen so zu entblößen, dass bei jedem Mann nur noch der hölzerne Einsatz aus der Tasche lag, in dem die Patronen gesteckt hatten, und das blaue Papier, mit dem sie bedeckt gewesen waren. Diese Dinge brauchte offenbar niemand mehr, von den übrigen Sachen aber sahen wir nicht ein einziges mehr, sodass sogar die Bänder aus den Zöpfen, die keine drei Dengi wert waren, aufgeflochten und fortgetragen worden waren. Dieser jämmerliche Zustand bot uns ein allerergreifendes Schauspiel. Im Übrigen sahen wir, dass die Getöteten fast alle große, kräftige, weiße, wohlgenährte Leute waren und, mit einem Wort, rücklings dalagen wie Berge oder wie tscherkessische Ochsen. Die kleinen, nach oben gezwirbelten Schnurrbärte verliehen selbst den Toten ein furchterregendes und heldenhaftes Aussehen. Übrigens versetzten uns die verschiedenen Lagen und Zustände, in denen wir diese Getöteten sahen, in ein gewisses Schaudern. Dem einen war der ganze Kopf oder die Hälfte davon abgerissen; ein anderer lag entweder ohne Arm oder ohne Bein da; ein dritter ohne Seite oder mitten entzweigerissen. Andere waren nur von Kugeln getroffen und lagen ausgestreckt da, und jeder bot irgendein besonderes Bild. Doch wie wunderten wir uns, als wir an den Wald kamen, an den Ort, wo die Unseren, die Russen, gestanden und gekämpft hatten. Hier bot sich uns ein davon ganz verschiedenes Schauspiel. Der ganze Waldrand war mit Menschen bedeckt, die jedoch nur zu schlafen schienen, und genau so, als sei die Front entlassen worden und die Soldaten seien nach verschiedenen Seiten auseinandergegangen und jeder habe sich dort zusammengekauert, wo es ihm gerade kam. Sie alle waren bekleidet und unberührt, so wie sie getötet worden waren, weshalb sie auch in einer besonderen Lage dalagen. Der eine lag mit dem Gesicht nach unten, ein anderer zusammengekrümmt unter einem Busch, ein dritter auf der Seite, sein Gewehr und all seine übrigen Waffen bei sich, ein vierter rücklings und so weiter.
Worüber wir uns aber am meisten wunderten, war, dass wir auf unserer Seite weit weniger Getötete sahen als auf der preußischen, und wir fanden dafür keinen anderen Grund als den, dass die geheimen Schuwalow-Haubitzen hier viel Schaden angerichtet hatten.
Den wirklichen Verlust auf beiden Seiten zu erfahren, gab es für uns keine Möglichkeit, doch sagten damals alle, unser Verlust an Getöteten habe tatsächlich nicht einmal 1000 Mann erreicht, sondern nur 860 Mann betragen; Verwundete dagegen habe es weit mehr gegeben, über viertausend Mann, und da von diesen sehr viele bald darauf starben, so kann man den gesamten Verlust tatsächlich auf etwa zweitausend ansetzen, mit den Verwundeten aber auf etwa fünftausend, obgleich von diesen letzteren viele nur sehr leicht verwundet waren und nur zu ihnen gezählt wurden; es gab aber auch einige solche, die gar nicht verwundet waren und sich doch unter die Verwundeten einzureihen suchten, weil sie glaubten, dadurch irgendwelche Vorteile zu erlangen, worin sie sich jedoch sehr täuschten, und ihre Hoffnung war vergeblich. In unserem eigenen Regiment ereignete sich ein ähnliches Beispiel. Ein Unterleutnant, ein mir bekannter Mann und im Übrigen ein ordentlicher Offizier namens Herr Aristow, war an diesem Tag gar nicht in Reih und Glied und in der Schlacht, sondern befand sich im Tross, weil er am Vortag etwas erkrankt war, und darum fuhr er liegend in seiner Kibitka. Doch plötzlich fand er sich unter den Verwundeten. „Herr, erbarme dich“, sagten wir verwundert zueinander, „wie ist es geschehen, dass unser Aristow verwundet ist?“ Doch bald erfuhren wir danach, dass er den Feind nicht einmal zu Gesicht bekommen hatte; nur zu der Zeit, als die Gefahr am allergrößten war und man alle Trosse fort und zurücktrieb, erschrak er so sehr, dass er seine Krankheit vergaß, auf ein vom Wagen abgespanntes Beipferd sprang und davonsprengte, und als er an einem Baum vorbeiritt, blieb er in der Eile mit dem Kopf an einem Ast hängen und schrammte sich damit ein wenig die Stirn. Und diese kleine Schramme kam dieser Herr auf den Gedanken, eine vom Feind empfangene Wunde zu nennen und sich in die Zahl der Verwundeten einzutragen. Er dachte ohne Zweifel, dafür irgendeine Belohnung zu erhalten, täuschte sich aber in dieser Erwartung sehr und erreichte nur, dass das ganze Regiment, als es von dieser Begebenheit erfuhr, ihn zu verspotten begann und es schließlich so weit trieb, dass er aus ihm fliehen und um Versetzung in ein anderes Regiment bitten musste.
Was den feindlichen Verlust betrifft, so sagten alle einhellig, man habe an Ort und Stelle allein an Getöteten bis zu 2500 Mann gefunden, die Verwundeten nicht zu erwähnen, deren es unvergleichlich mehr gab. Überdies fingen wir von ihnen mehr als 600 Mann mit acht Offizieren gefangen, und ihre Zahl vermehrte sich von Stunde zu Stunde. Allein an Deserteuren oder eigenmächtig zu uns Übergelaufenen gab es an die 300 Mann und mehr. Außer alledem erbeuteten wir auf dem Schlachtfeld 29 Kanonen mit ihren Kästen und Geschossen, von denen drei überaus groß waren.
Auch erbeuteten wir 29 Trommeln, doch keine einzige Fahne gelang es uns zu erobern: Die Preußen waren allzu vorsichtig und hüteten sie überaus sorgfältig.
Und auch ihre Generäle und Anführer selbst waren offenbar nicht so eifrig und kühn wie die unseren, denn unter den Getöteten war bei ihnen nur ein Major Goltz und unter den Verwundeten der Generalleutnant Graf Dohna. Wir dagegen verloren in dieser Schlacht mehrere Generäle und Befehlshaber; um keinen aber trauerte die ganze Armee so sehr wie um den General en chef Lopuchin. Dieser war, völlig zerschossen, schon in preußische Gefangenschaft geraten, wurde aber den preußischen Grenadieren mit Gewalt entrissen und auf Händen in den Tross getragen. Hier hatte er wenigstens noch den Trost, dass er das Ende der Schlacht erlebte, und seine letzten Worte blieben der ganzen Armee in unvergesslicher Erinnerung. Schon am Rande des Lebens fragte er noch die Umstehenden: „Treiben die Unseren sie zurück?“, „Lebt der Feldmarschall?“ Und als man ihm das eine wie das andere versichert hatte, bekreuzigte er sich und sagte: „Nun, Gott sei Dank! Jetzt sterbe ich in Frieden, da ich meine Pflicht gegenüber meiner Herrscherin und dem geliebten Vaterland erfüllt habe!“ Und im selben Augenblick starb er tatsächlich. Sein Tod war, der Wahrheit gemäß, ein ruhmvoller, denn selten hat es um einen General so viele Weinende gegeben wie um ihn. Als reicher und bis zum höchsten Grad freigebiger Mann hatte er es verstanden, dadurch Tausende von Herzen zur Liebe für sich zu gewinnen und sich am Ende beweinen zu lassen.
Ein anderer General, den wir verloren, war der Generalleutnant Sybin. Auch dieser galt als guter Mensch und verdiente Bedauern; doch man sprach nicht lange und nicht viel von ihm. Brigadier Kapnist war der dritte unter den Getöteten, und beide wurden auf unserem linken Flügel getötet, zu der Zeit, als die Preußen mit ihrer Reiterei hinter unsere Front einbrachen. Von unseren übrigen Generälen aber wurden viele verwundet, als da sind: beide Herren Lieven, Georg und Matthias, General Tolstoi, die Generalmajore de Bosquet, Villebois und Manteuffel, der Generalquartiermeister Weymarn und Brigadier Plemjannikow; doch ihre Wunden waren nicht gefährlich und so geringfügig, dass sie ihren Dienst versehen konnten. Was aber die Stabs- und Oberoffiziere betrifft, so wurde von ihnen eine nicht geringe Zahl getötet und verwundet, und es genügt, wenn ich sage, dass das zweite Grenadierregiment nach der Schlacht ein Leutnant befehligen musste, denn alle Stabsoffiziere und Hauptleute waren teils getötet, teils verwundet. Kurz, wie kurz unsere Schlacht auch war, so wurde doch in ihr genug Menschenblut vergossen, und nicht nur ein Grabhügel mit begrabenen Kriegern blieb auf den Feldern von Jägersdorf zurück.
Am folgenden Tag, das heißt am 20. August, fand bei uns eine Dankfeier statt. Wir brachten dem Allerhöchsten gebührenden Dank dar, unter Kanonendonner aus den erbeuteten feindlichen Kanonen, und die ganze Armee wurde in Reih und Glied aufgestellt und feuerte dreimal das übliche Lauffeuer. Allen Soldaten wurde eine Weinportion ausgeteilt; auch wurde befohlen, ihnen einen Monatssold ohne Anrechnung auszuzahlen. Der übrige Teil des Tages aber wurde darauf verwendet, die getöteten Leiber, sowohl die eigenen als auch die feindlichen, zu sondern und Proviant für die in der Schlacht genommenen und sich von Stunde zu Stunde vermehrenden Kriegsgefangenen in Empfang zu nehmen.
Die Armee stand auch am folgenden 21. noch an demselben Ort. Und an diesem Tag begruben wir unsere Getöteten und die feindlichen Leiber und schickten die Gefangenen und Verwundeten zurück nach Tilsit.
Auch wurde an diesem Tag Generalmajor Panin mit der Nachricht von dieser Schlacht an den Hof nach Sankt Petersburg entsandt.
Unser Feldmarschall bemühte sich in seinem Bericht an den Hof über dieses Ereignis, so weit wie möglich seinen unverzeihlichen Fehler zu verbergen und zu verheimlichen und dass er den Feind allein durch seine Nachlässigkeit so nahe an sich herangelassen hatte, und gab der ganzen Sache ein möglichst gutes Ansehen. Er bekundete seine Verwunderung darüber, dass er die preußische Armee in weit überlegenerer Zahl vorgefunden habe, als er gedacht hatte, und auf an die vierzigtausend sich belaufend. Er erhob die Tapferkeit und Kühnheit der Preußen in den Himmel und verschwieg vollständig den Umstand, dass von unserer Armee nicht einmal der vierte Teil wirklich im Gefecht gewesen war und dass die ganze Sache nicht mehr als etwa fünfzehn Regimenter entschieden hatten, während alle übrigen mit verschränkten Armen und ganz untätig hinter dem Wald standen. Den entscheidenden Umstand selbst erzählte er zwar wahrheitsgemäß, aber in anderer Gestalt, und bemühte sich schließlich, alles zu übertönen, indem er den Schuwalow-Haubitzen und den bei der Schlacht anwesenden Freiwilligen maßloses Lob zuschrieb: dem Fürsten Repnin, dem Grafen Bruce, dem Grafen Apraxin, dem Gardekapitän Bolting und den Ausländern: dem kaiserlichen General Saint-André, dem französischen Oberst Vietinghoff, besonders aber L’Hôpital, dem sächsischen Oberst Lansdorf und dem holsteinischen Leutnant Nádasdy, von denen er, wie man sieht, aus bloßer Schmeichelei sagte, sie hätten in dieser Schlacht angeblich Wunder an Tapferkeit, Eifer, Ergebenheit und Unerschrockenheit vollbracht. In Wirklichkeit aber sprach man bei uns in der Armee am allerwenigsten von ihnen. Und alle diese Personen waren bei uns so wenig bekannt, dass wir nicht einmal wussten, dass sie sich bei ihr befanden; zudem begriff niemand, wo und bei welcher Gelegenheit sie diese Wunder an Tapferkeit hätten vollbringen können, denn die Schlacht war so eingeengt und verworren, dass keiner der Kommandeure etwas ausrichten konnte. Wenn aber jemand berühmt war und von der ganzen Armee gelobt wurde, so kann man diese Ehre dem Oberst Jasykow zuschreiben.
Er tat mehr als alle; obgleich er selbst völlig zerschossen war, hielt er mit seinem Regiment das ganze Feuer aus, schlug den mit aller Macht andringenden Feind zurück und behauptete einen überaus wichtigen Posten; doch dieses wahren Helden gedachte unser Oberbefehlshaber in seiner Relation mit keinem einzigen Wort.
Was aber die Preußen angeht, so konnte nichts lächerlicher und ärgerlicher sein als die Art, wie sie diese Schlacht in ihren Schriften darstellten, und mit welcher Schamlosigkeit sie logen und erfanden, was nie gewesen war, um damit die ganze Welt zu täuschen und dieser Schlacht ein ganz anderes und für sie vorteilhafteres Ansehen zu geben. Sie dachten sich vor allem jene vollkommene Unwahrheit über uns aus, wir hätten hier so verschanzt und in einer so festen Verschanzung gestanden, dass wir nicht nur vier Linien oder Wälle angelegt hätten, sondern vor ihnen noch ordentliche Laufgräben, mit mehr als 200 Kanonen bestückt, während doch bei uns nirgends auch nur mit dem Spaten Erde gegraben worden war; wozu aber Laufgräben nötig gewesen wären, das wussten nicht nur wir nicht, sondern wenn man den preußischen Schreiber selbst fragte, so wüsste auch er nicht, was er sagen sollte, denn das war schon ein reiner Unsinn. Doch auf diese Weise beliebte es ihm, in seiner feurigen Einbildung unser Lager zu befestigen, um den Heldengeist seines Feldmarschalls Lehwaldt umso mehr zu vergrößern, der es gewagt habe, uns in einer so festen Verschanzung anzugreifen, und um danach umso bequemer seine Schande verbergen und ihn wegen des Verlusts der Schlacht rechtfertigen zu können; denn später sagte er auch, wie tapfer die Preußen auch vorgerückt seien und wie erfolgreich sie angeblich unsere ganze erste Linie und besonders die Reiterei vollkommen geworfen und uns angeblich ganze drei Bataillone und mehr als 60 Kanonen abgenommen hätten, so sei es doch nicht möglich gewesen, sich aller dieser so zahlreichen, hintereinander angelegten Verschanzungen zu bemächtigen; man habe den schon in Händen gehaltenen Sieg wieder fahren lassen müssen und sich, nachdem man bei den Unseren an die 9000 Mann getötet, in bester Ordnung zurückgezogen.
Sehen Sie, mit welch gewissenlosen und schamlosen Erfindungen und offenkundiger Unwahrheit sie die Augen der Welt zu blenden und ihre Schande zu verdecken suchten. Doch zum Glück waren ihre Beschreibungen dieser Schlacht verschieden und nicht einheitlich und stimmten in vielem nicht miteinander überein. So fügten sie zum Beispiel in einem anderen Bericht eine neue Lüge hinzu, indem sie sagten, wir hätten aus gefällten Bäumen einen Verhau angelegt und es sei ihnen schwer gewesen, ihn zu überwinden und sich danach aufzustellen, obgleich nichts dergleichen gewesen war. In einem dritten Bericht aber logen sie auf noch schamlosere Weise, indem sie der Welt versicherten, ihre Kavallerie habe unseren linken Flügel und die Reiterei vollkommen geworfen und sich der Batterie bemächtigt, während diese sie doch nicht einmal nahe an sich herankommen ließ, sondern mit einer einzigen Salve eine solche Niederlage unter ihnen anrichtete, dass sie im selben Augenblick umkehrten und, die hinter unsere Front eingedrungene Schwadron unseren Leuten zum Opfer lassend, sich selbst mit Mühe davonschleppten und diesen Flügel in Ruhe ließen.
Weiter logen sie auf die schamloseste Weise, dass bei uns auf dem rechten Flügel angeblich eine Menge Batterien hintereinander angelegt gewesen sei und dass sie sich angeblich dreier davon bemächtigt hätten, aller aber sich nicht hätten bemächtigen können.
Schließlich, um ihre schamlose Lüge mit einer noch gewissenloseren zu krönen, ersannen sie als Vorwand dafür, weshalb sie sich hätten zurückziehen müssen, eine lachhafte Sache und eine solche Unwahrheit, über die man wahrhaftig lachen muss, nämlich dass ihre zweite Linie, von der Dichte des Rauches getäuscht, selbst von hinten auf ihre erste zu schießen begonnen habe und dass diese, da sie auf diese Weise zwischen zwei Feuer geraten sei und das eine Feuer von hinten, von den Eigenen, das andere von vorn, von uns, und das Schießen aus mehr als 150 Kanonen und Mörsern habe ertragen müssen, nicht mehr habe standhalten können und sich daher habe zurückziehen müssen, wobei sie 11 Kanonen zurückgelassen und bei uns mehr als 10 000 Mann getötet habe, und so weiter.
Auf diese und ähnliche Weise suchten die Preußen die ganze Welt zu belügen und sich bei ihrem Misserfolg selbst zu erheitern. Was aber das Erstaunlichste von allem ist: Auch der preußische König selbst spricht zwar in seinen nach seinem Tod hinterlassenen Werken, wo er diese Schlacht erwähnt, wahrheitsgetreuer als alle anderen und beschreibt sie beinahe genau so, wie sie sich zugetragen hat, lügt jedoch in einigen Punkten ebenfalls ein wenig hinzu, nämlich indem er sagt, wir hätten einen Verhau gehabt und sie hätten nur 13 Kanonen verloren, an Leuten aber an Getöteten, Verwundeten und Gefangenen nur 1400 Mann – was ebenso unwahr war wie dass ihre Armee, nach seiner Versicherung, aus nicht mehr als 24 000 Mann bestanden habe. Im Übrigen tadelte er seinen Feldmarschall Lehwaldt sehr, weshalb er uns nicht früher angegriffen habe, besonders am Vortag, als wir auszogen und uns aufstellten. Doch Gott weiß, ob es ihnen damals gelungen wäre, über uns irgendeinen Vorteil zu erringen, denn wir waren damals zur Schlacht bereit und befanden uns in einer weit besseren Stellung; all das beweist aber, dass auch dem König selbst über alle Umstände nicht sehr wahrheitsgemäß berichtet worden war und er selbst von dieser Schlacht keinen rechten Begriff hatte.
Doch wie dem auch gewesen sein mag, es gelang den Preußen nicht, uns nach ihrem Wunsch zu schlagen, und alle Kunst ihrer Generäle und die Tapferkeit ihrer Soldaten halfen ihnen nicht im Geringsten. Dem Schicksal aber gefiel es, dass wir sie besiegten und in ihr früheres befestigtes Lager bei Wehlau zurücktrieben, wohin sie, nicht verfolgt, auch ungehindert zurückkehrten.
So angenehm und freudig dieser Umstand für uns war, so betrüblich war er für den preußischen König, der sich gerade zu dieser Zeit in sehr misslichen Umständen befand.
Die berühmte Schlacht bei Kolin, die er gegen die Kaiserlichen verloren hatte und von der weiter oben die Rede war, hatte für ihn sehr unangenehme Folgen. Ich habe schon oben erwähnt, dass er mit Schande die Belagerung der böhmischen Hauptstadt Prag aufgeben, alle seine prächtigen und großartigen Pläne und Hoffnungen auf eine baldige Eroberung ganz Böhmens vergessen und stattdessen darauf bedacht sein musste, wie er selbst möglichst schnell und mit möglichst geringem Verlust aus Böhmen herauskommen könnte.
In dieser Absicht teilte er seine Armee in zwei Korps, führte das eine selbst zurück nach Sachsen und schickte das andere unter der Führung seines Thronfolgers, des Bruders des Vaters des jetzigen Königs von Preußen {Dies wurde 1789 geschrieben. Red.}, in die Lausitz, um das dortige Land vor dem Einfall der Kaiserlichen zu schützen. Mit dem ersten dieser Korps zog er aus Böhmen ab und kehrte recht glücklich und ohne weitere Verluste zu erleiden nach Sachsen zurück. Die Armee des Thronfolgers aber war nicht so glücklich. Die große kaiserliche Armee folgte ihr und stellte sich, da sie gute Anführer hatte, so auf, dass sie den Prinzen hinderte, seinen Marsch nach Gabel fortzusetzen. In dieser Festung befand sich der preußische General Puttkamer mit vier Bataillonen Besatzungstruppen. Die Kaiserlichen belagerten ihn hier und zwangen ihn, sich sogleich zu ergeben; und da durch die Einnahme dieses Ortes dem Prinzen die Verbindung mit seinen Magazinen abgeschnitten war, die sich in der Stadt Zittau befanden, so musste er einen anderen Weg suchen und über Kamnitz herumziehen. Doch dieser Marsch war für ihn nicht nur äußerst beschwerlich, sondern auch unheilvoll und verlustreich, denn auf diesem Weg verlor er, unablässig von den Kaiserlichen beunruhigt, eine Menge Leute, Munition und Gepäck und hätte beinahe seine ganze Armee verhungern lassen, denn es kam so weit, dass sie ganze drei Tage lang kein Brot hatte und beinahe völlig zugrunde gegangen wäre, wenn nicht zum Glück General Winterfeldt ihr etwas Proviant aus Zittau zugeführt hätte. Kurz, dieser Prinz wurde in eine solche Bedrängnis gebracht, dass er, statt in die Lausitz zu ziehen, sich eilig nach Bautzen und seitwärts nach Sachsen zurückziehen musste.
Hier vereinigte sich der König mit ihm, der mit dem Verhalten des Prinzen so unzufrieden war, dass er ihn eine Zeit lang keines Blickes würdigen wollte und ihm alle Zeichen seines Zorns und seiner Ungnade zu erkennen gab.
Doch auch er selbst hatte keineswegs in allem besseres Glück. Er war durch alle erwähnten Ereignisse so zerrüttet, dass er lange nichts unternehmen konnte und den größten Teil des Sommers damit zubrachte, seine geschlagene Armee wiederherzustellen und sie mit allem Nötigen zu versehen.
Endlich, Anfang August, nachdem er die an verschiedenen Orten zerstreuten Detachements seiner Truppen an sich gezogen hatte, beabsichtigte er, sein Glück noch einmal gegen die Kaiserlichen zu versuchen, und zog darum mit der Armee nach Zittau; doch er fand hier den Feind in so vorteilhafter Stellung stehend, dass er trotz all seiner Tapferkeit und Kunst nicht wagte, gegen ihn auch nur das geringste Unternehmen zu beginnen, sondern, ohne etwas ausgerichtet zu haben, wieder nach Sachsen zurückkehrte, wohin ihn andere und wichtigere Erfordernisse riefen; denn er hatte Nachrichten erhalten, dass einerseits seine Verbündeten, die Hannoveraner, nach einer gegen die Franzosen verlorenen Schlacht von diesen schon allzu sehr bedrängt würden und dass es schon so weit komme, dass die Armee entweder untergehen oder sich gefangen geben müsse; andererseits, dass sich auch schon die sogenannte Reichsexekutionsarmee in großer Zahl bei Nürnberg gesammelt habe und, mit den Franzosen vereinigt, sich anschicke, in Sachsen einzurücken und ihn dort anzugreifen; und drittens, dass aus Schweden siebzehntausend Mann über die Ostsee nach Pommern übergesetzt seien und dass dieses Heer sich anschicke, in seine Lande einzufallen. So musste der König allen diesen Feinden Widerstand leisten und allerlei Mittel ersinnen, um sie abzuwehren. Da aber gerade zu dieser Zeit die Nachricht vom Einmarsch auch unserer Armee in Preußen eintraf und bald darauf auch vom Sieg selbst, den wir über seine Armee errungen hatten, so versetzte all das seine Gedanken natürlich in große Zerrüttung. Er wusste nicht, wohin und nach welcher Seite er zuerst seine größte Aufmerksamkeit richten sollte, und all das brachte ihn schließlich in eine solche Bestürzung, dass er sich beinahe schon völliger Verzweiflung hingab und, da er sich nicht mit Schande und Unehre bedeckt sehen wollte, schon beschloss, sich selbst ganz das Leben zu nehmen, wie einige von ihm an Voltaire geschriebene Briefe und eine von ihm selbst für den Fall dieses Selbstmords verfasste Ode deutlich bezeugen.
Sehen Sie, in welch verzweifelten Zustand der preußische König in diesem Sommer gebracht worden war und wie empfindlich ihn die von den Kaiserlichen und von uns über ihn errungenen Siege trafen. So viele Feinde, die ihn von allen Seiten mit starken und zahlreichen Armeen umgaben, verursachten ihm große Besorgnis und jagten ihm Furcht und Schrecken ein. Er fühlte, dass er gegen sie alle zu schwach und kraftlos war, und erwartete darum nichts anderes, als dass man ihn unvermeidlich schlagen werde und dass er nicht nur alles Eroberte verlieren, sondern dass die Kaiserlichen sich auch seines ganzen Brandenburg bemächtigen würden; und was uns betraf, so zweifelte damals sowohl die ganze Welt als auch er selbst nicht daran, dass wir, den über seine Armee errungenen Sieg nutzend, nicht versäumen würden, uns sogleich seines ganzen Königreichs Preußen zu bemächtigen und die Reste seiner geschlagenen Armee daraus zu vertreiben. Wir alle dachten selbst dasselbe; doch diese Rechnung war ohne den Wirt gemacht, und der Vorsehung des Himmels gefiel es, alle Begebenheiten ganz anders zu ordnen und das herbeizuführen, was niemand auf irgendeine Weise denken und erwarten konnte und worüber die ganze Welt sich über die Maßen wunderte.
All das werden Sie, lieber Freund, in der künftigen Fortsetzung meiner Briefe sehen und hören, jetzt aber verlangen und erwarten Sie es nicht von mir! Mein Brief ist schon allzu lang geworden, und es ist Zeit für mich, ihn zu beenden, und da auch der Stoff von dieser Zeit an schon ein etwas anderer sein wird, so wird es angebracht sein, davon gesondert zu sprechen. Darum schließe ich hiermit, versichere Sie der Beständigkeit meiner Freundschaft und verbleibe usw.
ENDE DES VIERTEN TEILS.
(Fortsetzung folgt.)
QUELLE:
Болотов А. Т. Жизнь и приключения Андрея Болотова: Описанные самим им для своих потомков: В 3 т. Т. 1: 1738-1759 / Вс. ст. С. Ронского; Примеч. П. Жаткина, И. Кравцова. -- М.: ТЕРРА, 1993.
Ein Teil der ausgelassenen Kapitel wurde ergänzt nach:
Издание: А. Т. Болотов в Кёнигсберге (Из записок А. Т. Болотова, написанных самим им для своих потомков). Калининград, Кн. Из-во, 1990.
Die übrigen Kapitel wurden nach der ersten Ausgabe der „Aufzeichnungen“ ergänzt (Beilagen zur Zeitschrift „Russkaja Starina“, 1870).
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

