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Vorposten der Christenheit in Preußen

Vorposten der Christenheit in Preußen

„Ankunft der Deutschordensritter im Kulmerland“ (1713). 


Das Werk ist im Altstädtischen Rathaus von Toruń ausgestellt und illustriert eine Episode aus der „Chronik des Preußenlandes“ Peters von Dusburg, in der von der Gründung der ersten Deutschordensburg in Preußen auf einer mächtigen Eiche, von der Begegnung Konrads von Masowien mit Friedrich II. und von der Verteidigung der legendären Burg gegen die Prußen (die als Sarazenen dargestellt sind) berichtet wird.

Eine Darstellung der Kreuzritterburgen auf dem Gebiet der Region sollte zweifellos mit einem Exkurs in die Geschichte des Deutschen Ordens beginnen, der, wie auch die anderen geistlichen Ritterorden, seine Entstehung den Kreuzzügen nach Palästina verdankt.

Der Deutsche Orden

Geistliche (monastische) Orden, also Gemeinschaften von Mönchen unter einer gemeinsamen Regel und gemeinsamen Gelübden (Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam), entstanden in Europa lange vor den ersten Kreuzzügen. Die Ordensregeln schlossen jedoch jede Teilnahme ihrer Mitglieder an Kriegshandlungen aus. Die Pilgerfahrten nach Palästina machten dagegen Gemeinschaften anderer Art notwendig, deren Mitglieder das Mönchsgelübde mit dem Waffenhandwerk verbanden. Denn die ursprüngliche Aufgabe der geistlichen Ritterorden bestand darin, den Pilgern beizustehen, die in großer Zahl zu den den „Ungläubigen“ entrissenen heiligen Stätten Palästinas strömten. In dieser Anfangszeit waren die Orden äußerst arm, zahlenmäßig klein und lebten von den Spenden ihrer Gönner. Ihre militärische Stärke hielt keinem Vergleich mit den feudalen Heeren stand, die unter der Führung europäischer Monarchen nach Palästina zogen. Doch die Möglichkeiten, die in der Idee des geistlichen Ritterordens selbst angelegt waren, sollten sich schon bald bemerkbar machen.


Erstens wuchs die Zahl der Ordensmitglieder rasch. Das Majoratsrecht, das zur Grundlage des europäischen Zivilrechts geworden war, brachte nämlich eine riesige Zahl von Rittern hervor, die einen geistigen „Hafen“ und eine finanzielle Absicherung finden mussten.

Nach dem Majoratsrecht erbte in einer Feudalfamilie der älteste Sohn alles. Auf ihn gingen Titel und Besitz der Eltern über. Alle übrigen männlichen Nachkommen erbten lediglich ihre adlige Herkunft, die sie vom einfachen Volk unterschied.

Sie bezogen keinerlei Einkünfte aus einem Lehen und traten im günstigsten Fall in den Dienst ihres älteren Bruders oder eines anderen Lehnsherrn – im Austausch gegen Unterkunft und Lebensunterhalt. Auch eine Heirat war für sie recht schwierig, denn eine feudale Ehe bedeutete stets die Vereinigung von Besitzungen, und wer nichts zu vereinen hatte, war als Bräutigam wenig aussichtsreich. Zudem teilten die Kinder aus einer solchen Ehe das Schicksal ihrer Eltern: Sie wurden ebenfalls Ritter ohne Land, die nach einer Gelegenheit suchten, bei jemandem in Dienst zu treten. Kein Wunder also, dass ein Teil dieser Ritter bereitwillig das Gelübde ablegte und in einen geistlichen Ritterorden eintrat. Abgesehen davon, dass einem im Orden stets Unterkunft und Verpflegung sicher waren und Aufstiegsmöglichkeiten bis hinauf in die oberste Ordensleitung offenstanden, spielte bei dieser Wahl auch die religiöse Komponente eine bedeutende Rolle. In einer Gesellschaft, in der es Wissenschaft, Bildung (außer der religiösen) und Kunst praktisch nicht gab, bildete gerade der Glaube die Grundlage der geistigen Welt des Menschen. Frömmigkeit, der Dienst an der Sache Christi, der Schutz der Interessen der Christenheit im Allgemeinen und der christlichen Kirche im Besonderen galten in der Gesellschaft als ehrenvolle Taten. Und schließlich prägte auch der aufrichtige Glaube an die Auferstehung nach dem Tod und an die Unausweichlichkeit des bevorstehenden Jüngsten Gerichts die Mentalität der mittelalterlichen Europäer. So sicherte bereits die soziale Struktur der Gesellschaft den Orden einen steten Zustrom neuer Brüder. Neben den Brüdern, die vollberechtigte Mitglieder des Ordens waren und dessen höchste Ämter bekleiden konnten, gehörten zur „Familie des Ordens“ auch die Halbbrüder – Personen adliger Herkunft, die dem Orden dienten, ohne das Mönchsgelübde abgelegt zu haben. In den meisten Orden besaßen die Halbbrüder Stimmrecht, konnten wirtschaftliche Ämter übernehmen und waren verpflichtet, im Ordensheer zu kämpfen, durften jedoch keine Ansprüche auf die höchsten Ordensämter erheben.

Oben war von den Perspektiven der Ordensorganisationen vor dem Hintergrund der damaligen militärischen und wirtschaftlichen Verhältnisse die Rede. Tatsächlich zeigten die geistlichen Ritterorden sehr bald, dass sie gegenüber dem gewöhnlichen Feudalheer eines Monarchen oder eines mächtigen Lehnsherrn eine Reihe von Vorteilen besaßen. Vor allem verfügte der Orden über ein stehendes Truppenkontingent, das jederzeit bereit war, im Bedarfsfall auszurücken. Das Ordensheer kannte eine einheitliche Führung und eine Disziplin, wie sie erst späteren Armeen eigen waren. Die Ordensämter wurden zumindest in gewissem Maße nach Verdienst und nicht nach Herkunft vergeben, da formal alle Ordensbrüder gleichberechtigt waren.


RitterordenFünf Ritterorden,

die die Geschichte Europas geprägt haben (von links nach rechts):


Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem;

Malteserorden;

Orden der Armen Ritter Christi (Templer);

Großer Militärorden vom Schwert des heiligen Jakobus von Compostela (Santiagoorden);

Deutscher Orden.

Und schließlich handelten der Orden und seine Mitglieder, da er im Grunde eine Korporation und ein kollektiver Lehnsherr war, nach einer einheitlichen Linie und stellten die Mehrung der Macht des Ordens selbst über alles, während ein typisches weltliches Feudalheer eine Ansammlung ausgeprägter Individualisten war, die eigene Souveränität besaßen und ihre persönliche Ehre und Tapferkeit über das gemeinsame Ziel stellten.

Die Geschichte des Deutschen Ordens beginnt 1190 in Palästina, als deutsche Pilger ein Hospital für ihre Gefährten auf der Fahrt zu den heiligen Stätten gründeten. Ursprünglich wurde dieses Hospital beim Johanniterorden (den Hospitalitern) eingerichtet, strebte aber von Anfang an nach Selbstständigkeit. Bereits am 5. März 1198 wurde das Hospital durch eine päpstliche Bulle in einen geistlichen Ritterorden umgewandelt und erhielt ein Jahr später seine endgültige Unabhängigkeit und eine eigene Regel. Sein offizieller Name lautete, aus dem Lateinischen übersetzt, „Brüder der deutschen (teutonischen) Kirche der heiligen Maria zu Jerusalem“, die verkürzte deutsche Bezeichnung hingegen „Deutscher Orden“. Es gab noch einige weitere Varianten des Ordensnamens, doch überall erschien das Wort „deutsch“ in der einen oder anderen Form. Unter seinesgleichen – den anderen geistlichen Ritterorden – galt der Deutsche Orden als eine Art „Emporkömmling“, da die Entwicklung vom Hospital zum Orden nur acht Jahre gedauert hatte. Zweifellos sahen Johanniter und Templer im Deutschen Orden einen direkten Konkurrenten, denn die wichtigste Einnahmequelle der Orden waren Spenden, die Zahl der Gönner aber war begrenzt, und nun floss ein Teil dieser Spenden den Deutschordensrittern zu. Gerade dieser Umstand brachte die Ordensoberen jedoch zu der Einsicht, dass eine Organisation wie ein Orden, um erfolgreich bestehen zu können, eine andere, beständigere Einnahmequelle als Spenden brauchte. Die Suche nach dieser Quelle führte später zur Entstehung der Ordensstaaten. Da im Mittelalter das Land – genauer gesagt die Arbeit der Bauern darauf – sowie die Abgaben der Städte die sicherste Einkunft boten, führte der Weg zur finanziellen Unabhängigkeit über umfangreichen Grundbesitz und die volle Souveränität über das eigene Territorium und die darauf lebenden Menschen – also über die Schaffung eines typischen Feudalstaates, in dem der Orden selbst die Rolle des korporativen Lehnsherrn übernehmen würde.


Ritterschlag

Hier muss unbedingt eine Einschränkung gemacht werden: Im Streben nach stabilen, hohen Einkünften lag weder Doppelzüngigkeit noch ein Bruch des mönchischen Armutsgelübdes. Reich werden sollte der Orden selbst, nicht seine Mitglieder – auch nicht diejenigen, die die höchsten Ämter bekleideten.

Im 13. Jahrhundert wurde die Regel des Deutschen Ordens sehr gewissenhaft befolgt, und die treibende Kraft hinter dem Streben nach Landbesitz und Reichtum war der Glaube an Gott, an den Triumph der Lehre Christi und an die eigene historische Mission auf Erden, deren Erfüllung ein eigener Staat und Geld erheblich förderten. Im Grunde können wir den Ordensherrschern nichts vorwerfen: Keiner von ihnen zweigte Mittel des Ordens in irgendein geheimes Privatvermögen ab; im Gegenteil, die Ressourcen des Ordensstaates flossen tatsächlich in den Kampf gegen die Heiden, in die Förderung der Christianisierung und in die Ausweitung der katholischen Welt. Und als zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Aufgaben, für die der Deutsche Orden geschaffen worden war, erschöpft waren und es an den Ordensgrenzen keine heidnischen Gebiete mehr gab, verfiel der Orden selbst rasch.

Warum das Baltikum?

Die Antwort ist recht kurz und paradox: eine zufällige Gesetzmäßigkeit. Dass sich früher oder später ein Bündnis gegen die Prußen bilden würde, war eine Gesetzmäßigkeit. Mehr noch: Unmittelbar vor dem Einfall des Deutschen Ordens in die prußischen Lande hatte es bereits einen Versuch gegeben, ein solches zu schaffen. Das war ein „Orden von örtlicher Bedeutung“, der Dobriner Orden, der aus dem einheimischen Adel gebildet wurde, und zwar auf Initiative Konrads I. von Masowien, jenes Fürsten, der mehr als alle anderen unter den regelmäßigen Einfällen der Prußen zu leiden hatte. Dieser Orden war jedoch klein, nicht schlagkräftig genug und sehr arm. Letzteres hing damals unmittelbar mit der Kampfkraft zusammen, denn diese beruhte auf der persönlichen Bewaffnung der Krieger, und eine vollständige Rüstung samt guten Waffen war sehr kostspielig.


Fast zur gleichen Zeit, als Konrad I. von Masowien und die Brüder des Dobriner Ordens den Prußen vergeblich die Stirn boten, erlitt der Deutsche Orden in Ungarn eine empfindliche politische Niederlage. Vom ungarischen König Andreas II. zum Kampf gegen die Kumanen gerufen, die die östlichen Randgebiete des Königreichs Ungarn bedrohten, besetzte der Deutsche Orden erfolgreich das Grenzland und errichtete dort fünf Burgen (zwei davon – Marienburg und Kreuzburg – sollten später Burgen in Preußen ihre Namen geben). Daraufhin wurden der ungarische Adel und König Andreas II. selbst von dem Verdacht geplagt, dass eine übermäßige Stärkung des Deutschen Ordens innerhalb des Königreichs und an seinen Grenzen Ungarn künftig erhebliche Probleme bereiten würde. Deshalb wurde dem Orden trotz päpstlichen Schutzes ultimativ befohlen, „die Zelte abzubrechen“ und die Besitzungen des ungarischen Königs zu verlassen.


Das Baltikum auf einer mittelalterlichen Karte

Das war ein schwerer Schlag für den damaligen Hochmeister des Ordens, Hermann von Salza, und seine Bemühungen, in Osteuropa Fuß zu fassen. Im Deutschen Orden gab es zu dieser Zeit nämlich zwei Parteien: Die eine, angeführt vom Hochmeister, verfolgte die Politik, einen eigenen Staat in Europa zu errichten, die andere hingegen war der Ansicht, dass alle Aufgaben des Ordens im Heiligen Land lägen.

Zweifellos spielte der Misserfolg in Ungarn den Befürwortern des palästinensischen Weges alle Trümpfe in die Hand. Als Hermann von Salza daher Konrads Einladung erhielt, zu einem Kreuzzug gegen die heidnischen Prußen aufzubrechen, ließ er sich Zeit, denn ein weiterer Fehlschlag hätte ihn das Amt des Hochmeisters kosten können. Diesmal ging er mehr als gründlich vor und ließ sich von allen Beteiligten urkundliche Bestätigungen ausstellen – von Papst Gregor IX., von Kaiser Friedrich II. des Heiligen Römischen Reiches und von Konrad von Masowien selbst. Gemäß den Bullen des Papstes und des Kaisers sowie der Urkunde Herzog Konrads erhielt der Orden das Kulmerland sowie alle eroberten heidnischen Gebiete in Preußen zum Geschenk. Dies eröffnete den Weg nicht nur zur Eroberung der prußischen Lande, sondern auch zur Festigung der Souveränität des Deutschen Ordens über sie. 1230 traf im Kulmerland die erste Ordensschar unter Konrad von Landsberg ein, die den Chroniken zufolge aus sieben Rittern und bis zu hundert Knappen bestand. Aus denselben Chroniken geht hervor, dass sie mit Hilfe Herzog Konrads die erste Ordensburg im Kulmerland errichteten – Vogelsang. Mit dieser legendären Burg begann die Unterwerfung Preußens durch den Deutschen Orden, begleitet von einem massenhaften Bau ähnlicher Anlagen, von denen viele in der einen oder anderen Form bis heute erhalten sind.

Wozu so viele Burgen?

Eine mittelalterliche Burg ist vor allem eine Festung, in den meisten Fällen der befestigte Sitz eines Feudalherrn. Da das russische Wort „krepost“ (Festung) eine sehr weite Bedeutung hat und auf eine große Vielfalt von Befestigungsanlagen verschiedener Epochen angewandt wird, wollen wir uns darauf verständigen, mittelalterliche Befestigungen eben als Burgen (russ. „samok“) zu bezeichnen, auch wenn sie mitunter ein etwas ungewohntes Aussehen haben im Vergleich zu dem aus Märchen bekannten „Schloss“. Im Russischen wird mit dem Wort „samok“ häufig ein Palast bezeichnet, besonders wenn er im Stil einer Burg gehalten ist. Tatsächlich bezeichnet die direkte deutsche Übersetzung des Wortes „samok“ – das Schloß – sowohl einen Ziegelbau als auch eine Anlage aus Holz oder sogar aus Erde, die eben als Sitz einer Person oder mehrerer Personen dient, die das ihnen unterstellte Gebiet verwalten. Eine andere Befestigung des Mittelalters hingegen, die nicht dem ständigen Aufenthalt diente, sondern lediglich der Abwehr feindlicher Angriffe oder als vorübergehende Zuflucht, hieß Feste oder Schanze. Im weiteren Text werden wir sie einfach „Befestigung“ nennen.


Burgen des Deutschen Ordens in Preußen

Zu sagen, dass es im Europa des 13. Jahrhunderts viele Burgen gab, wäre stark untertrieben. Ihre Zahl ging in die Zehntausende, besonders reich an ihnen waren die Gebiete des heutigen England, Frankreich und Italien. Die Burgen hatten unterschiedliche Formen und Größen und wurden aus verschiedenen Materialien gebaut, je nachdem, was in der jeweiligen Gegend verfügbar war, doch zweifellos hatten sie gemeinsame Merkmale.

Erstens die Umwehrung, die Burgmauer. Zunächst aus Holz oder aus Holz und Erde, später aus Naturstein oder Ziegeln, diente diese Mauer als wichtigstes Verteidigungshindernis, als Hauptlinie der Abwehr gegen den belagernden Feind. Der Krieger auf der Mauer hatte gegenüber dem Gegner einen für jene Epoche wichtigen Vorteil: die Höhe über dem Boden. Er konnte von oben Steine auf den Feind werfen, siedendes Wasser oder kochendes Pech hinabgießen, und sein Pfeil traf den Gegner auf größere Entfernung, als ein von unten angreifender Krieger mit demselben Bogen oder derselben Armbrust schießen konnte. Und schließlich konnte man bei der Verteidigung auf der Mauer ein Dutzend hinaufkletternder feindlicher Soldaten nacheinander töten und hinabstoßen, ohne selbst Schaden zu nehmen.


Zweitens ein Hindernis vor der Mauer, wofür sich ein Wassergraben am besten eignete. Ein solcher Graben verhinderte, dass der Gegner rasch bis an die Burgmauern vordringen konnte, wo er unter einem mächtigen Schutzdach aus Baumstämmen (der sogenannten Katze) mit der Zerstörung der Burgmauer hätte beginnen können.


Drittens mindestens ein Tor mit einer davorliegenden Zugbrücke.


Alle übrigen Elemente einer Burg – Türme, Gusserker (Maschikulis), Parcham, Hurden, Wehrgänge, Zitadellen, Donjons (oder Bergfriede) – waren zwar meist vorhanden, aber nicht für alle Burgen zwingend erforderlich.


Insgesamt ähnelten die Burgen des Deutschen Ordens stark den typischen Feudalburgen, doch gab es auch eine Reihe von Unterschieden, die gerade der Burgenbauschule des Ordens eigen waren. Sie hingen vor allem damit zusammen, dass die Burg korporatives und nicht privates Eigentum war und einen Bestandteil der gesamten Infrastruktur des Ordens bildete. Ordensburgen verfügten meist über stattliche Räume für die Verwaltungstätigkeit – Räume für Empfänge und Audienzen, Säle für die Sitzungen der Ordensorgane, Speisesäle (Remter). Ferner gab es ein Spital (Firmarie) sowie Räume, in denen Gäste des Ordens unterkommen konnten. Unter den Wirtschaftsgebäuden stachen die geräumigen Kornspeicher hervor. Kennzeichnend für Ordensburgen ist ein außerhalb der Wehrmauern gelegener, befestigter Abort in Form eines Turmes – der Danzker, der bei einer Belagerung eine Verteidigungsfunktion erfüllte. Außerdem besaßen die meisten Ordensburgen eine ausgedehnte Vorburg. Die Vorburg war zugleich eine zusätzliche Verteidigungsstaffel, konnte Bauern, Pferden und Vieh als Zuflucht dienen und wurde in Friedenszeiten für wirtschaftliche Zwecke genutzt. Von französischen oder italienischen Feudalburgen unterscheiden sich die Ordensburgen durch schlichte Formen, einen Minimalismus bei den zusätzlichen Verteidigungsanlagen und eine geringere Zahl von Verteidigungslinien. Wahrscheinlich hängt dies mit einem rationalen Umgang mit den verfügbaren Ressourcen und dem Bestreben zusammen, die Baukosten zu senken. Anders als die Heere Westeuropas verfügten die Feinde des Ordens – Prußen und Litauer – nicht über ausgefeilte Fertigkeiten im Sturm auf Burgen; sie zogen entweder Belagerungen vor, in der Hoffnung, die Verteidiger auszuhungern, oder beschränkten sich (meistens) darauf, das Land außerhalb der Burg zu verwüsten.


RößelBurg Rößel (Reszel, Polen).

Die Hauptaufgabe der Besatzung einer Ordensburg bestand darin, dem ersten Ansturm des Feindes standzuhalten und das Eintreffen von Verstärkung abzuwarten. War die Besatzung jedoch stark genug, um einen Angriff aus eigener Kraft abzuwehren, zogen es die Deutschordensritter vor, die Schlacht außerhalb der Burgmauern zu suchen, wo die schwere Ordensreiterei den Prußen oder Litauern weit überlegen war. Die Burg bewahrte die Ritter davor, überrumpelt zu werden, und bot zugleich der getauften einheimischen Bevölkerung Zuflucht vor den Heiden.

Verbreitet ist die Ansicht, die Burgen des Ordens seien so angelegt worden, dass sie jeweils einen Tagesmarsch – etwa 25–30 km – voneinander entfernt lagen. Möglicherweise wurde dieser Umstand berücksichtigt, ausschlaggebend war er jedoch nicht. In vielen Gegenden Preußens lagen die Burgen auch dichter beieinander, während beispielsweise die Burgen Ragnit (Neman) und Tilsit (Sowetsk) mehr als 50 km von den nächstgelegenen Burgen Georgenburg (Majowka) und Laukischken (Saranskoje) entfernt waren. Diese Bedingung war also zumindest nicht verbindlich. Übrigens war es den Ordensbrüdern nur in Ausnahmefällen gestattet, außerhalb der Burgen zu übernachten. Im 28. Kapitel der Ordensregel hieß es: „Wenn die Nacht sie unterwegs überrascht, dürfen sie nach der Komplet oder vor der Matutin über notwendige und ehrbare Dinge sprechen, nicht aber in der Herberge nach der Komplet, ausgenommen die oben beschriebenen Fälle. Sie sollen Herbergen und Orte von schlechtem Ruf meiden; auch sollen sie die ganze Nacht über Licht in ihrer Kammer haben, damit ihrem Ruf oder ihrer Habe nichts Übles widerfahre.“ Das dichte Netz von Burgen ermöglichte es den Brüdern also, Versuchungen aus dem Weg zu gehen und ihren Ruf nicht zu beschädigen. Entscheidend für die Wahl des Bauplatzes einer Burg waren jedoch drei Faktoren:


1. Die Schaffung durchgehender Ketten von Stützpunkten (wie etwa die Burgenlinie im Samland, die dem Schutz vor litauischen Einfällen diente, oder die Reihe von Burgen entlang der Ufer des Pregels).

2. Die Notwendigkeit, in einer bestimmten Gegend Ordensbehörden zu unterhalten: Für deren Bewohner befanden sich in der Burg die örtliche Verwaltung, das Gericht und die Steuerbehörde.

3. Das Vorhandensein einer prußischen Wallburg, was die Kosten für den Bau der Burg erheblich senkte.


Alle Burgen der Kreuzritter in Preußen lassen sich grob wie folgt einteilen: nach der Zugehörigkeit in Ordens- und Bischofsburgen, nach dem Rang in Komturei-, Vogtei- und Pflegerburgen sowie kleine Fluchtburgen. Dabei ist anzumerken, dass die Bischofsburgen Eigentum der Bischöfe waren, auf deren bei der Teilung der prußischen Lande erhaltenen Territorien standen und keine Machtstrukturen des Ordens beherbergten, vom Orden selbst jedoch dennoch in großem Umfang für militärische Zwecke genutzt wurden.

Ein Schloss zu bauen – was ist schon dabei!

In Büchern über die Geschichte der Eroberung Preußens heißt es gewöhnlich: „Im Jahr soundso erbaute der Orden eine Burg“ oder auch „von den Ordensrittern wurde eine Burg errichtet“. Sofort malt sich der Leser aus, wie ein Ritter von seinem Streitross steigt, den Harnisch gegen Arbeitskleidung tauscht und Ziegel zu setzen beginnt, um den Turm der künftigen Burg hochzuziehen. Im Grunde ist an diesem Bild nichts zutreffend. Menschen adliger Herkunft, die einem geistlichen Ritterorden beitraten, waren sich zwar bewusst, dass ihr Leben voller Mühe, Schweiß, Entbehrungen und Blut sein würde – aber doch nicht so sehr, dass sie für einige Jahre zu Maurern umschulten. Zudem wurde die überwiegende Mehrheit der Burgen nicht von Anfang an in Stein errichtet, allenfalls in der spätesten Ordenszeit. Und die Türme entstanden erst im letzten Bauabschnitt oder wurden gar nicht gebaut.


TilsitBurg Tilsit (Sowetsk).

Im Mittelalter war eine Burg für einen Feudalherrn das kostspieligste aller Vergnügen. Ein Pferd war teuer, Rüstung und Waffen waren sehr teuer, doch an die Kosten einer Burg reichten sie bei Weitem nicht heran. Ebenso teuer kam eine Burg den Orden zu stehen, der lediglich den einen Vorteil hatte, dass er für den Bau einer bestimmten, dringend benötigten Burg sämtliche verfügbaren Mittel heranziehen und sie aus einem Landesteil in einen anderen umlenken konnte. Dennoch begleiteten Sparsamkeit und vernünftige Notwendigkeit die Bautätigkeit des Ordens über ihre gesamte Dauer.

In der Anfangsphase legte die vernünftige Notwendigkeit nahe, dass das schlimmste Szenario für eine Ordensabteilung ein Überraschungsangriff eines zahlenmäßig überlegenen Gegners wäre – so überraschend, dass die Ritter keine Zeit hätten, die Rüstung anzulegen, aufzusitzen und sich in Schlachtordnung aufzustellen. Doch schon eine einfache Wallanlage mit Palisade aus Baumstämmen, Wachturm und aufgestellten Posten machte einen solchen Angriff äußerst schwierig. Die Sparsamkeit wiederum zwang dazu, solche Befestigungen auf den Wällen eroberter prußischer Burgen und Burgwälle zu errichten. Experimente haben gezeigt, dass 200 Menschen für eine Wallanlage von fünfzig Metern Durchmesser etwa zehn Tage Schwerstarbeit benötigen. Eine Palisade auf einem bereits fertigen Wall errichten dieselben 200 Menschen dagegen in nur einem Tag. Daher lässt sich mit Gewissheit sagen, dass die ersten Ordensbefestigungen innerhalb sehr kurzer Zeit von den Rittern selbst und ihren Knappen errichtet wurden, unter Einsatz der Arbeitskraft von Gefangenen, sofern solche vorhanden waren. Bekanntlich galt körperliche Arbeit, darunter auch das Bauen, als eine Form des mönchischen Gehorsams, und so kann man sich gut vorstellen, wie eine Ordensabteilung, die gerade einen prußischen Burgwall eingenommen hatte, Gruben für die Palisadenpfähle aushob, Holz schlug und einen Wachturm errichtete.


Der nächste Bauabschnitt jedoch – die Umwandlung der Burg von einer einfachen Zuflucht mit Palisade in eine recht wehrhafte Holz-Erde-Befestigung – erfolgte zweifellos unter umfangreichem Einsatz herangezogener Arbeitskräfte. Nicht selten liest man, der Orden habe die Arbeitskraft prußischer Bauern und gefangener prußischer Krieger genutzt. Man muss sich einen solchen Bau jedoch nur einmal vor Augen führen, um zu begreifen, dass dies nur auf dem Papier einfach ist. Stellen Sie sich vor, Sie leiten ein solches Bauvorhaben. Sie haben Rückhalt in Gestalt gut bewaffneter Krieger, ein paar Dörfer in der Nähe, dazu noch ein paar hundert Gefangene und sogar einen Dolmetscher, denn weder sprechen Sie Prußisch, noch verstehen die anderen ein Wort Ihrer Sprache. Gewiss, man kann über den Dolmetscher und die Dorfältesten erklären, was man von ihnen will. Man kann die Männer zur Baustelle treiben und die Gefangenen zur Arbeit zwingen. Doch dann stellt sich plötzlich heraus, dass es im ganzen Dorf nur fünf eiserne Äxte gibt und die übrigen entweder primitive Steinäxte benutzen oder sich eine eiserne beim Nachbarn borgen. Mit den Spaten steht es nicht besser. Nägel gibt es überhaupt keine. Die Gefangenen, die man in den Wald nach Stämmen schickt, versuchen zu fliehen, oder ihre im Wald versteckten Kameraden schmieden Pläne, die Wachen zu überfallen und die Gefangenen zu befreien. Und zu allem Überfluss braucht diese ganze Schar von Bauern und Gefangenen gute Verpflegung, denn hungrig können sie schlicht nicht arbeiten. Dabei essen diese ungelernten und wenig leistungsfähigen „Bauleute“ genauso viel wie die Meister ihres Fachs aus den Bauzünften und Bauhütten, die in Deutschland geblieben sind. Letztere muss man natürlich bezahlen und irgendwie nach Preußen schaffen, doch ohne sie wurde der Burgenbau zu einer kaum lösbaren Aufgabe. Allerdings errichteten die Ritter mitunter kleine Holzburgen mithilfe des getauften einheimischen Adels: Den prußischen Anführern, die auf die Seite der Christen übergetreten waren, beließ der Orden nicht nur ihre Herrschaftsbefugnisse, sondern gewährte ihnen auch neue Privilegien und übertrug ihnen Burgen zur Verwaltung, die sie aus eigener Kraft befestigen sollten.

Häufig nahm der Orden die Erben dieser Anführer als Geiseln – sie wurden auf Ordensburgen festgehalten und dort im Geist der europäischen christlichen Kultur erzogen. So entstand der preußische Adel, der zu einem beträchtlichen Teil aus ethnischen Prußen und ihren eingedeutschten Nachkommen bestehen sollte.

HeilsbergBurg Heilsberg (Lidzbark Warmiński, Polen).


Der zweite Prußenaufstand, der 1260 begann und in den Chroniken als „zweiter Abfall der Prußen“ bezeichnet wird, weil sich viele getaufte und dem Orden durch Eid verpflichtete Prußen daran beteiligten, zeigte jedoch, dass Holzburgen keinen ernsthaften Schutz gegen Aufständische boten. Zumal die Ordensbrüder den Prußen durch ihr eigenes Beispiel beigebracht hatten, solche Festungen einzunehmen. Die Chroniken erwähnen, dass die Prußen während dieses Aufstands Belagerungs- und Wurfmaschinen einsetzten. Das wichtigste Mittel zur Zerstörung hölzerner Befestigungen war jedoch die Brandstiftung. Während des zweiten Prußenaufstands wurden auf dem Gebiet der heutigen Oblast Kaliningrad (in Natangen und im Samland) sämtliche Ordensburgen erobert und zerstört – mit Ausnahme von Balga und Königsberg, die nur deshalb standhielten, weil es den Prußen nicht gelang, ihre Versorgung über das Wasser zu unterbinden.


Nachdem der Aufstand niedergeschlagen war, stellte sich selbstverständlich die Frage, die wichtigsten Burgen in Stein neu zu errichten. Und hier war man ohne die Hilfe von Bauhütten aus Deutschland völlig aufgeschmissen. Solche Maurertrupps zogen durch Europa und verdingten sich für den Bau oder die Instandsetzung von Feudalburgen. Ihre Arbeit war so gefragt, dass die Auftraggeber sich regelrecht anstellen und warten mussten, bis das vorherige Bauvorhaben abgeschlossen war. Dabei konkurrierten die Bautrupps bewusst nicht miteinander: Alle verlangten sehr ähnliche Preise und lieferten vergleichbare Qualität. Wettbewerb zwischen Zünften und Bauhütten war damals nicht nur unerwünscht, sondern durch Zunftordnungen und städtische Gesetze sogar verboten. In der Regel sah ein Bauvertrag nicht nur eine Geldvergütung für die Baumeister und Maurer vor, sondern auch einen Anteil in Naturalien: Sorgfältig festgelegt wurden die Verpflegung der Arbeiter, die Menge des vom Auftraggeber bereitgestellten Biers, die Unterkunft auf der Baustelle, der Schutz der Arbeiter vor Räubern und anderes mehr.


Der Bau einer Burg war damals, wie bereits erwähnt, ein sehr kostspieliges Unterfangen. Bemerkenswert ist, dass die Kosten in vergleichbaren Preisen nahe an dem lagen, was die Arbeiten heute kosten würden, wenn man qualifizierte Fachleute beauftragte, eine Kopie der Burg mit identischen Techniken, Geräten und Materialien zu errichten. Gerade deshalb unternahm der Orden zu Beginn der Steinbauzeit eine Reihe von Schritten, um seine Wirtschaft zu stärken und vor allem die Zahl seiner Einnahmequellen zu erhöhen. Zunächst wurden die gesamte prußische Bauernschaft und die größeren Grundbesitzer mit Steuern (Abgaben) belegt, die zwar beträchtlich, aber nicht ruinös waren. Zur gleichen Zeit begann der Handel mit Patenten (Privilegien), etwa für die Eröffnung von Krügen oder Brauereien.

Eine besondere Einnahmequelle wurde das Kulmer Recht. Nach diesem Recht erhielt ein Rechtssubjekt (eine Privatperson oder eine ganze Siedlung) ein erbliches Recht auf Land, eine gewisse Eigenständigkeit sowie Rechte und bestimmte Freiheiten auf seinem Gebiet. Im Gegenzug verpflichtete es sich, Geld- und Naturalabgaben zu leisten und ein bewaffnetes Aufgebot zu stellen, dessen Umfang und Mindestanforderungen an die Bewaffnung sich nach der Größe des Grundbesitzes richteten.

Dabei ist hervorzuheben, dass das Kulmer Recht nicht nur Siedlungen (Städten) verliehen wurde, sondern auch freien (nicht unbedingt adligen) Bürgern, die im Deutschen „Köllmer“ (Köllmer) genannt wurden – eine Ableitung vom Ortsnamen „Kulm“. In der Regel erhielt ein Köllmer einige Dutzend Hufen Land. Eine Hufe entsprach etwa 17 ha und galt als Landstück, von dem sich eine Bauernfamilie ernähren konnte. Darüber hinaus erhielt der Köllmer das Recht, einen Krug, eine Brauerei, eine Mühle oder einen anderen einträglichen Betrieb zu eröffnen; zugleich war er verpflichtet, Pächter auf das erhaltene Land zu holen, von der entstandenen Siedlung Zins einzuziehen und dem Orden die Abgaben nach Kulmer Recht zu entrichten. Dieses System förderte die rasche Erschließung des Landes und steigerte die Einnahmen der Ordenskasse. Übrigens lebten Gemeinden, Dörfer und Privatpersonen auch nach der offiziellen Abschaffung des Kulmer Rechts im Jahr 1620 weiterhin nach den auf seiner Grundlage entwickelten Gesetzen. Die Köllmer als Stand bestanden in Preußen sogar bis zum Untergang des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1918.



DIE BURGEN DES DEUTSCHEN ORDENS IN PREUSSEN

KÖNIGSBERG

Die Geschichte des Königsberger Schlosses wurde bereits früher auf unserer Website veröffentlicht. Wir haben beschlossen, sie hier nicht zu wiederholen, laden aber alle Interessierten ein, sie über diesen Link nachzulesen.

Der Kaliningrader Architekt Arthur Sarnitz, ein engagierter Verfechter des Wiederaufbaus der historischen Innenstadt, hofft, dass das Königsberger Schloss eines Tages wieder die Stadt schmücken wird. Alle seine Ideen hat er in einem Video zusammengefasst, das wir Ihnen ebenfalls empfehlen – dafür müssen Sie nur kurz zu YouTube wechseln, wo es veröffentlicht ist.

BALGA

► RF, Oblast Kaliningrad, Rajon Bagrationowsk

Koordinaten: 54.552526, 19.968113

Zustand des Objekts (2020): Geschützte, eindrucksvolle Ruine am Ufer des Haffs.


Ein wichtiger Wendepunkt bei der Eroberung Preußens war die Einnahme der prußischen Burg Honeda durch die Ordensritter und die Errichtung der Burg Balga an dieser Stelle. Die Lage Balgas am Ufer des Frischen Haffs (Kaliningrader Haff) machte die Burg einerseits zu einem Brückenkopf in Natangen, von dem aus die Unterwerfung dieses prußischen Landes beginnen sollte, andererseits ermöglichte sie es ihr, einer vollständigen Blockade zu entgehen und über das Wasser versorgt zu werden. Die Prußen verfügten über keine nennenswerten Mittel zur Kriegführung auf dem Wasser, sodass hier selbst die recht bescheidene Ordensflotte die Lage beherrschte. Zur Landseite hin schützte ein Sumpf das Gelände, durch den auf einem Knüppeldamm der einzige Weg führte. In der Nähe der Burg gab es keinen Bach, an dem man eine Mühle hätte errichten können – ein unverzichtbarer Bestandteil der Ordensbefestigungen. Der Orden fand einen Ausweg, indem er einige Kilometer von Balga entfernt eine befestigte Mühle mit einer kleinen Besatzung anlegte.


Drei Jahre nach der Einnahme Honedas brach ein Prußenaufstand aus. Die Lage des Ordens wurde dadurch erschwert, dass sich der pommerellische (also im Grunde polnische) Fürst Swantopolk den Aufständischen anschloss.

Im nördlichen Teil des vom Orden eroberten Gebiets nahmen die Aufständischen sämtliche Burgen und provisorischen Befestigungen ein. Den Prußen widerstanden nur noch Balga und Elbing.

Um Balga zu blockieren, errichteten die Prußen zwei provisorische Burgen – Partegal und Scrandin. Die Ordensritter blieben ihnen nichts schuldig und nutzten die ehemalige prußische Burg Schneckenberg als vorgeschobene Befestigung. Faktisch entbrannte hier bei Balga die Schlacht um Natangen. Zunächst war das Glück auf Seiten der Prußen: Es gelang ihnen, die Burg Schneckenberg und die befestigte Mühle einzunehmen, deren Besatzungen vernichtet wurden. Daraufhin traf über das Haff Verstärkung für die Kreuzritter ein – eine Schar des Herzogs Otto von Braunschweig. Anschließend bedienten sich die Ritter des zu ihnen übergelaufenen Prußen Pomande, lockten das prußische Heer in eine Falle und vernichteten es, wie der Chronist Peter von Dusburg berichtet, im Kampf. Beide prußischen Burgen wurden niedergebrannt und zerstört. Balga hatte auch dieses Mal standgehalten.


1246 verwüsteten Ordensscharen die pommerellischen Lande; Swantopolk musste seine Niederlage eingestehen und bis 1248 aus dem Bündnis mit den Prußen ausscheiden. Die Prußen standen nun ohne Verbündeten da, und der Orden ließ seine Truppen von Balga aus tief nach Natangen vorrücken. Der erste Vorstoß endete jedoch mit einer Niederlage – das Ordensheer geriet in einen Hinterhalt und wurde aufgerieben. Die folgenden Kriegszüge zwangen die Prußen aber, 1249 den Frieden von Christburg zu den Bedingungen des Ordens zu schließen.


Während der Waffenruhe wurde Balga ausgebaut, die Gräben wurden vertieft und ein Tor mit Zugbrücke errichtet. 1250 wurde die Burg Sitz eines Komturs. Zum ersten Komtur von Balga (1250–51) wurde der Ordensbruder Meingot gewählt. 1254 wurde Balga zum Ausgangspunkt des berühmten Kriegszugs des böhmischen Königs Ottokar II. gegen die Prußen, in dessen Folge das Samland unterworfen und Königsberg gegründet wurde.


BalgaDie Burg Balga zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Rekonstruktion von A. P. Bachtin, Zeichnung von A. M. Ossipow.

Ein neuer, der gewaltigste prußische Aufstand brach 1260 aus. Erneut fielen die Ordensburgen in Samland und Natangen eine nach der anderen, nun hielten nur noch Königsberg und Balga stand. Beide Burgen überstanden die Belagerung. Nachdem diese durch rechtzeitig eingetroffene Hilfe aus den deutschen Fürstentümern aufgehoben und der Aufstand selbst niedergeschlagen worden war, begann der Umbau der Burg Balga in Stein, der im Wesentlichen bis 1290 abgeschlossen war.

Die Burg wurde zu einem der bedeutendsten Bauwerke des Ordens. Die Ruine, die man heute sehen kann, ist nur ein kleines Fragment der Vorburg. Tatsächlich nahm die Anlage das gesamte Plateau ein und bestand aus der Vorburg und der eigentlichen Burg, die durch innere Mauern und Gräben von ihr getrennt war. Deren Reste sind noch heute zu erkennen. Das Hauptgebäude der Burg war fünf- oder sechseckig und bestand aus drei Flügeln mit gewölbten Kellern und zwei bis drei Geschossen darüber. Hier befanden sich der Kapitelsaal, das Remter, die Burgkapelle und die Wohnräume. Gekrönt wurde der gesamte Bau von einem Wehrgang auf Höhe des dritten Geschosses. Im Südwesten stand der Hauptturm. In der Vorburg befanden sich die Firmarie für alte und kranke Ordensbrüder, ein Spital, Wehr- und Signaltürme, Wirtschaftsräume, Speicher, Gästequartiere, eine Schmiede, ein Pferdestall, ein Viehstall und anderes mehr.


Obwohl sich die militärischen Interessen des Ordens von Balga nach Nordosten – an die Grenze zu Litauen – verlagerten, spielte die Burg im Ordensstaat weiterhin eine wichtige Rolle. Das Amt des Komturs von Balga galt als ehrenvoll und versprach einen weiteren Aufstieg in der Ordenshierarchie. Es genügt zu erwähnen, dass so bedeutende Hochmeister des Ordens wie Dietrich von Altenburg, Heinrich V. Reuß von Plauen, Winrich von Kniprode und Ulrich von Jungingen Komture in Balga waren.


Im Großen Krieg (1409–1411) weigerte sich der Komtur von Balga, Friedrich von Zollern, nach der Niederlage des Ordens gegen das polnisch-litauische Heer bei Grunwald, die Burg dem vor ihren Mauern erschienenen feindlichen Heer zu übergeben. Die Stärke der Burg und die Entschlossenheit ihrer Besatzung bewogen die Polen, von einer Belagerung abzusehen. In der Folge wirkte sich allein die Tatsache, dass dem Orden so mächtige Stützpunkte wie Balga, Königsberg und Marienburg verblieben waren, sehr günstig auf den endgültigen Wortlaut des Ersten Thorner Friedens aus.


BalgaDie Burg Balga auf einem alten Stich.

Während des Dreizehnjährigen Krieges (1454–1466) wurde Balga mehrmals von Anhängern des Preußischen Bundes angegriffen. Im Juli 1457 stürmten Truppen aus Danzig und Elbing die Burg. Danach belagerten Söldner aus Böhmen Balga. Der letzte und heftigste Sturm erfolgte erst 1466, als ein vereinigtes Aufgebot von Bürgern aus Thorn, Marienburg, Danzig und Elbing versuchte, die Burg einzunehmen. Die Burg wurde kein einziges Mal erobert, obwohl ihre Besatzung erhebliche Verluste erlitt und die gesamte Umgebung verwüstet wurde. Nach dem Dreizehnjährigen Krieg verfiel die Komturei Balga.

Dazu trugen sowohl die Verwüstungen während der Kampfhandlungen bei als auch die insgesamt nicht sehr günstige Lage der Burg an seichtem Wasser und ohne einen Fluss in der Nähe. Die Komturei wurde zunächst zu einer Vogtei herabgestuft, später richtete man eine Hauskomturei ein, also die eigentliche Burg ohne zugehörige Gebiete, was eher ein Ehrenstatus war. Balga verlor stetig an militärischer und administrativer Bedeutung. Die Siedlung bei der Burg blieb ein Dorf und wuchs nicht zu einer Stadt heran, wie es bei anderen großen und weniger großen Burgen geschah. Zum letzten Mal bewies die Burg Balga ihre militärische Stärke 1520 im Reiterkrieg. Zu dieser Zeit waren ihre Mauern bereits zum Schutz gegen Belagerungsartillerie mit Erdwällen hinterschüttet.


Der letzte Komtur von Balga, Hans von der Gablenz, übergab die Burg 1525 auf Anordnung Herzog Albrechts dessen Mitstreiter, dem ersten evangelischen Bischof Georg von Polentz, zur Verwaltung. Es war gewissermaßen der Dank des Herzogs für die Unterstützung seiner Vorhaben. In den Räumen der Burg wurden die Verwaltungsbehörden des umliegenden Gebiets (des Amtes) untergebracht, darunter Polizei und Gericht. Doch hatten die kriegerischen Wirren die Burg am Leben erhalten, so gab ihr das friedliche Leben endgültig den Rest. Ein riesiges Bauwerk ohne militärische Bedeutung zu unterhalten, war für das nicht eben reiche Herzogtum Preußen zu kostspielig. Ohne Instandsetzung und Pflege verfiel die Burg weiter. 1584 stürzten der Danzker und die Mauern einiger Gebäude ein.

Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Burg planmäßig als Baumaterial abgetragen, und 1701 unterzeichnete König Friedrich I. ihr endgültiges Urteil: Die Burggebäude sollten abgerissen und mit dem Schutt die Ufer der Gräben und Kanäle in der Umgebung befestigt werden.

Bis 1790 waren alle Gebäude abgerissen, bis auf ein Bauwerk der Vorburg, das für wirtschaftliche Zwecke und als Seezeichen genutzt wurde.

Letztlich wäre auch dieses abgerissen worden, doch im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts begannen die Europäer zu begreifen, dass es neben materiellen, künstlerischen und religiösen Werten auch historische Werte gibt. Erst mit dieser Zeit begann die gezielte Erhaltung alter Bauwerke, die auch Balga erfasste. 1834 wurden die Reste der Burg mit Unterstützung des bekannten preußischen Politikers Rudolf von Auerswald, damals Landrat des Kreises Heiligenbeil, unter staatlichen Schutz gestellt und später erforscht und restauriert. Die Burg und ihre Umgebung wurden zu einem Ziel des Geschichtstourismus und blieben es bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Während der Ostpreußischen Operation geriet die Burg ins Zentrum der Kämpfe um die Vernichtung der an das Haff gedrängten deutschen Truppen und wurde durch Artilleriebeschuss fatal beschädigt.


Nach dem Krieg wurde die Halbinsel, auf der Balga lag, zu einem beliebten Ausflugsziel, und die Ruine der Vorburg diente Kletterern als Übungswand. In der Umgebung der Burg suchte man auch nach versteckten Kulturgütern, darunter dem Bernsteinzimmer, fand jedoch nur zahlreiche Munition und verrostete Waffen aus dem vergangenen Krieg. Später erhielt die Burgruine den Status eines Kulturdenkmals, wurde in Wirklichkeit aber nicht geschützt und verfiel weiter. Erst in jüngster Zeit hat man damit begonnen, bei der Burg einen Naturpark mit Schutzstatus einzurichten. Im Stadtmuseum Mamonowo gibt es einen Saal, der der Burg Balga gewidmet ist und in dem unter anderem ein Modell der Burg ausgestellt ist.

KREUZBURG

► Russische Föderation, Oblast Kaliningrad, Rajon Bagrationowsk, Siedlung Slawskoje

Koordinaten: 54.494571, 20.440133

Zustand des Objekts (2020): Zwei kleine Mauerfragmente sind erhalten.


Die dem Gründungsdatum nach zweite Burg auf dem Gebiet der heutigen Oblast Kaliningrad war Kreuzburg (Siedlung Slawskoje, Stadtkreis Bagrationowsk). Die Burg Kreuzburg wurde 1241 von Otto von Braunschweig an der Stelle der prußischen Festung Witige gegründet. 1243 wurde sie von aufständischen Prußen niedergebrannt, war aber bereits 1253 wiederaufgebaut. 1260–1263, während des zweiten Prußenaufstands, wurde die Burg belagert. Als den Belagerten die Vorräte ausgingen, versuchten sie, die Burg zu verlassen, doch da auch die Pferde aufgegessen waren, holten die Prußen die Flüchtenden ein und erschlugen alle bis auf zwei Ritter, denen es gelang, Balga zu erreichen. 1273 wurde die Burg erneut aufgebaut und 1309 in Stein umgebaut. In dieser Zeit war Kreuzburg für kurze Zeit (1275–1277) Komtursitz und Burg des Vogtes von Natangen, doch bald wurde dieser Sitz nach Brandenburg (Uschakowo) verlegt.


Die Burg Kreuzburg auf einem Stich von Christoph Hartknoch, 16. Jh.Die Burg Kreuzburg auf einem Stich von Christoph Hartknoch, 16. Jh.

Am 31. Januar 1315 verlieh der Ordensmarschall Heinrich von Plotzke der Siedlung bei der Burg Kreuzburg das Kulmer Stadtrecht. Im selben Jahr 1315 wurde in Kreuzburg eine Kirche erbaut.

KreuzburgAlles, was von der Burg Kreuzburg übrig geblieben ist.


Im ersten Jahr des Dreizehnjährigen Krieges (1454–1466) wurde die Burg von Truppen des Preußischen Bundes eingenommen, doch schon 1455 eroberte der Orden sie zurück. Danach wurde Kreuzburg mehrmals angegriffen, die Stadt wiederholt geplündert und niedergebrannt, die Burg selbst aber konnten weder die Polen noch die Anhänger des Preußischen Bundes einnehmen. Im Zweiten Thorner Frieden wird die Burg Kreuzburg als beim Deutschen Orden verbleibend erwähnt. Die Schulden, die der Deutsche Orden infolge des Zweiten Thorner Friedens zu tragen hatte, zwangen Hochmeister Ludwig von Erlichshausen, Kreuzburg für 2383 Mark an die Söldnerführer Anselm von Tettau und Michael Greusing zu verpfänden. 1497 löste Bischof Johannes von Riesenburg die Burg aus, und 1505 ging sie an seinen Nachfolger Hiob von Dobeneck über.


Im Jahr 1520 wurde Kreuzburg während des Reiterkrieges (1519–1521) von den Polen angegriffen, hielt jedoch stand. Nach der Säkularisierung des Ordens wechselte die Burg Kreuzburg mehrfach den Besitzer, bis Herzog Albrecht sie 1565 seinem Günstling, dem Abenteurer Paul Skalich, schenkte. Nach dessen Flucht im Jahr 1566 begann die Burg mangels angemessener Pflege zu verfallen. Nacheinander gehörte sie mehreren preußischen Adligen, doch keiner von ihnen blieb lange. 1585 wurde Kreuzburg vom Staat zurückgekauft. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde Kreuzburg endgültig zu einem Provinzstädtchen. Die Burg wurde eifrig als Baustoffquelle abgetragen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren von ihr nur noch geringe Mauerreste und die Fundamente übrig. 1881 veranlasste der Besitzer der örtlichen Mühle, ein gewisser Reichermann, archäologische Ausgrabungen auf dem Burggelände. Heute sind von der Burg Kreuzburg nur ein kleines Mauerfragment und der Hügel, auf dem sie stand, erhalten. Ein Besuch empfiehlt sich (ebenso wie bei der Burg Balga) für alle, die mit alten Burgplänen und viel Fantasie ausgestattet sind. Leider kann man sich auf dem Burghügel stehend mehr vorstellen, als man tatsächlich zu sehen bekommt.

KAYMEN

► RF, Oblast Kaliningrad, Rajon Gurjewsk, Siedlung Saretschje

Koordinaten: 54.784507, 20.887089

Zustand des Objekts (2020): Mauerfragmente bis zur Höhe des zweiten Stockwerks erhalten.


Als offizielles Gründungsjahr der Burg Kaymen gilt 1261. An ihrer Stelle bestand schon vor dem Einfall des Deutschen Ordens eine prußische Burg. Diese wurde im Januar 1255 während des Feldzugs König Ottokars II. erobert und anschließend Prußen übergeben, die auf die Seite des Ordens übergetreten waren und ihre Treue später während des Prußenaufstands unter Beweis stellten. Bei der ersten Teilung der prußischen Gebiete zwischen dem Deutschen Orden und dem Bischof verblieb die Gegend Caym bzw. Caymis beim Orden. 1261 wurde die prußische Befestigung zu einer Ordensburg umgebaut. Zur selben Zeit entstand eine Siedlung vor den Mauern der Burg. 1299 wurde Kaymen einem prußischen Edlen für seine Treue zum Deutschen Orden übertragen. 1308 eroberten die Litauer die Burg und brannten sie nieder. Nach diesem Überfall beschloss man, Kaymen in Stein neu zu errichten, was in den Jahren 1330–1352 geschah. Nach Abschluss der Bauarbeiten war die Burg Kaymen vermutlich eine zweiflügelige Anlage mit einer ausgedehnten Vorburg. Nach dem Umbau überstand die Burg mehrere litauische Überfälle, und jedes Mal gelang es der Besatzung, den Sturm abzuwehren. Ab 1424 war in Kaymen ein Kammeramt untergebracht, das zur Komturei Königsberg gehörte. Nach dem Dreizehnjährigen Krieg (1454–1466) wurde die Burg Kaymen einem Söldnerführer zur Tilgung einer Schuld überlassen. Am 3. September 1525 nahmen aufständische Bauern die Burg ein und setzten den Amtsverwalter Andreas Rippe gefangen. Herzog Albrecht drohte den Aufständischen mit harter Niederschlagung, woraufhin der Aufstand abflaute. Rippe wurde seines Amtes enthoben, die Anführer des Aufstands hingerichtet (eine Kompromisslösung ganz eigener Art). 1668 wurde auf Anordnung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm der innere Teil der Burg umgebaut.


Kaymen

Am 21. Januar 1758 wurde in Kaymen die Kapitulation Ostpreußens unterzeichnet, woraufhin „die Schlüssel zu den Toren Königsbergs und der Festung Friedrichsburg“ dem russischen Oberkommando übergeben wurden.

Burg KaymenDie Burg Kaymen ist insofern einzigartig, als sie vollständig aus Naturstein errichtet wurde.


In den Jahren 1782–1783 wurde die Burg von dem Architekten Glasius Berwart erweitert und umgebaut. Einige Mauern und Türme wurden abgerissen, und die Burg wurde für Verwaltungs- statt für militärische Zwecke hergerichtet. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Burg verpachtet.


Die sowjetischen Neusiedler übernahmen die Burg in einem passablen Zustand, doch sie bedurfte der Pflege und Instandsetzung. Die örtliche Kolchose nutzte sie jedoch rein zweckmäßig – als Lager und Schweinestall. Bekannt wurde die Burg, als sie in den 1990er-Jahren irgendwie in einen Führer zu den Sehenswürdigkeiten der Oblast gelangte, was die Anwohner allerdings nicht davon abhielt, sie als Baustofflager auszuschlachten. So waren um die Jahrtausendwende nur noch von Gestrüpp überwucherte Mauerfragmente und halb verschüttete Keller von ihr übrig.

PREUSSISCH EYLAU

► RF, Oblast Kaliningrad, Rajon Bagrationowsk, Stadt Bagrationowsk

Koordinaten: 54.386637, 20.632771

Zustand des Objekts (2020): Die erhaltene Vorburg wurde nach einem Brand konserviert.


Die Burg Preußisch Eylau wurde 1325 gegründet. Historiker zählen sie zur sogenannten vierten Generation der Deutschordensburgen. Den Anstoß zum Bau gab Hochmeister Werner von Orseln, der den Balgaer Komtur Dietrich von Altenburg damit beauftragte. Ihre Hauptaufgabe sollte es sein, als Zwischenbefestigung zwischen den Burgen Kreuzburg (Siedlung Slawskoje, Stadtkreis Bagrationowsk) und Bartenstein (Stadt Bartoszyce, Polen) zu dienen.

Zu Beginn ihres Bestehens hieß die Burg Ile bzw. Ilaw. Später wandelte sich der Name zu Eylau.

Anders als viele andere Burgen wurde Eylau von Anfang an aus Stein und Ziegel errichtet. Die Geschichte hat den Namen des Bauleiters überliefert: Es war der Baumeister Arnolf von Eulenstein. Die Burg selbst war eine vierflügelige Anlage mit einem viereckigen Grundriss von 43 x 41 m. Im Osten schloss sich eine ausgedehnte Vorburg an. Im Südflügel befand sich die Burgkapelle – unverzichtbarer Bestandteil jeder Ordensburg.


Bis 1347 diente die Burg Preußisch Eylau als Sitz eines Ordenspflegers, ab 1347 war hier die Verwaltung eines Kammeramts untergebracht. Einer der Pfleger von Preußisch Eylau war Konrad von Wallenrode, der spätere Hochmeister des Ordens. Bereits 1348 bestand bei der Burg die Siedlung Neuhof mit zwölf Krügen, die später den Namen der Burg annahm und zur Stadt wurde.


Preußisch Eylau war am Dreizehnjährigen Krieg (1454–1466) aktiv beteiligt. Anfangs war das Glück auf der Seite des Preußischen Bundes, dessen Truppen Preußisch Eylau zusammen mit anderen Burgen Natangens ohne größere Mühe einnahmen. Dann wendete sich das Blatt zugunsten des Ordens, und die Burg wurde den Aufständischen wieder entrissen. Die Ordensbesatzung von bis zu zwei Dutzend Rittern und 60 Landwehrmänner auf Seiten des Deutschen Ordens beseitigten die Schäden an den Befestigungsanlagen und bereiteten sich darauf vor, feindliche Angriffe abzuwehren. Zu dieser Zeit war eine zweitausend Mann starke Truppe des Preußischen Bundes unter dem Befehl von Remschel von Krixen auf dem Marsch nach Königsberg. Als von Krixen erfuhr, dass in Preußisch Eylau nur eine so kleine Besatzung lag, beschloss er, die Burg im Vorbeigehen einzunehmen. Der Sturm begann am 24. Mai 1455. Alle Versuche der Aufständischen, die Burg im Sturm zu nehmen, stießen auf hartnäckigen Widerstand.


Preußisch Eylau

Die weiteren Ereignisse tragen legendenhafte Züge, und die Glaubwürdigkeit dieser Überlieferung ist zweifelhaft. Da die Besatzung für die Verteidigung der Burg offenkundig nicht ausreichte, schickten die Ordensleute einen Boten nach Königsberg. Dazu benutzten sie einen alten unterirdischen Gang, der weit hinter den Stellungen der Angreifer endete.

Heinrich Reuß von Plauen, der Oberste Spittler des Ordens, gab dem Boten die Truppen des Grafen Ludwig von Helfenstein und des Hauptmanns von Blankenstein mit. Am 26. Mai 1455 überfiel die Ordensverstärkung im Schutz des Morgennebels unvermutet das feindliche Heer. Das Ergebnis: 600 Tote und 300 Gefangene auf Seiten des Preußischen Bundes, und die Belagerung von Preußisch Eylau war aufgehoben.


Noch zweimal während des Krieges wurde Preußisch Eylau ernsthaft angegriffen: Im Oktober 1455 brannte der Gegner die Vorburg nieder, konnte die Burg selbst aber nicht einnehmen, und im März des folgenden Jahres vereitelte ein überraschender und kraftvoller Gegenangriff der Besatzung den Versuch, die Burg zu belagern.


Nach dem Ende des Krieges und der Festschreibung der polnischen Lehnshoheit über die preußischen Lande ging die Burg Preußisch Eylau 1492 in den Besitz von Heinrich Reuß von Plauen über. Etwa zur selben Zeit erhielt die Burg ein Wappen mit einem Löwen – demselben wie im Wappen des Geschlechts von Plauen.


Zum letzten Mal in der Ordenszeit war Preußisch Eylau 1520 in Kriegshandlungen verwickelt, während des Reiterkrieges (1519–1521) – der offenen Auseinandersetzung zwischen Hochmeister Albrecht und dem polnischen König Sigismund. Damals brannten die Polen die Siedlung erneut nieder, doch die Burg hielt stand.

Unmittelbar nach der Reformation in Preußen wurde die Burg Preußisch Eylau Sitz und Gut eines Hauptmanns. Am 30. November 1585 verlieh der Regent Georg Friedrich der Siedlung bei Preußisch Eylau das Stadtrecht.

Nach den Napoleonischen Kriegen kaufte 1814 ein gewisser Heinrich Valentini das Gut Preußisch Eylau (die Burg samt den dazugehörigen Ländereien). Er errichtete an der Stelle der Vorburg ein Gutshaus, das er nach seiner Frau Henriettenhof nannte, während die Burg selbst ohne Pflege und Instandsetzung allmählich verfiel. Die Familie Valentini besaß das Gut bis 1945.


1961 wurde das Gelände von Burg und Vorburg per Urkunde der Bagrationowsker Geschäftsstelle der Rajon-Konsumgenossenschaft übergeben. 1964 arbeitete dort eine Expedition der Zentralen wissenschaftlichen Restaurierungswerkstätten des Kulturministeriums der UdSSR. Sie stellte einen äußerst verwahrlosten und zerstörten Zustand fest. Danach diente der Westflügel noch eine Zeit lang als Schießstand. 1990 brannte das erhaltene Gebäude der Vorburg aus. Mitte der 1990er Jahre gab es ein Projekt, die Vorburg zu einem Hotel umzubauen, und es wurden entsprechende Arbeiten durchgeführt. Sie richteten an dem Bauwerk mehr Schaden als Nutzen an. Wer heute als Liebhaber alter Bauten nach Bagrationowsk fährt, kann das erhaltene Gebäude der Vorburg von Preußisch Eylau besichtigen, dessen Dach durch die unförmigen Mansardenfenster des nie eröffneten Hotels verunstaltet ist.


Preußisch EylauDie Vorburg – alles, was von der Burg Preußisch Eylau übrig geblieben ist. Winter 2017.


Entlang der Ostseeküste und des Kurischen Haffs verlief die nördliche Burgenkette: Germau (Russkoje), Pobethen (Romanowo), Rudau (Melnikowo), Laptau (Muromskoje), Powunden (Chrabrowo), Schaaken (Nekrassowo). Zu ihr kann man auch die bereits beschriebene Burg Kaymen (Saretschje) sowie Labiau (Polessk) zählen. Ursprünglich wurden sie zu den üblichen Zwecken errichtet: zur Kontrolle des umliegenden Gebiets und zur Abwehr bewaffneter Erhebungen der Prußen. Doch nach der Unterwerfung Preußens im Jahr 1283 übernahmen diese Burgen andere Aufgaben.

Seit dem 14. Jahrhundert dienten die Burgen im Norden Preußens als Bollwerk gegen die Einfälle litauischer Scharen in das Königsberger Gebiet und als Zufluchtsort für die einheimische Bevölkerung während solcher Überfälle. In den verhältnismäßig kurzen Pausen zwischen den Kriegshandlungen erfüllten sie Verwaltungsaufgaben. Diese Burgen standen an der Stelle alter prußischer Befestigungen oder in deren unmittelbarer Nähe. Diese Lage und die Nutzung der früheren prußischen Wälle erklären ihre charakteristische runde Form.

Die Burgen Laptau und Powunden lagen nach der Teilung des Samlands auf Ländereien des Bischofs von Samland, wobei Laptau bald an das Domkapitel überging.


Etwa zwischen 1320 und den 1370er Jahren wurden diese Burgen in Stein neu errichtet, was sie zu verlässlichen Bollwerken gegen die Litauer machte, die in der Belagerungskunst wenig bewandert waren. In der Nähe der Burg Rudau kam es 1370 zu einer berühmten Schlacht zwischen einem großen litauischen Heer unter dem Befehl der Fürsten Algirdas und Kęstutis samt verbündeten russischen und tatarischen Abteilungen auf der einen Seite und dem Ordensheer, verstärkt durch das Königsberger Aufgebot sowie Kreuzfahrer aus dem dänischen Livland und deutschen Landen, auf der anderen. An den Ereignissen war auch die Besatzung der Burg Laptau beteiligt, die ebenso wie Rudau der Belagerung standhielt und das litauische Heer bis zum Eintreffen der Ordenstruppen band.


Wie bereits erwähnt, erfüllten die Burgen auch Verwaltungsaufgaben: Je nach Zugehörigkeit saßen in ihnen die örtlichen Verwalter des Ordens (Kämmerer) oder die Statthalter des Bischofs. Doch schon nach dem Großen Krieg (1409–1411), als der Orden gewaltige Kontributionen an Polen zahlen musste, wurde der Unterhalt der zahlreichen Burgen kostspielig. Die Ordensbauten, die nicht zur Begleichung der Schulden an Söldner verkauft worden waren, wurden nur vereinzelt und unvollständig instand gesetzt. Und nachdem der Orden säkularisiert worden war und die Burgen selbst rasch ihre militärische Bedeutung verloren, war ihr völliger Verfall nur noch eine Frage der Zeit.


Rudau wurde teilweise abgetragen, und einer der Flügel wurde zu einer Kirche umgebaut, deren Ruine bis heute erhalten ist. Ein ähnliches Schicksal ereilte Germau. Zunächst fand man im Herzogtum noch Verwendung für die Burg: 1581 wurde die Bernsteinverwaltung aus Lochstädt hierher verlegt, wofür man die Burg 1586 sogar instand setzte. Von 1644 bis 1693 tagte in Germau das Bernsteingericht, das unerlaubte Bernsteinsammler an den Galgen brachte. Danach aber wurde die Burg nicht mehr repariert und verfiel allmählich, Bernsteinverwaltung und Gericht wurden nach Palmnicken (Jantarny) verlegt, und bis zum 18. Jahrhundert war Germau teilweise abgetragen – das Material diente zur Aufschüttung von Wegen und zum Bau von Wirtschaftsgebäuden. Um 1760 baute man allerdings eines der Gebäude zu einer Kirche um. Leider ist von ihr nur ein kleiner Teil des Turms erhalten. Laptau wurde Anfang des 18. Jahrhunderts abgetragen, um Baumaterial für die Aufschüttung der Straße Königsberg–Cranz zu gewinnen. Noch früher (im 16. Jahrhundert) wurde die Burg Powunden als Baumaterial abgetragen, wobei ihre Ziegel zur Ausbesserung der Burg Laptau verwendet wurden, die Powunden um etwa 150 Jahre überdauerte. Auch Pobethen wurde aufgegeben und im 17. Jahrhundert auf Ziegel abgebrochen.

SCHAAKEN

► Russische Föderation, Oblast Kaliningrad, Rajon Gurjewsk, Siedlung Nekrassowo

Koordinaten: 54.906050, 20.668604

Zustand des Objekts (2020): Erhalten sind eine der Mauern und die Keller. Es gibt einen Museumskomplex, es finden nachgestellte Ritterturniere statt, in der Nähe befinden sich eine Taverne und eine Käserei.


In Schaaken hatte lange Zeit die örtliche Verwaltung (Kammeramt) ihren Sitz. Zweimal, 1711 und 1716, besuchte der russische Zar Peter I. die Burg. Im 19. Jahrhundert wurde sie als Staatseigentum verpachtet und überstand, wenn auch etwas umgebaut, unbeschadet die Zeit bis 1945. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in der Burg Schaaken ein Kinderheim für deutsche Kinder eingerichtet, das 1948 geschlossen wurde. Danach diente die Burg selbst als Wohnraum, die Vorburg und die Wirtschaftsgebäude wurden landwirtschaftlich genutzt. In den 1990er-Jahren fand die Burg Eingang in die Reiseführer, und viele Kaliningrader erfuhren mit Erstaunen, dass nur eine halbe Autostunde von ihnen entfernt eine erhaltene Burg aus dem 14. Jahrhundert stand (im Reiseführer war das Jahr 1270 angegeben, doch damals gab es noch keine steinerne Burg). Zu dieser Zeit hatten der Zahn der Zeit und der rein zweckmäßige Umgang der Burg bereits stark zugesetzt. Die örtlichen Behörden brachten darin zudem Umsiedler aus GUS-Staaten unter. Erst 2002, als weitere Mauern und Teile des Daches eingestürzt waren, kaufte eine Privatperson die Burg, um auf ihrem Gelände einen Museums- und Geschichtskomplex einzurichten, der dort bis heute besteht. Zu einer echten Restaurierung ist es leider nicht gekommen: Lediglich ein Mauerabschnitt aus Feldstein wurde wiederhergestellt, außerdem wurden Konservierungsarbeiten durchgeführt, um den weiteren Verfall des Bauwerks aufzuhalten.


Burg Schaaken auf einem Stich von Christoph HartknochBurg Schaaken auf einem Stich von Christoph Hartknoch, 16. Jh.

In Schaaken sind die Keller und ein Teil der Mauern aus der Ordenszeit erhalten. Allen, die noch nicht dort waren, sei ein Besuch der Burg empfohlen. Sie gehört zu den interessantesten Bauwerken aus der Ordenszeit auf dem Gebiet der Oblast Kaliningrad.

Burg Schaaken im Netz:

VK — shaaken



Nicht umsonst vergleicht man Flüsse mit Arterien – durch sie floss im Mittelalter das Blut jener Zeit: der Handel. Eine Stadt am Fluss hatte erhebliche Vorteile gegenüber einer Stadt, die abseits davon lag. Wer den Fluss kontrollierte, kontrollierte die Handelswege und überhaupt das Leben des gesamten umliegenden Gebiets. Über den Fluss gelangte man auch dorthin, wo es keine Straßen gab – im Sommer auf dem Wasser, im Winter auf der Schlittenbahn. Eben deshalb baute der Orden seine Burgen an Flüssen und legte sie zur Sicherheit paarweise an beiden Ufern an. Diese Burgen riegelten den Fluss nicht nur zuverlässig ab, sondern konnten dank ihrer unmittelbaren Nähe auch wirksam zusammenwirken, wenn eine von ihnen belagert wurde. Auf dem Gebiet der Oblast Kaliningrad waren solche Burgenpaare Groß Wohnsdorf (Kurortnoje) und Allenburg (Druschba) an der Alle (Lawa); Labiau (Polessk) und Laukischken (Saranskoje) an der Deime; Norkitten (Meschduretschje) und Saalau (Kamenskoje), Wehlau (Snamensk) und Taplacken (Talpaki) sowie Insterburg (Tschernjachowsk) und Georgenburg (Majowka) am Pregel (Pregolja).

GROSS WOHNSDORF

► Russland, Oblast Kaliningrad, Rajon Prawdinsk, Siedlung Kurortnoje

Koordinaten: 54.469749, 21.122480

Zustand des Objekts (2020): Erhalten sind der Torturm und die Fundamente.


Groß Wohnsdorf entstand an der Stelle der prußischen Burg Kapostete, die die Deutschordensritter bereits 1256 während eines Feldzugs des Königsberger Komturs Burchard von Hornhausen niedergebrannt hatten. Der zum Christentum übergetretene Pruße Tirsko führte die Ordenstruppen zu der Burg. Die Festung lag an einem überaus günstigen Ort – auf einem Plateau hoch über der Alle (Lawa), und in der Nähe floss ein Bach, an dem sich eine Mühle errichten ließ. Es ist daher nicht verwunderlich, dass hier noch im selben Jahr 1256 eine Ordensburg aus Holz und Erde angelegt wurde. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts blieben die Burggebäude aus Holz, weshalb die Litauer die Burg bei ihren Einfällen in das Ordensland 1319 und 1347 zweimal niederbrannten. Nach der zweiten gescheiterten Verteidigung und angesichts der Tatsache, dass die Burg 1348 Sitz des örtlichen Verwalters, des Kämmerers, geworden war, beschloss man, Groß Wohnsdorf in Stein neu zu errichten. Dies geschah 1356 – so jedenfalls besagen es die aufgefundenen Gründungsurkunden.


Groß WohnsdorfDie malerischen Ruinen der Burg Groß Wohnsdorf in der Siedlung Kurortnoje bei Prawdinsk (Friedland).

Die neue Burg bildete ein Viereck mit Tor und Torturm (auf dem Foto oben). An sie schloss sich eine weitläufige Vorburg an, die etwa dreimal so groß war wie die eigentliche Burg. Etwa zur selben Zeit entstand neben der Burg eine Ansiedlung, die heutige Siedlung Kurortnoje im Stadtkreis Prawdinsk.

Nach dem Dreizehnjährigen Krieg (1454–1466) wurde die Burg zur Tilgung von Schulden dem Söldnerführer Hans von Weyer übertragen. In der Folgezeit wechselte Groß Wohnsdorf noch einige Male den Besitzer, bis es 1702 in den Besitz der Familie von Schrötter überging. Die Vorburg wurde abgerissen und an ihrer Stelle ein Gut errichtet, dessen Gebäude bis heute erhalten sind. Nach einem Brand im Jahr 1790 wurde die Burg restauriert und dabei mit Elementen des antiken Stils versehen. Mehrfach weilte hier Immanuel Kant, der die Familie von Schrötter besuchte, darunter auch den späteren Oberpräsidenten Ostpreußens Friedrich Leopold, dessen Gemächer sich ausgerechnet im Torturm befanden. 1830 brach in der Burg ein verheerender Brand aus, nach dem sie nicht mehr wiederaufgebaut wurde. Instand gesetzt wurde lediglich der Torturm, die übrigen Gebäude trug man als Baumaterial ab. Dieser Turm überstand den Krieg und gelangte in recht ordentlichem Zustand in die Hände der sowjetischen Neusiedler, doch da sich niemand um ihn kümmerte, stürzte mit der Zeit zuerst das Ziegeldach und dann auch die Zwischendecken ein. Angler und Touristen, die an die Lawa kamen, machten im Turm Lagerfeuer. 2007 erhielt der Turm der Burg Groß Wohnsdorf den Status eines Kulturerbeobjekts. Und vor nicht allzu langer Zeit hat sich in der Nähe ein Enthusiast niedergelassen, der Groß Wohnsdorf bewacht und nach Kräften wiederherstellt.

ALLENBURG

► Russland, Oblast Kaliningrad, Rajon Prawdinsk, Siedlung Druschba

Koordinaten: 54.493263, 21.189794


Allenburg wurde praktisch zeitgleich mit Groß Wohnsdorf und unter ähnlichen Umständen gegründet. Während des Prußenaufstands 1260 brannten die Prußen die Burg nieder, doch sie wurde bald wiederaufgebaut. Vermutlich wurde sie, ebenso wie Groß Wohnsdorf, auch von den Litauern verwüstet. Spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts wurde auch Allenburg in Stein neu errichtet, doch die Burg war erheblich kleiner als Groß Wohnsdorf. So wird 1384 erwähnt, dass ihr Arsenal fünf Armbrüste und 720 Bolzen (Pfeile) dazu umfasste, was auf eine offenkundig recht bescheidene Besatzung schließen lässt. Zu Beginn des Dreizehnjährigen Krieges (1454–1466) wurde Allenburg 1455 von den Polen erobert und niedergebrannt. Nach dem Krieg verzichtete man angesichts der schwierigen Finanzlage des Ordens und der nahe gelegenen Burg Groß Wohnsdorf auf einen Wiederaufbau von Allenburg und trug die Überreste ab, um die Ziegel zu gewinnen.

WEHLAU

► Russland, Oblast Kaliningrad, Rajon Gwardeisk, Siedlung städtischen Typs Snamensk

Koordinaten: 54.615643, 21.228208


Auch die Burg Wehlau ist mit dem Namen des vornehmen Prußen Tirsko verbunden. Er verteidigte die prußische Burg Wetalo, auch Wilow genannt, gegen die Ordensritter. Nachdem die Kreuzritter diese Burg eingenommen hatten, trat Tirsko zum Christentum über und half fortan dem Orden im Kampf gegen seine eigenen Stammesgenossen. An der Stelle der prußischen Befestigung errichtete der Orden die Burg Wehlau, zunächst aus Erde und Holz. Im Jahr 1262 belagerten die Prußen die Burg, konnten sie jedoch trotz mehrerer Sturmversuche nicht einnehmen. Allerdings brannten bereits 1280 die aufständischen prußischen Sudauer die Burg Wehlau doch noch nieder. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde die Burg in Stein neu errichtet, und an ihren Mauern entstand bald eine Siedlung, die 1339 das Kulmer Stadtrecht erhielt. Litauische Krieger unter Führung des Fürsten Kęstutis brannten im Jahr 1347 sowohl die Stadt als auch die Burg nieder. Während die Stadt wiederaufgebaut wurde, beschloss man, auf den Fundamenten der Burg ein Franziskanerkloster zu errichten. Das Kloster zog 1517 nach Königsberg um. Und obwohl keine Mönche mehr in Wehlau verblieben waren, zerstörten die Einwohner Wehlaus 1525, als das Herzogtum Preußen zum Luthertum übertrat, in religiösem Eifer das katholische Kloster. Dies war allerdings wohl nahezu die einzige Episode religiöser Intoleranz in der Zeit, in der sich der Protestantismus in Preußen durchsetzte. Das vom Kloster frei gewordene Gelände bebauten die Bürger mit Wohnhäusern.

TAPLACKEN

► RF, Oblast Kaliningrad, Rajon Gwardeisk, Siedlung Talpaki

Koordinaten: 54.651017, 21.343068

Zustand des Objekts (2020): Die Burg wird als Wohnhaus genutzt.


Ein anderes Schicksal erwartete Taplacken, das Gegenstück zur Burg Wehlau. Das genaue Gründungsdatum ist unbekannt, doch Mitte des 14. Jahrhunderts war die hölzerne Burg Taplacken bereits Sitz eines Kämmerers. Im Jahr 1376 rückte Fürst Kęstutis, der damals schon 79 Jahre alt war, mit seinem Heer gegen Taplacken vor und brannte die Burg nieder, wobei er den Pfleger der Burg und einen Teil der Besatzung gefangen nahm. Noch im selben Jahr begannen die Kreuzritter jedoch, die Burg in Stein wiederaufzubauen. Nach der Säkularisierung des Ordens wurde Taplacken 1530 umgebaut und danach für Verwaltungszwecke genutzt. Die günstige Lage an der Straße nach Litauen und Russland trug dazu bei, dass hier nicht nur die örtliche Verwaltung, sondern auch die Post untergebracht wurde. Die Feldjäger wechselten in Taplacken gewöhnlich zum letzten Mal die Pferde, bevor sie Königsberg erreichten. Im 19. Jahrhundert wurde Taplacken an Pächter vergeben, die das Gebäude teilweise umbauten und im Hof Backsteinbauten errichteten. Insgesamt war die Burg jedoch bis ins 20. Jahrhundert recht gut erhalten. 1945 lag sie allerdings in der Hauptstoßrichtung der sowjetischen Truppen und wurde im Krieg schwer beschädigt. Weitere Zerstörungen verursachte 1946 ein Brand, den die in der Burg einquartierten Soldaten verschuldet hatten. Ab 1948 dienten die Überreste der Burg als Unterkunft für Kolchosarbeiter. Das Bauwerk wurde in keiner Weise geschützt, Reparaturen unterblieben, sodass mehrere Teile des Gebäudes verloren gingen. 2007 erhielten die Überreste der Burg den Status eines Geschichts- und Architekturdenkmals, doch noch 2019 wurde das Objekt weiterhin als Wohnhaus genutzt – darüber wurde sogar ein Dokumentarfilm gedreht.

INSTERBURG

► RF, Oblast Kaliningrad, Stadt Tschernjachowsk

Koordinaten: 54.639656, 21.806388

Zustand des Objekts (2020): Erhalten sind die Wirtschaftsgebäude der Vorburg samt Wehrmauer. Von der Hauptburg sind die Außenmauern erhalten, mit Ausnahme des Westflügels, der in der Nachkriegszeit abgetragen wurde. In der Burg ist ein historisch-kulturelles Zentrum tätig.


Die Geschichte der Burg Insterburg (Tschernjachowsk) beginnt im Jahr 1336, als unweit der Stelle, an der die Flüsse Inster (Instrutsch) und Angerapp (Angrapa) in den Pregel münden, eine Komturburg gegründet wurde, von der aus Nadrauen verwaltet werden sollte – ein dünn besiedeltes, aber waldreiches Gebiet Preußens. Nach Abschluss der Hauptbauphase bildete die Burg einen viereckigen, nahezu quadratischen (45 x 44 m) Komplex aus vier Gebäuden. Höhe und Stärke der Mauern sowie die Breite der Burggebäude selbst zeigen, dass sie nicht gleichzeitig, sondern über einen recht langen Zeitraum hinweg errichtet wurden. An die Burg schloss sich eine Vorburg an, deren Fläche etwa zweieinhalbmal so groß war. Vermutlich rechnete der Orden bei der Gründung der neuen Komturei und dem Bau einer recht großen Burg als Komtursitz damit, die Ländereien Nadrauens mit Siedlern und prußischen Bauern zu bevölkern. Doch die ständigen litauischen Einfälle und das Vorhandensein freien Landes in anderen Gebieten Preußens ließen diese Pläne nicht Wirklichkeit werden. Bald zeigte sich, dass die spärliche Bauernschaft der unterstellten Gebiete nicht in der Lage war, eine ganze Komturei ausreichend zu versorgen, und so wurde diese 1347 nach einem schweren, verheerenden litauischen Überfall aufgelöst. Die Burg wurde Sitz eines Pflegers, stand also einen Rang niedriger und unterstand nun der Komturei Königsberg. Dennoch kam Insterburg im Ordensleben des 14. Jahrhunderts eine wichtige Rolle zu. Einerseits war es ein Etappenort für die Ritter des Ordens und seine „Gäste“ – Kreuzritter aus Europa, die nach Preußen kamen, um an den Feldzügen gegen Litauen teilzunehmen – auf dem Weg zur litauischen Grenze bei Ragnit (Neman). Es gibt Hinweise darauf, dass der spätere englische König Heinrich IV. vor einem solchen Feldzug in Insterburg zu Gast war. Andererseits war Insterburg ein vorgeschobener Stützpunkt des Ordens, der den litauischen Angriffen als Erster standhalten musste. Brachte die erste Rolle dem Pflegeamt gewisse Einkünfte, so drohte ihm die zweite mit dem Ruin.


Insterburg

Blick auf die Burg Insterburg vom gegenüberliegenden Ufer des Schlossteichs, der zum Unteren See wurde.

Insterburg blieb lange Zeit ein äußerst gefährlicher Dienstort. Es genügt zu erwähnen, dass die Burg 1347, 1366, 1367, 1376 und 1403 litauischen Angriffen ausgesetzt war, wobei sie mindestens zweimal, 1367 und 1376, eingenommen und niedergebrannt wurde. Ein weiteres Mal wurde die Burg 1457 im Dreizehnjährigen Krieg (1454–1466) des Ordens gegen die preußischen Städte belagert und zerstört.

Nach der Säkularisierung des Deutschen Ordens verlor Insterburg seine militärische Bedeutung, gewann dafür aber an administrativer Bedeutung. Nahe der Burg wuchs eine Siedlung heran, die 1583 das Stadtrecht erhielt. Die Burg selbst wurde Ende des 16. Jahrhunderts Sitz eines Kammeramts, dem 13 Bezirke – sogenannte Schulzenämter – unterstanden. In der Burg befanden sich Verwaltungsbehörden, darunter ein Gericht und ein Gefängnis im Turm der Vorburg. Die Notwendigkeit, hier Beamte unterzubringen, führte zu wiederholten Umbauten der Burggebäude. Während der Napoleonischen Kriege wurde die Burg zu Kasernen für das französische Korps von Marschall Ney umgebaut, und 1812 ordnete Napoleon an, die Räume als Lazarett einzurichten. Ab dem späten 19. Jahrhundert waren in der Burg Insterburg die Kasernen eines Ulanenregiments und Justizbehörden untergebracht, ein Teil der Räume wurde einem Museum überlassen.


Bei der Einnahme Insterburgs durch die Rote Armee 1945 geriet die Burg unter Beschuss und brannte teilweise aus. Nach dem Krieg wurden die erhalten gebliebenen Räume wirtschaftlich genutzt, kein einziges Mal instand gesetzt und verfielen weiter. Mitte der 1960er Jahre wurden in der Burg umfangreiche Abrissarbeiten an den baufälligen Gebäuden durchgeführt, wobei ein Teil der Burgmauern und der Turm der Vorburg niedergelegt wurden. Dieser Zustand hielt bis in die 1990er Jahre an; in dieser Zeit stürzte der Nordflügel der Burg vollständig ein, und von den übrigen Flügeln blieben nur Teile der tragenden Mauern übrig. Mehr Glück hatten die Gebäude der Vorburg, die bis heute erhalten sind. Gegenwärtig ist in der Burg die gemeinnützige Stiftung „Dom-Samok“ tätig. Die Organisation entwickelt und realisiert Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftsprojekte und experimentiert zudem mit neuen Formen der Arbeit in den Bereichen Tourismus und Freizeit.


InsterburgIm Hof der Burg Insterburg steht ein Modell der Anlage.

In der Burg wurden folgende dauerhaft tätige Einrichtungen geschaffen: ein historisches Labor, ein Zentrum für angewandte Kulturwissenschaft, ein Zentrum für internationale Zusammenarbeit, eine Kunstgalerie sowie ein Klub für Geschichte und Kunst. Die Museumsausstellung zur Geschichte der Stadt umfasst ein Diorama der Schlacht bei Groß-Jägersdorf.

Die Burg Insterburg im Netz:

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GEORGENBURG

► Russische Föderation, Gebiet Kaliningrad, Stadt Tschernjachowsk

Koordinaten: 54.660880, 21.806911

Zustand des Objekts (2020): Die Hauptburg ist erhalten, ein Teil der Räume wurde instand gesetzt. Derzeit entsteht ein Museum, an dem ein Verein für historische Reenactment-Darstellung tätig ist.


Die Georgenburg (Majowka), das Gegenstück zur Burg Insterburg, wurde ein Jahr nach dieser gegründet: 1337 entstand an der Stelle einer prußischen Wallburg zunächst ein kleiner befestigter Wirtschaftshof, das Ordenshaus Georgenburg. Vermutlich brannte es bei einem Einfall der Litauer im Jahr 1347 vollständig nieder, doch schon 1350 wurde an seiner Stelle auf Anordnung des Meisters Winrich von Kniprode eine Burg aus Holz und Erde errichtet. 1352 fiel das Land, auf dem die Georgenburg lag, an den Bischof von Samland. Die hölzerne Burg wurde 1376 von den Litauern niedergebrannt, woraufhin man 1385, nun auf Kosten des Bischofs, mit ihrem Bau in Stein begann. An Geld mangelte es dem Bistum offenbar nicht, denn die Burg fiel mit 58 x 56 m sogar größer aus als die Burg Insterburg. An die Burg schloss sich eine Vorburg an, die etwa anderthalbmal so viel Fläche einnahm. Doch während Insterburg 1403 dem Angriff des Heeres des litauischen Fürsten Witold standhielt, wurde die Georgenburg eingenommen. Grund für den Fall der Burg war nicht etwa eine unzureichende Wehrhaftigkeit, sondern die geringe Stärke ihrer Besatzung.


GeorgenburgDie Georgenburg.

Nach der Säkularisierung des Ordens ging die Georgenburg in herzoglichen Besitz über. Wie in Insterburg wurde auch hier ein Kammeramt eingerichtet, das das umliegende Gebiet verwaltete. Während der polnisch-schwedischen Kriege des 17. Jahrhunderts wurde die Burg zunächst 1656 von den Tataren und später, 1679, von den Schweden besetzt. Bedenkt man, dass 1757 der Oberbefehlshaber der russischen Armee Apraxin in der Georgenburg Quartier nahm und 1807 der Stab des französischen Marschalls Davout, so wurde die Georgenburg in dieser Kategorie zu einer Art Rekordhalterin.

Nach den Napoleonischen Kriegen wurde die Burg in private Hände verkauft. 1828 erwarb sie die schottische Familie Simpson, die in der Georgenburg eine Pferdezucht aufbaute; um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kaufte der Staat ihr diese ab.


Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel die Burg den sowjetischen Neusiedlern in recht passablem Zustand zu. Zunächst wurde dort ein Lazarett eingerichtet, später ein Krankenhaus. Danach dienten die Gebäude der Burg als Wohnraum, die Vorburg teilweise auch für Verwaltungszwecke. Wie andere Burgen wurde auch die Georgenburg während ihrer Nutzung nicht instand gehalten, was zum Verfall und Abriss des Nordflügels und des Turms führte. Dennoch beeindruckte die Georgenburg noch Anfang der 2000er-Jahre neben Waldau durch ihren Erhaltungszustand im Vergleich zu anderen Ordensburgen des Gebiets. 2010 wurde die Burg der Russisch-Orthodoxen Kirche übergeben; kurz bevor die letzten Bewohner auszogen, brach in der Burg ein Brand aus, der einen der beiden erhaltenen Flügel nahezu vollständig zerstörte. Die hier durchgeführten Arbeiten zur „Rekonstruktion“ geben Anlass zu ernster Sorge, dass wir bald auch diese Burg verlieren und stattdessen einen Neubau aus Porenbetonsteinen mit Metalldachziegeln erhalten.

NORKITTEN UND SAALAU

► Russische Föderation, Gebiet Kaliningrad, Rajon Tschernjachowsk, Siedlungen Meschduretschje und Kamenskoje

Koordinaten: 54.625022, 21.524484 und 54.655818, 21.550479

Zustand der Burg Norkitten (2020): Möglicherweise sind Reste der Fundamente aus der Ordenszeit erhalten. Archäologische Ausgrabungen sind erforderlich.

Zustand der Burg Saalau (2020): An den erhaltenen Mauerfragmenten wurde eine Informationstafel aufgestellt.


Das nächste Paar bilden die Burgen Norkitten (Meschduretschje) und Saalau (Kamenskoje). Beide Burgen nahe dem Pregel gehen auf die ersten hölzernen Befestigungen des Ordens zurück, die um 1276 auf den Wällen prußischer Burgen errichtet wurden. Nach der Landesteilung von 1325 verblieb Norkitten im Ordensgebiet, während Saalau dem Bischof zufiel, der es dem Domkapitel übertrug. 1352 begann man, Saalau in Stein umzubauen, doch 1376 wurde es bei einem Einfall der Litauer belagert, eingenommen und niedergebrannt. Die Burg wurde bald wiederaufgebaut. Etwa zur gleichen Zeit, 1381–1382, wurde auch Norkitten in Stein neu errichtet. Da beide Burgen fernab der Hauptereignisse der Kriege von 1409–1411 und 1454–1466 lagen, überstanden sie den Niedergang des Ordens und die Entstehung des weltlichen Herzogtums Preußen recht unbeschadet. Nachdem sie ihre militärische Bedeutung verloren hatten, wurden sie verpachtet. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Norkitten abgerissen und an seiner Stelle ein Gutshaus errichtet, das ebenfalls nicht bis in unsere Tage erhalten ist. Saalau hingegen diente im 19. Jahrhundert der örtlichen Verwaltung als Sitz und wurde für wirtschaftliche Zwecke genutzt. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Burg und fiel den sowjetischen Neusiedlern im Großen und Ganzen intakt, wenn auch mitgenommen und reparaturbedürftig zu. Doch Reparaturen wurden nie durchgeführt; das Gebäude wurde „auf Verschleiß“ genutzt, bis es einzustürzen begann.


Hof der Burg SaalauDer Hof der Burg Saalau.

Bis in die 1990er-Jahre waren der Torturm ohne Dach und Zwischendecken sowie der teilweise zerstörte Mauerring erhalten. Zwischenzeitlich hieß es, eine Privatperson habe die Burg zur Restaurierung erworben, doch bislang hat sich dort nichts verändert.

WALDAU

► Russische Föderation, Gebiet Kaliningrad, Rajon Gurjewsk, Siedlung Nisowje

Koordinaten: 54.700504, 20.742975

Zustand des Objekts (2020): In der Burg befindet sich ein Museum, es werden Restaurierungsarbeiten durchgeführt.


Die Burg Waldau ist einer der am besten erhaltenen Bauten unter den Deutschordensburgen im Gebiet Kaliningrad. Mit ihrem Bau wurde recht spät begonnen – um 1309. Zuvor hatte an der Stelle der Burg oder in ihrer Nähe eine prußische Befestigung bestanden, die der Orden jedoch nicht nutzte. Mit dem Bau der Burg verfolgte man drei Hauptziele: die Einrichtung eines Verwaltungszentrums für das Gebiet, den Schutz Königsbergs im unmittelbaren Vorfeld im Osten vor litauischen Einfällen und die Schaffung eines ersten Etappenstützpunkts, an dem Ordenstruppen auf ihren Zügen nach Litauen Halt machen konnten.


Die Anlage bildete ein Rechteck, von dem nur die Süd- und die Westseite aus Flügeln mit Räumen bestanden, während es im Osten und Norden von einer Wehrmauer abgeschlossen wurde. Es entstand also gewissermaßen die Hälfte eines üblichen vierflügeligen Baus. Darüber hinaus war die Burg selbst zusätzlich von der äußeren Mauer eines Parchams umgeben. Der Pfleger der Burg unterstand dem Komtur in Königsberg.


Modell der Burg Waldau im Museum der Burg WaldauDas Modell der Burg Waldau zeigt, wie stark sie befestigt war.

Während der gesamten Ordenszeit erfüllte die Burg die ihr übertragenen Aufgaben erfolgreich; Nachrichten über eine Einnahme durch die Litauer sind nicht überliefert.

Nach der Säkularisierung des Ordens ging die Burg in den Besitz Herzog Albrechts über und wurde nach seiner zweiten Heirat Herzogin Anna Maria überlassen. Das Verhältnis zwischen Albrecht und Anna Maria war schwierig: Faktisch bestanden zwei Höfe nebeneinander, der des Herzogs und der der Herzogin, und auch der Besitz war weitgehend getrennt. Im Jahr 1550 wurde die Burg Waldau für die Bedürfnisse der Herzogin erstmals grundlegend umgebaut; die Leitung hatte der Baumeister Christoph Römer. Später, 1630, ging die Burg in den Besitz der Familie Dönhoff über, wurde aber schon 20 Jahre danach vom Staat zurückgekauft.


Der nächste Umbau der Burg erfolgte im Jahr 1700 unter Kurfürst Friedrich III., der wenig später als Friedrich I. König wurde. Die Parchammauern wurden abgetragen und die inneren Mauern ihrer Wehrelemente beraubt. Dafür kamen Wirtschafts- und Diensträume hinzu, die für die Verwaltungsaufgaben benötigt wurden. Ab 1720 wurde die Burg samt den umliegenden Ländereien verpachtet. Doch 1858 diente Waldau wieder staatlichen Zwecken: In der Burg wurde eine landwirtschaftliche Akademie eröffnet, ab 1870 ein Seminar zur Ausbildung von Lehrern für Landschulen. Im Zuge dieser Nutzung wurden die Reste der Wehrtürme zerstört, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte sich die Burg in der Gestalt, in der sie bis heute besteht: Erhalten sind der Süd- und der Westflügel, die durch ein kurzes Stück Wehrmauer miteinander verbunden sind.


Nach dem Krieg war ab 1947 in Waldau, das in Nisowje umbenannt worden war, eine landwirtschaftliche Berufsschule (SPTU) untergebracht, die Facharbeiter für die Landwirtschaft ausbildete. In der Burg selbst befanden sich ein Wohnheim für die Schüler und einige Verwaltungsräume der Schule. So bestand die Burg bis 2009, als die Berufsschule (die später mit dem modischen Wort „College“ bezeichnet wurde) geschlossen wurde. Im Jahr 2010 wurde die Burg Waldau unter dem konstruierten Vorwand, es handle sich angeblich um ehemaligen Kirchenbesitz, der Russischen Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) übergeben. 2013 sanierte die Familie des ehemaligen Lehrers der Berufsschule Andrej Iwanowitsch Barinow die Keller des Westflügels, und später wurde in diesem Flügel ein heimatkundliches Museum eingerichtet. Noch bis 2014 lebte jedoch in der Burg ohne die elementarsten Annehmlichkeiten die Familie des Schulwächters mit einem minderjährigen Enkel; um ihre Umsiedlung in eine normale Wohnung bemühte sich unter anderem auch der Autor dieses Beitrags. 2016 nahm sich die Familie Sorokin der Wiederherstellung des anderen Flügels der Burg Waldau an und erhielt für ihr Programm zur Wiederbelebung der Burg einen Präsidentenzuschuss. So steht die Burg heute unter Obhut, und in beiden Flügeln arbeiten Museen, die bei Touristen beliebt sind.

TAPIAU

► Russische Föderation, Gebiet Kaliningrad, Stadt Gwardeisk

Koordinaten: 54.644920, 21.073958

Zustand des Objekts (2020): Die Burg wird vom russischen Strafvollzugsdienst (FSIN) genutzt.


Zum ersten Mal erschienen die Ritter des Deutschen Ordens in der Umgebung von Tapiau während der Niederschlagung des zweiten Prußenaufstands im Jahr 1265. Damals gründeten die Ordensbrüder an der Stelle der prußischen Siedlung Tapiom eine hölzerne Burg. Es gibt Gründe für die Annahme, dass sie an der Stelle einer alten Wallbefestigung der Ureinwohner errichtet wurde. Der Ort selbst bot sich für den Bau einer Burg an: Sie sollte eine Art Vorposten auf dem Weg von Nadrauen nach Königsberg bilden. Außerdem kontrollierte die neue Befestigung zwei der wichtigsten Wasserwege – den Pregel und die Deime. Nach der endgültigen Niederschlagung des Prußenaufstands im Jahr 1272 gründeten Kolonisten unter den Mauern der Burg eine Siedlung.

Im Jahr 1275 wurde die Burg von den Litauern belagert und bestürmt. Trotz einiger Erfolge gelang es ihnen nicht, sie einzunehmen. Natürlich wurde die Umgebung verwüstet und die Siedlung bei der Burg niedergebrannt. Offenbar zeigte diese Belagerung, dass der Standort der Burg schlecht gewählt war. Deshalb wurde die Burg 1280 auf eine von drei Seiten von Wasser umgebene Halbinsel verlegt.

Tapiau



Nachdem der Burggraben angelegt worden war, war die Burg nur noch über eine Zugbrücke mit dem Land verbunden. Ebenfalls 1280 wurde Tapiow Sitz einer Komturei und blieb es bis 1301. Der Name des ersten Komturs von Tapiow ist bekannt – Ulrich Bavarus. Ein Jahr später, 1281, fiel er im Kampf gegen den Stamm der Sudauer. Als sich mit dem Beginn der Feldzüge gegen Litauen das Gebiet der militärischen Operationen des Ordens weit nach Osten verlagerte, wurde die Komturei Tapiau zunächst nach Insterburg (Tschernjachowsk) und dann noch näher an die gedachte Frontlinie – nach Ragnit (Neman) – verlegt. Eine Komturei in Tapiau beizubehalten, hielten die Ordensritter für einen unnötigen Luxus, und die Burg Tapiau wurde der Komturei Königsberg zugeordnet.


Nach der Verlegung des Ordenssitzes nach Marienburg (Malbork, Polen) im Jahr 1309 nahm der Staat des Deutschen Ordens auf den preußischen Gebieten endgültig Gestalt an. Dieser Umstand sowie die ständigen Überfälle litauischer Stämme förderten den Bau neuer Burgen aus Stein und den steinernen Umbau der alten. Nach 1340 erfasste der Umbau auch die Burg Tapiow. Zur selben Zeit wurde der Kanal mit Schleusen zwischen Tapiow und Labiow (Polessk) angelegt, der dem Transport auf dem Wasserweg innerhalb des Ordensstaates diente. Abgeschlossen wurden die Bauarbeiten an der Burg unter der Leitung des Ordensmarschalls Siegfried von Dahenfeld in den 1350er-Jahren. Das Ergebnis war eine klassische vierflügelige Anlage in Form eines geschlossenen Rechtecks von 48 × 46 m. Eine Besonderheit der Burg war das Fehlen von Türmen am Haupthaus. Stattdessen sprang zur Verbesserung der Verteidigungsfähigkeit der mit Schießscharten versehene Giebel jedes Flügels leicht über den Umriss des Vierecks hinaus und bildete so eine Art Halbkaponniere. Die Burg besaß außerdem eine ausgedehnte Vorburg in Form eines lang gestreckten Rechtecks. Am gegenüberliegenden Flussufer entstand eine neue Siedlung, die das Stadtrecht allerdings erst sehr viel später erhielt.

Im Jahr 1382 empfing der litauische Großfürst Witold in der Burgkapelle von Tapiow die katholische Taufe. Er hoffte auf die Hilfe des Deutschen Ordens im Kampf um die Macht in Litauen und war deshalb zu solchen Formalitäten bereit. Übrigens ließ sich Witold insgesamt dreimal taufen, einmal davon nach orthodoxem Ritus.

Etwa ab 1450 wurde Tapiom-Tapiow Tapiau genannt. Während des Dreizehnjährigen Krieges (1454–1466) zwischen dem Orden und dem Preußischen Bund der Städte wurde die Burg vom Heer des Preußischen Bundes eingenommen, im folgenden Jahr jedoch von den Anhängern des Deutschen Ordens zurückerobert. Nach der Niederlage des Ordens in diesem Krieg und dem Verlust der bisherigen Hauptstadt brachte man das Archiv des Deutschen Ordens aus Marienburg in die Burg Tapiau. Es blieb dort bis 1722. Im Jahr 1474 wurde der Bischof von Samland, Dietrich von Cuba, der sich abfällig über den Hochmeister Heinrich von Richtenberg geäußert hatte, im Verlies der Burg eingekerkert, um dort zu verhungern. Seitdem haftete der Burg ein übler Ruf an.


TapiauAquarell „Die königliche Kutsche setzt bei Tapiau über den Pregel“.

Die Bedeutung der Burg Tapiau stieg unter Herzog Albrecht von Brandenburg erheblich. Er machte sie zu seiner Residenz; außerdem war in der Burg die Verwaltung des Hauptamts Tapiau untergebracht.

Dafür ließ Albrecht die Burg umfassend umbauen, wie es dem Rang eines weltlichen Herrschers entsprach. In seinen letzten Lebensjahren hielt sich Albrecht häufig in Tapiau auf. Hier starb er auch 1568 und wurde in der Burg beigesetzt; später wurden seine sterblichen Überreste jedoch in die Gruft des Königsberger Doms überführt.


Nach Albrechts Tod diente die allmählich verfallende Burg als Verwaltungszentrum, in dem verschiedene Organe der örtlichen Obrigkeit untergebracht waren. 1786 wurde sie zu einem Armenhaus umgebaut. Ab 1793 nahm die Burg Tapiau Bedürftige, Bettler und arme Kranke auf. Beim Umbau wurden drei der vier Flügel abgerissen; stattdessen entstand auf dem Gelände ein weiteres Gebäude für die Anstalt.


1879 wurde die Burg beim Umbau zum Gefängnis um zwei Stockwerke aufgestockt. Im obersten befand sich eine Kirche. 1902 wurde auf dem Gelände der ehemaligen Vorburg ein neugotisches Backsteingebäude mit Giebeln und einem Türmchen errichtet – eben jenes, das manche Fremdenführer heute als die eigentliche Ordensburg ausgeben.

Nachdem Tapiau 1945 von Einheiten der Roten Armee eingenommen worden war, beschloss die neue Staatsmacht, die Nutzung des Gebäudes nicht zu ändern, und so wurde in der Burg erneut ein Gefängnis eingerichtet, diesmal ein sowjetisches. In dieser Form hat die Burg bis in unsere Zeit überdauert. Der Status der Strafvollzugsanstalt änderte sich mehrmals, am Wesen der Einrichtung jedoch nichts.

Seit zehn Jahren wird regelmäßig die Frage aufgeworfen, das Gefängnis in eine lokale Sehenswürdigkeit umzuwandeln, die Touristen anzieht. Die wenigen Forscher, die das Sperrgelände betreten durften, berichten, dass einer der Flügel der Ordensburg sowie die alten Keller eines weiteren erhalten geblieben sind. Zweifellos wird die Burg, die so lange unzugänglich war, für Geschichtsinteressierte und Touristen von Interesse sein, doch die Verlegung der Strafanstalt an einen neuen Standort wird mit beneidenswerter Beständigkeit aus verschiedenen Gründen auf unbestimmte Zeit verschoben.

FISCHHAUSEN

► Russische Föderation, Gebiet Kaliningrad, Rajon Baltijsk, Stadt Primorsk

Koordinaten: 54.727758, 20.009164

Zustand des Objekts: Mauerreste sind erhalten, möglicherweise gibt es verschüttete Keller.


Die Burg Fischhausen wurde 1264 als Residenz des samländischen Bischofs angelegt, da das Land um das heutige Primorsk durch den Teilungsvertrag und anschließende Gebietstausche in den Besitz des Bischofs übergegangen war. Die hölzerne Burg, die den Namen Schönewik erhielt, war noch nicht fertiggestellt, als aufständische Prußen vor ihren Mauern erschienen. Der Legende nach befanden sich in der Burg nur ein einziger Ritter mit seinem Knecht, und das Burgtor ließ sich von außen öffnen, doch eine unbekannte Macht blendete die Prußen, und sie ließen von der Einnahme Schöneweks ab. Damit war das Glück, das Fischhausen in seiner Geschichte zuteilwurde, allerdings auch schon aufgebraucht.


Nach der Niederschlagung des Prußenaufstands wurde das Gebiet dem Orden zur Nutzung überlassen, in der Erwartung, dass dieser hier eine steinerne Befestigung errichten würde. Das genaue Datum des Baus der Backsteinburg ist unbekannt, doch begann er aller Wahrscheinlichkeit nach in den Jahren 1280–1285. Es entstand eine „vollständige“ vierflügelige Burg mit ausgedehnter Vorburg und Wassergräben. Auf Betreiben des samländischen Bischofs wurde an den Mauern der Burg die Siedlung Bischofshausen (wörtlich „Bischofshäuser“) gegründet, die am 19. August 1305 das Stadtrecht erhielt. Der Name Bischofshausen wandelte sich bis zum 15. Jahrhundert allmählich zu Fischhausen.


Fischhausen

Ursprünglich lag die Burg äußerst günstig, denn das Tief zwischen dem Festland und der heutigen Frischen Nehrung befand sich damals genau gegenüber, sodass die Handelsschiffe an ihr vorbeifuhren. Auch der Status der Burg als Bischofsresidenz wirkte sich vorteilhaft auf die Entwicklung der Stadt und des Umlands aus. Zudem wurde die Burg nie von den Litauern angegriffen, da sie tief im Hinterland lag, im Schutz von Königsberg.

Später jedoch versandete das alte Tief, und das neue entstand dort, wo es sich heute befindet, wodurch Fischhausen schlagartig seine strategische Bedeutung verlor. Nach dem Großen Krieg von 1409–1411 und der Niederlage in der Schlacht bei Tannenberg wurden den Bürgern von Fischhausen wie auch anderen Städtern hohe Steuern auferlegt, um Schulden und Kontributionen zu begleichen. Hinzu kam 1416 die Pest, die viele Einwohner dahinraffte, darunter auch den Bischof Heinrich IV. von Schauenburg selbst. Neues Unheil brachte der Burg der Dreizehnjährige Krieg (1454–1466). Bischof Nikolaus II. von Schöneck glaubte zunächst, das Bistum Samland sei unter der polnischen Krone besser aufgehoben, und schloss sich daher dem Preußischen Bund an. Doch eine vor die Mauern Fischhausens entsandte Ordensabteilung unter Hans von Gleichen zwang Bischof Nikolaus, dem Orden den Treueid zu leisten, der daraufhin eine kleine Besatzung zum Schutz der Burg abstellte. Hatte Fischhausen hundert Jahre zuvor noch tief im Hinterland gelegen, so befand es sich nun an vorderster Front, denn die entschiedensten Gegner des Deutschen Ordens saßen in Elbing und Danzig. Eine Danziger Abteilung ging 1456 bei Fischhausen von den Schiffen an Land, überfiel die Stadt, plünderte sie und brannte sie nieder. Ihre Kräfte reichten nicht aus, um die Burg zu erstürmen, wohl aber, um die Besatzung darin einzuschließen und das Umland zu verwüsten. Und obwohl die Angreifer bald darauf bei Lochstädt geschlagen wurden, hatten sie ihre Beute bereits auf die Schiffe gebracht. Vier Jahre später, 1462, während die Hauptkräfte des Ordens Frauenburg (Frombork) belagerten, landete ein gemischtes Aufgebot aus Polen sowie Elbinger und Danziger Bürgern für die Ordensritter völlig überraschend erneut bei Fischhausen, nahm die Stadt ein, plünderte sie und brannte sie bis auf die Grundmauern nieder. Die Burg hielt abermals stand, doch nach Kriegsende waren die umliegenden Gebiete vollständig verwüstet.


Nach der Säkularisation des Ordens legte der samländische Bischof Georg von Polentz sein Amt nieder und übergab den Kirchenbesitz dem Herzog. Die bischöfliche Residenz, die Burg Fischhausen, wurde für Verwaltungszwecke umgenutzt: Hier waren die Verwaltung des Hauptamts (Bezirks) sowie das Bernstein- und das Strandgericht untergebracht. Mindestens dreimal noch trat die Burg in der Geschichte hervor: 1526 heiratete Herzog Albrecht in der Burgkapelle Dorothea von Dänemark, und ab 1567 zog Albrechts geisteskranker Sohn und Thronfolger Albrecht Friedrich hierher. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1618 in der Burg. Schließlich fanden 1629 in der Burg Fischhausen Verhandlungen zwischen dem schwedischen König Gustav II. Adolf und dem Kurfürsten Georg Wilhelm statt. Sie endeten zur allseitigen Zufriedenheit mit der Unterzeichnung eines Vertrags, nach dem Preußen im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) eine bewaffnete Neutralität wahrte.


Fischhausen

Zur selben Zeit wurden um die militärisch bedeutungslos gewordene Burg Fischhausen Erdwälle mit Bastionen angelegt, die sie in ein kleines Fort verwandelten, in dem das alte Ordensgebäude als Zitadelle diente.

Doch gerade zu dieser Zeit begann die Burg selbst rasch zu verfallen. Einige Bauarbeiten wurden zwar ausgeführt, etwa Teile des Daches erneuert, zumal Angehörige des regierenden Hauses Hohenzollern auf der Jagd häufig in der Burg abstiegen. Dennoch begann auf Anordnung König Friedrichs I. zu Beginn des 18. Jahrhunderts der Abbruch der Burggebäude; das Abbruchmaterial wurde zur Befestigung der Festung Pillau und der Ufer ihrer Wassergräben verwendet. So teilte Fischhausen das Schicksal der Burg Balga. Von der Burg blieben nur der Uhrturm und der Südflügel oder lediglich ein Teil davon übrig. Der Turm brannte 1776 nach einem Blitzschlag aus und stürzte danach ein. Im 19. Jahrhundert wurden auf dem Burggelände neue Gebäude als Wohnsitz des Pächters errichtet, während der erhaltene Südflügel als Wirtschaftsgebäude und zur Unterbringung von Arbeitern diente. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts standen diese Bauten als Geschichtsdenkmäler unter Schutz. Den Schlusspunkt in der Geschichte der Burg Fischhausen setzte der Zweite Weltkrieg. Die Burg lag in der Hauptstoßrichtung der Verbände der 3. Weißrussischen Front bei der Offensive auf das Samland im April 1945. Die Burggebäude gerieten unter schweren Beschuss, nach dem vom Südflügel nur noch formlose Trümmer übrig waren. Nach 1945 wurde die Burg noch ein wenig „durchwühlt“, um Ziegel zu gewinnen und nach sagenhaften Schätzen zu suchen. Heute ist von ihr nur die Ruine einer Flügelmauer von bis zu anderthalb Geschossen Höhe erhalten. Durchaus möglich, dass sich unter den Bergen von Bauschutt und Hausmüll noch unversehrte Keller befinden.

DREI KOMTURSBURGEN

RAGNIT

► Russische Föderation, Gebiet Kaliningrad, Stadt Neman

Koordinaten: 55.039007, 22.029886

Zustand des Objekts (2020): Die Zitadelle mit ihren Kellern ist erhalten. Die Burg wird von einem örtlichen Unternehmer wiederhergestellt, es finden Führungen statt.


Ist von der Burg Ragnit die Rede, insbesondere im Zusammenhang mit den historischen Ereignissen, die sich um sie abspielten, sollte man stets klarstellen, um welche Burg es eigentlich geht. Im Grunde gab es nämlich zwei. Und beide erfüllten ihre Bestimmung mit Ehre. Anders als bei anderen Burgen, die zunächst kurze Zeit aus Holz bestanden und später in Stein neu errichtet wurden, handelt es sich hier tatsächlich um verschiedene Burgen an verschiedenen Orten.


Die erste von ihnen entstand bereits zu der Zeit, als der Orden die Unterwerfung der prußischen Stämme gerade abgeschlossen hatte. Die Schar des Vogtes Dietrich von Liedelau, nach dem der älteste bis ins 20. Jh. erhaltene Turm des Königsberger Schlosses benannt wurde, drang 1277 über das Haff und den Memelstrom (Neman) in schamaitische (litauische) Gebiete vor und griff an dessen Ufer die prußische Burg Raganita an. Nach Belagerung und Erstürmung wurde die Burg eingenommen und niedergebrannt. 1289 wurde an der Stelle von Raganita eine Holz-Erde-Befestigung errichtet, die den Namen Landeshut erhielt. Später nannte man sie in Erinnerung an die Burg der Prußen Ragnit. Allem Anschein nach entstanden dort etwas später auch Backsteinbauten.


Ragnit

Diese Burg war ursprünglich zur Verwaltung der sie umgebenden Landschaft Schalauen bestimmt. Da jedoch auf die Unterwerfung Preußens der Vorstoß gegen Litauen folgte, änderte sich ihre Rolle etwas – Ragnit wurde nun zum Vorposten, zum Sammelpunkt der Ritterscharen bei den Kriegszügen nach Litauen.

Die Burg Ragnit selbst wurde zum Mittelpunkt eines ganzen Befestigungssystems, das die Deutschordensritter zum Schutz der Memelufer tatkräftig errichteten, denn die Antwort der Litauer ließ nicht lange auf sich warten, und ihre Einfälle in die preußischen Lande wurden zur Regel. Aus heutiger Sicht war die Lage ein Patt: Dem Orden fehlte es offenkundig an Kräften, um die Litauer in offener militärischer Konfrontation zu schlagen. Eine erfolgreiche Politik der Spaltung des litauischen Volkes, wie man sie in Preußen betrieben hatte, verhinderte wiederum der Umstand, dass Litauen bereits in das Stadium frühfeudaler Verhältnisse eingetreten war und die litauischen Stämme daher unter fürstlicher Herrschaft vereint waren. Doch auch die litauischen Einfälle hatten nur Erfolg, wenn sie den Überraschungseffekt nutzen konnten. Ein Zusammentreffen mit dem geordneten Ordensheer auf dessen eigenem Gebiet verhieß ihnen dagegen nichts Gutes, wie die Schlacht bei Rudau 1370 zeigte. Dennoch brachten solche litauischen Vorstöße der Ordenswirtschaft schwere Verluste. Deshalb unterhielt der Orden auf seinem vorgeschobenen Posten in der Burg Ragnit eine ständige, starke Besatzung von 40 Rittern und etwa hundert Knechten, die regelmäßig durch gemischte Aufgebote aus Deutschordensrittern und Ordensgästen verstärkt wurde, die zu Angriffen auf litauisches Gebiet in Ragnit eintrafen. Dreimal, 1290, 1295 und 1315, war die Burg großen Angriffen ausgesetzt, wurde jedoch kein einziges Mal eingenommen, obwohl die Umgebung aufs Grausamste verwüstet wurde.


In der Folgezeit zwangen jedoch das Erstarken Litauens und seine Vereinigung mit Polen durch die Union von Krewo 1385 den Orden, seinen Vorposten an der Memel erheblich zu verstärken. Zumal die in Schalauen errichteten kleinen Burgen regelmäßig von den Litauern erobert und niedergebrannt wurden – ihnen musste also eine sehr mächtige Festung entgegentreten, und als eine solche wurde die neue Burg Ragnit geplant. An der alten Stelle ließ sie sich jedoch nicht wesentlich erweitern und verstärken. Daher beschloss man, eine neue Burg weiter stromabwärts an der Memel zu bauen, zwei Kilometer von der alten entfernt. Dieser Bau ist in den Ordensakten genau dokumentiert, die im Einzelnen angeben, wie viel Geld, Material und Verpflegung für die Arbeiter aufgewendet wurde, wie viele Menschen bei den Arbeiten beschäftigt waren usw. So ist bekannt, dass am Bau der Burg Ragnit gleichzeitig 30 Maurermeister (mit Gehilfen und Gesellen) arbeiteten und für die Hilfsarbeiten 1200 Einheimische eingesetzt wurden. Die Mauern der Burg wurden fünf Jahre lang errichtet – von 1397 bis 1402, danach folgten noch Dach- und Ausbauarbeiten. Für die Verglasung der Burgfenster wurden zweieinhalb Tonnen weißes und farbiges Glas verbraucht. Die Burg selbst, aus vier im Quadrat angeordneten Flügeln bestehend, konnte sich mit ihren Ausmaßen von 59x59 Metern nur mit der Marienburg vor deren Umbau messen. Die Mauern waren drei Meter dick, die Burg war von einem bis zu vier Meter tiefen und bis zu 12 Meter breiten Graben umgeben. Den neuen Entwicklungen im Kriegswesen entsprechend war Ragnit recht gut mit Feuerwaffen ausgestattet: 1407 verfügte die Burg über 11 Geschütze verschiedener Kaliber und 18 Schrotbüchsen. Noch vor dem Großen Krieg von 1409–1411 gelang es, an der Westseite der Burg eine Vorburg mit einem großen runden Turm und einem schmalen, hohen „Wachturm“ zu errichten. Letzterer diente vermutlich zur Beobachtung des Geländes rings um die Burg.


RagnitBurg Ragnit aus der Vogelperspektive in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Hauptereignisse des Großen Krieges spielten sich fern von Ragnit ab, der Dreizehnjährige Krieg (1454–1466) streifte es dagegen ein wenig – mit Beginn der Kampfhandlungen nahmen Anhänger des Preußischen Bundes die Burg ein, doch bald gelang es den Deutschordensrittern, sie zurückzugewinnen.

Nach der Säkularisierung des Ordens wurde Ragnit im Zuge der herzoglichen Verwaltungsreform Sitz eines großen Amtes, das praktisch den gesamten Nordosten des heutigen Gebiets Kaliningrad umfasste. Bei der Burg wuchs eine Siedlung heran, die 1722 das Stadtrecht erhielt. Zu Beginn des 19. Jh. beschloss man, das riesige Burggebäude als Gefängnis und Gerichtsgebäude zu nutzen, was einen umfassenden Umbau nach sich zog. Die Gewölbedecken des Obergeschosses gingen verloren und wurden durch gewöhnliche Decken ersetzt, in der Burg wurden neue Türen durchgebrochen, Fenster umgestaltet, Innenwände abgerissen und Treppenläufe eingebaut. 1828 kam es in der Burg zu einem großen Brand, nach dem sie mit noch stärkeren Veränderungen wiederaufgebaut wurde. Die Vorburg wurde abgetragen und mit Gebäuden überbaut, von ihr blieb nur der „Wachturm“ erhalten. In diesem Zustand überdauerte das Burggebäude bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs.


Nach 1945 fiel die Burg Ragnit unversehrt an die UdSSR, bedurfte jedoch der Pflege und Instandsetzung. Der Burghof wurde als Markt genutzt, die Räume des Erdgeschosses als Lager. Niemand hatte vor, irgendetwas zu reparieren, die erbeutete Trophäe wurde schonungslos ausgebeutet. Bis 1955 war die Burg bereits baufällig, das Dach fehlte fast überall, die oberen Geschosse begannen einzustürzen. Als in der Burg Ragnit die Dreharbeiten zum Film „Zwanzig Tage ohne Krieg“ (1976) begannen, war die alte Zitadelle bereits stark zur Ruine verfallen, was auf den Filmaufnahmen zu erkennen ist. Die Sprengung einer inneren Burgmauer während der Dreharbeiten vergrößerte die Zerstörungen jedoch erheblich und lässt sich kaum mit der künstlerischen Absicht des Regisseurs rechtfertigen. Danach diente die Burg Ragnit, die im Grunde die wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt Neman blieb, zugleich als Trägerkonstruktion für eine Fernwärmeleitung, als Baustoffquelle, als Ort für wilde Müllablagerung und als Treffpunkt für Jugendliche. Es gab zaghafte Versuche, die Ruinen zu räumen und zu sichern. Später wurden Fenster und Tore mit Gittern und Türen versehen, doch das hielt nur den kultiviertesten Teil der Bevölkerung vom Betreten der Burg ab. Schließlich wurden 2020 von einem Unternehmer, der die Burg Ragnit von ihrer heutigen Eigentümerin – der Russisch-Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) – gepachtet hat, mit Hilfe von Freiwilligen die umfangreichsten Arbeiten der gesamten Nachkriegsgeschichte durchgeführt, um die Burg in ein allgemein zugängliches Touristenziel zu verwandeln. Inzwischen ist der Burghof gepflastert, die Räumung der Keller wird fortgesetzt, neue Tore wurden eingesetzt, und jede Woche finden freiwillige Arbeitseinsätze statt, zu denen sich Enthusiasten aus der örtlichen Bevölkerung einfinden, denen sich häufig Freiwillige aus anderen Städten des Gebiets, angefangen mit Kaliningrad, anschließen. Bis zum Abschluss der Arbeiten ist es noch ein weiter Weg, doch ihr flottes Tempo macht Hoffnung. Aber selbst in ihrem jetzigen Zustand ist die Burg für Liebhaber des historischen Tourismus zweifellos einen Besuch wert, zumal dort bereits Führungen stattfinden. Wenn es in unserem Gebiet überhaupt etwas „echt Deutschordensritterliches“ gibt, dann sind es natürlich die Ruinen der Burg Ragnit.


Burg Ragnit im Netz:

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Ausschnitte aus Filmen, die in der Burg gedreht wurden, finden sich auf einem YouTube-Kanal.

BRANDENBURG

► RF, Gebiet Kaliningrad, Kreis Gurjewsk, Siedlung Uschakowo

Koordinaten: 54.613867, 20.248551

Zustand des Objekts (2020): Die Burg wird unter der Schirmherrschaft der Russisch-Orthodoxen Kirche wiederaufgebaut, es finden historische Reenactments statt.


Die Burg Brandenburg wurde 1266, während des zweiten Prußenaufstands, von Markgraf Otto III. von Brandenburg gegründet, der dem Orden zu Hilfe gekommen war; ihm zu Ehren erhielt sie auch ihren Namen. Obwohl sie zunächst noch aus Erde und Holz errichtet wurde, war sie von Anfang an als Sitz eines Komturs vorgesehen. Sie lag am Ufer des heutigen Frischen Haffs (Kaliningrader Bucht) an der Mündung des Flusses Frisching (Prochladnaja) und sollte, zwischen den bereits bestehenden Komtursburgen Königsberg und Balga gelegen, deren Verbindung stärken. Erster Komtur von Brandenburg wurde der amtierende Ordensmarschall Friedrich von Holdenstete. Während des Prußenaufstands zog er mit einer Abteilung aus der Burg in Richtung der von den Prußen niedergebrannten Burg Kreuzburg (Slawskoje). Zur gleichen Zeit floh eine prußische Gefangene aus Brandenburg und meldete dem Anführer der aufständischen Natanger, Glappo, dass in der Burg nur eine kleine Besatzung zurückgeblieben sei. Die Prußen griffen die hölzerne Burg an und erschlugen fast die gesamte Besatzung, nur wenigen gelang es, sich im Turm in Sicherheit zu bringen. Holdenstete erfuhr von dem Überfall, erhielt auf dem Weg nach Brandenburg Verstärkung in Königsberg und schlug die Prußen mit vereinten Kräften, wobei er die im Turm Belagerten befreite. Dennoch wurde die Burg bald darauf erneut von den Prußen angegriffen und niedergebrannt. Aller Wahrscheinlichkeit nach geschah dies 1267 oder 1269. Unmittelbar danach landete Markgraf Otto III. von Brandenburg abermals in Preußen und ließ die Burg wiederaufbauen. Nach dem Ende des Prußenaufstands begann dann der Umbau der Burg in Stein. Die neu errichtete Burg war eine „vollwertige“ vierflügelige Anlage in Form eines Rechtecks von 65 x 52 m mit einem geräumigen Hof. Im Südwesten schloss sich eine ausgedehnte Vorburg an, die durch einen Graben von der Burg getrennt war. Die Vorburg bestand aus zwei großen, unmittelbar aneinandergebauten Gebäuden und einer Wehrmauer, die das Viereck an den beiden übrigen Seiten schloss. In der Vorburg gab es mehrere Türme unterschiedlicher Größe. Die Burg selbst verfügte über alle für eine Komtursburg typischen Räume: den Remter (Speisesaal), die Firmarie, in der betagte Ordensbrüder ihre letzten Tage verbrachten, den Konventssaal, die Burgkapelle und den Dansker (Abort). In den Erdgeschossen befanden sich die Wirtschaftsräume.


Brandenburg

Wie es sich für eine Komtursburg gehörte, spielte Brandenburg im Ordensstaat eine wichtige militärische, wirtschaftliche und politische Rolle. Sein Komtur in den Jahren 1370–80, Günther von Hohenstein, tat sich auf diplomatischem Gebiet hervor, während ein anderer Komtur von Brandenburg, Markward von Salzbach, in der Schlacht bei Tannenberg in Gefangenschaft geriet und von Fürst Witold hingerichtet wurde.

Komture von Brandenburg bekleideten später wiederholt hohe Ämter im Orden. So wurden Meinhard von Querfurt (Komtur 1284–88) und Ludwig von Schippen (Komtur 1290–91) Landmeister von Preußen, während Heinrich Dusemer von Arfberg (Komtur 1334–35) und Johann von Tiefen (Komtur 1480–89) das Amt des Hochmeisters erlangten.


Im Dreizehnjährigen Krieg (1454–66) wurde Brandenburg gleich zu Beginn der Kampfhandlungen von den städtischen Truppen des Kneiphofs eingenommen, der sich dem Preußischen Bund angeschlossen hatte. Die Aufständischen nutzten die vorübergehende Abwesenheit des Komturs und einer starken Besatzung. Doch schon 1455 wurde Brandenburg kampflos von einer Abteilung des Elbinger Komturs Heinrich Reuß von Plauen zurückerobert. Ganz am Ende dieses Krieges wurde die Burg von Schiffen der Stadt Danzig vom Meer aus mit Artillerie beschossen. In der Vorburg brach ein Brand aus, die Burg selbst zu stürmen wagte der Gegner jedoch nicht. Die vom Krieg verwüstete Umgebung brachte die Komturei Brandenburg in eine schwierige finanzielle Lage. Und kaum hatte sich das Leben in der Komturei wieder zu normalisieren begonnen, brach 1520–21 ein neuer Krieg aus, der als Reiterkrieg bekannt ist. Seine Ursache war das Bestreben des Hochmeisters Albrecht von Brandenburg, sich der Leistung des Lehnseids gegenüber dem polnischen König zu entziehen. In der Gegend um Brandenburg kam es zu heftigen Kämpfen. Die Burg wurde 1520 zweimal von den Polen eingenommen; beim ersten Mal beschossen sie die Burg nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst mit Artillerie und schlugen an der Stelle, an der die beiden Gebäude der Vorburg aneinanderstießen, eine Bresche, woraufhin die Besatzung zu ehrenvollen Bedingungen kapitulierte und die Burg mit Waffen und entrollten Fahnen verließ. Bei der zweiten Einnahme brach in der Burg ein schwerer Brand aus.


Nach Kriegsende wurde die Burg, wenn auch nicht vollständig, wiederhergestellt. Im Herzogtum Preußen wurde sie (wie viele andere Burgen) für mehr als 200 Jahre zum Verwaltungssitz eines Amtes. Im Laufe der Nutzung verfielen die Gebäude, notwendige Reparaturen blieben aus. Allerdings befand sich Brandenburg 1629, als der Hof des Kurfürsten Georg Wilhelm auf der Flucht vor einer Pestepidemie hierher übersiedelte, noch in gutem Zustand, und in den 1650er-Jahren lebte hier die Gemahlin des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Doch bereits in den 1750er-Jahren begann der Abriss des Hauptgebäudes der Burg, von dem zu Beginn des 19. Jh. nur noch die Fundamente übrig waren. Die Gebäude der Vorburg blieben erhalten und wurden in eine verpachtete Staatsdomäne umgewandelt. Am 5. Januar 1813 machte in der Burg das zurückweichende französische X. Armeekorps unter Macdonald Halt, verfolgt von einer Abteilung unter Hans Karl von Diebitsch-Sabalkanski, der Verstärkung abwartete und die Franzosen aus Brandenburg vertrieb.


Brandenburg

Die beiden Gebäude der Vorburg von Brandenburg überdauerten wohlbehalten bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, gerieten jedoch im März 1945 in das Gebiet heftiger Kämpfe und wurden schwer beschädigt. Dennoch lebten ab 1946 im Südflügel der Vorburg sowjetische Neusiedler.

Dieses Gebäude diente etwa bis Anfang der 1980er-Jahre als Wohnraum, bis es mangels Instandhaltung unbewohnbar wurde. In den 1990er-Jahren entstand ein Projekt, die Vorburg zu einem Hotelkomplex umzubauen, doch alles endete mit noch größeren Zerstörungen: Nun fehlte das Dach vollständig, ein Teil der Mauern wurde zur Ziegelgewinnung abgetragen. In diesem Zustand bestand die Vorburg bis 2015, als ein weiterer Versuch unternommen wurde, die Gebäude freizuräumen und wiederherzustellen. Die Arbeiten wurden jedoch ohne ein wissenschaftliches Restaurierungskonzept durchgeführt (für das die bereitgestellten Mittel kaum ausgereicht hätten) und erfolgten insgesamt sporadisch und planlos. Immerhin wurde bis 2020 der Hof von Wildwuchs und Müll befreit, der Zugang zu den Gebäuden des Westflügels gesperrt, eine elementare Konservierung durchgeführt und am Südflügel ein Teil des Mauerwerks wiederhergestellt. Vorliegenden Berichten zufolge waren die bereitgestellten Mittel damit erschöpft.

LOCHSTEDT

► Russland, Gebiet Kaliningrad, Stadt Baltijsk

Koordinaten: 54.707284, 19.952261

Zustand des Objekts: Erhalten sind Reste der Fundamentmauern.


Der Bau der Burg Lochstedt begann 1270, als die Ländereien in der Gegend des heutigen Primorsk vom samländischen Bischof eingetauscht wurden und in den Besitz des Ordens übergingen. Ursprünglich handelte es sich um eine Wallbefestigung, möglicherweise mit hölzernen Bauten. Erst nach dem Abschluss der Unterwerfung der Prußen, vermutlich um 1290, begann die Errichtung einer steinernen Burg. Die Burg wurde von Anfang an als Komtursburg angelegt, obwohl ihr erster Komtur erst 1305 erwähnt wird. Das Hauptgebäude von Lochstedt war mit 53 x 47 m kleiner als etwa das von Brandenburg, doch handelte es sich ebenfalls um eine vierflügelige Burg, wie es sich für eine Komtursburg gehörte.


Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass der vierte Flügel beim ursprünglichen Bau nicht mehr fertiggestellt und erst im 14. Jh. errichtet wurde. Neben diesen vier Flügeln besaß die Burg einen sehr mächtigen Turm, dessen Mauern am Fuß fünf Meter dick waren. Außerdem verfügte die Burg über einen klassischen Dansker in Form eines vorgeschobenen Turms, der über dem Haff stand. Im Osten schloss sich an die Burg eine langgestreckte rechteckige Vorburg an, die aus drei Gebäuden bestand; darin befanden sich Unterkünfte für Soldaten und Bedienstete sowie Lagerräume. In der Burg selbst dienten die Keller als Gefängnis, im Erdgeschoss lagen Diensträume, die Küche, der Heizraum, die Rüstkammer sowie allerlei Lager. Im ersten Obergeschoss befanden sich die Wohnräume, der Remter und der Konventssaal. Im Südflügel, in dessen östlichem Teil, wurde die Burgkapelle errichtet.


Lochstädt auf einer mittelalterlichen Karte

Die Burg Lochstädt wurde nicht zufällig an dieser Stelle errichtet. Bis einschließlich zum 13. Jahrhundert befand sich nämlich genau hier die Meerenge, die das heutige Kaliningrader Haff mit der Ostsee verband, während es dort, wo heute Baltijsk liegt, damals noch keine Durchfahrt gab. Lochstädt kontrollierte den Zugang vom Meer nach Fischhausen, Königsberg, Brandenburg und Balga.

Natürlich darf man sich diese Kontrolle nicht so vorstellen wie die Überwachung von Meerengen durch die Küstenfestungen späterer Epochen. Im 13. und 14. Jahrhundert konnte es in der Burg keinerlei wirksame Mittel geben, um Schiffe, die in die Durchfahrt eindrangen, aus der Ferne aufzuhalten. Man konnte jedoch eine Sperre aus Ketten und Baumstämmen errichten – dann hätte die Schiffsbesatzung bei der Burg an Land gehen müssen, um diese Sperre zu öffnen. Nicht weniger wichtig waren allerdings die Kontrolle der Handelsschiffe, die Erhebung von Zöllen sowie die Ausübung des Strandrechts, nach dem alle gestrandeten Schiffe samt ihrer Ladung in den Besitz desjenigen übergingen, dem die Küste gehörte. Darüber hinaus bestand ein erheblicher Teil der Einkünfte der Komturei aus dem Sammeln von Bernstein am Strand, auf den der Orden das Monopol besaß.


Doch schon fünf bis zehn Jahre nach dem Bau der Burg durchkreuzte die Natur selbst die Pläne: Die Meerenge bei Lochstädt begann rasch zu verflachen und zu versanden. Später unternahm man Versuche, sie zu vertiefen, doch die technischen Mittel jener Zeit reichten dafür nicht aus. Dafür hatte sich beim Dorf Wogram, wo später Pillau entstehen sollte, bereits eine neue Durchfahrt gebildet, die 1510 schiffbar wurde.


Infolgedessen verlor die Burg Lochstädt einen Großteil ihrer Funktionen und wurde im Grunde nur noch zum Zentrum der Bernsteingewinnung und -verwaltung. Im 14. Jahrhundert wurde die Komturei Lochstädt aufgelöst, die Burg der Komturei Königsberg zugeordnet, und ihr Verwalter erhielt das Amt eines Pflegers – eines Burgverwalters. Der Pfleger der Burg Lochstädt bekleidete zugleich das Amt des Bernsteinmeisters. 1429 wurde der Held der Verteidigung der Marienburg im Großen Krieg, der gestürzte, später jedoch rehabilitierte Hochmeister Heinrich von Plauen, Verwalter der Burg. In Anerkennung seiner früheren Verdienste erhielt er das Amt eines Hauskomturs, also einer Person, die in der Hierarchie einem Komtur gleichgestellt war, der jedoch lediglich eine Komturburg ohne zugehörige Gebiete unterstand.


Gleich zu Beginn des Dreizehnjährigen Krieges (1454–1466) wurde die Burg Lochstädt 1454 von Anhängern des Preußischen Bundes eingenommen, jedoch bereits im folgenden Jahr von einer Truppe des Obersten Spittlers Heinrich Reuß von Plauen zurückerobert.


Lochstädt

1456 entstand infolge eines Sturms eine neue Durchfahrt in der Nähe von Lochstädt. Man versuchte, sie zu verbreitern und für die Schifffahrt auszubauen, doch nach 1500 erkannte man, dass es einfacher war, die Durchfahrt bei Pillau herzurichten.

Bis 1513 war die Burg Lochstädt stark verfallen und bedurfte einer Instandsetzung. Der in Geldnot geratene Orden übergab sie zwei Rittern unter der Bedingung, dass diese die notwendigen Reparaturen an der Burg durchführten. 1629 beschloss der schwedische König Gustav Adolf, der bei Lochstädt sein Lager aufgeschlagen hatte, dort einen Wallabschnitt mit Bastionen anzulegen, wofür die Parchammauer der Burg abgetragen wurde. Die eigentliche Zerstörung der Burg begann jedoch 1703, als König Friedrich I. den Abriss des Danskers, des großen Turms, des Nord- und des Ostflügels sowie eines Teils des Südflügels anordnete. 1884 wurden die verbliebenen Gebäude der Burg zu einer Schule umgebaut. Ein Brand im Jahr 1888 vernichtete die Vorburg vollständig. Schließlich beschloss man 1907, die Burg Lochstädt als historisches Bauwerk grundlegend zu restaurieren. Die Arbeiten dauerten bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs an, als sie eingestellt wurden. Im April 1945 geriet die Burg während der Kämpfe um Pillau unter Artilleriebeschuss und Bombenangriffe, die sie fast vollständig zerstörten; übrig blieben nur die Keller und Mauerreste. Bis 1989 wurden diese Keller von örtlichen Schatzgräbern ein wenig durchwühlt und ein Teil der Mauern als Baumaterial abgetragen. Ende 1989 stellte jedoch die Zeitschrift „Der Spiegel“ überraschend Geld für die Suche nach dem Bernsteinzimmer in Lochstädt bereit. 1990 begannen die Arbeiten, an denen sich der nicht unbekannte Heimatforscher und Kulturgutsucher Awenir Owsjanow besonders aktiv beteiligte. Durch den Einsatz schwerer Baumaschinen wurden die Keller der Burg dabei fast vollständig zerstört. Das Bernsteinzimmer wurde selbstverständlich nicht gefunden.

LABIAU UND LAUKEN

► RF, Gebiet Kaliningrad, Stadt Polessk und Siedlung Saranskoje, Rajon Polessk

Koordinaten: 54.862136, 21.110820 und 54.831127 und 21.234199

Zustand der Burg Labiau (2020): Die Burg ist erhalten, die Räume werden vermietet, museale Nutzung und Restaurierungsarbeiten finden nicht statt.

Zustand der Burg Lauken (2020): Erhalten ist ein Gutshaus auf den Fundamenten der Ordensburg.


Beide Burgen spielten im Ordensstaat eine ähnliche Rolle: Sie kontrollierten das Gebiet an den Ufern der Deime und dienten als Etappenstützpunkte bei der Vorbereitung der Kriegszüge des Ordens nach Litauen. Die Burgen wurden fast gleichzeitig gegründet – Labiau um 1274, Lauken etwas früher, um 1270. Bemerkenswert ist, dass die heutige Stadt Polessk (Labiau) und die Siedlung Saranskoje (Laukischken) dasselbe offizielle Gründungsdatum haben – das Jahr 1258. Dies hängt jedoch nicht mit den Burgen zusammen, sondern mit der Erwähnung prußischer Dörfer an dieser Stelle im Vertrag über die Teilung der prußischen Gebiete zwischen dem Orden und dem Bischof.


In den 1270er-Jahren wurden also beide Burgen als Wallbefestigungen mit Holzbauten errichtet. Für kurze Zeit war Labiau sogar Komtursitz, doch 1289 wurde die Burg Ragnit gegründet und die Verwaltung der östlichen Gebiete des heutigen Gebiets Kaliningrad dorthin verlegt. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts verfügte der Orden zunehmend über erhebliche Mittel zur Modernisierung seiner Befestigungen, und der neue Gegner – die litauischen Fürsten, deren Truppen durch Krieger aus den russischen Landen und der Horde verstärkt waren – führte anschaulich vor Augen, dass hölzerne Burgen für ihn kein ernsthaftes Hindernis darstellten. Deshalb wurde Lauken bereits 1327 in Stein umgebaut. Der Bau der steinernen Burg Labiau begann später – 1360, nach zwei verheerenden litauischen Einfällen in den Jahren 1347 und 1352. Die Burg Labiau selbst wurde damals nicht angegriffen, doch die kleine Besatzung konnte nur zusehen, wie litauische Scharen die umliegenden Dörfer verwüsteten und niederbrannten.


Labiau

Nach dem Umbau in Stein unterschieden sich die beiden Burgen grundlegend in ihrer Anlage und in ihrer Bedeutung für das Leben des Ordensstaates.

Lauken wurde als kleine Burg im Umfang eines Viertels des vollständigen regelhaften Vierecks errichtet, besaß also einen einzigen Flügel, während der rechteckige Grundriss durch drei Wehrmauern geschlossen wurde. Die Burg hatte einen quadratischen Turm in der Südostecke. Labiau dagegen wurde nach dem „vollen Programm“ errichtet: Die Burg fiel zwar nicht sehr groß aus, besaß aber alle vier Flügel und zwei quadratische Türme. Die Vorburg von Lauken war von üblicher rechteckiger Form, in Labiau hingegen entstand eine unregelmäßig geformte Vorburg, die entfernt an einen Viertelkreis erinnert. In der Vorburg befand sich ein Tor mit Torturm, außerdem wurde dort die St.-Georgs-Kirche errichtet, die bis 1880 als Wirtschaftsgebäude bestand. Der Dansker der Burg Labiau war in die Mauer integriert. In den Erdgeschossen lagen Wirtschafts- und Diensträume, darunter Küche und Bäckerei, im Obergeschoss Wohnräume, ein Saal für Versammlungen und Zeremonien sowie der Remter.


Im 14. bis 16. Jahrhundert diente die Burg Labiau als Sitz der Bauverwaltung des Kanals, der später den Namen Großer Friedrichsgraben (Polessk-Kanal) erhielt. Der Kanal war bis 1410 fertiggestellt, doch noch 120 Jahre danach wurde an seiner Erweiterung und regelmäßigen Räumung gearbeitet. Es war ein für die damalige Zeit einzigartiges Vorhaben, dessen Ziel es war, eine zuverlässige Schifffahrt von Königsberg nach Ragnit zu ermöglichen, ohne aufs Meer oder ins Haff hinausfahren zu müssen. Bemerkenswert ist, dass die Arbeiten am Kanal eine Zeit lang von einer Frau geleitet wurden – Katharina Truchsess von Wetzhausen (gest. 1526).


Im Dreizehnjährigen Krieg (1454–1466) blieb Labiau dem Orden treu. Die Truppen des Preußischen Bundes aus der Gegend von Wehlau (Snamensk) und Allenburg (Druschba), die die Burg gleich zu Beginn des Krieges angriffen, stießen auf den entschlossenen Widerstand ihrer Besatzung. Die Burg einzunehmen gelang ihnen nicht.


Lauken wiederum wird bis zur Säkularisierung des Ordens immer wieder unter den Burgen erwähnt (unter anderem auch im Krakauer Vertrag von 1525), doch bedeutende Ereignisse spielten sich hier nicht ab.


LabiauBurg Labiau.

Nach der Säkularisierung des Ordens wurde die Stadt Labiau Sitz eines Amtes, und die gleichnamige Burg erhielt Albrechts erste Frau Dorothea als Hochzeitsgeschenk; nach Dorotheas Tod und Albrechts erneuter Heirat ging sie an seine zweite Frau Anna Maria über. Die Burg Lauken diente zur Zeit Herzog Albrechts als Jagdhaus. Beide Burgen wurden für zivile Zwecke teilweise umgebaut.

In den Jahren 1581–1584 wurde die Burg Lauken erneut umgebaut, diesmal zu einem Landsitz, und zwar so grundlegend, dass von der Ritterburg nur die Keller und Fundamente übrig blieben. Geleitet wurde der Umbau von Blasius Berwart, dem Hofarchitekten des Kurfürsten und Regenten Georg Friedrich. Später wurde Lauken ein Rittergut und blieb es bis zum Zweiten Weltkrieg.


Labiau hingegen wurde unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zur Zitadelle der Festung Labiau, die rings um die Burg angelegt wurde. Ab 1818 war sie Sitz des Landrats, des Oberhaupts des Kreises Labiau; außerdem waren in der Burg ein Gericht und ein Gefängnis untergebracht. Die Vorburg wurde teilweise abgerissen, auch die Gräben wurden zum Teil zugeschüttet. Die Burg selbst aber blieb in architektonischer wie historischer Hinsicht recht ansehnlich.


Nach 1945 wurde im ehemaligen Gut Lauken eine Schule eröffnet. Diese Funktion hat das Schloss bis heute behalten. Die originalen Keller und Fundamente sind nach wie vor erhalten, und die Schule besitzt sogar ein selbst eingerichtetes Museum zur Geschichte der Burg Lauken.


Anders verlief das Schicksal von Labiau. 1945 wurde die Burg zum Gefängnis umfunktioniert. Diesem Zweck diente sie bis 1963, als dort ein Brand ausbrach. Doch selbst nach dem Brand waren, wie Fotografien belegen, die Fachwerkwände und ein Teil des Ziegeldachs erhalten. Von der Vorburg standen noch der Torturm und Reste der Wehrmauern. Danach nutzte eine Zweigstelle des Leningrader Landwirtschaftlichen Instituts in Polessk das Gebäude, später wurde es dem Werk „Jantar“ als Produktionsstätte übergeben. Beim Umbau der Burg zu Werkstätten wurden die Innenräume und die Außenmauern beschädigt, die Wehrmauern und der Torturm abgerissen. In den 1990er-Jahren ging die Burg in kommunales Eigentum über. Eine Ecke wurde dem Stadtmuseum überlassen, in den übrigen Teilen ließen sich verschiedene gewerbliche Einrichtungen nieder. Gegenwärtig ist das Museum faktisch geschlossen. Erhalten sind die Ordenskeller und einzelne Elemente der Ordensräume.

DIE INTERESSANTESTEN BURGEN IN POLEN

Karte der Burgen in PolenIn Polen sind zahlreiche Bauten aus der Ordenszeit erhalten. Einheimische Fachleute haben die interessantesten von ihnen ausgewählt, die heute in einer Vereinigung zusammengeschlossen sind.

(Im Bild: die Karte der Burgen der Woiwodschaft Pommern, die das Gelände um das wichtigste Burgmuseum, die Marienburg, in der Stadt Malbork schmückt, etwa eine Autostunde von der Grenze des Kaliningrader Gebiets entfernt.)



MEWE (GNIEW)

► Polen, Woiwodschaft Pommern, Powiat Tczewski, Stadt Gniew (Gniew)

Koordinaten: 53.834357, 18.827852

Zustand des Objekts (2020): Die Burg ist in hervorragendem Zustand. Im Inneren befinden sich ein Hotel und ein Spa-Komplex, zahlreiche Konferenzräume sowie Säle für Feiern. In der Kapelle finden Trauungen statt. Der überdachte Hof wird für verschiedene Events genutzt. Neben der Burg gibt es ein ausgezeichnetes Restaurant. Regelmäßig werden Ritterturniere und andere historische Ereignisse nachgestellt.


Die Burg Mewe (Gniew) gilt als die mächtigste Befestigung des Deutschen Ordens am linken Weichselufer. Die erste Erwähnung von Mewe stammt aus dem Jahr 1229, als die Zisterziensermönche des Klosters Oliva bei Danzig dieses Gebiet erhielten. 1276 fiel das Land Mewe durch das Testament des pommerellischen Herzogs Sambor an den Orden. Umgehend wurde die Komturei Mewe gegründet, und nach dem Vertrag von Militsch (1282) begann der Bau der Burg, zunächst als provisorische hölzerne Befestigung. Die Arbeiten leitete der erste Komtur von Mewe, Dietrich von Spira (Dietrich von Spira). Für den Bau verwendete man die Holzkonstruktionen der abgetragenen Befestigung Potterberg im Kulmer Land, die auf dem Wasserweg nach Mewe gebracht wurden. Fast unmittelbar nach Fertigstellung der Holzbefestigung begann ihr Umbau in Stein. Man begann mit den Wehrgräben und dem Mauerviereck, dessen Wehrmauern bis zu sechs Meter hoch waren. An den Ecken dieses Vierecks errichtete man über den Mauerverlauf hinausragende Türme – drei etwa gleich große und einen deutlich größeren. Danach wurden die Wohnräume gebaut. Zu dieser Zeit legten deutsche Siedler an den Burgmauern eine Ortschaft an, der der Landmeister von Preußen, Meinhard von Querfurt (Meinhard von Querfurt), am 25. September 1297 das Kulmer Stadtrecht verlieh.


Mewe

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde die Burg Mewe umgebaut: Mauern und Türme wurden erhöht, zwei Flügel des Hauptgebäudes ergänzt und auf den Mauern hölzerne Wehrgänge errichtet. In der Blütezeit des Ordens, in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, war die Burg Mewe sein wichtigster Verteidigungsstützpunkt im Westen des Staates.

Vor Beginn des Großen Krieges (1409–1411) gegen Polen und Litauen verfügte das Arsenal der Burg Mewe über 162 Armbrüste, 40.000 Bolzen (Pfeile) dafür sowie eine gewisse Anzahl Feuerwaffen; 105 Streitrösser standen gesattelt bereit, weitere 405 Pferde konnten im Tross eingesetzt werden. Allerdings halfen weder die Befestigungen noch das vorhandene Arsenal der Burg, den Großen Krieg (1409–1411) zu überstehen: Nach der Schlacht bei Grunwald, in der der Komtur von Mewe, Sigismund von Ramungen (Sigismund von Ramungen), fiel, wurde die Burg Mewe von polnischen Truppen kampflos eingenommen. Durch den Ersten Thorner Frieden kam Mewe 1411 jedoch an den Orden zurück. In der Zeit zwischen dem Großen und dem Dreizehnjährigen Krieg wurde Mewe zur Residenz von Michael Küchmeister von Sternberg, der 1422 sein Amt als Hochmeister niedergelegt hatte. Die Burg wurde sogar etwas umgebaut: Im Nordflügel entstanden die Gemächer des ehemaligen Hochmeisters, und die Burg erhielt eine stattliche Vorburg. Anderthalb Jahre später starb der Bewohner der Residenz jedoch, und die Burg kehrte zu ihrem früheren Leben zurück.


Während des Dreizehnjährigen Krieges (1454–1466) schlug sich die Stadt Mewe am Fuße der Burg auf die Seite des Preußischen Bundes. Das städtische Aufgebot, das allerdings von einem polnischen Befehlshaber, Jan von Jani, angeführt wurde, belagerte die Burg bereits im Februar 1454. Nach einer Woche ununterbrochener Kämpfe erkannte die Besatzung, dass die Aufständischen die Burg früher oder später einnehmen würden. Daher steckte sie zur Überraschung der Belagerer die Holzkonstruktionen der Burg in Brand und floh nach Marienburg. Jan erhielt die Burg als königliche Belohnung für die erfolgreiche Belagerung, doch die Bürger von Mewe waren nicht mehr aufzuhalten: Sie plünderten die Burg, obwohl diese faktisch bereits polnisch war und auf ihrer Seite stand. Damit waren die Merkwürdigkeiten des Dreizehnjährigen Krieges für die Burg Mewe noch nicht zu Ende. Als sich der Orden bis September 1454 von den ersten Niederlagen erholt hatte und das Kriegsgeschehen zu seinen Gunsten zu wenden begann, wechselten die Bürger von Mewe auf seine Seite und halfen den Ordenstruppen, die Burg zurückzuerobern. In der Burg blieb eine Besatzung aus Ordensrittern unter dem Befehl des Großkomturs Ulrich von Isenhofen sowie aus Söldnern des Ordens. Diese Besatzung wurde bald von einem polnischen Heer angegriffen, das den Verteidigern der Burg zahlenmäßig weit überlegen war.


Mewe – GniewBlick auf Burg und Stadt Mewe von der Weichsel aus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Hinzu kam, dass in der Burg eine Seuche ausbrach und die Söldner, die wegen ausbleibenden Soldes meuterten, mit den Polen über die Bedingungen einer Übergabe der Burg zu verhandeln begannen. Dennoch hob das polnische Heer die Belagerung bald auf und kehrte nach Polen zurück. Wie sich später herausstellte, hatte einer der Anführer der Verteidigung, Fritz von Raveneck, über einen polnischen Ritter schlicht einen Teil der gegnerischen Soldaten bestochen.

Im Jahr 1457 belagerte das polnische Heer Mewe erneut und scheiterte abermals. Schließlich wurde Mewe 1463 von einem durch Artillerie verstärkten Heer unter dem Kommando des Hetmans Peter Dunin eingeschlossen, das eine planmäßige Belagerung begann, die Burg vollständig blockierte und rings um sie Erdwerke anlegte. Nach neunmonatiger Belagerung kapitulierte die Burg Mewe. Zwei Jahre später endete der Dreizehnjährige Krieg, und durch den Zweiten Thorner Frieden fiel Mewe an das Gebiet, das dem Königreich Polen angegliedert wurde. Die Burg wurde zum Verwaltungssitz eines Starosten und zu einem befestigten Stützpunkt gegen einen möglichen Vorstoß des Ordens.


Im Jahr 1625 wurde die Burg, die inzwischen Gniew hieß, im Polnisch-Schwedischen Krieg von 1621–1626 von der schwedischen Armee unter König Gustav II. Adolf eingenommen. Nach dem Ende des Waffenstillstands und mit Beginn des nächsten Polnisch-Schwedischen Krieges (1626–1629) eroberten die Polen die Burg 1627 zurück. Allerdings gehörte dies bereits nicht mehr zur eigentlichen Militärgeschichte der Burg. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihre militärische Bedeutung verloren und wechselte lediglich im Zuge der Eroberung (bzw. Befreiung) des umliegenden Gebiets den Besitzer. Im darauffolgenden Polnisch-Schwedischen Krieg (der „Schwedischen Sintflut“, 1655–1660) wurde die Burg Gniew 1655 von den Schweden eingenommen und 1657 wieder an Polen zurückgegeben. Dieser Krieg brachte Gniew erhebliche Zerstörungen: Die Vorburg und Teile der Wehrmauern gingen vollständig verloren.


Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde die Burg zur Residenz des Hetmans und Starosten von Gniew und späteren Königs von Polen, Jan Sobieski. Während seiner Amtszeit in Gniew förderte er den Wiederaufbau der Stadt nach den Kriegen und ließ die Burg für seine eigenen Bedürfnisse teilweise umbauen; unter anderem entstand ein Flügel für seine Frau und seine Kinder. Nach dem Tod Jan Sobieskis ging Gniew in den Besitz seiner Witwe Maria Kasimira über.


Mewe – Gniew

1772, nach der Ersten Teilung Polens, wurde Gniew wieder eine preußische Stadt. Auch für die Burg fand sich eine Verwendung: Sie wurde erneut umgebaut, diesmal zur Lagerung von Militärgut und Futter sowie zur Unterbringung von Soldaten.

Als Kaserne und Lager diente sie bis 1856, als sie dem Innenministerium übergeben und zu einem Gefängnis umgebaut wurde. Beim Umbau gingen eine Reihe alter Bauten und Details verloren, insbesondere wurde der Dansker abgetragen. Dafür stellte man, der Mode der Neugotik folgend, in der Burg Spitzbögen und Spitzbogenfenster sowie Ecktürmchen wieder her. Die Vorburg wurde umgestaltet und neu aufgebaut, im Dach entstanden Oberlichter. Als Gefängnis diente Gniew (Mewe) bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, als die Burg erneut zur Unterbringung von Soldaten genutzt wurde.


Zum Schicksalsjahr für die Burg wurde 1921. Zu diesem Zeitpunkt war das Gebiet wieder an Polen gefallen. Der Legende nach wurde die Burg von einem deutschen Saboteur in Brand gesteckt, tatsächlich sind die Ursachen des Großbrandes jedoch bis heute ungeklärt. Durch das Feuer stürzten in drei der vier Flügel die Decken ein; die Mauern blieben stehen, waren aber vollständig mit Ruß bedeckt.


Während des Zweiten Weltkriegs diente die Burg als Heim einer Gruppe der Hitlerjugend, als Sammelpunkt für Wehrpflichtige und als Durchgangslager für Kriegsgefangene. Nach Kriegsende zog in die Ruinen der Burg zunächst ein polnisches Pionierbataillon ein, später ein Gefängnis.


Mewe

An den Mauern der Burg Gniew (Mewe) finden jedes Jahr zwei große Reenactment-Festivals statt.

(Foto von der Seite der Burg im sozialen Netzwerk Facebook.)

Im Jahr 1967 wurde schließlich beschlossen, die Burg als historisches Bauwerk mit einem Museumskomplex wiederherzustellen. Die erste Phase des Wiederaufbaus fand 1968–1975 statt; dabei wurde der Schutt beseitigt, und in zwei Flügeln wurden ein Teil der Decken sowie das Dach erneuert.

1992 begann die zweite Phase der Restaurierung. Heute beherbergt die Burg eine Zweigstelle des Archäologischen Museums Danzig, einen Geschichts-, einen Reit- und einen Jagdverein, ein Chorstudio, eine Schmiede und eine Zauberschule. In der Burg und ihrer Umgebung finden traditionelle Reenactments und Turniere statt – die Schlacht bei Gniew (1625) und „Das Schwert Sobieskis“ –, außerdem die unterschiedlichsten Veranstaltungen, von wissenschaftlichen Symposien bis hin zu Hochzeiten.


Die Burg Gniew (Mewe) im Netz:

Facebook — Zamek-Krzyzacki-w-Gniewie

Website der Burg Gniew — zamek-gniew.pl

MARIENWERDER

► Polen, Woiwodschaft Pommern, Stadt Kwidzyn (Kwidzyn)

Koordinaten: 53.735730, 18.921871

Zustand des Objekts (2020): Die Burg und ihre Keller sind in ausgezeichnetem Zustand. Im Inneren befindet sich ein Heimatmuseum.


Die Burg Marienwerder (Kwidzyn) wurde 1233 als Holz-Erde-Befestigung auf einer Insel inmitten der Weichsel bei der alten slawischen Siedlung Quidin angelegt. Schon bald wurde die Burg jedoch an einen neuen Ort, unmittelbar an die Siedlung Quidin, verlegt. So werden diese Ereignisse in der „Chronik des Preußenlandes“ Peters von Dusburg geschildert:

VOM KRIEG DER BRÜDER GEGEN DIE POMESANIER UND VOM BAU DER BURG MARIENWERDER

„Nachdem … durch Gottes Gnade … die Grenzen des Kulmerlandes vom alten Sauerteig der Laster und der Arglist der Heiden gereinigt worden waren, setzten der Meister und die Brüder, damit Gott, unser Heiland, uns auf dem Weg in die Länder der benachbarten Heiden Gelingen schenke, wie manche zuversichtlich annehmen, nachdem sie alles bereitgestellt hatten, was zum Bau von Burgen erforderlich ist, unbemerkt auf eine Insel bei Quidin über, die heute fast gegenüber von Marienwerder liegt, und errichteten dort im Jahr nach Christi Geburt 1233 auf einem Hügel eine Burg, die sie Marienwerder nannten. Als aber jener edle Mann und tapfere Ritter aus Sachsen, der Burggraf von Magdeburg mit dem Beinamen ‚mit der kleinen Hand‘, umgeben von vielen Rittern und Knappen auf die Burg Kulm kam, zog er im Laufe des Jahres, das er dort verweilte, mit dem Meister und den Brüdern aus und verlegte die vorgenannte Burg Marienwerder von der Insel Quidin an den Ort, an dem sie sich heute befindet, in den Gau Pomesaniens, der Reisen genannt wird, wobei man den Ort, nicht aber den Namen änderte.“


Marienwerder


Im Jahr 1234 erhielt die Siedlung bei der Burg Marienwerder das Stadtrecht. Neun Jahre später, 1243, stellte sich die Frage nach der Aufteilung des prußischen Landes Pomesanien zwischen dem Orden und dem Bistum Pomesanien.

Die päpstliche Bulle, die die Deutschordensritter zur Unterwerfung Preußens segnete und ihnen die eroberten Gebiete zusprach, sah nämlich vor, ein Drittel des Landes der Kirche, also dem örtlichen Bischof, zur vollständigen administrativen und wirtschaftlichen Verwaltung zu übertragen. In den verbleibenden zwei Dritteln behielt der Bischof dabei die volle kirchliche Gewalt. In der Urkunde vom 29. Juli 1243 heißt es unter anderem: „Den zweiten Sprengel (die Diözese) grenzen wir so ab, dass er von der Osse, der Weichsel und dem Drausensee begrenzt wird, von dort flussaufwärts entlang der Passaluk, sodass zu diesem Sprengel Werder, Marienwerder, Zantir und Groß Werder gehören sollen …“. Im Dezember 1248 wurde der Dominikanermönch Ernst erster Bischof von Pomesanien, wobei an der Bestätigung seiner Kandidatur auch Vertreter des Ordens beteiligt waren. Wegen des Prußenaufstands konnte er sein Amt jedoch erst 1249 antreten. 1250 kam es zur faktischen Aufteilung Pomesaniens zwischen Orden und Bistum: Der Vizelandmeister des Ordens, Ludwig von Queden, teilte alle eroberten Gebiete in drei etwa gleich große Teile und bot dem künftigen Bischof an, einen davon zu wählen. Offenbar wurde um das Land recht verbissen gefeilscht, denn die Urkunden, die die endgültige Aufteilung des Gebiets festschrieben, wurden erst 1255 unterzeichnet. Der Bischof wählte den westlichen Teil Pomesaniens mit den Burgen Marienwerder, Riesenburg (Prabuty) und Schönberg (Szymbark). Nach dem Tod Bischof Ernsts im Jahr 1258 wurde der Ordensbruder Albert zweiter Bischof von Pomesanien (den die Ordensobrigkeit für dieses Amt selbstverständlich protegiert hatte). Da brach der zweite, gewaltigste Prußenaufstand aus. Bischof Albert war gezwungen, seine Besitzungen zu verlassen. Er kehrte erst 1276 zurück und ließ sich auf der Burg Riesenburg unweit von Marienwerder nieder. Hier machte sich seine frühere Zugehörigkeit zum Orden bemerkbar: Als 1284 die Zeit gekommen war, das höchste Kollegialorgan des Bistums – das Domkapitel – zu bilden, wurden (mit Billigung des Ordens) ausschließlich Brüder des Deutschen Ordens aufgenommen. Da das Kapitel selbst befugt war, den Bischof zu wählen, stammten seither im Bistum Pomesanien alle Bischöfe und Mitglieder des Domkapitels aus dem Deutschen Orden. In späteren Verträgen behielt sich der Bischof das uneingeschränkte Recht auf die kirchliche und administrative Gewalt (Erhebung von Steuern und Abgaben) in seinen Besitzungen vor. Die Verteidigung des Landes gegen äußere und innere Feinde hingegen blieb in der Zuständigkeit der Ordensführung. Die Burg Marienwerder wurde dem pomesanischen Domkapitel als Sitz überlassen, dem zugleich die volle Gewalt über die Stadt Marienwerder und die umliegende Gegend übertragen wurde. Auf diese Weise wurde das Bistum Pomesanien faktisch in den Deutschen Orden inkorporiert. Deshalb kann man die Burg Marienwerder sowohl als Bischofsburg (was völlig zutreffend ist) als auch als Ordensburg bezeichnen, denn sie war ebenso ein Stützpunkt des Deutschen Ordens wie die „reinen“ Ordensburgen.


Marienwerder

Der Bau der steinernen Burg Marienwerder begann 1285, nachdem sie als Sitz des pomesanischen Domkapitels bestätigt worden war. Die Bauarbeiten dauerten über 50 Jahre und wurden um 1340 abgeschlossen. Die fertige Burg bildete ein klassisches Viereck aus vier Flügeln, die einen Burghof umschlossen.

An den Ecken des Vierecks erhoben sich quadratische Türme. Die Nutzung der Gebäude erinnerte im Ganzen an eine Komturburg: Der Ost- und der Südflügel erfüllten vorwiegend Verwaltungsaufgaben; hier befanden sich der Kapitelsaal, das Archiv, die Gemächer des Kapitelvorstehers, die Schatzkammer, die Bibliothek, die Unterrichtsräume für die Schüler der Domschule sowie das Spital. Der Nordflügel diente wirtschaftlichen Zwecken; in seinen Räumen lagen die Küche, Lagerräume sowie das Winterremter und die Kapelle. Im Westflügel befanden sich die Schlafräume. Im Norden schloss sich an die Burg eine weitläufige Vorburg an. Um 1393 wurde ein Danzker angebaut, der heute als „Turm Gdanisko“ bekannt ist. Der Danzker war weit vor die Burgmauern vorgeschoben und mit der Burg durch eine 50 Meter lange gemauerte Bogenbrücke verbunden. Polnische Historiker betonen, dass der Danzker von Marienwerder der größte Danzker aller Burgen des Deutschen Ordens und des Königreichs Polen war (und bis heute ist!).


Um 1325 begann in der Nähe der Burg der Bau des Doms. Man beschloss, den neuen Dom mit der Burg zu einem einheitlichen Komplex zu verbinden. Dazu wurde der Südostturm der Burg zum Glockenturm umgestaltet. Im Dom wurde 1330 Hochmeister Werner von Orseln beigesetzt, der von einem geistesgestörten Ordensbruder ermordet worden war. An der Wahl dieser Grabstätte war eigentlich nichts Ungewöhnliches – die Grablege der Hochmeister des Ordens in der Annenkapelle in Marienburg entstand erst später, nach dem Tod des Hochmeisters Dietrich von Altenburg im Jahr 1341. Allem Anschein nach wurde die Annenkapelle sogar erst mit dem Tod Heinrich Dusemers (1351) zur gemeinsamen letzten Ruhestätte der Ordensoberhäupter, denn Hochmeister Ludolf König von Wattzau wurde 1345 wiederum im Dom zu Marienwerder bestattet. Ich greife vor: Der dritte Hochmeister, der 1429 im Dom zu Marienwerder beigesetzt wurde, war Heinrich von Plauen. Die Gründe, weshalb der 1413 abgesetzte Hochmeister hier und nicht in Marienburg seine letzte Ruhe fand, sind bis heute unbekannt. Zum Zeitpunkt seines Todes war der in Ungnade gefallene Hochmeister vollständig rehabilitiert und genoss sogar den Ruhm des „Retters der Marienburg“. Vermutlich gab es dennoch gewisse Vorbehalte gegen seine Person; vielleicht spielte auch die Geschichte seiner Verhaftung selbst, die einen Schatten auf die Sitten in der Ordensführung warf, eine Rolle. Jedenfalls ruhen in Marienwerder die sterblichen Überreste dreier Hochmeister des Ordens mit außergewöhnlichem Schicksal: Der erste wurde von seinem eigenen Ordensbruder ermordet, der zweite trat wegen einer Geisteskrankheit zurück, der dritte wurde von einem Rivalen und Anwärter auf das höchste Amt im Orden entmachtet.


Burg Marienwerder

Von ihrer Errichtung bis zum Großen Krieg (1409–1411) des Ordens gegen Polen und Litauen war die neue Burg Marienwerder an keinerlei Kampfhandlungen beteiligt. Nach der Schlacht bei Tannenberg hingegen wurden Belagerungen und Erstürmungen für sie zu einer recht regelmäßigen Angelegenheit.

Im Herbst 1410 nahm das polnisch-litauische Heer nach der erfolglosen Belagerung der Ordenshauptstadt Marienburg die Burg Marienwerder „auf dem Rückweg“ nach Polen ein. Nach Kriegsende verblieb Marienwerder gemäß dem Ersten Thorner Frieden beim Orden. Die anschließende drastische Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im Ordensstaat sowie die Unzufriedenheit des weltlichen Adels und der Bürger mit der Ordensherrschaft führten zur Gründung des Preußischen Bundes der Städte, der am 14. März 1440 in Marienwerder ins Leben gerufen wurde. Selbstverständlich trat auch die Stadt Marienwerder selbst dem Bund bei.


Im Dreizehnjährigen Krieg, der 1454 ausbrach, war die Burg Marienwerder mehrfach von Angriffen bedroht; die schwerste Bewährungsprobe war die Belagerung durch den polnischen Woiwoden Andrzej Puszkarz im Jahr 1460. Das nächste Mal erschien ein polnisches Heer 1478 vor den Mauern Marienwerders, während des sogenannten Pfaffenkriegs (1478–1479). Diesmal nahmen die Polen die Stadt ein, doch die Burg, in die sich die Bürger geflüchtet hatten, hielt stand. Auch der darauffolgende Krieg, der Reiterkrieg (1519–1521), ging an Marienwerder nicht vorbei. Im März 1520 wurde die Stadt von einem polnischen Heer belagert und eingenommen. Diese kriegerischen Prüfungen konnten am Zustand der Burg nicht spurlos vorübergehen. Bekannt sind mindestens zwei umfangreiche Instandsetzungen in den 1480er- und 1520er-Jahren, bei denen die beim Sturm zerstörten Ecktürme abgetragen wurden.

Nach der Unterzeichnung des Krakauer Vertrags (1525) zwischen dem Deutschen Orden und der polnischen Krone, der Säkularisierung des Ordens und der Gründung des weltlichen lutherischen Herzogtums Preußen im selben Jahr 1525 wurde die Burg zur Residenz des nunmehr evangelischen Bischofs von Pomesanien.

Der erste dieser Bischöfe und Herr der Burg Marienwerder war ab 1530 ein ganz außergewöhnlicher Mann: Paul Speratus, einer der ersten Mitstreiter Martin Luthers, Hofrat Herzog Albrechts und Verfasser protestantischer Schriften und Kirchenlieder. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verlor die Burg Marienwerder jede militärische Bedeutung und wurde zum Verwaltungssitz eines Amtes. Ihre Räume füllten nun Beamte, Steuereinnehmer und Richter. Wie viele andere Burgen konnte auch Marienwerder für offizielle Empfänge genutzt werden – dafür gab es sowohl weitläufige Räumlichkeiten, als auch lud schon der Anblick der Burg geradezu dazu ein, hier Staatsgeschäfte zu erledigen. So machte 1709 Zar Peter I. bei einem seiner Besuche in Preußen in der Burg Marienwerder Station. Unter Friedrich II. wurde nach der Angliederung Westpreußens in Marienwerder das oberste Gericht dieser Provinz untergebracht (und mit ihm ein Gefängnis). Dabei wurde die Burg grundlegend umgebaut. Allerdings sagte das Gebäude den Provinzrichtern offenbar sehr zu, weshalb man ihnen gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein neues Gebäude errichtete, für das der abgetragene Südflügel das Baumaterial lieferte.


Gut möglich, dass die Burg Marienwerder wie eine Reihe anderer vollständig als Baumaterial abgetragen worden wäre, doch um die Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs in Deutschland das Interesse am historischen Erbe. Die Burgen des Deutschen Ordens wurden in dieser Zeit untersucht, man fertigte Zeichnungen und Baupläne von ihnen an. Für die Burg Marienwerder ordnete König Friedrich Wilhelm IV. Wiederherstellungsarbeiten an, damit sie ihr früheres mittelalterliches Aussehen zurückerhielt.


Die Burg Marienwerder heute

Nach der Rekonstruktion dienten die Räume der Burg staatlichen und öffentlichen Zwecken: Hier waren Soldaten einquartiert, Schüler einer Handwerksschule erhielten Unterricht, verschiedene Beamte hielten ihre Sitzungen ab. Auch die Nationalsozialisten nutzten die vorhandenen mittelalterlichen Bauten – 1936 wurde hier eine örtliche Dienststelle der Hitlerjugend eröffnet.

Nach dem Krieg und der Teilung Preußens zwischen der UdSSR und Polen wurde Marienwerder zur polnischen Stadt Kwidzyn. Die Burg, deren Mauern bei den Kampfhandlungen nahezu unbeschädigt geblieben waren, sollte bereits 1949 als Museum eingerichtet werden. Heute beherbergt sie eine reiche Sammlung von Exponaten zur Geschichte des Deutschen Ordens und des Königreichs Polen. Einzigartig ist zweifellos der Danzker der Burg Marienwerder. In den meisten anderen bis in unsere Zeit erhaltenen Burgen wurden diese mittelalterlichen „Wehrtoiletten“ schon an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit als Bauten, die ihren ursprünglichen Zweck verloren hatten, abgerissen, weshalb man sie meist nur noch auf Abbildungen sehen kann.


Die Burg Marienwerder (Kwidzyn) im Netz:

Facebook — muzeumkwidzyn

Website der Burg Marienwerder (Kwidzyn) — zamek.kwidzyn.pl

MARIENBURG

► Polen, Woiwodschaft Pommern, Stadt Malbork (Malbork)

Koordinaten: 54.039985, 19.028322

Zustand des Objekts (2020): Die Burg befindet sich in hervorragendem Zustand und ist eine der wichtigsten touristischen Sehenswürdigkeiten der Woiwodschaft Pommern. Im Inneren befindet sich ein Museumskomplex mit einer überwältigenden Dauerausstellung und zahlreichen Wechselausstellungen.


Die Marienburg (Malbork) wurde 1274 als Komturburg gegründet, bereits nach der Niederschlagung des Zweiten Prußenaufstands. Mit dem Bau einer weiteren Burg im Weichseltal, am Weichselarm Nogat, verfolgte man eindeutig das Ziel, diesen Wasserweg zu kontrollieren und die fruchtbaren und damit einträglichen Ländereien der Umgebung zu verwalten. Zunächst errichtete man einen für eine Komturburg typischen vierflügeligen Backsteinbau mit kleinen Ecktürmen.

Hätte die künftige Hauptstadt des Ordens damals ein vornehmer Feudalherr aus Frankreich oder Norditalien besucht, so hätte er bemerkt, dass die Marienburg zwar recht groß, nach westeuropäischen Maßstäben aber nur unzureichend befestigt war. Die Türme der Burg waren zu eng, um eine nennenswerte Zahl von Verteidigern aufzunehmen, und ihre Bauweise erlaubte es nicht, den Raum unterhalb der Mauern vollständig zu überwachen. Die Flügel hatten mächtige, hohe Mauern, jedoch ohne die damals in Mode kommenden Pechnasen – Maschikulis –, durch die man, ohne Gefahr zu laufen, von einem feindlichen Pfeil getroffen zu werden, dem Gegner Steine, siedendes Pech oder Unrat auf den Kopf werfen und gießen konnte. Auf einen solchen Vorwurf hätte der Komtur der Burg allerdings geantwortet, dass hier alles äußerst zweckmäßig gebaut sei. Zusätzliche Verteidigungselemente erforderten erstklassige Baumeister, was den Bau erheblich verteuert hätte. Dabei war selbst bei den Nachbarn, den Polen, die Kunst der fachgerechten Erstürmung einer Burg – mit dem Bau von Gegenbefestigungen, der Errichtung von Belagerungstürmen und dem Einsatz verschiedener Wurfmaschinen zur Zerstörung der Mauern – nur schwach entwickelt, bei den Litauern und Prußen fehlte sie gänzlich. Deshalb konnte selbst eine kleine Besatzung einer steinernen Burg, deren Mauern sich nicht in Brand setzen ließen, bei ausreichendem Proviantvorrat und intaktem Brunnen den Heiden sehr lange standhalten. Und dabei kam es mehr auf geräumige Vorratskammern an als auf die Zahl der Türme.

Zählte die Besatzung wenigstens ein, zwei Dutzend Ritter und hundert Fußknechte, so zogen es die Ordensbrüder vor, die Sache mit einem unerfahrenen Gegner auf dem Platz vor der Burg in offener Feldschlacht zu entscheiden, denn der Vorteil schwerer Rüstung und kriegerischer Ausbildung wog sogar schwerer als der Schutz der Backsteinmauern.

In den 1280er-Jahren wurde die Burg mit einer Wehrmauer umgeben. Zur selben Zeit wurde der Konvent in die Burg verlegt, und innerhalb der Wehrmauer entstand der Friedhof des Konvents. Bei der Burg war bereits 1276 eine Siedlung entstanden, der 1278 das Stadtrecht verliehen wurde. Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts wurden an das Geviert der vier Flügel ein Danzker und ein großer Wehrturm angebaut. Im Nordosten fügte man der Burg eine Vorburg hinzu. Im Großen und Ganzen entwickelte sich die Marienburg bis 1309 wie eine typische Komturburg. Nachdem 1308 Danzig eingenommen und anschließend durch den Vertrag von Soldin ganz Pommerellen angegliedert worden war, wurde dem Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen klar, dass die Geschäfte des Ordens nur in Preußen gut liefen – zumal auch der Landmeister von Preußen, Heinrich von Plotzke, eine im Orden äußerst angesehene Persönlichkeit, dazu drängte, sich stärker Preußen zuzuwenden. Und so wurden 1309 der Hauptsitz des Ordens und die Residenz des Hochmeisters von Venedig nach Marienburg verlegt.


Marienburg

Die Wahl Marienburgs zur Ordenshauptstadt war wohlbegründet, denn die Burg lag einerseits außerhalb der Reichweite der heidnischen Litauer, die Raubzüge in die Ordenslande unternahmen, andererseits im belebtesten Gebiet des Staates. Offiziell wurde Marienburg am 14. September 1309 zur Ordenshauptstadt erklärt.

Selbstverständlich musste der Hauptstadtstatus unweigerlich auch die Burg selbst verändern. Weil eine beträchtliche Zahl von Amtsträgern, Dienern und Kriegern untergebracht werden musste und offizielle Delegationen und Gesandtschaften zu empfangen waren, begann der Umbau der Marienburg bereits im selben Jahr 1309. In den 1330er-Jahren erhielt die Burg ihre dreiteilige Struktur: das Hochschloss, die umgebauten ältesten Gebäude, das Mittelschloss an der Stelle der früheren Vorburg und die Vorburg als neuer Wirtschafts- und Lagerbereich anstelle der alten. Im Hochschloss wurde die St.-Annen-Kapelle errichtet, die spätere Grablege fast aller Hochmeister. Doch die Tradition, die Ordensoberhäupter dort beizusetzen, entstand nicht sofort. Der Initiator der Hauptstadtverlegung selbst, Siegfried von Feuchtwangen, wurde 1311 in Culmsee (Chełmża) bestattet. Sein Nachfolger Karl von Trier wurde 1324 in seiner Heimatstadt Trier beigesetzt. Werner von Orseln und Luther von Braunschweig fanden ihre letzte Ruhe in den Domen von Marienwerder (1330) und Königsberg (1335). Erst 1341 wurde Dietrich von Altenburg in der St.-Annen-Kapelle begraben. Zur Tradition wurden Beisetzungen in der Marienburg jedoch erst zehn Jahre später mit dem Begräbnis Heinrich Dusemers, da sein Vorgänger Ludolf König seine letzte Ruhestätte in Marienwerder gefunden hatte.


Das eigentliche Leben der Marienburg spielte sich im Mittelschloss ab, wo sich die Residenz des Meisters befand, auch Hochmeisterpalast genannt. Dieser Teil der Marienburg wurde im Wesentlichen unter Heinrich Dusemer (1345–1351) erbaut, der keine Kosten scheute, um der Marienburg großartige Bauten und prachtvolle Innenräume zu verschaffen. Der Große Remter des Mittelschlosses bot bis zu 400 Menschen Platz. Für die Wandmalereien im Konventssaal verwendete man eine sündhaft teure grüne Farbe, die im Mittelalter aus Weichtieren gewonnen wurde. Überhaupt sollten die gewaltigen Ausmaße der Anlage und ihre Ausstattung die Macht des Ordens unterstreichen. Und bezeichnenderweise mehrte die Marienburg ihre Größe gerade zusammen mit der Größe des Deutschen Ordens – und verlor sie auch zusammen mit ihm.


Marienburg

Interessanterweise wurden mittelalterliche Burgen vom nebligen Albion bis an die Ostseeküste nach ein und demselben Prinzip angelegt: Die Angreifer sollten ein Hindernis nach dem anderen stürmen, eine Verteidigungslinie nach der anderen nehmen. So hätte ein bewaffneter Trupp, der es wagte, die Marienburg von der am schwächsten geschützten Westseite her einzunehmen, anderthalb Dutzend befestigte Tore und vier Zugbrücken überwinden und drei eiserne Fallgitter aufbrechen müssen.

Bemerkenswert ist noch etwas anderes: In der jahrhundertelangen Geschichte der Erstürmung Tausender Burgen in Europa kam es nur wenige Male vor, dass die Angreifer tatsächlich ein Hindernis nach dem anderen nahmen und schließlich die Reste der Besatzung in der Zitadelle – dem Donjon oder Bergfried – belagerten. Also eine Fehlkalkulation der Schöpfer dieses Verteidigungssystems? Wohl kaum. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um eine psychologische Waffe, denn dieselben polnischen Gesandten waren mehrfach zur Audienz beim Hochmeister. Jedes Mal führte man sie auf verschlungenen Wegen, ließ Brücken und Gitter herab und wieder hinauf, schloss die Schlösser eisenbeschlagener Türen auf, und das alles unter den Augen der Wachen in zahllosen Türmen und Türmchen. Aus der Marienburg zurückgekehrt, berichteten sie dem König, diese Burg sei eine regelrechte Falle aus Backstein, die im Sturm schlicht nicht einzunehmen sei. Ach ja, übrigens: All diese zahlreichen Hindernisse konnten 1361 den litauischen Fürsten Kęstutis nicht im Burgverlies festhalten. Denn ein einziger Verräter in der Besatzung kann den ganzen Scharfsinn der Erbauer zunichtemachen.


Bis zum Großen Krieg von 1409–1411 war die Burg vollständig ausgebaut. Nach der Niederlage des Ordens in der Schlacht bei Tannenberg beschloss das polnisch-litauische Heer, den Krieg mit einem Schlag zu beenden, und zog gegen die Ordenshauptstadt. Die Einnahme der Marienburg schien nach allen Berechnungen keine unlösbare Aufgabe mehr zu sein. In der Marienburg befand sich nur eine kleine Besatzung von etwa 50 Rittern aus Deutschordensbrüdern und ungarischen Adligen, die nach der Nachricht von der völligen Vernichtung des Ordensheeres und dem Tod des Hochmeisters Ulrich von Jungingen den Mut verlor und praktisch kampfunfähig war. Doch der polnische König Władysław geruhte, nach Siegerbrauch drei Tage auf dem Schlachtfeld zu verweilen. Danach folgte die Bestattung der gefallenen Polen und Ordensritter. Erst am 18. Juli 1410 erreichte das königliche Heer die Marienburg. Doch dort war bereits die Truppe des Komturs von Schwetz, Heinrich von Plauen, eingetroffen, der gleich nach der Nachricht von der Niederlage des Ordens die Pläne des Gegners vorausgesehen hatte und mit seinem Heer zur Verteidigung der Marienburg aufgebrochen war. Schon am 18. Juli war er in der Burg und ließ als Erstes die Stadt niederbrennen, damit Polen und Litauer sie nicht als Quartier nutzen konnten. Władysław dagegen hatte es nicht eilig: Unterwegs nahm er zweitrangige Burgen ein und empfing Abgesandte von Burgen und Städten, die sich freiwillig der polnischen Krone unterwerfen wollten. Erst am 25. Juli stand das Heer Władysławs vor der Marienburg. Am folgenden Tag unternahm man einen ersten Sturmversuch, der jedoch scheiterte. Danach wurde die Burg mit Artillerie beschossen. Selbst die primitive Artillerie des frühen 15. Jahrhunderts zeigte, dass Backsteinbefestigungen ihrem Feuer nicht lange standhalten konnten. Wegen der geringen Zahl polnischer Geschütze richteten die Steinkugeln an den Burggebäuden keinen verhängnisvollen Schaden an, versetzten die Verteidiger aber in Angst und Schrecken. Eine der Steinkugeln, die den Sommerremter des Mittelschlosses beschädigt hatte, wurde später zur Erinnerung an diese Ereignisse in dessen Wand eingemauert. Allerdings schwieg auch die Ordensartillerie nicht und feuerte mit wechselndem Erfolg Steinkugeln auf das polnische Heer. Die Belagerung zog sich hin. Den Ordensrittern gelang es, mithilfe eines Pfarrers den Ordensschatz aus der Burg zu schaffen und mit diesem Geld Söldnertruppen anzuwerben.


MarienburgDie Innenräume der Marienburg sind atemberaubend! Schon im 15. Jahrhundert gab es dort Fußbodenheizung! Und erst die Decken!

Am 9. September 1410 verließen die Litauer das vereinigte Belagerungsheer. Danach zogen, ohne noch an einen Erfolg zu glauben, auch die polnischen Fürsten ab. Dem König blieb nichts anderes übrig, als die Belagerung aufzuheben und den Rückzug nach Polen anzutreten. So verdiente sich Heinrich von Plauen den Titel „Retter der Marienburg“, und die Marienburg selbst durfte als Retterin des Ordens gelten, denn mit ihrem Fall wäre der Große Krieg ganz anders ausgegangen.

Und dieser Ausgang war, wie schon mehrfach erwähnt, durchaus erträglich, wenn man bedenkt, dass der Orden militärisch geschlagen war und weitere Kampfhandlungen ihm keinen Erfolg versprachen. Territorial verlor der Orden nur seine allerjüngste Erwerbung – Samaiten, und auch das nur für die Regierungszeit des polnischen Königs Władysław und des litauischen Großfürsten Alexander. Die Kontribution von 100.000 Prager Groschen zugunsten des Königs erschien der Ordensführung dabei als geradezu nebensächlicher Artikel des Friedensvertrags. Doch gerade dieses Geld vollbrachte letztlich, was das gesamte polnisch-litauische Heer nicht vermocht hatte: den Orden als eigenständigen Staat zu vernichten und seine Einheit zu zerstören, die territoriale ebenso wie die gesellschaftliche.


Die Zeit zwischen dem Großen und dem Dreizehnjährigen Krieg (1411–1454) war für den Orden und seine Hauptstadt Marienburg eine Abfolge politischer, finanzieller und innerer Krisen. Als die erste Rate der Kontribution fällig wurde, stellte sich heraus, dass der Orden kein Geld hatte: Schatzkammer, Städte und Bauernschaft waren vom Krieg ruiniert, und über die Kontributionen hinaus war der Orden auch noch Schuldner in- und ausländischer Anleihen. Hochmeister Heinrich von Plauen handelte so, wie europäische Herrscher es jahrhundertelang taten: Zur Tilgung der Schulden führte er eine Sondersteuer ein, die die gesamte Bevölkerung des Staates traf, vor allem aber die Städte und die Ordensritter selbst. Folgerichtig erwuchs ihm Opposition, sowohl im Orden selbst als auch in den Städten. Danzig, die wichtigste Einnahmequelle des Ordens, empörte sich, dann schloss sich Rehden dem Aufruhr an, und der ordensfeindliche „Eidechsenbund“ wurde aktiv. Darauf hatte der Hochmeister nur eine Antwort: Strafexpedition, Gericht, Hinrichtung der Anführer. Doch nachdem der Komtur von Rehden verurteilt worden war, verlor der Hochmeister auch in der Ordensspitze seinen Rückhalt. Plauen tat einen beispiellosen Schritt: Er begann, sich mit Bürgern und niederem Adel zu beraten, und gründete 1412 den „Landesrat“, den ersten Versuch, Vertreter der Städte in die Staatsverwaltung einzubinden.


MarienburgDie Säulen im Hof des Hochschlosses der Marienburg sind mit zahlreichen Hochreliefs verziert.

Doch dieser „demokratische Schritt“ schadete in Wirklichkeit dem Ansehen des Hochmeisters – nun waren alle mit Heinrich von Plauen unzufrieden: die Ordensbrüder, der livländische Landmeister, das städtische Patriziat, die Geistlichkeit. Öl ins Feuer goss der polnische König, der dem Papst und dem Kaiser Schreiben schickte, in denen er vorschlug, den Orden ganz aufzulösen, da ihm im Baltikum keine Aufgaben mehr geblieben seien.

Der Hochmeister musste auf eine solche Provokation reagieren und eröffnete vorzeitig Kampfhandlungen gegen Polen. Er selbst blieb krankheitsbedingt in Marienburg, was seinem Ansehen in militärischen Kreisen nicht zuträglich war. Am Ende führte die militärische Führung das Heer zurück, und das auf Initiative des Hochmeisters einberufene Kapitel wandte sich gegen ihn, beschuldigte Plauen des Verrats und unverzeihlicher Fehler und zwang ihn schließlich zum „freiwilligen“ Amtsverzicht. Von Plauen wurde in Danzig in Haft genommen, und Hochmeister wurde das Haupt der Verschwörer, Michael Küchmeister von Sternberg. So ereignete sich in Marienburg der erste und letzte Staatsstreich in der Geschichte der Hauptstadt. Bis heute ungeklärt ist die Geschichte um die spätere Bestattung Heinrichs von Plauen. Kurz vor seinem Tod wurde er vollständig rehabilitiert und laut den Ordenschroniken in der St.-Annen-Kapelle in Marienburg beigesetzt. Diese Angabe findet sich in allen Biografien Heinrichs von Plauen. Als man jedoch die Gruft öffnete, stellte sich heraus, dass das Grab von Plauens leer war. 2007 legten polnische Archäologen im Dom von Kwidzyn (Marienwerder) eine Gruft mit den Bestattungen dreier Personen aus der Ordenszeit frei. In einer von ihnen identifizierten Anthropologen den 27. Hochmeister des Deutschen Ordens. Heute gilt seine Beisetzung in Marienwerder als allgemein anerkannt.


Innere Fehden im Orden, hohe Steuern und anhaltender polnischer Druck führten zum Dreizehnjährigen Krieg (1454–1466), in dem auf der einen Seite der Orden und die ihm treuen Städte kämpften, auf der anderen der Preußische Bund – Städte, die sich von der Ordensherrschaft lösen wollten – sowie das sie tatkräftig unterstützende Polen. Dabei wechselten manche Städte mehrmals die Seite – je nachdem, wessen Truppen gerade vor ihren Mauern standen. Entschiedene Gegner des Ordens und Rückgrat des Preußischen Bundes waren Danzig (Gdańsk) und Elbing (Elbląg).


MarienburgEin Zeppelin über Marienburg. Einst verkehrten sie in Preußen zwischen den Städten wie heute die Flugzeuge.

Aus heutiger staatlicher Sicht erscheint das Vorgehen des Preußischen Bundes, das auf die Zerschlagung des Ordensstaates und den Übergang unter die polnische Krone zielte, als eindeutiger Verrat. Damals jedoch war dies etwas Gewöhnliches, denn die Vasallenbindung zählte weit mehr als die nationale Zugehörigkeit. Zudem war die Bevölkerung der preußischen Städte bunt gemischt – mit Polen, Litauern und ethnischen Prußen.

Während die drei Hochmeister nach Heinrich von Plauen – Michael Küchmeister (1414–1422), Paul von Rusdorf (1422–1441) und Konrad von Erlichshausen (1441–1449) – den Weg der Zusammenarbeit mit den Städten und später auch mit den Vertretern des Preußischen Bundes beschritten, war der nächste Hochmeister, Ludwig von Erlichshausen, ein Verfechter des Machtmonopols des Ordens und verhandelte mit den Städten ausschließlich aus einer Position des Diktats. Daraufhin sandten die Vertreter des Preußischen Bundes dem polnischen König Kasimir IV. ein Schreiben mit der Bitte, sie unter seine Fittiche zu nehmen. Am 6. März 1454 erließ die polnische Seite die Inkorporationsurkunde, durch die die Städte des Preußischen Bundes samt den ihnen gehörenden Gebieten Polen eingegliedert wurden. Die aufständischen Bürger umstellten die den Städten nächstgelegenen Ordensburgen und forderten die Ritter auf, sie zu räumen und den Aufständischen zu übergeben. Der Orden antwortete mit Kampfhandlungen, obwohl er darauf völlig unvorbereitet war. Von Anfang an erlitt er eine Niederlage nach der anderen. Söldnertruppen wurden gebraucht, doch dafür fehlte das Geld. Marienburg wurde bereits 1554 von den Polen belagert. Zu dieser Zeit verfügte die Burg schon über äußere Erdbefestigungen, in denen Artillerie stand. Das entsprach dem Geist der Zeit: Die Festungsbaumeister Europas waren in der Epoche der aufkommenden Artillerie und Handfeuerwaffen noch nicht bereit, die alten Burgen aufzugeben, und umgaben sie deshalb mit einem äußeren Erdwall mit Redouten, Basteien und Bastionen, die dem Feuer der Belagerer standhielten. Auch bei der Belagerung Marienburgs kamen Pulvergeschütze zum Einsatz.


Allmählich gelang es dem Orden, die Lage auf den Kriegsschauplätzen zu verbessern. Nun aber wurde der Geldmangel in der Kasse zum Hauptproblem. Der Orden begann, seine Besitzungen zu verkaufen, um irgendwie Mittel für die Söldner aufzubringen. 1456 ging es so weit, dass der Hochmeister zur Begleichung seiner Schulden bei den böhmischen Söldnern ihnen die Hauptstadt – die Marienburg – verpfändete und selbst nach Königsberg übersiedelte. Als 1457 polnische Truppen vor Marienburg erschienen, verkauften die Söldner die Burg kurzerhand, wozu sie formal durchaus berechtigt waren. 1466 war der Orden völlig erschöpft und bat um Frieden. Auch die polnische Seite und vor allem die am Krieg beteiligten Städte waren durch die Kämpfe und Kriegskosten schwer ruiniert. Im selben Jahr wurde der Zweite Thorner Frieden geschlossen, durch den der Orden seine Souveränität und den Großteil seiner Gebiete verlor. An Polen fiel auch die einstige Ordenshauptstadt Marienburg.


Die Marienburg im Jahr 19451945 fiel die Marienburg in noch schlechterem Zustand an Polen als Königsberg an Kaliningrad.

Nach dem Übergang in polnischen Besitz büßte die Marienburg, die nun Malbork hieß, ihre einstige Größe ein. Die Burg selbst blieb unverändert, doch ihr Rang wurde deutlich herabgesetzt. Sie war jetzt nur noch eine von vielen königlichen Residenzen, ein Ort für Delegationstreffen und den Empfang von Gesandtschaften, für Bälle und Festlichkeiten. Außerdem befanden sich auf dem Burggelände eine Werkstatt, ein Arsenal und eine beträchtliche Garnison.

1618 wurde die Kirche in Malbork den Jesuiten übergeben. 1626 und 1656 wurde die Burg von den Schweden eingenommen. Hier unterzeichnete am 29. Juni 1656 der brandenburgische Kurfürst und Herzog in Preußen Friedrich Wilhelm („der Große Kurfürst“) im Zuge der Klärung der Frage der preußischen Souveränität den Vertrag von Marienburg, durch den das Herzogtum (nach Friedrich Wilhelms Absicht vorübergehend) zum Lehen des schwedischen Königs wurde. Während der langen Zeit der polnisch-schwedischen Kriege geriet Malbork mehrmals in das Kampfgebiet, blieb jedoch von Zerstörungen verschont.


Nach der Teilung Polens 1772 drohte der Marienburg eine neue Gefahr: Sie wurde intensiv wirtschaftlich genutzt, ein Teil der Räume wurde umgebaut, ein anderer Teil auf Ziegel abgetragen. Offiziell verboten wurde der Abriss erst 1804 – nachdem der Königsberger Student Max von Schenkendorf ein Jahr zuvor in der Presse die Öffentlichkeit aufgefordert hatte, das mittelalterliche Denkmal zu erhalten. Die Kriege Preußens gegen Napoleon durchkreuzten die Pläne zur Rettung der Marienburg. Doch bald nach ihrem Ende begann 1816 die Restaurierung der Burg, überwiegend aus Spendengeldern. Sie wurde 1850 abgeschlossen, und die Burg erstrahlte wieder in ihrer einstigen Schönheit. 1872 feierte man hier sogar den 100. Jahrestag des Anschlusses Westpreußens an Deutschland. An den Feierlichkeiten nahm Kaiser Wilhelm I. teil. Der Wiederaufbau der Burg wurde auch nach diesen Feiern fortgesetzt. Geleitet wurden die Arbeiten von dem Kenner der Burggeschichte Conrad Steinbrecht.


Im nationalsozialistischen Deutschland war das Verhältnis zum Deutschen Orden und zu den von ihm hinterlassenen Bauten zwiespältig. Einerseits zogen die Ideologen des deutschen Nationalsozialismus direkte historische Parallelen zwischen dem Dritten Reich und dem Ordensstaat, bedienten sich der Ordenssymbolik und mythologisierten die Ordensgeschichte. Andererseits distanzierten sie sich vom Orden, da sie sein recht unrühmliches Ende und seine Lehnsabhängigkeit von Polen nicht vergessen hatten. Zudem hielten die Nationalsozialisten es für weit nützlicher, dass sich die Jugend mit den Realitäten der Gegenwart befasste, statt in einer zwiespältigen Vergangenheit zu wühlen. Dennoch nutzten nationalsozialistische Organisationen die erhaltenen Ordensbauten recht intensiv und mit ideologischem Hintergrund. So versammelte der Hochmeisterpalast der Marienburg wiederholt Mitglieder der NSDAP zu verschiedenen Zeremonien, und das Burggelände diente der örtlichen Gliederung der Hitlerjugend und des „Bundes Deutscher Mädel“ als Sommerlager. Eine solche Nutzung historischer Bauwerke war im Übrigen auch in anderen Teilen des Reiches keine Seltenheit.


MarienburgDie wiederaufgebaute Marienburg – die größte Backsteinburg der Welt.

Als sich Verbände der Roten Armee Marienburg näherten, erklärten die Nationalsozialisten die Burg zur Festung – eine Entscheidung mit viel Propaganda, aber wenig militärischem Sinn. Anders als Königsberg wurde die Marienburg zunächst von der sowjetischen Fernfliegertruppe bombardiert, die man jedoch eher als taktische und nicht, wie bei den Briten, als strategische Luftwaffe bezeichnen sollte. Danach folgten Artilleriebeschuss und der Sturmangriff, ebenfalls mit Unterstützung aus der Luft.

All dies führte dazu, dass die Burg am Ende der Kämpfe um Marienburg nur noch ein Trümmerhaufen war, in dem sich die einstigen Burggebäude kaum noch erkennen ließen. Doch bereits Ende der 1940er-Jahre ließ die polnische Seite das Gelände entminen, einen Teil des Schutts räumen und unterband den Zugang für Baustoffjäger. Ende der 1950er-Jahre wurde in Malbork ein gesellschaftliches Komitee für den Wiederaufbau der Burg gegründet, dem örtliche Historiker, Kulturschaffende und Heimatforscher angehörten. 1961 wurde das Burgmuseum ins Leben gerufen. Der Wiederaufbau der Burg zog sich über viele Jahre hin und ist bis heute nicht abgeschlossen. 1997 wurde die Burg Malbork in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Fachleute hoben die hohe Authentizität der wiederhergestellten Burggebäude hervor. 2014–2016 schlossen die Restauratoren die Wiederherstellung der Burgkirche ab, die heute als Burgkirche der Heiligen Jungfrau Maria bezeichnet wird. Der Wiederaufbau des Burgkomplexes ist noch immer nicht vollständig beendet. Doch schon in seinem heutigen Zustand ist das Museum der Marienburg eine Anlage, die durch die Dimensionen ihrer Bauten und die Fülle ihrer Ausstellungen überwältigt und jedes Jahr Hunderttausende Touristen aus aller Welt anzieht.


Die Marienburg (Malbork) im Netz:

Facebook — Muzeum.Zamkowe.w.Malborku

Instagram — @malborkcastlemuseum

Website der Marienburg (Malbork) — zamek.malbork.pl

THORN

► Polen, Woiwodschaft Kujawien-Pommern, Stadt Thorn (Toruń)

Koordinaten: 53.008953, 18.610752

Zustand des Objekts (2020): Ruine in der Altstadt nahe dem Weichselufer.


Thorn (Toruń) war die erste Burg des Deutschen Ordens im Baltikum. Sie wurde 1230–1231 auf dem dem Orden geschenkten Brückenkopf errichtet – dem Kulmer Land oder, wie die Ordensritter selbst es nannten, dem Kulmerland. Ihren Namen erhielt sie nach der Burg Toron in Palästina. Als zunächst zwei und später noch fünf weitere Ordensbrüder zur Erkundung ins Kulmerland kamen, errichteten sie der in der „Chronik des Preußenlandes“ Peters von Dusburg überlieferten Legende zufolge auf einer Eiche eine Art Beobachtungsposten, den sie mit einem Palisadenzaun umgaben. Es spricht jedoch alles dafür, dass es in Wirklichkeit gar keine Eiche gab, sondern dass aus Eichenstämmen die erste befestigte Wohnstätte des Ordens errichtet wurde. Bei der Burg entstand sogleich eine Siedlung, die bereits 1233 das Stadtrecht erhielt. Wegen der ständigen Überschwemmungen durch den Fluss wurde die Burg jedoch 1236 etwa sieben bis acht Kilometer weiter nach Osten verlegt und an der Stelle einer alten slawischen Burg neu errichtet, von der noch die Wälle erhalten waren. Die Siedlung, die bereits das Stadtrecht besaß, zog mit der Burg um. Thorn und Kulm waren die ersten Städte, mit denen der Orden einen Vertrag über die Bedingungen ihres Bestehens auf Ordensland schloss. Bei der Ausarbeitung des Vertrags mit den Bürgern griff man auf das Magdeburger Stadtrecht zurück, das den örtlichen Gegebenheiten angepasst wurde und den Namen Kulmer Recht erhielt. Dieses Recht wurde auch bei Verträgen mit anderen Städten im Staat des Deutschen Ordens angewandt, überdauerte den Orden selbst und wurde erst im 17. Jahrhundert durch eine neue Stadtordnung ersetzt. Das Kulmer Recht galt nicht nur auf den Ländereien des Ordens, sondern auch in Polen, unter anderem in Städten auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und des heutigen Belarus.


Toruń

Noch vor Beginn des Prußenaufstands im Jahr 1260 begann man, die Burg in Stein umzubauen. Die Bauarbeiten dauerten mehrere Jahrzehnte. Das Ergebnis war eine für den Deutschen Orden etwas ungewöhnliche hufeisenförmige Burg, deren Enden ein rechteckiger Flügel abschloss.

Die Burg besaß zwei in die Mauern eingebaute Türme, einen hohen Hauptturm im Inneren der Burg und einen über den Graben vorgeschobenen Danzker, der im Kriegsfall ebenfalls der Verteidigung diente. Um diesen Komplex, der die Bezeichnung Hochburg – obere Burg – erhielt, wurde die untere Burg angelegt, die aus mehreren Staffeln von Wehrmauern (zwei bis vier) mit Toren und Türmen sowie Wirtschafts- und Nebengebäuden bestand. In ihrer Größe und der Zahl ihrer Verteidigungslinien übertraf Thorn etwa Balga, doch die Chroniken vermerken, dass Waffenarsenal und Garnisonsstärke im 13.–14. Jahrhundert hier geringer waren als in den nördlichen Burgen. Damals lag Thorn weit im Hinterland und war daher für die Prußenaufstände und die litauischen Einfälle unerreichbar. Zugleich waren die Burg Thorn und die Stadt daneben das wichtigste Wirtschaftszentrum des Ordensstaates. Zur Burg gehörten mehrere Mühlen, eine Brauerei und eine Schmiede. Vor dem Großen Krieg verfügte die Burgwirtschaft über einen Getreidevorrat von 550 Tonnen, 500 Pferde, 400 Kühe und Ochsen, 3000 Schafe und Ziegen sowie 600 Schweine. Die Ordensdokumente erwähnen außerdem 5000 Käselaibe, vier Fässer Butter, 16 Fässer gesalzenen Speck und viele andere Lebensmittelvorräte. Darüber hinaus war Thorn immer wieder Ort von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen: 1329 wurde hier das Bündnis zwischen dem Orden und Böhmen geschlossen, und hier wurden auch die beiden für den Orden schicksalhaften Thorner Frieden unterzeichnet – der Erste (1411) und der Zweite (1466).


Zu Beginn des 15. Jahrhunderts änderte sich jedoch alles grundlegend. Die Zuspitzung der Beziehungen zu Polen und die Union Polens mit Litauen führten dazu, dass der Brennpunkt nun im Süden des Ordensstaates lag und Thorn in das Gebiet möglicher Kampfhandlungen geriet. Zumal das Kulmerland selbst zum Zankapfel zwischen den Ordensrittern und den Polen geworden war: Die Polen bestritten die Rechtmäßigkeit seines Erwerbs durch den Orden und zweifelten sowohl an der Echtheit der Urkunde über die Übertragung des Kulmerlandes in den Besitz des Ordens als auch an der Legitimität der Bestimmungen des Friedens von Kalisch (1343). Der Kriegsbeginn brachte Thorn und den anderen Grenzburgen allerdings nicht die erwartete Belagerung, denn beide Heere hielten sich eines unbedingten Sieges für würdig und suchten daher die Entscheidungsschlacht, statt sich zu verzetteln und Burgen anzugreifen. Eine solche Entscheidungsschlacht hätte bei Thorn stattfinden können, wo das polnisch-litauische Heer zum ersten Mal seit dem Waffenstillstand von 1409 die Grenze überschritt. Auf dem Feld bei Thorn hatten die Ordensritter vorab Feldbefestigungen angelegt, doch die Polen hielten diese Stellung für sich ungünstig, verzichteten schließlich auf die Schlacht und zogen nach Polen zurück, um dann deutlich weiter östlich von Thorn erneut auf Ordensgebiet vorzustoßen.


Nach der Niederlage des Ordens in der Schlacht bei Tannenberg begann die Verteidigung der Ordenshauptstadt Marienburg. Während sich dort die damals wichtigsten Kampfhandlungen abspielten, rückte eine weitere polnische Abteilung auf Thorn vor. Die kleine Burgbesatzung leistete zwei Wochen lang Widerstand, musste sich dann aber der Übermacht des Gegners ergeben. Nach der Einnahme übergab König Jagiełło Thorn dem polnischen Heerführer und Amtsträger Wincenty Granowski, der jedoch noch im selben Jahr von Agenten des Ordens vergiftet wurde. Nebenbei bemerkt war Granowskis Gemahlin Elisabeth (Elżbieta) Pilecka die Erbin des gewaltigen Vermögens ihres Vaters und wurde nach dem Tod Granowskis sogar die Gemahlin König Jagiełłos selbst, der ihr dritter rechtmäßiger Ehemann wurde (eine weitere Ehe Elżbietas war für ungültig erklärt und aufgelöst worden). Allerdings war sie nicht lange Königin und starb drei Jahre später, vermutlich an Tuberkulose.


Toruń

1411 wurde in Thorn der Erste Thorner Frieden unterzeichnet, der den Großen Krieg beendete. Nach seinen Bestimmungen verblieb die Burg Thorn beim Orden, neuer Komtur wurde Eberhard Hallenfeld.

Die Burg war im Krieg erheblich beschädigt worden, doch die Wiederherstellungsarbeiten wurden in den folgenden 40 Jahren wegen akuten Geldmangels nie abgeschlossen. Immerhin gelang es, das Arsenal der Burg etwas zu modernisieren: Bereits 1413 umfasste es 19 Geschütze und Handfeuerwaffen. Zweimal, 1414 und 1422, belagerten polnische Truppen die Burg Thorn, denn der Erste Thorner Frieden hatte nicht alle Gegensätze zwischen dem Orden und Polen ausgeräumt, was zu zwei Kriegen von geringer Intensität führte. Beide Male hielt die Burg stand. Zwischen diesen Ereignissen kam es zudem zu einer bezeichnenden Episode: 1420 brach in der Burg ein Feuer aus. Der Komtur bat die Bürger der Stadt um Hilfe, doch diese lachten nur über die Versuche der Ritter, des Feuers Herr zu werden.


Die Nähe zur polnischen Grenze und der beträchtliche polnische Bevölkerungsanteil führten dazu, dass Thorn zur Hochburg und zum Anstifter im Kampf der Städte gegen den Orden wurde. Zunächst trat Thorn 1440 gemeinsam mit 20 weiteren Städten Preußens als Gründer des Preußischen Bundes auf. Der Orden versuchte, diesen Bund für unrechtmäßig erklären zu lassen, unterlag zunächst in dem Streit und erreichte dann mit Unterstützung des deutschen Kaisers, dass der Preußische Bund für rechtlich unzulässig erklärt wurde. Doch die Städte selbst und den Gang der Geschichte kümmerte dieser Spruch längst nicht mehr. Der Orden war nicht mehr unumschränkter Herr in seinem Land, und die Entwicklung der europäischen Gesellschaft, Wirtschaft und Kriegführung führte dazu, dass der Orden als Organisation in diesem Land überflüssig wurde. In Europa vollzog sich ein rascher Prozess der Herausbildung vollwertiger Nationen, deren Kern Monarchen mit absoluter Macht bildeten. Da es jedoch in Preußen keinen solchen Monarchen gab, hielten sich die Bürger für frei, jedem beliebigen Lehnsherrn den Treueid zu leisten, sei es dem polnischen König, dem Orden oder jemand anderem. Darin sahen sie keinerlei Verrat an nationalen Interessen, denn solche Interessen gab es grundsätzlich gar nicht. Militärisch gesehen war der Orden als Ritterorganisation bereits eine überholte Struktur. Nun konnten hundert Bürger mit plumpen Arkebusen mit einer einzigen Salve ein oder zwei Dutzend gut bewaffneter Ritter ins Jenseits befördern, die ihr Kriegshandwerk jahrelang vervollkommnet hatten. Noch vor Kurzem hätten solche Verluste eine große Schlacht mit einem unersetzlichen Aderlass für die Ordensbrüderschaft bedeutet, jetzt aber konnte dies binnen weniger Minuten in der Anfangsphase eines Gefechts geschehen. Zudem griff der Orden selbst immer häufiger auf Söldner zurück, da dies sowohl sicherer als auch wirksamer war. So schwand die Rolle des Ordens als Staatsoberhaupt und als militärische Kraft rapide dahin.


ToruńRuinen der Burg in Toruń. Die Stadt überstand den Zweiten Weltkrieg ohne Verluste. Die Burg dort war jedoch schon viel früher zerstört worden.

Für Thorn begann alles am 6. Februar 1454, am dritten Tag des Dreizehnjährigen Krieges. An diesem Tag erschien eine Abordnung Thorner Bürger vor der Burg und forderte den Komtur zu Verhandlungen auf – was an sich schon ein unerhörter Verstoß gegen die feudale Rangordnung war. Verblüfft über diese beispiellose Dreistigkeit beschlossen alle zwölf Ritter der Burg, die Tore nicht zu öffnen und in der Hauptstadt des Landes anzufragen, was dieser Vorstoß zu bedeuten habe und wie die Besatzung der Burg darauf reagieren solle. Natürlich wussten sie nicht, dass sich ähnliche Szenen bereits um Dutzende Ordensburgen abspielten.

Zwei Tage später stand bereits ein großes städtisches Heer vor den Mauern der Burg und forderte ihre Übergabe. Komtur Albrecht Kalb wies das Ultimatum zurück, drohte den Aufständischen mit Vergeltung und bereitete sich auf die Abwehr eines Sturms vor. Bald jedoch wurde klar, dass sich die Burg nicht lange würde halten können und keinerlei Hilfe vom Ordensheer zu erwarten war. Daraufhin ergab sich der Komtur den Bürgern unter der Bedingung, dass den Verteidigern Leben und freier Abzug aus der Burg gewährt würden. Anschließend beschloss der Thorner Rat, dass schon die bloße Existenz einer Ordensburg vor den Mauern der Stadt eine ständige Bedrohung darstelle und die Burg deshalb abgerissen werden müsse. Die Bürger nahmen diesen Beschluss begeistert auf und begannen, die Burg als Baumaterial abzutragen. Bald waren von ihr nur noch der Danzker und Ruinen der Flügel übrig. Nach Kriegsende 1466 lag Thorn auf dem an Polen gefallenen Gebiet. Die Burg wurde dort nicht wieder aufgebaut – im Gegenteil, man trug ihre Überreste weiter für Ziegel ab. Dennoch ist der Danzker in etwas verkürzter Form bis heute erhalten geblieben; auch der Arkadengang zu ihm wurde etwas verändert. Der Turm und die Mauerreste stehen heute als Geschichts- und Baudenkmal unter Schutz und sind Teil touristischer Routen.


BIBLIOGRAFIE

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  • Гаузе Ф. Кёнигсберг в Пруссии. История одного европейского города.
  • Торнский анналист. Электронная версия.


● Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag von Alexej Petruschin stellt bei Weitem nicht alle Burgen des Deutschen Ordens vor, die von Christen auf dem Gebiet Preußens errichtet wurden, sondern nur die bekanntesten, zumindest teilweise erhaltenen und charakteristischsten Bauwerke der Ordenszeit. Wir werden uns bemühen, den Text künftig entweder zu ergänzen oder ein anderes Format anzubieten – möglicherweise erhält zur besseren Übersicht für die Leser jedes Objekt eine eigene Seite. Allenstein (Olsztyn), Braunsberg (Braniewo), Memel (Klaipėda), Neidenburg (Nidzica), Neuhaus (Selenogradsk), Rößel (Reszel), Rossitten (Rybatschi), Tilsit (Sowetsk), Heilsberg (Lidzbark Warmiński), Elbing (Elbląg) … Das ist noch längst keine vollständige Liste dessen, was bislang unberücksichtigt geblieben ist. Uns erwarten noch viele hochinteressante Geschichten!


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.