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Die Eroberung des Samlands: 1253–1255

Die Eroberung des Samlands: 1253–1255

Aus dem Buch „Der Deutsche Orden“ von Anatoli Bachtin (Verlag „Schiwjom“, Kaliningrad, 2020).

Die Unterwerfung Sambias galt anfangs nicht als schwieriges Unterfangen: Man wusste im Orden zwar, dass die Samen ein tapferes Volk waren, nahm aber dennoch an, dass das Schicksal ihrer bereits eroberten Nachbarn jeden Versuch, die eigene Unabhängigkeit zu verteidigen, entmutigen würde. Im Winter 1252–1253 wurde der erste Versuch zur Eroberung Sambias unternommen. Der Komtur von Christburg [Dzierzgoń, Polen — Red.] Heinrich von Skonnenberg Stange (Heinrich Stange), ein tapferer und umsichtiger Krieger, führte diesen Feldzug an. Nachdem er die Ordensbrüder versammelt und ihnen eine beträchtliche Hilfstruppe aus Prußen beigegeben hatte, überquerte der Komtur das Eis des Frischen Haffs im Bereich des Lochstedter Tiefs und fiel auf der Samländischen Halbinsel ein. Ohne auf Widerstand zu stoßen, rückte das Heer bis in die Gegend der Siedlung Girmow1 vor. Hier wurde es von einem zahlenmäßig starken Heer der Samen angegriffen. Dem Ansturm nicht gewachsen, begann die Ordensschar sich zurückzuziehen. Heinrich Stange, sein Bruder Hermann und die Ordensbrüder deckten den Rückzug. Im Nachhutgefecht fielen der Komtur und sein Bruder.

Um die Verbindung zwischen Preußen und Livland zu verbessern, entsandte der Vizelandmeister von Livland Eberhard von Sayn im Jahr 1252 eine Schar Ordensbrüder, die eine Zwischenfestung gründen sollte. Sie zogen die Meeresküste entlang und gründeten an der Mündung der Dange (Danes) die Memelburg und bald darauf auch eine Stadt mit lübischem Recht [Klaipėda, Litauen — Red.].

Doch die Verbindung blieb unsicher, solange Sambia nicht unterworfen war. Bald erreichte die Nachricht vom Bau Memels die Samen. Um herauszufinden, was es damit auf sich hatte, schickten sie Kundschafter aus, die die neu errichtete Festung in Augenschein nehmen sollten. Die Späher kamen zu dem Schluss, dass es ein Leichtes sein würde, dieses „Krähennest“ (kreyn nest) einzunehmen. Anfang 1254 sammelten die Samen ein großes Heer, zogen über die Kurische Nehrung, setzten über die schmale Meerenge, die die Nehrung vom Festland trennt, und belagerten die Festung. Inzwischen war dort jedoch bereits Anno von Sangerhausen eingetroffen, der Ende 1253 zum Landmeister von Livland ernannt worden war. Er hatte die Memelburg zusätzlich befestigen und ihre Besatzung verstärken können. Der Versuch der Samen, die Befestigung im Sturm zu nehmen, scheiterte, und sie mussten umkehren. Anno von Sangerhausen, der mit einer eigenen Schar gekommen war, vereinigte sich mit der Besatzung der Memelburg und nahm die Verfolgung der Prußen auf. Er durchbrach auf der Nehrung einen starken Verhau, drang in Sambia ein, plünderte die nahe gelegenen Siedlungen und versuchte, mit der Beute zur Memelburg zurückzukehren. Doch das zahlreiche Heer der Samen umging ihn, errichtete auf der Nehrung einen neuen Verhau und schnitt der Ordensschar den Weg ab. Hinter und vor ihnen standen Feinde, zur Linken lag das Meer, zur Rechten das Haff. Die Ordensritter ließen die Beute zurück und versuchten den Durchbruch. Unter schweren Verlusten nahmen sie den Verhau und konnten sich zur Memelburg durchschlagen.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1253 trafen aus Sachsen und anderen Ländern zahlreiche Pilger unter dem Banner des Markgrafen von Meißen und Thüringen Heinrich des Erlauchten (Heinrich der Erlauchte markgraf von Meisen und Thüringen) ein. Mit ihnen kam der Hochmeister und Landmeister von Preußen Dietrich von Grüningen. Die Ordensführung beschloss, diese Kräfte für die eilige „Christianisierung“ der Landschaften Barten und Galinden einzusetzen. Die Eroberung Sambias wurde aufgeschoben. Dafür gab es gewichtige Gründe: Die kujawischen Herzöge Polens hatten beschlossen, ihre Gebiete zu erweitern, um festere Grenzen gegenüber Litauen und der Rus zu gewinnen. Der südliche Teil Galindens war bereits vom Herzog von Kujawien besetzt worden, deshalb musste sich der Orden beeilen. Die Unterwerfung dieser beiden Landschaften vollzog sich mit unerwarteter Schnelligkeit und nahezu kampflos: Barten und Galinder ließen sich taufen und wurden Untertanen des Ordens. Als Zeichen ihrer Treue stellten sie Geiseln. Der Orden beeilte sich sogleich, die neu erworbenen Gebiete unter den Schutz des Apostolischen Stuhls zu stellen. Der Papst [Innozenz IV. — Red.] seinerseits befahl den Bischöfen in Preußen, die Ordensbrüder bei der Christianisierung dieser Gebiete zu unterstützen, und drohte zugleich den Konkurrenten des Ordens (gemeint war Herzog Kasimir I. von Kujawien), die versuchen sollten, sich dieses Gebiet gewaltsam anzueignen, mit Exkommunikation und Bann. Nachdem sich der Orden in Barten und Galinden festgesetzt hatte, wandte er sich erneut der Eroberung Sambias zu. Die in den früheren gescheiterten Versuchen gesammelten Erfahrungen hatten gezeigt, dass für ein solches Unternehmen größere Kräfte nötig waren. Über diese verfügte der Orden nicht, und so wandte er sich abermals an den Papst um Hilfe. Zum zweiten Mal wurde in Deutschland, Böhmen und Mähren das Kreuz zum Schutz der christlichen Kirche in Preußen und Livland gepredigt.

Der Feldzug Ottokars II., 1254–1255

Hochmeister Poppo von Osterna beschloss, den böhmischen König Ottokar2 für den neuen Feldzug zu gewinnen. Zu diesem Zweck erschien er im Herbst 1254 in Prag. Auch der Papst wirkte daran mit, indem er den Friedensschluss zwischen Ottokar und Ungarn beschleunigte.

Přemysl Ottokar II. übernahm die Führung des Feldzugs und brach am 14. Dezember 1254 von Prag auf. In Breslau hielt er sich zur Feier des Weihnachtsfestes (24. Dezember) auf. Hier schloss sich ihm sein Schwager (der Mann seiner Schwester) Otto II., Markgraf von Brandenburg, an, der auf diesem Feldzug das Amt des Marschalls übernahm. Das vereinigte Heer zog in Richtung Preußen. In Kulm [Chełmno, Polen — Red.] empfing es Meister Poppo von Osterna. In Elbing [Elbląg, Polen — Red.] stießen ein weiterer Schwager des böhmischen Königs, Heinrich von Meißen, sowie (vermutlich) der österreichische Graf Rudolf von Habsburg zu ihnen.

Vor dem Einfall in Sambia sammelten sich die Scharen der Kreuzfahrer und der Ordensritter in der Burg Balga. Man darf annehmen, dass das vereinigte Heer etwa 250 Ritter und 2000 Knappen und Knechte umfasste. In der Burg traf Ottokar mit dem Samen Gedune zusammen, von dem er Nachrichten über die Lage im Land erhielt.

Am Morgen des 9. Januar brach der König von der Burg auf. Über das Eis des Frischen Haffs gelangten die Kreuzfahrer nach Medenow (Medenau – Logwino, Stadtkreis Selenogradsk). Sie nahmen diese prußische Festung ein, plünderten und brannten die umliegenden Siedlungen nieder und übernachteten in dieser Gegend. Am folgenden Tag, dem 10. Januar, legte der König etwa 16 Kilometer zurück und belagerte bei Rudau [Siedlung Melnikowo, Stadtkreis Selenogradsk — Red.] die mächtige Festung Hunenberg. Gegen Abend durchbrachen die Christen das Tor im Torturm, nahmen die Festung ein und erschlugen die Besatzung und die gesamte Bevölkerung.

Auf einen so überraschenden und raschen Vorstoß König Ottokars nicht vorbereitet, erklärten sich die Anführer Sambias bereit, sofort das Christentum anzunehmen, und stellten Geiseln. Der anwesende Bischof Bruno von Olmütz (Bruno von Olmütz) taufte die Anführer, und da der König als Zeuge zugegen war, gab er dem ersten von ihnen dessen Namen Ottokar. Auf gleiche Weise erhielt der zweite vornehme Pruße den Namen des Markgrafen von Brandenburg – Otto. Dieses Beispiel hatte großen Erfolg, denn schon am nächsten Tag zog der sambische Adel, von den Versprechungen und Geschenken des Königs und des Meisters verlockt, auch sein Volk mit sich.

Während die Verhandlungen liefen, schickte Ottokar einen Teil seines Heeres zur Einholung der Geiseln über Quednow (Quednau) nach Waldow (Waldau). Nach der Übernachtung in Waldow zog die Schar am Morgen des 12. Januar über Kaime (Kaymen) bis nach Tapiow (Tapiau)3. Binnen fünf Tagen war die Eroberung Sambias abgeschlossen.

Bereits am 13. Januar zog Ottokars Heer von Tapiow aus dem Lauf des Flusses Lipza (Pregora, Pregel) folgend nach Tuwangste (in die Gegend des späteren Königsberg), wo der König es vermutlich erwartete. Damit war der „Blitzkrieg“ beendet, und schon am 17. Januar befand sich der König auf dem Rückweg nach Böhmen in Elbing. Von der preußischen Residenz des Ordens aus reiste er ohne Eile und mit Zwischenhalten weiter und war am 6. Februar bereits in Troppau (Tschechien).

Man nimmt an, dass Ottokar während dieses Feldzugs vorschlug, am Ufer des Pregels eine Burg anzulegen. Der Orden folgte seinem Rat und gründete im Sommer 1255 die Festung castrum antiquum. Die Prußen nannten die Ordensfestung Tuwangste, nach dem Namen des Waldes, der sich an dieser Stelle befand. Als der Orden später beschloss, hier eine dauerhafte Burg zu errichten, erhielt sie zu Ehren König Ottokars den Namen Königsberg.

In der Burg blieb eine Besatzung unter dem Befehl des Vizelandmeisters Burchard von Hornhausen4 zurück.

Im selben Jahr erfuhren die Nadrauer, Schalauer und Sudauer, dass die Sambier geschlagen worden waren und das Christentum angenommen hatten, und beschlossen, deren Schwäche auszunutzen. Sie sammelten ein großes Heer, fielen in Samland ein, brannten Dörfer nieder, töteten die Männer und verschleppten Frauen und Kinder in die Gefangenschaft. Die Besatzung von Königsberg leistete, wie J. Voigt annimmt, dem feindlichen Ansturm tapfer Widerstand. Ob Königsberg jedoch tatsächlich angegriffen wurde, ist unbekannt. Auf dem Rückzug errichteten die Heiden an der Grenze zu Samland die Burg Wilow (Wehlau)5 und versperrten damit den Zugang nach Nadrauen. Dort ließen sie eine starke Besatzung unter dem Anführer Tirsko und seinem Sohn Mludela zurück. Doch dann geschah das Unvorhergesehene: Wie man annimmt, wurde Tirsko mehrfach nach Königsberg eingeladen, und der Vizelandmeister bewog ihn mit verlockenden Versprechungen und kostbaren Geschenken, das Christentum anzunehmen. Bald ließ sich auch die Besatzung taufen, und die Burg selbst wurde in die Hände des Ordens übergeben.

Die Sambier, empört über den Überfall ihrer Nachbarn, beschlossen, im folgenden Jahr Rache zu nehmen, und Vizelandmeister Burchard übernahm die Führung dieses Feldzugs. Der neubekehrte Tirsko, der die Wege in die Nachbarlande gut kannte, diente als Führer. Angegriffen wurde das Gebiet Unsatrapis, das an Barten und Nadrauen grenzte. Der erste Feldzug endete mit der Einnahme der Burg Kapostene. Im Jahr darauf führte ein zweiter Feldzug nach Süden die Alle entlang, und die Landschaft wurde verwüstet. Die Burg Ochtolitten fiel, die Besatzung wurde niedergemacht, die Umgebung verheert. Da sie von ihren Nachbarn keine Unterstützung erhielten, ergaben sich die Burgen Unsatrapis, Gundau und Angeteten den Christen. Der gesamte Landesadel beeilte sich, die Taufe anzunehmen, und bekräftigte seine Treue durch die Stellung von Geiseln.

So fiel ein weiteres prußisches Gebiet. Der Grund dafür lag, wie überall, in der Zersplitterung der Prußen: Keiner der großen Stämme leistete seinen Nachbarn während der gesamten Eroberung Preußens militärische Hilfe. Mehr noch: Die Nachbarn nutzten die Schwäche des von Ottokar geschlagenen Samlands aus, überfielen es und verwüsteten es zusätzlich. In dieser Lage griff das Recht der Blutrache, und die Sambier beschlossen, sich an ihren heimtückischen Nachbarn zu rächen. Der Orden nutzte die Situation und lenkte die Rache lediglich in die ihm genehme Richtung. Der prußische Adel, der vom Orden Adelsprivilegien erhielt, ging auf die Seite der Eroberer über, und dem Adel folgten auch die einfachen Prußen.


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1 – Girmow, seit dem 19. Jh. Germau. Nach 1945 Siedlung Russkoje im Stadtkreis Selenogradsk, Gebiet Kaliningrad.

2 – Tschech. Přemysl Otakar, dt. Ottokar. Přemysl Ottokar II. (1253–1278). Российская и мировая история в таблицах/сост. Ф. М. Лурье. С.П. 1995. С. 180.

3 – Kwedenow – Sewernaja Gora, Stadtrand von Kaliningrad. Waldow – Siedlung Nisowje im Stadtkreis Gurjewsk, Kaime – Siedlung Saretschje im Stadtkreis Gurjewsk, Tapiow – Stadt Gwardeisk, Gebiet Kaliningrad.

4 – Ab dem 18. Januar 1255 war Burchard von Hornhausen Vizelandmeister von Preußen. Voigt J. Namen. S.1.; Петер из Дусбурга. Хроника. С. 85.

5 – Wilow – Siedlung Snamensk im Stadtkreis Gwardeisk, Gebiet Kaliningrad.



Anatoli Bachtin und sein Buch


Das Buch „Der Deutsche Orden“ des führenden Kaliningrader Experten für dieses Thema,

Anatoli Pawlowitsch Bachtin

(17.01.1949 – 28.11.2023) 

erschien 2020 im Verlag „Schiwjom“. Mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlichen wir einen Auszug daraus, der der Geschichte der Eroberung der Samländischen Halbinsel durch die Kreuzritter und der Entstehung der Städte Memel (Klaipėda) und Königsberg (Kaliningrad) gewidmet ist.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.