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Briefe eines russischen Reisenden. Karamsin in Königsberg

Briefe eines russischen Reisenden. Karamsin in Königsberg

Ein Auszug aus dem Buch „Briefe eines russischen Reisenden“ des berühmten russischen Historikers und Schriftstellers Nikolai Michailowitsch Karamsin (1766–1826) über seine Reise durch Europa, die ganz klassisch begann: Moskau – Twer – Petersburg... Von dort führte ihn sein Weg durch Kurland nach Preußen. Nach Königsberg gelangte er, nachdem er Riga, Mitau (Jelgava, Lettland), Polangen, Memel (Klaipėda, Litauen) und Tilsit (Sowetsk, Gebiet Kaliningrad) besucht hatte, und von überall schrieb er Briefe an seine Moskauer Freunde. Wir befinden uns also am Ende des 18. Jahrhunderts: Napoleon beginnt gerade erst seine Laufbahn im Rang eines Artillerieleutnants, über das Russische Kaiserreich herrscht Paul I., über Preußen Friedrich Wilhelm II.

Twer, 18. Mai 1789

Ich habe mich von euch getrennt, ihr Lieben, ich habe mich getrennt! Mein Herz hängt an euch mit all seinen zärtlichsten Gefühlen, und doch entferne ich mich unablässig von euch und werde mich immer weiter entfernen!

O Herz, Herz! Wer weiß, was du willst? — Wie viele Jahre war das Reisen der angenehmste Traum meiner Einbildungskraft? Sagte ich nicht voller Entzücken zu mir selbst: Endlich wirst du reisen? Erwachte ich nicht jeden Morgen voller Freude? Schlief ich nicht mit Vergnügen ein bei dem Gedanken: Du wirst reisen? Wie lange konnte ich an nichts anderes denken, mit nichts anderem mich beschäftigen als mit der Reise? Zählte ich nicht die Tage und Stunden? Doch — als der ersehnte Tag gekommen war, wurde ich traurig, denn zum ersten Mal stellte ich mir lebhaft vor, dass ich mich von den liebsten Menschen auf der Welt trennen musste und von allem, was sozusagen zum Bestand meines sittlichen Daseins gehörte. Wohin ich auch blickte — auf den Tisch, an dem sich einige Jahre lang meine unreifen Gedanken und Gefühle aufs Papier ergossen hatten, auf das Fenster, unter dem ich in den Anwandlungen meiner Melancholie betrübt zu sitzen pflegte und wo mich so oft die aufgehende Sonne überraschte, auf das gotische Haus, den lieben Gegenstand meiner Blicke in den nächtlichen Stunden — mit einem Wort, alles, was mir vor Augen kam, war mir ein kostbares Denkmal der vergangenen Jahre meines Lebens, das nicht reich an Taten war, dafür aber reich an Gedanken und Gefühlen.

Von den seelenlosen Dingen nahm ich Abschied wie von Freunden; und gerade in dem Augenblick, als ich so erweicht und gerührt war, kamen meine Leute, fingen an zu weinen und baten mich, sie nicht zu vergessen und wieder zu mir zu nehmen, wenn ich zurückkehre. Tränen sind ansteckend, meine Lieben, und zumal in einem solchen Fall.

Doch ihr seid mir immer lieber, und von euch musste ich mich trennen. Mein Herz fühlte so viel, dass ich zu sprechen vergaß. Doch was soll ich euch erzählen! — Der Augenblick, in dem wir Abschied nahmen, war so beschaffen, dass tausend angenehme Augenblicke in der Zukunft ihn mir kaum aufwiegen werden.

Der liebe Ptrw. begleitete mich bis zum Schlagbaum. Dort umarmten wir uns, und zum ersten Mal sah ich seine Tränen; dort stieg ich in die Kibitka, blickte auf Moskau, wo so viel Liebes für mich zurückblieb, und sagte: Lebe wohl! Das Glöckchen erklang, die Pferde jagten davon... und euer Freund war verwaist in der Welt, verwaist in seiner Seele!

Alles Vergangene ist Traum und Schatten: ach! wo, wo sind die Stunden, in denen meinem Herzen unter euch so wohl war, ihr Lieben? — Wenn einem Menschen, selbst dem glücklichsten, plötzlich die Zukunft enthüllt würde, so würde sein Herz vor Entsetzen erstarren und seine Zunge verstummen in eben dem Augenblick, in dem er sich den glücklichsten der Sterblichen nennen wollte!..

Auf dem ganzen Weg kam mir kein einziger froher Gedanke in den Sinn; und auf der letzten Station vor Twer wurde meine Traurigkeit so groß, dass ich in der Dorfschenke, vor den Karikaturen der französischen Königin und des römischen Kaisers stehend, mir, wie Shakespeare sagt, das Herz hätte ausweinen mögen. Dort erschien mir alles, was ich zurückgelassen hatte, in so rührender Gestalt. — Doch genug, genug! Mir wird schon wieder übermäßig traurig. — Lebt wohl! Gott gebe euch Trost. — Gedenkt eures Freundes, doch ohne jedes betrübte Gefühl!

St. Petersburg, 26. Mai 1789

Nachdem ich fünf Tage hier verbracht habe, meine Freunde, fahre ich in einer Stunde nach Riga.

In Petersburg war ich nicht fröhlich. Als ich zu meinem D* kam, fand ich ihn in äußerster Niedergeschlagenheit. Dieser würdige, liebenswerte Mensch {Er weilt nicht mehr auf dieser Welt.} öffnete mir sein Herz: Es ist empfindsam — er ist unglücklich!.. „Meine Lage ist der deinen ganz entgegengesetzt“, sagte er seufzend, „dein größter Wunsch geht in Erfüllung: Du reist, um zu genießen und dich zu vergnügen; ich aber werde reisen, um den Tod zu suchen, der allein mein Leiden beenden kann.“ Ich wagte nicht, ihn zu trösten, und begnügte mich mit herzlicher Anteilnahme an seinem Kummer. „Doch glaube nicht, mein Freund“, sagte ich zu ihm, „dass du einen Menschen vor dir siehst, der mit seinem Schicksal zufrieden ist; indem ich das eine gewinne, verliere ich das andere und bedauere es.“ — Wir beide klagten zusammen von ganzem Herzen über das unglückliche Los der Menschheit oder schwiegen. Abends spazierten wir im Sommergarten umher und dachten stets mehr, als wir sprachen; jeder dachte an das Seine. Vor dem Mittagessen ging ich zur Börse, um einen mir bekannten Engländer zu treffen, durch den ich Wechsel erhalten sollte. Dort, beim Anblick der Schiffe, kam ich auf den Gedanken, zu Wasser zu reisen, nach Danzig, Stettin oder Lübeck, um schneller in Deutschland zu sein. Der Engländer riet mir dasselbe und fand einen Kapitän, der in einigen Tagen nach Stettin segeln wollte. Die Sache schien abgemacht; doch es kam anders. Ich musste meinen Pass bei der Admiralität vorweisen; dort aber wollte man ihn nicht abzeichnen, weil er von der Moskauer und nicht von der Petersburger Gouvernementsverwaltung ausgestellt war und weil darin nicht vermerkt war, wie ich reisen würde, das heißt, es war nicht vermerkt, dass ich zur See reisen würde.

Meine Einwände hatten keinen Erfolg — ich kannte die Vorschriften nicht, und mir blieb nur, auf dem Landweg zu reisen oder in Petersburg einen anderen Pass zu nehmen.

Ich entschied mich für das Erste; ich nahm einen Postschein — und die Pferde sind bereit. Also lebt wohl, liebe Freunde! Wann wird mir wohl fröhlicher zumute sein! Bis zu diesem Augenblick ist alles traurig. Lebt wohl!

Riga, 31. Mai 1789

Gestern, meine liebsten Freunde, bin ich in Riga angekommen und im „Hotel de Petersbourg“ abgestiegen. Die Reise hat mich erschöpft. Es genügte nicht der Kummer des Herzens, dessen Ursache ihr kennt: Es mussten auch noch heftige Regenfälle niedergehen; es musste mir unglücklicherweise einfallen, von Petersburg mit wechselnden Postpferden zu fahren, und nirgends fand ich gute Kibitkas. Alles ärgerte mich. Überall, so schien es, nahm man mir zu viel ab; an jeder Umspannstation hielt man mich zu lange auf. Doch nirgends war es mir so bitter wie in Narva. Ich kam dort ganz durchnässt, ganz voller Schmutz an; mit Mühe konnte ich zwei Bastmatten kaufen, um mich einigermaßen vor dem Regen zu schützen, und bezahlte dafür mindestens so viel wie für zwei Felle. Man gab mir eine untaugliche Kibitka und schlechte Pferde. Kaum waren wir eine halbe Werst gefahren, brach die Achse: Die Kibitka stürzte in den Schmutz und ich mit ihr. Mein Ilja fuhr mit dem Kutscher zurück, um eine Achse zu holen, und euer armer Freund blieb im strömenden Regen zurück. Und das war noch nicht alles: Es kam irgendein Polizist und fing an zu lärmen, dass meine Kibitka mitten auf dem Weg stehe. „Steck sie in die Tasche!“, sagte ich mit gespielter Gleichgültigkeit und hüllte mich in meinen Mantel. Gott weiß, wie mir in diesem Augenblick zumute war! Alle angenehmen Gedanken an die Reise verdunkelten sich in meiner Seele. O, hätte ich mich damals zu euch versetzen können, meine Freunde! Innerlich verfluchte ich jene Unruhe des menschlichen Herzens, die uns von Gegenstand zu Gegenstand treibt, von sicheren Freuden zu unsicheren, sobald die ersten nicht mehr neu sind, — die unsere Einbildungskraft zu Träumereien stimmt und uns zwingt, die Freuden im Ungewissen der Zukunft zu suchen!

Alles hat seine Grenze; die Welle, die ans Ufer schlägt, kehrt zurück oder, hoch aufgestiegen, fällt wieder herab — und gerade in dem Augenblick, als mein Herz übervoll war, erschien ein gut gekleideter Knabe von etwa dreizehn Jahren und sagte mit einem lieben, herzlichen Lächeln auf Deutsch zu mir: „Ist Ihnen die Kibitka zerbrochen? Schade, sehr schade! Kommen Sie doch zu uns — da ist unser Haus — Vater und Mutter lassen Sie bitten, zu uns zu kommen.“ — „Ich danke Ihnen, mein Herr! Nur kann ich mich nicht von meiner Kibitka entfernen; außerdem bin ich zu sehr in Reisekleidung und ganz nass.“ — „Zu der Kibitka stellen wir einen Mann; und wer schaut schon auf die Kleidung von Reisenden? Kommen Sie, mein Herr, kommen Sie!“ Dabei lächelte er so überzeugend, dass ich das Wasser von meinem Hut schütteln musste — natürlich, um mit ihm zu gehen. Wir fassten uns an den Händen und liefen im Laufschritt in ein großes steinernes Haus, wo ich im Saal des Erdgeschosses eine zahlreiche Familie um einen Tisch sitzend fand; die Hausfrau schenkte Tee und Kaffee ein. Man empfing mich so freundlich, bewirtete mich so herzlich, dass ich all meinen Kummer vergaß. Der Hausherr, ein älterer Mann, dem die Gutmütigkeit ins Gesicht geschrieben stand, befragte mich mit aufrichtiger Anteilnahme über meine Reise.

Ein junger Mann, sein Neffe, der vor Kurzem aus Deutschland zurückgekehrt war, erzählte mir, wie man am bequemsten von Riga nach Königsberg reist. Ich blieb etwa eine Stunde bei ihnen. Unterdessen brachte man die Achse, und alles war bereit.

„Nein, warten Sie noch!“, sagte man zu mir, und die Hausfrau brachte auf einer Schüssel drei Brote. „Unser Brot soll gut sein, sagt man: Nehmen Sie es.“ — „Gott sei mit Ihnen!“, fügte der Hausherr hinzu und drückte mir die Hand, „Gott sei mit Ihnen!“ Unter Tränen dankte ich ihm und wünschte, er möge auch künftig mit seiner Gastfreundschaft traurige Wanderer trösten, die sich von lieben Freunden getrennt haben. — Gastfreundschaft, heilige Tugend, gewöhnlich in den Tagen der Jugend des Menschengeschlechts und so selten in unseren Tagen! Wenn ich dich jemals vergesse, so mögen meine Freunde mich vergessen! Möge ich ewig ein Wanderer auf Erden sein und nirgends einen zweiten Kramer finden! {Einer meiner Freunde las, als er in Narva war, Kramer diesen Brief vor — er war zufrieden — ich noch mehr!} Ich verabschiedete mich von der ganzen lieben Familie, stieg in die Kibitka und jagte davon, erfreut, gute Menschen gefunden zu haben! — Die Post von Narva bis Riga heißt die deutsche, weil die Kommissare auf den Stationen Deutsche sind. Die Posthäuser sind überall gleich — niedrig, aus Holz, in zwei Hälften geteilt: Eine ist für die Durchreisenden, in der anderen wohnt der Kommissar selbst, bei dem man alles Nötige findet, um Hunger und Durst zu stillen. Die Stationen sind klein; manche messen zwölf und zehn Werst. Statt der Kutscher fahren ausgediente Soldaten, von denen einige noch Münnich gekannt haben; beim Erzählen von Geschichten vergessen sie, die Pferde anzutreiben, und deshalb bin ich aus Petersburg erst am fünften Tag hier angekommen. Auf einer Station hinter Dorpat musste ich übernachten: Herr S., der aus Italien kam, hatte alle Pferde genommen. Ich sprach etwa eine halbe Stunde mit ihm und fand in ihm einen liebenswürdigen Menschen. Er jagte mir Angst ein mit den sandigen preußischen Wegen und riet mir, lieber über Polen und Wien zu reisen; doch ich mag meinen Plan nicht ändern. Nachdem ich ihm eine glückliche Reise gewünscht hatte, warf ich mich aufs Bett; konnte aber nicht einschlafen bis zu dem Augenblick, als ein Tschuchonze kam, um mir zu sagen, dass die Kibitka für mich angespannt sei.

Ich bemerkte keinerlei Unterschied zwischen Estländern und Livländern außer der Sprache und den Kaftanen: Die einen tragen schwarze, die anderen graue. Ihre Sprachen sind einander ähnlich; sie haben wenig Eigenes, viele deutsche und sogar einige slawische Wörter. Ich bemerkte, dass sie alle deutschen Wörter in der Aussprache weicher machen: Daraus kann man schließen, dass ihr Gehör zart ist; doch wer ihre Unbeholfenheit, Ungeschicklichkeit und Begriffsstutzigkeit sieht, muss denken, dass sie, schlicht gesagt, ein wenig dumm sind. Die Herren, mit denen ich sprechen konnte, klagen über ihre Faulheit und nennen sie schläfrige Leute, die aus freiem Willen nichts tun: So muss man sie wohl sehr zwingen, denn sie arbeiten sehr viel, und ein Bauer in Livland oder Estland bringt seinem Herrn viermal mehr ein als unser Kasaner oder Simbirsker.

Diese armen Leute, die dem Herrn {zum Ruhm des Herrn (kirchenslaw.). — Anm. d. Red.} mit Furcht und Zittern an allen Werktagen dienen, vergnügen sich dafür an den Feiertagen ganz ohne Maß, von denen es freilich nach ihrem Kalender sehr wenige gibt. Der Weg ist mit Schenken übersät, und alle waren bei meiner Durchreise voll von feierndem Volk — man feierte Pfingsten.

Bauern und Herren sind lutherischen Bekenntnisses. Ihre Kirchen gleichen den unseren, nur dass oben nicht ein Kreuz, sondern ein Hahn steht, der an den Fall des Apostels Petrus erinnern soll. Die Predigten werden in ihrer Sprache gehalten; doch alle Pastoren können Deutsch.

Was die Landschaft betrifft, so gibt es in dieser Gegend nichts zu sehen. Wälder, Sand, Sümpfe; weder große Berge noch weite Täler. — Vergeblich sucht man auch Dörfer wie bei uns. An einer Stelle sieht man zwei Höfe, an einer anderen drei, vier und eine Kirche.

Die Bauernhäuser sind größer als die unseren und gewöhnlich in zwei Hälften geteilt: In der einen wohnen die Menschen, die andere dient als Stall. — Wer nicht mit der Post reist, muss in den Schenken einkehren. Im Übrigen sah ich fast gar keine Reisenden: So leer ist dieser Weg zur jetzigen Zeit.

Über die Städte ist nicht viel zu sagen, denn ich habe mich in ihnen nicht aufgehalten. In Jamburg, einem kleinen Städtchen, das durch seine Tuchfabriken bekannt ist, gibt es ein ansehnliches steinernes Gebäude. Der deutsche Teil Narvas, oder das eigentlich so genannte Narva, besteht größtenteils aus steinernen Häusern; der andere, durch den Fluss getrennt, heißt Iwangorod. Im ersten ist alles nach deutscher Art, im anderen alles nach russischer. Hier verlief einst unsere Grenze — o Peter, Peter!

Als sich mir Dorpat zeigte, sagte ich: Ein schönes Städtchen! Dort feierte und vergnügte sich alles. Männer und Frauen gingen umarmt durch die Stadt, und in den umliegenden Hainen schimmerten spazierende Paare. Andere Städtchen, andere Sitten; andere Dörfer, andere Bräuche. — Hier also lebt der Bruder des unglücklichen L* {Lenz, eines deutschen Dichters, der einige Zeit mit mir in einem Haus wohnte. Tiefe Melancholie, die Folge vieler Unglücksfälle, brachte ihn um den Verstand; doch selbst im Wahnsinn setzte er uns zuweilen durch seine poetischen Ideen in Erstaunen und rührte uns noch öfter durch seine Gutmütigkeit und Geduld.}. Er ist Oberpastor, von allen geliebt, und hat ein sehr gutes Einkommen. Ob er sich an seinen Bruder erinnert? Ich sprach über ihn mit einem livländischen Edelmann, einem liebenswürdigen, feurigen Menschen. „Ach, mein Herr!“, sagte er zu mir, „eben das, was den einen berühmt und glücklich macht, macht den anderen unglückselig. Wer, der das Gedicht des sechzehnjährigen L* liest und alles, was er bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr geschrieben hat, sieht darin nicht die Morgenröte eines großen Geistes? Wer denkt nicht: Da ist ein junger Klopstock, ein junger Shakespeare? Doch Wolken verdunkelten diese schöne Morgenröte, und die Sonne ging niemals strahlend auf. Die tiefe Empfindsamkeit, ohne die Klopstock nicht Klopstock und Shakespeare nicht Shakespeare gewesen wäre, hat ihn zugrunde gerichtet. Andere Umstände, und L* wäre unsterblich!“

Kaum fährt man in Riga ein, sieht man, dass es eine Handelsstadt ist, — viele Läden, viel Volk — der Fluss ist bedeckt mit Schiffen und Fahrzeugen verschiedener Nationen — die Börse ist voll. Überall hört man die deutsche Sprache — hier und da die russische —, und überall verlangt man nicht Rubel, sondern Taler. Die Stadt ist nicht sehr schön; die Straßen sind eng — doch gibt es viele steinerne Gebäude und einige gute Häuser.

Im Gasthof, wo ich abgestiegen bin, ist der Wirt sehr dienstfertig: Er trug selbst meinen Pass zur Regierung und zur Polizei und fand mir einen Fuhrmann, der sich für dreizehn Dukaten verdingte, mich bis Königsberg zu bringen, zusammen mit einem französischen Kaufmann, der bei ihm für seine Kalesche vier Pferde gemietet hat; ich aber fahre in einer Kibitka. — Ilja schicke ich von hier geradewegs nach Moskau.

Liebe Freunde! Immer, immer denke ich an euch, wenn ich denken kann. Ich habe Russland noch nicht verlassen, bin aber schon lange in der Fremde, denn ich habe mich schon lange von euch getrennt.

Kurländische Schenke, 1. Juni 1789

Noch hatte ich meinen Brief an euch nicht beendet, liebste Freunde, als die Pferde angespannt waren und der Gastwirt kam, um mir zu sagen, dass man in einer halben Stunde die Stadttore schließen werde. Ich musste den Brief zu Ende schreiben, bezahlen, den Koffer packen und Ilja noch einiges auftragen. Der Wirt nutzte meine Eile und reichte mir eine wahre Apothekerrechnung; das heißt, für einen einzigen Tag nahm er mir etwa neun Rubel ab!

Ich wundere mich noch, wie ich in solcher Hast nichts im Gasthof vergessen habe. Endlich war alles bereit, und wir fuhren zum Tor hinaus. Hier nahm ich Abschied vom gutmütigen Ilja — er ist zu euch gefahren, ihr Lieben! — Es begann zu dämmern. Der Abend war still und kühl. Ich schlief den festen Schlaf eines jungen Reisenden und spürte nicht, wie die Nacht verging. Die aufgehende Sonne weckte mich mit ihren Strahlen; wir näherten uns dem Schlagbaum, einem kleinen Häuschen mit einem Sperrbalken. Der Pariser Kaufmann ging mit mir zum Major, der mich höflich empfing und uns nach der Durchsicht passieren ließ. Wir fuhren nach Kurland hinein — und der Gedanke, dass ich schon außerhalb des Vaterlandes war, brachte in meiner Seele eine erstaunliche Wirkung hervor. Alles, was mir vor Augen kam, betrachtete ich mit besonderer Aufmerksamkeit, obwohl die Dinge an sich sehr gewöhnlich waren. Ich fühlte eine solche Freude, wie ich sie seit unserer Trennung, ihr Lieben, noch nicht gefühlt hatte. Bald zeigte sich Mitau. Der Anblick dieser Stadt ist nicht schön, doch für mich war er anziehend! „Da ist die erste ausländische Stadt“, dachte ich, und meine Augen suchten nach etwas Besonderem, Neuem. Am Ufer des Flusses Aa, den wir auf einer Fähre überquerten, steht der Palast des Herzogs von Kurland, ein nicht kleines Haus, im Übrigen seinem Äußeren nach keineswegs prächtig. Die Fensterscheiben sind fast überall eingeschlagen oder herausgenommen; und man sieht, dass die Zimmer drinnen umgebaut werden. Der Herzog wohnt in seinem Sommerschloss, nicht weit von Mitau. Das Flussufer ist mit Wald bedeckt, mit dem der Herzog ausschließlich selbst handelt und der ihm ein nicht geringes Einkommen bringt. Die Soldaten, die Wache standen, schienen Invaliden zu sein. Was die Stadt betrifft, so ist sie groß, aber nicht schön. Die Häuser sind fast alle klein und ziemlich unordentlich; die Straßen sind eng und schlecht gepflastert; Gärten und unbebaute Plätze gibt es viele.

Wir stiegen in einem Gasthof ab, der als der beste der Stadt gilt. Sogleich umringten uns Juden mit allerlei Kleinigkeiten. Der eine bot eine Pfeife an, der andere ein altes lutherisches Gebetbuch und Gottscheds „Grammatik“, der dritte ein Fernglas, und jeder wollte seine Ware so guten Herren zum günstigsten Preis verkaufen.

Die Französin, die mit dem Pariser Kaufmann reist, eine Frau von etwa fünfundvierzig Jahren, begann vor dem Spiegel ihr graues Haar zu richten, während der Kaufmann und ich, nachdem wir das Mittagessen bestellt hatten, durch die Stadt spazieren gingen — wir sahen, wie ein junger Offizier alte Soldaten exerzieren ließ, und hörten, wie eine ältliche stupsnasige Deutsche in einer Haube mit ihrem betrunkenen Mann, einem Schuster, zankte!

Zurückgekehrt, aßen wir mit gutem Appetit und hatten nach dem Essen Zeit, Kaffee und Tee zu trinken und ausgiebig zu plaudern. Ich erfuhr von meinem Reisegefährten, dass er gebürtiger Italiener ist, aber in sehr jungen Jahren sein Vaterland verlassen hat und in Paris Handel treibt; er ist viel gereist und kam nach Russland teils seiner Geschäfte wegen, teils um die ganze Strenge des Winters kennenzulernen; und jetzt kehrt er wieder nach Paris zurück, wo er für immer zu bleiben gedenkt. — Für alles zusammen zahlten wir im Gasthof einen Rubel pro Person.

Als wir aus Mitau hinausfuhren, sah ich die angenehmsten Gegenden. Dieses Land ist weit schöner als Livland, durch das man ruhig mit geschlossenen Augen fahren kann. Uns begegneten deutsche Fuhrleute aus Libau und Preußen. Seltsame Gefährte! Lange Fuhrwerke mit hintereinander gespannten Pferden; die Pferde riesengroß, und die an ihnen hängenden Schellen machen einen für die Ohren unerträglichen Lärm.

Nach fünf Meilen Fahrt hielten wir zum Übernachten in einer Schenke. Der Hof ist gut überdacht; die Zimmer sind ziemlich sauber, und in jedem steht ein Bett für die Reisenden bereit.

Der Abend ist angenehm. Einige Schritte von der Schenke entfernt fließt ein klarer Fluss. Das Ufer ist mit weichem grünem Gras bedeckt und an manchen Stellen von dichten Bäumen beschattet. Ich verzichtete auf das Abendessen, ging ans Ufer und erinnerte mich an einen Moskauer Abend, an dem wir, Pt. und ich, beim Spaziergang unterhalb des Andronikow-Klosters mit besonderem Vergnügen die untergehende Sonne betrachteten. Hätte ich damals gedacht, dass ich genau ein Jahr später die Annehmlichkeiten eines Abends in einer kurländischen Schenke genießen würde? Noch ein anderer Gedanke kam mir in den Sinn. Einst hatte ich begonnen, einen Roman zu schreiben, und wollte in der Einbildung genau die Länder bereisen, in die ich jetzt fahre. Auf der Reise in Gedanken hielt ich, nachdem ich Russland verlassen hatte, zum Übernachten in einer Schenke: und in Wirklichkeit geschah dasselbe. Doch im Roman schrieb ich, der Abend sei überaus stürmisch gewesen, der Regen habe keinen trockenen Faden an mir gelassen und ich habe mich in der Schenke vor dem Kamin trocknen müssen; in Wirklichkeit aber wurde der Abend überaus still und klar. Dieses erste Nachtlager war für den Roman unglücklich; aus Furcht, das schlechte Wetter könnte anhalten und mich auf meiner Reise beunruhigen, verbrannte ich ihn im Ofen, in meiner gesegneten Wohnung an den Tschistyje Prudy. — Ich legte mich unter einem Baum ins Gras, nahm aus der Tasche mein Notizbuch, ein Tintenfass und eine Feder und schrieb das, was ihr jetzt gelesen habt.

Unterdessen kamen zwei Deutsche ans Ufer, die in einer eigenen Kibitka mit uns bis Königsberg fahren; sie legten sich neben mich ins Gras, zündeten ihre Pfeifen an und begannen aus Langeweile auf das russische Volk zu schimpfen. Ich hörte auf zu schreiben und fragte sie kaltblütig, ob sie in Russland weiter als Riga gewesen seien. „Nein“, antworteten sie.

„Wenn dem so ist, meine Herren“, sagte ich, „dann können Sie über die Russen nicht urteilen, da Sie nur in einer Grenzstadt gewesen sind.“ Sie hielten es nicht für ratsam zu streiten, wollten mich aber lange nicht als Russen anerkennen, da sie sich einbildeten, wir könnten keine fremden Sprachen sprechen. Das Gespräch ging weiter. Einer von ihnen sagte mir, er habe das Glück gehabt, in Holland zu sein, und dort viele nützliche Kenntnisse gesammelt. „Wer die Welt kennenlernen will“, sagte er, „der muss nach Rotterdam fahren. Dort lebt man herrlich, und alle fahren in Booten spazieren! Nirgends sieht man, was man dort sieht. Glauben Sie mir, mein Herr, in Rotterdam bin ich ein Mensch geworden!“ — „Ein feiner Vogel!“, dachte ich — und wünschte ihnen einen guten Abend.

Polangen, 3./14. Juni 1789

Endlich, nachdem wir mehr als zweihundert Werst durch Kurland gefahren waren, überschritten wir die polnische Grenze und hielten zum Übernachten in einer reichen Schenke. Am Tag legen wir gewöhnlich zehn Meilen zurück, oder etwa siebzig Werst. In den Schenken fanden wir bisher zu trinken und zu essen: Suppe, Braten mit Salat, Eier; und dafür zahlten wir nicht mehr als etwa zwanzig Kopeken pro Person. Kaffee und Tee gibt es überall; freilich ist alles nicht sehr gut. — Der Weg ist ziemlich leer. Außer den Fuhrleuten, die uns etwa dreimal begegneten, und den altmodischen Berlinen, in denen die kurländischen Edelleute einander besuchen, trafen wir keine Reisenden. Im Übrigen ist der Weg nicht langweilig: Überall sieht man fruchtbares Land, Wiesen, Haine; hier und da kleine Dörfchen oder verstreut liegende Bauernhäuschen.

Mit dem französischen Italiener komme ich gut aus. Zur Französin zieht es mich nicht hin, denn ihre Physiognomie und ihr Gebaren gefallen mir nicht. Im Übrigen kann man sie für ihre Reinlichkeit loben. Kaum halten wir an, muss unser Fuhrmann Gawrila, den sie Gabriel nennt, ihr Putzkästchen hinter ihr in die Stube tragen, und mindestens eine Stunde lang pomadisiert, pudert und schminkt sie sich, sodass man stets mit dem Mittagessen auf sie warten muss. Lange berieten wir, ob wir die Deutschen mit an unseren Tisch setzen sollten. Mir wurde aufgetragen, ihren Stand zu erkunden. Es stellte sich heraus, dass sie Kaufleute sind. Alle Zweifel verschwanden, und seitdem speisen sie mit uns; da aber der Italiener und die Französin kein Deutsch verstehen und jene kein Französisch, muss ich ihnen als Dolmetscher dienen. Der Deutsche, der in Rotterdam ein Mensch geworden ist, versicherte mir, er habe früher vollkommen Französisch gekonnt und es erst vor sehr Kurzem vergessen; und um mich und seinen Gefährten noch mehr davon zu überzeugen, sagt er bei jeder Verbeugung vor der Französin: „Oplische, Matam! Oblige, Madame!“ {Ihr ergebener Diener! (franz.) — Anm. d. Red.}

An der polnischen Grenze war die Durchsicht nicht streng. Ich gab den Aufsehern etwa vierzig Kopeken: Danach warfen sie nur einen Blick in meinen Koffer und glaubten, dass ich nichts Neues bei mir hätte.

Das Meer ist von der Schenke nicht weiter als zweihundert Faden entfernt. Ich saß etwa eine Stunde am Ufer und betrachtete die Weite der wogenden Wasser. Ein majestätischer und trübseliger Anblick! Vergeblich suchten meine Augen ein Schiff oder ein Boot! Kein Fischer wagte sich aufs Meer; der böige Wind hätte seinen Kahn umgeworfen. — Morgen werden wir in Memel zu Mittag essen, von wo ich euch diesen Brief schicken werde, meine Freunde!

Memel, 15. Juni 1789

Ich hatte erwartet, dass man uns bei der Einreise nach Preußen gleich an der Grenze anhalten würde; dies geschah jedoch nicht. Wir kamen gegen elf Uhr in Memel an, stiegen in einem Gasthof ab — und gaben den Visitatoren einige Groschen, damit sie unsere Sachen nicht durchwühlten.

Die Stadt ist nicht groß; es gibt steinerne Gebäude, aber wenige ordentliche. Die Zitadelle ist sehr stark; dennoch verstanden es unsere Russen, sie im Jahr 57 einzunehmen.

Memel kann man eine gute Handelsstadt nennen. Das Kurländische Haff, an dem sie liegt, ist sehr tief. Der Hafen ist voll von verschiedenen Schiffen, die größtenteils mit Hanf und Holz zur Versendung nach England und Holland beladen werden.

Von Memel nach Königsberg gibt es drei Wege; am Ufer des Haffs rechnet man bis Königsberg 18 Meilen, über Tilsit aber 30: ein großer Unterschied! Doch die Fuhrleute wählen fast immer den letzteren Weg, weil sie ihre Pferde schonen, die von dem entsetzlichen Sand der Uferstraße sehr ermüdet werden. Alle lösen hier Billetts und zahlen für jedes Pferd und jede Meile bis Königsberg. Unser Gabriel zahlte drei Taler und sagte, er werde am Ufer entlangfahren. Wir aber fahren in Wirklichkeit über Tilsit; doch der Russe hatte begriffen, dass man ihm für 30 Meilen mehr abgenommen hätte als für 18! Der dritte Weg, zu Wasser über das Haff, ist bei gutem Wetter der allerkürzeste, sodass man in sieben Stunden in Königsberg sein kann. Unsere Deutschen, die den Fuhrmann nur bis Memel gemietet hatten, fahren zu Wasser, was sie beide nur zwei Dukaten kosten wird. Gabriel redete auch uns, dem Italiener und mir — mit dem er sich gewöhnlich entweder durch Zeichen oder durch mich verständigt —, zu, mit ihnen zu fahren, was für ihn sehr vorteilhaft gewesen wäre, doch wir zogen das Ruhige und Sichere dem Unruhigen und Unsicheren vor, das im Falle eines Sturms auch gefährlich ist.

Zu Mittag aßen wir frischen, schmackhaften Fisch, an dem Memel Überfluss hat; und da man uns sagte, die preußischen Schenken seien sehr ärmlich, versorgten wir uns hier mit gutem Brot und Wein.

Jetzt, liebe Freunde, ist es Zeit, den Brief zur Post zu bringen; man spannt bei uns die Pferde an.

Was mein Herz betrifft... dem Schicksal sei Dank! es ist etwas fröhlicher geworden. Bald denke ich an euch, meine Lieben, — aber nicht mehr mit solchem Kummer wie früher —, bald lasse ich meine Augen über Wiesen und Felder schweifen, ohne an etwas zu denken; bald stelle ich mir die Zukunft vor, und fast immer in angenehmen Bildern. — Lebt wohl! Bleibt gesund und ruhig und stellt euch euren wandernden Freund als Ritter von der fröhlichen Gestalt vor!

Schenke eine Meile hinter Tilsit, 17. Juni 1789, 11 Uhr nachts

Alles um mich herum schläft. Auch ich hatte mich schon aufs Bett gelegt; doch nachdem ich etwa eine Stunde vergeblich auf den Schlaf gewartet hatte, beschloss ich aufzustehen, eine Kerze anzuzünden und euch einige Zeilen zu schreiben, meine Freunde!

Ich bin froh, dass ich nicht eingewilligt habe, von Memel zu Wasser zu reisen. Die Gegenden, durch die wir fuhren, sind sehr angenehm. Bald weite Felder mit prächtigem Getreide, bald grüne Wiesen, bald kleine Wäldchen und Gebüsche, wie in künstlicher Symmetrie angeordnet, boten sich unseren Augen dar. Kleine Dörfchen in der Ferne bildeten ebenfalls einen angenehmen Anblick. „Qu'il est beau, ce pays-ci!“ {Was für eine schöne Gegend! (franz.). — Anm. d. Red.} — wiederholten der Italiener und ich.

Überhaupt scheint das Land in Preußen noch besser bestellt zu sein als in Kurland, und in guten Jahren ist das Getreide in der ganzen hiesigen Gegend sehr billig; doch im vergangenen Jahr war die Ernte so schlecht, dass die Regierung das Volk mit Getreide aus den angelegten Magazinen versorgen musste. Fünf, sechs Jahre gedeiht das Getreide gut; im siebten Jahr schlecht, und der Landmann hat nichts zu essen — weil er immer zu sehr auf den nächsten Sommer hofft, sich weder Dürre noch Hagel vorstellt und alles verkauft, was über das Notwendige hinausgeht.

Tilsit ist ein recht ansehnlich gebautes Städtchen und liegt inmitten der allerfruchtbarsten Täler am Fluss Memel. Es treibt bedeutenden Handel mit Getreide und Holz und versendet alles zu Wasser nach Königsberg.

Man hielt uns am Stadttor an, wo nicht Soldaten, sondern Bürger Wache standen, weil die Regimenter, die die hiesige Garnison bilden, noch nicht von der Revue zurückgekehrt waren. Ein dicker Wachtposten, unter dessen Bauch ein kleiner Degen baumelte, hob ein zerbrochenes, mit Stricken zusammengebundenes Gewehr auf die Schulter, trat mit stolzer Miene drei Schritte vor und schrie mich mit fürchterlicher Stimme an: „Wer sind Sie? Wer sind Sie?“ Da ich mit der Betrachtung seiner ungewöhnlichen Physiognomie und Gestalt beschäftigt war, konnte ich ihm nicht sogleich antworten. Er blähte sich auf, verdrehte die Augen und schrie mit noch fürchterlicherer Stimme: „Wer seyd ihr?“ {Wer seid ihr? (dt.). — Anm. d. Red.} — schon weit unhöflicher! Mehrmals musste ich meinen Familiennamen nennen, und jedes Mal schüttelte er den Kopf und wunderte sich über den sonderbaren russischen Namen. Mit dem Italiener dauerte die Geschichte noch länger. Vergeblich berief er sich darauf, dass er kein Deutsch könne: Der dickbäuchige Wachtposten wollte unbedingt, dass er auf alle seine Fragen antwortete, die er vermutlich mit großer Mühe auswendig gelernt hatte.

Schließlich wurde ich zu Hilfe gerufen, und mit Mühe erreichten wir, dass man uns passieren ließ. — In der Stadt zeigte man mir einen Turm, der an verschiedenen Stellen von russischen Kanonenkugeln durchschossen war.

In den preußischen Schenken finden wir weder Fleisch noch gutes Brot. Die Französin macht uns des oeufs au lait, oder russisches Rührei, das mit Milchsuppe und Salat unser Mittag- und Abendessen bildet. Dafür trinken der Italiener und ich täglich etwa zehn Tassen Kaffee, den wir überall fanden.

Kaum hatten wir uns in der Schenke eingerichtet, in der wir jetzt übernachten, hörten wir Pferdegetrappel, und eine halbe Minute später trat ein Mann in dunklem Frack, mit einem riesigen Hut und einer langen Peitsche ein; er trat an den Tisch, blickte uns an — die Französin, mit ihrer Abendtoilette beschäftigt; den Italiener, der meine Reiselandkarte betrachtete; und mich, der ich Tee trank —, nahm den Hut ab, wünschte uns einen guten Abend und sagte, zur Wirtin gewandt, die gerade erst ihre Stirn aus einer anderen Stube hervorgestreckt hatte: „Guten Tag, Lisa! Wie geht's?“

Lisa (eine hagere Frau von etwa dreißig Jahren). Ah, Herr Leutnant! Seien Sie willkommen! Woher kommen Sie?

Leutnant. Aus der Stadt, Lisa. Baron von M* hat mir geschrieben, sie hätten Komödianten. „Komm, Bruder, komm! Die Possenreißer werden uns für unsere Groschen belustigen!“ Hol mich der Teufel! Hätte ich gewusst, was für Geschöpfe diese Komödianten sind, ich wäre um nichts in der Welt hingefahren.

Lisa. Ei, Euer Wohlgeboren! Mögen Sie denn die Komödie nicht?

Leutnant. O! Ich liebe alles, was lustig ist, und habe in meinem Leben genug vollwichtige Taler für den Doktor Faust mit dem Hanswurst bezahlt {Doktor Faust ist nach abergläubischer Volksüberlieferung ein großer Zauberer und bis heute gewöhnlich der Held alberner Stücke, die in Dörfern oder in Städten auf Jahrmarktsbühnen von wandernden Schauspielern gespielt werden. In Wirklichkeit aber lebte Johann Faust als ehrbarer Bürger in Frankfurt am Main um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts; und als Guttenberg, gebürtig aus Mainz, den Buchdruck erfand, genoss Faust gemeinsam mit ihm die Vorteile dieser Erfindung. Nach Guttenbergs Tod nahm Faust seinen Schreiber Peter Schöffer zum Gehilfen, der die Kunst des Buchdrucks zu solcher Vollkommenheit brachte, dass die ersten erschienenen Bücher die Menschen in Erstaunen versetzten; und da das einfache Volk jener Zeit alles, was es sich nicht erklären konnte, der Wirkung übernatürlicher Kräfte zuschrieb, wurde Faust zum Spießgesellen des Teufels erklärt, als der er bis heute beim Pöbel und in Märchen gilt. — Hanswurst aber bedeutet auf den deutschen Jahrmarktsbühnen dasselbe wie bei den Italienern der Harlekin.}.

Lisa. Der Hanswurst soll sehr komisch sein, sagt man. — Und was haben die Komödianten gespielt, Herr Leutnant?

Leutnant. Eine Komödie, in der nichts Komisches war. Der eine schrie, der andere schnitt Grimassen, der dritte glotzte mit den Augen, aber Gescheites kam nichts dabei heraus.

Lisa. War viel Volk da, Herr Leutnant?

Leutnant. Gibt es etwa wenig Narren in Tilsit?

Lisa. Geruhte der Herr Bürgermeister mit seiner Gemahlin dort zu sein?

Leutnant. Ist er etwa einer der Letzten? Der dickbäuchige Narr gähnte, und seine aufgeblasene Gattin rieb sich unablässig mit dem Taschentuch die Augen, als wäre ihr Tabak hineingeraten, und stieß ihn in die Seite, damit er nicht einschlief und aufhörte, den Mund aufzusperren.

Lisa. So ein Spötter!

Leutnant (setzt sich und legt seinen Hut auf den Tisch neben meine Teekanne). Um Vergebung, mein Herr! Verzeihen Sie, mein Herr! — Ich bin müde, Lisa. Gib mir einen Krug Bier. Hörst du?

Lisa. Sofort, Herr Leutnant.

Leutnant (zu seinem eintretenden Diener). Kaspar! Stopf mir die Pfeife. (Zur Französin gewandt.) Darf ich mit aller Hochachtung fragen, ob Sie den Tabak leiden mögen?

Die Französin. Monsieur! — Qu'est ce qu'il demande, Mr. Nicolas? {Was fragt er, Monsieur Nicolas? (franz.). — Anm. d. Red.} (So nennt sie mich.)

Ich. S'il peut fumer? {Ob er rauchen darf? (franz.). — Anm. d. Red.} — Rauchen Sie, rauchen Sie, Herr Leutnant. Ich stehe Ihnen für sie ein.

Die Französin. Dites qu'oui {Sagen Sie, dass er darf (franz.). — Anm. d. Red.}.

Leutnant. Ah! Madame spricht kein Deutsch. Bedaure, bedaure sehr, Madame. — Woher reisen Sie, wenn ich fragen darf, mein Herr?

Ich. Aus Petersburg, Herr Leutnant.

Leutnant. Freut mich, freut mich, mein Herr. Was hört man von den Schweden, von den Türken?

Ich. Das alte Lied, Herr Leutnant; die einen wie die anderen laufen vor den Russen davon.

Leutnant. Hol mich der Teufel! Die Russen stehen fest. — Ich sage Ihnen in aller Freundschaft, mein Herr, hätte mein König es mir nicht ausgeredet, so wäre ich längst nicht der letzte Stabsoffizier in russischen Diensten. Ich habe überall Freunde. Mein Neffe zum Beispiel dient als erster Adjutant beim Fürsten Potemkin. Er schreibt mir über alles. Warten Sie — ich zeige Ihnen seinen Brief. Hol mich der Teufel! Ich habe ihn zu Hause vergessen. Er beschreibt mir die Einnahme von Otschakow. Fünfzehntausend sind auf der Stelle gefallen, mein Herr, fünfzehntausend!

Ich. Das ist nicht wahr, Herr Leutnant.

Leutnant. Nicht wahr? (Spöttisch.) Sie sind wohl selbst dort gewesen?

Ich. Wenn ich auch nicht dort war, so weiß ich doch, dass an Türken etwa 8000 getötet wurden und an Russen 1500.

Leutnant. O! Ich streite nicht gern, mein Herr; doch was ich weiß, das weiß ich. (Greift nach dem Krug, den die Wirtin ihm unterdessen gebracht hat.) Verstehen Sie, mein Herr?

Ich. Wie Sie belieben, Herr Leutnant.

Leutnant. Auf Ihre Gesundheit, mein Herr! — Auf Ihre Gesundheit, Madame! — (Zum Italiener.) Auf Ihre Gesundheit! — Das Bier ist recht gut, Lisa. — Hören Sie, mein Herr! — Jetzt nennen Sie mich Herr Leutnant: Weshalb?

Ich. Weil die Wirtin Sie so nennt.

Leutnant. Sagen Sie lieber: weil ich (setzt den Hut auf) mich vor meinem König verneigt habe — und vorzeitig meinen Abschied nahm. Sonst würden Sie jetzt zu mir sagen (lüftet den Hut): „Herr Major, guten Tag!“ (Trinkt den Krug aus.) Verstehen Sie? Hol mich der Teufel, wenn ich mich nicht bis über die Ohren in meine Anjuta verliebt hatte! Freilich war sie wie ein rosiger Krapfen. Und auch jetzt ist sie noch nicht übel, mein Herr, obwohl sie mir schon vier geboren hat. — Lisa! sag, wie ist meine Anjuta?

Lisa. Ach, Herr Leutnant! Als ob Sie das nicht selbst wüssten! Was soll man reden, hübsch ist sie! — Ich erzähle Ihnen einen komischen Vorfall, Herr Leutnant. Als Sie in der Osterwoche abends in die Stadt fuhren, übernachtete bei mir ein junger Herr aus Königsberg — um die Wahrheit zu sagen, ein guter Herr, der mir jede Kleinigkeit ehrlich bezahlt hat. Zu essen verlangte er nicht viel.

Leutnant. Was ist denn daran komisch, Lisa?

Lisa. Also, dieser gute Herr stand auf der Treppe und sah die Frau Leutnantin, die in der Kalesche auf der rechten Seite saß, — nicht wahr, Herr Leutnant.

Leutnant. Nun, und was hat er gesagt?

Lisa. „Das ist mal ein Weib!“, sagte er. Ha! ha! ha!

Leutnant. Er war offenbar nicht dumm. Ha! ha! ha!

Ich. Also hat die Liebe Sie gezwungen, den Abschied zu nehmen, Herr Leutnant?

Leutnant. Die verfluchte Liebe, mein Herr. — Kaspar, die Pfeife! — Freilich hoffte ich auf eine gute Mitgift. Man hatte mir gesagt, der alte von T* habe goldene Berge. „Das Mädchen ist gut“, dachte ich, „also lass uns heiraten!“ Der Alte war froh, mir seine Tochter zu geben: Nur wollte sie auf keinen Fall einen Soldaten heiraten. „Mamsell Anjuta!“, sagte ich, „ich liebe dich wie meine Seele; nur liebe ich auch den Dienst des Königs.“ In ihre lieben Äuglein traten Tränen. Ich stampfte mit dem Fuß auf und — nahm meinen Abschied. Und was kam dabei heraus! Am Tag nach der Hochzeit beschenkte mich mein lieber Schwiegerpapa statt mit goldenen Bergen mit dreihundert Talern. Da hast du die Mitgift! — Es war nichts zu machen, mein Herr. Ich redete ein derbes Wort mit ihm, und danach schlossen wir bei einer Flasche alten Rheinweins ewigen Frieden. Um die Wahrheit zu sagen, der Alte war gutherzig — Gott hab ihn selig! Wir lebten in Eintracht. Er starb in meinen Armen und hinterließ uns ein adliges Haus als Erbe.

Doch brechen wir das Gespräch ab, das schon mehr als zwei Seiten einnimmt und meine silberne Feder zu ermüden beginnt {Alle meine Bemerkungen schrieb ich unterwegs mit einer silbernen Feder.}. Der redselige Leutnant schwatzte bis zehn Uhr das Blaue vom Himmel herunter, was ich, aus Mitleid mit Gabriels Pferden, nicht mitnehmen werde. Unter anderem riet er mir, als er hörte, dass ich von Königsberg mit der öffentlichen Kalesche reisen werde: 1) einen Platz in der Mitte zu nehmen und 2), wenn Damen mit mir reisen, sie den ganzen Weg über mit Tee und Kaffee zu bewirten. Zum Schluss wünschte er mir, ich möge mit Nutzen reisen, so wie der bekannte Baron Trenck, mit dem er angeblich sehr befreundet ist. — Der Herr Leutnant steckte seine Pfeife in den Stiefel, stieg aufs Pferd und sprengte in vollem Galopp davon, indem er mir zurief: „Glückliche Reise, mein Herr!“

Was schreibt man nicht alles in Augenblicken der Schlaflosigkeit! — Lebt wohl bis Königsberg!

Königsberg, 19. Juni 1789


Gestern um sieben Uhr morgens bin ich hier angekommen, meine lieben Freunde, und mit meinem Reisegefährten im Gasthof bei Schenk abgestiegen.

Königsberg, die Hauptstadt Preußens, ist eine der großen Städte Europas und hat einen Umfang von etwa fünfzehn Werst. Einst gehörte sie zu den berühmten Hansestädten.

Auch heute ist ihr Handel recht bedeutend. Der Fluss Pregel, an dem sie liegt, ist zwar nicht breiter als 150 oder 160 Fuß, doch so tief, dass große Handelsschiffe auf ihm fahren können. Man zählt etwa 4000 Häuser und 40 000 Einwohner — wie wenig für die Größe der Stadt! Doch jetzt scheint sie volkreich, weil sich eine Menge Menschen hier zum Jahrmarkt versammelt hat, der morgen beginnt. Ich habe ziemlich viele gute Häuser gesehen, aber keine so gewaltigen wie in Moskau oder Petersburg, obwohl Königsberg im Ganzen wohl fast besser gebaut ist als Moskau.

Die hiesige Garnison ist so zahlreich, dass einem überall Uniformen in die Augen fallen. Ich will nicht sagen, dass die preußischen Soldaten besser gekleidet seien als die unseren; besonders missfallen mir ihre Zweispitze. Was die Offiziere betrifft, so sind sie sehr adrett und erhalten etwas weniger Sold als die unseren. Ich hatte gehört, im preußischen Dienst gebe es keine so jungen Offiziere wie bei uns; doch habe ich hier mindestens zehn fünfzehnjährige gesehen. Die Uniformen sind dunkelblau, hellblau und grün mit roten, weißen und orangefarbenen Aufschlägen.

Gestern speiste ich an der Gemeinschaftstafel, wo an die dreißig alte Majore, dicke Hauptleute, stattliche Leutnants, bartlose Sekondeleutnants und Fähnriche saßen. Inhalt der lauten Gespräche war die vergangene Revue. Offizierswitze prasselten von allen Seiten. Zum Beispiel: „Was ist der Grund, Herr Rittmeister, dass bei Ihnen jetzt auch am Tage die Fenster geschlossen sind? Gewiss beschäftigen Sie sich nicht mit Schreiben? Ha! ha! ha!“ — „Sieh mal an, von Krebs! Weiß alles, was bei mir vorgeht!“ — und so weiter und so fort. Dennoch sind sie höflich. Kaum zeigte sich unsere Französin, standen alle auf und bedienten sie beim Essen mit großem Eifer. — Wie dem auch sei, das nächste Mal hielt ich es für ratsam, allein in meinem Zimmer zu speisen, bei geöffneten Fenstern zum Garten, aus dem die aromatischen Ausdünstungen des saftigen Grüns in meine deutsche Suppe strömten.

Gestern nach dem Essen war ich auch bei dem berühmten Kant, dem tiefsinnigen, scharfsinnigen Metaphysiker, der sowohl Malebranche als auch Leibniz, Hume und Bonnet widerlegt, — bei Kant, den der jüdische Sokrates, der selige Mendelssohn, nicht anders nannte als der alles zermalmende Kant, das heißt der alles zerschmetternde Kant.

Ich hatte keine Empfehlungsbriefe an ihn, doch Kühnheit nimmt Städte ein, — und mir öffnete sich die Tür zu seinem Arbeitszimmer. Mich empfing ein kleines, hageres Männlein, außerordentlich weiß und zart. Meine ersten Worte waren: „Ich bin ein russischer Edelmann, liebe große Männer und wünsche Kant meine Hochachtung zu bezeigen.“

Er bat mich sogleich, Platz zu nehmen, und sagte: „Ich habe solches geschrieben, was nicht allen gefallen kann; nicht viele lieben metaphysische Spitzfindigkeiten.“ Etwa eine halbe Stunde sprachen wir über verschiedene Dinge: über Reisen, über China, über die Entdeckung neuer Länder. Man musste seine historischen und geographischen Kenntnisse bewundern, die, wie es schien, allein schon das Magazin des menschlichen Gedächtnisses hätten anfüllen können; doch dies ist bei ihm, wie die Deutschen sagen, Nebensache. Dann lenkte ich, nicht ohne Sprung, das Gespräch auf die Natur und die Sittlichkeit des Menschen; und Folgendes konnte ich von seinen Betrachtungen im Gedächtnis behalten:

„Tätigkeit ist unsere Bestimmung. Der Mensch kann niemals mit dem, was er besitzt, vollkommen zufrieden sein und strebt immer nach Erwerb. Der Tod ereilt uns auf dem Weg zu etwas, das wir noch haben wollen. Gib dem Menschen alles, was er sich wünscht, und doch wird er im selben Augenblick fühlen, dass dieses Alles nicht alles ist. Da wir das Ziel oder Ende unseres Strebens im hiesigen Leben nicht sehen, nehmen wir ein künftiges an, wo der Knoten sich lösen muss. Dieser Gedanke ist dem Menschen umso angenehmer, als es hier keinerlei Ebenmaß zwischen Freuden und Leiden, zwischen Genuss und Qual gibt. Ich tröste mich damit, dass ich schon sechzig Jahre alt bin und dass bald das Ende meines Lebens kommen wird, denn ich hoffe, in ein anderes, besseres einzutreten. Wenn ich an die Annehmlichkeiten denke, die ich im Leben hatte, empfinde ich jetzt kein Vergnügen; stelle ich mir aber jene Fälle vor, in denen ich dem sittlichen Gesetz gemäß gehandelt habe, das in mein Herz geschrieben ist, so freue ich mich. Ich spreche vom Sittengesetz: Nennen wir es Gewissen, Gefühl für Gut und Böse — aber sie sind da. Ich habe gelogen, niemand weiß von meiner Lüge, aber ich schäme mich. — Wahrscheinlichkeit ist nicht Augenscheinlichkeit, wenn wir vom künftigen Leben sprechen; doch wenn wir alles erwägen, gebietet uns die Vernunft, daran zu glauben. Und was würde aus uns, wenn wir es sozusagen mit Augen sähen? Gefiele es uns sehr, so könnten wir uns nicht mehr mit dem gegenwärtigen Leben beschäftigen und wären in unablässigem Schmachten; im entgegengesetzten Fall aber hätten wir nicht den Trost, uns in den Leiden des hiesigen Lebens zu sagen: Vielleicht wird es dort besser sein! — Doch wenn wir von unserer Bestimmung, vom künftigen Leben usw. sprechen, setzen wir schon das Dasein der allewigen schöpferischen Vernunft voraus, die alles zu irgendeinem Zweck und alles zum Guten schafft. Was? Wie?.. Doch hier bekennt der erste Weise seine Unwissenheit. Hier löscht die Vernunft ihre Leuchte, und wir bleiben im Dunkel; allein die Phantasie kann in diesem Dunkel schweben und Nicht-Seiendes erschaffen.“ — Ehrwürdiger Mann! Verzeih, wenn ich in diesen Zeilen deine Gedanken entstellt habe! Er kennt Lavater und hat mit ihm korrespondiert. „Lavater ist wegen der Güte seines Herzens sehr liebenswürdig“, sagt er, „doch da er eine übermäßig lebhafte Einbildungskraft hat, lässt er sich oft von Träumereien blenden, glaubt an den Magnetismus usw.“ — Wir berührten seine Gegner. „Sie werden sie kennenlernen“, sagte er, „und werden sehen, dass sie alle gute Menschen sind.“

Er schrieb mir die Titel zweier seiner Werke auf, die ich nicht gelesen hatte: „Kritik der praktischen Vernunft“ und „Metaphysik der Sitten“ {„Kritik der praktischen Vernunft“ und „Metaphysik der Sitten“ (dt.). — Anm. d. Red.} — und diesen Zettel werde ich als heiliges Andenken bewahren.

Nachdem er meinen Namen in sein Taschenbuch eingetragen hatte, wünschte er, dass sich alle meine Zweifel lösen mögen; dann trennten wir uns.

Da habt ihr, meine Freunde, eine kurze Beschreibung des für mich überaus merkwürdigen Gesprächs, das etwa drei Stunden dauerte.

Kant spricht schnell, sehr leise und undeutlich; und darum musste ich ihm mit Anspannung aller Gehörnerven zuhören. Sein Häuschen ist klein, und drinnen gibt es wenig Gerät. Alles ist einfach, außer... seiner Metaphysik.

Die hiesige Domkirche ist gewaltig. Mit großer Aufmerksamkeit betrachtete ich dort die alte Waffe, den Harnisch und die Sturmhaube {eine Helmart. — Anm. d. Red.} des frömmsten der brandenburgischen Markgrafen und tapfersten Ritters seiner Zeit. „Wo seid ihr“, dachte ich, „wo seid ihr, finstere Zeitalter, Zeitalter der Barbarei und des Heldentums? Eure blassen Schatten erschrecken die zaghafte Aufklärung unserer Tage. Nur die Söhne der Begeisterung wagen es, sie aus dem Abgrund des Vergangenen heraufzurufen — gleich Odysseus, der die Schatten der Freunde aus den finsteren Wohnstätten des Todes ruft —, um in ihren schwermütigen Gesängen das Andenken an die wunderbare Wandlung der Völker zu bewahren.“ — Etwa eine Stunde träumte ich, an eine Säule gelehnt. — An der Wand ist die schwangere Gemahlin des Markgrafen dargestellt, die, ihren Zustand vergessend, auf die Knie fällt und mit herzlichem Eifer den Himmel um die Erhaltung des Lebens des Helden anfleht, der auszieht, die Feinde zu besiegen. Schade, dass hier die Kunst der Rührung des Gegenstandes nicht entspricht! — Ebendort sieht man eine Menge bunter Fahnen, Trophäen des Markgrafen.

Ein Franzose, ein Lohndiener, der mich begleitete, versicherte, dass von dort ein unterirdischer Gang aus der Stadt hinaus in eine alte Kirche führe, die etwa zwei Meilen entfernt sei, und zeigte mir eine kleine Tür mit einer Treppe, die unter die Erde führt. Ob das wahr ist oder nicht, weiß ich nicht: Doch ich weiß, dass man im Mittelalter für alle Fälle solche Gänge grub, um Reichtum und Leben vor der Hand des Starken zu retten.

Gestern Abend verabschiedete ich mich von meinem Gefährten, Herrn F*, dessen Freundschaft ich niemals vergessen werde. Ich weiß nicht, wie ihm, aber mir war es traurig, mich von ihm zu trennen. Er ist mit der Französin nach Berlin gefahren, wo ich ihn vielleicht noch sehen werde.

Heute war ich bei unserem Konsul, Herrn I*, der mich freundlich empfing. Er erzählte mir allerlei, was ich mit Vergnügen anhörte; und obwohl er schon lange in einer deutschen Stadt lebt und sehr gut Deutsch spricht, hat er sich doch nicht im Geringsten eingedeutscht und den russischen Charakter unversehrt bewahrt.

Er gab mir einen Brief an den Postmeister mit, in dem er ihn bat, mir den besten Platz in der Postkalesche anzuweisen.

Gestern machte mich das Schicksal mit einem jungen Franzosen bekannt, der sich einen geschickten Zahnarzt nennt. Als er erfuhr, dass im Gasthof bei Schenk Ausländer angekommen seien — man hatte ihm gesagt, Franzosen —, erschien er bei Herrn F* mit einer Last von Komplimenten. Ich war dabei — und so lernten wir uns kennen. „In Paris gibt es meinesgleichen in der Kunst“, sagte er, „deshalb wollte ich dort nicht bleiben, fuhr nach Berlin, kurierte und reinigte die deutschen Zähne der Reihe nach; doch ich hatte es mit großen Geizhälsen zu tun, und darum — verließ ich Berlin. Jetzt fahre ich nach Warschau. Die polnischen Herren, so hört man, wissen Verdienste und Talente zu schätzen: Versuchen wir es, kurieren wir, reinigen wir! Und dann reise ich nach Moskau — in Ihr Vaterland, mein Herr, wo ich gewiss mehr kluge Leute finden werde als irgendwo sonst.“ — Heute, als ich gerade mit meinem Mittagessen fertig war, kam er mit Papieren zu mir, sagte, er erkenne die Menschen auf den ersten Blick und habe schon volles Vertrauen zu mir, und begann zu lesen... eine Abhandlung über die Zahnkrankheit.

Während er las, kam der Lohndiener, um mir zu sagen, dass im benachbarten Gasthof ein russischer Kurier abgestiegen sei, ein Hauptmann der Garde. „Allons le voir!“ {Gehen wir, schauen wir ihn uns an! (franz.). — Anm. d. Red.}, sagte der Franzose und steckte seine Abhandlung in die Tasche. Wir gingen zusammen — und statt eines Hauptmanns fand ich einen Wachtmeister der Gardekavallerie, Herrn ***, einen jungen, liebenswürdigen Menschen, der nach Kopenhagen reist. Er ist zum ersten Mal als Kurier geschickt worden und kann kein Deutsch, worüber sich die preußischen Offiziere, die uns auf der Treppe umringten, sehr wunderten. In der Tat ist es unbequem, durch fremde Länder zu reisen, wenn man nur die französische Sprache kennt, die nicht alle sprechen. — Während wir uns unterhielten, erhielt einer der auf der Treppe Stehenden einen Brief aus Berlin, in dem man ihm schreibt, dass bei dieser Hauptstadt die Post überfallen, der Postillion ermordet und einige tausend Taler geraubt worden seien: eine unangenehme Nachricht für jene, die dorthin reisen! — Ich wünschte meinem Landsmann eine glückliche Reise.

Im alten Schloss, oder im Palast, der auf einer Anhöhe erbaut ist, besichtigen die Reisenden das Zeughaus und die Bibliothek, in der ihr einige mit Silber beschlagene Folianten und Quartanten finden werdet. Dort gibt es auch den sogenannten Moskowitersaal, 166 Schritt lang und 30 breit, dessen Gewölbe ohne Säulen errichtet ist und wo man einen alten achteckigen Tisch zeigt, der 40 000 Taler wert ist.

Warum dieser Saal der Moskowitersaal heißt, konnte ich nicht erfahren. Einer sagte, weil hier einst russische Gefangene gesessen hätten; doch das ist nicht sehr wahrscheinlich.

Es gibt hier ansehnliche Gärten, in denen man mit Vergnügen spazieren gehen kann. In großen Städten sind öffentliche Spaziergänge sehr nötig. Der Handwerker, der Künstler, der Gelehrte erholt sich nach getaner Arbeit an der frischen Luft, ohne vor die Stadt gehen zu müssen. Zudem erfrischen und reinigen die Ausdünstungen der Gärten die Luft, die in großen Städten stets voll fauliger Teilchen ist.

Der Jahrmarkt beginnt. Alle ziehen ihre besten Kleider an, und Schar um Schar begegnet man auf den Straßen. Gäste empfängt man auf der Treppe vor dem Haus, wo man Tee und Kaffee reicht.

Ich habe meinen Koffer schon zur Post geschickt. Wer in der öffentlichen Kalesche reist, darf sechzig Pfund ohne Bezahlung mitnehmen; ich habe weniger als sechzig.

Adieu! {Lebt wohl! (franz.). — Anm. d. Red.} Mein Landsmann Gabriel, der, um mit seinen Worten zu reden, noch keine Arbeit gefunden hat, kam, um mir zu sagen, dass die Postkalesche bald bereit sein werde.

Ich liebe euch ebenso, meine Freunde, wie früher; doch die Trennung ist für mich nicht mehr so schmerzlich. Ich beginne die Reise zu genießen. Manchmal, wenn ich an euch denke, seufze ich; doch ein leichter Wind kräuselt das Wasser, ohne seine Klarheit zu trüben. So ist das menschliche Herz; in diesem Augenblick danke ich dem Schicksal dafür, dass es so ist. — Seid nur glücklich, meine Freunde, und sorgt euch niemals um mich! In Berlin hoffe ich einen Brief von euch zu erhalten.

Marienburg, 21. Juni, nachts

Die preußische sogenannte Postkalesche gleicht ganz und gar nicht einer Kalesche. Sie ist nichts anderes als ein langer, überdachter Wagen mit zwei Bänken, ohne Riemen und ohne Federn. Ich wählte mir einen Platz auf der vorderen Bank. Ich hatte zwei Gefährten, einen Hauptmann und einen Sekondeleutnant, die sich hinten auf die Koffer setzten. Ich dachte, mein Platz sei vorteilhafter; doch der weitere Verlauf bewies, dass ihre Wahl besser war als meine. Der Diener des Hauptmanns und der sogenannte Schirrmeister, oder Begleiter, setzten sich zu uns in die Kalesche auf die andere Bank. Die traurigen Gedanken, mit denen sich mein Kopf beim gotischen Anblick unseres Gefährts füllte, zerstreuten sich bald. In der Stadt sah ich überall das angenehme Bild des Festes — überall fröhliche Menschen; meine Offiziere waren sehr höflich, und das Gespräch, das sich zwischen uns entspann, fesselte mich ziemlich. Wir sprachen über den Türken- und den Schwedenkrieg, und der Hauptmann lobte von gutem Herzen die Tapferkeit unserer Soldaten, die seiner Meinung nach kaum schlechter seien als die preußischen. Er erzählte Anekdoten aus dem letzten Krieg, die alle der Ehre der preußischen Krieger galten. Er wünschte sich sehnlichst, dass der König des Friedens überdrüssig würde. „Es ist Zeit, wieder zu kämpfen“, sagte er, „unsere Soldaten haben sich die Seiten wund gelegen; wir brauchen Exerzitium, Exerzitium!“ Mein friedliebendes Herz war gekränkt.

Ich wappnete mich mit meiner ganzen Beredsamkeit gegen den Krieg und schilderte seine Schrecken: das Stöhnen, das Wehklagen der unglücklichen Opfer, die ein Blutstrom ins Jenseits fortträgt; die Verwüstung der Länder, den Gram der Väter und Mütter, der Frauen und Kinder, der Freunde und Verwandten; die Verwaisung der Musen, die sich ins Dunkel verbergen, so wie sich in stürmischer Zeit die armen Rotkehlchen und Meisen in den Büschen verstecken, und so weiter.

Mein unbarmherziger Hauptmann lachte und rief: „Wir brauchen Exerzitium, Exerzitium!“ Schließlich merkte ich, dass ich mich an die Arbeit der Danaiden gemacht hatte; ich verstummte und wandte meine ganze Aufmerksamkeit der angenehmen Umgebung des Weges zu. Unser Postillion schonte die Pferde nicht; und so gelangten wir unmerklich zur Umspannstation, wo wir nur gerade Zeit hatten, in aller Eile zu Abend zu essen.

Die Nacht war angenehm. Ich schlief mehrmals ein, doch nicht für lange, ich spürte den Vorteil, den meine Gefährten hatten. Sie konnten auf den Koffern liegen, ich aber musste im Sitzen schlummern. Bei Tagesanbruch kamen wir zur nächsten Station. Um uns nach der unruhigen Nacht einigermaßen zu ermuntern, tranken der Hauptmann und ich je etwa fünf Tassen Kaffee — was mich tatsächlich belebte.

Die Gegenden wurden ganz und gar unangenehm, und der Weg schlecht. Heiligenbeil, ein kleines Städtchen sieben Meilen von Königsberg, erinnert an die Zeiten des Heidentums. Hier erhob sich einst eine majestätische Eiche, stumme Zeugin von Geburt und Tod vieler Jahrhunderte, — eine Eiche, die den alten Bewohnern dieses Landes heilig war. In ihrem dunklen Schatten beteten sie den Götzen Curcho an, brachten ihm Opfer dar und priesen ihn in ihren wilden Hymnen. Das ewige Dämmerlicht dieses natürlichen Tempels und das Rauschen der Blätter erfüllten das Herz mit Schauder, in den die Priester des Heidentums die Gottesverehrung kleideten. So verbargen die Druiden ihre Religion im Dickicht der Wälder; so ging die Stimme der griechischen Orakel aus der Tiefe des Dunkels hervor! — Die Deutschen Ritter zerstörten im dreizehnten Jahrhundert, nachdem sie Preußen mit dem Schwert unterworfen hatten, die Altäre des Heidentums und errichteten auf ihren Trümmern den Tempel des Christentums. Die stolze Eiche, ein ehrwürdiger Greis im Reich der Pflanzen, Trotz der Stürme und Wirbelwinde, fiel unter der zerstörerischen Hand der Sieger, die alle Denkmäler des Götzendienstes vernichteten: ein unschuldiges Opfer! — Die abergläubische Überlieferung sagt, man habe die Eiche lange nicht fällen können; alle Äxte seien von ihrer dicken Rinde abgeprallt wie von hartem Diamant; doch endlich habe sich eine Axt gefunden, die den Zauber brach, indem sie den Baum von der Wurzel trennte; und zum Andenken an die siegreiche Axt habe man diesen Ort Heiligenbeil genannt, das heißt Axt der Heiligen. Heute ist diese Axt der Heiligen für ein ganz besonderes Bier und Weißbrot berühmt.

Braunsberg, wo wir zu Mittag aßen und zum dritten Mal die Pferde wechselten, ist ein ziemlich volkreiches Städtchen. „Hier lebte und starb Kopernikus“, sagte mir der Hauptmann, als wir durch einen kleinen Ort fuhren. — „Das ist also Frauenburg?“ — „Genau.“

Wie ärgerlich war es mir, dass ich die Zimmer nicht sehen konnte, in denen dieser berühmte Mathematiker und Astronom lebte und wo er nach seinen Beobachtungen und Berechnungen die Bewegung der Erde um ihre Achse und um die Sonne bestimmte — der Erde, die nach Meinung seiner Vorgänger unbeweglich im Zentrum der Planeten stand und die nach ihm Tycho de Brahe wieder anhalten wollte, doch vergeblich! — Und so sind die Ideen des Pythagoras, über die die Griechen lachten, die ihren Sinnen mehr glaubten als dem Philosophen, im System des Nikolaus Kopernikus wiederauferstanden? — Dieser Astronom war glücklicher als Galilei: Der Aberglaube — obwohl er noch unter dessen Zepter lebte — zwang ihn nicht, der Lehre der Wahrheit eidlich abzuschwören. Kopernikus starb ruhig in seiner friedlichen Behausung, Tycho de Brahe aber musste sein philosophisches Schloss und sein Vaterland verlassen. Die Wissenschaften hatten, wie die Religion, ihre Märtyrer.

Gegen Abend kamen wir nach Elbing, einer nicht großen, aber handeltreibenden und recht ansehnlich gebauten Stadt, in der zwei oder drei Regimenter stehen. Die Post sollte hier mehr als eine Stunde verweilen. Wir gingen in einen Gasthof, wo, außer dem Wirt und den Gästen, alles ziemlich sauber war. Seit wir Königsberg verlassen hatten, hatte ich noch keinen ordentlich gekleideten Menschen gesehen. Zwei spielten Billard: der eine — in grünem Kaftan, rehfarbener Weste und speckiger Perücke, ein Mann über vierzig, der andere — ein junger Mann in einem bunten, kurzen Frack; der erste spielte sehr schlecht und ärgerte sich, der andere wollte sich über ihn lustig machen, lachte aus vollem Halse bei jedem seiner Fehlstöße, schielte zu uns und in den Spiegel und richtete unablässig seine dicke, schmutzige Halsbinde. Karikatur um Karikatur kam in den Gasthof, und jede Karikatur verlangte Bier und Pfeife. Mir war sehr langweilig. Zudem spürte ich eine starke Wallung im Blut vom Kaffee und von der rüttelnden Bewegung der Postkalesche.

Als wir hinausgingen, um einzusteigen, fanden wir bei der Kalesche einen jungen Offizier und eine alte Frau, die sich unserem Wohlwollen empfahlen und erklärten, dass sie mit uns reisen. So wurde es bei uns viel enger. Meine Offiziere freuten sich über den neuen Gefährten, mit dem sie über die vergangene Revue sprechen konnten. Die Frau, gebürtig aus Schwedisch-Pommern, hob, als sie hörte, dass ich Russe sei, die Hände zum Himmel und rief: „Ach, ihr Bösewichter! Ihr richtet unseren armen König zugrunde!“ Die Offiziere lachten, und ich lachte auch, wenn auch nicht ganz von Herzen.

Unterdessen stimmte der schöne Abend meine Seele für angenehme Eindrücke. Zu beiden Seiten des Weges breiteten sich reiche Wiesen aus; die Luft war frisch und rein; zahlreiche Herden feierten mit ihrem Blöken und Brüllen den Sonnenuntergang.

Die Bäuerinnen molken die Kühe und atmeten den heilsamen Dampf der Milch ein, die den Reichtum aller dortigen Dörfer ausmacht. Die Bewohner gehören, wenn ich nicht irre, zur Sekte der Wiedertäufer, Wiedertaufer. Man lobt ihre Sitten, ihre Friedfertigkeit und Ehrlichkeit.

Ihre Hand erhebt sich nicht gegen den Nächsten. „Menschenblut“, sagen sie, „schreit zum Himmel.“ — Die Stille der hereingebrochenen Nacht schloss mir die Augen.

Jetzt sind wir in Marienburg, wo ich Zeit hatte, euch so viele Seiten zu schreiben. Diese Stadt ist nur dadurch bemerkenswert, dass ihr altes Schloss einst die Residenz der Hochmeister des Deutschen Ordens war.

Von der alten Frau, meiner Widersacherin, haben wir uns hier befreit; doch ihren Platz wird ein großer Offizier einnehmen, der jetzt neben mir sitzt und auf die Abfahrt der Post wartet. — Es dämmert. Lebt wohl! Aus Danzig hoffe ich noch etwas hinzuzuschreiben.

Danzig, 22. Juni 1789

Nachdem wir durch die Vorstadt von Danzig gefahren waren, hielten wir in dem preußischen Flecken Stolzenberg, der auf dem hohen Berg dieses Namens liegt. Danzig liegt uns zu Füßen wie auf einem Tellerchen, sodass man die Dächer zählen kann. Diese prächtig gebaute Stadt, das Meer, der Hafen, die Schiffe an der Anlegestelle und andere, verstreut über die wogende, unermessliche Weite der Wasser, — all das zusammen bildet ein solches Bild, meine liebsten Freunde, wie ich es in meinem Leben noch nicht gesehen hatte und das ich zwei Stunden lang betrachtete, schweigend, in tiefer Stille, in süßem Selbstvergessen.

Doch der Glanz dieser Stadt ist seit einiger Zeit verblasst. Der Handel, der die Freiheit liebt, schrumpft und verfällt mehr und mehr unter der bedrückenden Hand des Starken. So wie Mönche des strengsten Ordens, wenn sie einander in der trüben Finsternis ihrer Behausungen begegnen, statt jeden Grußes mit ersterbender Stimme sprechen: „Gedenke des Todes!“, so rufen die Bewohner dieser Stadt einander in tiefer Niedergeschlagenheit zu: „Danzig! Danzig! Wo ist dein Ruhm?“ — Der König von Preußen hat übermäßige Zölle auf alle Waren gelegt, die von hier aufs Meer verschifft werden, von dem Danzig etwa fünf oder sechs Werst entfernt liegt.

Die Schotten, die ihre Heringe hierher schicken, genossen in Danzig alle Bürgerrechte, weil einst der Schotte Douglas der Stadt einen wichtigen Dienst erwiesen hatte. Diejenigen Einwohner, mit denen ich sprach, konnten mir nicht sagen, worin genau der Dienst des Douglas bestand. Ein solches Zeichen der Dankbarkeit gereicht dieser Stadt zur Ehre.

Ich wusste nicht, dass die Post hier so lange verweilen würde, sonst hätte ich Zeit gehabt, in Danzig einige sehenswürdige Dinge zu besichtigen. Jetzt ist es schon zu spät: Man will die Pferde anspannen. Am meisten hätte ich das berühmte Eichelsche Gemälde in der lutherischen Hauptkirche sehen mögen, das das Jüngste Gericht darstellt. Ein König von Frankreich — ich weiß nicht, welcher — bot dafür hunderttausend Gulden. — Gern hätte ich auch Professor Trendelenburg gesehen, um ihm für die von ihm verfasste griechische Grammatik zu danken, die ich benutzt habe und auch künftig zu benutzen hoffe {Der Autor begann damals Griechisch zu lernen; später aber hatte er keine Zeit mehr, daran zu denken.}. — Das gewaltigste Gebäude der Stadt ist das Rathaus. Überhaupt haben alle Häuser fünf Stockwerke. Die außerordentliche Sauberkeit der Fensterscheiben verschönert ihren Anblick.

Danzig hat eigenes Geld, das jedoch außerhalb der Stadt nicht gilt; und auch in der Stadt selbst zieht man das preußische vor.

Westlich von Danzig erheben sich drei Sandberge, deren Gipfel weit höher sind als die Türme der Stadt; einer dieser Berge ist der Stolzenberg. Im Falle einer Belagerung können feindliche Batterien von dort die Stadt zerstören. Auf dem Hagelsberg stand einst eine Raubritterburg; das Echo des Schreckens, den sie verbreitete, hallte weit in die Umgebung. Dort zeigt man das Grab der Russen, die 1734 gefallen sind, als Graf Münnich die Stadt stürmte. Die Belagerten wussten, von welcher Seite der Angriff kommen würde, weshalb Garnison und Einwohner all ihre Kräfte dorthin wandten und wie Verzweifelte kämpften. Bekanntlich hielt die Stadt zu Stanislaus Leszczyński gegen August III., für den Russland eintrat. Schließlich ergab sich Danzig.

Meine Gefährten, die Offiziere, wollten die städtischen Befestigungen besichtigen, doch die Wachtposten ließen sie nicht durch und drohten zu schießen. Sie lachten über die übertriebene Strenge und kehrten zurück. Die Soldaten sind größtenteils alt und unordentlich gekleidet. Der Magistrat überträgt das Kommandantenamt gewöhnlich irgendeinem ausländischen General mit hohem Sold.

Erste Station hinter Danzig

In Danzig schlossen sich uns ein Offizier, ein junger französischer Kaufmann und ein Magister an. Für sie und für den Diener des Hauptmanns nahm der Schirrmeister dort einen offenen Wagen. Der Offizier setzte sich zu uns in die Kalesche, wo noch ein Platz frei war, den der Magister einnehmen wollte; doch der Franzose erhob ein Geschrei und bewies sein Vorrecht, und der Schirrmeister entschied die Sache zu seinen Gunsten, nachdem er erfahren hatte, dass er sich tatsächlich früher bei der Post eingetragen hatte. Der Magister bat uns inständig, wir möchten doch irgendwie zusammenrücken und ihm einen Platz in der Kalesche geben, wobei er auf gelehrte Weise darlegte, dass es ihm mit dem Schirrmeister und dem Diener langweilig sein werde; doch er predigte tauben Ohren, wie die Deutschen sagen. Der Franzose, der für die Reise sehr gut gekleidet war, setzte sich triumphierend auf die Bank zwischen zwei Offiziere und bedauerte spöttisch, dass der arme Magister von dem Regen, der zu tröpfeln begann, durchnässt werde. Unser neuer Gefährte, der Offizier, der bequemer sitzen wollte, sah ihn sehr scheel an und begann ihn zu drücken. Der Franzose erklärte sehr höflich, dass es ihm etwas eng werde. „Umso schlimmer für Sie“, antwortete ihm der Offizier ärgerlich; zündete seine Pfeife an und begann ihm Rauchwolken in Nase und Mund zu blasen. Der Franzose nieste, hustete und fragte schließlich, was das bedeuten solle? — „Dass Sie sich zum Magister in den Wagen scheren sollen.“ — „Mein Herr!“, sagte der Franzose mit stolzer Miene. — „Mein Herr!“, antwortete der Offizier verdrießlich. „Man sagt Ihnen, dass Sie sich von uns scheren sollen.“

Der Franzose versicherte gewichtig, er habe das gleiche Recht wie er, in der Kalesche zu sitzen; doch der Offizier, ein schlechter Jurist, begann, Asche mit Glut auf ihn zu streuen, und sagte, der Vesuv speie nach dem Rauch Flammen. Und das war noch nicht alles: Er stieß ihm das Gefäß seines Säbels in die Seite.

Der arme Franzose, der sah, dass er mit Geduld nicht davonkommen würde, bat den Offizier unter Tränen, ihn bis zur ersten Umspannstation in Ruhe zu lassen, und versprach, dort in den Wagen umzusteigen. Meine alten Gefährten, nachdem sie sich satt gelacht hatten, erbarmten sich des Märtyrers und überredeten ihren Kameraden, sich mit seinem Versprechen zu begnügen. Auch ich lachte, bedauerte den Franzosen jedoch aufrichtig, obwohl er sogleich alles vergaß und fröhlich wurde.

Jetzt wechselt man die Pferde und bereitet uns ein leichtes Abendessen.

Als wir aus Danzig hinausfuhren, blickte ich auf das Meer, das zur Rechten blaute. Sonst fiel mir nichts Bemerkenswertes in die Augen, außer dem weitläufigen Danziger Spaziergang, wo sehr wenige Menschen waren, weil der Himmel sich von allen Seiten mit Wolken bedeckte...



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Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.