Flüsse waren im Mittelalter bekanntlich die wichtigsten Verkehrswege – in der warmen Jahreszeit auf dem Wasser, im Winter mit dem Schlitten. Für den Transport großer Mengen Bauholz war das Flößen sogar der einzige wirtschaftlich lohnende Weg. Darüber hinaus bietet ein Fluss im Sommer einen zuverlässigen Schutz vor feindlichen Truppen, denn ein Flussufer lässt sich weit leichter verteidigen als eine Stellung auf freiem Feld. Sollen Verkehrswege jedoch quer zur Strömung angelegt werden, wird der Fluss zu einem erheblichen Hindernis und erfordert Brücken oder Fähren. Dieser kurze historisch-geographische Exkurs war nötig, um die Rolle der Insel Lomse im Schicksal Königsbergs zu verstehen und zu begreifen, warum ihre Entwicklung so und nicht anders verlief.
Der Name Lomse stammte, wie die meisten Ortsnamen in der Umgebung von Königsberg, aus der prußischen Sprache. Mit diesem Wort bezeichneten die Prußen ein sumpfiges Gelände am Fluss, was der Wirklichkeit vollkommen entsprach. Lomse lag von allen Gebieten, die jemals zu Königsberg gehörten, am tiefsten über dem Meeresspiegel und wurde am häufigsten überflutet. Der Grundwasserspiegel stieg hier von Westen nach Osten an, sodass der östliche Teil zu einem regelrechten Sumpf wurde.
Der nordwestliche Teil der Insel Lomse auf dem Bering-Plan (1613).
Die Insel Lomse wird 1286 bei der Verleihung des Stadtrechts an die Altstadt erwähnt. Der Stadt wurde dieses Gebiet (neben anderen) zur wirtschaftlichen Nutzung zugeschrieben. Lomse hatte, wie der Laak, den Status eines Stadtteils und nicht den einer Freiheit (Freiheit).
Lomse auf der Rekonstruktion einer Karte der Städte, Freiheiten und Stadtteile Königsbergs vor ihrer Vereinigung 1724.
Das Land auf der Insel wurde der Altstadt mit der Auflage übergeben, dass es ausschließlich zur Lagerung von Holz genutzt werde. Da wir bei der Beschreibung alter Zeiten ohnehin immer wieder in die Gegenwart zurückkehren und alles aus heutiger Sicht betrachten, sei gesagt: Solche Gebiete nennt man heute „Industriezonen“. Sie gehören zwar zur Stadt, sind aber nicht zum Wohnen bestimmt. Und wenn doch jemand in einer Industriezone wohnt, dann entgegen den Gesetzen. Natürlich hätten die Altstädter die Zahl der wirtschaftlichen Tätigkeiten auf der Lomse erweitern können, doch sie begriffen schnell, dass Ackerbau und Viehweide auf der Insel aussichtslos waren – im Gegensatz zur Nutzung ihrer Ufer für die Lagerung und das Sägen von Holz. Dieser Ort auf der Lomse erhielt den Namen Holzwiesen; von ihm nahm später auch die gleichnamige Holzwiesenstraße ihren Anfang. Wirklich zu einem Lagerviertel entwickelte sich die Lomse jedoch erst ab 1404, als die Holzbrücke gebaut wurde. Über diese Brücke konnten die Bewohner der Altstadt die Insel endlich ungehindert erreichen, ohne dafür Boote und Kähne zu benutzen. Der Platz am Brückenkopf diente dem Viehhandel und erhielt den Namen Ochsenmarkt. Später wurde an dieser Stelle der altstädtische Schlachthof errichtet, der hier bis zum Ende des 19. Jahrhunderts arbeitete. Damals bemühten sich die Bürger, so unhygienische Einrichtungen wie Viehmärkte und Schlachthöfe aus der Stadt zu verlegen.
Vom Ochsenmarkt aus entwickelte sich allmählich entlang des dem Kneiphof und der Vorstadt zugewandten Ufers eine Straße. Damit die Gebäude an ihr nicht vom Stauwasser überflutet wurden, legte man die Straße auf einem aufgeschütteten Damm an.
Der Damm wuchs stetig in Richtung des gegenüberliegenden (südlichen) Ufers der Insel, und so kam die verlockende Idee auf, ihn bis zum Ende der Lomse zu verlängern, dort eine Brücke über den Alten Pregel zu bauen und auf diese Weise einen Weg nach Natangen und Polen unter Umgehung des Kneiphofs zu erhalten. Die Genehmigung zum Bau einer Brücke im südlichen Teil der Insel hatte die Altstadt nämlich schon 1377 vom Hochmeister Winrich von Kniprode (1310–82) erhalten, doch der Baubeginn verzögerte sich aus verschiedenen Gründen. Die Kneiphöfer durchschauten diesen Plan natürlich und wandten sich, beunruhigt über solche Aussichten, an die Ordensobrigkeit. Daraufhin verhandelte Hochmeister Paul von Rusdorf (1385–1441) im Jahr 1434 mit der Altstadt und versicherte dem Kneiphöfer Rat anschließend, dass entlang des Ufers nur Speicher und Ställe gebaut würden, und zwar in einem vereinbarten Abstand vom Wasser. Auf der Lomse werde die Altstadt keine Hafenanlagen, keine Märkte und keine Wohnviertel haben.
Die Insel Lomse auf der Karte Königsbergs (1885).
Der Damm, der den Namen Weidendamm erhielt, wurde weiter nach Süden vorangetrieben, doch die Brücke über den Alten Pregel entstand erst 1520, in den letzten Jahren des Deutschordensstaates.
Lomse auf der Vorkriegskarte von 1944.
Um ganz genau zu sein: Bekannt ist, dass es 1520 die sogenannte Neue Brücke bereits gab. Mitunter wird als Baujahr 1500 oder ein Datum um diese Zeit genannt. Mit der Neuen Brücke erhielt die Altstadt endlich einen Landweg in den Süden Preußens unter Umgehung des Kneiphofs. Doch der Kneiphof blieb die Antwort nicht schuldig und setzte 1542 die Genehmigung für den Bau einer eigenen Brücke von der Kneiphof-Insel zur Lomse durch. Die Neue Brücke war keine Zugbrücke. Damit Boote und Kähne sie passieren konnten, musste sie höher gebaut werden als die übrigen Königsberger Brücken. Deshalb wurde sie mit der Zeit in Hohe Brücke (Hohe-Brücke) umbenannt.
Hier ist anzumerken, dass die Erschließung der Lomse dennoch weit langsamer verlief als die der übrigen städtischen Ländereien und Freiheiten, und der Grund waren wiederum die Sümpfe und Überschwemmungen. Auf dem ersten bekannten Plan Königsbergs (Braun-Plan, 1581) sehen wir allerdings, dass das dem Kneiphof zugewandte Ufer der Lomse bereits mit einem Damm befestigt ist, an dessen Ostseite Häuser stehen.
Möglicherweise halfen den Altstädtern bei der Erschließung der versumpften Flächen die Holländer, die sich unter Herzog Albrecht in Königsberg anzusiedeln begannen und aus ihrer Heimat Erfahrung mit der Trockenlegung von Land mitbrachten. Wie dem auch sei – die Meliorationsarbeiten auf der Insel wurden mit Nachdruck betrieben.
Auf dem nächsten Stadtplan (Bering-Plan, 1613) ist zu sehen, dass die Zahl der mit Häusern bebauten Querstraßen auf mindestens drei gestiegen ist; zwei weitere Straßen verlaufen entlang des Ufers des Neuen Pregels. Diese beiden Straßen sind jedoch nicht mit Häusern bebaut, auf ihnen ist in ordentlichen Stapeln Holz gelagert. In der Nähe der Neuen Brücke wurde 1559 ein Krug gebaut, der ebenfalls „Neuer“ hieß (Neuer Krug); sein Besitzer war verpflichtet, die Aufgaben eines Brückenaufsehers zu übernehmen. Lange Zeit war dieser Krug mit seiner mächtigen, an eine Befestigungsanlage erinnernden Umfriedung das einzige Gebäude im südlichen Teil des Weidendamms.
Als 1626 der Bau eines Bastionsrings um die Königsberger Städte und ihre Freiheiten begann, stieß sein Planer, der Mathematikprofessor Johannes Straus (1590–1630), auf das Problem, diesen Ring auf der Insel Lomse fortzuführen. Die Regeln des Festungsbaus verlangten, dass eine Festung in ihrer Form möglichst nahe an einen Kreis herankam. Auf der Lomse hätte die Fortsetzung dieses Kreises jedoch durch ziemlich sumpfiges Gelände geführt, und die Insel galt in ihrem östlichen Teil ohnehin als unpassierbar für eine Armee mit Belagerungsartillerie. Deshalb verlief die Bastionsfront hier entlang der Grenze des bewohnten Gebiets. Dadurch erhielt der Grundriss der Befestigungslinie einen einspringenden Winkel, was nach der im 17. Jahrhundert geltenden Theorie eine Schwachstelle der Verteidigung bedeutete. Hier, in der Mitte der Front, setzte man ein sogenanntes Hornwerk ein – ein Festungselement, das die Holländer in die Praxis des Festungsbaus eingeführt hatten, um die dem Bastionssystem eigenen Mängel zu beheben.
Der Kurfürstendamm.
Der Einsatz eines Hornwerks war für Osteuropa eher eine Exotik; jedenfalls kam es im Verteidigungssystem Königsbergs sonst nirgends und niemals mehr vor. Neben dem erwähnten Hornwerk bestanden die Befestigungen auf der Lomse aus zwei Halbbastionen (an beiden Armen des Pregels) und einer Bastion.
Die Straße Hinterlomse.
Die folgenden 200 Jahre vergingen für die Lomse ohne grundlegende Veränderungen und bedeutende Ereignisse. Das Viertel wurde praktisch nicht bebaut, die städtischen Quartiere reichten vielerorts nicht einmal bis an die Wallbefestigungen heran. Dafür dehnten sich die Holzlager erheblich aus – die Holzwiesen erstreckten sich nun am Fluss entlang bis an die Stadtgrenze. Im Vergleich zu den übrigen Stadtteilen schien hier die Zeit stehen geblieben zu sein. Das heißt aber nicht, dass in diesen 200 Jahren überhaupt nichts Interessantes geschah. Einige Episoden aus der Geschichte der Lomse verdienen Erwähnung.
Im 17. Jahrhundert war die größte Sehenswürdigkeit der Lomse der Dichterkreis um Simon Dach (1605–59), den preußischen Dichter, Professor und Rektor der Albertina. Heute erinnert man sich an ihn meist im Zusammenhang mit dem bekannten Lied „Ännchen von Tharau“, zu dem er die Verse schrieb. Seine Zeitgenossen hätten jedoch viel mehr über ihn erzählen können. Sie rühmten nicht nur sein dichterisches Talent und nannten Dach den „Vater der preußischen Dichtung“, sondern auch seine außergewöhnlichen menschlichen Qualitäten, sein Bestreben, begabten Studenten zu helfen, befreundete Dichter zu fördern und zu unterstützen und die an der Universität aufkommenden Fragen gerecht zu entscheiden.
Dach genoss Liebe und Achtung unter seinen Kollegen, seine Gedichte wurden von einfachen Königsbergern geliebt, Vertreter des Hauses Hohenzollern unterstützten ihn nach Kräften, und Kurfürst Georg Wilhelm nannte ihn seinen Hofdichter.
Simon Dach gehörte zu den Ersten, die „hohe Dichtung“ in deutscher statt in lateinischer Sprache schrieben. Es heißt, Dach habe die Königsberger Dichter und Musiker um sich versammelt: Heinrich Albert (1604–51), Johann Stobaeus (1580–1646), Robert Roberthin (1600–48), Christoph Kaldenbach (1613–98), Johann Titz (1619–89) und andere, wenngleich mitunter Roberthin als Initiator dieses Zusammenschlusses genannt wird. Anders als die früher bestehenden Zünfte der Dichter und Musiker hatte Dachs Kreis weder Satzung noch Privilegien, sondern war eine rein künstlerische Vereinigung, die auf der persönlichen Freundschaft ihrer Mitglieder beruhte. Die Freunde trafen sich im Garten Heinrich Alberts am Weidendamm, in einer Sommerlaube zwischen Kürbissen und Zucchini. Auf die Kürbisse schrieben sie oft scherzhafte Vierzeiler, weshalb Dachs Kreis selbst den Namen „Kürbishütte“ (Kürbislaube oder Kürbishütte) erhielt. Die „Kürbishütte“ besuchten nicht nur Vertreter künstlerischer Berufe, sondern auch Kunstliebhaber, darunter einflussreiche Beamte. Heinrich Albert selbst wurde durch seine Musik zu eben jenem Lied „Ännchen von Tharau“ bekannt.
Die Hochmeisterstraße.
Die Zeitgenossen bewunderten sein Orgelspiel im Dom, dessen festangestellter Organist er war. Die „Kürbishütte“ bestand bis 1641, als das Gelände, auf dem sich der Garten Heinrich Alberts befand, in den Baubereich der Wallbefestigungen geriet.
Das Bootshaus des Ruderclubs „Prussia“ am Weidendamm 18–20.
Die Vereinigung der Pregelstädte, ihrer Freiheiten und Stadtteile zu einem einheitlichen Königsberg am 13.06.1724 beseitigte endgültig alle künstlichen Beschränkungen für die Entwicklung der Lomse. Es blieben nur die objektiven natürlichen Faktoren, derentwegen die Königsberger die Insel Lomse weiterhin als Lager- und landwirtschaftliches Anhängsel betrachteten. 1742 wurden auf der Lomse mit Unterstützung König Friedrichs II. Maulbeerplantagen angelegt. 1750 gewann man die ersten 20 Pfund Rohseide. Insgesamt kann das Experiment, in Königsberg eine Seidenproduktion aufzubauen, jedoch als gescheitert gelten – im strengen Winter 1771–72 erfroren die Bäume. Dafür gab diese Initiative des preußischen Königs später einer Straße ihren Namen, die man denn auch Plantage nannte.
Ende des 18. Jahrhunderts wurde auf der Lomse an der Honigbrücke ein Anatomisches Theater eingerichtet. Zu dieser Zeit hatten sich solche Einrichtungen von Schau- und Unterhaltungsstätten zu rein wissenschaftlichen Institutionen gewandelt, in denen die Studenten die Geheimnisse des Baus des menschlichen Körpers und die Techniken der Chirurgie erlernten. Doch es war nicht die einzige mit der hiesigen Universität verbundene Einrichtung auf der Lomse.
Irgendwann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wohnte in der Straße Hinterlomse der Professor für Logik und Metaphysik, Doktor der Theologie Johann David Kypke (1692–1758), der neben vielen anderen Verdiensten ein Lehrer Immanuel Kants war.
Professor Kypke hatte einen Neffen, Georg David Kypke (1724–79), der seit der gemeinsamen Schulzeit am Collegium Fridericianum mit Kant befreundet war. Wie Kant absolvierte auch er die Königsberger Universität und kehrte nach einiger Zeit als Professor für orientalische Sprachen an sie zurück. 1778 gründete Kypke ein Wohnheim für Studenten aus armen Familien, das ihm zu Ehren „Kypkenaum“ genannt wurde. Es befand sich in der Straße Hinterlomse. Ein Jahr später starb Georg Kypke und vermachte testamentarisch 10 000 Taler, von denen im „Kypkenaum“ 13 Studenten unterhalten werden sollten.
Erst das anbrechende 19. Jahrhundert, das Jahrhundert von Eisen und Dampf, Fabriken und Eisenbahnen, verlieh dem Bild der Lomse Züge der Industrialisierung. Anfang des 19. Jahrhunderts eröffneten englische Einwanderer an der Stelle des Kruges an der Hohen Brücke eine Lederfabrik, die denn auch „Englische Lederfabrik“ / Englische Leder Fabrique hieß. Etwas später arbeitete an ihrer Stelle eine Zuckerfabrik. Diese wiederum schloss bis 1860, und neben der Hohen Brücke nahm ein Sägewerk den Betrieb auf.
Die Neue Synagoge in der Lindenstraße.
1843–45 wurde am Weidendamm die Gießerei und Maschinenfabrik von Leopold Steinfurt (1804–64) errichtet. Dieses Werk war bis Ende des 19. Jahrhunderts das größte Industrieunternehmen der Insel.
Pregel und Lomse aus der Vogelperspektive (1930er Jahre). Die Synagoge gibt es schon nicht mehr …
1871, bereits nach dem Tod seines Gründers, erwarb das Unternehmen ein zweites Grundstück zur Erweiterung der Produktion. Doch auch dieses Gelände erwies sich später als zu eng. 1903 begann die Verlegung der Werkhallen nach Ratshof, die bis 1906 abgeschlossen war.
1843 begannen die Arbeiten am Zweiten Wallgürtel Königsbergs. Und wieder wurde die Front auf der Lomse zum Stein des Anstoßes für die Festungskommission. Diesmal beschloss man, den regelmäßigen Festungsgürtel nicht zu brechen und seinen Abschnitt durch den unbewohnten Teil der Insel zu führen. Ursprünglich sah das Projekt von Generalleutnant Ernst Ludwig von Aster (1778–1855) den Bau von vier Ravelins auf der Lomse vor. Bis zum Abschluss der Hauptarbeiten 1862 war auf der Lomse jedoch nichts gebaut worden. Zu diesem Festungsabschnitt kehrte man erst 1889 zurück, als der fortifikatorische Wert des Bastionsgürtels selbst bereits stark in Zweifel stand. Auf der Lomse beschränkte man sich auf einen einfachen Erdwall mit einem vorgelagerten Graben. Etwa in der Mitte des Walls wurde die ebenfalls aus Erde aufgeschüttete Wiesen-Lünette angelegt, und die Front auf der Lomse erhielt dementsprechend den Namen Wiesen-Front.
Das Jahr 1894 kann als Beginn des massenhaften Wohnungsbaus auf der Insel Lomse gelten. Nach und nach wurden Speicher und Lager abgerissen, und an ihrer Stelle entstanden Wohnhäuser.
Die Bebauung drang dabei nicht ins Innere der Insel vor; die neuen Häuser gruppierten sich nach wie vor an der Lindenstraße, am Weidendamm und an einigen benachbarten Gassen. Gebaut wurden sie (für Vorkriegs-Königsberger Verhältnisse) ohne besonderen architektonischen Aufwand, was von Einwohnern und Gästen der Stadt mitunter kritisiert wurde. Den einstigen Ochsenmarkt bepflanzte man mit Linden, den so entstandenen Platz nutzte man als gewöhnlichen Markt, der den Namen Lindenmarkt erhielt. Er lag unmittelbar neben der Neuen Synagoge.
Ende des 19. Jahrhunderts erschienen auf der Lomse Straßenbahnschienen. Der Straßenbahnverkehr in der Lindenstraße und auf dem Weidendamm begann am 06.03.1898. Dabei gab es eine Abzweigung der Linie über die Honigbrücke auf die Insel Kneiphof. Als jedoch 1905 die Kaiserbrücke gebaut wurde, behielt man die Gleise über die Honigbrücke und die Hohe Brücke nur noch als Betriebsgleise bei. Nun führten die Linien 1 und 11 aus der Vorstadt über die Kaiserbrücke, weiter über die Lomse und in Richtung Löbenicht über die Holzbrücke.
Die Kreuzkirche.
1894 wurde die Lomse als Bauplatz für die Neue Synagoge ausgewählt. Die alte in der Synagogenstraße / Synagogen Straße in der Vorstadt fasste nicht mehr alle Gläubigen. Der Bau der Synagoge wurde 1896 abgeschlossen. Sie gehörte der liberalen jüdischen Gemeinde.
Die Holzbrücke im 21. Jahrhundert (2024).
Die Anhänger des liberalen Judentums waren (im Unterschied zu den Orthodoxen) der Ansicht, dass Juden aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und sich ihrer Umgebung anpassen sollten, statt blind alten Vorschriften zu folgen. Die neue liberale Synagoge entstand an der Stelle eines eigens dafür abgerissenen Speichers. Das Gebäude geriet außergewöhnlich und leicht wiedererkennbar. Neben der Neuen Synagoge wurde 1904 ein Waisenhaus für jüdische Kinder gebaut (Architekt Fritz Behrendt, 1877–1967). Sein Gebäude ist bis heute erhalten.
Erwähnt werden sollte auch das sportliche Leben der Lomse. Schon zur Zeit des Königreichs Preußen nutzten Schlittschuhläufer den Wasserarm zwischen Lomse und Kneiphof als Eisbahn. Man konnte auch auf dem Schlossteich (Schlossteich) laufen, doch dort war das Eis gebührenpflichtig. Am Weidendamm befand sich das Hauptquartier des bekanntesten Königsberger Rudervereins „Prussia“. Und am Ende der Altstädtischen Holzwiesenstraße am Ufer des Neuen Pregels lagen ein Ruderstützpunkt und Bootshäuser für Sportboote.
Vor dem Krieg gab es Pläne, auf dem unbebauten Teil der Lomse einen Komplex von Freiluftsportanlagen zu errichten (etwa im Bereich des heutigen Stadions), doch diese Pläne wurden nie verwirklicht.
1930–33 wurde auf der Lomse das erste christliche Gotteshaus errichtet – die Kreuzkirche. Der Bau nach dem Entwurf des Berliner Architekten Arthur Kickton (1861–1944) wich deutlich vom kanonischen Bild eines lutherischen Gotteshauses ab und hob sich von den übrigen Kirchen Königsbergs ab. Der Architekt Kickton war übrigens dafür bekannt, dass er am Wiederaufbau der im Ersten Weltkrieg zerstörten Kirchen Ostpreußens mitgewirkt hatte, und galt als großer Fachmann für Sakralbauten in Deutschland.
Danach erlebte die Lomse zwei furchtbare Nächte. Die erste war die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. In dieser Nacht, die den Namen „Kristallnacht“ erhielt, rollte eine geplante Welle von Judenpogromen über Deutschland. In Königsberg brannten nationalsozialistische Schläger unter anderem die Neue Synagoge auf der Insel Lomse nieder. Die zweite Nacht (29.–30.08.1944) war eine unmittelbare Folge der ersten. Einen eigenen Namen erhielt sie nicht, bekannt ist sie aber als zweiter Bombenangriff der britischen Royal Air Force auf Königsberg. Die Bebauung der Lomse lag in seinem Zielgebiet. Die meisten Gebäude auf der Insel brannten aus, doch an der Gesamtzahl der beschädigten und zerstörten Gebäude Königsbergs machten sie nur einen kleinen Teil aus. Sieben Monate später, während der Operation zur Einnahme der Stadt (6.–9. April 1945), gingen Sturmgruppen der 3. Weißrussischen Front über die Lomse vor.
Bau des Stadions „Rostec Arena“ (2016).
Nach dem Ende der Kampfhandlungen kam die Lomse unter die Verwaltung der Kommandantur Nr. 4 (4. Bezirk Königsbergs). Nach der Übergabe der Verwaltung an die Zivilbehörden wurde die Lomse am 25. Juli 1947 Teil des Moskowski-Bezirks von Kaliningrad. Die Insel erhielt einen neuen Namen – Oktjabrski („Oktober-Insel“).
Bau der Synagoge (2018).
Dieser Name setzte sich jedoch im Volk nicht durch – man nannte die Insel einfach „die Insel“ –, und er erwies sich zudem als rechtlich nicht vollständig verankert. Lange Zeit war dies einer der, wie man heute sagt, trostlosesten Orte der Stadt. Brachflächen für den Wiederaufbau und den Wohnungsbau gab es im Nachkriegs-Kaliningrad mehr als genug, sodass unmittelbar nach dem Krieg keine Notwendigkeit bestand, auf der „Insel“ etwas zu bauen oder zu reparieren. Durch die Oktjabrskaja-Straße wurde eine Straßenbahnlinie geführt. Stiegen die Kaliningrader an der Haltestelle „Lewaja Nabereschnaja“ („Linkes Ufer“) hinter der Kneiphof-Insel (damals bereits in Zentralinsel umbenannt) aus, gelangten sie auf ein umzäuntes Gelände, auf dem sich der „Industriewarenmarkt für den Verkauf eigener Sachen und Haushaltsgegenstände“ befand, im Volksmund „Barachowka“ (Trödelmarkt) genannt. Eröffnet wurde er am 24.03.1968 als „notgedrungene Maßnahme“. Hier verkauften und kauften die Leute Kleidung und Schuhe, Kurzwaren, Geschirr und andere Gebrauchsgegenstände.
Manche wurden noch brauchbare alte Sachen los, andere „vertickten“ Dinge, die nicht passten, doch einen erheblichen Teil der Händler stellten die sogenannten Farzowschtschiki – Schwarzhändler, die bei Seeleuten aufgekaufte Importwaren weiterverkauften. Auch die Seeleute selbst und ihre Familienangehörigen waren auf der „Barachowka“ als Verkäufer vertreten.
Wenn man Markenjeans, italienische Stiefel, Import- oder Rigaer Kosmetik, Schallplatten ausländischer Interpreten, einen guten modischen Mantel oder eine Pelzmütze kaufen wollte, war hier die beste (und manchmal die einzige) Adresse. Allerdings waren auch die Preise gesalzen. Gegen Ende der 1970er Jahre tauchten hier auch amerikanische Zigaretten, japanische Digitaluhren und importierte Radiogeräte auf.
Außer dem Trödelmarkt gab es auf der Insel eine kleine Industriezone mit Lagern an der zerstörten Kaiserbrücke. Am Anfang der Oktjabrskaja-Straße stand einsam das Gebäude des jüdischen Waisenhauses. In der Ferne war das teilweise beschädigte Gebäude der Kreuzkirche zu sehen, die in sowjetischen Reiseführern aus unerfindlichen Gründen „polnische Kirche“ genannt wurde. In der „Kirche“ arbeitete eine Fabrik zur Herstellung und Reparatur von Fischereinetzen, doch kaum ein Kaliningrader ahnte das überhaupt. Der übrige Teil der Insel bestand aus Brachland (an der Stelle der Vorkriegsbebauung) und Gartenparzellen (etwas weiter östlich). Es schien, als hätte die Geschichte eine phantastische Zeitschleife gedreht – die einstige Lomse wurde wieder von Ackerbauern und Gärtnern, Lagerarbeitern und Händlern erschlossen.
Die Insel Oktjabrski.
Erst um die Wende der 1970er zu den 1980er Jahren wandten sich die Architekten der Insel zu. Zu dieser Zeit hatte in Kaliningrad ein Werk für Großplatten-Fertigteile die Arbeit aufgenommen, weshalb die Insel Oktjabrski ausschließlich mit Plattenbauten bebaut wurde.
Die Neue Synagoge in der Oktjabrskaja-Straße (ehem. Lindenstraße).
Die ersten von ihnen entstanden 1982–83 (General-Karbyschew-Ufer 4 und 6), und mit zehn Stockwerken gehörten sie damals zu den wohl höchsten Häusern Kaliningrads. Die Meinungen der Kaliningrader über sie gingen diametral auseinander. Die einen hielten das Wohnen in solchen Häusern für bequem und prestigeträchtig, die anderen kritisierten sowohl die Häuser selbst als auch den Ort, an dem sie gebaut wurden. Allerdings war das Problem, die Bürger mit Wohnraum zu versorgen, damals so drängend, dass Befürworter wie Gegner der Plattenbauten gleichermaßen freudig einzogen. Bis Ende der 1980er Jahre entstanden drei Dutzend Häuser mit fünf bis zehn Stockwerken und einige Geschäfte. Schulen und Kindergärten für die Bewohner waren dagegen nicht vorgesehen. Von den Stadtplänen verschwanden die Straßen Molotoboinaja, Kusnetschnaja, Mogiljowskaja und Gomelewskaja, die schon zuvor bloß Fahrwege über Brachland gewesen waren. Dafür entstanden neue Straßen: der Solnetschny-Boulevard (1986), das Ufer der Veteranen (1986) und die General-Pawlow-Straße (1987). Alle drei Straßen hatten keinerlei Bezug zur Vorkriegszeit, da sie ohne Rücksicht auf die alten Karten geplant und angelegt wurden.
Allenfalls das Ufer der Veteranen lässt sich mit viel gutem Willen mit dem Königsberger Hohen Ufer / Hohes Ufer vergleichen.
1985 begann die Stadtverwaltung ein für damalige Verhältnisse ehrgeiziges Projekt: den Bau der Zweiten Hochstraßenbrücke, die die Insel Oktjabrski und beide Arme der Pregolja überqueren sollte. Der Bau begann schwungvoll, wurde aber bald zu einer stillstehenden Dauerbaustelle. Die örtlichen Spaßvögel sagten damals: Jetzt haben wir zwei Sehenswürdigkeiten – das Haus der Sowjets, in dem niemand arbeitet, und die Brücke, über die niemand fährt. 1988 wurde die Kreuzkirche der Russisch-Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) übergeben, um darin ein orthodoxes Gotteshaus einzurichten. In den 1990er Jahren lebte die Insel das gewöhnliche Leben eines Schlafviertels, und nichts Bemerkenswertes geschah dort. Allenfalls wurden ein paar Neungeschosser für baufällig erklärt, weil sie auf zu nachgiebigem Grund standen, und einer davon wurde sogar abgetragen.
2005 wurde zum 750-jährigen Jubiläum Königsbergs an der Stelle der Kaiserbrücke eine neue Fußgänger-Klappbrücke errichtet, die äußerlich der alten ähnelt. Den alten Namen hielt man für unpassend, und so erhielt die Brücke den Namen „Jubiläumsbrücke“. In den folgenden Jahren begann der Bau des Gebäudekomplexes „Fischdorf“ – am Flussufer wurde eine Industriezone abgerissen und durch pseudohistorische Bauten mit einem Leuchtturm als Dominante ersetzt.
Das „Fischdorf“, im Hintergrund das 2024 abgetragene Haus der Sowjets.
Bei Liebhabern der Stadtgeschichte rief das „Fischdorf“ eher negative Gefühle hervor – weder geographisch noch durch seinen Namen, seinen Stil oder sein Baumaterial entsprach es in irgendeiner Weise der Idee, die historische Bebauung zu bewahren und wiederherzustellen. Den Touristen aber gefiel der Komplex, wovon zahlreiche Fotos in den sozialen Netzwerken zeugen.
Blick von der Pregolja auf das Stadion „Rostec Arena“.
Der grundlegende Umbau der Insel begann jedoch etwas später – zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Eine ausführliche Beschreibung aller durchgeführten Arbeiten würde zu viel Raum beanspruchen und könnte das Thema eines eigenen Artikels sein. Beschränken wir uns daher auf eine Aufzählung: Die zweite Hochstraße wurde abgerissen und neu gebaut (2015), der westliche Teil der Lomse großflächig aufgeschüttet und das Fußballstadion „Kaliningrad“ (heute „Rostec Arena“, 2018) mit ausgedehnten Parkplätzen und umliegenden Straßen errichtet. Gleichzeitig wurde die Hohe Brücke umgebaut. Die Holzbrücke wurde grundlegend instand gesetzt und erhielt Elemente ihres Vorkriegsaussehens zurück. Begonnen (aber nicht vollendet) wurde der Bau der Osthochstraße, über die man allerdings schon vor der Weltmeisterschaft auf die Insel gelangen konnte. Außerdem erhielt die Insel Oktjabrski 2016 endlich eine eigene Schule. Es ging nicht ohne negative Begleiterscheinungen ab: Beim Bau des Stadions und der Parkplätze wurden der Festungswall und die Wiesen-Lünette, die man nicht mehr rechtzeitig als Geschichtsdenkmal registriert hatte, vollständig zerstört. Umweltschützer beklagten, dass die natürlichen Brutplätze von Fluss- und Sumpfvögeln vernichtet worden seien. Der Abriss der Datschenparzellen, für viele von denen keine ordnungsgemäßen Papiere vorlagen, war von Skandalen und Protestaktionen begleitet.
Damals wurden auch die berühmten „Lomser Gruben“ unter Asphalt begraben. Die Insel Lomse diente in Königsberg nämlich der Entsorgung fester Haushaltsabfälle. Einfach gesagt: Dort lagen Müllkippen. Genau in ihnen gruben viele Jahre lang Liebhaber der materiellen Kultur der versunkenen Stadt nach wertvollen Glas- und Porzellanartefakten.
2011 wurde der Grundstein für die wiederzuerrichtende Synagoge gelegt. Ihre feierliche Eröffnung fand am 08.11.2018 statt, fast genau 80 Jahre nach ihrer Zerstörung. Das neue Gebäude ist, wie im Fall der Jubiläumsbrücke, keine genaue Kopie des Vorkriegsbaus. Außerdem wurde es mit modernen Stahlbetontechniken ausgeführt. Insgesamt aber kann man das Projekt und die Idee selbst, ein im Äußeren ähnliches Gebäude zu errichten, als gelungen bezeichnen.
Derzeit läuft die zweite Phase der Bebauung der Insel, die zu einem Geschäfts- und Kulturviertel mit Wohnbebauung und Parkanlagen werden soll. Am 03.08.2018 erhielt die Insel Oktjabrski per Bundesgesetz den Status einer Sonderwirtschaftszone, häufiger „Offshore“ genannt. Gleichzeitig wurde ihr Name – „Oktjabrski“ – offiziell festgeschrieben. Nur die Zeit wird zeigen, was diese Veränderungen den Kaliningradern bringen.
Kurzes Verzeichnis der Straßen der Lomse
(Stand 1928–33)
Altstädtische Holzwiesenstraße, seit der Ordenszeit bekannt als Weg zu den Holzwiesen (Holzwiese), nach denen sie benannt war. Nach dem Krieg wurde sie durch Befehl des Besonderen Militärbezirks vom 23.11.1945 in Drowjanaja-Straße („Holzstraße“) umbenannt – eine recht gelungene Wahl, da dieser Name eine nahe Übersetzung der alten Bezeichnung war. Am 18.19.1980 wurde die Drowjanaja-Straße jedoch durch Beschluss des Kaliningrader Exekutivkomitees mit der Molotoboinaja-Straße zum General-Karbyschew-Ufer vereinigt. Nach dem Krieg wurden am Ufer einige barackenartige Häuser gebaut, die Anfang der 1980er Jahre bei der Bebauung der Insel mit Plattenbauten abgerissen wurden. Das einzige erhaltene Vorkriegsgebäude der Straße ist der Ruderclub „Prussia“, heute Stützpunkt der Rudersportgesellschaft „Dynamo“.
Bittrichstraße, ein Gässchen im südlichen Teil der Lomse, führte von der Seidlerstraße zum Weidendamm. Sie entstand in den 1910er Jahren. Nach dem Krieg wurde sie nicht umbenannt. Vorkriegsgebäude sind an ihr nicht erhalten. Heute ist sie Teil der General-Pawlow-Straße hinter dem Haus Oktjabrskaja-Straße 57.
Weidendamm („Weidendamm“) – schwer zu sagen, ob der Name dieser Straße von den Weidengebüschen am Ufer herrührte oder von der Verwendung von Weidenruten zur Befestigung des Erddamms. Der Bau des Damms begann 1455. Einen Weg gab es hier spätestens 1520, als am Ende des Weidendamms die Neue Brücke gebaut wurde, die später in Hohe Brücke (Hohen-Brücke) umbenannt wurde. Seit jener Zeit und bis heute behauptet die Straße fest den Rang der „Hauptstraße“ der Insel. Am 23.11.1945 wurde der Weidendamm durch Erlass des Befehlshabers des Besonderen Militärbezirks mit der Lindenstraße und der Brückestraße zur Wladimirskaja-Straße vereinigt. Dieser Name hatte jedoch nicht lange Bestand, und schon am 01.08.1946 gab die städtische Verwaltung für Zivilangelegenheiten der Wladimirskaja einen neuen Namen – Oktjabrskaja. Vorkriegsgebäude sind am Weidendamm nicht erhalten. 1985–91 wurden entlang der ungeraden Straßenseite einige Plattenbauten errichtet. 2006–10 entstand auf der geraden Seite der pseudohistorische Gebäudekomplex „Fischdorf“.
Wiesenwallstraße, die Straße entstand Ende des 19. Jahrhunderts und verlief an der Innenseite des Verteidigungswalls. Nach dem Krieg wurde sie nicht umbenannt und wurde mit der Zeit zu einem namenlosen Weg in einer Gartenkolonie. Beim Bau des Stadions wurde sie zugeschüttet.
Seidlerstraße, ein kleines Gässchen, entstand in den 1910er Jahren und führte vom Hohen Ufer ins Innere der Insel. Nach dem Krieg wurde sie nicht umbenannt. Die an ihr gelegenen Wirtschaftsgebäude wurden nach 1966 abgerissen. 2017 wurde an der Stelle der Straße der Ostflügel des Hauses Nr. 57 in der Oktjabrskaja-Straße gebaut.
Kurfürstendamm, die Straße sollte nach dem Plan von Norden nach Süden über die Lomse verlaufen, parallel zum Weidendamm und etwa 200 Meter östlich von ihm, wurde im südlichen Teil jedoch nie fertiggestellt. Am 23.11.1945 wurde sie in Mogiljowskaja-Straße umbenannt, hörte nach dem Krieg aber faktisch auf zu bestehen. Vorkriegsgebäude sind an ihr nicht erhalten. Etwa entlang der Straßenlinie entstanden 1982–83 die Plattenbauten General-Karbyschew-Ufer 4 und 6.
Lindengrabenstraße, ein kleines Gässchen, das von der Lindenstraße zur Plantage führte. Sie entstand etwa Mitte des 17. Jahrhunderts und erschien Anfang des 18. Jahrhunderts bereits unter dem Namen Lindengrabengasse. Neben ihr verlief der gleichnamige Graben, der Lindengraben. Nach dem Krieg wurde sie nicht umbenannt und verschwand. Heute befindet sich an ihrer Stelle der Parkplatz am Supermarkt „Viktoria“.
Das Hotel „Kaiserhof“ (rechts) im Neuen Fischdorf.
Lindenstraße entstand um 1404 als Ochsenmarkt. Später wurde sie zur belebtesten Straße der Lomse. An ihr befanden sich (seit 1896) die Neue Liberale Synagoge und der Lindenmarkt. Durch die Straße fuhren die Straßenbahnlinien 1 und 11. Nach dem Krieg wurde sie mit dem Weidendamm und der Brückestraße vereinigt und in Wladimirskaja-Straße umbenannt. Doch schon am 01.08.1946 erhielt die Straße den Namen Oktjabrskaja, und die Lindenstraße wurde zu einem Teil von ihr. In der Lindenstraße ist ein Vorkriegsgebäude erhalten – das Waisenhaus für jüdische Kinder (1904), das unter Denkmalschutz steht.
Plantage, entstand im 19. Jahrhundert an der Stelle der misslungenen Maulbeerpflanzungen. Nach dem Krieg, am 23.11.1945, wurde sie in Niwelirnaja-Straße umbenannt, hieß aber schon 1948 Drowjanoi-Gasse und wurde dann Teil der Kusnetschnaja-Straße. Das einzige erhaltene Vorkriegsgebäude an dieser Straße ist die Kreuzkirche. Neben ihr wurden noch in den Nachkriegsjahren einige Zweifamilienhäuser gebaut. 1982–83 wurden an der Stelle der Straße Plattenbauten errichtet. Die Häuschen am Ende der Straße wurden um 1985 beim Bau der Zweiten Hochstraße geräumt und abgerissen. Und 2001 wurde an ihrem Anfang der Supermarkt „Viktoria“ gebaut. Mitunter bringt man die Plantage mit dem heutigen Solnetschny-Boulevard in Verbindung, doch in Wirklichkeit haben sie nichts miteinander gemein.
Vorderlomse („Vordere Lomse“) verlief parallel und in unmittelbarer Nähe zur Straße Hinterlomse („Hintere Lomse“). Nach dem Krieg wurde sie am 23.11.1945 in Gomelskaja-Straße umbenannt. Als Straße bestand sie in Wirklichkeit jedoch nicht mehr.
Hinterlomse („Hintere Lomse“). In der Hinterlomse befand sich das wohltätige Studentenwohnheim „Kypkenaum“. Nach dem Krieg wurde sie nicht umbenannt. Heute befindet sich an der Stelle des „Kypkenaum“ der Supermarkt „Viktoria“.
Hohes Ufer, ein kleines Gässchen am Ufer des Alten Pregels, entstand in den 1910er Jahren. Nach dem Krieg wurde es nicht umbenannt. Die an ihm gelegenen Produktionsgebäude wurden nach 1966 abgerissen. Heute befindet sich hier ein Teil des Ufers der Veteranen vor der Zweiten Hochstraßenbrücke.
Hochmeisterstraße, eine Straße im nordwestlichen Teil der Insel, verlief parallel zur Altstädtischen Holzwiesenstraße, war aber deutlich kürzer als diese. Sie entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Am 23.11.1945 wurde sie in Molotoboinaja-Straße umbenannt, hörte nach dem Krieg aber faktisch auf zu bestehen. Vorkriegsgebäude sind nicht erhalten. 1983 wurde quer über die ehemalige Hochmeisterstraße der Plattenbau General-Karbyschew-Ufer 4 errichtet.
Scheffnerstraße, ein kleines Gässchen, das Anfang des 20. Jahrhunderts entstand. Die Straße verband die Hochmeisterstraße und die Plantage. Nach dem Krieg wurde sie nicht umbenannt und verschwand. Heute befinden sich an ihrer Stelle ein Platz mit Verkaufspavillons und der Hof des Hauses General-Karbyschew-Ufer 18.
Steinfurtstraße entstand 1905 beim Bau der Kaiserbrücke. Die Straße führte vom Weidendamm zu dieser Brücke. Nach dem Krieg wurde sie nicht umbenannt. Heute befindet sich hier das Gelände des „Fischdorfs“ an der Jubiläumsbrücke.
Fotos auf dieser Seite: Bildarchiv Ostpreußen, Michail Ogorodnikow, Alexej Petruschin.
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Das Kapitel „Lomse“
aus dem Buch Königsberger Autoren „Heimatkunde von Königsberg“,
das Ende des 19. Jahrhunderts erschien
In den Jahren 2012–2014 wurde in der „Pregolja“, der literarisch-künstlerischen Beilage zum „Baltischen Almanach“,
eine Übersetzung des Buches „Heimatkunde von Königsberg“ der Königsberger Autoren Dr. Richard Armstedt, Professor am Altstädtischen Gymnasium, und Dr. Richard Fischer, Oberlehrer am Kneiphöfischen Gymnasium („Heimatkunde von Königsberg i. Pr.“, 1895, Kommissionsverlag von Wilhelm Koch, Königsberg), veröffentlicht, angefertigt von einem unbekannten Übersetzer. Die Idee zu dieser Veröffentlichung stammte von Igor Wladimirowitsch Afonin. Den Text bearbeiteten und mit Erläuterungen versahen Alexej Borissowitsch Gubin und Igor Fjodorowitsch Awtuchow. In jenem Buch gab es auch ein eigenes Kapitel über die Insel Lomse. Nur minimal redigiert, legen wir es Ihnen als Ergänzung zum Text
von Alexej Jewgenjewitsch Petruschin vor.
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Lomse
Um den übrigen Teil der Stadt zu besuchen, der zur Altstadt gehörte, gehen wir über die Holzbrücke ans andere Ufer des Pregels. Hier befinden wir uns auf einer Insel, die östlich des Kneiphofs liegt. Noch 1535 durften die Bewohner der Altstadt auf der Lomse nichts bauen. Doch Keller, Viehställe und Schuppen, Kohlspeicher genannt, entstanden dort klammheimlich wie von selbst. Bald tauchten auch Häuser auf.
Erst in unserer Zeit (das Buch wurde, wie gesagt, Anfang der 1890er Jahre geschrieben – Red.) begann dieser Stadtteil Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – 1894 legte die Königsberger Verwaltung einen Bebauungsplan für die Insel Lomse fest, darunter die Verlängerung der Uferstraße (Uferstraße) bis zum Litauer Baum (Litthauerbaum): Die Speicher an der Ostseite der Lindenstraße (Lindenstraße, heute Oktjabrskaja-Straße) sollen Wohnhäusern weichen. Die im Bau befindliche Synagoge (Synagoge) wird zweifellos der Stolz dieses Stadtteils werden. Am 27. Mai 1894 wurde ihr Grundstein gelegt. Der sumpfige Boden erforderte eine Pfahlgründung, für die Kiefernstämme von 12–13 m Länge eingerammt wurden. Der monumentale Bau wird eine imposante Kuppel erhalten, gekrönt von einem sechszackigen Davidstern – einem Symbol der Ewigkeit. Die geplante Breite der Fassade beträgt 23,5 Meter.
Die Neue Synagoge wird bestehen aus der Hauptsynagoge mit dem Allerheiligsten, der Vorsynagoge mit Vorhalle sowie aus großen Nebenräumen wie einem Trausaal, einem Sitzungssaal, einem Konfirmationssaal und einer Bibliothek.
Alle diese Räume werden im nördlichen und südlichen Seitenflügel untergebracht. Im Saal des Hauptbaus der Synagoge wird es 1 450 Sitzplätze geben. Für die Frauen sind besondere Plätze auf den Emporen vorgesehen. Das Gebäude wird beheizt, elektrische Beleuchtung ist vorgesehen.
Der Gesamtkostenvoranschlag einschließlich der Grundstückskosten belief sich auf 700 000 Mark. Der Entwurf stammt von der Berliner Firma „Architekten Cremer & Wolffestein“ (“Architekten Cremer & Wolffestein in Berlin”. Die Fertigstellung ist für 1896 geplant.
(Die Synagoge wurde tatsächlich bis 1896 fertiggestellt. In der „Kristallnacht“ 1938 brannten die Nationalsozialisten sie nieder. In den 2010er Jahren wurde die Synagoge neu errichtet – Red.)
Die Schlachthof-Korporation (Schlachthof) liegt in unmittelbarer Nähe der Holzbrücke (Holzbrücke). Nach Fertigstellung des großen neuen Schlachthofs in Rosenau (Rosenau, 19. August 1895) werden die alten Schlachthäuser abgerissen. Die Stadt zahlte der Fleischerinnung eine Entschädigung von 220 000 Mark für den Abriss der alten Schlachthäuser und die damit verbundene Schmälerung ihrer Privilegien. Die Altstädtischen Holzwiesen (Altstädtischen Holzwiesen, heute General-Karbyschew-Ufer), die sich am Pregel gegenüber dem Löbenicht hinziehen, erfüllen ihre alte Bestimmung: Sie sind Lagerplatz für Holz aller Art.
Die Lindenstraße oder, wie sie auch genannt wird, der Lindenmarkt (Linden Markt, heute Oktjabrskaja-Straße) hieß bis 1811 Ochsenmarkt (Ochsenmarkt). Sie ist mit dem Kneiphof (Kneiphof) durch die Honigbrücke (Honigbrücke) verbunden. Die Häuser dieser Straße stehen nur an ihrer Ostseite. Das Pregelufer südlich der Honigbrücke ist fast unbebaut und dient als Anlegestelle für die kleinen Flussdampfer.
Die Lomse gliedert sich in Vorder- und Hinterlomse (Vorder- / Hinter-Lomse). Beide Straßen liegen hinter der Synagoge und verlaufen parallel zum Lindenmarkt.
(Diese Unterteilung hatte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktisch ihre Bedeutung verloren. Die Straßen Vorder-Lomse und Hinter-Lomse lagen ganz nah beieinander hinter der Synagoge – Red.)
Die Etymologie des Namens „Lomse“ lässt sich bislang nicht überzeugend begründen. Jedenfalls ist keinerlei Zusammenhang mit dem Namen der Festung Łomża am Narew (Narew) festgestellt worden.
(Den Namen „Lomse“ bringt man mit einer alten slawischen Bedeutung in Verbindung: sumpfige Wiese, Morast – Red.)
Auf der Lomse befindet sich das Heim für arme Studenten, das Kypkeanum (Kypkeanum). Das Gebäude wurde nach dem Professor für orientalische Sprachen Kypke (Georg David Kypke, 1724–1779) benannt, der 10 000 Taler für den Bau dieses Wohnheims vermachte.
Hinter dem Kypkeanum liegt die Plantage (Plantage), die ein auffälliger Teil der hiesigen Landschaft ist. Sie wurde 1753 auf Anordnung des Magistrats angelegt, die ihrerseits auf einen Befehl Friedrichs des Großen von 1742 zurückging. Der König wollte in Königsberg Maulbeerplantagen anlegen, um später Seide zu erzeugen. Stadt, Gilden und Zünfte förderten das Vorhaben nach Kräften. Man versuchte auch, Färbepflanzen anzubauen. Nach einigen anfänglichen Erfolgen musste man jedoch enttäuscht eingestehen, dass weder Klima noch Boden dem Gelingen dieses Unternehmens förderlich waren. (Man füge der Liste noch die Hochwasser des Pregels hinzu!) Bis 1779 waren die meisten Bäume eingegangen, und 1783 wurde das Plantagengelände an mehrere Käufer verkauft, unter denen sich auch Professor Kypke befand. Außer auf der Plantage versuchte man noch an mehreren anderen Stellen Königsbergs, Maulbeerbäume heimisch zu machen. (Diese Versuche blieben erfolglos.)
Der Weidendamm (Weidendamm, die südliche Hälfte der heutigen Oktjabrskaja-Straße) wurde schon 1455 aufgeschüttet, doch noch 1613 stand hier kein einziges Haus. Nur ein kleiner Krug duckte sich an der Hohen Brücke. Heute (wir erinnern daran, dass das Buch in den 1890er Jahren geschrieben wurde – Red.) ist die Straße mit modernen Häusern bebaut. Aber auch sie leiden unter Überschwemmungen. Eines der bedeutendsten Bauwerke hier ist die Maschinenfabrik von Steinfurt (Maschinenfabrik von Steinfurt).
(Das Wort „Weide“ hat im Deutschen zwei Bedeutungen – Viehweide und Weidenbaum. Beide Bedeutungen passen zu diesem Ort. Während des Dreizehnjährigen Krieges wurde hier ein Schutzdamm errichtet, damit die Abteilungen des feindlichen Kneiphofs nicht in die Altstadt eindringen konnten. Was die Fabrik Steinfurts betrifft, so wurde sie später an einen anderen Ort verlegt – auf das Gelände des heutigen Waggonwerks. Auf der heutigen Insel Lomse ist, so kann man sagen, vom Alten nichts geblieben außer einem Anbau der Synagoge. Im Buch wird nicht erwähnt, dass sich etwas südlich der Honigbrücke im 17. Jahrhundert ein kleiner Garten mit der „Kürbishütte“ (Kürbishütte / Kürbislaube) befand, in dem sich die damaligen Liebhaber von Poesie und Musik versammelten, darunter der Dichter Simon Dach. Vielleicht wurde gerade hier das berühmte Lied „Ännchen von Tharau“ geboren – Red.)
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

