/ Kaliningrad – Königsberg

Neue Bleiche

Neue Bleiche

Die mit grobem Kopfsteinpflaster befestigte Allee vom Gut Neue Bleiche zum Ausfalltor.

Erscheint erstmals 1763 auf Karten, doch die Siedlung bestand mit Sicherheit schon früher. Schon der Name Neue Bleiche verweist auf das Handwerk des Bleichens von Stoffen. Solche Betriebe hießen Bleiche – nach dem Vorgang des Weißmachens.

Wenn es eine „Neue Bleiche“ gab, muss es offensichtlich irgendwo auch eine „alte“ gegeben haben. Nur hat sie im Ortsnamen keine Spur hinterlassen. Einer dieser Betriebe befand sich in Devau (Siedlung Rischskoje im Stadtgebiet von Kaliningrad); vielleicht ist er eben jene „alte Bleiche“. Das Bleichen selbst bestand darin, dass man die Stoffe auf Holzrahmen, manchmal auch einfach auf sauberem Gras in der Sonne ausbreitete. Der Stoff wurde mit Wasser befeuchtet, um das Bleichen zu beschleunigen. Das Ultraviolett des Sonnenlichts zerstörte die in der Leinenfaser enthaltenen natürlichen Farbstoffe, und das Leinen wurde weiß. Der ganze Vorgang dauerte bei neuen Stoffen 40 Tage. Auf dieselbe Weise bleichte man auch gewaschene Wäsche; für sie war der Bleichzyklus deutlich kürzer. Eigentlich kannte man damals Rezepte, die die Bleichzeit erheblich verkürzten. Dazu verwendete man Kaolin (weißen Ton) oder sogar Kalk. Doch das Bleichen mit diesen alkalisch wirkenden Stoffen zerstörte die Gewebefasern. Und Stoff war damals recht teuer. Deshalb setzte sich die umweltfreundliche Methode, bei der nur Wasser und Sonnenlicht verwendet wurden, am stärksten durch. Natürlich war der ideale Ort für ein solches Bleichen ein nach Süden geneigter Hang in der Nähe einer Quelle sauberen Wassers. Als ideal galt ein Flussufer, da die morgendlichen Flussnebel den Stoff befeuchteten und den Bleichern die Arbeit erleichterten. Das Gelände bei der Neuen Bleiche war genau ein solcher Hang. Der nahe vorbeifließende Bach Freigraben (Parkowy-Bach) lieferte sauberes Wasser.

Die Neue Bleiche selbst war Ende des 18. Jahrhunderts eine Siedlung aus zwei Häusern, zu der vom Ausfalltor eine baumbestandene Allee führte. Zwischen dem Gut und dem Stadtwall erstreckten sich die sogenannten Stadtwiesen.

Doch nicht allein vom Bleichen lebte die Neue Bleiche. Am 11.09.1865 wurde die Eisenbahn Königsberg–Pillau (Baltijsk) in Betrieb genommen. In Neue Bleiche wurde an dieser Bahn ein Bahnhof eröffnet. Damals kamen Wochenendausflüge ins Grüne in Mode. Für die am Bahnhof ankommenden Ausflügler wurde ein Etablissement / Etablissiments (gesprochen „Etablissemang“) eröffnet, zu dem ein Restaurant und ein Hotel gehörten. Hier konnte man Station machen, nach dem Spaziergang zu Mittag essen und sich mit anderen Erholungsuchenden unterhalten. Neben dem Restaurant lag der Veilchenberg (Veilchen-Berg), von dem sich ein hervorragender Blick über die ganze Umgebung einschließlich Königsbergs bot.

1800Neue Bleiche auf dem Stadtplan von 1800.

1871 war Neue Bleiche eine Siedlung aus drei Höfen im Landkreis Königsberg. In Neue Bleiche lebten drei Familien und ein Junggeselle. Pfarrkirche für die Bewohner von Neue Bleiche war die Kirche in der Altstadt.

Vorgesehen war, dass Neue Bleiche einen Gutsbezirk im Landkreis Königsberg bilden sollte, doch dieser wurde nie geschaffen. Infolgedessen hatte Neue Bleiche den Status eines eigenständigen Wohnplatzes, der weder zu Gemeinden noch zu Gutsbezirken gehörte. Am 30.04.1874 wurde Neue Bleiche in den neu gebildeten Amtsbezirk Hufen eingegliedert. Bis 1885 erhielt Neue Bleiche den Status eines Gutes, ohne dass ein Gutsbezirk gebildet wurde.

Mit dem Namen Neue Bleiche ist eine Episode der Königsberger Festungsgeschichte verbunden, die für sich genommen Thema eines eigenen Artikels, vielleicht sogar eines Buches über die jahrhundertelange Rivalität zwischen Angriffs- und Verteidigungsmitteln sein könnte. Doch das Format verlangt, sich mit ein paar Absätzen zu begnügen. Die Sache ist die, dass Planung und Bau der Zweiten Wallumwallung Königsbergs mit dem Beginn einer Revolution in der Rohrartillerie zusammenfielen. Deshalb plante die Festungskommission unter Leitung des Generalmajors und Chefs des Ingenieurkorps Friedrich Ludwig von Aster in der Vermutung, dass die Artillerie in nächster Zeit einen großen Schritt nach vorn machen werde, neben dem traditionellen Wallring auch vorgeschobene Befestigungen – Lünetten. Diese Lünetten sollten dem Entwurf nach einige hundert Meter vor den Hauptverteidigungswall vorgeschoben werden. Nach der Vorstellung der Kommission würden solche Befestigungen verhindern, dass der Gegner seine Breschbatterien in Kernschussweite vom Wall aufstellt. Viele Jahre später begannen Festungshistoriker, die Anlage solcher vorgeschobenen Lünetten als Besonderheit gerade der Entwürfe General von Asters anzusehen.

Bei den Hauptarbeiten am Bau der Wallumwallung wurden außerhalb davon 12 Esplanaden freigelassen – reservierte Landstücke, auf denen das Bauen verboten war.

Die 13. Esplanade sollte dem Entwurf nach auf der Insel Lomse liegen, blieb aber nur Entwurf. Als die Arbeiten am Hauptwall, an den Bastionen, Ravelins und Festungstoren abgeschlossen waren, ging man an den Bau der Lünetten. Insgesamt wurden drei gebaut. Danach erklärte man die Idee der Lünetten für untauglich. Erstens, weil die Artillerie in den Jahren des Baus der Königsberger Wallumwallung solche Fortschritte gemacht hatte, wie sie sich die Kommission von Asters nicht hätte träumen lassen. Die Entfernung der Lünetten von einigen hundert Metern war für die neuen Schussweiten eine unerhebliche Größe geworden. Zweitens war schon die Idee kleiner, isolierter Lünetten nicht sehr glücklich. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts hatte der große französische Festungsbaumeister Sébastien Marquis de Vauban (1633–1707) betont, dass es keine kleinen isolierten Befestigungen geben dürfe. Sind sie für eine vorübergehende Verteidigung bestimmt, wird ihre Besatzung bei der ersten Gefahr ihre Stellungen aufgeben und sich auf die Linie des Hauptwalls zurückziehen. Sind sie für eine hartnäckige Verteidigung ohne Rückzugsmöglichkeit bestimmt, werden die Soldaten, die solche Befestigungen verteidigen, sich als verloren und ihrem Schicksal überlassen fühlen und ihren Verteidigungsabschnitt deshalb dem Gegner übergeben, sobald sich die Gelegenheit bietet.

AusfalltorDas Ausfalltor. Im Vordergrund eine der Lünetten, im Hintergrund die Neuroßgärter Kirche.

Die Lünetten von Asters glichen um ein Mehrfaches verkleinerten Forts, mit denen man Königsberg etwa 15–20 Jahre später umgeben sollte. Doch das ist genau der Fall, in dem die Größe eine Rolle spielt. Interessanterweise stimmt die Zahl der Lünetten nach von Asters Entwurf (12) genau mit der Zahl der großen Forts Königsbergs überein.

Kehren wir zu den drei gebauten Lünetten zurück. Eine von ihnen wurde am Weg nach Neue Bleiche gebaut und erhielt deshalb den Namen dieser Siedlung. Sie ist bis heute erhalten, wenn auch in stark veränderter Gestalt. Heute ist sie ein Hügel im Park des Sieges, auf dem nach dem Sturm auf die Stadt vom 6.–9. April 1945 ein Massengrab der beim Sturm gefallenen sowjetischen Soldaten angelegt wurde. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass eine weitere Lünette, nach heutiger Lage, im Park „Junost“ lag und Böttchershöfchen hieß. Anders als die Lünette Neue Bleiche hatte sie ihren Wassergraben und die Form der Wälle bewahrt. In der Mitte befand sich ein kleines Reduit zum Schutz der Mannschaft. 2004 wurde das Reduit beim Bau des sogenannten „Zentrums zur Förderung der russischen Sprache“ abgerissen. Von ihm blieb nur der Wassergraben. Die dritte Lünette, Mühlenhof, lag auf dem Gelände des heutigen Verpackungskombinats (Dserschinski-Straße).

1889 führte eine weitere Eisenbahnstrecke durch Neue Bleiche – nach Labiau (Polessk), die später weiter bis Tilsit (Sowetsk) verlängert wurde.

Wer die Geografie der heutigen Eisenbahnen des Kaliningrader Gebiets kennt, dem mag es seltsam erscheinen, dass Züge in nordöstlicher Richtung Königsberg genau nach Westen verließen. Doch bis zur Eröffnung des Verkehrs über die neue Reichsbahnbrücke (heute Doppelstockbrücke) am 26. August 1926 verließ die Bahn nach Labiau die Stadtgrenze durch das Eisenbahntor, führte durch das Gebiet von Neue Bleiche und Ratshof (Siedlung Wosduschny), umrundete Amalienau auf einer verschlungenen Trasse und lief entlang der Linie der heutigen Festiwalnaja-Allee in Richtung Labiau. Der Bahnhof Neue Bleiche selbst wurde allerdings bald geschlossen und zu einem Betriebsbahnhof für Güterzüge umgebaut, die zu den Betrieben im Gebiet von Kosse fuhren.

Am 09.09.1901 wurde die Königin-Luise-Gedächtniskirche im Park Luisenwahl (Zentraler Park für Kultur und Erholung) geweiht. Diese Kirche wurde zur Pfarrkirche der Bewohner von Neue Bleiche. 1904 wurde das Gut Neue Bleiche von der Stadt Königsberg für 225 000 Mark angekauft. Am 01.04.1905 wurde es zusammen mit anderen Vorortgebieten in die Stadt Königsberg eingemeindet.

Etablissement Neue BleicheDas Restaurant „Neue Bleiche“ von Julius Lau.

Der so entstandene Stadtteil Neue Bleiche umfasste außer dem Gut Neue Bleiche selbst eine ausgedehnte Grünzone von der Alten Pillauer Landstraße (Dmitri-Donskoi-Straße) im Norden bis zur Eisenbahn nach Pillau (Baltijsk) im Süden.

Im Osten begann der Stadtteil an den städtischen Wallbefestigungen und endete im Westen an der Kastanienallee (Kaschtanowaja-Allee). Seit Ende des 19. Jahrhunderts nahmen den nordöstlichen Teil von Neue Bleiche städtische Friedhöfe ein – der Neue Steindammer, der Zweite Altstädtische, der Neue Kneiphöfische (Dom-)Friedhof, der Erste Tragheimer und der Zweite Neuroßgärter Friedhof. Hier ist anzumerken, dass dieser historische Stadtteil der „inoffiziellste“ von allen war. Auf Stadtplänen und Karten wurde er oft einfach als Teil des großen historischen Stadtteils Hufen bezeichnet. Mitunter beschränkte man Neue Bleiche in Beschreibungen allein auf die Stadtwiesen und das Gut. In diesem Artikel jedoch wird er in den weitesten möglichen Grenzen dargestellt.

Anfangs gab es im Stadtteil Neue Bleiche keinerlei feste Bebauung; er blieb eine große Grünzone. Lediglich über die Straße Neue Bleiche wurde ein mächtiges Aquädukt aus Ziegeln geschlagen, in dessen Innerem ein städtischer Abwassersammler verborgen war. Dann aber wurden neue Straßen geplant, und im östlichen und westlichen Teil des historischen Stadtteils begann der Bau der ersten Gebäude – es waren medizinische Einrichtungen. 1910–14 wurde an der Chaussee Alte Pillauer Landstraße das Gebäude der Universitätsklinik für Psychiatrie und Nervenkrankheiten gebaut. Im Ersten Weltkrieg wurden ihre Gebäude zu einem Lazarett umgebaut. Sie war bei weitem nicht die einzige medizinische Einrichtung im Stadtteil Neue Bleiche. 1921–23 wurde das Gebäude des Zahnärztlichen Instituts errichtet (Architekt Hans Gerlach, 1885–1980).

Mit Gerlachs Namen sind zwei weitere medizinische Gebäude in diesem Stadtteil verbunden: 1925 entstand nach seinem Entwurf das Gebäude der Universitäts-Hautklinik und 1928 das Gebäude der Poliklinik an der Alten Pillauer Landstraße.

Im selben Jahr 1928 baute der Architekt Friedrich Lahrs (1880–1964) das bekannteste Gebäude des Stadtteils an der Alten Pillauer Landstraße – das Landesfinanzamt der Provinz Ostpreußen. Im westlichen Teil von Neue Bleiche, der an Ratshof grenzt, begann man um die Wende der 1920er- zu den 1930er-Jahren auch Einfamilien- und kleine Mehrfamilienhäuser zu bauen. Am Freigraben wurde in den 1930er-Jahren ein malerischer Teich angelegt. Im Park am linken Bachufer wurden Lauben aufgestellt. Obwohl der Park zwischen Friedhöfen und der psychiatrischen Klinik lag, war er bei romantisch gestimmten Königsbergern beliebt. Ihnen stand auch das Restaurant von Julius Lau zur Verfügung, das die Tradition der Gaststätte Neue Bleiche fortsetzte. In das Restaurant kehrten auch die städtischen Kleingärtner zu einem Imbiss ein, denen man auf eben jenen Stadtwiesen der Neuen Bleiche Parzellen zugeteilt hatte.

In diesem Winkel der Ruhe und Gelassenheit verlief sogar der Beginn einer neuen Epoche im Leben Ostpreußens fast unbemerkt – höchstens, dass im Restaurant Menschen in Wehrmachtsuniform auftauchten und die Gäste beim Mittagessen Zeitungsmeldungen über weitere Siege der deutschen Armee besprachen.

Restaurantgäste Besucherinnen des Restaurants „Neue Bleiche“.

Und selbst als das Stadtzentrum nach den nächtlichen Bombenangriffen niederbrannte, wurde in Neue Bleiche kein einziges Haus zerstört, hierher flog kein einziger Splitter. Dafür entfalteten sich hier die Aprilkämpfe um die Stadt mit ihrer ganzen zerstörerischen Wucht.

Der Nachtkampf in Neue Bleiche wurde zu einem der Schlüsselereignisse des Sturms auf Königsberg vom 6.–9. April 1945. Der Festungskommandant Otto Lasch (1893–1971), ein keineswegs unkluger Truppenführer, hatte schon am 7. April (am 2. Tag des Sturms) bei der Armeeführung die Erlaubnis beantragt, mit allen Kräften der Besatzung aus der Stadt in Richtung Pillau auszubrechen, wo sich der Hauptteil der deutschen Truppen befand. Seinen Antrag begründete er mit der Notwendigkeit, die Zivilbevölkerung aus der belagerten Stadt herauszuführen und die Festungsbesatzung zu retten, die in nächster Zeit unweigerlich vollständig eingeschlossen werden würde. Doch Lasch erhielt eine Absage und hörte nur die eindringliche Forderung, die Stadt hartnäckig zu verteidigen. Am 8. April forcierten Einheiten der 11. Gardearmee den Pregel und vereinigten sich im Gebiet von Ratshof mit Einheiten der 43. Armee. Mit einem Schlag war allen klar, dass das Schicksal Königsbergs besiegelt war. Nun begann auch die Parteispitze (NSDAP) in Person des stellvertretenden Gauleiters Großherr und seiner Gehilfen, denen die Volkssturmdivisionen unterstanden, auf ihrem Weg von der übergeordneten Führung die Erlaubnis zum Ausbruch zu fordern.

Erst gegen 20.00 Uhr am achten April traf auf Laschs Gefechtsstand die Meldung ein, dass ihm erlaubt werde, mit Stoßgruppen nach Westen auszubrechen, wobei Lasch und sein Stab jedoch nicht von der Hauptaufgabe entbunden wurden, die Stadt weiter zu verteidigen und die noch unter Kontrolle der Besatzung stehenden Stadtteile zu halten.

Unter solchen Bedingungen sanken die ohnehin geringen Chancen auf einen erfolgreichen Ausbruch auf null. Für die Bildung eben jener Stoßtrupps und die Ausarbeitung eines detaillierten Operationsplans blieben nur wenige Stunden. Allerdings zeigen die Erinnerungen überlebender Teilnehmer des Ausbruchs, dass die Vorbereitungen etwas früher als die Genehmigung der Operation begannen. Das von Lasch erdachte Schema, bei dem die Zivilbevölkerung zwischen den Stoßgruppen evakuiert wird, hält keiner Kritik stand. Der Ausbruch wäre selbst im Erfolgsfall unter dem flankierenden Feuer der Sturmgruppen der Roten Armee verlaufen, die Zahl der Opfer unter der Zivilbevölkerung wäre katastrophal gewesen. Zumal (entgegen den Forderungen Laschs selbst) nur ein Teil der gesamten verfügbaren Truppengruppierung die Bresche in den Einschließungsring schlagen sollte.

Doch auch dieser Plan geriet buchstäblich sofort ins Wanken. Die für den Ausbruch bestimmten Einheiten konnten wegen des ständigen Feuers der Roten Armee und der Trümmer auf den Straßen nicht vollzählig und nicht rechtzeitig in den Ausgangsstellungen eintreffen.

Regierung des Kaliningrader GebietsDas Gebäude der Verwaltung des Kaliningrader Gebiets, früher das Finanzamt Ostpreußens.

Die Parteiführung, die für die Sammlung der Zivilbevölkerung zuständig war, holte die Menschen dagegen zu früh aus den Kellern und Schutzräumen. Die Bewegung einer riesigen Menschenmenge vereitelte das Vorhaben, die Stoßbataillone unbemerkt in die Ausgangsstellungen zu bringen.

Die sowjetische Artillerie nahm den Aufmarschraum, in dem sich die Bataillone zu sammeln begannen, unter Feuer. Infolgedessen wurde noch vor Beginn des Ausbruchs der Kommandeur der 548. Volksgrenadier-Division, General Sudau, getötet und der Kommandeur der 61. Infanterie-Division, General Sperl, verwundet.

Die Ausbruchsoperation selbst begann am 9. April um 02.00 Uhr nachts. Die Hauptstoßrichtung verlief von der Bastion Astronomie über Neue Bleiche, insbesondere über die dort gelegenen Friedhöfe. Die Ausbruchsgruppe überwand erfolgreich das Gebiet des heutigen Parks des Sieges und die Bahnstrecke, doch in Neue Bleiche gerieten die deutschen Truppen auf den Friedhöfen ins Kreuzfeuer von Einheiten der Roten Armee. Der Überraschungseffekt wirkte nur sehr kurz; die angegriffenen Rotarmisten erhielten Verstärkung. Nachdem sie teilweise die Orientierung im Gelände verloren hatte, hörte die deutsche gemischte Ausbruchsgruppierung auf, als Ganzes zu bestehen. Unter dem Feuer der Rotarmisten zerfiel sie in Gruppen von einigen Dutzend Soldaten, die danach voneinander getrennt operierten. Der größte Teil derer, die den Kampf auf den Friedhöfen überlebten, kehrte nach Königsberg zurück. Nur einige Gruppen von Soldaten und Offizieren gelangten an das Pregelufer. Der Ausbruch wurde für sie zum Durchsickern. Diese kleinen Gruppen konnten, sich immer wieder gegen den Gegner verteidigend, im Schutz des Morgennebels durch die Sümpfe südlich von Groß Holstein (Siedlung Pregolski) gehen und sich mit der Samland-Gruppierung vereinigen.

Von einer Evakuierung der Zivilbevölkerung konnte unter solchen Bedingungen keine Rede sein, und die gesamte Ausbruchsoperation endete in einem völligen Fiasko.

Nach dem Ende der Kampfhandlungen kam Neue Bleiche zum Siebten Bezirk Königsbergs und ab dem 25.07.1947 zum Stalingrader Bezirk Kaliningrads (seit dem 05.11.1961 Oktjabrski-Bezirk). Im ehemaligen Neue Bleiche wurde der Großteil der Verwaltungs- und Wohngebäude erhalten oder wiederhergestellt. Eine Ausnahme bildete das Gut Neue Bleiche selbst (Bahnstation und Restaurant), das bei den Kampfhandlungen zerstört wurde. Auf den Vorkriegsfriedhöfen wurden Denkmäler und Grabsteine beseitigt, ihr Gelände verwandelte sich mit der Zeit in einen Stadtwald. Doch insgesamt blieb Neue Bleiche in sowjetischer Zeit von grundlegenden Veränderungen verschont. Zwischen den 1950er- und den 1990er-Jahren wurden in diesem historischen Stadtteil nicht mehr als 10 neue Häuser gebaut.

Park des Sieges
Im Park des Sieges.

Am 8. Mai 2000 wurde jenseits des Festungsgrabens an der Stelle des ehemaligen Glacis der Bastion Butterberg (heute Gedenkstätte „1200 Gardehelden“) der Park des Sieges eröffnet.

2007 entstand in der Kolomenskaja-Straße eine kleine Wohnanlage aus Einfamilien- und kleinen Mehrfamilienhäusern. Einfamilienhäuser entstanden auch an der Welosipednaja Doroga. 2016–20 wurden in der Marat-Straße vier Mehrfamilienhäuser gebaut. Bauträger haben sich mehrfach an das Gelände der Friedhöfe herangemacht, doch bislang hält sich die Grünzone entlang der Dmitri-Donskoi-Straße. Abgesehen davon, dass auf einem Teil des Ersten Tragheimer Friedhofs doch eine Wohnanlage aus zwei zwölfgeschossigen Häusern gebaut wurde (2024 steht sie kurz vor der Übergabe).

Stand 2024 sind auf dem Gebiet des ehemaligen Stadtteils Neue Bleiche 24 Vorkriegsgebäude erhalten, drei davon sind Kulturdenkmäler von regionaler Bedeutung. Den Status eines Kulturdenkmals von örtlicher Bedeutung hat das Massengrab sowjetischer Soldaten auf dem Hügel der Lünette Neue Bleiche.

Kurzes Verzeichnis der Straßen von Neue Bleiche
(Stand 1928–32)

Alte Pillauer Landstraße, die Straße entstand an der Stelle des alten Weges, der von Königsberg nach Fischhausen (Primorsk) und weiter nach Pillau (Baltijsk) führte. Dieser Weg begann an der Kreuzung beim Steindammer Tor, folgte dann der Linie der heutigen Eisenbahn, bog ab und fiel hinter dem Stadion „Baltika“ mit der heutigen Dmitri-Donskoi-Straße zusammen. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war der alte Weg nach Pillau nicht mit Häusern bebaut; an seiner linken Seite (stadtauswärts) wurden Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Friedhöfe angelegt. Als eine der längsten Straßen Königsbergs (2,05 km) gehörte die Alte Pillauer Landstraße nur teilweise zum Stadtteil Neue Bleiche und bildete seine Nordgrenze.

Balkestraße entstand um 1914 und erhielt ihren Namen zu Ehren des Landmeisters des Deutschen Ordens in Preußen Hermann von Balk (gest. 1239). Vor dem Krieg überquerte sie die Eisenbahn bei der Bastion Astronomie auf einer Brücke über den Gleisen, die Anfang April 1945 beim Sturm auf die Stadt zerstört wurde. 1928 wurde in der Balkestraße das Gebäude der Universitätszahnklinik (des Zahnärztlichen Instituts) gebaut. Nach dem Krieg wurde die Straße nicht umbenannt und hörte auf zu bestehen. Heute ist sie eine namenlose Zufahrt vor der Bastion Astronomie (südlicher Teil der Straße) und eine ebenso namenlose Zufahrt gegenüber jenseits der Eisenbahn. In der Straße ist ein Vorkriegsgebäude erhalten – die Zahnklinik; 2024 sind darin Ministerien der Gebietsregierung untergebracht.

Gaußstraße ist erstmals 1928 auf dem Stadtplan verzeichnet. Die Straße schloss an die Alte Pillauer Landstraße an und war nach dem deutschen Mathematiker Carl Friedrich Gauß (1777–1855) benannt. Abgesehen von zwei Häusern an der Kreuzung mit der Alten Pillauer Landstraße wurde die Straße vor dem Krieg nie mit Häusern bebaut. Nach dem Krieg wurde sie Teil der Kolomenskaja-Straße. In der ehemaligen Gaußstraße ist ein Vorkriegshaus erhalten, das zur Dmitri-Donskoi-Straße gehört (Nr. 35).

Salzastraße wurde vor dem Ersten Weltkrieg geplant und erscheint erstmals 1927 auf den Plänen. Benannt nach dem Hochmeister des Deutschen Ordens Hermann von Salza (um 1179–1239). Nach dem Krieg wurde sie nicht umbenannt, wurde aber Teil der Marat-Straße vor dem Gebäude der Gebietsregierung (Dmitri-Donskoi-Straße 1). Am 03.07.2019 wurde dieser Teil der Marat-Straße in Dmitri-Donskoi-Gasse umbenannt. Das ehemalige Gebäude des Landesfinanzamts Ostpreußen (Dmitri-Donskoi-Straße 1) ist das einzige Vorkriegshaus in der ehemaligen Salzastraße.

Kastanienallee: Von dieser langen Königsberger Straße (Länge 1,22 km) gehörte zu Neue Bleiche nur ein kleiner Abschnitt ganz an ihrem Anfang. Dieser Abschnitt war die Westgrenze des Stadtteils. Am 23.11.1945 wurde die Kastanienallee auf Befehl des Befehlshabers des Besonderen Militärbezirks K. P. Galizki mit der Krausallee zur Straße Kaschtanowaja Alleja („Kastanienallee“) vereinigt, behielt also faktisch ihren Namen. An der Kastanienallee ist eine beträchtliche Zahl von Vorkriegsgebäuden erhalten, fünf davon gehörten zu Neue Bleiche.

Neue Bleiche, die nach dem Gut benannte Straße entstand an der Stelle des Weges von Neue Bleiche nach Kosse und gehörte nur in ihrem nördlichen Teil zu Neue Bleiche. Am 29.07.1948 wurde sie in Katuschetschnaja-Straße umbenannt. Danach verschwand die Straße als solche, obwohl sie laut offiziellen Dokumenten Teil der Straße Welosipednaja Doroga wurde, was jedoch nicht der Wirklichkeit entspricht. Vorkriegsbauten sind an ihr nicht erhalten.

Neunkirchener Ring entstand an der Stelle des alten Weges von Königsberg nach Neue Bleiche und wurde um 1905 weiter nach Amalienau verlängert. Bis in die 1930er-Jahre hieß er einfach Ring. Im östlichen Teil wurde er nie mit Häusern bebaut. Nach dem Krieg wurde er offiziell nicht umbenannt, doch fast vollständig fällt die heutige Welosipednaja Doroga mit ihm zusammen. Vorkriegsgebäude sind an der Straße im Bereich von Neue Bleiche nicht erhalten.

Feuchtwangenstraße, ein kleines Sträßchen, das von der Alten Pillauer Landstraße zur Eisenbahn führte. Es entstand nach dem Ersten Weltkrieg. Seinen Namen erhielt es zu Ehren des Hochmeisters des Deutschen Ordens Siegfried von Feuchtswangen (vor 1273–1311). Häuser wurden darin nicht gebaut. Nach dem Krieg wurde die Straße nicht umbenannt, wurde aber Teil der Marat-Straße. Am 03.07.2019 wurde dieser Teil der Marat-Straße in Dmitri-Donskoi-Gasse umbenannt. Heute liegt an der Stelle der Feuchtwangenstraße ein kleiner Abschnitt der Dmitri-Donskoi-Gasse zwischen den Gebäuden der Gebietsregierung und Dmitri-Donskoi-Straße 3a–3w.

Friedrich-Ebert-Straße entstand nach dem Ersten Weltkrieg. Ihren Namen erhielt sie 1925 zu Ehren des ersten Präsidenten der Weimarer Republik Friedrich Ebert (1871–1925). 1933 wurde sie von den Nationalsozialisten nach dem Reichsarbeitsminister in Franz-Seldte-Straße umbenannt, da die Straße selbst am Arbeitsamt (Arbeitsamt, heute Kaliningrader Filiale der Universität des Innenministeriums St. Petersburg) begann. Am 01.08.1946 wurden auf Anordnung der städtischen Verwaltung für Zivilangelegenheiten die Hornstraße und die Franz-Seldte-Straße vereinigt und in Saowraschnaja-Straße umbenannt. Am 07.04.1961 wurde die Straße durch Beschluss des Kaliningrader Stadtexekutivkomitees wieder in zwei geteilt: Die ehemalige Hornstraße wurde zur Serschanta-Koloskowa-Straße, die Franz-Seldte-Straße zur Gornaja-Straße. Doch das war nicht ihre letzte Umbenennung. Am 16.08.2017 wurde die Gornaja-Straße in Generalfeldmarschall-Rumjanzew-Straße umbenannt. Zum Zeitpunkt der letzten Umbenennung stand in der Straße kein einziges Haus.

Hertzstraße, ein kleines Sträßchen, das an die Alte Pillauer Landstraße anschloss. Es entstand in den 1920er-Jahren und wurde nach Heinrich Rudolf Hertz (1857–94) benannt, dem Physiker, der die elektromagnetischen Wellen (Radiowellen) entdeckte. Symbolträchtig lag am Ende dieser Straße eine Rundfunksendestation. Vor dem Krieg wurde die Straße nie richtig bebaut – außer zwei Häusern an der Kreuzung mit der Alten Pillauer Landstraße entstand in der Hertzstraße selbst nur ein einziges Haus. Nach 1946 wurde sie in Marat-Straße umbenannt. In der Straße ist ein Vorkriegshaus erhalten, das heute zur Dmitri-Donskoi-Straße gehört (Nr. 47).

Erlichshausenstraße wurde um 1914 geplant, erschien aber erst 1927 auf den Stadtplänen. Ihren Namen erhielt sie zu Ehren des Hochmeisters des Deutschen Ordens Ludwig von Erlichshausen (1410–67). Nach dem Krieg wurde die Erlichshausenstraße nicht umbenannt und hörte auf zu bestehen. Später entstand an der Stelle der Straße die Gartengemeinschaft „Sad Nr. 1“. Die Wege dieser Gartengemeinschaft decken sich geografisch nicht mit der ehemaligen Erlichshausenstraße und haben mit ihr nichts gemein.

 

Bevölkerungsentwicklung von Neue Bleiche: 1818 – 10, 1867 – 23, 1871 – 16, 1885 – 34, 1905 – 34 Einwohner.

Zusammensetzung der Bevölkerung von Neue Bleiche 1871: alle 16 – evangelische Christen, Kinder unter 10 Jahren – 2, des Lesens und Schreibens kundig – 11 (85 %), blind – 1.


Fotos auf der Seite: Bildarchiv Ostpreußen / bildarchiv-ostpreussen.de, Michail Ogorodnikow.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.