
Vor der Thronbesteigung Friedrichs II. im Jahr 1740 war Preußen ein Staat, dessen Besitzungen vom Niederrhein bis zur Memel verstreut lagen, ohne miteinander territorial verbunden zu sein. Die Idee, diese Besitzungen zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzufügen, hatte bereits der Kurfürst Friedrich Wilhelm entwickelt. Er unternahm auch den ersten Versuch, die „pommersche Frage“ zu seinen Gunsten zu lösen, um Preußen und Brandenburg territorial zu vereinen. Erfolg war ihm jedoch nicht beschieden. Auch den ersten preußischen Königen, Friedrich I. und Friedrich Wilhelm I., gelang dies nicht.
Und nun war Friedrich II. an der Reihe. Die Frage, ob er seine Anstrengungen beim Aufbau des Staates traditionsgemäß nach Osten richten oder mit der Vereinigung bei den westlichen Besitzungen der Hohenzollern beginnen sollte, entschied er zugunsten des Ostens1.
Bevor das Königreich Preußen zu einem der führenden Staaten Europas aufsteigen konnte, musste es den Widerstand der europäischen „Granden“ (Österreich, Frankreich, England, Russland) überwinden, die eifersüchtig über ihre exklusive Stellung wachten. Um in einen solchen „Klub“ aufgenommen zu werden, hätte Preußen Jahre und Jahrzehnte gebraucht – was später im Übrigen auch so kam. Doch der junge und ehrgeizige preußische König war nicht gewillt zu warten und traf einschneidende Entscheidungen.
Bei einem Vorstoß nach Osten musste Preußen zwangsläufig mit den Interessen Russlands kollidieren, das zu jener Zeit zwar noch nicht an Preußen grenzte, durch seine aktive Politik an der Ostsee und in Kurland diesem Zustand jedoch nahe war.
Die Konfrontation zwischen Preußen und Russland im Baltikum versprach langwierig und schwierig zu werden, deshalb setzte sich Friedrich zunächst das Ziel, seine Interessen in Schlesien zu sichern. Und diese Aufgabe löste er zur Überraschung Europas mit Leichtigkeit. Die beiden Schlesischen Kriege von 1740–1742 und 1744–17452 ermöglichten es Preußen, die materielle Grundlage für jene Auseinandersetzung mit den führenden europäischen Mächten zu schaffen, die im Siebenjährigen Krieg 1756–1763 ausgetragen wurde. Durch den Erwerb Schlesiens wuchs die Bevölkerung des preußischen Königreichs um die Hälfte, die Staatseinnahmen um ein Drittel. Die gestiegenen Staatseinnahmen und eine Reihe wirtschaftlicher Maßnahmen Friedrichs II. erlaubten es ihm, für den Kriegsfall eine solide finanzielle Reserve anzulegen. Der begabte Feldherr erwies sich als ebenso begabter Organisator und schuf trotz der Verluste in den Schlesischen Kriegen eine der besten Armeen Europas. In nur fünfzehn Jahren, von 1740 bis 1755, stieg ihre Stärke von 100.000 auf 145.000 Soldaten, und schon im ersten Kriegsjahr wurde sie auf 180.000 gebracht. In der Armee herrschte strengste Disziplin, gewaltige militärische Vorräte wurden angelegt. Und obwohl sich die Pläne zur Kriegsvorbereitung nicht vollständig verwirklichen ließen (Friedrich ging davon aus, dass er für die Kriegsführung 20 Mio. Taler benötigte, bis 1756 hatte er jedoch nur 13,5 Mio. zusammengebracht), machte all dies die preußische Armee zu einem gefährlichen Rivalen für jeden Gegner3.
Zugleich erforderte die drohende Konfrontation mit Russland im Baltikum eine realistische Einschätzung des Hauptgegners in dieser Region. Man muss feststellen, dass Friedrich dies nicht gelang. Seine Meinung von der russischen Armee war gering: „Die Russen braucht man nicht zu fürchten, denn sie haben wenige gute Generäle, und ihre Truppen taugen nichts“4.
Von solchen Thesen ausgehend, hörte Friedrich II. auf, Russland zu fürchten. Die Einsicht kam erst viel später, als er zu dem Schluss gelangte, den schon sein Vater Friedrich Wilhelm I. gezogen hatte, der mit der ihm eigenen soldatischen Direktheit bemerkt hatte, „den russischen Bären von der Kette zu lassen ist leicht, die Frage ist nur, wer ihn wieder an die Kette legen kann“.
Einige Jahre nach dem Siebenjährigen Krieg sollte der Philosophenkönig Friedrich II. im selben soldatischen Jargon sagen: „Man muss danach trachten, dass Russland sich niemals in die deutschen Angelegenheiten einmischt; am besten ist es, den Bären in seiner Höhle zu lassen und ihn nicht einmal merken zu lassen, dass man ihn braucht oder fürchtet“5.
Die russische Führung ihrerseits schätzte die Möglichkeiten des preußischen Königs nüchtern ein. Der russische Kanzler A. P. Bestuschew-Rjumin war der Ansicht, dass nach dem Krieg von 1740–1748 „der König von Preußen ein Nachbar geworden ist, der gefährlicher ist als alle anderen ... er ist als ständiger und natürlicher Feind Russlands zu betrachten“6. Und man beließ es nicht bei der Einschätzung, sondern versuchte, ihm tatsächlich entgegenzutreten. Als Friedrich 1752 einen Angriff auf Hannover vorzubereiten begann, das damals der englischen Krone gehörte, kündigte Russland an, seine 150.000 Mann starke Armee an die Grenzen der Provinz Preußen zu entsenden. Friedrich musste von seinem Vorhaben ablassen, und Bestuschew-Rjumin bemerkte abermals, „es wäre überflüssig darzulegen, wie schädlich den Interessen Ihrer Kaiserlichen Majestät die Stärkung des Königs von Preußen ist“, der „seinen Nachbarn lästig und gefährlich geworden ist“7.
Überhaupt ist festzuhalten, dass die Überzeugung, der preußische König sei der gefährlichste Feind Russlands, von der Kaiserin Elisabeth Petrowna selbst ausging. Diese Überzeugung bildete sich als Reaktion auf die bissigen Spötteleien, die Friedrich II. über sie verbreitete und die ihr zu Ohren kamen. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte dabei auch die Weigerung des Königs, die russischen Soldaten in preußischen Diensten nach Russland zurückkehren zu lassen. Diese Soldaten waren von hohem Wuchs, weshalb schon Peter I., Katharina I. und Anna Iwanowna sie Friedrich Wilhelm I. geschickt hatten, der aus ihnen Eliteeinheiten bildete. Die Soldaten hatten ihre Dienstzeit längst abgeleistet, waren alt geworden und wollten nach Russland zurückkehren, doch Friedrich erlaubte es nicht. Ein solches Verhalten des preußischen Königs verstärkte die Abneigung Elisabeth Petrownas nur noch. Es kam schließlich zur gegenseitigen Abberufung der Gesandten8.
Allerdings bedeutete dieser Bruch noch nicht den Beginn eines Krieges. Der Krieg sollte sich von anderer Seite heranschleichen. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts blieb nämlich der französisch-österreichische Gegensatz für Europa bestimmend.

Teilnehmer des Siebenjährigen Krieges. Blau und Grün markieren die Teilnehmerstaaten der gegnerischen Koalitionen. Zur „blauen“ gehörten England, Preußen, Portugal, Hannover und ihre Verbündeten, zur „grünen“ Frankreich, Österreich, Russland, Sachsen, Spanien, Schweden und ihre Verbündeten.
Doch im Laufe eines einzigen Jahres, 1756, brach das gesamte gefestigte diplomatische System zusammen. Neue Bündnisse entstanden, die die politische Landkarte Europas so grundlegend veränderten, dass Fachleute das Geschehen als „diplomatische Revolution“ bezeichneten. Diese „Revolution“ wurde durch zwei grundlegende Faktoren ausgelöst – die zunehmende Expansion Preußens in Mitteleuropa und die drastische Verschärfung des englisch-französischen Kampfes um die Kolonien in Nordamerika und Indien9.
Die Zusammenstöße in den Kolonien machten einen Krieg in Europa unausweichlich. Für England zeigte sich in diesem Fall sofort eine Schwachstelle: Das englische Hannover war im Falle eines französischen Angriffs verwundbar. Um seine Besitzungen zu sichern, „kaufte“ König Georg II., der zugleich Kurfürst von Hannover war, Friedrich II. buchstäblich, indem er ihm eine große Geldsumme dafür anbot, dass Preußen die Sicherheit Hannovers gewährleistete. Friedrich zögerte nicht lange und unterzeichnete unter Bruch seines Bündnisvertrags mit Frankreich im Januar 1756 die Westminster-Konvention, auch Whitehall-Vertrag genannt, mit der faktisch ein Bündnis zwischen England und Preußen begründet wurde10.
In Versailles war man über die Treulosigkeit Preußens erschüttert und ließ eine angemessene Antwort nicht lange auf sich warten. Frankreich, der langjährige Verbündete Preußens, schloss zur Überraschung aller ein Bündnis mit Preußens „Feind Nr. 1“ – Österreich. Nun war Russland an der Reihe. Bereits im September 1755 hatte Russland mit England die sogenannte Subsidienkonvention geschlossen, nach der es sich gegen englisches Geld verpflichtete, unter anderem die Sicherheit Hannovers zu garantieren. Daher zwang der Whitehall-Vertrag auch Russland, Stellung zu beziehen. Und diese Stellungnahme war eindeutig: „Der unlängst in London zwischen den Königen von England und Preußen geschlossene Traktat zerstört in dieser Form den eigentlichen Sinn der hier (in Petersburg. – G. K.) mit England geschlossenen Konvention.“ Diese Worte bedeuteten die einseitige Aufkündigung der Subsidienkonvention mit England durch Russland, und zugleich kamen Überlegungen auf, Frankreich „zu umschmeicheln“ und es mit Österreich auszusöhnen11.
So zeichneten sich die Umrisse einer neuen europäischen Koalition gegen Preußen ab, an dessen Seite (allerdings nur mit Geld) England stand. Die örtlich begrenzten Gegensätze wuchsen sich zu einem gesamteuropäischen Krieg um die territoriale Neuordnung aus, in dessen Sog auch Russland geriet.
Unmittelbare Interessen im Westen hatte Russland zu jener Zeit nicht; sie lagen im Süden, auf dem Weg zum Schwarzen Meer. Gerade dieser Umstand aber führte zum Bündnis Russlands mit Österreich, das ihm Hilfe im Kampf gegen die Türkei versprach, im Austausch für ein gemeinsames Vorgehen gegen Preußen. Die Wiener Diplomatie erwies sich als stärker als die preußische und die englische, die beide versuchten, den östlichen Koloss auf ihre Seite zu ziehen. Infolge geheimer Verhandlungen und raffinierter Abmachungen formierten sich die größten Staaten Europas 1756 endgültig zu zwei gegnerischen Lagern: Preußen und England auf der einen Seite, Österreich, Frankreich und Russland auf der anderen.
Das Vorgehen Friedrichs II., der als Erster die Kampfhandlungen eröffnete und bereits im Herbst 1756 Sachsen zur Kapitulation zwang, rief in Petersburg ernste Besorgnis hervor. Die russische Regierung war sich völlig darüber im Klaren, dass Friedrich, sobald er die Sicherheit seiner Grenzen gegenüber Österreich gewährleistet hätte, seinen Vormarsch im Baltikum beginnen könnte. Russland könnte in diesem Fall nach Osten zurückgedrängt werden, von Europa abgeschnitten, seiner Seewege und der unmittelbaren Verbindungen zu den Verbündeten beraubt und gezwungen, allein gegen einen kriegerischen, hervorragend gerüsteten Gegner zu kämpfen. Nach Ansicht mancher Historiker wurde der Kampf um das Baltikum zur wichtigsten, zu einer Lebensaufgabe. Expansive und handelspolitische Ansprüche gab es ebenfalls, doch sie waren nachrangig12.
Die Kriegsziele Russlands waren recht konkret formuliert: „Den König von Preußen schwächen und ihn für hiesige Seite ungefährlich und unbesorglich machen; den Wiener Hof durch Rückgabe Silesiens (Schlesiens. — G. K.) stärken und so das Bündnis gegen die Türken gewichtiger und wirksamer machen; Polen durch Überlassung des königlichen Preußens verpflichten und im Gegenzug nicht allein Kurland erhalten, sondern auch eine solche Abrundung von polnischer Seite, durch welche nicht nur die gegenwärtigen unaufhörlichen Mühen und Beunruhigungen ihretwegen ein Ende fänden, sondern vielleicht auch ein Mittel gewonnen würde, den Handel der Ostsee mit dem des Schwarzen Meeres zu verbinden und dadurch fast den ganzen levantinischen Handel in Händen zu halten“13.
Russland war bereit, schon im September 1756 in den bewaffneten Konflikt einzugreifen, doch auf Bitten der Kaiserin Maria Theresia wurde dieses Eingreifen um einige Monate verschoben. Österreich befürchtete ernsthaft, Russland könnte durch einen Erfolg im Kampf gegen Friedrich II. das europäische Gleichgewicht stören. In Wien erörterte man mit Unruhe die Möglichkeit, dass die Provinz Preußen an Russland fallen könnte, und sah darin „ein großes Unglück und einen politischen Schaden“. Natürlich waren solche Befürchtungen unbegründet, da sich die russischen Ansprüche auf Preußen erst 1760 herausbildeten14, doch sie brachten ernsthafte Zwietracht in das Bündnisverhältnis.

Die Akteure
König Friedrich II. von Preußen (ganz oben links)
König Ludwig XV. von Frankreich (ganz oben rechts)
König Georg II. von England (links)
Die österreichische Kaiserin Maria Theresia
Die russische Kaiserin Elisabeth Petrowna (unten)

Nach der in europäischen Militärkreisen verbreiteten Meinung war der verwundbarste Teil des Königreichs Preußen seine abgetrennte gleichnamige Provinz. Ihre Besetzung erforderte von der russischen Armee keine besonderen Anstrengungen. Lässt man die politischen Aspekte außer Acht, so war dies weitgehend der Grund, warum der russischen Armee, die sich vor allem auf Operationen im südöstlichen Baltikum vorbereitete, eine Nebenrolle zugedacht wurde.
Diese Umstände berücksichtigte auch Friedrich II. in seinen Kriegsvorbereitungen. Ja, die Provinz war ein günstiges Aufmarschgebiet für einen möglichen Vorstoß gegen das russische Baltikum. Zugleich aber verlangte sie besondere Fürsorge, sobald sich die Lage änderte – was 1757 auch geschah. Man kann nicht sagen, dass Friedrich der Stärkung seiner Stellung in der Provinz keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte.
Die russische Militärführung ging davon aus, dass Memel, Königsberg, Pillau und die Brückenkopfbefestigungen bei Marienwerder als die am besten vorbereiteten Punkte der preußischen Verteidigung gelten mussten. Angesichts der prodeutschen Stimmung der Bürger konnte man auch Danzig und Elbing zu den Festungen zählen. Die Stadtbefestigungen bestanden in der Regel aus Erdwällen, die mit Palisaden15 verstärkt und von Gräben umgeben waren. Die Wälle wurden durch Bastionen verstärkt, und Memel besaß zudem eine Zitadelle, von der aus man die Meerenge unter Feuer nehmen und die Brückenkopfbefestigungen an der Dange decken konnte. Die Festung verfügte über rund 80 Geschütze und 800 ausgebildete Reservisten16.
Ein wesentlich ausgebauteres Befestigungssystem besaß Königsberg. Seine Grundlage bildeten die Festungswerke und die Zitadelle, die bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts errichtet worden waren. Zu ihrer Besetzung waren zwei Garnisonsbataillone und zwei Abteilungen Reservisten bzw. Stadtmiliz vorgesehen.
Die kampfstärkste dieser Abteilungen war die erste mit 3000 Mann Fußvolk und 150 Reitern. Das Fußvolk war mit Musketen bewaffnet, die Reiterei mit Pistolen und Säbeln. Die zweite Abteilung war deutlich schwächer – ihr gehörten Handwerker und Freiwillige an – und mit Degen, Heugabeln und Sensen bewaffnet. Die Bataillone lagen in der Vorstadt und bewachten die Tore, Magazine und die Zitadelle. Ein Teil der Reiterei versah Dienst auf Vorposten in den gefährdetsten Richtungen. Nach der Gefechtsordnung sollte im Falle eines feindlichen Angriffs jede Bastion der Festung von einer Mannschaft aus 100 Mann und zwei Offizieren besetzt werden17.
In Erwartung des Krieges wurde die deutsche Militärführung im Frühjahr 1756 auf die Notwendigkeit aufmerksam, die Erdwerke wiederherzustellen, die in ihrer hundertjährigen Geschichte ziemlich verfallen waren. So war etwa zwischen dem Brandenburger Tor und der Zitadelle die Brustwehr vollständig zerstört. Doch erst im Frühjahr 1757, nachdem der Feldzug der russischen Armee unter dem Kommando von Generalfeldmarschall S. Apraxin nach Preußen bereits begonnen hatte, wurden für diese Zwecke 5000 Taler und 400 Mann bereitgestellt. Bis August waren ein Teil der Schanzen, Gräben und Palisaden wiederhergestellt, jedoch nicht vollständig18. Diese Arbeiten dienten vor allem dazu, Hindernisse gegen einen Reiterüberfall zu schaffen19.
Natürlich hätten die Befestigungen Königsbergs bei einem Angriff einer starken Abteilung auf die Stadt eine längere Verteidigung kaum ermöglicht. Zugleich wurden die Zugänge zu Königsberg sowohl von der See- als auch von der Landseite durch eine Reihe starker Stellungen versperrt. Pillau schützte Königsberg sehr gut von der See her. Zu Lande waren die Verteidigungsbezirke Kallehnen, Taplacken, Petersdorf, Tapiau und Labiau vorbereitet. Ihre Besonderheit bestand darin, dass die Anlage der Stellungen in diesen Bezirken eng mit dem sumpfig-waldigen Gelände östlich des Kurischen Haffs und der Deime verknüpft war. Zur Deckung Königsbergs bei einem feindlichen Vormarsch am linken Ufer des Pregels war eine Stellung bei Wehlau vorbereitet. Bei dieser Stadt mündete die Alle in den Pregel, was die Vorbereitung der Verteidigung erheblich erleichterte. Hatte der Feind diese Stellung überwunden, musste er unweigerlich auf Tapiau stoßen, wo ihm die Brückenkopfbefestigungen ein neues Hindernis entgegensetzten. Übrigens waren die Tapiauer Befestigungen über die Deime mit der Labiauer Stellung verbunden. Die Russen wussten das genau, und zur Einnahme Labiaus wurde ein eigenes Landungskommando bestimmt, dessen Anlandung jedoch misslang20.
Auch gegen das Vorgehen irregulärer Truppen traf die preußische Seite Abwehrmaßnahmen. Friedrich II. hatte sich buchstäblich unmittelbar vor Kriegsbeginn davon überzeugt, wie ernst es Russland mit dem bevorstehenden Krieg meinte. Zwar glaubte er, die preußischen Truppen würden mit der regulären russischen Armee recht leicht fertig werden. Ein „tatarischer“ Überfall irregulärer Truppen bereitete ihm jedoch ernsthafte Sorgen. Deshalb beschloss die preußische Führung, Kosaken und Kalmücken unter Ausnutzung des unübersichtlichen Geländes und des Patriotismus der Einheimischen zu bekämpfen. Zu diesem Zweck sollte an der Grenze eine sogenannte „Volksverteidigung“ aufgestellt werden. Doch das zu spät erdachte und zudem unsystematisch umgesetzte Vorhaben brachte der Zivilbevölkerung eher Schaden als Nutzen.
Die preußische Führung hatte nicht bedacht, dass Reiter wie die Kalmücken von einem schwachen Kordon aus Einheimischen nicht aufzuhalten waren. Tatsächlich mussten die russischen Truppen hinter jedem Busch mit einem Schuss rechnen, und es kam durchaus vor, dass einzelne Reiter aus den Streifkommandos ums Leben kamen.
Diese Vorfälle riefen unter den irregulären Truppen jedoch eine für die Einheimischen verhängnisvolle Erbitterung hervor, und sie begannen, das besetzte Gebiet mit Feuer und Schwert zu säubern. Um solches Vorgehen zu unterbinden, musste Apraxin diese Truppen – zu seinem eigenen Nachteil – tief im rückwärtigen Raum zurückhalten und sie nur im Fall besonderer Notwendigkeit einsetzen.
Man muss sagen, dass die preußische Militärführung in strategischer Hinsicht bereits vor Beginn der Kampfhandlungen in der Provinz einen Erfolg erzielt hatte. Ein Vorstoß der Russen auf dem kürzesten Weg Riga–Königsberg war für sie nämlich äußerst ungünstig. Unter Ausnutzung der Geländebeschaffenheit und vorbereiteter Stellungen konnten die Verteidiger die Angreifer mit verhältnismäßig geringen Kräften aufhalten. Deshalb wählte die russische Militärführung für die Hauptstoßrichtung auf Königsberg eine längere Route über Kowno. Andererseits durfte man Memel nicht unbeachtet lassen, da die Truppen in dieser Festung die Angreifer jederzeit in der Flanke bedrohen konnten. Die Russen waren gezwungen, in zwei Kolonnen vorzurücken, und eine Aufteilung der Kräfte führt nicht immer eindeutig zum entscheidenden Erfolg. Mehr noch: In Preußen selbst begünstigte das Gelände am linken Pregelufer einen russischen Vormarsch auf Königsberg insgesamt stärker als einen Vormarsch am rechten Ufer. Strategisch hingegen hätte man gerade am rechten Ufer vorrücken müssen – nun war dies die kürzeste Richtung. Die Maßnahmen des preußischen Oberbefehlshabers H. Lehwaldt zur Befestigung der Stellungen am rechten Ufer zwangen die Russen jedoch, in einer für sie ungünstigen Richtung vorzurücken, wodurch sich der Feldzug in die Länge zog21.
Die militärische und zivile Verwaltung der preußischen Provinz lag vor dem Krieg in den Händen von Feldmarschall Hans Lehwaldt. Lehwaldt wurde 1685 bei Labiau geboren und trat noch unter Kurfürst Friedrich III. in den Dienst. Einen beträchtlichen Teil seiner Laufbahn verbrachte er in seiner Heimatprovinz. Er diente in Bartenstein und Friedland, war Kommandant von Pillau, Memel und Königsberg. 1748 wurde er oberster militärischer Befehlshaber der Provinz und 1751 Feldmarschall22. Folgerichtig erschien daher seine Ernennung zum Verantwortlichen für die Verteidigung Preußens.
Die Gesamtzahl der dem Feldmarschall unterstellten regulären Truppen belief sich auf 30 000 Mann, davon 20 260 Mann Infanterie, 7614 Mann Kavallerie und 2214 Mann (6 Kompanien) „ordnungsgemäß organisierter Miliz“. Die Milizkompanien wurden in Johannisburg, Lyck, Treuburg, Goldap, Stallupönen und Pillkallen aufgestellt. Eine Kompanie bestand aus 1 Offizier, 4 Unteroffizieren, 18 berittenen und 12 unberittenen Förstern, einem Trompeter und 333 Soldaten23.
Nach Ansicht russischer Historiker war Lehwaldt im April 1757 der Plan der russischen Führung mehr oder weniger klar geworden. Um dem Gegner entgegenzutreten, stellte er seine Kräfte zwischen Tilsit und Nordenburg mit dem Hauptquartier in Insterburg auf; zwei starke, überwiegend aus Kavallerie bestehende Abteilungen unter dem Befehl der Generäle Kanitz und Ruesch wurden von Tilsit und Ragnit aus an die Memel vorgeschoben.
Die handelnden Personen
Generalfeldmarschall Stepan Fjodorowitsch Apraxin (links)
Der preußische Generalfeldmarschall Johann von Lehwaldt
Die übrige Kavallerie wurde bei Angerburg und Oletzko zusammengezogen. Die Sicherung des Grenzraums von Memel bis Johannisburg übernahm die Miliz. Es war vorgesehen, dass Lehwaldt den Russen Widerstand leisten, sich im Notfall auf Königsberg zurückziehen und dabei die Lebensmittelvorräte vernichten sollte. Danach sollte Friedrich mit seiner Armee erscheinen und zum Gegenangriff übergehen. Die Entscheidung, sich auf eine passive Verteidigung zu beschränken, war einer der Gründe, weshalb Lehwaldt Kowno nicht besetzte und überhaupt nichts unternahm, um den Russen den Übergang über die Memel zu erschweren24.
Betrachtet man Stärke und Zusammensetzung der für den Einsatz in Preußen bestimmten russischen Armee, ist Folgendes zu berücksichtigen.
Preußen, das gegen eine Koalition der wichtigsten europäischen Staaten antrat, war diesen von vornherein an Truppenstärke unterlegen. Nach Angaben, die der russische Kanzler Bestuschew erhalten hatte, betrug die Truppenstärke der europäischen Mächte im Jahr 1755:
Russland – 331 422 Mann
Frankreich – 211 753 Mann
Preußen – bis zu 145 000 Mann
Österreich (ohne Reichs- und Festungstruppen) – 139 000 Mann
England – 91 179 Mann
Sachsen – 8 000 Mann25
Eine derart erdrückende zahlenmäßige Überlegenheit bedeutete allerdings nicht, dass die Armeen in Mitteleuropa vollständig zum Einsatz kommen würden. Das galt besonders für Russland, Frankreich und England. So konnte Russland für Offensivoperationen etwas mehr als 200 000 Mann aufbieten – allerdings nicht auf einem einzigen Kriegsschauplatz. Die Gesamtstärke der russischen Armee, die im Mai 1757 für den preußischen Feldzug vorgesehen war, überstieg 128 000 Mann. Frontdienst leisteten jedoch nur 98 000, davon 72 000 Mann Infanterie, 7000 Mann reguläre und 16 000 Mann irreguläre Kavallerie. Zu berücksichtigen ist außerdem, dass die russische Armee im Feldzug von 1757 weniger durch Kampfhandlungen als durch Krankheiten geschwächt wurde, die mit dem sehr langen Marsch und der Hitze zusammenhingen. So zählte die Armee in den ersten Monaten des Feldzugs bis zu 11 000 Kranke, beim Rückzug im Oktober desselben Jahres bereits mehr als 58 000 bei 47 000 Gesunden26. Dennoch war die zahlenmäßige Überlegenheit der russischen Truppen unbestreitbar.
Im Frühjahr 1757 brachen die russischen Regimenter von Riga aus zum Feldzug auf. Auf zwei Wegen – über Memel und über Kowno – betrat die russische Armee preußisches Gebiet und rückte in allgemeiner Richtung auf Königsberg vor.
Ein selbstständiges Korps der russischen Armee unter dem Befehl von General en chef W. Fermor zwang die Festung Memel am 6. Juli nach kurzer Beschießung von See aus zur Kapitulation. Obwohl Fermor eine erdrückende Übermacht besaß (16 000 gegen 800 Mann!), gestattete er der preußischen Abteilung, die Stadt zu den ehrenvollsten Bedingungen (mit ihren Waffen) zu verlassen, was in der russischen Armee Unmut hervorrief. Anschließend führte Fermor sein Korps über Tilsit nach Insterburg, wo er sich am 18. August mit den russischen Hauptkräften vereinigte.
Die Armee Apraxins bewegte sich durch das Gebiet der Provinz und stieß dabei auf zwar schwachen, aber bewaffneten Widerstand. Am heftigsten griffen die preußischen Truppen die Russen bei Gumbinnen und in Insterburg an; Letzteres wechselte zweimal den Besitzer. Das verhältnismäßig rasche Vorrücken der Russen auf Insterburg zwang Lehwaldt, eine Verteidigungsstellung bei Wehlau am rechten Pregelufer zu beziehen. Apraxin beschloss, keine Schlacht unter von vornherein ungünstigen Bedingungen anzunehmen, und entschied sich für ein Umgehungsmanöver. Im Raum Norkitten setzte er auf das linke Pregelufer in Richtung Allenburg über, um unter Umgehung der preußischen Stellungen an der Mündung der Alle in den Pregel von Südosten her auf Königsberg vorzustoßen.
Die preußische Aufklärung entdeckte dieses Manöver der Russen, und Lehwaldt setzte seinerseits ebenfalls mit seinen Truppen über und bezog eine für ihn günstige Stellung nahe dem Dorf Groß-Jägersdorf. Am 30. August gab Apraxin frühmorgens den Befehl, die Truppen in Richtung Allenburg in Marsch zu setzen. Der Weg, auf dem sich die Armee in Bewegung setzte, führte durch eine schmale Niederung, dann durch einen Wald bergauf und mündete unerwartet in ein weites Feld vor Groß-Jägersdorf. Hier, am Waldausgang, erwartete die in Schlachtordnung aufgestellte preußische Armee die Russen. Lehwaldt schlug gegen die noch nicht entfaltete Gefechtsordnung der Russen los.
„Das erste Feuer ward von feindlicher Seite eröffnet … Die Preußen rückten auf das Mannhafteste und Ordentlichste an, um unsere Armee anzugreifen, die sich am Walde entlang auseinanderzog, und als sie auf rechte Distanz herangekommen waren, gaben sie eine ordentliche Salve auf die Unsrigen ab … von unserer Seite ward mit keinem einzigen Flintenschuss geantwortet …
Die Preußen rückten nach ihrer Salve, ohne anzuhalten, weiter vor, luden im Gehen ihre Gewehre, kamen noch näher an die Unsrigen heran und gaben mit ihrer ganzen ersten Linie eine zweite ordentliche Salve auf die Unsrigen ab ... von unserer Seite wurde auch auf diese Salve mit keinem einzigen Gewehrschuss geantwortet ... Als wir weiter zusahen, erblickten wir, dass die Preußen auch nach dieser Salve weiter vorrückten und im Gehen ihre Gewehre luden; nachdem sie geladen hatten und viel näher herangekommen waren, gaben sie eine dritte, überaus schreckliche und ordentliche Salve auf die Unsrigen ab ... Kaum hatten die Feinde die dritte Salve abgegeben, als auch auf unserer Seite das Kanonen- und Gewehrfeuer entbrannte, zwar nicht in Salven, sondern ohne Ordnung, doch weit heftiger als das feindliche. Von diesem Augenblick an hörten auch die Preußen auf, in Salven zu schießen. Das Feuer wurde auf beiden Seiten unablässig, ohne eine einzige Minute Unterbrechung, und wir konnten das feindliche Schießen nicht mehr von unserem unterscheiden. Allein die Kanonenschüsse waren zu erkennen, besonders die aus unseren geheimen Schuwalow-Haubitzen, die wir an ihrem eigentümlichen Klang und dem dichten schwarzen Rauch deutlich ausmachen und vom übrigen Kanonenfeuer unterscheiden konnten, das ebenso wie das Gewehrfeuer auf beiden Seiten überaus heftig und unaufhörlich geworden war.“27.
Die Hauptlast des Angriffs der preußischen Infanterie trug die 2. Division unter dem Kommando von General en chef W. Lopuchin, der in diesem Gefecht fiel. Die russischen Regimenter erlitten schwere Verluste und wurden an den Waldrand gedrängt, gingen zum Nahkampf über, hielten aber dennoch stand. Lehwaldt versuchte, den Erfolg durch einen Angriff der Reiterei des Prinzen von Holstein auszubauen. Bei dessen Abwehr zeichneten sich die Kosaken aus, die die Preußen in die eigenen Stellungen lockten, wo diese unter das Feuer der Artillerie und den Stoß der Kavallerie gerieten: „Die Batterie ... vermochte noch rechtzeitig ihre Kanonen herumzuwerfen, und die von ihr abgegebene Kartätschensalve hatte den allerwünschenswertesten Erfolg, denn da sie quer in die hintereinander heransprengenden preußischen Eskadronen feuerte, riss sie beinahe eine ganze Eskadron hinweg, brach damit deren Ansturm und brachte die Heransprengenden nicht nur zum Stehen, sondern zwang sie, Hals über Kopf kehrtzumachen.“28.
Schlacht bei Groß-Jägersdorf in Ostpreußen am 30. August 1757. Zeichnung von Alexander von Kotzebue.
Lehwaldt unternahm noch mehrere Angriffe auf die russische Schlachtordnung und wechselte dabei die Stoßrichtung, blieb jedoch erfolglos. Die Russen hatten sich unterdessen allmählich von der Überraschung der ersten preußischen Angriffe erholt und begannen, die Lage zu wenden. Als alle drei russischen Divisionen, unterstützt von der Artillerie, in den Kampf eingriffen, war das Schicksal der Schlacht, die 10 Stunden dauerte, entschieden. Derselbe Bolotow schrieb: „Die Preußen mögen in ihren Relationen noch so prahlen, sie hätten sich in guter Ordnung zurückgezogen – von Ordnung war da nicht die geringste Spur. Im Nu waren sie uns aus den Augen verschwunden, und das ganze Feld war mit ihnen übersät.“29.
Der Auftakt des Feldzugs mit dem Sieg bei Groß-Jägersdorf war für die Russen ermutigend und für die Preußen niederschmetternd. Doch zur Freude der Letzteren nutzte Apraxin die Früchte dieses Sieges nicht. Die russische Armee verharrte mehrere Tage auf dem Schlachtfeld und verlor schließlich den Gegner aus den Augen. Auch Lehwaldt hatte nach der vernichtenden Niederlage die Lage nicht im Griff; auf dem Rückzug marschierte er rasch am linken Ufer des Pregels über Wehlau und bezog am anderen Ufer eine befestigte Stellung bei Petersdorf. Die Stellung lag am Zusammenfluss von Alle und Pregel. Aufgeschüttete Erdbrustwehren auf den hohen Ufern sowie trockene und wassergefüllte Gräben machten sie für Angreifer schwer überwindbar. Apraxin hätte Wehlau offenbar sofort einnehmen können, zögerte jedoch, und Lehwaldt setzte sich dort mit seinen Truppen fest. Den Russen blieb nichts anderes übrig, als in der zuvor gewählten Richtung auf Allenburg weiterzuziehen, das die Armee am 6. September erreichte. Damit kam der Vormarsch zum Stehen, und wenige Tage später machte die russische Armee kehrt.
Feldmarschall Apraxin, der Oberbefehlshaber der russischen Armee, sollte später der Feigheit, verräterischen Verhaltens und sogar offenen Hochverrats beschuldigt werden. Manche Historiker brachten seinen Rückzug mit der Erkrankung der Kaiserin Elisabeth Petrowna in Verbindung. Den eigentlichen Grund, weshalb die russische Führung nach dem Sieg in der Schlacht bei Groß-Jägersdorf auf einen Vormarsch gegen Königsberg verzichtete und die Armee nach Litauen und weiter nach Kurland zurückzog, nannte Apraxin selbst in seinen Verhören: den äußersten Mangel an Proviant und den Schwund an Soldaten30.
Der Sommer jenes Jahres war in Preußen tatsächlich außergewöhnlich heiß. Im Marschjournal der Armee hieß es: „Die unerträgliche Hitze, die den Marsch beschwerlich macht, hat uns überdies der Möglichkeit beraubt, Proviant und Futter auf dem Wasserweg zu erhalten, denn die Flüsse sind davon so seicht geworden, dass die Schiffe nicht durchkommen konnten.“
Die wichtigste Versorgungsader war die Memel. Doch der Fluss und sogar das Kurische Haff waren seicht geworden. „Es war notwendig, den Proviant auf Bauernfuhrwerken zur Armee zu schaffen, was ebenso viel Mühe wie Zeit erforderte.“31 Auf örtliche Ressourcen war nicht zu zählen – das bestätigte auch die Aufklärung. Im Marschjournal der russischen Armee wurde berichtet: „Wie viel Mühe wir bis zu dieser Zeit bei der Beschaffung des Proviants hatten und welch vollkommenen Mangel wir an Futter litten, ist in keiner Weise mit dem zu vergleichen, was sich in diesem Monat zeigte, denn die in die Umgebung, mehr als 20 Werst weit, ausgesandten Trupps fanden keine Spur, wie Futter zu beschaffen wäre. Der Feind, der den hiesigen Angriff (die Schlacht bei Groß-Jägersdorf. – G. K.) nicht erwartet hatte, zog sich abermals weiter hinter den Fluss Den gegen Königsberg zurück, sodass der zur Erkundung ausgesandte Oberst Krasnoschtschokow bei seiner Rückkehr mit seinem Kommando meldete, er sei bis auf acht Werst an Königsberg herangeritten und habe nichts gesehen als die Spuren der ärgsten Verheerung und Verwüstung, die der Feind in seinem eigenen Land und an seinen eigenen Untertanen angerichtet habe, um uns damit den Marsch zu erschweren, weshalb die Einwohner nicht nur alles Getreides und Viehs beraubt, sondern auch ihre Hausgeräte zerbrochen und verdorben seien.“32.
Ebenso wenig durfte man außer Acht lassen, dass Lehwaldt trotz der verlorenen Schlacht seine Armee hatte retten und sie mithilfe der Landmiliz sogar auf 25.000 Mann aufstocken können. Er zog sich nach Tapiau zurück, wo er über beträchtliche Verteidigungsanlagen und ein natürliches Wasserhindernis verfügte: den Pregel und die in ihn mündende Deime. Lehwaldt fühlte sich sicher, da überall in Preußen zu seiner Unterstützung Reserveeinheiten aufgestellt wurden. Kundschafter meldeten Apraxin: „Die Landmiliz ist in kleinen Korps gesammelt und mit aller Munition versehen; sie ist in Kompanien, Bataillone und Regimenter gegliedert und wird unablässig gedrillt.“ Und weiter: „Aus jedem Bauernhof, wo nur zwei Männer sind, ist einer zu dieser Landmiliz genommen worden.“33.
In Anbetracht all dieser ungünstigen Umstände fasste der Kriegsrat der Armee (nicht Apraxin persönlich) den Beschluss: „Von hiesigem Ort seitwärts abzuschwenken und auf den besten Wegen bis Tilsit vorzudringen und, dort angelangt ... noch in der jetzigen Herbstzeit Labiau und den Fluss Deime in Besitz zu nehmen und sich auf diese Weise den Weg zur Beschaffung hinreichenden Proviants freizumachen.“34.
Apraxins Hoffnungen auf Tilsit erfüllten sich nicht. Auch dort fand sich nur sehr wenig Proviant, und der russische Oberbefehlshaber, der eine Reihe taktischer und strategischer Fehler beging (so verzichtete er darauf, Tilsit zu halten), setzte auf das rechte Ufer der Memel über und führte die Armee in die Winterquartiere.
Die Regierung ließ die Rechtfertigungen des Feldmarschalls nicht gelten, enthob ihn des Oberbefehls über die Armee und ernannte an seiner Stelle General en chef W. Fermor. Ihm wurde die Aufgabe gestellt, im November 1757 eine Offensive zu beginnen und „die vergeblich verlassenen guten Städte und Ämter in Preußen“ zu besetzen, „Labiau und Tapiau in Besitz zu nehmen“ und weiter gegen Königsberg, Pillau und Brandenburg vorzugehen. Der neue Oberbefehlshaber gedachte erst im Frühjahr ins Feld zu ziehen, erhielt jedoch Mitte Dezember den kategorischen Befehl, Königsberg einzunehmen35.
Der Vormarsch begann in zwei Kolonnen: die eine von Memel aus über das Eis des Kurischen Haffs, die andere über Tilsit. Nach der Vereinigung der Kolonnen sollte die Armee auf Labiau und Königsberg vorrücken. Proviant führte man für einen Monat mit; die Vorräte für die Zeit danach sollten auf dem Landweg aus Riga herangeschafft werden.
Die Preußen leisteten kaum Widerstand, da Friedrich II. Lehwaldt bereits im Herbst zum Kampf gegen die Schweden abberufen hatte. Die kleinen Einheiten, die zum Schutz der Grenze bestimmt waren, konnten nichts ausrichten, die Landmiliz zerstreute sich in alle Himmelsrichtungen. Am 14. Januar 1758 verließ die Garnison Königsberg. Zwei Tage später überließ der Kommandant von Pillau, von Wuthenow, die recht gut bewaffnete Festung ihrem Schicksal und nahm die Kasse mit. Am Tag, an dem die russischen Truppen Labiau besetzten, wurde der Großteil der Beamten der höchsten Regierungsinstanz, einschließlich der Minister, nach Danzig evakuiert. In der allgemeinen Ratlosigkeit übernahmen die Leiter der Bezirke (Kammern) die Verwaltungsgewalt in der Provinz. Am 18. Januar teilte der Amtmann von Labiau, Rachow, beim Zusammentreffen mit der russischen Vorhut mit: „...aus Königsberg sind von der dortigen Hauptkammerverwaltung an alle hiesigen Ämter Erlasse ergangen, die Truppen Eurer Kaiserlichen Majestät überall ohne Widerstand zu empfangen und aufzunehmen“36.
Schon früher, am 12. Januar, hatte Fermor Rumjanzew gemeldet, er habe „...gestrigen Tages aus dem Amt Ruß vom Amtmann Kuwert die angenehme Nachricht erhalten, dass in besagtem Amt keinerlei Truppen stehen und sich fast ganz Preußen Ihrer Kaiserlichen Majestät in die Untertanenschaft ergibt...“.
Die handelnden Personen
Generalfeldmarschall Pjotr Alexandrowitsch Rumjanzew (links)
General en chef Wilhelm von Fermor
Kuwert unterstützte die Russen überhaupt sehr tatkräftig bei der Besetzung der unteren Memelniederung. Zwar lässt sich sein Verhalten mit dem Wunsch erklären, mögliche Zuspitzungen im Verhältnis zwischen der einheimischen Bevölkerung und dem russischen Militär zu vermeiden – wobei er sich sehr nachdrücklich auf die große Zahl von Kranken in seinem Amt berief –, doch wirkte sein Bestreben recht befremdlich, die Lasten der Kriegszeit von seiner eigenen Bevölkerung auf die nächsten Nachbarn abzuwälzen. So teilte er Generalmajor P. Rumjanzew, dessen Division Ruß besetzt hatte, mit, im benachbarten Amt Kuckerneese gebe es kaum Krankheiten (man solle also besser dorthin ziehen). Der Amtmann von Kuckerneese, Schreiber, handelte anders als Kuwert. Da er begriff, dass sich die Besatzung nicht vermeiden ließ, bemühte er sich, die Einquartierung der russischen Truppen in seinen Dörfern in geordnetere Bahnen zu lenken. Zu diesem Zweck bot er sogleich eine Reihe von Dörfern als Quartier an und teilte zugleich mit, dass dort Heu und Hafer vorhanden seien37.
Überhaupt war das Verhalten der preußischen Beamten in dieser Zeit recht widersprüchlich. Einerseits waren sie bestrebt, ihre Besitzungen und Ortschaften unversehrt zu erhalten, andererseits wurde ihr Handeln von späteren Historikern als „Verwandlung in gehorsame Diener der Russen“ bezeichnet. Bezeichnend ist in dieser Hinsicht das Beispiel des Kammerpräsidenten des Gumbinner Bezirks, Domhardt, der später bei den Deutschen zwar nicht zum Nationalhelden, wohl aber zum Helden der Provinz wurde, weil er angeblich den Widerstand gegen die Russen angeführt habe. Gumbinnen lag abseits der Marschroute der russischen Hauptkräfte nach Königsberg und zur Weichsel und wurde deshalb erst später besetzt. Doch Domhardt schrieb als einer der Ersten an General Rumjanzew wegen der „Aufnahme in die Protektion“ des Gumbinner Bezirks und bat lediglich darum, dass „für so freiwillige Unterwerfung (die Einwohner) nicht allzu sehr mit Einquartierung beschwert werden“ mögen38.
Im gleichen Sinne handelte auch jener Teil der Provinzleitung, der an Ort und Stelle geblieben und nicht nach Danzig evakuiert worden war. In Erwartung der unvermeidlichen Einnahme der Provinz durch die russischen Truppen wurde beschlossen, „unter eine andere Krone“ zu treten.
Am 21. Januar traf eine preußische Delegation, bestehend aus dem Vizepräsidenten des Tribunals Grabowski, dem Rat Auer und dem Königsberger Bürgermeister Hindersin, in Kaymen ein, wo sich bereits alle „Räte der Kreisämter“ versammelt hatten. Die Delegation führte ein Schreiben mit sich, das von sieben hochgestellten Beamten unterzeichnet war: dem Wirklichen Geheimen Staats- und Kriegsrat und Obermarschall Wallenrodt, dem Wirklichen Geheimen Staats- und Kriegsrat Lesgewang, dem Kammerdirektor Reck und anderen39.
Das Schreiben enthielt „außerordentlich kühne Kapitulationsbedingungen“, wie es ihr erster Herausgeber, General D. Maslowski, ausdrückte. So kühn, dass sie der Bevölkerung faktisch die Möglichkeit boten, sogar besser zu leben als unter der bisherigen königlichen Herrschaft.
Insgesamt wurden 17 Punkte „erbeten“. Besondere Beachtung verdiente der erste. Er lautete: „Die Stadt Königsberg bei ihren Privilegien, Freiheiten, Rechten und Vorzügen, wie solche ihr von jedem angestammten Landesherrn von Zeit zu Zeit verliehen worden, folglich zu schützen.“ Im Leben Königsbergs sollte sich praktisch nichts ändern. Dann aber folgten zusätzlich geforderte Vergünstigungen:
die Zahl der in Königsberg einquartierten Truppen zu begrenzen;
die Zivilbeamten und Geistlichen mit ihren bisherigen Gehältern und sonstigen Einkünften in ihren Ämtern zu belassen;
der Stadt das Recht zur Verfügung über ihre Kasse zu gewähren; den Handel nicht einzuschränken und weder die Wasser- noch die Landverbindungen innerhalb der Provinz und mit dem Ausland zu stören; die Rechte des einheimischen Adels und den Bezug seiner Einkünfte aus den Gütern zu gewährleisten; ebenso die Rechte und Privilegien der Kaufleute und Brauer sowie eine Reihe weiterer Vergünstigungen zu erhalten40.
Nachdem Fermor die Delegation angehört hatte, berief er sich zwar darauf, für die Entscheidung so wichtiger Fragen keine entsprechenden Vollmachten zu besitzen, „vertröstete (die Deputierten) jedoch auf die allgemeine monarchische Gnade“ und versprach, „ihre Bitten dem allerhöchsten Ermessen vorzulegen“41.
Das unerwartete Erscheinen der Parlamentäre in Kaymen durchkreuzte Fermors Pläne auf angenehme Weise. Noch am Vortag hatte er beabsichtigt, den Truppen nach dem außerordentlich schweren Marsch Ruhe zu gönnen und erst dann in Königsberg einzuziehen. Von diesem Vorhaben musste er nun Abstand nehmen.
Um drei Uhr nachts am 22. Januar brach die russische Infanterie aus Kaymen auf und besetzte bis elf Uhr die Vorstädte Königsbergs.
Die „Bürgerwache“ der preußischen Miliz übergab ihre Posten den Grenadieren des Obersten Jakowlew. Königsberg befand sich damit faktisch in russischer Hand. Es begannen die Vorbereitungen für den Empfang des russischen Oberbefehlshabers Fermor, die Bolotow in seinen „Aufzeichnungen“ farbenprächtig geschildert hat: „Sein Einzug in diese Stadt war prunkvoll und prächtig. Alle Straßen, Fenster und Dächer der Häuser waren von einer unzähligen Menge Volkes bedeckt. Der Zulauf war gewaltig, denn alle brannten darauf, unsere Truppen und den Befehlshaber selbst zu sehen; und da noch das Läuten der Glocken in der ganzen Stadt sowie das Spiel von Trompeten und Pauken auf allen Türmen und Glockentürmen hinzukam, das während des ganzen Zuges andauerte, verlieh all dies ihm noch mehr Prunk und Pracht“42.
Fermor zog mit seinem Gefolge durch die Menge der neugierigen Zuschauer in das Schloss ein. Dort empfingen ihn die verbliebenen Mitglieder der örtlichen Regierung mit Lesgewang an der Spitze und überreichten ihm die „Schlüssel der Stadt“. Die Frage nach den Schlüsseln „von Königsberg“ taucht in der historischen Literatur immer wieder auf und wird meist als rein symbolisch angesehen. Die Schlüssel wurden jedoch tatsächlich übergeben. Die Frage klärt Fermor selbst, der in seinem Bericht über die Januarereignisse mitteilte: „Zur selben Zeit wurden mir von der hiesigen Regierung die Schlüssel der hiesigen Zitadelle Friedrichsburg und der Pillauer Festung gebracht“43.
Die Truppen rückten weiter in Königsberg ein. Schon in der Dämmerung traf eine Artilleriebrigade in der Stadt ein, etwas später die übrigen Regimenter der Brigade Resanow. Die Geschütze wurden auf dem Schlossplatz aufgestellt, ein Teil der Truppen in der Stadt selbst untergebracht, doch die meisten Regimenter und Schwadronen, die Königsberg seit dem Morgen umstellt hatten, blieben lange ohne Obdach. Die Einwohner nahmen nur Offiziere bei sich ins Quartier auf. Der durch den glänzenden Empfang besänftigte Oberbefehlshaber hatte bei alledem offenbar die wichtigste handelnde Person vergessen – den Soldaten, der seit drei Uhr nachts mehr als zwanzig Werst zurückgelegt hatte und nun im Freien übernachten musste. Dennoch verlief alles ohne Zwischenfälle: Die Disziplin war recht streng, und es kam weder zur eigenmächtigen Besetzung von Häusern noch zu Bedrückungen der Einwohner44.

Es ist festzuhalten, dass Fermor als Oberbefehlshaber der russischen Armee, die einen bedeutenden Teil der Provinz samt ihrer Hauptstadt besetzt hatte, zwar der ranghöchste militärische Befehlshaber blieb, aber vorerst keinerlei Anweisungen zur Gestaltung des zivilen Lebens in der Provinz besaß. Deshalb sah er nur eine einzige Maßnahme vor, die schon Apraxin praktiziert hatte – die Vereidigung der Landesbewohner.
Die rechtliche Grundlage für diese Maßnahmen bildete der Ukas Elisabeth Petrownas vom 31. Dezember (alten Stils) 1757. Darin hieß es, im „vorigen Feldzug“ (im Sommer 1757) hätten sich „die Einwohner selbst freiwillig in Unsere Protektion begeben“. Die Kaiserin bedauerte, dass ihre Armee damals gezwungen gewesen war, die bereits besetzten Gebiete wieder zu verlassen, und dass manche Orte „niedergebrannt und verwüstet“ worden waren. All dies sei „gegen Unseren Wunsch“ geschehen. Nun sicherte die Kaiserin der Bevölkerung Preußens „Wohlwollen und Gnaden“ zu – wiederum unter der Bedingung, dass sie sich freiwillig in ihre „Protektion“ begebe45.
Am 23. Januar ordnete Fermor die Vereidigung der Einwohner und Beamten an. Nach Auffassung russischer wie deutscher Historiker veränderte der Eid die Bedingungen des in Kaymen geschlossenen „Vertrags“ erheblich. So hatte die preußische Seite darauf gerechnet, dass alle „Personen im ruhigen Besitz ihrer Güter verbleiben, wo immer sie sich befinden mögen“. Die Erhaltung des Eigentums war zwar auch im Ukas Elisabeth Petrownas versprochen worden, jedoch nur für jene Einwohner, die in der Provinz blieben. Eben diesen Umstand hob Fermor hervor, als er befahl, „das Vermögen derer zu verzeichnen ... die sich vor dem Einmarsch (der Russen) in die Stadt zurückgezogen haben ... und bekanntzugeben, dass ihre Dörfer und ihre Häuser in der Stadt unter Sequester (Verwaltung bis zum Kriegsende) genommen werden, weil sie ... sich erdreistet haben ... die Stadt zu verlassen, und dass, falls sie nicht zurückkehren, ihr gesamtes bewegliches und unbewegliches Vermögen konfisziert werden wird“. Auch die Vorschriften über die Verwendung der Geldmittel in der Provinz verschärfte er. Sämtliche Einkünfte sollten in die russische Staatskasse fließen „und ohne Erlaubnis zu keinerlei Ausgaben verwendet werden“. Besonderes Augenmerk galt der Treue zum geleisteten Eid. Hier behielt sich der Oberbefehlshaber das Recht vor, alle Abtrünnigen nach den Gesetzen zu bestrafen: „... gegen die Interessen (der Kaiserin) weder heimlich noch offen etwas zu unternehmen“46.
Für die Vereidigung der Bewohner der Provinz waren zwei Monate vorgesehen; sie begann am 24. Januar in Königsberg. Es war der Geburtstag Friedrichs II., und man kann nur erahnen, welche Gefühle die Einwohner bewegten, die im Herzen dem König ergeben waren. Am feierlichsten verlief die Eidesleistung in der Schlosskirche. Zuerst wurde das Manifest der Kaiserin verlesen. Dann trug der Pfarrer den Eidestext vor. Die Anwesenden sprachen ihn laut nach und schworen, „der russischen Regierung treu und gehorsam zu sein“. Zuerst leisteten die höchsten Würdenträger den Eid, danach die Professoren und Dozenten der Universität sowie die Beamten verschiedener Behörden47. Unter ihnen war auch der Privatdozent Immanuel Kant, wenngleich die heutige Kantforschung die Unterschrift des Philosophen unter dem Eidestext bislang nicht gefunden hat. Das bedeutet jedoch nicht, dass Kant sich der Treuebekundung gegenüber der russischen Kaiserin entzogen hätte.
Erhalten ist sein Brief an Elisabeth, in dem er sich um die Stelle eines ordentlichen (planmäßigen) Professors der Logik und Metaphysik bewirbt und seinen Wunsch bekundet, der neuen Obrigkeit treu und redlich zu dienen48.
Russische Behörden wurden nur in den größten von russischen Truppen besetzten Städten eingesetzt. Kommandant von Königsberg wurde General Resanow, Oberkommandant Brigadier Treyden, in Tilsit Major Meister, in Pillau Oberstleutnant Gerbel. Die Pflichten der Kommandanten wie auch der höheren Offiziere beschränkten sich auf die Überwachung der inneren Ordnung. In allen übrigen Belangen blieben die örtlichen Behörden selbständig; allenfalls konnten sie die Weisung erhalten, „eine Aufstellung einzureichen, wie viel Getreide jeder Art und Futter sich bei allen Einwohnern befindet“. Für die Versorgung der russischen Armee mit Lebensmitteln wurden die Lieferanten bezahlt. „Zur Erhebung der Einkünfte und der der hiesigen und den übrigen Städten in Preußen auferlegten Geldkontribution“ sowie „zur Eintreibung der nach Kriegsbrauch für den Unterhalt der Armee bestimmten Fourage- und Proviantkontribution“ wurden eigens Amtspersonen ernannt. Die Anordnungen ergingen in Form entsprechender Ukase „an die Kanzlei der Königsberger Regierung, desgleichen an die Präsidenten der Königsberger und der Gumbinner Kammer, an den Magistrat und an das Konsistorium ... dem zugleich vorgeschrieben wurde, auf welche Weise in den Kirchen beim Gottesdienst für die allerhöchste Gesundheit Ihrer Kaiserlichen Majestät und der ganzen kaiserlichen Familie zu beten sei“49.
Fermor unterstand auch das örtliche Presseorgan, das nun mit dem russischen Doppeladler erschien (die preußischen Wappen waren bis Ende Januar an allen Amtsstellen ersetzt worden).
Am 19. Februar 1758 traf in Königsberg ein Ukas Elisabeth Petrownas ein, mit dem Fermor zum Generalgouverneur von Preußen ernannt wurde. Derselbe Ukas enthielt auch die Antworten auf die „Punkte“ des Kaymener Gesuchs. N. M. Korobkow kam bei der Analyse dieses Ukas zu dem Schluss, dass er gleichsam zu einer „Art Verfassung“ der neuen russischen Provinz wurde. Es ging dabei nicht einmal nur darum, dass eine oberste Leitung der Provinz eingesetzt wurde, über die die örtlichen Behörden mit der Zentralgewalt verkehren konnten. Der kaiserliche Ukas legte Vergünstigungen für die Provinz fest, wie sie sie in ihrer früheren Stellung nicht besessen hatte. Hier die wichtigsten Punkte des Ukas:
„1. Die Stadt Königsberg soll bei ihren Privilegien, Freiheiten, Rechten und Vorrechten geschützt werden.
2. Zur Einquartierung sollen leichte Truppen ohne äußerste und unumgängliche Not niemals hineingelegt werden; weshalb
3. die Stadt und die Einwohner auch fest versichert sein können, dass sie keinerlei Unordnungen und Erpressungen erleben werden.
4. Die vollkommene Freiheit in der Ausübung der Religion und des öffentlichen Gottesdienstes bleibt unverletzt auf der bisherigen Grundlage erhalten.
5. Kirchen, Schulen, Hospitäler und die übrigen Armen- und Waisenhäuser werden bei ihren Einrichtungen und Gütern belassen, über die Einkünfte aber sollen genaue Aufstellungen eingereicht werden.
6. Die weltlichen und geistlichen Bediensteten, die ihr Amt wie bisher eifrig versehen werden, bleiben bei ihrem bisherigen Gehalt und ihren Einkünften.
7. Alle Kassen und Einkünfte gehören ohne Ausnahme Uns; sollten jedoch irgendwelche Einkünfte besonders und eigens der Stadt gehören, so sollen darüber zur Prüfung genaue Aufstellungen unter Nachweis des Rechts darauf eingereicht werden.
8. Den Rathäusern werden ihre Archive und Registraturen belassen.
9. Die Privatbibliotheken bleiben zur Disposition ihrer Eigentümer, über die öffentlichen aber sollen genaue Verzeichnisse eingereicht werden.
10. Einen freien, unbeschränkten und gesicherten Binnen- und Außenhandel, ausgenommen Kontraband (Konterbande. — G. K.), zu Wasser und zu Lande zu betreiben, erlauben Wir nicht nur, sondern werden Uns vielmehr um dessen Schutz bemühen und Unserer Flotte befehlen, die nach Königsberg und aus Königsberg fahrenden Schiffe nicht nur frei passieren zu lassen, sondern ihnen im Notfall vielmehr die erforderliche Hilfe und jegliches Wohlwollen zu erweisen.

Russischer Silberrubel aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges.
11. Die in öffentlichen Packhäusern und Speichern befindlichen Waren, wem sie auch gehören mögen, bleiben zur Disposition ihrer Eigentümer; von jenen aber, für die der Zoll noch nicht entrichtet ist, soll er gewissenhaft und vollständig für Unsere Kasse erhoben werden.
12. Die Einwohner jeglichen Standes werden insgesamt im ruhigen Besitz ihres gesamten Vermögens belassen.
13. Die Abwesenden können mit ihren Angehörigen und ihrem Vermögen sicher und gefahrlos zurückkehren und haben lediglich alle etwa bei ihnen befindlichen Kriegswaffen Unseren Militärkommandos zur Verwahrung zu übergeben.
14. Alle Posten behalten ihren ungehinderten Gang; ebenso wird allen aus Dörfern und Städten An- und Abreisenden gleiche Freiheit sowie überhaupt jegliche Zufuhr gestattet.
15. Alle Zünfte und Gilden werden bei ihren Privilegien und Rechten und bei der freien Ausübung ihres Handwerks und Gewerbes belassen.
16. Niemand soll insgesamt wider seinen Willen zum Eintritt in den Dienst gezwungen werden, wie es umgekehrt denen nicht verwehrt sein soll, die durch ihren Dienst Unserer besonderen Gnade würdig werden wollen.
17. Die Stadt und das ganze Königreich Preußen können sich so lange vollkommen auf Unsere Freigebigkeit und Gnade verlassen, wie ein jeder im schuldigen Gehorsam verbleibt und sich einzig seinem Stande widmet.“50
Betrachtet man die „Punkte“ dieses Ukas, so lässt sich sagen, dass Preußen – auch wenn das Kaymener Abkommen nicht in vollem Umfang erfüllt wurde – solche Rechte, Freiheiten und Vergünstigungen erhielt, wie sie kein einziges inneres Gouvernement Russlands besaß.
Vor allem bestätigte der Ukas sämtliche Vergünstigungen, die verschiedene Körperschaften und Einzelpersonen zuvor genossen hatten. Garantiert wurden die Religionsfreiheit sowie die Freiheit des Binnen- und Außenhandels. Mehr noch: Letzterer wurde unter den Schutz der russischen Flotte gestellt, die die Ostsee beherrschte.
Sämtliche Staatseinnahmen der Provinz Preußen flossen in die Staatskasse. Damit wurde im Grunde nur eine frühere Anordnung Fermors bestätigt, doch nahm der Erlass die öffentlichen Gelder von der Abführung an die Staatskasse aus: die Kirchenausgaben, die Einnahmen wohltätiger Gesellschaften... Den Gutsbesitzern wurde erlaubt, auf ihre Güter zurückzukehren, wobei ihnen freie Durchreise durch das von russischen Truppen besetzte Gebiet zugesichert wurde. Die Güter all jener, die im Dienst Friedrichs II. standen, wurden unter Sequester gestellt. Bemerkenswert ist eine weitere Bestimmung des Erlasses. Sie betraf den Dienst, sowohl den militärischen als auch den zivilen. Es wurde bestätigt, dass kein Bewohner der Provinz gegen seinen Willen in russische Dienste genommen werde, Freiwilligen der Zugang jedoch offenstehe. Und dies zu einer Zeit, in der die preußische Armee etwa in Sachsen mit äußerster Härte ihre Reihen auffüllte. Dieselbe Liberalität galt auch für die preußischen Beamten, denen es freistand, in der russischen Verwaltung zu dienen oder nicht.
Darüber hinaus widmete der Erlass der Kaiserin einen eigenen Abschnitt der Königsberger Universität, der sämtliche Ausgaben garantiert und volle Lehrfreiheit zugesichert wurde.
All dies veranlasste Fritz Gause später, das Regime der russischen Verwaltung als human zu bewerten: „Die russischen Soldaten hielten gute Disziplin... Für die Bürger gab es kaum Einschränkungen, weder in der Freizügigkeit noch in der wirtschaftlichen Betätigung... Die russischen Behörden beschlagnahmten keine Räumlichkeiten für sich, da in den Ämtern und Kirchen weiterhin preußische Beamte und Pfarrer ihren Dienst versahen... Die Russen brachten der Universität große Achtung entgegen und tasteten die Freiheit der Lehre nicht an...
Russische Offiziere waren gern gesehene Gäste in den Logen und bei den Kaufleuten, sie nahmen an Bällen, Schlittenfahrten und Maskeraden teil. Die Königsberger wagten es, auf der Straße Tabak zu rauchen, und lernten Punsch zu trinken; ihre Sitten wurden freier. Der Rubel war rühriger als der Taler.“51
Fermor, der nun offiziell mit der Verwaltung der Provinz betraut war, bemühte sich, seinen Tätigkeitsbereich zu erweitern und sich auch administrativen und wirtschaftlichen Aufgaben zu widmen. Dafür aber brauchte er eine genauere Vorstellung von der Provinz, ihrem organisatorischen Aufbau, ihrer Einwohnerzahl usw.
In Fermors Auftrag verfasste Oberst Jakowlew eine militärstatistische Beschreibung der Provinz. Die von Jakowlew zusammengetragenen Angaben waren jedoch überwiegend informativer Natur. In seiner Denkschrift hieß es etwa, Preußen baue alle Getreidesorten an und sei reich an Heu und Gemüse. Mangel herrsche in der Provinz an Holz. Zugleich berichtete Jakowlew, das Land sei durch Steuern stark ausgezehrt. Seit Beginn des Siebenjährigen Krieges habe Friedrich II. in Preußen über die gewöhnlichen Abgaben hinaus 600 000 Taler in Form einer Anleihe erhoben. Zum Vergleich: Die Ausgaben Preußens für den Unterhalt der russischen Armee von Januar 1758 bis September 1759 (also für einen vergleichbaren Zeitraum) überstiegen 94 509 Taler nicht52.
Oberst Jakowlew verdanken wir die zuverlässigsten Angaben über die Bevölkerung der Provinz. Ihre Gesamtzahl belief sich auf 521 232 Menschen. Der Anteil der Stadtbevölkerung erreichte 20 Prozent, wobei in Königsberg 40 000 Menschen lebten, während die übrigen Städte durchschnittlich je etwa tausend Einwohner zählten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Bevölkerung in den Kriegsjahren insgesamt abgenommen hatte, denn 1756 und 1757 waren Rekruten für die preußische Armee ausgehoben worden, und ein Teil der Bewohner, vor allem der Grenzgebiete, war nach Polen abgewandert. Hinzu kam, dass ein halbes Jahrhundert zuvor eine verheerende Pest das Land heimgesucht hatte. Bedenkt man außerdem, dass zum Gebiet der Provinz auch Landstriche gehörten, die heute zu Polen und Litauen gehören, so erweist sich die Bevölkerungsdichte insgesamt als sehr gering. Unter solchen Bedingungen war der Krieg für Preußen besonders schwer53.
Erst wesentlich später gewannen die Russen ein klares Bild von der administrativ-territorialen Gliederung der Provinz. Zum Zeitpunkt der Besetzung durch die russischen Truppen bestand sie aus drei Kreisen: Samland, Natangen und Oberland. Die Kreise wiederum gliederten sich in 33 Ämter. 1751 wurden die Ämter auf neun neu gebildete Justizkollegien verteilt. Jeder Kreis besaß drei Justizkollegien. Die Zahl der Ämter in ihnen war unterschiedlich. So unterstand im Kreis Samland dem 1. Memeler Justizkollegium nur ein einziges Hauptamt, Memel, dem 2. Insterburger Justizkollegium drei Hauptämter: Tilsit, Ragnit und Insterburg, dem 3. Neuhausener sechs: Tapiau, Labiau, Schaaken, Neuhausen und Fischhausen usw. Insgesamt zählte die Provinz Preußen zu dieser Zeit einschließlich Königsbergs 63 Städte. Jede Stadt hatte ihren Magistrat und ihr Stadtgericht. Die Provinz besaß eine eigene Regierung, die aus Etatsministern bestand. Neben den gewöhnlichen Provinzangelegenheiten beaufsichtigten die Etatsminister die kirchlichen Einrichtungen, die Universität, die Hospitäler und Waisenhäuser, die Schulen usw. Als höchste Gerichtsinstanz galt das Tribunal. Gegen seine Entscheidungen war keine Berufung zulässig; nur in Ausnahmefällen, wenn eine Sache nicht vor dem Gericht der unteren Instanz (dem Hofgericht), sondern unmittelbar vor dem Tribunal verhandelt worden war, durfte beim königlichen Gericht Berufung eingelegt werden.
Daneben gab es das Königsberger Stadtgericht sowie das Französische Gericht, das sich mit den Angelegenheiten der französischen Siedler befasste und dem französischen Obergericht in Berlin unterstand. Die wirtschaftliche Tätigkeit der Ämter und die Steuererhebung beaufsichtigten zwei Kammern, von denen die eine ihren Sitz in Königsberg, die andere in Gumbinnen hatte.
Zu den Kammern gehörten das Lizentkollegium zur Erhebung der Hafenzölle und das Akzisekollegium zur Erhebung der kleinen Abgaben in den Städten der Provinz. Darüber hinaus leiteten die Regierung und die Magistrate die Tätigkeit einer Reihe weiterer Kommissionen und Departements. So gehörten zur Königsberger Kammer neben den Steuerbehörden auch die Fabrikenverwaltung, die Feuer- und die Polizeiverwaltung54.
Bemerkenswert ist das Verfahren zur Besetzung der Planstellen in den Organen der Provinzial- und Lokalverwaltung. Für die meisten Ämter gab es ein Auswahlverfahren. Wer eine Stelle in einer kirchlichen oder Bildungseinrichtung antreten wollte, musste den Abschluss der theologischen Fakultät nachweisen und vor dem Konsistorium eine entsprechende Prüfung ablegen. Für ein Amt im Justizwesen war eine öffentliche Prüfung am Hofgericht erforderlich. Außerdem war am Tribunal und am Hofgericht die Hälfte der Stellen Personen adliger Herkunft vorbehalten, die andere Hälfte Gelehrten nichtadligen Standes. Direktor eines Justizkollegiums konnte nur ein Adliger werden. Was die militärische Organisation betrifft, so lagen in der Provinz fünf Infanterie-, fünf Dragoner- und zwei Husarenregimenter im Quartier. Außerdem befand sich in Königsberg, Memel und Pillau je ein Garnisonsregiment. Die meisten Regimenter hatten ihre Kantone, aus denen sie ihren Ersatz bezogen. Angaben darüber, welche Regimenter vor dem Krieg wie viel Ersatz erhalten hatten, ließen sich jedoch nicht ermitteln. Die Beamten beider Kammern erklärten, die genaue Zahl hätten nur die Regimentskommandeure gekannt55.
Die Zusammenarbeit mit einer so entwickelten Struktur der Provinzial- und Lokalverwaltung stellte die russischen Gouverneure vor eine schwierige Lage. Am einfachsten wäre es natürlich gewesen, die deutschen Beamten durch russische zu ersetzen, doch dem stand das Sprachproblem entgegen: Wo sollte man so viele Russen mit Deutschkenntnissen finden, um damit 33 Organe der Lokalverwaltung zu besetzen? Eine solche Aufgabe war ihnen allerdings auch gar nicht gestellt worden. Offenbar genügte es, Behörden wie die Regierung, das Lizentkollegium und das Akzisedirektorium sowie die Polizeiverwaltung und die Kommission (die von den Stadtbewohnern das Geld für die Einquartierung der Truppen einzog) „in die eigenen Hände zu nehmen“. Doch von den Leitern der russischen Verwaltung kannten weder Fermor noch Korff den Aufbau der Zivilverwaltung des Landes; damit befasste sich erst Suworow, und eine abschließende Vorstellung gewann man erst unter Panin. Deshalb konnte die Provinz keinen angemessenen Beitrag zu den militärischen Anstrengungen Russlands leisten.
Spricht man von der russischen Verwaltung in Preußen, so ist darauf hinzuweisen, dass viele Autoren in neueren Veröffentlichungen nicht zwischen dem Generalgouverneur und dem einfachen Gouverneur unterscheiden, obwohl beide Ämter hier nebeneinander bestanden.

Zum ersten Generalgouverneur der neuen russischen Provinz wurde Wilhelm Fermor ernannt. Zugleich blieb er Oberbefehlshaber der russischen Armee.
Im März jedoch reiste er an die Weichsel ab, wo die Armee für neue Feldzüge zusammengezogen wurde. Die Verwaltung der Provinz gestaltete sich dadurch schwierig. Deshalb beschloss man, die Verwaltungsaufgaben einem eigenen Gouverneur zu übertragen und diesen dem Oberbefehlshaber (Generalgouverneur) zu unterstellen56. Anfang Mai teilte Fermor allen militärischen Befehlshabern mit, „dass zur Erleichterung meiner Mühen im Generalgouvernement des Königreichs Preußen Generalleutnant Korff bestimmt worden ist, mit einem Gehalt von 500 Rubel im Monat aus den Einkünften Preußens“57.
Augenzeugen berichten, Korff sei für einen so verantwortungsvollen Auftrag „nicht sonderlich befähigt gewesen, und seine Gaben waren so wenig bemerkenswert, dass er … damals nicht nur nicht Russisch zu schreiben verstand, sondern nicht einmal seinen Namen zu unterschreiben, sondern ihn stets auf Deutsch unterzeichnete“58.
In der Instruktion, die Korff in Petersburg erhielt, hieß es, ungeachtet der Eroberung der preußischen Provinz „wollen Wir doch für immer ein Andenken Unserer Großmut und Barmherzigkeit hinterlassen“. Dem neu ernannten Gouverneur wurden die Reiseroute (über Riga und Memel auf kürzestem Weg nach Königsberg) und seine Befugnisse vorgegeben („das Kommando nicht nur über alle Zivilbehörden zu übernehmen, sondern auch über Unsere Truppen, welche die Garnison in Königsberg, Pillau, Memel und Tilsit bilden“). Das Korff ursprünglich bewilligte Gehalt von 500 Rubel monatlich aus den in Preußen erhobenen Einkünften wurde bald erhöht. Korff durfte aus Petersburg sieben „Bedienstete“ mitbringen. Zugleich „empfehlen Wir hiermit aufs Allernachdrücklichste, dass in allen Städten und Orten des Königreichs Preußen gute Ordnung und strenge Disziplin gehalten werde und vor allem überall schnelle Rechtsprechung ohne die geringste Grobheit und Kränkung geschehe; welches alles Wir Eurer Aufsicht und Fürsorge anheimstellen“. Erleichtert wurde Korffs Tätigkeit als Gouverneur dadurch, dass „die Regierung des Königreichs Preußen auf ihren eigenen Rechten eingerichtet ist und von Uns in nichts etwas abgeschafft wurde, sodass Euch nichts weiter obliegt, als darüber zu wachen, dass die Punkte, die Wir Königsberg und dem ganzen Königreich Preußen auf dessen Bitte gewährt haben und die in der beiliegenden Abschrift Unseres Ukas an General Fermor vom 24. Januar dieses Jahres dargelegt sind, unverbrüchlich gewahrt bleiben und dass jede Behörde in der fleißigen Erfüllung ihrer Pflicht nicht nachlasse“59.
Genauere Weisungen sollte ihm der Generalgouverneur von Preußen, W. Fermor, erteilen. Korff brach am 8. Juni nach Königsberg auf und traf dort am 11. Juli 1758 ein, als Fermor Preußen bereits verlassen hatte, da die russische Armee zu dieser Zeit auf dem Kriegsschauplatz tief im Innern Preußens stand. Ohne Korffs Ankunft abzuwarten, hinterließ ihm Fermor eine Liste von Aufgaben, die der Gouverneur in nächster Zeit zu erfüllen hatte. Dazu gehörten: die Steuererhebung (es war 1 Mio. Taler in drei Raten einzutreiben: Die erste Rate war bereits eingebracht, die zweite war bis zum 12. Juli, die dritte bis zum 12. September fällig); der Umbau der Festungsanlagen und ihre Versetzung in „verteidigungsfähigen Zustand“; die Sicherung der Provinzgrenze an der Weichsel durch russische Truppen; die Aufrechterhaltung der Ordnung unter der Bevölkerung der Provinz („obgleich alle den Eid geleistet haben, ist ihnen ob ihrer angeborenen Ergebenheit gegen den König nicht zu trauen, sondern man muss mit wachsamem Auge darauf achten und solche treuen Leute haben, die über Übelgesinnte und Korrespondenzen Meldung machen“).
Ein eigener Punkt betraf die Bernsteingewinnung: „Auf den Bernsteinfang an den Meeresküsten ist gute Aufsicht zu halten, damit große und kostbare Stücke nicht durch irgendeine Arglist verborgen oder außer Landes gebracht werden können“60.
Die Regierung des Gouverneurs Korff war recht liberal. Von der für Kriegszeiten so typischen harten Politik war weder bei der Steuererhebung noch bei der Unterbindung antirussischer Umtriebe einzelner im Dienst verbliebener deutscher Beamter etwas zu spüren. Zugleich führte er ein luxuriöses Leben. Korffs Sekretär A. Bolotow erinnerte sich später: „… er lebte während seines ganzen Aufenthalts in Königsberg geradezu prächtig und glanzvoll, und nicht wie ein Generalleutnant, sondern wie irgendein regierender Fürst … Kleidung, Equipagen, Livree, Pferde, Dienerschaft, Tafel und alles Übrige waren bei ihm auf so prunkvollem und prächtigem Fuße, dass er die Aufmerksamkeit aller preußischen Einwohner auf sich zog; und da er mit der Zeit noch sehr häufige Bewirtungen aller vornehmsten Königsberger Einwohner bei sich hinzufügte und sich bemühte, Vergnügungen aller Art zu bieten, so … erschien sein Rang allen so bedeutend, als wäre er tatsächlich irgendein regierender Herzog und Herrscher …“61
Korff blieb preußischer Gouverneur bis Ende 1760, als er als Generalpolizeimeister nach Sankt Petersburg versetzt wurde.
Fermor und Korff waren ihrer Herkunft nach Deutsche. Wohl damit erklärt sich, dass sie die einheimische Bevölkerung wie Landsleute behandelten. Sie gewährten auch Erleichterungen, oft ungerechtfertigte. Offiziell richteten sie sich nach dem Manifest Elisabeth Petrownas vom 6. März 1758, in dem es hieß: „… geruhen Wir, selbst mitten im Kriege, soweit möglich für das Wohlergehen der an ihrem schlimmen Los unschuldigen Länder Sorge zu tragen, weshalb ihr Handel und Kommerz nicht zu unterbinden, sondern zu schützen und zu fördern ist“62.
Der Handel war das Instrument, mit dem die russische Regierung und die höchsten Vertreter in Preußen die Gunst der einheimischen Bevölkerung zu gewinnen hofften, war ihnen doch bewusst, dass Königsberg in erster Linie eine Handelsstadt war.
Die Initiative russischer Kaufleute, Handelsbeziehungen zu preußischen Negozianten zu knüpfen, wurde nach Kräften gefördert. Die Dokumente haben uns die Namen von Spiridon Falin aus Ostaschkow, Alexej Sboilow aus Welikije Luki, Akinf Antonow aus Toropez und anderen überliefert, die mit ihren Waren auf den hiesigen Markt kamen oder die russische Armee belieferten. (Anders als andere siegreiche Armeen, die sich auf Kosten der Besiegten versorgten, erhielten die russischen Truppen einen Teil des Proviants und anderer notwendiger Güter aus dem Russischen Reich.)
Trotz der Aufrufe der Regierung, den Handel zu entwickeln, blieb sein Umfang jedoch gering, sodass die Kaiserin sich gezwungen sah, am 23. Mai 1758 einen weiteren Ukas zu erlassen: „Viele zögern indessen, ihre Waren und Schiffe in die Länder des Königs von Preußen zu senden. Und darum verkünden Wir hiermit zum zweiten Mal, dass, da Wir uns unablässig um die Ausbreitung eines freien allgemeinen Kommerzes auf der Ostsee bemühen, Wir geruhen, dass dieser nicht allein mit den Ländern des Königs von Preußen von hier und aus anderen Orten ungehindert betrieben werde, sondern dass auch die übrigen Gebiete des Königreichs Preußen … sich seiner bedienen und darin von Unserer Flotte keinerlei Behinderung erfahren mögen“63.
Und die einheimischen Kaufleute? Sie wurden nicht benachteiligt. Im Gegenteil: Bereits ab Januar 1758 gingen die Lieferaufträge für Proviant und Futter an örtliche Kaufleute unter Führung von Adolph Saturgus. Mitunter wurden Beschränkungen für die Getreideausfuhr und den Handel mit Hamburg und Lübeck verhängt. Doch dies war den Kriegsumständen geschuldet.
Eine der schwierigsten Fragen, die die russische Verwaltung zu lösen hatte, betraf die Religionsausübung. In Königsberg selbst lebte eine große Zahl Russen: viele Militärangehörige (ab März 1758 die Infanterieregimenter Asow und Archangelogorod, ein Lazarett, die Kommandantur) sowie Kaufleute.
Dabei gab es in der Stadt 18 Kirchen, davon vierzehn lutherische, drei reformierte und eine römisch-katholische. Orthodoxe Kirchen gab es keine64.
Welchen Ausweg fand man? Man nutzte die Regimentskirchen. Diese Feldkirchen mit ihrem bescheidenen Gerät wurden abwechselnd (die Regimenter wechselten ja) im Königsberger Schloss aufgestellt und galten als Garnisonkirche. Auch in Pillau, wo die Garnison aus einem Bataillon zunächst des Infanterieregiments Perm, später der Infanterieregimenter Troizk und Sibirien bestand, gab es keine orthodoxe Kirche. In dieser Lage wandte sich Gouverneur Korff an die Kaiserin mit der Bitte, „nach Königsberg, Pillau und Memel je eine Kirche mit dem gehörigen Kirchengerät zu senden“. Im April 1759 erhielt der russische Synod die allerhöchste Weisung, „in Königsberg, Pillau und Memel geeignete Häuser oder die dortigen öffentlichen Kirchen herzurichten“, und am 20. Juli 1760 (!) meldete Archimandrit Jefrem seine Ankunft in Königsberg und bat um Anweisungen zur Bereitstellung geeigneter Gebäude für Kirchen. Korff schlug in der Hauptstadt Preußens sechs Räumlichkeiten vor, darunter den Moskowitersaal im Schloss über der lutherischen Kirche; das Königliche Haus in der Straße, „die in Richtung Gumbinnen führt“ (die frühere Königstraße, heute Frunse-Straße); die lutherisch-katholische Kirche, „die polnische genannt“, am Steindamm … Die Geistlichen wählten die Kirche, die heute eher als Steindammer Kirche bekannt ist. Sie war eine der ältesten Kirchen Königsbergs und schon seit 1256 bezeugt. Seit 1526 wurde sie von polnischen und litauischen Gemeindemitgliedern genutzt. Davon berichtet auch Korff: „… als das Bessere und Schicklichere erwählten sie eben jene Kirche, die in Königsberg als erste erbaut wurde und Nikolaikirche heißt …“. Am 4. September 1760 wurde die Kirche feierlich und unter großem Zulauf der einheimischen Bevölkerung geweiht. Vieles deutete darauf hin, dass die Königsberger den Bräuchen und Traditionen der Russen mit Interesse begegneten: Jedes russische Fest lockte Menschenmengen an. Und nach der Weihe der Kirche, als die Göttliche Liturgie und eine „überaus treffliche Predigt“ folgten, … „sah das Volk während der ganzen Zeit, die von zehn Uhr vormittags bis ein Uhr nachmittags dauerte, alles mit äußerstem Staunen an; am meisten verwunderte es die Pracht der kirchlichen Ausschmückung und Ausstattung samt den Kirchengesängen“65.

Die handelnden Personen
Die russische Kaiserin Katharina II. (oben)
General en chef Baron Nikolai Andrejewitsch Korff
Generalfeldmarschall Graf Pjotr Semjonowitsch Saltykow (rechts)
General en chef Pjotr Iwanowitsch Panin (unten links)
Generalleutnant Wassili Iwanowitsch Suworow (unten rechts)

…In Europa tobte der Krieg. Nach Preußen drang davon nur ein schwacher Widerhall. Russland hingegen war unmittelbar am Krieg beteiligt und bekam all seine Lasten zu spüren. Wirtschaft und Finanzen zehrten sich auf. In der russischen Öffentlichkeit regte sich immer lauter Unmut darüber, dass die neue Provinz praktisch keinerlei Verpflichtungen zur Unterstützung der Armee trug.
Mehr noch: Solange die russische Regierung offenbar an der Vorstellung festhielt, die eroberte preußische Provinz nach Kriegsende gegen Kurland einzutauschen, war ihr die Lage in dieser Provinz, die keine unvorhergesehenen Sorgen bereitete, durchaus recht. Die „Ruhe und Eintracht“ im Verhältnis zwischen Bevölkerung und russischer Obrigkeit war allen willkommen. „Wir standen fest in Ostpreußen; seine alte Hauptstadt Königsberg war in eine russische Gouvernementsstadt verwandelt worden, die russische Gesellschaft vergnügte sich dort sorglos, und russische Generalgouverneure regierten friedlich über alle eroberten Gebiete.
In Königsberg erschien eine russische geistliche Mission mit einem Archimandriten an der Spitze; es wurde russische Münze geprägt, und schließlich wurden alle Bewohner des unterworfenen Landes auf die Untertanenschaft der russischen Kaiserin vereidigt“ – so lautet eine knappe Zusammenfassung der Lage, die sich damals in Königsberg herausgebildet hatte und deren Nachwirkung in der russischen Gesellschaft noch hundert Jahre nach den geschilderten Ereignissen zu spüren war66.
Unter diesen Umständen reifte in St. Petersburg ganz folgerichtig der Gedanke, die preußische Provinz vollständig an Russland anzugliedern. Gewiss, die Provinz war von russischen Truppen besetzt, sie wurde von einem russischen Gouverneur verwaltet, und russische Gesetze fanden dort immer weitere Verbreitung. Aus völkerrechtlicher Sicht war sie jedoch noch kein rechtmäßiger russischer Besitz. Dazu bedurfte es der internationalen Anerkennung. Russland führte den Krieg im Bündnis mit mehreren europäischen Staaten, und deren Zustimmung zu einem solchen Schritt war naturgemäß zuallererst erforderlich. Am 30. April 1760 bestätigte Kaiserin Elisabeth Petrowna eigenhändig den von Kanzler M. L. Woronzow ausgearbeiteten Entwurf zur Angliederung Preußens an Russland. Einige Zeit später wurde er als russischer Vorschlag den Gesandten Graf Esterházy (Österreich) und Marquis de L’Hôpital (Frankreich) überreicht67.
In der Promemoria hieß es, dass gemäß den früheren Vereinbarungen und dem neuen Bündnisvertrag zwischen Österreich und Frankreich vom 30. Dezember 1759 die meisten der auf die eine oder andere Weise am Krieg beteiligten Staaten „Vergeltung“ erhalten würden. Dazu zählten Österreich und Frankreich, Sachsen und sogar „der dänische Hof, fast allein für seine Neutralität“. Die russische Seite war jedoch der Ansicht, dass in diesen Vereinbarungen nicht alle Umstände berücksichtigt seien – insbesondere jene, die Russland betrafen. Wenn etwa der Krieg zu Ende ginge und alle an Preußen grenzenden Verbündeten Russlands zum friedlichen Leben zurückkehrten, „werden Ihre Majestät (Kaiserin Elisabeth Petrowna. – G. K.) sich auch dann noch in großen Schwierigkeiten befinden, auf welche Weise die so weit fortgeführte Armee zurückzubringen und die mit unzähligem Aufwand in Preußen errichteten Magazine sowie die dorthin geschaffte Artillerie zu erhalten seien“. Außerdem trügen die genannten Abkommen nach Auffassung Russlands nicht dazu bei, die Angriffslust Preußens einzudämmen. Mit Blick auf diese und eine ganze Reihe weiterer Umstände schlug Elisabeth Petrowna „der Kaiserin-Königin Maria Theresia und dem König Ludwig XV.“ vor, dass – nicht als Entschädigung für die Russland durch den Krieg entstandenen Verluste, sondern in Anerkennung des russischen Beitrags zur europäischen Sicherheit durch die „Bändigung des Ruhestörers“ – auf der Friedenskonferenz nach dem Krieg „das ‚Königreich Preußen‘ (gemeint ist die Provinz Preußen. – G. K.) … abgetreten werde“. Zumal die Provinz „durch die Waffen Ihrer Kaiserlichen Majestät tatsächlich erobert ist und deren Bewohner Ihrer Kaiserlichen Majestät freiwillig den Treueid geleistet haben“. Diese Provinz sei „allein dem Namen nach als Königreich klangvoll, an sich aber ein weit geringfügigerer Erwerb … zum Beweis genügt es, dass es nicht zum Römischen Reich gehört, dass nicht immer das Haus Brandenburg es besessen hat, dass man zu seiner Eroberung keinen neuen Krieg anzufangen braucht – es ist bereits erobert“. Die russische Kaiserin war der Meinung, dass sie auf diese Weise „würdig und gerecht eine ansehnliche Genugtuung erhalten“ werde. Die Verbündeten sollten lediglich Friedrich II. dazu bringen, „ihr gänzlich zu entsagen“, und „dafür ihre Garantie“ geben68.
Die Verhandlungen zwischen den verbündeten Mächten zogen sich jedoch in die Länge. Dann starb Elisabeth Petrowna, und Russland wurde aus einem Todfeind zum großmütigsten Freund Preußens und Friedrichs II. Die Promemoria geriet schlicht in Vergessenheit.
„Die Einnahme Berlins am 28. September 1760“ (Alexander von Kotzebue, 1849).
Zugleich besaß Russland bis zum Seitenwechsel im Krieg 1762 noch die preußische Provinz, und so gelangte man in St. Petersburg zu dem Schluss: Wenn ihre endgültige Angliederung an Russland möglich sei, dann solle Preußen schon jetzt die Lasten des Krieges gleichermaßen wie alle anderen russischen Provinzen tragen. Die amtierende Führung der Provinz war zu einem solchen Kurswechsel jedoch nicht imstande, und so entsandte die russische Regierung Ende 1760 als Nachfolger Korffs W. I. Suworow, der am 5. Januar 1761 das Amt des Gouverneurs antrat69
Der Vater des späteren Generalissimus war in Militärkreisen ein einflussreicher Mann und gehörte dem Kriegskollegium an. Um die Lebensmittelversorgung der Feldarmee zu verbessern, wurde W. I. Suworow am 20. April 1760 zum Generalproviantmeister ernannt. Die Feldproviantverwaltung befand sich damals in Königsberg. In jenen Jahren hielten sich in der Stadt viele russische Militärs und Zivilbeamte auf. Das Erscheinen eines weiteren Beamten war also nichts Ungewöhnliches. Als Erste bekam die einheimische Bevölkerung seine Anwesenheit zu spüren. Unter unmittelbarer Mitwirkung W. I. Suworows begann man, ständige Transporte zur Proviantzufuhr einzurichten; es wurde ein Fuhrpark aufgebaut, dessen Unterhalt der Bevölkerung auferlegt wurde. All dies geschah planmäßig und wurde durch Zahlungen aus der Staatskasse bestritten70.
Ein positives Echo in der Bevölkerung fand die Tätigkeit des neuen Gouverneurs bei der Wiederherstellung der Schutzanlagen im Gebiet von Labiau. Ein schwerer Sturm im Januar 1761 hatte die Uferdeiche zerstört und Brücken weggerissen. Infolgedessen standen siebzig Dörfer unter Wasser. An den Ort der Naturkatastrophe wurde Hauptmann Alexander Obreskow vom Perm-Regiment entsandt, um die Wiederaufbauarbeiten zu organisieren. Der Gouverneur überwachte persönlich, wie die Beseitigung der Sturmschäden voranging, und verlangte von Obreskow wöchentliche Berichte: wo etwas gemacht worden war, wie und wie viele Fuhrwerke im Einsatz gewesen waren. Erhalten ist sein Brief an den Hauptmann: „Drei Ihrer Rapporte habe ich erhalten. Behalten Sie Leutnant Karelin zu Ihrer Unterstützung. Zu Recht machen Sie den Amtmännern Hoffnung auf eine Verringerung der Ausbesserungskosten. Dienen Sie der Staatskasse. Die Gumbinner Kammer ist angewiesen, dass die Amtmänner denjenigen, die sich zur Arbeit melden wollen, keine Hindernisse bereiten“71.
Aufschlussreich ist Obreskows Bericht über die ausgeführten Arbeiten. Die dringlichsten waren bis November 1761 abgeschlossen, andere liefen noch 1762 weiter, bis der neue Gouverneur Panin sie im Frühjahr einstellen ließ. Darin ist nach Monaten und Tagen verzeichnet, wie viele Leute mit und ohne Fuhrwerk im Einsatz waren, wie viel Erde bewegt und wie viel Tageslohn gezahlt wurde. Vermerkt sind die Sonntage, die Tage mit Unwetter und die lutherischen Feiertage, an denen nicht gearbeitet wurde. Aufgeführt sind auch der Materialverbrauch und dessen Kosten, selbst für Papier und Tinte: vier Taler. Und das Ergebnis: Die Ausgaben beliefen sich auf 6295 Taler 56 Groschen, gegenüber der Planung wurden rund 35 Prozent eingespart. Zum Abschluss folgt Suworows Dank: „...kann nicht umhin, Ihnen für solche Ihre Fürsorge und Bemühung um die Wahrung der Interessen Lob auszusprechen und Sie meines Wohlgefallens zu versichern“72.
Es war allgemein bekannt, dass sich viele Ingenieurbauten Preußens in recht baufälligem Zustand befanden. Die russische Führung versuchte zu Beginn ihrer Herrschaft, sie wieder instand zu setzen.
Wegen fehlender Mittel ordnete Kaiserin Elisabeth Petrowna jedoch 1759 an, diese Arbeiten vorläufig einzustellen73. Bald zeigte sich, dass der Baustopp ein Fehler gewesen war. Besonders bedrohlich wurde die Lage in Pillau.
Die Festung selbst war für die damalige Zeit eine recht bedeutende Befestigungsanlage. Sie besaß fünf Bastionen und war durch Ravelins, einen Wassergraben und einen vorgelagerten Hilfswall, die Contregarde, verstärkt. Innerhalb der Festung gab es Pulvermagazine, ein Kornmagazin (Speicher) und ein Arsenal. Auch für die Unterbringung der Garnison war alles Nötige vorhanden, vom Haus des Kommandanten über die Kirche bis zu den Mannschaftsquartieren. Die Festungswerke spielten auch in Friedenszeiten eine wichtige Rolle. In ihrem Schutz lag die „Vorstadt“ mit den Einrichtungen, die eine Grenzstadt brauchte: die „Zollwache“, der „staatliche Posthof“ und die städtischen Lagerhäuser. Der „Kanal zum Festmachen der Schiffe“ diente zum Be- und Entladen. Seine Einfahrt war durch ein eigenes Verteidigungswerk gesichert. Nach Ansicht der russischen Militärführung konnte die Festung Pillau im fortdauernden Krieg im Bedarfsfall eine wichtige Rolle spielen. Vor allem lag sie näher am Kriegsschauplatz als etwa die Memeler Festung. Außerdem hatte sie eine direkte Wasserverbindung zur Hauptstadt der Provinz. Daher widmete ihr die russische Verwaltung naturgemäß besondere Aufmerksamkeit.
Im Sommer 1758 erließ Gouverneur Korff eine schriftliche Anweisung „Über die Ausbesserung des Hafens in Pillau“. Die Arbeiten wurden von der örtlichen Bevölkerung unter Leitung russischer Ingenieure ausgeführt und aus Mitteln des Gouvernements finanziert74.
Am 15. April 1760 meldete der Festungskommandant, Oberst Chomutow, dem Gouverneur, „dass die steinernen und hölzernen Bauten der Festung an vielen Stellen sehr verfallen sind“, und bat, zur entsprechenden Besichtigung einen Ingenieuroffizier zu schicken.
Im Juni desselben Jahres erhielt Korff ein weiteres Hilfegesuch, „denn die Brücke vor dem Ravelin ist in äußerste Baufälligkeit geraten“. Werde sie nicht instand gesetzt, so „wird die ganze Verbindung zwischen Festung und Vorstadt abreißen“. Der Festungskommandant bat, Fachleute zu entsenden und Geld für die Reparatur bereitzustellen; die nötigen Baustoffe wollte er vor Ort beschaffen75.
Korff wagte es zu diesem Zeitpunkt nicht, den Erlass der Kaiserin zu missachten, obwohl die Umstände ein Eingreifen erforderten. Er wandte sich an seinen unmittelbaren Vorgesetzten, Generalgouverneur W. Fermor. Im November 1760 ging dann ein Gesuch nach St. Petersburg an die Konferenz: Für die Instandsetzung der Festungen Pillau und Memel wurden 49 091 Rubel 45 Kopeken benötigt. In der Königsberger Kasse war das Geld vorhanden, es fehlte nur die Erlaubnis, es auszugeben. Während die Konferenz noch beriet, ging am 27. Dezember ein Bericht an den Oberbefehlshaber der russischen Armee, Generalfeldmarschall A. Buturlin: Werde die „Ausbesserung“ nicht vorgenommen, würden die Winterstürme noch größeren Schaden anrichten. Auch hier gab es einen konkreten Vorschlag: Bis zum Eintreffen einer Antwort der Konferenz bat man um die Erlaubnis, den Einwohnern von Pillau für die geleisteten Arbeiten wenigstens 15 Groschen für einen gewöhnlichen und 12 für einen kurzen Tag zu zahlen. Eine rasche Antwort kam jedoch von keiner Seite. Niemand wollte die Verantwortung übernehmen76.
Erst am 11. Februar 1761 schickte Buturlin dem neuen Gouverneur eine Antwort. Darin wurde angeordnet, keine neuen Bauten zu errichten und die alten wiederherzustellen, jedoch nur mit Zustimmung der Hauptkanzlei für Artillerie und Fortifikation in St. Petersburg. Im Grunde wich Buturlin damit einer klaren Entscheidung aus. Deshalb wandte sich Suworow, ein beharrlicher Mann mit wirtschaftlichem Geschick, am 1. März erneut an den Oberbefehlshaber. Er erinnerte daran, dass „von der Festung nicht wenig abgebrochen“ sei, und schilderte eine bedrohliche Lage: „Der Pillauer Festung droht von den beschädigten Stellen eine sehr große Gefahr, denn durch die anhaltenden starken und außerordentlichen Winde ist das Bollwerk (befestigter Uferabschnitt. – G. K.) entlang des Glacis (flache Aufschüttung vor dem äußeren Festungsgraben. – G. K.) so verdorben, dass die Erde an der Außenseite fast zwei Saschen tief abgestürzt ist, und wenn nicht in kürzester Zeit die zur Ausbesserung nötigen Vorkehrungen getroffen werden, so wird sich das Meer ohne Zweifel mit dem Festungsgraben vereinigen, wodurch auch die Stadt von der Festung abgeschnitten werden könnte.“ Auf eigene Gefahr und unter Missachtung des kaiserlichen Verbots ließ Suworow die Arbeiten rasch beginnen. Schon am 12. März 1761 meldete er dem Oberbefehlshaber der russischen Armee Buturlin, „dass viele der beschädigten Stellen bereits in ihren früheren, besseren Zustand gebracht sind“77.

Im Pillau der Vorkriegszeit trug diese Stelle den Namen „Russische Damm“; im heutigen Baltijsk hat sich die Bezeichnung als „Russkaja damba“ (Russischer Damm) erhalten.
Das vielleicht bedeutendste Vorhaben in W. I. Suworows Amtszeit als Gouverneur war jedoch die Neuverpachtung der Ämter.
In Preußen galt die Regelung, dass Ländereien samt den darauf liegenden Dörfern für eine bestimmte Frist verpachtet wurden. Nach deren Ablauf wurde die Pacht durch einen neuen Vertrag verlängert. Im Laufe vieler Jahre war dies jedoch zur bloßen Formsache geworden. Die Pächter, die Amtmänner, besaßen ihre Güter faktisch auf Dauer78.
Suworow bat den Senat um die Erlaubnis, neue Verträge im Wege der Ausschreibung abzuschließen. Um höhere Einnahmen aus den Ämtern zu erzielen, schlug er vor, das Land dort, wo die bisherige Pachtfrist abgelaufen war, an jeden Einwohner zu verpachten, der am meisten bot. Damit waren zusätzliche Einnahmen gesichert. So wurden etwa für das Amt Friedrichsberg laut Vertrag jährlich 2 037 Taler 24 Groschen 4 Pfennig gezahlt. Bei der Versteigerung ging das Amt an einen Bürger aus Tapiau, der 400 Taler im Jahr mehr bot. Suworows Vorgehen wurde unterschiedlich beurteilt. Der Senat billigte es. Die alten Amtmänner konnten nicht mithalten. Es kam zu Beschwerden. Die Lage war zwiespältig. Einerseits blieben die wahren Landwirte außen vor, und die Ämter gingen oft an Zufallspächter ohne Kenntnisse und Erfahrung in der Landwirtschaft. Andererseits stiegen die Einnahmen der Staatskasse. Der Gouverneur sah, dass sie noch höher ausfallen könnten, und wollte sein Vorhaben trotz des Unmuts der Amtmänner im folgenden Jahr fortsetzen. Doch dazu kam er nicht mehr...79
W. I. Suworow stand wie die anderen Gouverneure dem Hof nahe und war über alle Vorgänge in den rivalisierenden politischen Lagern im Bilde. Als Zögling Peters I. war er ein Anhänger von dessen Tochter Elisabeth Petrowna. Als er jedoch spürte, dass ihre Herrschaft zu Ende ging, wechselte er ins Lager der Großfürstin Katharina Alexejewna, der künftigen Kaiserin. Dafür musste er büßen: Gleich nach der Thronbesteigung Peters III. wurde er als Gouverneur abgesetzt und nach St. Petersburg zurückbeordert. Ihm drohte die Verbannung, getarnt als Ernennung zum Gouverneur von Tobolsk. Suworow ging jedoch nicht nach Sibirien und beteiligte sich sogar am Sturz Peters III.80
Genau ein Jahr dauerte Suworows Gouverneurszeit in Preußen. Viel konnte er in dieser Zeit nicht bewirken, doch er befasste sich mit allem gewissenhaft und gründlich. Die Zahl der verschwenderischen Bälle und Maskeraden schränkte er ein. Die Mittagstafeln im Schloss für die zahlreichen Beamten hörten auf.
Der Gouverneur „war während seiner Verwaltung allzu eifrig auf den Nutzen des Staates bedacht und den Preußen nicht so gewogen wie sein Vorgänger, sondern unternahm bisweilen Dinge, die ihnen nicht ganz angenehm waren“81. Die Lage in der Provinz veränderte sich. Steuerlasten und Abgaben wurden erhöht; man begann, Rekrutengelder einzuziehen und die heimischen Wälder zu nutzen.
Dann aber kam es in Russland zu einem Machtwechsel. Fast zeitgleich mit dem Höhepunkt des Krieges zwischen Preußen und Russland, der Einnahme der Festung Kolberg durch General Rumjanzew im Dezember 1761, die Friedrichs II. baldige Niederlage und das Ende des Krieges ankündigte, starb Kaiserin Elisabeth, und Peter III. bestieg den Thron.
Als Anhänger Friedrichs II. entsandte Peter III. noch am selben Tag seinen Gesandten Andrei Gudowitsch zu ihm, einen Germanophilen, der kurz zuvor in Königsberg, Halle und Leipzig studiert hatte82. Er sollte die Thronbesteigung anzeigen und die Absicht übermitteln, mit Preußen ewige Freundschaft zu schließen. Russische Historiker sind der Ansicht, dass Peter III. diese Absichten bereits im ersten Vertrag vom 24. April 1762 verwirklichte, mit dem Friedrich II. bedingungslos alle von russischen Truppen besetzten Gebiete überlassen wurden83.
Nach Ansicht von A. Mylnikow lassen sich im Vorgehen Peters III. bei der Rückgabe der von der russischen Armee besetzten preußischen Gebiete Momente finden, die es, wenn schon nicht rechtfertigen, so doch erklären. Die preußenfreundliche Gesinnung des russischen Zaren sei zudem nicht grenzenlos gewesen84. Der russischen Öffentlichkeit jener Zeit (und auch der heutigen) erschien das Handeln Peters III. jedoch merkwürdig, ja an Verrat grenzend. Denn nach der Einnahme Kolbergs durch die russischen Truppen bedrohte der Krieg bereits die Lebenszentren des Königreichs Preußen, und Friedrich II. war bereit, auf seine östliche Provinz zu verzichten. In seinen Instruktionen an seinen Gesandten Goltz für die Friedensverhandlungen mit Russland schrieb er: „Sie (die Russen) werden anbieten, ihre Truppen hinter die Weichsel zurückzuziehen und uns Pommern zurückzugeben, aber Preußen werden sie entweder für immer oder bis zum Abschluss eines allgemeinen Friedens behalten wollen. Dem Letzteren stimmen Sie zu; wollen sie Preußen jedoch für immer behalten, so sollen sie mich auf andere Weise entschädigen...“85.
Das Handeln des russischen Zaren war für den König die Rettung. Geradezu unglaublich erscheint der Entschluss Peters III., eines der besten Korps der russischen Armee auf die Seite Friedrichs II. übertreten zu lassen, wenn auch ohne Beteiligung an Kampfhandlungen.
Anfang 1762 sondierte Preußen intensiv und nicht ohne Erfolg die Möglichkeit eines Separatfriedens mit Österreich. Frankreich zeigte sich gegenüber England zunehmend friedensbereit. Die Geschlossenheit der Verbündeten hatte deutliche Risse bekommen. Für Russland bestand damit zweifellos die ernste Gefahr, international isoliert zu werden. Friedrich II. erkannte, wie heikel die Lage für Russland war, und setzte alles daran, sich den so unverhofft gewonnenen Verbündeten zu erhalten. Daher erhielt Peter III. vom König die Zusicherung umfassender Unterstützung, bis hin zu militärischer Hilfe, bei der Befreiung seines Heimatlandes Schleswig von der dänischen Besatzung. Ferner versprach Friedrich, die Wahl von Prinz Georg Ludwig von Holstein, einem Onkel des Kaisers, anstelle E. Birons zum Herzog von Kurland zu unterstützen und ebenso die Wahl eines Russland freundlich gesinnten Königs auf den polnischen Thron86.
Ungeachtet der eindeutig negativen Bewertung des Vorgehens Peters III. durch russische Historiker gibt es dennoch Umstände, die bei der Erforschung dieser Zeit nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Mehr noch: Sie wirkten sich in der einen oder anderen Weise auch auf die Entwicklung der Lage in der preußischen Provinz aus.
So wurde am 5. Mai 1762 zwischen Russland und Preußen ein Friedensvertrag geschlossen, nach dem die östliche Provinz an Friedrich II. zurückgegeben werden sollte. Am 14. Mai unterzeichnete Peter III. jedoch einen Ukas an das Admiralitätskollegium, in dem es hieß, wegen der „in Europa fortdauernden Unruhen kann unsere Armee aus ihren jetzigen Standorten nicht bald zurückgeführt werden, sondern ist vielmehr genötigt, die für sie angelegten Magazine von hier aus unverzüglich aufzufüllen“ (darunter auch die in Pillau und Königsberg). Dementsprechend wurde befohlen, das Kronstädter Geschwader zum Auslaufen bereitzumachen („jedoch bis zu Unserem Ukas nicht abzusenden“). Das Revaler Geschwader unter dem Kommando von Konteradmiral G. A. Spiridow sollte dagegen so schnell wie möglich entsandt werden, um „vom Rigaer bis zum Stettiner Meerbusen zu kreuzen und die Transportschiffe zu decken“87.
All diese Einzelheiten waren der Bevölkerung Preußens nicht bekannt, doch ein gewisser Widerhall des Petersburger Schwankens mochte bis zur militärischen Führung der Provinz durchdringen. Die Einheimischen wussten um die Sympathien Peters III. für Friedrich II. und hatten die Erleichterungen erfahren, die der russische Zar Preußen in der Steuerpolitik gewährte, ebenso andere Gesten des Entgegenkommens. So waren sie nun endgültig überzeugt, dass die Provinz bald unter die Herrschaft des Königs zurückkehren werde. Zumal eine Frist festgesetzt worden war: zwei Monate nach der Unterzeichnung des Vertrags vom 5. Mai 1762.
Dann sollte Preußen unter die Hoheit Friedrichs II. übergehen. Dieses Datum wurde allgemein bekannt, doch die offizielle Mitteilung über den Friedensvertrag durfte erst nach seiner Ratifizierung im Druck erscheinen.
Die handelnden Personen
Der russische Kaiser Peter III. (links)
Generalfeldzeugmeister Fürst Grigori Grigorjewitsch Orlow
Der russische Gouverneur P. I. Panin musste sich somit auf die Übergabe der Macht in der Provinz vorbereiten, während sein Nachfolger F. M. Wojeikow darüber nachzudenken hatte, wie die russische Herrschaft hier gefestigt werden könnte.
P. I. Panin wurde am Vorabend des Weihnachtsfestes, am 6. Januar 1762, zum Gouverneur ernannt88. Seine Amtszeit in Königsberg war kurz, aber außerordentlich schwierig, denn er hatte die Rückgabe der von der russischen Armee im Krieg besetzten Gebiete an den preußischen König Friedrich II. vorzubereiten. Der kampferprobte General besaß keine Erfahrung in der Verwaltung, verstand es aber dennoch, das Wesentliche zu erkennen, nämlich das, was für einen erfolgreichen Abzug der Truppen aus Preußen geregelt werden musste. Die ganze Last der Vorbereitungen, vor allem für die Machtübergabe, lag auf seinen Schultern. Er war, und zwar mit gutem Grund, der Auffassung, dass alle Maßnahmen zum Machtwechsel auf einer gesetzlichen Grundlage beginnen müssten und nicht eigenmächtig: „Da aber jede Ausführung dieses Vertrags ihren Anfang mit der Bekanntmachung und Veröffentlichung des geschlossenen Friedens nimmt...“ Anders als die Einheimischen, die von der Unterzeichnung des Vertrags verhältnismäßig schnell erfahren hatten, erhielt Panin jedoch lange Zeit keinerlei offizielle Information zu dieser Frage. Auch eine Anfrage auf dem Dienstweg brachte keine Klarheit. Der Oberbefehlshaber der russischen Armee P. S. Saltykow konnte ihm auf seine Anfrage nichts Bestimmtes mitteilen. „Eine Abschrift über den Frieden habe ich nur zur Kenntnisnahme“, eine Erlaubnis zur Veröffentlichung gab es nicht89.
Am 31. Mai erhielt Panin endlich die Nachricht vom Frieden und von den ihm übertragenen Pflichten zur „Übergabe des Königreichs an die Preußen“. Daraufhin wandte er sich an den Kaiser selbst mit der Bitte, einige „Punkte“ zu klären. Er fragte, was mit der Artillerie, der Munition und den Waffen geschehen solle (im Vertrag war nur von der Übergabe der Städte, Ländereien und Festungen die Rede). Sollten sie abtransportiert oder übergeben werden?
In der Kasse befand sich Bargeld, es gab noch Salzvorräte, in Königsberg wurde russische Münze geprägt, und in der Münzstätte lagerten 1000 Pud Kupfer (Verkaufspreis 10 Rubel je Pud). Außerdem waren Vorräte an Mehl (4813 Tschetwert), Hafer (28.288) und Gerste (1431) vorhanden. Wohin mit diesen Vorräten? Was sollte mit den Kranken und Verwundeten geschehen (in Königsberg 833, in Pillau 255, in Memel 198, insgesamt 2154 Mann)? Der Gouverneur verlangte Anweisungen, wohin die russischen Kirchen und ihr Gerät gebracht und wohin die Beamten und die Akten geschickt werden sollten.
Unterdessen verzögerte sich die Veröffentlichung des Friedensvertrags in Königsberg, und die Vertreter des preußischen Königs begannen, ohne offizielle Anweisungen abzuwarten, ihre Forderungen zu stellen.
Besonders rührig zeigte sich der Präsident der Gumbinner Kammer, Domhardt, der auf Beschluss Friedrichs II. vorübergehend die wirtschaftliche Tätigkeit beider Kammern leitete. Am 4. Juli richtete er an Panin eine im Ton scharfe Eingabe, in der er mitteilte, dass er die volle Gewalt übernehme, und eine Klärung verlangte, wie die Übergabe der Geschäfte vor sich gehen solle. Domhardt schrieb, ein feierlicher Friedensschluss habe bis heute nicht stattgefunden und werde auch morgen nicht stattfinden, obwohl die Russen auf Nachricht aus Petersburg warteten. Deshalb „fragen wir vorläufig an, wie Sie die Übergabe der Stadt zu vollziehen geruhen?“ Die übrigen Punkte waren schlichtweg im Befehlston gehalten: „Dass morgen früh die Festung Friedrichsburg dem preußischen Kommandanten Oberst von Heydeck mit allem zugehörigen Bedarf übergeben werde. 3. Dass an allen staatlichen Stellen, in der Stadt wie an den Toren, die Soldaten abgelöst und an ihrer Stelle morgen früh Wachen vom Magistrat aufgestellt werden... 4. Dass die bisher in Memel und Pillau eingesetzten Kommandanten gleichermaßen abgelöst und die dortigen Festungen mit dem zugehörigen Bedarf preußischen Offizieren übergeben werden“90.
Panin musste auf die Sympathien Peters III. für Friedrich II. Rücksicht nehmen, womit die preußischen Behörden rechneten; die Ordnung in der Provinz und die Sicherheit der in den preußischen Städten stationierten russischen Truppen durfte er jedoch nicht preisgeben. Daher fielen sowohl seine Antwort als auch sein Vorgehen besonnen aus. Panin teilte mit, dass „vom morgigen Tage an die Regierung, die Kammerjustiz, die Polizei und andere Stellen dem hiesigen Kollegium und Departement übergeben werden“. Zugleich wurde eine Reihe von Forderungen Domhardts abgelehnt. So hieß es, in der Festung Friedrichsburg befinde sich viel Munition, „die einer bürgerlichen Wache nicht anvertraut werden kann“. Panin wies den Kommandanten von Königsberg, Oberst Reinsdorp, sowie die Kommandanten von Memel und Pillau an, die Wachen „an den Staatsgebäuden und Stadttoren“ durch die Magistratswache (Stadtwache) ablösen zu lassen.
Am 7. Juli übergab Panin sein Amt an den zu seinem Nachfolger ernannten F. M. Wojeikow91. Panin selbst erhielt den Befehl, sich zu den Truppen zu begeben, die sich nach dem Plan Peters III. auf einen Krieg mit Dänemark um das holsteinische Erbe vorbereiten sollten.
Der Krieg fand jedoch nicht statt, und die an die Macht gelangte Katharina verlieh Panin den Rang eines Generals en chef und betraute ihn mit einer wichtigen Aufgabe: „In Kenntnis Eures Eifers und Eurer Ergebenheit Uns gegenüber ernennen Wir Euch allergnädigst zum Vollgeneral und befehlen Euch, das unter dem Kommando des Generals Rumjanzew stehende Korps unter Euer volles Kommando zu nehmen und mit diesem nach Erhalt dieses Schreibens unverzüglich nach Russland zurückzukehren“92. Wojeikow wurde der Amtsantritt dadurch erleichtert, dass am 7. Juli aus Sankt Petersburg eine Depesche mit Antworten auf Panins Anfragen zum Verfahren der Übergabe der Provinz eintraf. Diese Antworten ließen dem Gouverneur einen gewissen Handlungsspielraum. Empfohlen wurde, die in den russischen Lagern vorhandenen Vorräte an Salz und Kupfer zu den üblichen Preisen zu verkaufen. Vom Erlös konnten die kranken und verwundeten russischen Soldaten unterhalten werden, die in deutschen Lazaretten lagen. Artillerie, Munition und Waffen waren ordnungsgemäß zu verwahren und niemandem unter irgendeinem Vorwand zu übergeben. Mehr noch, die russischen Wachen sollten bestehen bleiben: „Unsere Garnisonen sollen, wenngleich sie durch königliche abgelöst werden, dennoch bis zu Unserem Erlass dort verbleiben.“ Die wichtigste Antwort stand in Punkt 13: „Betreffend den Abschluss eines ewigen Friedens zwischen Uns und Seiner Majestät dem König von Preußen befehlen Wir allerhöchst, dass Ihr dies in diesem Königreich durch Bekanntmachung des Friedenstraktats veröffentlicht und dadurch die Einwohner dieses Königreichs jeglichen Standes ... von dem ... Uns geleisteten Untertaneneid für frei erklärt.“ Damit erhielt Wojeikow die rechtliche Befugnis, die Provinz an die neuen Machthaber zu übergeben93.
Am 8. Juli veröffentlichte Wojeikow eine Proklamation, mit der die Bevölkerung von dem Treueid auf Russland entbunden wurde, den die Einwohner der Provinz am 24. Januar 1758 geleistet hatten.
Am selben Tag kam es in Russland zu einem Umsturz, und Katharina II. gelangte an die Macht. Unverzüglich wurde aus Sankt Petersburg ein Kurier zur Feldarmee entsandt, der dem Oberbefehlshaber, Generalfeldmarschall P. S. Saltykow, den Erlass über die Thronbesteigung der neuen Kaiserin überbringen sollte. Der Weg des Kuriers, des Gardeoffiziers Koromyschew, führte über Königsberg, wo er etwa am 13. oder 14. Juli eintraf. Obwohl der Erlass geheim war, berichtete der Kurier Wojeikow mündlich von den Ereignissen in Sankt Petersburg. Die offizielle Nachricht von der Thronbesteigung Katharinas II. ging vom Oberbefehlshaber Saltykow am 16. Juli in Königsberg ein. Am folgenden Tag traf ein unmittelbar an Wojeikow gerichteter Erlass der Kaiserin ein94.
In seinem Antwortbericht an Saltykow vom 17. Juli unterrichtete Wojeikow den Oberbefehlshaber über die Schritte, die er noch vor Erhalt des offiziellen Erlasses unternommen hatte, um „zur Wiederübernahme dieser Stadt in Unsere Regierung Disposition zu treffen“, sowie über die Vorbereitung der Vereidigung auf die neue Kaiserin. Folgende Maßnahmen hatte er in eigener Verantwortung ergriffen:
1. „In die Festung Friedrichsburg, in der sich bereits ein preußischer Kommandant befand, deren Garnison aber aus sehr wenigen Leuten, teils preußischen Invaliden, teils Bürgern, bestand, befahl ich, unsere Soldaten sowohl von den Bataillonen als auch vom Artilleriekommando unter dem Vorwand von Arbeiten zur Räumung unserer dortigen Magazine und Zeughäuser hineinzuführen.“
2. Er traf Maßnahmen, um die Zahl der russischen Soldaten zu erhöhen, die Wachdienst leisteten und an öffentlichen Orten für Ordnung sorgten. Letzteres wurde gegenüber den neuen Behörden damit begründet, dass
„der jetzige Jahrmarkt und mehr noch die hier von preußischer Seite veranstaltete Friedensfeier, die am vergangenen Mittwoch begonnen hat und bei der die ganze Stadt zwei Nächte lang illuminiert war, es erfordern, dass man zwischen unserer Soldatenschaft und ihrer Bürgerschaft bei etwa vorkommenden Raufereien all dies eindämmen und desto besser die Disziplin wahren könne“.
Porträt Katharinas II. (Fjodor Rokotow, 1763).
3. Dem Chef der Artillerie, Oberst Burzew, befahl er, Geschütze und Munition zur Feuereröffnung bereitzuhalten, „die Soldaten aber, sowohl auf der Hauptwache als auch auf den Posten, sollen die Gewehre geladen haben, wobei all dies geheim zu halten ist“.
4. Er ließ die Sammelplätze der Bataillone für den Alarmfall festlegen.
Nach dem 16. Juli wurde in Königsberg das Manifest Katharinas II. verkündet, ein Dankgottesdienst abgehalten, und die russischen Soldaten sowie alle russischen Untertanen wurden vereidigt. Wojeikow erhielt von Saltykow die Anweisung, alle Maßnahmen zur Wahrung der Ordnung in der Provinz zu ergreifen und zu diesem Zweck die preußischen Beamten nicht zur Ausübung ihrer Ämter zuzulassen. Doch „Euer vornehmstes Bestreben sollt Ihr darauf richten, nicht nur Ruhe und Stille im Königreich Preußen zu erhalten, sondern auch alles ins Werk zu setzen, was dem Gehorsam seiner Einwohner ... dienen kann, insbesondere sollt Ihr ohne den geringsten Verzug im ganzen Königreich dessen Verwaltung samt den Einkünften mit russischen Beamten und die früheren Posten mit russischen Militärpersonen besetzen ...“. Man ging davon aus, dass „Ruhe und Stille“ nur dann erreicht werden könnten, wenn „alle etwa schon im Königreich Preußen eingetroffenen Verwalter insgesamt von Euch sogleich ihrer Ämter enthoben werden, und wenngleich sie bis zu einem ergangenen Erlass oder einer Order von mir in ihren Häusern verbleiben, so wollen Eure Exzellenz doch sowohl über ihr Verhalten als auch darüber, dass sie nichts von den eingenommenen Einkünften bei sich zurückbehalten, unablässig wachen ...“95.
Besorgnis erregte die Lage in Königsberg. Die Festlichkeiten der Einheimischen mussten unterbrochen werden. Daher erhielt der Stadtkommandant Reinsdorp eine besondere Anweisung, wonach er nicht nur das Manifest verkünden und die russischen Untertanen vereidigen sowie die preußischen Wappen vom Rathaus und anderen Gebäuden entfernen lassen sollte – was er auch tat –, sondern auch die nötigen Wachen aufzustellen, den Einwohnern die Waffen abzunehmen und die Soldaten zu ermahnen hatte, „den Einwohnern keine Unannehmlichkeiten zu bereiten“. Einen Teil der in der Provinz stehenden Truppen beschloss Wojeikow näher an Königsberg heranzuziehen. So schrieb er an Oberst Bilow in Zinten: „Nach Erhalt dieses wollen Euer Hochwohlgeboren sogleich mit so vielen berittenen und bewaffneten Kürassieren des Kürassierregiments, wie nur möglich, in äußerster Eile nach Königsberg aufbrechen, jedoch, ohne die Stadt zu betreten, Euch zuerst selbst bei mir melden, das Kommando aber außerhalb der Stadt aufstellen ... P.S. Die Kürassiere sollen Patronen mit Kugeln bei sich haben, und eilt Euch äußerst hierher“96.
Wojeikows intuitives Vorgehen schien im ersten Manifest der Kaiserin Rückhalt zu finden: „Der Ruhm Russlands, durch seine siegreichen Waffen auf eine hohe Stufe erhoben, ist durch den Abschluss eines neuen Friedens mit seinem ärgsten Feinde tatsächlich bereits in völlige Knechtschaft gegeben“97.
Dieses Manifest richtete sich jedoch in erster Linie an die russische Gesellschaft, die mit dem Frieden mit Preußen unzufrieden war. In einem eigenen Reskript wurde Friedrich II. mitgeteilt, dass „Wir den mit Seiner Majestät geschlossenen Frieden heilig und unverbrüchlich fortsetzen werden“. Weder Saltykow noch Wojeikow konnten damals wissen, dass zur gleichen Zeit General Tschernyschow, der Befehlshaber des Friedrich II. zur Verfügung gestellten Korps, ein besonderes Reskript erhalten hatte, wonach er dem preußischen König zu erklären hatte, dass „Wir den mit Seiner Majestät geschlossenen Frieden heilig und unverbrüchlich fortsetzen werden“98.
Deshalb riefen die Maßnahmen Wojeikows und Saltykows in Preußen verständlicherweise Unmut unter der Zivilbevölkerung hervor. Es kam zu Beschwerden und Protesten, die bis nach Petersburg drangen. Saltykow wurde angewiesen, „seine Übereilung zu berichtigen“, und der Oberbefehlshaber wiederum wies Wojeikow an, die preußischen Beamten bei sich zu versammeln und ihnen zu erklären, dass die von ihm ergriffenen Maßnahmen aus Unkenntnis der Lage in der russischen Hauptstadt erfolgt seien. Nachdem sich die Situation geklärt habe, könnten sie ihre Ämter wieder antreten99.
Derart widersprüchliche erste politische Schritte der neuen russischen Kaiserin lassen sich kaum, wie es manche Historiker tun, mit der Dankbarkeit Katharinas II. gegenüber dem preußischen König erklären, der einst am Schicksal der damals völlig unbekannten Prinzessin Fiekchen aus wenig vornehmem Hause mitgewirkt hatte. Höchstwahrscheinlich waren sie der Notwendigkeit geschuldet, das russische Korps Tschernyschows dem Befehl Friedrichs II. zu entziehen. Das bestätigen die weiteren Ereignisse. Im Juli 1762 wurde ein Sonderkurier an die Weichsel entsandt mit dem Befehl, „das gesamte Königreich Preußen von der Besetzung zu befreien“. Doch derselbe Kurier überbrachte Saltykow einen weiteren, eigenhändigen Brief Katharinas. Diesen Brief führt der Biograf Katharinas II., W. A. Bilbassow, in einer seiner Arbeiten an: „Herr Generalfeldmarschall! Sie werden aus der beiliegenden Depesche ersehen, was ich vor der Welt erklärt habe. Seien Sie jedoch versichert, dass ich und alle treuen Söhne des Vaterlandes mit Ihrem Vorgehen, das Königreich Preußen besetzen zu lassen, sehr zufrieden sind. Vielleicht gibt Gott, dass sich dieser unerträgliche Frieden nach unserem Sinne umgestalten lässt. Übereilen Sie nichts und seien Sie vorsichtig: Sollte der König von Preußen den Grafen Tschernyschow nicht entlassen, so sorgen Sie dafür, dass unser Waffenplatz sicher in unseren Händen bleibt. Wahrhaftig, alle sagen Ihnen Dank. Katharina“100.
Der Briefwechsel zwischen Saltykow und Woeikow zeigt, dass die widersprüchlichen Anweisungen der russischen Kaiserin bezüglich des Schicksals Preußens die Lage in der Provinz, in der faktisch eine Doppelherrschaft entstanden war, doch erheblich verwirrten.
Schließlich erhielt der letzte russische Gouverneur Preußens Saltykows Order vom 25. Juli 1762, die ihn anwies, die endgültige Entscheidung über die Übergabe der Provinz bekanntzugeben, sich fortan nicht mehr in innere Angelegenheiten einzumischen und preußischen Garnisonen die Besetzung der Festungen zu gestatten.
Karte Preußens vom Anfang des 19. Jahrhunderts.
Und vor allem wurde Woeikow mitgeteilt, dass Katharina II. ihren Gesandten in Preußen, Repnin, beauftragt hatte, die Frage zu klären, ob Friedrich II. „besondere Kommissare“ für den Abzug der russischen Truppen und den Abtransport von Proviant und Futter ernennen werde101.
Nun begann die verantwortungsvollste Phase – die Rückkehr der russischen Armee nach Russland. Die Hauptlast bei der Organisation dieses Unternehmens lag auf Generalleutnant Fjodor Matwejewitsch Woeikow. Saltykow wies ihn an, Repnins Antwort nicht abzuwarten, sondern der Königsberger Regierung den Auftrag an den russischen Gesandten mitzuteilen und zu versuchen, die Marschrouten der Truppen über Tilsit und Gumbinnen sowie die Preise und Mengen an Proviant und Futter zu klären, die die preußischen Behörden unseren Truppen liefern könnten. „Sie mögen hinzufügen und zusichern, dass durch die rasche Erfüllung dieser Forderung die Rückkehr der Truppen … nach Russland beschleunigt wird“102.
Aus der Königsberger Kanzlei kam die Antwort, man werde den russischen Truppen mit Proviant und Futter aushelfen, benötige dafür aber Angaben über die Zahl der Soldaten und Pferde, die Länge der Marschrouten und die Fristen des Abzugs der Armee. Natürlich konnte die russische Führung keine Auskünfte erteilen, die bei allen Völkern als militärisches Geheimnis gelten, und so beschloss man, möglichst die eigenen Vorräte zu nutzen und nur in Ausnahmefällen um Hilfe zu ersuchen.
Der Abzug der Truppen begann im August 1762. Ein Teil von ihnen blieb jedoch noch in Preußen. Obwohl ihre Gesamtzahl in der Provinz selbst gering war (rund viertausend Mann ohne das Korps Tschernyschows), wurde der Abzug durch zahlreiche Hindernisse gebremst: den Abtransport von Staatseigentum, Waffen und Verwundeten (2154 Mann), den Mangel an Fuhrwerken, die bei der Bevölkerung gemietet wurden, und Streitigkeiten mit den preußischen Behörden in verschiedenen finanziellen und materiellen Fragen. Die Lage um die verbliebenen Garnisonen spitzte sich zu. Anfang Oktober 1762 berichtet Woeikow der Kaiserin, der preußische Gouverneur Lehwaldt habe „mit häufigen mündlichen wie schriftlichen Forderungen äußerst darauf gedrungen, dass nicht nur die Festungen Pillau und Memel so bald wie möglich geräumt, sondern auch aus Königsberg selbst einige Militärkommandos abgezogen und an anderen nahegelegenen Orten untergebracht würden“. Mit der Bitte um den Abzug der Truppen wandten sich auch die Magistrate der Weichselstädte Thorn, Marienburg und Elbing an ihn. Ein derart „massiver“ Druck zwingt Woeikow zu reagieren. Er zieht einen Teil der Bataillone aus Königsberg und Pillau ab und setzt den Abtransport von Eigentum und Waffen fort103.
Auch vom preußischen Hof wurde Druck auf Woeikow ausgeübt. Friedrich II. teilte dem russischen Gesandten Fürst N. Repnin mit, man schreibe ihm aus Königsberg, dort stünden noch russische Truppen in einer Stärke von bis zu acht Bataillonen. Was sei der Grund dafür? In seiner Antwort an den russischen Gesandten musste Woeikow seinen Brief an Katharina II. wiederholen, um dem preußischen König die Lage zu erläutern. Zugleich teilte er mit, man habe beschlossen, die Getreidevorräte zu verkaufen, doch die preußischen Behörden böten einen zu niedrigen Preis104.
Die Rückführung der Armee nach Russland erwies sich als mühsam und langwierig und war bis Ende 1762 nicht abgeschlossen. Nach der Abreise des Oberbefehlshabers der russischen Armee, P. I. Saltykow, nach Russland blieb Woeikow als oberster russischer Militärbefehlshaber in Preußen.
Am 22. April 1763 richtete Katharina II. folgendes Schreiben an Woeikow: „Fjodor Matwejewitsch. Die Abwesenheit des Feldmarschalls Saltykow vom Kommando hat es notwendig gemacht, Sie beim Kommando zu belassen“105. Dies ist eines der letzten Dokumente, die den spätesten Zeitpunkt des Aufenthalts russischer Truppen in Preußen belegen. Noch im selben Jahr 1763, bald nach seiner Rückkehr nach Russland, wurde F. M. Woeikow zum Generalgouverneur von Kiew und Neurussland ernannt.
So endete der Siebenjährige Krieg für Russland. Wegen des Handelns Peters III. war Russland am Abschluss des Hubertusburger Friedens im Februar 1763 nicht beteiligt. Preußen hingegen behielt durch diesen Frieden nicht nur die in den Schlesischen Kriegen gewonnenen Gebiete, sondern festigte auch seine Stellung auf der europäischen Bühne erheblich.
__________________
1 – Туполев Б. М. Фридрих II, Россия и первый раздел Польши // Россия и Германия. М., 1998. С. 55.
2 – In der Historiografie werden diese beiden Kriege mitunter als ein einziger betrachtet – 1740—1748. – Siehe z. B. Яковлев Н. Н. Европа накануне Семилетней войны. М., 1997. С. 7.
3 – Коробков Н. М. Семилетняя война (1756—1762 гг.). М., 1940. С. 53, 54.
4 – Politische Korrespondenz Friedrichs des Großen. Bd. V. Berlin, 1880. S. 64.
5 – Politische Korrespondenz Friedrichs des Großen. Bd. II. Berlin, 1879. S. 406.
6 – Цит. по: Масловский Д. M. Русская армия в Семилетнюю войну. Вып. 1. СПб., 1886. С. 125.
7 – Цит. по: Соловьев С. М. История России с древнейших времен. М., 1964. Т. 23. С. 193—194.
8 – Коробков Н. М. Указ. соч. С. 19; Яковлев Н. Н. Указ. соч. С. 24; Черкасов П. П. Двуглавый орел и королевские лилии. М., 1995. С. 54; Пуцилло М. Русские великаны на прусской службе (1711—1746). М., 1878. С. 25-27.
9 – Черкасов Ц. П. Указ. соч. С. 50.
“Анисимов Е. В. Россия в середине XVIII века // В борьбе за власть: Страницы политической истории России. XVIII в. М., 1988. С. 139—140. P. P. Tscherkassow ist allerdings der Ansicht, dass Friedrich den Engländern selbst seinen Willen aufgezwungen habe. Siehe a. a. O., S. 60.
11 – Архив кн. Воронцова (в дальнейшем — АВ). Т. 3. М., 1871. С. 377, 379.
12 – См., напр.: Коробков Н. М. Указ. соч. С. 24—25.
13 – Сб. РИО. 1872. № 9. С. 27-29.
14 – Русская старина. 1873. Т. VII. С. 706—713.
15 – Palisade – durchgehender Pfahlzaun aus oben zugespitzten Baumstämmen.
16 – Масловский Д. М. Указ соч. С. 149—150.
17 – Beckhern С. Geschichte der Befestigungen Konigsbergs. Konigsberg, 1890. S. 83—84.
18 – Hasenkamp X. Ostpreussen unter dem Doppelaar. S. 112—117; Beckhern C. Ebd. S. 84.
19 – D. Maslowski meint allerdings, dass die wiederhergestellten Anlagen, wenn überhaupt, nur reguläre Kavallerie hätten aufhalten können. Irreguläre Reiterei, vertreten durch Kosaken und Kalmücken, hätte solche Hindernisse ohnehin überwunden. Das wusste man auch in Königsberg, was die Panik erklärt, die die städtischen Behörden bei der Nachricht vom Vorrücken der Russen ergriff. – Siehe Масловский Д. М. Указ. соч. С. 150.
20 – Масловский Д. М. Указ. соч. С. 151.
21 – Масловский Д. М. Указ. соч. С. 153.
22 – Stamm H.-U. Schicksal in sieben Jahrhunderten. 1980. S. 75.
23 – Коробков H. M. Указ. соч. С. 98; Stamm H.-U. Ebd. S. 'll.
24 – Коробков H. M. Там же.
25 – Масловский Д. М. Указ. соч. С. 53.
26 – Масловский Д. М. Указ. соч. С. 68; Коробков Н. М. Указ. соч. С. 76, 78; Семека С. А. Медицинское обеспечение русской армии во время Семилетней войны 1756—1763 гг. М., 1951. С. 55.
27 – Болотов А. Т. Жизнь и приключения Андрея Болотова, описанные им самим для своих потомков. СПб., 1871. Т. 1. С. 524—529. Die Batterie der Schuwalow-Haubitzen, die kurz vor dem Feldzug an die Armee ausgeliefert worden waren, befehligte Leutnant Iwan Gannibal, der spätere Großvater von A. S. Puschkin. — См.: Масловский Д. М. Указ. соч. Приложения к первому выпуску. Табл. 24.
28 – Болотов А. Т. Указ. соч. С. 535—536.
29 – Цит. по: Коробков Н. М. Указ. соч. С. 124.
30 – Russische Historiker streiten bis heute darüber, ob die Entscheidung zum Rückzug gerechtfertigt war. D. M. Maslowski stellte sich auf die Seite Apraxins, N. M. Korobkow hingegen hielt Maslowskis Argumente für nicht überzeugend. — См., напр.: Коробков Н. М. Указ. соч. С. 131. См., также: Кретинин Г. В. Генерал-фельдмаршал Апраксин в Пруссии // Вопросы истории. 1998. № 7. С. 147—151.
31 – Российский государственный военно-исторический архив (РГВИА). Ф. ВУА. Д. 1657 (А). Л. 664—668. См. также: Голованова Л. Д. Кретинин Г. В. О походе русской армии в Пруссию в 1757 году // Калининградские архивы: Материалы и исслед. Калининград, 1998.
32 – Журнал о военных действиях российской императорской армии. СПб., 1761. Ч. ГС. 30.
33 – Масловский Д. М. Указ. соч. С. 259.
34 – РГВИА. Ф. ВУА. Д. 1657 «А». Л. 633.
35 – АВ. М., 1877. Т. 4. С. 350; Коробков Н. М. Указ. соч. С. 147.
36 – Масловский Д. М. Указ. соч. М., 1888. Вып. 2. С. 45—46.
37 – РГВИА. Ф. ВУА. Д. 1663 «А». Л. 5; Масловский Д. М. Указ. соч. Приложения 2-го выпуска. С. 8.
38 – Масловский Д. М. Указ. соч. Вып. 2. С. 46.
39 – РГВИА. Ф. ВУА. Д. 1657 «А». Л. 664-668; АВ. Т. 4. С. 337.
40 – Масловский Д. М. Указ. соч. Вып. 2. Приложение 12.
41 – Там же. Вып. 2. С. 47, 55.
42 – Болотов А. Т. Указ. соч. Т. 1. С. 626.
43 – Семилетняя война. Материалы о действиях русской армии и флота в 1756—1762 гг. М., 1948. С. 235—236; Журнал о военных действиях... С. 51.
44 – Масловский Д. М. Указ. соч. Вып. 2. С. 48. Масловский при этом ссылается на: Hasenkamp Н. Ebd. S. 268.
45 – Масловский Д. М. Указ. соч. Приложения 2-го вып. С. 19—20.
46 – Там же. Вып. 2. С. 51—52.
47 – Коробков Н. М. Указ. соч. С. 150—151.
48 – Филиппов М. М. Эм. Кант. Его жизнь и философская деятельность. СПб., 1893. С. 21—22.
49 – РГВИА, Ф. ВУА. Д. 1657 (А). С. 664-668.
50 – Масловский Д. М. Указ. соч. Приложения 2-го вып. С. 106—108.
51 – Гаузе Ф. Кенигсберг в Пруссии. 1994. С. 140—141.
52 – Масловский Д. М. Указ. соч. Приложения вып. 2. С. 27—34; Коробков Н. М. Указ. соч. С. 152.
53 – АВ. 1873. Т. 6. С. 443.
54 – Масловский Д. М. Указ. соч. Приложения 2-го вып. С. 35—43.
55 – Там же. С. 44—48.
56 – Gouverneure in Preußen waren N. A. Korff (1758—1760), W. I. Suworow (1761), P. I. Panin (Januar — Juni 1762) und F. M. Woeikow (Juni — August 1762). Das Amt des Generalgouverneurs wurde auf Antrag von W. I. Suworow abgeschafft.
57 – Масловский Д. Указ. соч. Вып. 2. С. 139.
58 – А. Т. Болотов в Кенигсберге: Из записок А. Т. Болотова, написанных им самим для своих потомков. Калининград, 1990. С. 69.
59 – Полное собрание законов Российской империи. Т. XV. Ст. 10833.
60 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 9. Л. 1-10.
61 – А. Т. Болотов в Кенигсберге. С. 90—91.
62 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 128. Л. 2.
63 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 128. Л. 14.
64 – РГВИА.Ф. ВУА. Д. 1657 (А). Л. 664—668; А. Т. Болотов в Кенигсберге. Калининград, 1990. С. 59.
65 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 25. Л. 31—32, 59—60. Более подробно см.: Кретинин Г. В. Под Российской короной, или Русские в Кенигсберге. 1758—1762. Калининград, 1996. С. 46—48.
“ Присоединение Пруссии к России. Листки из записной книжки «Русской старины» // Русская старина. СПб. 1873. Т. VIE С. 705.
67 – Там же. С. 705-706.
68 – Там же. С. 706—713.
69 – А. Т. Болотов в Кенигсберге. С. 138.
70 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 312. Л. 2.
71 – Там же. Д. 376. Л. 1, 9 и далее.
72 – Там же. Л. 72-73, 103, 151-158, 160.
73 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 144. Л. 2; Д. 328. Л. 45.
74 – Там же. Д. 144. Л. 2.
75 – Там же. Д. 328. Л. 2, 6.
76 – Там же. Л. 45.
77 – Там же. Л. 46.
78 – Масловский Д. Указ. соч. Приложения 2-го вып. С. 44—45.
79 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 393. Л. 1-19.
80 – Штелин Я. Я. Записки // Русский архив. 1909. № 7. С. 531.
81 – А. Т. Болотов в Кенигсберге. С. 170.
82 – Бантыш-Каменский Д. М. Биографии российских генералиссимусов и генерал-фельдмаршалов. СПб., 1840. Ч. 3. С. 10, 31, 286.
83 – См., напр.: Коробков Н. М. Указ. соч. С. 321.
84 – Мыльников А. С. Искушение чудом: «Русский принц», его прототипы и двойники-самозванцы. Л., 1990. C. 83.
85 – Цит. по: Коробков Н. М. Указ. соч. С. 320.
86 – Мыльников А. С. Указ. соч. С. 82.
87 – Там же. С. 82-84.
88 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 431. Л. 1.
89 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 529. Л. 70-71.
90 – Там же. Л. 94.
91 – Den Bericht über die Amtsübergabe unterzeichnete Panin am 27. Juni (alten Stils). — РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 438. Л. 26. См. также: Коробков Н. М. Указ. соч. С. 326.
92 – Энциклопедический словарь. Брокгауз и Ефрон. Т. 44. С 595—596'
93 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 529. Л. 87.
94 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 530. Л. 23.
95 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 530. Л. 1-21.
96 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 530. Л. 6.
97 – Бильбасов В. А. Исторические монографии. СПб., 1901. Т. 5. С. 333.
98 – Там же. С. 333.
99 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 454. Л. 4.
100 – Бильбасов В. А. Указ. соч. С. 333—334.
101 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 454. Л. 21.
102 – Там же.
103 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 500. Л. 4, 5, 23, 26.
104 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 500. Л. 26-27.
105 – РГАДА. Ф. 25. On. 1. Д. 438. Л. 37.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

