LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Als unser Dampfer über die in den Sonnenstrahlen golden schimmernde Wasserfläche des Haffs glitt, vorbei an den Bojen, die das Fahrwasser für die sichere Einfahrt in den Pregel markierten, rechneten wir nicht damit, dass schon bald am Horizont das majestätische Königsberg auftauchen würde, mit seinem grandiosen Schloss, das sich über die ganze Stadt erhebt, und seinen zahlreichen, nicht minder ehrwürdigen Türmen.
Backbord glitt Holstein an uns vorüber, einer der belebtesten und beliebtesten Erholungsorte der Königsberger. Am Ufer hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, und als unser Dampfer „Schwalbe“ vorüberfuhr, begrüßte man uns mit Hutschwenken und Hurrarufen, worauf wir nicht versäumten, begeistert zu antworten. Von Holstein bis Königsberg zieht sich am linken Pregelufer eine schöne Allee hin, die fast zu jeder Tageszeit von Fußgängern, Reitern und Kutschen belebt ist, während das rechte Flussufer bis zu den Wällen des Forts Friedrichsburg von üppigen Wiesen geschmückt wird. Einen Teil dieser fruchtbaren Niederungen nennen die Einheimischen den Nassen Garten.
Auch wenn sich das Leben in Königsberg am Pregel nicht einmal entfernt mit dem Leben in London an der Themse oder in Hamburg an der Elbe vergleichen lässt, bietet es doch ein höchst interessantes Bild. Königsberg ist eine sehr eigentümliche Seestadt voll bunten, lärmenden, lebhaften und fröhlichen Treibens.
Besonders originell sind die schwimmenden polnischen Kolonien. Sie fallen dem Ankömmling sofort ins Auge. Es sind riesige Flöße oder, besser gesagt, Plattformen von bis zu zweihundert Fuß Länge, die man Wittinen1 nennt. Ihre Bevölkerung besteht durchweg aus Juden. Hier, im Hafen, liegt eine große Menge solcher Plattformen, dicht aneinandergedrängt. Durch den unaufhörlichen Handel mit Getreide, Holz, Flachs und allerlei sonstigen Waren, der auf ihnen getrieben wird, und durch den unvorstellbaren Lärm tragen sie nicht wenig zum Bild einer belebten Hafenstadt bei.
Der Anblick Königsbergs aus der Ferne, insbesondere von der Haffseite, bietet das gewöhnliche Panorama einer Stadt mit vielen Türmen. Seine Umgebung ist eine flache Ebene, doch das Land ist hier fruchtbar, die Landschaften sind farbenfroh, und betrachtet man sie von erhöhten Punkten aus, sind sie dem Auge sehr angenehm, zumal die Wasserflächen sie sehr beleben. Außer dem Schloss selbst, das uns seine Westfassade mit dem prächtigen Moskowitersaal zuwendet, ragen sieben Türme über das unermessliche Häusermeer empor. Freilich vermögen sie das Auge des Reisenden weder durch Vornehmheit noch durch Pracht ihrer Architektur zu bezaubern. Doch beim Betrachten Königsbergs gerät die Seele auf seltsame Weise in heftigste Erregung! Wie viel hat diese Stadt im Laufe der Jahrhunderte vollbracht und wie viel erlitten! Welch schöne Vorbilder hat sie der Welt gegeben und welch große Geister hat sie hervorgebracht und beherbergt!
Kant, Herder, Hamann, Dinter, Werner lebten und wirkten hier, und Bessel, Burdach, Herbart, Jacobi, Rosenkranz, Voigt und viele andere leben und wirken hier noch immer zum Wohl der Menschheit. Gerade durch diese engen, unköniglichen Gassen Königsbergs ging während des unglückseligen Krieges2 gebeugten Ganges im einfachen Soldatenmantel König Friedrich Wilhelm III.3 und gewann die Herzen der Menschen durch seinen schlichten Umgang und sein freundliches Wesen …
… Weniger erfreulich ist die gegenwärtige materielle Lage Königsbergs. An der Peripherie Preußens gelegen, ist es von dessen Mitte und auch vom ganzen übrigen Deutschland weit entfernt. Zudem ist sein einst reger Handel mit Polen, Kurland und den übrigen russischen Provinzen jetzt wegen der von Russland errichteten Grenzschranken völlig zum Erliegen gekommen.
Einst war die Königsberger Universität eine der blühendsten, an ihr studierten die reichen Söhne Kurlands und Polens, sie brachten Geld hierher und hauchten ihr Leben ein; heute aber studieren hier fast ausschließlich Studiosi aus der armen Provinz, und selbst deren Zahl erreicht mitunter nicht einmal vierhundert.
Auch das literarische Leben Königsbergs ist äußerst dürftig. In dieser großen Stadt, die so reich an Talenten und Wissen ist, erscheinen außer einem kleinen privilegierten Blättchen auf schlechtem, an Löschpapier erinnerndem Papier weder Zeitschriften noch periodische Blätter, die dem übrigen Deutschland Auskunft darüber geben könnten, was das von der übrigen deutschen Welt fast abgeschnittene Königsberg bewegt. Versuche, Blätter wie den Luftballon und Die Ostseeblätter4 herauszugeben, sind aus materiellen Gründen gescheitert.
Königsberg besitzt wenig von der Pracht, die modernen Großstädten eigen ist, auch breite Prachtstraßen hat es nicht. Nur einige Orte, darunter der Königsgarten beim Theater und die sogenannte Vorstadt5 – eine breite, elegante Straße –, sind wahrhaft einer Metropole würdig. Hier herrschen wie in allen alten Ostseestädten enge Gassen und hohe Giebelhäuser vor, doch die Stadt selbst reicht bei Weitem nicht an die Pracht Danzigs oder Lübecks heran. Allerdings sind die hanseatischen Gassen des Kneiphofs oder der am Hang eines Hügels erbaute Löbenicht einzigartig und verdienen eine eigene Erwähnung.
* * *
Unser Dampfer legte am Kai des Pregels an. Von hier aus war es nur ein Katzensprung bis zum belebtesten Teil der Stadt. Ganz in der Nähe befindet sich auch die Börse. An dieser Stelle macht Königsberg zweifellos den stärksten Eindruck auf die Ankömmlinge, besonders auf jene, die im Binnenland leben und selten, wenn nicht zum ersten Mal, in eine Seehafenstadt kommen.
Die Reise mit dem Dampfschiff hat vor allen anderen Arten des Reisens den Vorzug, dass der Reisende unterwegs weder Müdigkeit noch Hunger noch Durst verspürt und gleich nach der Ankunft mit der Besichtigung der Stadt beginnen kann.
Wir machten uns auf die Suche nach einem Nachtquartier, um dort unser Gepäck zu lassen und sogleich zu einem Spaziergang aufzubrechen. Doch schnell eines zu finden, gelang nicht. Alles war belegt, und wo es noch freie Plätze gab, verlangte man dreist einen ganzen Louisdor für eine Nacht: Für übermorgen wurde die Ankunft des Königs erwartet, und die Stadt erlebte einen Ansturm von Gästen. Kurz, wir liefen Gefahr, unser Biwak unter freiem Himmel aufschlagen zu müssen. Doch ein glücklicher Zufall entschied alles: Er führte uns Freunden in die Arme, die uns halfen, rasch an einem anständigen Ort unterzukommen.
„Mein Gott!“, rief nach langer, mühseliger Quartiersuche einer von uns aus, ein gebürtiger Elbinger, „ich erkenne Königsberg nicht wieder! Die Zahl der Menschen hier hat sich mindestens verzehnfacht, und was noch schlimmer ist: Jetzt ist es hier voll von ungehobelten Bauernlümmeln aus den Dörfern, und die Gassen Königsbergs sind ohnehin sehr eng. Kinder, ich fürchte, hier wird es viel Gedränge geben, wenig Gelegenheit, anständig zu Mittag zu essen, und am Ende wird man uns eine gewaltige Rechnung präsentieren.“
Endlich brachen wir zu unserem Spaziergang auf und gingen über die Grüne Brücke in den sogenannten Kneiphof, den Stadtteil, der auf einer Insel zwischen den beiden Armen des Pregels liegt. Die Häuser in diesem Teil der Stadt sind durchweg alt, außerdem befinden sich hier der Dom, die Universität, das Rathaus und der Junkerhof6.
In den beiden letztgenannten Gebäuden hätte es sich zweifellos gelohnt, die Innenräume im Rokokostil zu besichtigen. Doch wir hielten uns hier nicht auf, sondern versuchten, über ein recht schlechtes Pflaster zum Schloss zu gelangen, um von seinem etwa dreihundert Fuß hohen Turm das Panorama der Stadt und ihrer Umgebung zu sehen.
„Königsberg“, begann unser Freund aus Elbing von Neuem, „ist wie Rom auf sieben Hügeln erbaut, und auf dem höchsten von ihnen liegt das Schloss. Die Stadt wurde, wie ihr wisst, 1255 von König Ottokar von Böhmen auf dem Hügel Twangste gegründet, und 1257 wurde hier das Fundament dieses kolossalen Bauwerks gelegt. Das Königsberger Schloss zeigt dem Betrachter von jeder Seite ein anderes Gesicht und stellt eine Mischung der Stile aus fünf Jahrhunderten dar7.“
Der Nordflügel des Schlosses, besonders jener Teil, in dem sich die Räume des Geheimen Archivs befinden, ist interessanter als die anderen, denn er hat sich fast unverändert in der Gestalt erhalten, in der er noch zur Zeit des Deutschen Ordens erbaut wurde …
… Ich meinerseits möchte die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Westflügel lenken, der, wie ich vermute, seinesgleichen sucht. Seine Keller dienen als Weinkeller, darüber befindet sich die Schlosskirche, und noch höher, über deren Gewölben, liegt der Moskowitersaal, in dem eine Sammlung alter Waffen ausgestellt ist und von Zeit zu Zeit verschiedene Festlichkeiten stattfinden.
Den Südflügel bewohnt der Oberpräsident von Ost- und Westpreußen, Heinrich von Schön. Er genießt bei seinen Mitbürgern großes Ansehen und verdient es im höchsten Maße. In den übrigen Teilen des Schlosses befinden sich außer den Diensträumen der Regierung und des Konsistoriums8 die königlichen Gemächer, die es jedoch, offen gesagt, kaum wert sind, dass man einen Blick hineinwirft.
Bei der Besichtigung des Schlosses hätte ich am liebsten zuerst einen Blick in die Tiefen der Keller des „Blutgerichts“ geworfen. Doch das ist nicht ungefährlich! Denn das „Blutgericht“ ist ungeachtet seines etwas schaurigen Namens nichts anderes als ein gemütliches kleines Weinlokal, in dem man die edelsten Proben berauschenden Nektars kosten kann, die die Rebe jemals vergossen hat. Deshalb laufen wahre Kenner, wie wir es waren, Gefahr, so tief in sein Inneres vorzudringen, dass sie den Rückweg nicht mehr finden.
Darum schnell nach oben! Steigen wir auf den Turm! Die Tochter des Kastellans, ein hochgewachsenes Mädchen von fast sechs Fuß Größe, führte uns über die zweihundertfünfundfünfzig Stufen einer steilen Treppe, die geradewegs in den Himmel zu führen schien.
In der Höhe wehte ein starker Wind, doch die Rundsicht, die sich von dort bis zum fernsten Horizont bot, und besonders das Panorama der alten Stadt, die zu unseren Füßen lag und in Blumen und grünem Laub versank, boten das bezauberndste und erstaunlichste Schauspiel, das man sich nur vorstellen kann.
Die Schlosskirche ist wenig interessant: Hier kann man die Wappen der ersten Ritter des Schwarzen Adlerordens sehen, mit denen König Friedrich I. 1701 ihre Wände schmücken ließ. Der Moskowitersaal war im Hinblick auf die bevorstehende Huldigungsfeier9 restauriert worden, sah aber dennoch schrecklich leer und irgendwie verwüstet aus. Es ist ein riesiger Raum von hundertfünfzig Schritt Länge und dreiunddreißig Schritt Breite. Die Höhe des Saales ist verhältnismäßig gering, neunzehn bis zwanzig Fuß.
Da es Abend wurde, stiegen wir ins „Blutgericht“ hinab. Wie lebhaft es hier zuging, überall pulsierte das Leben, eine Menge Leute saßen da! Man sah nur fröhliche, selige Gesichter! Schon im Vorraum trafen wir Freunde, die sich ihrer Lebenssorgen entledigten, indem sie Champagnerkorken an die Decke knallen ließen. Ein riesiges Fass diente ihnen als Tisch, kleine Fässchen als Stühle. Doch wir suchten nicht den bequemsten Weg und gingen weiter. Ältere Leute kommen wegen der hier herrschenden Feuchtigkeit und Kälte nicht gern her, deshalb sind die langen Tische des unteren Geschosses gewöhnlich nur von sorgloser, romantischer Jugend besetzt. Im Hintergrund sind im Dunkeln kaum die riesigen Fässer zu erkennen, und eine von der Decke hängende Laterne brennt Tag und Nacht und verleiht dem Gesamtbild ein gewisses rembrandtsches Kolorit. Doch wer beschreibt unsere Freude und unser Erstaunen, als wir plötzlich unsere Leidensgefährten erblickten, die wir noch als Gefangene im Kerker schmachtend wähnten! Doch sie waren hier und saßen alle zusammen in kleiner, vertrauter Runde. Die Amnestie König Friedrich Wilhelms10 hatte sie alle dem Leben zurückgegeben, und nun feierten sie mit Rufen und Liedern bei edlem Rheinwein das Fest ihrer Auferstehung beinahe von den Toten.
So erweiterte sich der Freundeskreis, man brachte Gitarren. Solo, Quartett und Chor lösten einander ab, die Klänge hallten wunderbar oben unter den hohen Gewölben wider, und unsere Freude kannte wahrhaftig keine Grenzen. Jemand schlug vor, gemeinsam zu einem Spaziergang im Mondschein zum Schlossteich aufzubrechen. Der Vorschlag wurde mit Beifall aufgenommen.
Ein fröhlicher Abend im Schlossrestaurant „Blutgericht“ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zeichnung aus der Zeitschrift „Der Wanderer durch Ost- und Westpreußen“.
Sobald es neun Uhr geschlagen hatte und vom Schlossturm nach gutem alten Brauch der Klang des Horns herüberdrang, das die Melodie eines frommen Liedes blies, setzten wir uns in einer Prozession über den Schlosshof in Bewegung.
Voran schritt unser Freund aus Elbing, ihm folgten die Gitarristen, dann die Sänger, und den würdigen Abschluss der Prozession bildeten die Kellner11, die Körbe mit Wein trugen.
Der Elbinger war bestens gelaunt. Auf kunstvollste Weise den Gang eines Betrunkenen parodierend, sang er das folgende Liedchen, das er uns später unzählige Male wiederholte, bis wir es alle auswendig konnten.
Kehr ich einmal nach Hause zurück,
Seltsam erscheint mir die Straße im Blick.
Kehr ich einmal nach Hause zurück,
Seltsam erscheint mir die Straße im Blick.
Links oder rechts, wo ist nur die Seit’?
Straße, o Straße, du bist ja betrunken heut!
Mond, was ziehst du da Fratzen so schief?
Kneifst deine Äuglein und blickst so seltsam und tief.
Hast wohl ein Gläschen zu viel, Bruder, gehabt –
Schäm dich, du bist doch schon alt und betagt!
Links oder rechts, wo ist nur die Seit’?
Straße, o Straße, wie trunken bist du heut!
Und die Laternen, sie brennen so trüb,
Keine an ihrem Platz ruhig verblieb,
Flackern nur hin und her ohne Ruh –
Ach, meine Herren, betrunken seid ihr!
Links oder rechts, wo ist nur die Seit’?
Straße, o Straße, trinken wir aus heut! 12
Wir gingen durch das Tor im Ostflügel des Schlosses an der Hauptwache vorbei hinaus auf die Französische Straße und kamen dann zum Schlossteich.
Abend am Schlossteich in Königsberg. Stahlstich von Franz Abresch /Franz Abresch/ nach einer Zeichnung von Bernhard Peters /Bernhard Peters/ (um 1850). Illustration aus dem zweiten Band des zweibändigen Werks „Wanderungen an der Nord- und Ostsee“
Was wäre Königsberg ohne dieses wunderbare Gewässer!? Sein ruhiges grünes Wasser, von allen Seiten umgeben von hohen, ehrwürdigen Linden und Kastanien, gemütlichen Gärten, Altanen und Lauben verschiedenster Art, weckt in den Bewohnern und Gästen Königsbergs die erhabensten und poetischsten Gefühle.
Wahrhaftig ist dieser besondere Ort eine kleine, warme Oase des Gemüts inmitten des weiten Reiches der kalten Berechnung, die für eine Großstadt kennzeichnend ist. Hier kann der Nordländer an herrlichen Sommerabenden einen Vorgeschmack auf das südliche Leben bekommen. Hier träumen die Verliebten, über den Wasserspiegel gleiten Schwäne, und der Mond strahlt in seiner ganzen Pracht. Gerade hier jagen die Dichter Königsbergs nach Bildern und Ideen.
Unsere Fahrt auf dem Wasser war eine der schönsten Episoden der ganzen Zeit, die wir in Königsberg verbrachten. Die Nacht war außergewöhnlich herrlich, klar und warm. Meisterhaft und fast leidenschaftlich erklangen die Stimmen unseres Männerquartetts. Der Schlossteich belebte sich immer mehr: Ein Boot nach dem anderen stieß vom Ufer ab, auf der Wasserfläche entstand eine kleine Flottille, und der Mond beleuchtete viele schöne Frauengesichter. Die Damen spendeten den Sängern immer wieder begeistert Beifall.
Dann erklang der unübertroffene Tenor eines unserer Begleiter:
„Man sagt, dass einst zu Anbeginn die Rosen
Den Lilien gleich so weiß wie Schnee erblühten.
Doch Gott erschuf das Weib – und sie, beschämet,
Sogleich wie Purpur rot erglühten …“ 13
Dieses Lied beschloss die unvergessliche Fahrt, und wir gingen besänftigt in unsere Quartiere auseinander.
Am nächsten Tag gingen wir frühmorgens auf den Wällen der Festung rund um Königsberg und spazierten dann durch schöne Alleen mit Linden, Quitten, Pappeln und Buchen.
Wir besuchten die Sternwarte, die Werkstatt des großen Friedrich Bessel, die auf dem höchsten Punkt des Festungswalls liegt, von wo aus sich uns herrliche Ausblicke boten.
Vor uns lag wie auf dem Präsentierteller der belebte Pregel mit all seinen Windungen und Biegungen, sichtbar, wie es uns schien, fast bis zu seiner Mündung ins Frische Haff.
Da schon alles für die morgige Ankunft des Königspaares vorbereitet war, zogen wir es diesmal vor, unseren Stadtrundgang am Brandenburger Tor zu beginnen, um auf dem mit Blumen und Girlanden geschmückten Weg zum Schloss zu gelangen. Dieses Brandenburger Tor in Königsberg erinnerte dank des kunstvollen Schmucks jetzt verblüffend an seinen berühmten Bruder in Berlin und bot besonders von Weitem einen erstaunlichen Anblick.
Durch die Straße Alter Garten gelangten wir, an der Haberberger Kirche vorbei, auf die breiteste und eleganteste Straße Königsbergs, die Vorstädtische Langgasse. Sie ist für ihre schönen Gebäude berühmt. Diese Gegend ist sehr belebt, man kann sagen, sie ist der Mittelpunkt jüdischen Lebens; auch die recht stattliche Synagoge befindet sich hier.
In unmittelbarer Nähe der Haberberger Kirche zeigte man uns einen Wasserturm, dessen Wand mit einem farbenfrohen Bild des tapferen Schusters Hans von Sagan geschmückt war. Der Legende nach hob er 1370 mitten in der Schlacht zwischen den Deutschordensrittern und dem Heer des Großfürstentums Litauen die gefallene Standarte auf, ermutigte so die bereits zurückweichenden Ordensritter und führte sie zum Sieg.
Durch das Grüne Tor mit seinem schönen, weithin sichtbaren Türmchen gelangten wir auf die Kneiphöfische Langgasse. Sie hat bis heute den größten Teil ihrer Ursprünglichkeit bewahrt.
Die hohen Vortreppen vieler Häuser, mit Gittern und Skulpturen geschmückt, heißen hier Wolme14. Bei schönem Wetter, besonders im Sommer, dienen sie als zusätzliche Zimmer, in denen die Einheimischen gern ihre Zeit verbringen. Hier trinkt man Kaffee, plaudert mit den Nachbarn und bespricht natürlich die Vorübergehenden.
Diese belebte Straße erinnerte uns lebhaft an Italien: Auch hier promenierten elegant gekleidete Damen, überdies größtenteils unerwartet schön für ein so weit von den europäischen Hauptstädten entferntes Städtchen.
Endlich gelangten wir auf den Platz der Altstädtischen Kirche, der im Grün der Bäume und in Blumenbeeten versinkt. Den Hintergrund bildet eine Häuserreihe mit nicht gerade ausdrucksvollen Giebeln. Und über allem erhebt sich eindrucksvoll das Schloss.
Dann bogen wir über die Altstädtische Langgasse, die sich unter allen anderen durch ihre sechs- bis siebenstöckigen Häuser auszeichnet, in Richtung Löbenicht ab. Die über das Löbenichter Pflaster polternden schweren Wagen der Brauer und der süße Malzgeruch erinnern daran, dass dieser Stadtteil ihr Revier ist. Die einheimischen Biersorten sind sehr beliebt.
Nach einem Spaziergang durch den Löbenicht begaben wir uns zu den zahlreichen großen Speichern an den Ufern des Pregels und gelangten über die Insel Venedig (auch Klapperwiese genannt)15 auf den sogenannten Philosophendamm, auf dem einst der große Kant gern spazieren ging. Diese Straße hatte seinerzeit Theodor Hippel anlegen lassen, als er Bürgermeister von Königsberg war. Später versäumten wir nicht, an dem berühmten gelben Haus in der Prinzessinstraße vorbeizugehen, und lasen über seiner Eingangstür folgende Inschrift:
IMMANUEL KANT
wohnte und lehrte hier
von 1785 bis zum 12. Februar 1804.
Heute wohnt in diesem Haus ein Zahnarzt, und ganz in der Nähe befindet sich eine Badeanstalt, die wir mit Vergnügen besuchten …
Wir besichtigten auch den Dom, den man 1333 in schlichtem gotischem Stil ohne jeden Schmuck zu bauen begann. Am Gebäude sieht man, dass später die Mittel und auch der Geschmack fehlten, um das Werk so gründlich zu vollenden, wie es begonnen worden war. Von den zwei Türmen, die den Bau schmücken sollten, wurde nur einer begonnen, der später hastig fertiggestellt wurde, sodass die Höhe des Turms in keinem Verhältnis zur beträchtlichen Länge und Breite des Doms steht.
Dafür beeindruckt die Innenausstattung des Doms. Die Gewölbe sind majestätisch und hoch, sodass sich den Besuchern, die durch das unverhältnismäßig niedrige Eingangsportal eintreten, eine herrliche Perspektive von Säulen bis hin zum Altar eröffnet. Das Gebäude ist dank der bunten Glasfenster in den Spitzbogenöffnungen malerisch erleuchtet.
Unter den vielen Holzskulpturen sind einige sehr wertvoll und sehenswert. Schade nur, dass der Dom, wie die meisten protestantischen Kirchen in Deutschland, mit Familiengrüften und allerlei Inschriften stark überladen ist.
Steht man auf dem Domplatz, so verläuft rechts vom Dom eine mit Pappeln bepflanzte Allee, und links sieht man eine Mauer mit zwei verwitterten steinernen Portalen, an denen die Zeit kräftig genagt hat. Sie sind fast verborgen im Schatten hoher, prächtiger Linden mit ausladenden Kronen. Hier befindet sich der Eingang zur Albertina, der Universität Königsbergs. Es sind alte, baufällige Gebäude, in denen sich die Hörsäle der Studenten befinden, und sie bedürfen längst einer gründlichen Restaurierung. An den Dom grenzt die Stoa Kantiana, wo der große Immanuel Kant begraben liegt.
Das wäre wohl in Kürze alles über Königsberg. Schade, dass es uns in diesen kurzen Aufzeichnungen kaum gelungen ist, die Freude über den Aufenthalt in dieser wunderbaren Stadt und über den Umgang mit den Königsbergern zu vermitteln, denen wir für die Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit danken müssen, die sie uns Fremden erwiesen haben. Die hier verbrachten Tage werden für immer in unserem Herzen bleiben.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN
1. Wittinen /Wittinen/ – Segelkähne, die in der Binnenschifffahrt in Litauen verwendet wurden. Andere polnische und litauische Namen waren wicina, strug, bajdak und kurak. Die Boote waren lang und hatten einen geringen Tiefgang. Sie hatten einen Mast mit einem Rahsegel, kein Deck, nur Bretter, die mit Bastfasern verbunden als Deck dienten. Hohe Bordwände an Bug und Heck. Solche Kähne konnte man auf kleinen Flüssen treideln. Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie hauptsächlich auf der Memel und im Kurischen Haff eingesetzt. Sie dienten dem Handel Memels mit Polen und Königsberg. Mehr über die Wittinen und die Flößer (Dsimken) kann man im Artikel „Im Hafen von Königsberg“ lesen. Die Behauptung der Verfasser, die Flößer seien durchweg Juden gewesen, entspricht, gelinde gesagt, nicht der Wahrheit. Jude war in der Regel nur der Kapitän …
2. Gemeint sind die sogenannten Kriege der Dritten und Vierten Koalition – die Kriege des napoleonischen Frankreich und seiner Satelliten 1805–07 gegen eine Koalition von Großmächten, der unter anderem Russland und Preußen angehörten.
3. Friedrich Wilhelm III. (Friedrich Wilhelm III) – König von Preußen seit dem 16. November 1797. Sohn Friedrich Wilhelms II. und Friederike Luises von Hessen-Darmstadt, Großneffe Friedrichs II. des Großen, Vater der russischen Kaiserin Alexandra Fjodorowna, Gemahlin Nikolaus’ I., Großvater des russischen Kaisers Alexander II. Teilnehmer der Kriege gegen Napoleon und des Wiener Kongresses.
4. Luftballon und Die Ostseeblätter. Der Übersetzerin gelang es festzustellen, dass diese Zeitungen 1840 in Königsberg erschienen.
5. Vorstadt – wörtlich: Vorort.
6. Junkerhof /Junkerhof (dt.) Link zur Wikipedia (dt.)
7. Über die Geschichte Königsbergs kann man HIER lesen.
8. Konsistorium – bei einer Reihe protestantischer Konfessionen (Lutheraner, Calvinisten u. a.) ein Organ der kirchlichen Verwaltung.
9. Der Übersetzerin ist es nicht gelungen festzustellen, um welche Huldigung, zwischen wem und wem, es sich in diesem Fall handelt (d. h. Königsberg, 1840/41).
10. Die Regierung Friedrich Wilhelms IV. (1795–1861). Nach seiner Thronbesteigung in Preußen 1840 beendete Friedrich Wilhelm IV. die Restaurationspolitik seines Vaters und legte den Konflikt mit den Katholiken bei, indem er ihnen einige wichtige Zugeständnisse machte. Er beendete auch die Verfolgung der Altlutheraner, ließ die lutherischen Pastoren frei, erlaubte ihnen, eine eigene Organisation zu bilden und eigene Kirchen zu errichten, wenn auch mit gewissen Einschränkungen – ohne Türme und Glocken. Viele Todesurteile wurden aufgehoben, die sogenannte „Demagogenverfolgung“ wurde eingestellt, und alle liberalen Denker wurden aus der Haft entlassen. Bestehen blieb lediglich die Pressezensur.
11. Der Kellner im „Blutgericht“ hieß Küfer (der Küfer).
12. In Russland wurde dieses Gedicht erstmals 1859 in der Zeitschrift „Arlekin“ mit dem Vermerk „aus dem Deutschen übersetzt“ veröffentlicht und dann viele Jahre später, 1904, unter dem Titel „Lied eines betrunkenen Studenten“ in eine Liedersammlung aufgenommen, die im Verlag Sojkin erschien. In beiden Fällen war der Verfasser des Textes nicht angegeben, und 1863 vertonte ihn der Komponist und Pianist A. I. Dubuque. So wurde das Lied „Straße, o Straße“ in Russland weithin bekannt. Heute wird die Autorschaft der Verse bei uns fälschlich dem russischen Dichter des 19. Jahrhunderts Wassili Sirotin zugeschrieben.
13. Das Gedicht „Die Schöpfung des Weibes“ /Die Schöpfung des Weibes/ von Karl Simrock; Musik von Ferdinand Stegmayer. Ins Russische wurde es, wie es scheint, nicht übersetzt. T. K.
14. „Wolme (die Wolme) – etwa 10 Fuß hohe Vortreppen, zu denen Stufen hinaufführten. Diese Vortreppen waren mit eisernen Gittern der einfachsten Art umgeben, und geschmückt wurden sie von großen Messingkugeln, die die Königsberger schlicht „blanke Kugeln“ nannten, da es Ehrensache jeder Hausfrau war, sie blank zu putzen. Im Sommer wurden die Wolme mit Markisen überspannt, man stellte Bänke hinauf. Die Erwachsenen traten hinaus, um frische Luft zu schöpfen, und die Kinder nutzten diese Quasi-Balkone das ganze Jahr über als Spielplätze.“
Auszug aus „Meine Lebensgeschichte“ der deutschen Schriftstellerin Fanny Lewald / Meine Lebensgeschichte, S. 35.1863.
15. Klapperwiese (dt.). Eine andere Variante ist Insel Venedig. Dieser Name ist erstmals 1737 als mündlicher bezeugt und erhielt 1763 offizielle Anerkennung. Die zahlreichen Gräben, die das Landstück am Pregel durchzogen, riefen eine scherzhafte Erinnerung an die Kanäle Venedigs hervor. Nach heutiger Orientierung ist die Insel Venedig eine namenlose Zufahrt von der Uliza Portowaja in Richtung der Uliza Polozkaja. Link.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

