LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Ostpreußen mag heute sein Antlitz verändert haben,
doch ich kenne es nur so, wie es vor zwanzig Jahren war.
August Lewald
Wenn man sich der Weichsel von den Heiden und den kargen Buchweizenfeldern Westpreußens her nähert, staunt man über den plötzlich unter den Füßen auftauchenden fetten Schwarzerdeboden, in dem die Räder des Wagens stecken bleiben und die Pferde fast bis zum Bauch einsinken. Hier liegt die Weichselniederung, Werder genannt, wo reiche Bauern leben, deren Röcke mit Reihen großer silberner Knöpfe geschmückt sind und deren Stuben sich durch holländische Sauberkeit und Eleganz auszeichnen. Aus den hellen Spiegelfenstern ihrer Häuser blicken sie auf das öde Elend der Straßen und nehmen die Mühsal der Reisenden phlegmatisch als Zerstreuung hin.
Es ist die fruchtbarste Gegend des preußischen Königreichs, und der Werderbauer ist wegen seines Reichtums sprichwörtlich geworden und wurde sogar in einem Volkslied besungen:

(„Da ist der reiche Bauer, ein Schelm ist er und Gauner. Sein Name ist Harder, und die Gegend heißt Warder.“)
Doch außer dem schlechten Weg bietet diese Gegend dem Reisenden nichts Interessantes. Die Häuser, umgeben von niedrigen Hecken und riesigen Misthaufen, sind in grellen Farben gestrichen, und Pfosten und Zäune sind mit jener feinen Schnitzerei bedeckt, die Schiffszimmerleute anzufertigen verstehen. Man sieht hier groteske Masken und Fratzen, und all das ist Schnitzwerk auf Holz, das mit zweifarbigen Streifen bemalt ist, was der geschmacklosen Eintönigkeit des Ganzen etwas Farbe verleiht.
Im Hafen von Danzig (Gdańsk, Polen).
Wer im Frühling hier durchfährt, wenn die Bäume blühen, kann sich gewiss an der verschwenderischen Schönheit der Natur erfreuen, doch der Weg ist dann gewöhnlich am schlechtesten, unpassierbar, und das verdirbt jedes Vergnügen an den warmen Frühlingstagen.
Bald jedoch verlässt der Reisende dieses preußische Paradies und gelangt an die Ufer der Ostsee, um die alte Hauptstadt des Königreichs, Königsberg, zu erreichen.
Neues Unglück! Neue Not! Dort undurchdringlicher Schlamm, hier überall Wasser. Die Kutsche rollt durch große Pfützen und Moraste, links schlagen oft die Meereswellen gegen die Achse des Wagens, und wohin man auch blickt, erstreckt sich eine unfruchtbare Sandebene, in deren Sand nur hier und da ärmliche Fischerdörfer zu sehen sind.
So empfindet man wahrhaft echtes Glück, wenn endlich vorn in weitem Halbkreis am Ufer des Pregels Königsberg auftaucht und dem Reisenden seine gastfreundlichen Tore öffnet, zugleich aber auch recht schlechte Gasthöfe.
In meiner Jugend achtete ich wenig auf all diese Reisebeschwerden und unternahm zahlreiche Ausflüge in die interessantesten Gegenden der Umgebung. Da war das benachbarte Frauenburg mit seinem alten Dom und den Erinnerungen an Kopernikus, das malerische Seeufer bei Pobethen und Pillau mit seinem regen Hafenleben und den malerischen Ufern des Frischen Haffs.
Doch ich unternahm auch weite Reisen: nach Danzig, der alten Stadt mit ihrer reizenden Umgebung; nach Memel, das genau wie eine englische Siedlung aussah, wo die Argelanders, Ogilvies, Simpsons, Macleans und Motherbys in wahrhaft elegantem Komfort lebten1; an die Ufer der Memel und in die schönen Landstriche Preußisch-Litauens; zu den hügeligen Obstfeldern des sogenannten Oberlandes, wo an den Wegen Kruzifixe stehen, wo Klöster und erhabene Kirchen uns wie durch einen Zauberstab aus den Gegenden reinen Protestantismus in das heilige Dunkel biblischer Gefilde des frühen Christentums versetzen, auf denen friedlich Schafherden weiden und daneben ein Hirte mit seinem Stab zu sehen ist.
Eine Reise nach Memel ging damals nie ohne seltsame Abenteuer und Unbequemlichkeiten ab, obwohl die Entfernung von Königsberg nicht mehr als vierundzwanzig deutsche Meilen2 betrug. Nach Memel konnte man auf dreierlei Weise gelangen. Erstens: zu Wasser in einem offenen Boot über das tückische Kurische Haff; zweitens: über die Kurische Nehrung, einen schmalen Sandstreifen zwischen dem gleichnamigen Haff und der Ostsee; drittens: über Tilsit, wo man einen Umweg von zwölf Meilen machen musste und der Weg ungefähr so aussah wie in der Weichselniederung, also unbefahrbar war. Heute ist das, wie ich hörte, die Hauptroute, da man dort eine gute Straße angelegt hat. Doch zu unserer Zeit fuhr man gewöhnlich über die Nehrung nach Memel.
Die Flucht der Königin Luise mit ihren Kindern von Königsberg nach Memel über die Kurische Nehrung im Januar 1807.
Am bequemsten war es, in Königsberg in die Kutsche der Schnellpost zu steigen, doch die Reisenden wählten oft die Gesellschaft des sogenannten „Rigaer Fuhrmanns“, dessen schwer beladener Frachtwagen tief im Sand versank und bestenfalls nicht mehr als vier Meilen am Tag zurücklegte.
Einmal unternahm ich eine solche Reise in Gesellschaft eines Grafen aus vornehmem kurländischem Geschlecht, eines Rittmeisters des sächsischen Garde-Husarenregiments und eines reichen russischen Kaufmanns.
Die Erinnerung an jene Fahrt über die Nehrung wird mich für immer begleiten. Etwas Ähnliches beschreibt Steffens3 in einer seiner Novellen, wenn er von der Nordostküste Jütlands spricht, doch die Kurische Nehrung hat die Besonderheit, dass ihre Breite an manchen Stellen kaum anderthalb Meilen erreicht. Ein hoher Sandrücken zieht sich über die ganze Länge der Nehrung. Seine Hänge, die teilweise aus Treibsand bestehen, bilden heute eine Düne, die „Nerung“ genannt wird.
Wir fuhren am Meeresufer entlang, genauer gesagt sogar durch das Meer selbst, wo der von den Wellen geschliffene Kies eine Art natürlicher Chaussee bildete und den Pferden, die den schweren Wagen zogen, die Arbeit erleichterte. Natürlich waren die gegen die Räder der Equipage schlagenden Wellen kein angenehmer Anblick, doch in Wahrheit war eine solche Reise nicht gefährlich – wenn man das Glück hatte, nicht auf Treibsand zu stoßen!
Durch starken Wind werden von den Dünen bisweilen große Mengen Sand weit ins Meer getragen. Dieser Sand liegt auf gleicher Höhe mit dem festen Boden und unterscheidet sich äußerlich kaum von ihm. Gerät ein Wagen an eine solche Stelle, beginnt er sofort in diesem Sandgrab zu versinken. Und wenn der Reisende allein unterwegs ist und von nirgendwo Hilfe zu erwarten ist, gehen gewöhnlich rasch „Mann und Maus“4 zugrunde.
Außer einigen Hütten, die den Notunterkünften auf hohen Alpenpässen ähnelten, gab es an der Meeresküste der Nehrung nichts, was auch nur irgendeinen Schutz hätte bieten können. Diese Hütten dienten zu kurzer Rast bei schlechtem Wetter und zur Erholung der Pferde, wenn sie mittags gefüttert wurden. Menschen gab es dort nicht. Es gab dort überhaupt nichts, und alle möglichen Vorräte sowie das Futter für die Tiere musste man mit sich führen.
Am Abend, als die Sonne sich dem Untergang näherte und die erschöpften Menschen auf müden Pferden ihren Vier-Meilen-Marsch beendeten, bog der Fuhrmann von der Küste zur Mitte der Nehrung ab, und unser Wagen begann die steilen Hänge der Sandhügel hinaufzufahren, denen jeder Windstoß neue wunderliche Formen verlieh. Nach unglaublichen Anstrengungen erreichten wir endlich den Gipfel und erblickten von dort ein so erstaunliches Schauspiel, dass wir glaubten, auf irgendeine Insel der Südsee versetzt worden zu sein.
Dünen der Kurischen Nehrung.
Vor uns lag ein ganz anderes „Meer“. Es war dunkler als die Ostsee, wütend rollten Wellen darüber hin, und irgendwo in der Ferne ahnte man eine in Nebeldunst gehüllte Küste. Das war das Kurische Haff. Ringsum war Sand, wie überall. Am Ufer des Haffs standen Hütten – ein armes Fischerdorf.
Die halb verfallene Kirche des Ortes versank im Sand, auch die Kreuze und Grabsteine des kleinen Friedhofs waren zur Hälfte mit Sand verweht und wirkten verlassen; als sei nichts beständig auf diesem trügerischen Boden: Alles ist nur ein Spiel der Winde. Und nur fünf oder sechs kümmerliche Bäume, die unweit der noch elenderen Katen wuchsen, machten einen freundlichen, rührenden Eindruck.
Nicht weit davon, am Ufer, an den plätschernden kühlen Wellen, wo eine frische Brise zu spüren war, saßen die Frauen des Ortes. Sie knüpften Fischernetze und sangen Lieder, wie Martin Rhesa5 sie so eifrig für uns gesammelt hat. – Dainos, Liebeslieder, schlicht, aber melodisch und voller Poesie.
Unterdessen fingen die Männer im Meer Lachs und riesige Aale – das tägliche Brot der Nehrungsbewohner – oder waren mit Arbeiten im Haus beschäftigt.
Das ist eben jene Bernsteinküste, die sich bis in unsere Tage in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten hat, wie Werner6 sie in seinem Roman „Das Kreuz an der Ostsee“ so wunderbar beschrieben hat. Es scheint, als könnte man jeden Augenblick das Nahen des Herrn des Landes, des schrecklichen Zupan7, sehen und die aufgeregten Stimmen des verängstigten Chores hören:

(„Da kommt der Zupan! – Welch schreckliche Kunde! – Wen wird er nun strafen? Alle Macht liegt bei ihm!“)
Ich sah hier das Dörfchen Kunzen mit eben jener versandeten Kirche, außerdem Nidden, Rossitten, Negeln und Schwarzort, von wo man über eine schmale Meerenge ans andere Ufer übersetzt, um in Memel an Land zu gehen.
Außer Fisch mit Kartoffeln und einem Schluck starken Kornbranntweins hatten diese Leute uns nichts anzubieten, doch sie empfingen uns höflich und gastfreundlich mit ihrem „mile kunx “8.
Die Nacht verbrachten wir in einem Gasthof, in hohen Himmelbetten, und am frühen Morgen kletterten wir wieder auf den Sandrücken, um den Weg über die menschenleere Meeresküste fortzusetzen.
Fischerhütten in Schwarzort (Juodkrantė, Litauen).
War eine solche Reise schon ermüdend, so war es noch schwieriger, Memel auf dem Wasserweg zu erreichen. Gewöhnlich fuhren die Reisenden von Königsberg in das Fischerdorf Schaaken am Südufer des Kurischen Haffs und bestiegen hier den sogenannten Schaakener – ein offenes großes Segelschiff, dessen Passagiere allen Launen des Wetters ausgesetzt sind.
Aus Sicherheitsgründen durfte auf dem Schiff kein Feuer gemacht werden, und so konnten die Reisenden auf diesen stürmischen Gewässern zu jeder Jahreszeit mehrere Tage ohne warme Mahlzeit bleiben und mussten sich mit kalter Kost begnügen. – Ein zweifelhaftes Unternehmen, an das sich ein wohlhabender Mensch kaum wagen würde. In der Hoffnung auf günstigen Wind wählten gewöhnlich wenig begüterte Leute diesen Weg.
Auch der dritte Weg – über Tilsit – war ohne jeden Komfort. Sie sehen also, nach Memel zu gelangen war keineswegs einfach, und am Ende erwies sich die Fahrt über die Nehrung doch als die beste Lösung.
Der interessanteste Ort unweit von Königsberg war damals das Ermländische Erzbistum. Die Wallfahrt nach Heiligelinde – zur Heiligen Linde9 – zog Katholiken wie Lutheraner an. Die Übernachtung im schönen Wald war romantisch, die Jahreszeit warm, die Leute fröhlich, die kirchliche Prozession eindrucksvoll, und all das fesselte und zog uns ungemein an.
In früher Jugend unternahm ich jeden Sommer in Gesellschaft meiner lieben Freunde eine Fahrt in diese Gegend. Einer von ihnen ist längst gestorben, die beiden anderen lächeln vielleicht nachdenklich, wenn sie an jene Tage zurückdenken. Unser Leben ist ernster und schwerer geworden, doch damals dachten wir nicht an die Zukunft!
Ihr jungen Leute, die ihr die Segnungen des Jahres 1836 genießt! Ihr, denen die schnellen Züge schon nicht mehr genügen! Ihr, die ihr bald sehen werdet, wie alle Entfernungen dank Dampf und Eisenbahnen verschwinden – ihr werdet mich nicht verstehen können, wenn ich sage, dass eine Fahrt von zwölf Meilen für uns, die jungen Leute von 1813–1814, eine ungewöhnliche, herrliche Reise war.
Ihr, die ihr jedes Jahr Reisen auf dem Rhein unternehmt, Paris und London kennt, ihr, die ihr den schneebedeckten Gipfel des Rigi10 besteigt! Ihr wisst nicht, wie unsere Herzen schlugen, uns armen Königsbergern, wenn wir von Reisen hörten, und wie sehr wir uns wünschten, auch nur ein wenig über die holprigen Wege des alten Königreichs zu fahren!
Welche Menge Sachen wir mitnahmen und wie viel wir mitzunehmen vergaßen, was uns dann im Laufe unserer großen Reise sehr fehlte! Ich glaube, heute ist es leichter, nach Livorno zu gelangen und von dort mit dem Dampfer in die Levante, als in jenen Jahren nach Heilsberg11 zu fahren, wohin ich gewöhnlich von Heiligelinde aus fuhr.
Jene Reise durch Ostpreußen unternahm ich im Sommer 1814 mit meinen Freunden.

Bartel aus Bartenstein.
An einem herrlichen Junimorgen fuhren wir auf einem leichten Wagen aus dem Friedländer Tor von Königsberg hinaus. Vor uns lag eine grüne Ebene, auf der immer wieder die Kirchtürmchen der Dörfer auftauchten, links floss der Pregel, rechts war das Waldgebiet von Awaiden zu sehen.
Wir alle waren grundlos glücklich und schauten mit frohen Augen auf die vertraute Welt.
Die Wirtshäuser waren elend, das Bier ungenießbar, von Komfort konnte keine Rede sein. Gewöhnlich schliefen wir auf Strohlagern. Doch wir nahmen die geringfügigsten Dinge, die uns unterwegs widerfuhren, als neues interessantes Abenteuer!
Unweit von Königsberg liegt der Ort Mühlhausen. Dort lebte die Tochter des großen Reformators Martin Luther, die mit einem Edelmann von Kalckstein verheiratet war. Hier standen wir vor den Bildnissen von Vater Martin und seiner Tochter Margarete, die angeblich von Holbein gemalt worden waren. [In Wirklichkeit von Lucas Cranach. – Red.]
Von dort gelangte unsere Gesellschaft nach Bartenstein12, einem kleinen schmutzigen Städtchen. Hier sahen wir vor dem Rathaus einen alten Stein liegen [Bartel – siehe oben.]. Er hatte Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt, und unsere heidnischen Vorfahren hatten ihn einst verehrt. Das war eine Legende, die im Volk noch immer umging, von den Gelehrten aber längst widerlegt war. Und obwohl wir darüber gut unterrichtet waren, gesellten wir uns dennoch zur Menge der Gaffer. So standen wir eine Weile und betrachteten das uralte Standbild, während unsere Pferde gefüttert wurden. Wir versuchten, in diesem Granitklotz den wahren Perkunas zu sehen, den alten prußischen Donnergott, der nun vor uns stand!
In Markeim13 empfing uns der dortige Amtmann14 freundlich, und wir stellten eine kleine etymologische Untersuchung an. Bevor wir abreisten, fanden wir heraus, dass das hiesige Schloss einst eigentlich Mag es keimen – Möge es keimen – geheißen hatte und dass der Name Markeim daraus entstanden war.
Von Markeim bis Heiligelinde ist es nicht weit. Doch wir wurden gehörig durchgerüttelt, bevor wir dort ankamen. Der Urwald, in dem das Kloster liegt, bietet einen zauberhaften Anblick. Die weißen Klostergebäude mitten darin machen einen außergewöhnlichen Eindruck, denn etwas Derartiges waren wir in unserer Heimat nicht zu sehen gewohnt. Die Umgänge um den Klosterhof (die sogenannten Kreuzgänge) mit ihren Kapellen waren ebenso wie die helle, freundliche Kirche selbst al fresco15 ausgemalt. Malerei dieser Art hatte ich vor dem Besuch dieses Klosters nie gesehen. Der Maler war ein Schweizer namens Felix Meyer16, wenn mich mein sonst treues Gedächtnis nach so vielen Jahren nicht täuscht. Ich stand staunend mit erhobenem Kopf da und schaute. Und obwohl mir die Fülle architektonischer Formen auf den Bildern und die allzu künstlich verflochtenen Reihen heiliger Allegorien nicht gefielen, konnte ich meine Bewunderung nicht zurückhalten, als stünde ich vor Raffaels Loggien. Darin liegt der Zauber des ersten Kunsteindrucks auf ein junges Gemüt!
Heiligelinde (Święta Lipka, Polen).
Vom gegenüber auf einem Hügel gelegenen Gasthaus bot sich eine herrliche Aussicht, und wir fanden hier eine würdige Aufnahme. Ich blieb an der Tür, um das Kloster und die ganze Umgebung im Mondlicht zu zeichnen, und war sehr glücklich, als es mir gelang. Nie zuvor hatte ich etwas so Schönes gesehen!
Von Heiligelinde fuhren wir in das benachbarte Städtchen Heilsberg. Es war von grünen Hügeln umgeben, die dem hier fließenden Flüsschen einen anmutigen Rahmen bildeten. Ich glaube, es trägt den Namen Alle, und bitte Professor von Baczko17, der mich in der Geographie Preußens unterrichtete, um Verzeihung, falls ich mich irre.
Als wir dieses schöne Tal erblickten, beschlossen wir, unseren Kutscher zurückzuschicken und zu Fuß zu gehen. „Wir werden durch bergiges Gelände wandern müssen!“, bemerkte einer von uns. Nun gut! Auf dieser Fahrt würden wir alle Freuden einer Wanderung auf den Bergpfaden der Schweiz erleben. Gesagt, getan!
Der Kutscher blieb im Gasthof, und wir zogen mit Gitarren und Rucksäcken auf den Schultern als Fußwanderer in Heilsberg ein. Als wir durch eine der engen Gassen der Stadt gehen mussten, bot sich unseren Augen ein grausiger Anblick. Wir erschraken, als wir die halb verwesten Überreste einer Kindsmörderin auf dem Rad18 sahen. Wahrlich, so etwas vergisst man nicht so bald! Wir mussten unwillkürlich so nahe vorbeigehen, dass wir die Kleiderfetzen, mit denen der Wind spielte, und die vom Rad herabhängenden Knochen des Skeletts, die auf uns herabzustürzen drohten, fast berührten. Doch das Lebensgefühl, das wir nach Durchschreiten der Gasse in den eigenen Knochen spürten, gab uns neuen Mut und hob unsere Stimmung wieder.
Heilsberg war auf recht seltsame Weise gebaut. An den Fassaden der Häuser zogen sich gewölbte Laubengänge entlang, wie man sie oft in Süddeutschland sieht. Hier erhob sich auch das alte Schloss, in dem einst der Fürstbischof von Ermland residiert hatte. Im Übrigen ist das Städtchen unbedeutend, schmutzig und, wie üblich, schlecht gepflastert. Sehr müde kehrten wir in den Gasthof zurück, wo wir uns ausruhten und dann ins Billardzimmer gingen.
Dort vertrieben sich zwei vornehme Herren die Zeit mit diesem Spiel der Könige und traten in den Pausen an einen Seitentisch, um einen Schluck Branntwein aus dem Glas zu nehmen und ein Stück Wurst dazu zu essen. Einer von ihnen, ein beleibtes kleines Männchen in grauem Rock und mit einer ebensolchen Schirmmütze auf dem Kopf, den er bei unserem Erscheinen nicht einmal wandte, vergnügte sich damit, unablässig Witze zu reißen. Seine Gesprächspartner saßen an den Tischen und vermischten sozusagen geistige Nahrung mit dem täglichen Brot. Unser Erscheinen schien das Gespräch für einen Augenblick zu unterbrechen.
Heilsberg (Lidzbark Warmiński, Polen).
… Ich habe bei verschiedenen Völkern oft die Reaktionen beobachtet, die das plötzliche Erscheinen völlig fremder Personen in ihrer Nähe hervorruft. Hier meine Schlussfolgerungen. Engländer setzen das Gespräch fort, ohne den Fremden zu beachten, und oft ohne auch nur in seine Richtung zu blicken. In jedem Fall aber werden sie unbedingt stolze Gleichgültigkeit zur Schau tragen.
Übrigens ist es zwecklos, Engländer beim Eintreten zu grüßen, da sie den Gruß selten erwidern. So verhalten sich sogar diejenigen, die sich bei näherer Bekanntschaft als durchaus umgängliche und höfliche Gentlemen erweisen. Die Einhaltung sinnloser, lästiger Höflichkeitsformen gegenüber völlig Unbekannten ergibt für sie keinen Sinn, und ich finde das in Wahrheit zumindest ehrlich. Wie oft bemerken wir selbst, dass sich hinter äußerer Höflichkeit bäuerische Grobheit und Pöbelhaftigkeit verbergen!
Auf den Gruß eines Fremden antworten die Franzosen mit einer sehr ernsten Miene, und darin ahmt sie unsere ganze gebildete Welt nach. Wenn sich heute an einem öffentlichen Ort ein Fremder plaudernden Franzosen nähert, verstummen sie für einen Augenblick und werfen ihm einige flüchtige Blicke zu, in denen stets ein gewisser Spott durchscheint.
Die Deutschen betrachten den sich ihnen nähernden Fremden mit recht gereizter Miene lange und ostentativ. Es scheint, als würden diese – sonst so liebenswürdigen und gutmütigen – Menschen den Fremden am liebsten auffressen, weil er es gewagt hat, sie zu stören. Erst später verfliegt diese anfängliche Verbitterung spurlos.
Wer meint, jeder Gruß müsse mit einem freundlichen Lächeln bis zu den Ohren oder gar mit einer Reihe von Floskeln beantwortet werden, ist gewiss ein Spießbürger aus irgendeinem deutschen Kleinstädtchen, oder vielleicht ein Mensch ohne Manieren und Erziehung.
Die Bewohner kleiner Städte und Dörfer sind gewöhnlich freundlicher als die Bewohner großer Städte. Sie sind neugieriger und daher gesprächiger.
Am unangenehmsten aber ist es, wenn ein Fremder in eine sogenannte geschlossene Gesellschaft eingeführt wird. Gewöhnlich führt das zu hartnäckigstem Schweigen auf alle Versuche, ein Gespräch zu beginnen. Ich habe selbst beobachtet, wie mein Tischnachbar, der stets sehr freundlich und gesprächig war, kein Wort herausbrachte, als er ein unbekanntes Gesicht gegenüber sah …
Der Mann im grauen Rock schien jedoch von solchen Feinheiten nichts zu wissen. Nach kurzer, aber merklicher Verwunderung entspannte er sich und fuhr fort, seine Witze zum Besten zu geben. Auch das Lachen der anderen setzte wieder ein, und niemand achtete mehr auf uns. Uns jedoch erschienen all diese schlüpfrigen Späße so erbärmlich, dass wir uns schläfrig ansahen und keinen Grund zum Lachen fanden. Eine solche Haltung konnte der Witzbold nicht ertragen, denn jeder, der in Fahrt gekommen ist und, wie ihm scheint, Witze nur so versprüht, erträgt eher eine Beleidigung, als dass er ein ernstes Gesicht neben sich duldet. Vielmehr wird gerade das für ihn der größte Hohn sein. Nach Beendigung der Billardpartie verließ der graue Rock das Zimmer, und bald darauf erschien ein Diener und bat uns grob in das Zimmer des Herrn Landrats19.

Eichen – ein Symbol Preußens.
Nicht wenig staunten wir, als wir plötzlich unserem unwitzigen Witzbold gegenüberstanden, dessen Gesicht nun den strengsten Ausdruck angenommen hatte. Es war der Herr Landrat selbst, der unverzüglich zu einem regelrechten Verhör schritt.
Ohne Umschweife erklärte er, er habe sofort unseren übermäßigen Ernst bemerkt. Als alle ringsum lachten, hätten wir versucht, Sorge und Unruhe zu verbergen. Es sei ihm vorgekommen, als brüteten wir über einem geheimen Plan, und deshalb wolle er unsere Pässe sehen. Ich erklärte, wir hätten aus eigenem Entschluss beschlossen, einen Ausflug durch die Paradiesgefilde des Herrn Vorstehers zu machen – hier lächelte unser Richter – und es nicht für nötig gehalten, dafür eine polizeiliche Erlaubnis einzuholen.
Was aber unseren Ernst angehe, so seien wir es gewohnt, nur über geistreiche Witze zu lachen, deren Pointe wir verstehen. Im Billardzimmer aber sei es uns nicht gelungen, einen Grund zum Lachen zu erfassen. Vermutlich seien die Witze nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten verständlich gewesen. Wir hätten es auch nicht für nötig gehalten, hier jemandem gefällig zu sein.
Meine ernste Antwort erregte den Kreisbeamten so sehr, dass er uns stockend zu erklären begann, ernste Menschen in fröhlicher Gesellschaft erschienen ihm stets verdächtig, und erst recht jene, die so herausfordernd wie wir nicht an der allgemeinen Heiterkeit teilnähmen.
Diese Behauptung löste bei uns jenes gesunde Lachen aus, um das sich der hiesige Landrat so lange bemüht hatte, und als wir ihm mitteilten, dass wir keine Pässe bei uns hätten, erklärte er, wir seien seine Gefangenen. Der Beamte läutete mit einer Glocke, und ins Zimmer trat ein kräftig gebauter Mann, ein Aufseher oder Kerkermeister.
Wir sahen einander fragend an – unsere betrübten Blicke bestätigten: Die Lage war denkbar schlecht. Woher sollten wir wissen, wie weit dieses kleine Männchen in seiner Willkür gehen würde, und jeder von uns stellte sich bereits auf eine bedrückende Haft ein, bis in Königsberg die nötigen Ermittlungen angestellt wären.
Nach einem ausführlichen Verhör, das amtlich zu Protokoll genommen wurde, sollten wir ins Stadtgefängnis gebracht werden. Alle Proteste waren vergebens, doch der Kerkermeister zwinkerte uns so verschmitzt zu, dass allen zugleich der Gedanke an eine Flucht mit seiner Hilfe kam. Der Zufall half, unsere Reise wahrhaft pikant zu machen.
Spöttisch verabschiedeten wir uns von dem Richter, der hochmütig auf uns blickte, während er dem Kerkermeister die entsprechenden Anweisungen gab. Dann führte man uns über den Markt in eine enge Gasse, wo wir in einem hohen schwarzen Gebäude eine kasernenartige Stube betraten.
Schloss Heilsberg (Lidzbark Warmiński, Polen).
Hier erklärte uns unser guter Wächter, er stehe ganz zu unseren Diensten und wünsche sich nichts sehnlicher, als uns Bier und Tabak zu bringen. Seine Frau entfachte ein großes Feuer im Ofen und fragte, was wir zum Abendessen zu essen wünschten.
Kurz gesagt, wir begriffen schnell, dass die Haft nicht streng sein würde und wir hier gegen den Willen des Herrn Landrats ein ganz erträgliches Dasein führen könnten. Doch es betrübte uns, den Abend nicht an der frischen Luft verbringen zu können! Wir klagten dies unserem freundlichen Wirt, und er äußerte den Wunsch, uns mit seinem Hund auf einem Spaziergang zu begleiten.
So gingen wir zu sechst – wir vier, der Aufseher und sein Hund – zum Stadttor hinaus und stiegen die Hügel hinauf, bis wir den höchsten Gipfel mit dem stolzen Namen Kreuzberg erreichten. Als wir spät am Abend zurückkehrten, hatte die gute Frau uns bereits den Tisch gedeckt, damit wir den Hunger stillen konnten, den wir vom Spaziergang mitbrachten. Auch der wackere Kerkermeister machte sich ans Essen, und sein prächtiger Köter zermalmte zur Gesellschaft die Knochen in seinem Napf mit solchem Krachen, dass es eine wahre Freude war, zuzusehen.
Zum Abschluss des Abendessens, als wir eine Flasche Punsch aus dem Rucksack holten und um heißes Wasser baten, lächelte der Aufseher schelmisch und sagte: „Das habe ich nicht gesehen, aber ich leiste Ihnen gern Gesellschaft!“
Noch nie hatte es in einem Kerker glücklichere und zufriedenere Menschen gegeben! Wir liebten und schätzten einander und sangen so laut, dass die auf der Straße spazierenden Bürger die frechen Rufe der eingekerkerten „Verbrecher“ hören konnten, die durch das Schnellgericht des hochwohlgeborenen Richters zu französischen Spionen befördert worden waren. Dann senkte sich süßer Schlaf auf unsere unschuldigen, vom Punsch benebelten Köpfe, und wir erwachten erst, als die goldene Mittagssonne das freundliche Verlies erhellte.
“Zum Teufel! Was machen Sie denn hier?“, rief uns lachend ein bekannter Bass zu, als wir unseren Morgenkaffee aus den Bechern genossen, die uns die Frau Kerkermeisterin hingestellt hatte. In unsere Stube trat der wackere Amtmann von Markeim, der geschäftlich nach Heilsberg gekommen war. Sobald er die bemerkenswerte Geschichte hörte, die uns widerfahren war, beeilte er sich, unsere Freilassung zu bewirken.
Seine Bürgschaft wurde angenommen, und die Kerkertüren öffneten sich zum großen Kummer unserer Wirtsleute noch vor dem Mittagessen. Wir versäumten jedoch nicht, dem Ehepaar die für uns gekauften Speisen zu erstatten, und beim Abschied versicherte uns der Kerkermeister, er habe nie so gute Landstreicher wie uns in seinen Mauern beherbergt, und er habe deren in seinem Leben nicht wenige gesehen.
Brücke in Rößel (Reszel, Polen).
Unser Freund, der Amtmann, hatte für uns beim Gastwirt eine Aufenthaltserlaubnis hinterlassen, und stolz betraten wir das Billardzimmer, wo wir erneut die örtliche höhere Gesellschaft erblickten. Diesmal jedoch kam kein einziger Witz über die Lippen des Ortsoberhaupts.
Nach dem Mittagessen fuhren wir in der Equipage unseres Amtmanns nach Rößel20, einem kleinen angenehmen Städtchen mit einem Frauenkloster, wo wir bei den frommen Schwestern feine Spitzen und das berühmte Klostergebäck kauften, um nach unserer Ankunft in Königsberg unsere Angehörigen mit willkommenen Geschenken zu erfreuen.
* * *
Angenehm war es, auch im Winter durch die Heimat zu reisen, wenn sich ringsum, wohin man blickte, Schneefelder ausbreiteten und die Leute mit Pferdeschlitten unter fröhlichem Schellengeläut darüber fuhren. Dann konnte man jeden beliebigen Weg wählen: über zugefrorene Teiche, durch Gebüsch, Hecken und Zäune, die tief im Schnee lagen. Meine liebste Fahrt führte durch die Capornsche Heide in das alte Fischerdorf Tenkitten unweit von Fischhausen, wo an der Stelle, an der der christliche Glaubensbote Adalbert von Heiden ermordet worden war, die erste Kirche Preußens stand. Hier waren in dem geräumigen Amtsgebäude abends eine lange Reihe von Fenstern erleuchtet, und jeder, der vorbeifuhr, konnte auf einen Sprung hereinschauen. Sobald der Tisch gedeckt war, erschienen nacheinander Gäste, die der freundliche Wirt nicht einmal mit Namen kannte, aber jeden herzlich begrüßte. Seitdem bin ich in keinem Land mehr einer so edlen, großartigen Gastfreundschaft begegnet.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
ANMERKUNGEN
1. Genannt sind die wohlhabendsten Familien Memels jener Zeit. 1807, als Preußen von Napoleons Armee geschlagen war und das preußische Königspaar in Memel Zuflucht fand, wurde das Kaufmannshaus Argelander zur Residenz der preußischen Prinzen – des künftigen Königs Friedrich Wilhelm IV. und seines Bruders Wilhelm, des künftigen Kaisers, des ersten Deutschen Kaisers Wilhelm I. Ihr Spielgefährte war Wilhelm Argelander, später ein bekannter Bonner Astronom. In der Stadt lebte auch viel englischer Adel, da sie offenbar die englischsprachigste Stadt nicht nur Preußens, sondern des ganzen europäischen Festlands war.
„Wenn ein Russe oder Deutscher England besuchen will, sollte er einige Zeit in Memel verbringen, um sich an manche Sitten und an den Ton der Engländer zu gewöhnen, die anfangs bei jedem Nichtbriten Ablehnung hervorrufen. Die Memeler, die ihre Außenhandelsgeschäfte fast ausschließlich mit Engländern führen, sind in die Sitten und Gebräuche dieser Insulaner so verliebt, dass sie sie bei jeder Gelegenheit nachahmen, wobei es hier an komischen Situationen nicht fehlt. Man spricht nur Englisch, besonders in den großen Handelshäusern, isst, trinkt, spielt und vergnügt sich auf englische Art; man hat dieselben Launen wie die Engländer und ist ebenso grob und ungesellig wie sie. Ein Fremder, der dank seiner Empfehlungen in eine Gesellschaft eingeladen wurde, kann stundenlang sich selbst überlassen bleiben, und niemand denkt auch nur daran, ein Gespräch mit ihm anzufangen. Die Anwesenden verhalten sich so, als wäre er nicht da, und jede Frage, die er stellt, wird mit einer einsilbigen Antwort abgeschnitten. Erst wenn die Anwesenden erfahren, dass der Neuling aus einer Handelsstadt kommt, stellt man ihm vielleicht auf englische Art die Frage: Wie viel ist dieser oder jener Mann wert? – das heißt, über welches Kapital verfügt er?“
Gottfried Rauschnick,
„Briefe eines russischen Reisenden“,
1814, Erster Brief.
2. Die geographische oder deutsche Meile (Geographical mile) ist die Länge von 1/15 Grad des Äquators. Nimmt man die Erde als Kugel an, deren Volumen dem Volumen der Erde mit den Maßen nach Bessel gleich ist, so ergibt sich eine geographische Meile von 7,42 km.
3. Henrik Steffens (1773, Stavanger – 1845, Berlin) – europäischer Universalgelehrter, Naturphilosoph und romantischer Schriftsteller norwegischer Herkunft.
4. Alter seemännischer Ausdruck („mit Mann und Maus untergehen“). Wenn ein Schiff sinkt, kommen Seeleute, Passagiere und die an Bord lebenden Tiere (etwa Ratten oder Mäuse) gemeinsam um und teilen dasselbe traurige Schicksal. Doch dasselbe Schicksal kann auch Menschen an Land ereilen, sodass sich diese Maxime auch auf ein Unglück zu Lande anwenden lässt.
5. Martin Ludwig Rhesa (1776, Dorf Karwaiten auf der Kurischen Nehrung – 1840, Königsberg) – litauischer Dichter, Kritiker, Philologe, Übersetzer, protestantischer Pfarrer, Sammler litauischer Folklore.
6. Friedrich Ludwig Zacharias Werner (1768, Königsberg – 1823, Wien) – deutscher Dichter und Dramatiker, Verfasser zahlreicher Tragödien, katholischer Priester.
7. Das alte Prußen war in elf Provinzen gegliedert, an der Spitze jeder von ihnen stand ein Oberhaupt – der Zupan (Sczupan). Der Name kommt vom slawischen „župyn“, was „Herr des Landes“ bedeutet. Die prußischen Provinzen waren nominell durch die Macht des Oberpriesters Kriwe Kriwaito vereint.
9. Mile Kunx – Lieber Herr. Die kurische Mundart, die hier gesprochen wird, ist wahrscheinlich altpreußisch und unterscheidet sich stark vom Lettischen (in Kurland und Livland), vom Estnischen (in Estland) sowie vom Litauischen. Diese Mundarten klingen sehr melodisch, doch auch die Sprache der alten Prußen stand ihnen nicht nach. Davon zeugen die Namen der Götter: Potrimpos, Pikollos und Perkunas, sowie Kriwe Kriwaito, Waidelot usw.
9. Święta Lipka (dt. Heiligelinde) – ein kleines Dorf in der Woiwodschaft Ermland-Masuren im Nordosten Polens. Es liegt etwa vier Meilen südöstlich von Reszel (dt. Rößel) und acht Meilen südwestlich von Kętrzyn (dt. Rastenburg). Das Dorf liegt in der historischen Region Masuren. Święta Lipka ist bekannt für sein Wallfahrtsheiligtum und seine Barockkirche. Der Name könnte tatsächlich auf einen heiligen Hain der alten Prußen zurückgehen, der sich hier befand.
10. Rigi – Bergmassiv in der Zentralschweiz, gehört zu den Alpen. Die Rigi liegt zwischen Zuger- und Vierwaldstättersee, an der Grenze der Kantone Luzern und Schwyz. Höhe: 1797 m über dem Meeresspiegel.
11. Heilsberg – heute Lidzbark Warmiński – Stadt in Polen, Woiwodschaft Ermland-Masuren.
12. Bartenstein – heute Bartoszyce – Stadt in Polen, Woiwodschaft Ermland-Masuren.
13. Markeim – Landgemeinde im Kreis Heilsberg. Seit 1945 gehört es zu Polen und heißt auf Polnisch Markajmy.
14. Amtmann – Beamter, Bediensteter (dt.)
15. „Al fresco“ – „auf das Feuchte“ – eine Technik der Wandmalerei auf feuchtem Putz (Fresko), das Gegenstück zur „al secco“ (Malerei auf trockenem Putz).
16. Felix Meyer (1653, Wülflingen bei Winterthur – 1713, Schloss Wyden bei Ossingen) – einer der bedeutendsten Schweizer Landschaftsmaler seiner Zeit.
17. Ludwig Franz Adolf Josef von Baczko (1756, Lyck – 1823, Königsberg) – deutscher Schriftsteller, Lehrer an der Königsberger Universität Albertina. In der Geistesgeschichte steht er zwischen Aufklärung und Romantik. Sein Hauptwerk ist die sechsbändige „Geschichte Preußens“. Mit 26 Jahren erblindete er infolge eines Unfalls.
18. Rädern – eine in der Antike und im Mittelalter verbreitete Art der Todesstrafe, auch unter der Bezeichnung „Katharinenrad“ oder einfach „Rad“ bekannt. Das Rädern wurde schon im alten Rom angewandt. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war es in Europa verbreitet, besonders in Deutschland und Frankreich, wo es als die qualvollste (nach dem Vierteilen) und schändlichste Hinrichtung galt. Dem zum Rädern Verurteilten wurden mit einer Eisenstange oder einem Rad alle großen Knochen des Körpers gebrochen, dann band man ihn auf ein großes Rad und stellte das Rad auf einen Pfahl. Der Verurteilte lag mit dem Gesicht nach oben und starb an Schock und Austrocknung, oft erst nach recht langer Zeit. Die Qualen des Sterbenden wurden durch Vögel verschlimmert, die nach ihm pickten.
19. Landrat – in Deutschland ein Regierungsbeamter, der staatliche Aufgaben auf dem Gebiet eines Kreises wahrnahm und zugleich das alleinige ausführende Organ der kommunalen Selbstverwaltung des Kreises war.
20. Die Gemeinde Rößel gehörte zum Kreis Rößel im Regierungsbezirk Allenstein. Die Stadt gehört seit 1945 zu Polen, ihr heutiger polnischer Name ist Reszel.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Illustrationen (2, 4, 5, 9) von Gustav Schönleber aus Edmund Hoefers Buch „Küstenfahrten an der Nord- und Ostsee“, erschienen 1881 im Stuttgarter Verlag der Gebrüder Kröner.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

