Es heißt, dass Friedrich Wilhelm gerade in dieser Zeit, nach dem Sieg bei Fehrbellin (28.06.1675), den Beinamen „der Große“ zu seinem Titel als Kurfürst von Brandenburg erhielt. Bemerkenswert ist, dass in der Neuzeit keinem der deutschen Kaiser und keinem der englischen oder französischen Monarchen die Ehre zuteilwurde, „der Große“ genannt zu werden (und dort bekam wahrlich jeder König einen treffenden Beinamen). Von den russischen Selbstherrschern gelang es nur zweien – Kaiser Peter I. und Kaiserin Katharina II. –, diesen Zusatz zu ihrem Titel zu erlangen. In Deutschland selbst erhielt den Beinamen „der Große“ zum zweiten Mal in der Geschichte der preußische König Friedrich II., ein Urenkel des Großen Kurfürsten. Untertänige Schmeichelei hat es natürlich immer gegeben, doch wenn der Beiname „der Große“ nicht vom Volk getragen wird, bleibt er auch in der Geschichte nicht haften.

Im Oktober 1678 schlossen die Truppen des Großen Kurfürsten die wichtigste Zitadelle Schwedisch-Pommerns ein – die Festung Stralsund (oben), die dafür bekannt war, dass im Dreißigjährigen Krieg (1618–48) die Armee Wallensteins sie vergeblich belagert hatte.
Deshalb rechnete der schwedische König auch diesmal damit, dass sie hartnäckigen, monatelangen Widerstand leisten würde. Friedrich Wilhelm hatte jedoch andere Pläne. Er zog vor ihren Mauern eine mächtige Artilleriegruppe aus 22 Mörsern und 50 Haubitzen zusammen. Am 10. Oktober begann der Beschuss der Stadt, der mit kurzen Unterbrechungen bis zum Abend des 11. Oktober andauerte. Schon gegen Ende des ersten Tages der Bombardierung brachen zahlreiche Brände aus, und die städtische Obrigkeit schickte Unterhändler zum Großen Kurfürsten. Gegen Ende des 11. Oktober hielt auch die Garnison der Festung nicht mehr stand. Am 15. Oktober wurde die ehrenvolle Kapitulation der Festung unterzeichnet, und am 20. zog Friedrich Wilhelm in sie ein. Nach dem Fall Stralsunds zweifelte niemand mehr am Ausgang des Schwedisch-Brandenburgischen Krieges.
Wirft man sie zur Tür hinaus, kommen sie durchs Fenster
Doch noch bevor Stralsund in Flammen stand, beschlossen die Schweden, den Kriegsschauplatz drastisch auszuweiten und den Krieg auf das Gebiet Brandenburg-Preußens zu tragen. Der strategische Plan der schwedischen Operation in Preußen sah einen energischen Vorstoß auf Königsberg vor, solange im Herzogtum kein nennenswertes Truppenkontingent zu dessen Verteidigung stand. Eingesetzt werden sollte ein zahlenmäßig kleiner und daher beweglicher Verband, der im Oktober 1678 von Riga aufbrechen und schon in der zweiten Dezemberhälfte vor Königsberg stehen konnte. In Kurland zählte die schwedische Armee 15.000–16.000 Soldaten. Selbst wenn nur ein Korps von zehntausend Mann vor Königsberg erschiene, würde das genügen, um die dort verbliebene kleine Garnison zur Kapitulation zu zwingen. Die Einnahme der preußischen Hauptstadt hätte Friedrich Wilhelm zweifellos gezwungen, die Belagerung Stralsunds aufzuheben und in Richtung Königsberg zu ziehen. Bis dahin aber hätte auch Schweden über See zusätzliche Kräfte vor Königsberg verlegen können, und der Krieg wäre nicht mehr um Pommern, sondern um Preußen geführt worden – wobei nun das Gebiet des Gegners der Verwüstung ausgesetzt gewesen wäre.
Am 15. November 1678 drang die aus Riga aufgebrochene schwedische Armee mit 11.200 Soldaten (nach deutschen Angaben; nach schwedischen waren es 11.547) bei Memel (Klaipėda) in preußisches Gebiet ein.
„Doppelplakat“ aus dem 17. Jahrhundert mit Karten von Königsberg (oben) und Riga.
Die Armee unter dem Befehl von Feldmarschall Henrik Horn umfasste nach deutschen Angaben 14 Kavallerie-, 6 Dragoner- und 12 Infanterieregimenter. Laut schwedischen Unterlagen zählte man beim Abmarsch aus Riga 4136 Infanteristen, 5174 Reiter und 2237 Dragoner. Das Heer verfügte über 36 Geschütze. Die schwedische Armee versuchte sofort, Memel im Handstreich zu nehmen. Der Beschuss löste in der Stadt einen großen Brand aus, doch die Festung hielt dem ersten Ansturm stand. Horn fehlte die Zeit für eine gründliche Belagerung Memels; er begnügte sich daher damit, einige städtische Gebäude niederzubrennen, und setzte den Marsch auf Königsberg fort.
Der schwedische Vormarsch folgte einer recht bekannten Route über Memel nach Tilsit (Sowetsk), das die Schweden am 6. Dezember besetzten. Daraus ergibt sich, dass die schwedische Armee auf dem Marsch im Durchschnitt 10 km am Tag zurücklegte. Nach dem Eintreffen in Preußen sank die Marschgeschwindigkeit wegen der allgemeinen Erschöpfung, der kürzer werdenden Tage, der Notwendigkeit, mit Gefechtssicherung vorzurücken und Lager nach allen Regeln der Kunst anzulegen, auf 4 km pro Tag. Dennoch konnten die Truppen Friedrich Wilhelms nach Feldmarschall Horns Berechnungen selbst in Eilmärschen Königsberg nicht vor März 1679 erreichen – und berücksichtigte man die Gepflogenheit, große Feldzüge auf Frühjahr und Sommer zu verschieben, sogar erst um die Mitte des Sommers. Deshalb hatte er es nicht eilig, Tilsit zu verlassen, und gönnte seiner Armee eine ausgiebige Rast.
Hier in Tilsit erreichte ihn die Nachricht aus Schweden, dass die Festung Stralsund gefallen war, während sie von Riga heranmarschierten – und damit hatte die gesamte Operation, die die Kräfte des Großen Kurfürsten von der Belagerung ablenken sollte, jeden Sinn verloren.
Horn wurde angewiesen, sich in den eingenommenen Stellungen festzusetzen und den Hauptkräften der schwedischen Armee einen Brückenkopf für den Einmarsch in Preußen im Frühjahr und Sommer 1679 zu sichern. Und für solche Winterquartiere eignete sich Tilsit am besten. Doch Horn beschloss aus irgendeinem Grund überraschend, den Marsch auf Königsberg fortzusetzen, und brach in Richtung Insterburg (Tschernjachowsk) auf, um dann nach Wehlau (Snamensk) abzubiegen und weiter bis zur preußischen Hauptstadt vorzurücken. Auf nennenswerten Widerstand stieß seine Armee nach wie vor nicht. Der nächste große Halt nach Tilsit war Insterburg. Horns Stab quartierte sich im Schloss Georgenburg (Siedlung Majowka) ein. Am 6. Januar zog die schwedische Armee in Wehlau ein. Auf dem Weg von Tilsit nach Wehlau sank das Marschtempo der Schweden auf etwa dreieinhalb Kilometer am Tag – ein Beleg dafür, wie beschwerlich Winterfeldzüge für die Armeen jener Zeit waren.
Auf die Manöver kommt es an!
Friedrich Wilhelm feierte gerade den glorreichen Sieg in Pommern, der die lang ersehnte territoriale Vereinigung der Lande Brandenburg und Preußen verhieß, als im Dezember 1678 in Berlin Meldungen eintrafen, schwedische Truppen seien in Preußen eingefallen. Nachrichten verbreiteten sich damals langsam. Unmittelbar in Berlin verfügte der Kurfürst über eine Armee von 9000 Soldaten, darunter 5000 Reiter, mit 30 Geschützen. Die feindliche Armee wurde in den Meldungen auf 12.000–15.000 Mann geschätzt. Der Kurfürst begriff, dass er aus dem Marsch heraus überlegene feindliche Kräfte in vorbereiteten Stellungen angreifen müsste, was im frontalen Zusammenstoß kaum Erfolg versprach. Daher wurde ein Plan ausgearbeitet, der in der deutschen Militärgeschichte legendär werden sollte. Diesem Plan zufolge sollte eine kompakte Armee unter winterlichen Bedingungen im Eilmarsch nach Königsberg ziehen. Dort sollte die gesamte Kavallerie, ohne auf die Infanterie zu warten, sich mit den Reitereinheiten der Festungsgarnison vereinigen und Horns Armee in kleinen Scharmützeln binden, damit sie nicht ungestraft nach Livland entkommen konnte. Die Hauptkräfte – Infanterie und Artillerie – sollten in einem Umgehungsmanöver die Verbindungswege abschneiden, über die die feindliche Armee versorgt wurde. Anschließend würden die vereinigten Truppen des Kurfürsten den Gegner endgültig zerschlagen.
Der Plan war erstaunlich innovativ. Allein schon die Rede von abgeschnittenen Verbindungswegen versetzt uns in eine viel spätere Epoche – dieses Vorgehen wurde im Zweiten Weltkrieg zum Klassiker.
Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm.
Nimmt man noch die Verlegung einer Armee über Hunderte Kilometer mitten im Winter hinzu, entsteht der Eindruck, es gehe überhaupt nicht um das 17. Jahrhundert. Doch die größte Überraschung, der eigentliche „Clou“ dieses Feldzugs, stand den Schweden erst noch bevor.
Die Strecke von Berlin nach Marienwerder (Kwidzyn, Polen), das als Zwischensammelpunkt der Truppen diente, wurde mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km am Tag zurückgelegt. Das war anderthalbmal so schnell, wie die Schweden marschiert waren, aber immer noch nicht schnell genug. Jedenfalls nach Ansicht des Kurfürsten. Deshalb hatte man vorab Boten nach Marienwerder geschickt, die dem Magistrat die Anordnung überbrachten, in der Stadt und in allen umliegenden Dörfern sämtliche vorhandenen Schlitten zusammenzutragen. Die Anordnung wurde unverzüglich ausgeführt. Nirgends ist überliefert, dass die Untertanen des Herzogs und Kurfürsten der Versorgung der Truppen mit Schlitten irgendwelche Hindernisse in den Weg gelegt hätten. Denn die fast 40 Regierungsjahre Friedrich Wilhelms hatten Bauern wie Bürger gelehrt: 1) dass es sich nicht lohnt, sich dem Willen des Großen Kurfürsten zu widersetzen; 2) dass die Armee Friedrich Wilhelms niemals die eigene Bevölkerung plündert, die Schlittenbesitzer also mit gutem Grund auf eine Ablöse oder eine angemessene Entschädigung für ihr Eigentum hoffen durften. Insgesamt wurden vorübergehend 1100 Schlitten und zusätzlich zur Kavallerie des Kurfürsten bis zu 700 Pferde requiriert.

Der Schlittenzug – oder vielmehr die Schlittenarmada – setzte sich über die Weichsel und das Frische Haff (Kaliningrader Bucht) nach Heiligenbeil (Mamonowo) und von dort weiter nach Königsberg (Kaliningrad) in Bewegung.

Die Schlitteninfanterie kam so schnell voran, dass die Kavallerie mit dem Kurfürsten an der Spitze ihr nur wenig voraus war. In Königsberg trennten sich Infanterie und Kavallerie erneut.
Die Reiter unter dem Kommando von General Joachim Ernst von Görzke machten sich auf die Suche nach der schwedischen Armee, während die Infanterie unter Führung des Kurfürsten selbst ihren Weg auf Schlitten fortsetzte. Diesmal über Pregel und Deime nach Labiau (Polessk) und von dort über das Kurische Haff zum Dorf Gilge (Matrossowo). Auf dem Weg von Marienwerder nach Königsberg erreichte die Armee Friedrich Wilhelms eine Marschgeschwindigkeit von 30 km am Tag, auf dem Weg von Königsberg nach Gilge sogar 33 km am Tag. Das wären ausgezeichnete Werte für die Zeit des Ersten Weltkriegs und gute für den Zweiten Weltkrieg – natürlich unter Berücksichtigung der Stärke der verlegten Truppen, denn die gesamte Armee des Kurfürsten entsprach einer einzigen Division des Zweiten Weltkriegs. Und dennoch war es phantastisch! Die Vorstellungskraft vermag dieses erstaunliche Bild kaum zu fassen: tausend Schlitten, die über das Eis jagen, vollgepackt mit mehr als achttausend Soldaten und Offizieren, beflügelt vom Einfallsreichtum und der Entschlossenheit ihres Feldherrn. Im Grunde war dies der erste Einsatz einer beweglichen Infanterie – eines Vorläufers der heutigen motorisierten Schützen. Man muss sagen, dass diese ungewöhnliche Entscheidung die Pläne der Schweden, in aller Ruhe auf den Gegner zu warten, zunichtemachte.
Selbst als der schwedischen Führung gemeldet wurde, dass die brandenburgisch-preußische Armee in Königsberg eingetroffen sei, konnte niemand damit rechnen, sie drei Tage später in Gilge anzutreffen. Die Schweden hätten bei ihrem Marschtempo etwa einen Monat bis dorthin gebraucht.

Eine ganze Armee samt Artillerie, die auf Schlitten das Eis des Kurischen Haffs überquert – ein atemberaubendes Schauspiel, das die Phantasie von Schlachtenmalern und Militärkartographen noch lange beflügelte. (In diesem Fall französischer.)
Ein klarer Schlusspunkt, oder: Es siegt der Stärkere
Doch kehren wir ein wenig zurück zu den Schweden und ihrem Feldmarschall Horn. Noch in Wehlau erfuhr er durch Kundschafter, dass Königsberg von einer etwas größeren Garnison verteidigt wurde, als er ursprünglich angenommen hatte. Insbesondere befand sich dort neben den Festungstruppen die Kavallerieabteilung von Görzkes mit bis zu 3000 Reitern. Obwohl Horns Armee dem Gegner um mehr als das Zweieinhalbfache überlegen war, bewies Horn Besonnenheit und verzichtete auf den Marsch nach Königsberg. Auch seine Stellung in Wehlau hielt er für schwach und begann daher den Rückzug nach Tilsit. Dass das Heer des Kurfürsten bereits mit Volldampf nach Preußen eilte, wusste Horn noch nicht. Wäre dieser Rückzug nicht gewesen, wäre der Plan Friedrich Wilhelms hundertprozentig aufgegangen. Horn hatte jedoch die vernünftigste von drei möglichen Handlungsoptionen gewählt – und selbst sie verhieß den Schweden nichts Gutes. Jeder Rückzug demoralisiert eine Armee. Horns Rückzug aber führte über dieselbe Straße, an der die Dörfer gerade erst verwüstet worden waren. Es fehlte an Proviant und Futter, die Zahl der Soldaten, die vor Erschöpfung ausfielen, stieg. Immerhin konnte Horn in Tilsit auf einen Tross aus Riga hoffen, der den Mangel an Nahrung, Futter und Pulver ausgleichen würde. In Tilsit hätte man bis zum Frühjahr ausharren, Verstärkung erhalten und den Feldzug fortsetzen können.
Bemerkenswert ist, dass die Schweden in Tilsit und die Hauptkräfte der Brandenburger in Gilge am selben Tag eintrafen – am 29. Januar 1679. Friedrich Wilhelm hatte sich anderthalb Monate lang nach Kräften beeilt und kam dennoch nur ein, zwei Tage zu spät.
Glaubt man einem Künstler jener Zeit, so hatten die Vorausabteilungen, als die Nachhut der Armee des Großen Kurfürsten gerade erst bei Labiau (Polessk) auf das Haff hinauszog, die Mündung der Gilge (Matrossowo) bereits hinter sich gelassen und waren über das Eis des zugefrorenen Flusses schon mehrere Kilometer tief in die verschneiten Weiten der Elchniederung vorgedrungen.
Wäre diese Verspätung nicht gewesen, wäre sein Zug über das Eis als schwindelerregendster militärischer Sieg des 17. Jahrhunderts in alle Geschichtsbücher eingegangen. Man muss aber auch der Erfahrung von Feldmarschall Horn Anerkennung zollen: Im schwierigen Augenblick der Entscheidung zog er einer glanzvollen, aber unausweichlichen Vernichtung seiner Truppen die Rettung wenigstens eines Teils von ihnen vor.
Unterdessen holte die preußische Kavallerie die Schweden bei Tilsit ein. Um Horn nicht entkommen zu lassen, griff die Vorhut von 1000 Reitern unter dem Befehl von Oberst Joachim Henniges von Treffenfeld unverzüglich die Nachhutregimenter der schwedischen Armee an. Am folgenden Tag, dem 31. Januar 1679, ging die gesamte Kavallerie gegen die Schweden ins Gefecht. Es fand beim Dorf Splitter statt (heute Stadtgebiet von Sowetsk, im Bereich der Tschapajew-Straße) und endete mit einem klaren Sieg der preußischen Armee. Die Schweden verloren dabei etwa tausend Soldaten, weitere 300 gerieten in Gefangenschaft, 5 Geschütze wurden erbeutet. (Bis 1945 war in Tilsit, das das Dorf Splitter eingemeindet hatte, ein „Schwedenfriedhof“ erhalten.) Die Infanterie Friedrich Wilhelms erreichte zu dieser Zeit die Straße nach Memel (Klaipėda) und schnitt den Schweden damit sowohl den Rückzugsweg als auch die Möglichkeit ab, Verstärkung und Nachschub heranzuführen. Im Gefecht bei Splitter hatte Horn erneut die Wahl: Hätte er die zurückweichende Armee angehalten und in Schlachtordnung aufgestellt, hätte er den preußischen Reitern gebührend Widerstand leisten können. Doch dann wäre die Zeit verloren gewesen, und das litauische Schlupfloch hätte sich vor seiner Armee endgültig geschlossen. So aber blieb noch eine Chance.
Überhaupt muss man sagen, dass es in der schwedischen Armee keine unfähigen Feldmarschälle gab. Horn hatte den Plan Friedrich Wilhelms offenbar durchschaut und schickte seine Soldaten deshalb nicht in den gestellten Hinterhalt, sondern zog den Rückzug über litauische Feldwege vor.
Das verlangsamte den Marsch natürlich endgültig und trug in keiner Weise dazu bei, sich vom Gegner abzusetzen. Horn warf immer neue Nachhutbataillone in tödliche Gefechte. Doch man muss ihm zugestehen: Einer vernichtenden Niederlage entging er. Zudem sollte man von den Gegebenheiten unserer Tage absehen und sich einen Feldherrn vorstellen, der Tausende von Menschen über Wege führt, die auf keiner Karte verzeichnet sind. Durch unbekannte Dörfer, über verschneite Felder, über zugefrorene Flüsse. Über Wege, auf denen kaum zwei Reiter nebeneinander Platz finden, sodass sich die Kolonne über viele Kilometer hinzieht und die Vordersten nicht einmal ahnen, was an ihrem Ende geschieht. Ein geordneter Rückzug ist unter solchen Bedingungen eine äußerst schwierige Aufgabe. 130 Jahre nach diesen Ereignissen wird der große Napoleon seine Armee siegreich durch ganz Europa führen – doch gerade der Rückzug wird sie nahezu vollständig vernichten.
Nach drei Tagen der Verfolgung erkannte der Große Kurfürst, dass seiner Armee dieselben Nöte drohten, die das schwedische Heer in einen erbärmlichen Zustand gebracht hatten. Die Trosse waren zurückgeblieben, die Soldaten brachen vor Erschöpfung zusammen, Krankheiten griffen um sich. Man beschloss, den Sieg nicht durch übermäßige eigene Verluste zu trüben. Das letzte Gefecht der Hauptstreitmacht fand am 2. Februar 1679 beim Dorf Alt Weynothen (heute Oktjabrskoje, Rajon Slawsk) statt, wo eine der zurückgebliebenen schwedischen Abteilungen geschlagen wurde. Um die Schweden „hinauszugeleiten“, schickte man lediglich eine Abteilung von 1500 Reitern unter dem Kommando von Generalmajor Hans Adam von Schöning hinterher. Schönings Vorgehen wurde damals unterschiedlich bewertet. Nur ein einziges Mal setzte er der schwedischen Nachhut beim Dorf Telsche (Telšiai, Litauen) zu, danach ließ er sich auf keinen Kampf mehr ein und begleitete den schwedischen Rückzug fast bis vor Riga, bis er 50 km vor der Stadt haltmachte.
Hitzköpfige preußische Offiziere legten ihm diese Zurückhaltung bei der Verfolgung als Feigheit und Unentschlossenheit aus. Schöning selbst rechtfertigte sein Verhalten mit Munitionsmangel und der Erschöpfung seiner Soldaten. Gut möglich, dass Schöning, als er sah, wie die schwedischen Soldaten auch ohne seine Kugeln auf dem Marsch zugrunde gingen, beschloss, das Blutvergießen des Feldzugs nicht noch zu vergrößern – im vollen Bewusstsein, dass es für den Gesamtsieg völlig gleichgültig war, ob sich 1000 oder 5000 Schweden bis Riga schleppen würden. Die eigenen Soldaten hingegen galt es zu schonen.
Apropos schwedische Verluste: Schwedische Quellen berichten, dass von den 11 547 Soldaten, die vier Monate zuvor ausgezogen waren, etwa 5000 nach Riga zurückkehrten. Deutsche Quellen hingegen behaupten, es seien 1000 Reiter und 500 Infanteristen zurückgekommen.
Der Schlitten des Großen Kurfürsten, mit dem er das Eismanöver vollführte, wurde sorgsam im Königsberger Schloss aufbewahrt – in eben jenem berühmten Prussia-Museum, über das wir vor Kurzem ausführlich berichtet haben.
Höchstwahrscheinlich liegt die Wahrheit näher an den schwedischen Angaben; indirekt wird das dadurch bestätigt, dass Schöning mit seinen anderthalbtausend Mann es nicht wagte, die Reste der Armee anzugreifen. In jedem Fall beliefen sich die schwedischen Verluste auf mindestens 6500 und höchstens 9700 Mann. Davon fielen unmittelbar in Kampfhandlungen etwa zweitausend. Die übrigen wurden Opfer der harten Marschbedingungen, was einmal mehr die bittere Arithmetik jener Zeit bestätigt, in der die Zahl der Verluste außerhalb des Gefechts die der Gefallenen um das Zwei- bis Vierfache überstieg. Für die Bewertung dieser vom Großen Kurfürsten ausgearbeiteten Militäroperation ist jedoch weit wichtiger, dass alle Ziele des Gewaltmarsches nach Preußen erreicht wurden. Und natürlich die Eleganz der Ausführung sowie die völlig unkonventionelle Herangehensweise an eine Aufgabe, die für jene historische Epoche unlösbar schien: die blitzschnelle Verlegung von Truppen über Hunderte von Kilometern.
Folgerichtige Ergebnisse und enttäuschte Hoffnungen
Der Sieg bei der „Jagd auf dem Kurischen Haff“ beschloss einen langen Krieg. Schweden war nicht mehr in der Lage, seine Interessen an den Südküsten der Ostsee zu verteidigen. Auch die Verbündeten Brandenburg-Preußens hatten ihr Potenzial für Kriegshandlungen erschöpft und nahmen Friedensverhandlungen auf. Hätte sich Friedrich Wilhelm den Verhandlungen nicht angeschlossen, hätte er allein gegen Frankreich Krieg führen müssen. Im Zuge der Friedensverhandlungen lernte er den ganzen „Reiz“ von Interessenbündnissen kennen: Frankreich verlangte, Schweden die eroberten Gebiete in Pommern zurückzugeben, und die Verbündeten unterstützten das Bestreben des Kurfürsten, sich dem zu widersetzen, nicht. Nicht einmal der Kaiser stellte sich hinter ihn, was den Großen Kurfürsten und alle seine Nachfolger endgültig davon überzeugte, dass Brandenburgs Zugehörigkeit zum Heiligen Römischen Reich nur nominell sein sollte, da die Einbindung in das Reichskonglomerat eher eine Last als ein gewinnversprechendes Unterfangen sei. Frankreich begründete die Notwendigkeit der Rückgabe der eroberten Gebiete mit dem Westfälischen System in Europa – einer Art Akt, der die bestehenden Grenzen festgeschrieben hatte. Im Gegenzug stand Brandenburg-Preußen eine stattliche Kontribution zu, was natürlich auch nicht schlecht war, für Friedrich Wilhelm aber längst nicht so begehrenswert wie die pommerschen Lande. Später eroberten seine Nachkommen diese Gebiete, doch die Richtung dieser Erwerbungen hatte bereits der Große Kurfürst vorgegeben.
Offensichtlich wurde Friedrich Wilhelm nach diesem glänzenden militärischen Sieg und dem darauf folgenden politischen Fiasko klar, dass es ihm während seiner Regierungszeit nicht gelingen würde, Preußen und Brandenburg zu vereinigen.

Bis zum Zweiten Weltkrieg stand das Denkmal des Großen Kurfürsten neben dem Leuchtturm an der Uferpromenade von Pillau (Baltijsk). Die Deutschen evakuierten die Skulptur nach Hamburg, von wo sie in das Küstenstädtchen Eckernförde gebracht wurde; dort schmückt sie bis heute den örtlichen Park (rechts).
Die Kräfte, die sich diesem Streben entgegenstellten, waren schlicht zu mächtig. Der brandenburgisch-preußische Staat musste erst an politischem und wirtschaftlichem Gewicht gewinnen, seine militärische Stärke ausbauen und starke, interessierte Verbündete finden. Nur so ließ sich der natürliche Widerwille der führenden Mächte überwinden, auf der Landkarte Europas einen neuen Staat entstehen zu sehen, der ihnen Konkurrenz machen konnte.
Die „Jagd auf dem Kurischen Haff“ (eben jenes „Eismanöver“) wurde gewissermaßen zum Höhepunkt des militärischen Ruhms des Großen Kurfürsten. Und hier stellt sich zu Recht die Frage: Wie konnte es geschehen, dass noch 30 Jahre zuvor fremde Armeen, die in Brandenburg oder Preußen einfielen, die Dörfer plünderten, ihr Lager aufschlugen, wo es ihnen beliebte, und die Bedingungen ihres Aufenthalts im Land oder ihres Durchzugs diktierten, ohne mit irgendeinem militärischen Widerstand zu rechnen? Und dann verwandelte sich der brandenburgisch-preußische Staat innerhalb einer einzigen Generation in eine Macht, mit der man nicht nur rechnen musste, sondern die man auch am liebsten unter seinen Verbündeten wusste. Darüber sprechen wir beim nächsten Mal, und wieder wird der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm unser Hauptheld sein.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

