Die Eroberung Preußens durch die Deutschordensritter
Das Schicksal des Deutschen Ordens
Jakob von Vitry erzählt, „ein ehrbarer und frommer Deutscher habe auf göttliche Eingebung hin in Jerusalem, wo er mit seiner Frau lebte, ein Spital für seine Landsleute erbaut“. Das war im Jahr 1128. Wäre es diesem ehrbaren und frommen Deutschen vergönnt gewesen, gleich dem Patriarchen Jakob oder vielen anderen historischen und legendären Gestalten einen prophetischen Traum zu haben, so hätte sich vor seinen Augen ein erstaunliches Schauspiel entfaltet. Die Diener des Spitals begnügen sich nicht mit der Pflege der Kranken, sie greifen zu den Waffen und werden zum geistlichen Ritterorden der Deutschen. Der neue Orden holt seine älteren Gefährten, die Templer und die Johanniter, an Größe rasch ein und erwirbt sich beim Papst, beim Kaiser und bei verschiedenen Königen eine solche Gunst, dass ihm Privileg um Privileg und Besitzung um Besitzung zuteilwird. Bald wird die Burg seines Hochmeisters zu einem der prächtigsten Paläste Palästinas. Doch da wandelt sich das Bild plötzlich. Seine Deutschen in ihren weißen Mänteln mit den aufgenähten schwarzen Kreuzen kämpfen nicht mehr an den Ufern des Jordan, sondern an den Ufern der Weichsel, und nicht mehr gegen den in weiße Wolle gekleideten Sarazenen, sondern gegen den in Tierfelle gehüllten Pruzzen. In diesem Kampf rotten sie ein ganzes Volk aus, um an seiner Stelle ein neues zu schaffen; sie bauen Städte, erlassen Gesetze und regieren unvergleichlich besser als irgendein Herrscher der Welt. Lange Zeit blühen sie, bis sie schließlich, geschwächt und verweichlicht durch Reichtum und Glück, einem gleichzeitigen Angriff ihrer Untertanen und ihrer Feinde zum Opfer fallen. Da hätte der Gründer des Jerusalemer Spitals ein trauriges Schauspiel gesehen: Diese einst so mächtigen Ritter werden Vasallen Polens. Mehr als einmal versuchen sie, sich wieder zu erheben; doch alles ist vergebens, nichts kann sie retten, als die Reformation den alten Glauben des Mittelalters angreift und den Kult der Jungfrau zu verfolgen beginnt, deren bewaffnete Diener sie gewesen waren. Ihr Hochmeister selbst wird ein Anhänger Luthers und verwandelt das Land, das sie den Pruzzen zum Ruhme Christi und Seiner Mutter abgerungen hatten, in ein erbliches Herzogtum. Doch durch ein wunderliches Spiel des Schicksals eröffnet gerade diese Usurpation eine neue Epoche des Glücks, vor der alles Vergangene verblasst.
Dieser Hochmeister ist ein geborener Hohenzoller, und seine Erben sind die brandenburgischen Vettern, denen bestimmt ist, die preußische Herzogskrone in eine Königskrone zu verwandeln und sie später mit der Kaiserkrone zu vereinen.
Die preußischen Könige haben, nachdem sie Deutsche Kaiser geworden sind, den Ursprung ihrer Macht nicht vergessen: Auf ihren Fahnen prangt der Adler der Ritter; und als Wilhelm I. 1872 in Marienburg den Grundstein zu einem Denkmal Friedrichs II. legt, hört er mit Vergnügen einem gelehrten patriotischen Redner* zu, der vor seinem „glorreichsten und mächtigsten Kaiser, allergnädigsten König und Herrn“ den ganzen Verlauf dieser wundersamen Geschichte darlegt, die in Jerusalem begonnen hatte. Etwas später wohnte der preußische und deutsche Kronprinz der Enthüllung dieses Denkmals bei: Vor ihm standen die Statue Friedrichs II. und die Statuen von vier Hochmeistern, die zu beiden Seiten des Sockels gleichsam diesen Helden Preußens tragen. Der Sohn Kaiser Wilhelms verfolgte offenbar mit Interesse die Suche nach Denkmälern und Urkunden zur Geschichte des Deutschen Ordens, die gegenwärtig im Heiligen Land betrieben wird. Und das ist verständlich. Auf dem Gipfel des Glücks angelangt, wenden die Menschen ihren Blick gern seiner Wiege zu, und die Wiege der preußischen Monarchie war gewiss jenes Spital, das ein unbekannter Deutscher gegründet hatte, quadam Allemanus, wie Jakob von Vitry sagt.
Ich will hier einen Abschnitt dieser Geschichte darstellen, von der Niederlassung der Ritter in Preußen bis zum Sturz des mächtigen Staates, den sie gegründet hatten**. Es ist eine alte Geschichte, die sich in einer entlegenen Gegend abgespielt hat. Doch alte Geschichten soll man nicht geringschätzen: Wer auf sie herabsieht, kann leicht viele wichtige Seiten der größten Ereignisse der Gegenwart übersehen.
* Herr Winter, Danziger Bürgermeister, Abgeordneter im Reichstag. Ich nutze die Gelegenheit, ihm hier meinen lebhaftesten Dank für die Gastfreundschaft auszusprechen, die er mir in Danzig erwiesen hat, das er verwaltet; als Historiker achtet er die alten Denkmäler und rettet sie vor der Zerstörung, und zugleich ist er ein vortrefflicher Verwaltungsmann, der für die Befriedigung aller Bedürfnisse einer modernen Stadt sorgt. Winter lud mich ein, mit ihm auf sein Gut in Gelens unweit von Thorn zu fahren, also in jene Gegend, in der sich die Deutschordensritter zuerst niedergelassen hatten. Ich verdanke meinem Gastgeber und Führer, einem hervorragenden Kenner der alten Geschichte des Landes, das er mir zeigte, sehr viel.
** I. Scriptores rerum Prussicarum, 5 vol., 1861–1874. II. Perlbach, Preussische Regesten bis zum Ausgange des dreizehnten Jahrhunderts, 1875–1876. III. A. L. Ewald, Die Eroberung Preussens durch die Deutschen, 1872–1875. IV. G. Freytag, Vom Mittelalter zur Neuzeit, 1867. V. Treitschke, Das Ordensland Preussen, 1871. VI. L. Winter, Festrede am Tage der westpreussischen Säcularfeer, 1872. VII. Toeppen, Historisch-comparative Geographie von Preussen, 1858. VIII. Lotar Weber, Preussen vor 500 Jahren, 1878.
Das alte Preußen. Reisende und Missionare
Die Pruzzen, die im 13. und 14. Jahrhundert von den Deutschordensrittern ausgerottet wurden, waren ein Volk litauischen Stammes mit einer Beimischung finnischen Elements. Sie lebten an der Küste der Ostsee zwischen Weichsel und Pregel und reichten etwas über diese Flüsse hinaus. Lage und Natur dieses Landes sind so beschaffen, dass seine Bevölkerung lange Zeit ganz ruhig abseits ihrer Nachbarn leben konnte. Im Westen überschwemmte die Weichsel, die damals breiter war als heute, alljährlich ihr Delta und bedeckte es mit Eis, das mit Beginn des Sommers schmolz und ein Meer von Schlamm bildete. Im Norden ziehen sich entlang der Küste in unterschiedlichen Abständen die Nehrungen hin, das heißt schmale und lange Landstreifen, bedeckt mit Wanderdünen, die sich zwischen dem offenen Meer und den fast süßwasserhaltigen Lagunen, die man Haffe nennt, steil zu einer Höhe von 60–80 Metern erheben. Das sind regelrechte Bastionen, und wenn man von manchen Punkten der Küste aus zum Horizont blickt, erscheinen die hinter den Nehrungen auftauchenden Schiffe wie phantastische Bauwerke auf dem Gipfel ferner Hügel. Hier und da sind diese Bastionen unterbrochen und lassen Fahrrinnen frei, durch die Schiffe fahren; doch diese Rinnen wechseln leicht ihre Lage – das Meer schüttet immer wieder die einen zu und gräbt andere. Zu einer solchen Küste zieht es keinen Seefahrer! Im Osten ist Preußen weniger abgeschlossen; doch das benachbarte Litauen war von einem den Pruzzen verwandten Volk besiedelt, das denselben Glauben bekannte und ihr Verbündeter im Kampf gegen die westliche Zivilisation war. Nach Süden, in Richtung Polen, ist das Gelände keineswegs so frei von Hindernissen, wie man gewöhnlich glaubt, wenn man sich die nördliche Ebene völlig flach vorstellt. Eine lange Kette von Höhenzügen, die freilich nicht sehr bedeutend sind, zieht sich von Holstein über Mecklenburg, Pommern und Preußen und schließt, nachdem sie den ganzen europäischen far-east durchquert hat, an den Ural an. Am linken Ufer der Weichsel steigen diese Hügel an, und der Reisende, der von Berlin nach Danzig fährt, sieht beim Näherkommen ein unebenes Gelände vor sich, in dem die Bäche den Charakter von Gebirgsbächen annehmen und stellenweise sogar Wasserfälle bilden. Der Turmberg, dessen Höhe 330 Meter erreicht, ist ein ganz ansehnlicher, malerischer Berg. Die niedrigeren Hügel am rechten Weichselufer umrahmen das Pruzzenland im Süden. Besonders kennzeichnend für diese Gegend ist der Reichtum an Seen: Man begegnet ihnen hier auf Schritt und Tritt. Diese Seen sind meist sehr klein, dafür aber so zahlreich, dass es kaum einen Ort gibt, von dem aus das Auge nicht mehrere von ihnen erblickte. Auch Flüsschen gibt es hier genug. Und überdies war diese ganze heute völlig kahle Gegend in alten Zeiten dicht mit Kiefernwald bedeckt, der das Land vor feindlichen Einfällen schützte.
Die Geschichte erklärt noch besser als die Geographie, warum das Land der Pruzzen so lange abseits der Welt blieb.
Die römischen Legionen machten an den Ufern der Elbe halt und zogen sich dann zum Rhein zurück. Eine ernstere Gefahr drohte Preußen von Seiten Karls des Großen, denn der christliche Kaiser, Beschützer und Diener der apostolischen und allgemeinen Kirche, gedachte die ganze Welt zu erobern und alle Ungläubigen zu bekehren. Das Heer, das sich alljährlich aus allen Enden des Reiches um ihn sammelte, hatte seine ständigen Vorposten an der Elbe: Das waren die Marken, Militärbezirke, die für Angriffs- und Verteidigungsunternehmungen gegen die slawische und finnische Bevölkerung im Osten Europas eingerichtet waren. Doch Karl der Große starb, ohne die Elbe überschritten zu haben, und die drohend über Preußen und allen östlichen Ländern aufragende Woge flutete zurück. Deutschland blieb zwar christlich; doch es war damals zu sehr mit seinen inneren Zwistigkeiten beschäftigt, die das ganze Reich erschütterten und es im 9. Jahrhundert zum Zerfall in drei Teile führten. In späteren Zeiten hielten es die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nicht für ihrer würdig, die Unternehmungen Karls des Großen gegen namenlose Völkchen fortzusetzen, und die Pruzzen, die von der Elbe durch die ganze Breite des Odergebiets getrennt waren, erhielten so für lange Zeit einen Aufschub.
Ende des 9. Jahrhunderts besuchte sie ein kühner Seefahrer, Wulfstan aus Schleswig. Von dem schleswigschen Ort Haithabu aufgebrochen, segelte Wulfstan sieben Tage und sieben Nächte bis zu diesem damals niemandem bekannten Land. Er erzählt, er habe viele Städte gesehen, in jeder von ihnen einen König – kleine Städte natürlich, mit kleinen Königen. Dann, nach der naiven Art der frühen Reisenden die verschiedenartigsten Mitteilungen vermischend, berichtet er, dass es im Land viel Honig gebe, dass dort viel Fisch gefangen werde, dass der König und die Reichen Stutenmilch tränken, die Armen und die Sklaven aber Met, dass dort häufig innere Kriege geführt würden und es überhaupt kein Bier gebe. Am meisten beeindruckten ihn die Bestattungsbräuche der Pruzzen. Der Leichnam des Verstorbenen, sagt er, werde einen Monat, manchmal zwei im Haus gelassen, und wenn der Verstorbene ein König oder Vornehmer gewesen sei, sogar ein ganzes halbes Jahr. Die Bewohner bewahrten die Leichen auf dieselbe Weise, mit der sie im Sommer ihre Getränke kühlten. Das Haus, in dem der Tote liegt, wird jedoch von den Bewohnern nicht verlassen: Verwandte und Freunde verbringen dort die Zeit mit Spielen und Gelagen, die auf Kosten des Erbes veranstaltet werden. Wenn endlich die Zeit kommt, den Leichnam zum Scheiterhaufen zu tragen, sammelt man alles, was vom Besitz des Verstorbenen übrig ist, und teilt es in drei ungleiche Teile. Den größten legt man in einer Meile Entfernung von der Stadt nieder, den kleinsten ganz in ihrer Nähe und den mittleren auf halbem Weg dazwischen. Dann wird allen Reitern im Umkreis von 5 oder 6 Meilen das bevorstehende Totenrennen angekündigt. Die Reiter versammeln sich und reiten dreimal um diese drei Preise. Das ist es, was Wulfstan in diesem Land sah, wo ein guter Teil des Lebens mit der Bestattung der Toten hinging.
Doch schon sind ganz andere Reisende bereit, nach Preußen zu ziehen, die weder Neugier noch Beutegier dorthin treibt. Das Christentum machte unter den Slawen rasche Fortschritte seit dem Tag, an dem die aus dem Osten gekommenen Apostel Kyrill und Method die slawische Übersetzung des Evangeliums nach Mähren brachten und diese Heiden das Wort Gottes in einer verständlichen Sprache lehrten.
Ende des 10. Jahrhunderts hatten Böhmen und Polen bereits die Taufe empfangen, und man konnte meinen, gerade die Polen würden den neuen Glauben und die westliche Zivilisation an die Pruzzen weitergeben. Hätten sie das getan, so hätte die Geschichte Osteuropas vielleicht eine ganz andere Wendung genommen. Doch zumindest war der erste Missionar Preußens immerhin ein Slawe, der hl. Adalbert.
Adalbert stammte aus einer vornehmen böhmischen Familie. Neun Jahre lang lernte er in Magdeburg bei dem berühmten Ohtrich, den die Zeitgenossen den sächsischen Cicero nannten. Noch ganz jung wurde er auf den Bischofsstuhl der kurz zuvor gegründeten Prager Diözese erhoben: Adalbert war der zweite Bischof der böhmischen Hauptstadt. Seine Herde, noch nicht an Gehorsam gewöhnt, fand sich schlecht mit seiner Strenge ab, und der Bischof legte Mitra und Stab nieder, verließ sie und ging nach Rom, wo er sich auf dem Aventin im Kloster des hl. Alexius niederließ. Dort freundete er sich mit einer eigenartigen Persönlichkeit an, Kaiser Otto, dem Zögling dreier gelehrter Frauen – seiner Mutter, Großmutter und Tante – und Gerberts, dieses Schülers der Araber und tiefen Kenners der Philosophie, Mathematik, Astronomie und aller Wissenschaften seiner Zeit; eines Schriftstellers, Mechanikers, Uhrmachers, Naturforschers, der seine Zeitgenossen mit seinem Wissen so sehr in Staunen versetzte, dass sie in ihm einen Zauberer sahen und ihn für fähig hielten, in Häuser einzudringen, ohne durch Türen oder Fenster zu gehen; eines verschlagensten Politikers, der mehrere Verrätereien zugleich einzufädeln verstand; eines Kriechers aus Ehrgeiz und schließlich eines Papstes, stolz auf die Größe des römischen Hohenpriesters, der zusammen mit seinem Schüler von einer wunderbaren Wiedergeburt des alten Römischen Reiches träumte. Von diesen Träumen hingerissen, nennt Otto Rom das „Haupt der Welt“ und die „goldene Stadt“, sich selbst aber erhabenen römischen Kaiser, nimmt den Titel eines Konsuls an und wendet sich in seinen Erlassen an den römischen Senat und das Volk. Bei der Vergabe von Ämtern, mit denen eine Gerichtsbarkeit verbunden ist, überreicht er jedem neuen Würdenträger die Gesetzessammlung Justinians mit den Worten: „Richte nach diesem Buch Rom und den Erdkreis und hüte dich, in irgendetwas die Gesetze Justinians, meines heiligsten Vorgängers, zu verletzen.“ Zugleich aber ist Otto ein glühender Christ; während er von einem Weltreich träumt, ist er erfüllt vom Verlangen, der Welt zu entsagen. Von Zeit zu Zeit verlässt er das palatium romanum und lebt bald in irgendeiner Zelle in Subiaco, bald in einer Einsiedlerhöhle. Er pilgert barfuß zu den Gräbern der Märtyrer. Doch es wäre weit besser gewesen, er hätte Christus mit der Waffe in der Hand an der deutschen Grenze gedient, wo die Dänen, die schon fast ganz zum Christentum bekehrt waren, unter dem Sohn Harald Blauzahns ins Heidentum zurückfielen, während sich die Markgrafen an der Elbe, diese Wächter Karls, vom Nachfolger Justinians vergessen, nur mit Mühe gegen die Wenden verteidigten.
So war die Welt, in der Adalbert in Rom lebte; eine Welt ohne Halt, ohne Leben, in der sich die Menschen pedantisch in die Betrachtung der Trümmer der Vergangenheit versenkten, als erwarteten sie nichts von der Zukunft. Vielleicht entschloss sich Adalbert gerade unter dem Einfluss der hier herrschenden Stimmung und des Gedankens an das nahende Weltende, zu den Pruzzen zu ziehen, von denen er in Böhmen gehört hatte, um sich die Märtyrerkrone und damit das ewige Heil zu erwerben. Im Jahr 997 zog Adalbert durch Deutschland nach Polen. Er erbat sich vom polnischen Fürsten einige Begleiter und eine Barke, fuhr die Weichsel hinab ins Meer, segelte die Küste entlang und landete nach einigen Tagen Fahrt an der östlichen Küste Preußens. Mit ihm zogen der Priester Benedikt und der Mönch Gaudentius. Ihnen verdanken wir zwei Kapitel der Leidensgeschichte des hl. Adalbert, in denen sich das Gefühl des Grauens lebhaft widerspiegelt, das die Erinnerung an das Pruzzenland in ihrer Seele hinterlassen hatte. Kaum hatte die Barke angelegt, als die Matrosen ihre Reisegefährten eilig absetzten und sich sofort auf den Rückweg machten, um sich so schnell wie möglich im Schutz der Dunkelheit von diesem gottlosen Preußen zu entfernen. Auch die Missionare gaben dem Gefühl der Furcht nach und lebten einige Tage am Ufer, ohne sich zu den Heiden zu wagen. Doch da hörten die Heiden, dass irgendwelche seltsamen Leute „aus dem Jenseits“ in ihr Land gekommen seien, und machten sich selbst auf, unsere Apostel zu suchen. Adalbert saß und las im Psalter, als plötzlich eine Schar Einheimischer vor ihm erschien, „die etwas Wildes knirschten“. Der grimmigste dieser Übeltäter holte unter Schmähungen „mit seiner schwieligen Hand“ gegen den Bischof aus und schlug ihn mit einem Ruder. Das Buch entglitt Adalberts Händen, und er fiel nieder und flüsterte: „Gepriesen sei der Herr in Seiner Barmherzigkeit! Wenn es mir auch nicht mehr vergönnt sein sollte, zum Ruhme des Gekreuzigten zu leiden, so durfte ich doch diesen kostbaren Schlag empfangen!“ Der Schlag war nicht tödlich, die Wilden wollten die Fremden nur einschüchtern. „Schert euch fort!“, sagten sie. „Sonst töten wir euch!“
Die drei Gefährten machten sich auf den Weg und gelangten in einen Ort, wo ein Markt war. Auf dem Markt drängte sich das Volk, und kaum war der heilige Mann dort erschienen, als ihn sogleich eine Horde dieser Hundsköpfe umringte, die ihre schrecklichen Rachen aufrissen. Sie begannen ihn auszufragen, woher er komme, wer er sei, was er suche und warum er zu ihnen gekommen sei, da sie ihn doch nicht gerufen hätten.
Diese Wölfe dürsteten nach Blut und drohten dem mit dem Tod, der ihnen das Leben gebracht hatte. Ohne ihn ein Wort sagen zu lassen, äffen sie ihn schon nach und verhöhnen ihn... „Sprich!“, schreien sie endlich und schütteln die Köpfe. Der Bischof sagt mit wenigen Worten, was katholische Missionare in solchen Fällen gewöhnlich sagen: Er sei gekommen, seine Brüder aus den Händen des Teufels und aus dem Rachen der Hölle zu reißen, ihnen den wahren Gott zu offenbaren und sie im Taufbad des Heils zu reinigen. Die Pruzzen lachen über die göttlichen Worte, schlagen mit ihren Stöcken auf die Erde, erfüllen die Luft mit Gebrüll, rühren die Fremden aber nicht an und befehlen ihnen nur, sich zu entfernen. Der Streiter Christi empfand das Leben als Last, doch zugleich erbebte sein Fleisch beim Gedanken an den Tod. Einmal ging er am Meeresufer entlang, als sich plötzlich eine gewaltige Welle vor ihm auftürmte, wie von einem Meeresungeheuer aufgeworfen, und donnernd zu seinen Füßen zerbrach. Der Bischof erbleichte ganz wie ein furchtsames Weib. Ein andermal träumte Gaudentius in der Nacht, er habe die von Adalbert gelesene Messe gehört und sei dann zum Kelch gegangen, um zu kommunizieren, als ihn plötzlich der Küster aufhielt und sprach: „Nicht deinen Lippen ist es gegeben, aus diesem Kelch des Lebens zu trinken: Er ist dem Bischof bestimmt.“ Als der Mönch ihm seinen Traum erzählte, verstand Adalbert, dass vom Kelch des Martyriums die Rede war. Da erzitterte „dieser Sohn des Weibes“ beim Gedanken an die bevorstehenden Leiden und sprach: „Mein Bruder, gebe Gott, dass dieser Traum nur Gutes verheißt!“
Der Kelch wurde ihm endlich vom Himmel gesandt. Gaudentius las die Messe, und die drei Gefährten legten sich nach dem Mahl im Gras schlafen. Eine Schar Pruzzen unter der Führung eines Mannes, dessen Bruder von den Polen getötet worden war, überfiel sie im Schlaf. „Das Erwachen war kein angenehmes.“ Adalbert wurde fortgeschleppt, „und sein Fleisch, das sterben sollte, wechselte die Farbe“. Als er den Henker sah, der bereit war, ihn zu durchbohren, konnte Adalbert nur noch flüstern: „Vater, Dein Wille geschehe.“ Seine Gefährten, die von den Wilden verschont wurden, erzählten später, dass in dem Augenblick, als er, von sieben Lanzenstichen getroffen, niederfiel, die Stricke, mit denen er gefesselt war, von selbst zerrissen und die Hände des Märtyrers sich kreuzförmig falteten. Das war das erste Wunder des hl. Adalbert.
Aus der Geschichte dieses Märtyrers erfahren wir nichts über die Pruzzen, und um die außergewöhnliche Grausamkeit dieses Volkes zu beweisen, bedarf es anderer Zeugen als Gaudentius und Benedikt. Die Geschichte der Missionen im Mittelalter ist ein überaus dankbares Thema: Der Historiker muss sich nur zur Regel machen, sich nicht bedingungslos auf die Seite der Märtyrer zu stellen, sondern ehrlich zu versuchen, sich vorzustellen, was beim Erscheinen der Missionare in der Seele der Heiden vorgehen mochte*.
Die Ausbreitung der christlichen Religion im Römischen Reich hatte eine Vielzahl von Ursachen, und es ist auch nicht schwer zu verstehen, warum die barbarischen Stämme, die es eroberten, rasch den Glauben der Bevölkerung annahmen, unter der sie zu leben hatten. Doch schon hier ist zu bemerken, dass nur die Franken diesen Glauben in seiner ganzen Fülle annahmen, während die anderen Stämme die Lehre von der heiligen Dreifaltigkeit als unvereinbar mit dem Dogma der göttlichen Einheit verwarfen. Nichts konnte sie zwingen, das Haupt vor der römischen Kirche zu beugen. Theoderich wusste, dass er, wenn er weiterhin die Gleichheit des Vaters mit dem Sohn leugnete, Gefahr lief, sein Reich zu verderben, und beharrte dennoch hartnäckig darauf. Am Vorabend des Angriffs Chlodwigs entschließt sich Gundobad, der König der Burgunder, den die Bischöfe sozusagen an die Wand gedrängt hatten, indem sie ihn zwischen Unterwerfung unter die Kirche und Krieg mit den Franken wählen ließen, in tiefer Trauer lieber der Gefahr entgegenzugehen, über die er sich nicht täuscht, als, wie er sagt, an drei Götter zu glauben. Und dabei waren diese Könige von Katholiken umgeben: Cassiodor war bei Theoderich, Avitus bei Gundobad – und sie selbst sprachen die Sprache der Kirche oder verstanden sie zumindest. Um wie viel stärker musste der Widerstand der Wilden sein, die in ihren wilden Ländern geblieben waren, als irgendwelche Fremden zu ihnen kamen, um den Katholizismus zu predigen. Stellen Sie sich diese Menschen vor, die dem Kult der Natur treu blieben und weiterhin ihre geheimnisvollen Kräfte verehrten: den Donner, der sie erschreckte, die segensreichen Wasser der Quellen, die nährende Erde, die uralte Eiche, die jedes Jahr wieder grünt und als unsterblich gilt. Plötzlich erscheinen bei ihnen Missionare: Sie entweihen die heiligen Haine, deren Schatten und Stille von den Wilden verehrt werden; sie bepacken das weiße Ross, den Wahrsager im Tempel des Swantewit, des Gottes des heiligen Feuers; sie schlagen die Axt in die Wurzeln der Eiche, deren Zweige, vom Wind bewegt, den Menschen den Willen des Himmels offenbaren. Sie erklären diesen jahrhundertealten geheiligten Kult, der der Kult unserer arischen Vorfahren war, zum Werk der Hölle und des Satans und machen sich stattdessen unverzüglich daran, die geheimnisvollsten Dogmen der christlichen Kirche darzulegen – vom Sündenfall und von der Erlösung, von der unbefleckten Empfängnis, von der heiligen Dreifaltigkeit usw. Man kann sich vorstellen, was dabei in den Köpfen der Barbaren vorgehen musste!
Oft kennen diese Missionare nicht einmal die Sprache derer, die sie bekehren wollen. Sie predigen mit Zeichen, sie erklären die Mysterien der christlichen Religion durch symbolische Bilder und Handlungen. Ein solcher Anschauungsunterricht war gewiss nicht sehr leicht verständlich.
Doch auch in den Fällen, in denen die Missionare die Sprache beherrschten – verstanden sie es immer, ihrer Predigt die passende Form zu geben? Gewiss gelang ihnen das, wenn sie besonnen waren und geschickte Leiter hatten wie den unvergleichlichen Papst Gregor VI.: Man lese nur Gregors Anweisungen an die angelsächsischen Missionare, in denen er sie lehrt, wie behutsam der Übergang von den alten heidnischen Bräuchen zur neuen Religion zu gestalten sei. Doch längst nicht alle Missionare besaßen genug Duldsamkeit und geistige Beweglichkeit, um eine so heikle Aufgabe zu bewältigen. Adalbert zum Beispiel sagt den Pruzzen, er sei gekommen, um sie aus den Schlünden des Avernus zu reißen; doch die Pruzzen fühlten sich keineswegs in Gefahr, in diesen Schlünden umzukommen. Diese Predigt erinnert an die Ermahnungen, die Chlothilde nach den Worten Gregors von Tours an Chlodwig richtete. In dem Bestreben, ihn zum wahren Glauben zu bekehren, warf sie ihm die Verehrung von Götzenbildern vor – die Franken aber hatten keine; die Anbetung Jupiters, dieses stuprator vitorum, dieses Unzüchtigen und Blutschänders, der seine leibliche Schwester geheiratet hatte, da Juno (bei Vergil) sagt, sie sei „Schwester und Gattin des Herrschers der Götter“ – Chlodwig aber hörte hier zweifellos zum ersten Mal überhaupt von Jupiter. Und so antwortet er Chlothilde, ohne etwas zu verstehen, knapp: „Dein Gott ist nicht aus dem Geschlecht der Asen: also ist er kein Gott.“ Nun versteht ihrerseits Chlothilde nichts. Dieses Gespräch, von dem der Bischof von Tours berichtet, hat es in Wirklichkeit vielleicht nie gegeben; doch in diesen Worten, die der Historiker Chlothilde in den Mund legt, kann man eine der Formeln sehen, die für die Missionare verfasst wurden, als sie es mit dem griechisch-römischen Heidentum zu tun hatten, und die bei der Bekehrung germanischer Heiden in Gebrauch blieben. Alte Phrasen sind zählebig – vielleicht verschwinden sie sogar niemals spurlos –, und wenn man will, ist es nicht schwer, eine Menge Beispiele anzuführen, in denen nicht nur die Sprache, sondern auch die Denkweise der Missionare ihren Zuhörern völlig unverständlich war.
Aus diesem Grund wären die meisten Missionen auch ohne Erfolg geblieben, hätten nicht Politik und Gewalt sie gestützt. „Ich bin völlig machtlos“, sagt der Apostel der Deutschen, Bonifatius, „ohne den Schutz der fränkischen Herzöge und die Furcht, die sie einflößen.“ Vierunddreißig Jahre Krieg, Gemetzel und Massenumsiedlungen waren nötig, um die Sachsen zu bekehren; und nach ihrer endgültigen Befriedung bedurfte es noch des sächsischen Kapitulars, in dem in jedem Artikel die Todesstrafe steht, und der strengen Herrschaft der Bischöfe und Grafen. Die Heiden spürten instinktiv, dass sie, indem sie ihre Götter verteidigten, ihre Freiheit verteidigten und dass sie, wenn sie Christen wurden, Untertanen werden mussten. Beim Erscheinen der Missionare wussten sie, dass ihnen der Fürst auf dem Fuß folgte und dass der Fürst ihnen die Knechtschaft brachte. Adalbert sagt den Pruzzen, er sei vom polnischen Herzog gesandt; doch gerade das polnische Joch fürchteten die Pruzzen mehr als alles andere. Sie führten mit dem Herzog Krieg an der Grenze, und selbst die Ermordung des Missionsbischofs war Blutrache, denn der Bruder seines Henkers war von den Polen getötet worden. Die Barbaren hätten die Missionare gern am Leben gelassen, um später nicht für ihren Tod büßen zu müssen: Zweimal befehlen sie diesen Unbekannten, diesen „Ankömmlingen aus dem Jenseits“, dorthin zurückzugehen, woher sie gekommen waren. Sie hielten sie für unheilbringende Wesen, und der Chronist legt diesen Wilden bemerkenswerte Worte in den Mund: „Wegen dieser Leute wird unsere Erde keine Ernte mehr geben, die Bäume keine Früchte, die Tiere keinen Nachwuchs, und was geboren wird, wird sogleich sterben.“ Die Pruzzen irrten sich, denn ihr Land vermochte auch später Ernten hervorzubringen, und sogar unerhörte; doch es sollte der Tag kommen, an dem kein Pruzze mehr übrig war, um sie einzubringen. Dieses ganze Volk ging zugrunde, ein Opfer der katholischen Zivilisation, und hinterließ nur seinen Namen, den sich seine Sieger aneigneten. Und es hatte recht, als es dem Vorläufer der Deutschordensritter sagte: „Schert euch fort!“
* Als Muster solcher Arbeiten kann der Aufsatz von Mignet dienen: La Germanie au huitième et neuvième siècle, in seinen Notices et mémoires historiques.
Die Eroberung des Pruzzenlandes durch die Deutschordensritter
Adalbert starb, ohne eine einzige pruzzische Seele zum christlichen Glauben bekehrt zu haben; doch ganz Europa erfuhr, dass einer seiner Bischöfe, ein Freund des Kaisers, unter bis dahin niemandem bekannten Heiden die Märtyrerkrone gefunden hatte, und der Name der Pruzzen trat aus dem Dunkel der Unbekanntheit hervor. Seitdem kennen die Pruzzen keine Ruhe: Von Norden greifen sie die Dänen an, von Süden die Polen. Weder die einen noch die anderen erzielten jedoch dauerhafte Ergebnisse, und die Krisen der Herrscherlosigkeit, die sich in Polen periodisch wiederholten, retteten die Pruzzen immer wieder. Sie selbst hielten sich gewöhnlich streng an eine defensive Kampfweise: Wenn der Feind sie angriff, verbargen sie sich in den Wäldern, warteten dort ab, bis er sich zurückzuziehen begann, und nahmen dann die Verfolgung auf. Mitte des 12. Jahrhunderts gelang es König Bolesław IV. nach einem siegreichen Feldzug, ihnen einen Tribut aufzuerlegen; doch sie verweigerten sofort wieder dessen Zahlung, und als er noch einmal gegen ihr Land zu Felde zog, ging fast sein ganzes Heer dort zugrunde. Das war der letzte große Krieg, und zu Beginn des 13. Jahrhunderts war Preußen noch immer unabhängig und heidnisch.
Die Pruzzen waren keine Feinde, die man geringschätzen durfte. Sie waren zwar in elf Völkerschaften geteilt, doch verband sie die Gemeinsamkeit der Religion. Peter von Dusburg berichtet uns, dass dieses schreckliche Volk seinen eigenen Papst hatte, den Kriwe, der im Ort Romowe lebte – ein Name, der von Rom herkomme, fügt er mit jener Kühnheit der Phantasie hinzu, die die mittelalterlichen Schriftsteller in ihren etymologischen Konstruktionen auszeichnet.
„Denn so wie unser Herr, der Papst, die allgemeine Kirche der christgläubigen Menschen regiert, so gehorchen den Befehlen des Kriwe nicht nur die Pruzzen, sondern auch die Liven und Litauer. Der große Priester braucht nicht überall persönlich zu erscheinen: Ein Bote, dem er seinen Stab oder ein anderes verabredetes Zeichen gibt, wird überall mit derselben Ehrerbietung empfangen wie er selbst“, Die Toten waren ihm nicht weniger ergeben als die Lebenden: Bevor sie in das künftige Leben eingingen, „zogen“ sie alle durch sein Haus, und darum kamen die Angehörigen Verstorbener ständig zu ihm, um zu fragen, ob er an dem und dem Tag den und den gesehen habe. Ohne zu zögern beschrieb der Priester den Verstorbenen, seine Kleider, seine Pferde und Diener, die man mit ihm verbrannt hatte, und zeigte sogar das Loch, das dieser Übersiedler in die andere Welt beim Vorübergehen mit seinem Speer geschlagen hatte. Da die Pruzzen sehr fromm waren und nichts unternahmen, ohne ihre Götter um Rat zu fragen, war die Autorität des geheimnisvollen Oberhaupts ihrer Priesterschaft sehr groß. Der Kriwe lebte und blühte in der Tiefe des heiligen Waldes zu eben der Zeit, als der große Papst Innozenz III. im Lateran dem Konzil der Bischöfe und Gesandten aller christlichen Staaten vorsaß. Deutschland erstrahlte unter der Herrschaft der Hohenstaufen im hellen Glanz der ritterlichen Kultur; in Paris erhob sich Notre-Dame, der hl. Ludwig schickte sich an, die Sainte-Chapelle zu bauen, und es wurde die Universität gegründet, zu der aus allen Enden Europas die wissbegierige Jugend strömte, um die Professoren zu hören, die de omni re scibili et guibustdam aliis disputierten; die Pruzzen aber verstanden noch nicht, dass man auf einem Stück Pergament seine Gedanken einem Menschen übermitteln kann, der sich an einem ganz anderen Ort befindet, und die Geheimnisse der Arithmetik waren ihnen so fremd, dass sie zum Zählen Kerben in ein Stück Holz schnitten oder Knoten in ihre Gürtel knüpften.
Inzwischen rückt die christliche Zivilisation schon von allen Seiten auf sie zu – langsam, aber unaufhaltsam. Die skandinavischen Staaten werden seit dem 11. Jahrhundert christlich. Im 12. Jahrhundert wird durch die gemeinsamen Anstrengungen der Markgrafen von Brandenburg, der Herzöge von Sachsen und der Könige von Dänemark das Christentum in Brandenburg, Mecklenburg und Pommern eingeführt, und das Pommernland ist ein Nachbar Preußens: Nur die Weichsel trennt sie. Polen, das im Süden an Preußen grenzte, hatte längst die Taufe empfangen. Schließlich hatte in Livland Albert von Buxhoeveden, dieser Bischof und Ritter, den Heiden sein Rigaer Bistum abgerungen und den Schwertbrüderorden gegründet, dessen Abzeichen Schwert und Kreuz auf weißem Mantel waren. Wie hätte Preußen da seine Unabhängigkeit und seine Religion bewahren sollen? Kein Volk kann sich ungestraft so scharf von seinen Nachbarn unterscheiden. Die Zivilisation, das heißt die Summe der Ideen, die von der Mehrheit der Völker eines bestimmten Raumes in einer bestimmten Epoche über das Verhältnis des Menschen zu Gott, über die Regierungsformen und die gesellschaftliche Ordnung angenommen werden, zeichnet sich nicht durch Duldsamkeit gegenüber Andersdenkenden aus, seien es einzelne Personen oder ganze Völker. Sie strebt beständig danach, jeden individuellen Widerstand innerhalb einer einzelnen Nation zu unterdrücken und allzu eigenständige Stämme auf das allgemeine Niveau zu bringen. Ihr Werk, rasch in Epochen raschen Ideenumlaufs, ging im Mittelalter langsam voran, kam aber nicht zum Stillstand. Sie bewegte sich damals von Westen nach Osten: Aus ihrer Heimat, Italien und Frankreich, drang sie nach Deutschland, in die nördlichen Länder, nach Polen und an die fernen Ufer der Ostsee vor, sodass Preußen im 13. Jahrhundert bereits von allen Seiten von ihr umschlossen war und eine Ausnahme bildete, die nicht länger geduldet werden konnte.
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde ein neuer Versuch unternommen, die Pruzzen zu bekehren. Der Mönch Christian, aus dem pommerschen Kloster Oliva kommend, diesem christlichen Vorposten, der nur wenige Werst vom heidnischen Land entfernt lag, überschritt die Weichsel und baute an ihrem rechten Ufer einige Kirchen. Das genügte, damit der Papst das ganze Land unter den Schutz der hll. Petrus und Paulus stellte und Christian zum Bischof von Preußen einsetzte. Doch die neue Diözese musste erst noch erobert werden, und um dem Bischof Soldaten zu verschaffen, ließ der Papst einen Kreuzzug gegen die nördlichen Sarazenen predigen. Der einstige Kreuzzugseifer hatte sich zu dieser Zeit bereits gelegt, und die Ritter hatten mehr als einmal gezeigt, dass ihnen Kreuzzüge in näherer Umgebung lieber waren. Obwohl die Päpste das bedauerten, mussten sie sich wohl oder übel nach den Verhältnissen der Zeit richten und den burgundischen Kreuzrittern, die gegen die Albigenser zogen, oder den sächsischen Rittern, die das Kreuz gegen die Pruzzen nahmen, ebenso großzügig Ablässe gewähren wie einst Gottfried von Bouillon oder Friedrich Barbarossa. „Der Weg ist nicht lang und nicht beschwerlich“, sagten die Prediger der Albigenserzüge, „und die Beute ist reich.“ Ebenso sprachen auch die Prediger des Kreuzzugs gegen die Pruzzen.
Mehrere Heerhaufen zogen gegen die nördlichen Sarazenen, doch diese Züge führten zu nichts: Die Kreuzfahrer kamen, brannten und plünderten alles, was ihnen in den Weg kam, und zogen dann wieder ab und überließen die christlichen Kirchen der Rache der zur Verzweiflung getriebenen Pruzzen.
Im Jahr 1224 metzeln die Wilden die Christen nieder, zerstören die Kirchen und gehen über die Weichsel, um das Kloster Oliva niederzubrennen, und über die Drewenz, um Polen zu plündern. Das polnische Königreich war damals unter die Söhne König Kasimirs geteilt; einer von ihnen, Konrad, besaß Masowien und musste als Nachbar Preußens die ganze Last des schrecklichsten der Kriege tragen, die Polen je gegen dieses Land zu führen hatte. Da er sich nicht mehr auf die unregelmäßige und gefährliche Hilfe der von weither kommenden Kreuzfahrer verlassen wollte, erinnerte er sich, dass der Bischof von Livland durch die Gründung eines Ritterordens ein ständiges Kreuzfahrerheer zu seiner Verfügung erhalten hatte, und ließ den Hochmeister der Deutschordensritter um Hilfe bitten.
Die Berufung der deutschen Ritter durch den polnischen Fürsten war ein Ereignis von außerordentlicher Bedeutung in der Geschichte Polens. Diesem Land oblag offenkundig die Aufgabe, das Christentum an die Völker an Oder und Weichsel weiterzugeben. Doch um selbst sein Dasein voll ausleben zu können, in seinen natürlichen Grenzen zwischen den böhmischen Gebirgen und dem Meer, musste Polen Schlesien und Pommern fest in der Hand halten und durfte keinesfalls zulassen, dass sich die Deutschen in Preußen wie in einer Festung inmitten der slawisch-finnischen Bevölkerung festsetzten. Doch Polen hat in keinem Augenblick seiner Geschichte getan, was es hätte tun müssen. Im Mittelalter hatte es seine Stunden der Größe und des Glanzes; doch es fehlte ihm stets an Geduld, sowohl um zu lernen, sich selbst zu regieren, als auch um lange an einem Plan in seinen Eroberungsbestrebungen festzuhalten. Seine feudale Reiterei, die in der allen Winden offenen Ebene zwischen Weichsel und Oder lagerte, bricht immer wieder über ihre Grenzen aus und stürmt bald an die Elbe, bald an den Dnjepr, bald an die Düna. Es wäre weit besser gewesen, hätte es stattdessen seine Kräfte auf die Unterwerfung Preußens allein gesammelt: Denn der Tag, an dem Konrad von Masowien, seine Ohnmacht eingestehend, die Deutschordensritter gegen Preußen rief, bereitete den Untergang Polens vor.
Der Hochmeister, an den sich Konrad wandte, war Hermann von Salza, der geschickteste Politiker des 13. Jahrhunderts, ohne dessen Mitwirkung kein einziges großes Ereignis auskam. In dieser Epoche des erbarmungslosen Kampfes zwischen Kaisertum und Papsttum, als die beiden Häupter der christlichen Welt einander so grimmig hassten, als der Papst den Kaiser bannte und der Kaiser den Papst absetzte, als der eine wie der andere mit Schmähungen nicht sparte und seinen Gegner bald mit dem Antichrist, bald mit den abscheulichsten apokalyptischen Ungeheuern verglich, verstand es Hermann, nicht nur Freund, sondern sogar Vertrauter sowohl Friedrichs als auch Gregors IX. zu bleiben. Einen solchen Mann ist es immer gefährlich, zur Teilnahme an einem politischen Unternehmen gegen einen Anteil am Gewinn einzuladen: Er wird stets darauf bedacht sein, sich diesen Anteil mit freigebiger Hand zuzumessen – wozu bräuchte er sonst seine Gewandtheit? Konrad von Masowien und Christian von Oliva hofften zweifellos, die Deutschordensritter würden sich für ihre Dienste mit der Abtretung irgendeines Stückchens Land begnügen, das man ihnen bei Gelegenheit auch wieder abnehmen könnte; doch bald merkten sie, dass sie sich verrechnet hatten. Konrad bot dem Orden das Kulmerland zwischen Ossa und Drewenz an. Es war Gegenstand eines ewigen Streits zwischen Polen und Pruzzen und musste damals erst noch erobert werden. Hermann nimmt es an, bittet aber den Kaiser, er möge seine Erlaubnis zur Annahme dieser Schenkung geben und ihr bei der Gelegenheit gleich noch ganz Preußen hinzufügen.
Der Kaiser tritt als Herr der Welt dem Hochmeister und seinen Nachfolgern das angestammte Recht des Reiches auf Berge, Ebenen, Flüsse, Wälder und Meer in partibus Prussiae ab. Dann bittet Hermann um die Zustimmung des Papstes, und der Papst gibt ihm seinerseits nicht nur dieses Land, auf das seiner Meinung nach bisher niemand außer Gott ein Recht gehabt hatte, sondern befiehlt überdies, den Kreuzzug gegen die Ungläubigen zu predigen.
Er gebietet den Rittern, die heiligen Waffen gegen die Pruzzen zu erheben und sie zu schlagen, bis ihr ganzes Land unterworfen ist, den Fürsten aber, dem Orden auf jede Weise beizustehen. Später, nach den ersten Siegen, wird der Papst Preußen erneut zum Eigentum des hl. Petrus erklären und es dem Orden erneut „zu vollem und durch nichts beschränktem Eigentum“ übergeben, wobei er jedem, der es wagen sollte, diesen Besitz anzutasten, mit dem „Zorn des Allmächtigen und Seiner Apostel, der hll. Petrus und Paulus“ droht*.
Im Jahr 1230 waren alle Vorbereitungen abgeschlossen, und der Krieg begann. Als die Pruzzen zum ersten Mal in den Reihen der Polen diese Reiter erblickten, gekleidet in lange weiße Mäntel mit einem scharf hervortretenden schwarzen Kreuz, fragten sie einen der Gefangenen, was das für Leute seien und woher sie kämen. Der Gefangene, erzählt Peter von Dusburg, antwortete: „Das sind fromme und tapfere Ritter, aus Deutschland gesandt von unserem Herrn, dem Papst, um mit euch zu kämpfen, bis eure widerspenstigen Köpfe sich vor unserer heiligen Kirche beugen.“ Die Pruzzen lachten viel über die Ansprüche dieses Herrn Papst. Die Ritter waren nicht so heiter. Als der Hochmeister Hermann Balk, den er mit der Würde eines „Meisters von Preußen“ bekleidet hatte, aussandte, gegen die Heiden zu kämpfen, sagte er zu ihm: „Sei mutig und standhaft, denn du wirst die Söhne Israels, das heißt deine Brüder, in das gelobte Land führen. Gott sei mit dir!“ Doch traurig erschien dieses gelobte Land den Rittern, als sie es zum ersten Mal von der Burg aus erblickten, die am linken Weichselufer unweit von Thorn lag; diese Burg trug den klangvollen Namen Vogelsang (Vogelgesang).
„Als sie als kleine Schar vor einer unzähligen Menge von Feinden standen, sangen sie ein Lied der Trauer, denn sie hatten die teure Heimat verlassen, ein friedliches und fruchtbares Land, und zogen in ein Land des Schreckens, in eine weite Wüste, in der ein furchtbarer Krieg tobte.“
Dieser furchtbare Krieg dauerte 53 Jahre. Es liegt keineswegs in unserem Plan, seine Geschichte in allen Einzelheiten darzustellen. Es sei bemerkt, dass dies eine sehr schwierige Aufgabe wäre, die selbst die Deutschen noch nicht bewältigt haben. In ihrer bemerkenswerten Ausgabe der Scriptores rerum prussicarum bieten sie zwar alle uns überlieferten Zeugnisse über dieses große Ereignis. Doch leider lebte der vollständigste, verständigste und gründlichste der alten Geschichtsschreiber Preußens, Peter von Dusburg, ein Jahrhundert nach den von ihm beschriebenen Ereignissen; überdies war er Priester und Mitglied des Ordens – das spiegelte sich nicht nur in seiner parteiischen Haltung gegenüber den Rittern wider, sondern auch in seiner ganzen Sicht auf den Sinn des Kampfes: Getreu seinem engen kirchlichen Geist sieht er darin nur das heilige Unternehmen der Streiter Gottes gegen die Ungläubigen. Seine Legenden sind schön, und da uns das Wunderbare nicht mehr irreführen kann, verzeihen wir sie ihm gern. Doch er geht auch mit den Tatsachen unbekümmert um, bauscht die einen auf und übergeht andere ganz, wenn sie ihm unbequem sind; er übertreibt auf jeder Seite die Zahl der Kreuzfahrer und der Heiden und zeichnet dadurch ein völlig falsches Bild der Eroberung Preußens. Andererseits nimmt er durch seine Vorzüge für sich ein – durch die Leichtigkeit, die Kurzweil und, man darf sogar sagen, den Reiz seiner Darstellung. Deshalb unterwerfen sich selbst die heutigen deutschen Historiker seiner Autorität, und die Eroberung erscheint uns in ihren Erzählungen als ein großes Drama in mehreren Akten, in dem gewaltige Kräfte in einem gigantischen Kampf aufeinanderprallen. Diese Historiker bringen in ihre Darstellung das Kolorit der schönen und düsteren Poesie des Nordens, erzählen voller Begeisterung von den Winterfeldzügen, wenn das Eis unter den Hufen der Ritterpferde krachte, und schildern jenen mystischen Patriotismus, der sie selbst alles Deutsche bewundern lässt, sogar deutsche Roheit und Grausamkeit.
Sie sehen im Deutschen das Werkzeug einer übernatürlichen Macht, einer besonderen Vorsehung, die speziell die Deutschen beschützt, der aber auch die übrige Welt nicht gleichgültig ist, denn dem ganzen Erdkreis ist bestimmt, durch die Kraft des deutschen Genius umgestaltet zu werden.
Es besteht kein Zweifel, dass die deutschen Ritter und Kolonisten über den von ihnen unterworfenen oder verdrängten Pruzzen standen, und man muss äußerst voreingenommen sein, um beim Vergleich des von Wulfstan beschriebenen Landes mit dem vom Orden regierten Land nicht über das außergewöhnliche Werk zu staunen, das diese Deutschen vollbracht haben, die aus allen Gegenden Deutschlands und aus allen Schichten seiner Gesellschaft kamen. Doch im Interesse der Wahrheit muss man zugeben, dass die Geschichte dieser halbhundertjährigen, langsamen Eroberung keineswegs so poetisch ist, wie man sie gewöhnlich darstellt.
In der Epoche der größten Macht des Ordens, also um 1400, zählte Preußen 1000 Ritter. Im 13. Jahrhundert war ihre Zahl bedeutend geringer, besonders zu Beginn der Eroberung, als die Mitglieder des noch sehr schwachen Ordens über Deutschland, Italien und das Heilige Land verstreut waren. Die „Ordenschronik“, offenbar früher als Dusburg und von besser unterrichteten Leuten verfasst, spricht nur von kleinen Kriegen, in denen die wenigen Ritter, die von ihren Mitbrüdern aus den deutschen Kommenden keine Unterstützung erhielten und sich nicht auf die Kolonisten verließen, sich in Festungen einschlossen und froh waren, wenn es ihren schwachen Besatzungen gelang, die Verbindung untereinander über die Weichsel aufrechtzuerhalten. Zehn Jahre nach Beginn des Krieges, als schon viele Städte gegründet waren, schickten die Ritter aus Kulm dreimal nach Rehden mit der Bitte, e i n e n Ritter zu ihrer Hilfe zu senden. Dann schickten sie Gesandte nach Deutschland zu ihrem Hochmeister, nach Böhmen und nach Österreich und erklärten, alles sei verloren, wenn man ihnen keine Hilfe gebe. Daraufhin kamen zehn Ritter mit dreißig Pferden zu ihnen – und das genügte, dass Kulm jubelte. Was die Kreuzfahrerheere betrifft, die oft durch päpstliche Bullen nach Preußen gesandt wurden, so waren sie nie so zahlreich, wie die alten Chronisten erzählen, die in der Lebhaftigkeit ihrer Phantasie bis zu belustigenden Übertreibungen gehen. Wenn Dusburg behauptet, der böhmische König Ottokar sei mit einem Heer von 60 000 Mann tief ins Samland eingedrungen – eine solche Masse hätte sich dort natürlich weder bewegen noch ernähren können –, so ist anzunehmen, dass er zwei Nullen zu viel anfügt. Im gleichen Verhältnis wächst auch die Zahl der Feinde ins Unmögliche. Eine livländische Chronik sagt, die Samländer hätten 40 000 Mann ins Feld stellen können. Doch dieses ganze Land umfasste nicht mehr als 1700 Quadratwerst und war dicht mit Wäldern bedeckt, in denen Biber, Bären und Wisente lebten; es ist schwer anzunehmen, dass auf ihm mehr als 20 Einwohner auf eine Quadratwerst kamen – die gesamte Bevölkerung des Samlands kann man allenfalls auf 34 000 Menschen veranschlagen. Die Eroberung Preußens, dessen Bevölkerung damals 200 000 Seelen nicht übersteigen dürfte, war also das Werk einer sehr kleinen Zahl von Rittern; dabei halfen ihnen noch kleine Kreuzfahrerheere und auf Kriegsfuß gestellte Kolonisten. Die Überlegenheit der Bewaffnung, die aus jedem Ritter so etwas wie eine bewegliche Festung machte, die bessere Taktik, die Kunst des Festungsbaus, die Uneinigkeit der Pruzzen, ihre Sorglosigkeit und die allen Wilden eigene Unfähigkeit, die Zukunft vorauszusehen und für sie zu sorgen – all das erklärt den endgültigen Erfolg der Eroberung, während die Geringfügigkeit der für den Krieg aufgebotenen Kräfte die Dauer des Kampfes verständlich macht.
Diese Eroberung rückte vor wie die Flutwelle, bald heranbrandend, bald wieder zurückweichend. Wenn ein Kreuzfahrerheer kam, entfaltete der Orden sein Banner. Man brach vorsichtig auf und schickte besondere, in ihrem Handwerk gut ausgebildete Kundschafter voraus. Der Feind wurde fast immer überrascht.
Das Heer besetzte irgendeinen geschickt gewählten Punkt auf einem Hügel, von dem aus sich ein freier Blick auf die Umgebung bot, und begann Gräben auszuheben und Palisaden zu errichten. So entstand eine Festung, an deren Fuß sich ein Dörfchen ansiedelte. In diesem Dörfchen, in dem jedes Haus wie ein Blockhaus gebaut war, ließen sich die mit den Kreuzfahrern gekommenen Kolonisten nieder. Es waren Arbeiter oder Bauern, die in Begleitung ihrer Frauen und Kinder die Heimat verlassen hatten und mit dem Kreuz auf der Brust gekommen waren, um in einem neuen Land ihr Glück zu suchen. Mit den Arbeiten musste man sich beeilen, denn keiner dieser Kreuzzüge dauerte länger als ein Jahr. Wenn die Kreuzfahrer abzogen, wurde die Festung sogleich von den rachedurstigen Feinden angegriffen. Nicht selten gelang es ihnen, sie im Sturm zu nehmen und niederzubrennen, und dann, nachdem sie das Dörfchen verwüstet hatten, nahmen sie das eben erst von den Deutschen eroberte Gebiet wieder ein. Die Ritter aber, in ihren Burgen eingeschlossen, warteten voller Unruhe auf Nachricht vom Eintreffen neuer Hilfe. Diese Flut und Ebbe wiederholten sich so oft, dass man sich wohl oder übel darauf einrichten musste. Die Deutschen bauten auf steilen Hügeln und auf Inseln Zufluchtsorte, wo die Kolonisten bei jedem Alarmsignal Schutz suchten, und diese hastigen Rückzüge wiederholten sich so oft, dass die Schankwirte besondere Privilegien „für sich und i h r e N a c h k o m m e n“ für den Verkauf starker Getränke an den Zufluchtsorten erhielten.
Ihre ersten und zugleich dauerhaftesten Siedlungen gründeten die Ritter an der Weichsel, in dem Winkel, den sie zwischen den Mündungen von Drewenz und Ossa bildet. Kulm und Thorn wurden von ihnen schon 1232 angelegt. Noch heute ist das Kulmerland voll von Denkmälern, die beredt von der Epoche der Eroberung zeugen, und den Reisenden erwarten dort überwältigende Eindrücke, von denen selbst in Deutschland kaum jemand eine angemessene Vorstellung hat. Im Oktober 1877 verließ ich die Eisenbahn in Terespol, unweit des linken Weichselufers, und ging zu der Fähre, mit der man gegenüber von Kulm über den Fluss setzt. Es dämmerte. Im Osten war der Himmel mit grauen und schwarzen Wolken bedeckt, die sich übereinander türmten; im Westen aber glühte der Horizont in durchsichtig goldenem Licht, und dort zeichnete sich bis in die kleinsten Einzelheiten der steile Hügel ab, auf dem sich die Glockentürme Kulms erheben. Nach der Überfahrt steigt man auf steilem Weg zur Stadt hinauf, die von der Weichsel und einem ihrer Nebenflüsse so umschlossen wird, dass die Stadt wie eine . bergige Insel wirkt, hingeworfen inmitten einer endlosen Ebene. Nachdem man einen Teil der alten Stadtmauern umrundet hat, gelangt man in einen langen und schmalen unterirdischen Gang mit massiven Gewölben, der einen ins Innere der Stadt führt. Dort geht man, ganz außer sich vor Staunen, von den alten Kirchen, die ihr hohes Haupt stolz zum Himmel erheben, zum Rathaus, das mit seinem durchbrochenen Türmchen gleichsam aus Italien hierhergekommen zu sein scheint, bis man schließlich in den neuen Teil der Stadt mit seinen eintönigen Häusern gelangt. Diese Kirchen und das Rathaus erzählen von den mächtigen Rittern, die Erinnerungen aus allen Enden der Welt auf preußischen Boden mitbrachten; die neuen Häuser aber, unter Friedrich II. nach einem aus Berlin geschickten Plan erbaut und ausgerichtet wie eine Reihe Soldaten, verkörpern neben der poetischen Größe des alten, mit mächtiger Phantasie begabten Zeitalters die preußische Prosa und Disziplin. Und solcher Gegensätze ist dieses ganze Land zwischen Kulm und Thorn voll, das ich auf völlig unmöglichen Wegen bereist habe, wo die Pferde mit den Hufen lebendigen Schlamm kneten müssen: Die preußische Regierung kümmert sich nicht allzu sehr um ihre östlichen Provinzen, was von ihrer Seite vielleicht nicht ganz klug ist. Wenn man auf dieser leicht welligen Ebene steht, übersät mit kleinen Seen und gewaltigen Findlingen, unter denen die alten Pruzzen die Asche ihrer Toten bestatteten, entdeckt das Auge fast immer irgendwo am weiten und düsteren Horizont die Silhouette eines Glockenturms oder einer Ruine. Bald sind es die massiven Steinmauern von Papau mit ihren mit Ziegeln verkleideten Spitzbögen; bald Culmsee, ein kleines Dorf am Fuß zweier kolossaler Kirchen mit mächtigen Türmen, die sich über den Portalen erheben; bald schließlich Thorn. In Thorn staunt man über die Reste der Burg mit ihrem zyklopischen Fundament und den mächtigen Mauern, die bis heute die Spuren des Brandes tragen, der die Burg im 15. Jahrhundert zerstörte; über das Rathaus, eines der stolzesten Denkmäler deutscher städtischer Baukunst; über drei Kirchen, in denen der Ziegel Wunder vollbringt. Den Philologen und den Historiker werden in ihnen zwei höchst merkwürdige Inschriften interessieren: Die eine gilt als pruzzisch, ist aber bis heute nicht entziffert, die andere ist in arabischer Schrift geschrieben und dient als Ornament eines der Portale.
Und wie kläglich erscheint die Gegenwart, wenn man diese mächtigen Denkmäler der Vergangenheit betrachtet, die den sie umgebenden Städten und Dörfchen ebenso gut anstehen, wie die Rüstung eines klafterlangen Ritters einem kränklichen Kind anstünde.
Nach der Unterwerfung des Kulmerlandes ging die Eroberung die Weichsel entlang, an der Festungen entstanden, die ihren ganzen Lauf beherrschten: Thorn, Kulm, Marienwerder und Elbing. Zugleich erhielten die Ritter die Möglichkeit, mit Deutschland über das Meer zu verkehren. Das war für sie wichtig, da sie zu Lande durch ein slawisches Fürstentum von ihm abgeschnitten waren – durch Pommern, das einen unzuverlässigen Nachbarn darstellte. Die Pommern sahen die Festsetzung der deutschen Eroberer in einem slawischen Land mit einer Unruhe, die ihre Gründe hatte. Der Krieg, den Fürst Swantopolk dem Orden 1241 erklärte, wurde zum Signal für den Aufstand der Pruzzen; er dauerte elf Jahre und war schrecklich. Die Ritter siegten, und der Lärm dieses siegreichen Kampfes zog neue Kreuzfahrer an, unter denen 1254 der böhmische König Ottokar erschien. Damals drangen die Christen zum ersten Mal in den heiligen Wald Romowe ein; damals wurde auch Königsberg erbaut – das Stadtwappen, auf dem ein Ritter mit einem gekrönten Helm dargestellt ist, bewahrt ebenso wie der Name der Stadt selbst bis heute die Erinnerung an den böhmischen König. Ottokar erzählte später von sich, er habe ein ganzes Volk getauft und die Grenzen seines Reiches bis an die Ostsee vorgeschoben. Doch das war nur Prahlerei, hinter der bei den lärmenden, aber trägen mittelalterlichen Slawen überhaupt keine Tat stand. Die Ritter dagegen nutzten die ihnen zukommende Hilfe aufs Beste und betrieben das Werk der Eroberung auf die beharrlichste und ernsthafteste Weise. Kaum war der erste Aufstand niedergeschlagen, schickten sie Kolonisten über das Kurische Haff und gründeten dort Memel. 1237 nehmen sie den Schwertbrüderorden, der Livland erobert hatte, in sich auf und beginnen von der Herrschaft über die ganze Ostküste der Ostsee zu träumen, an der sich ihre Besitzungen schon fast 100 Meilen weit erstrecken**.
Doch das Pruzzenland war noch keineswegs befriedet, und sieben Jahre nach Ottokars Feldzug war dort wieder alles zu einem neuen Aufstand bereit. In den Wäldern fanden geheime Beratungen statt, der große Priester gab erneut ein Lebenszeichen, und die Eichen begannen zu sprechen. Die Kinder vornehmer Pruzzen, die der Orden zur Erziehung in Klöster gegeben hatte, fliehen heimlich in die Heimat. Die Ritter spüren das Nahen des Sturms und hoffen, ihn durch Grausamkeiten abzuwenden. Einer der Würdenträger des Ordens lädt eine große Gesellschaft vornehmer Pruzzen, die ihm verdächtig erscheinen, zum Mahl zu sich, macht sie betrunken, geht dann hinaus, verschließt die Tür hinter sich und legt, wie Dusburg sagt, Burg und Pruzzen in Asche. Doch all das nützt nichts, der Aufstand bricht noch schrecklicher aus als beim ersten Mal. Der Meister von Livland wird von den Litauern geschlagen, Kurland befreit sich, die pommerschen Fürsten vergessen ihre Taufe und helfen den Pruzzen gegen die Deutschen. Die Burgen des Ordens fallen eine nach der anderen, und zehn Jahre lang folgt Unglück auf Unglück. Endlich beginnen die Aufständischen, erschöpft und nach gewaltigen Verlusten, schwächer zu werden. Doch die Ritter brauchten noch zehn Jahre, um die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Das Gemetzel an den Pruzzen geht dabei unaufhörlich weiter, und der Kampf endete erst, als die Jatwinger – ein kleines Volk, das tief in den Wäldern hinter den großen Seen dieser Gegend lebte – sich für besiegt erklärten und, nicht gewillt, sich dem Joch der Ritter zu unterwerfen, mit ihrem Anführer, dem gefürchteten Stardo, nach Litauen zogen. Über diesem Winkel der Erde, wo die Slawen dem Feind den letzten, verzweifelten Widerstand leisteten, und dort, wo sich einst die Dörfchen der Jatwinger drängten, breitet sich heute die Johannisburger Heide aus.
Die Epoche dieses Kampfes ist das heroische Zeitalter des Ordens. In diesen schrecklichen Jahren hielt der Glaube die Ritter aufrecht. Ihre Burg ist belagert, von nirgendwoher können sie Hilfe erwarten, und sie kämpfen mit Verzweiflung im Herzen; der Hunger zwingt sie, ihre Pferde und das Riemenzeug zu essen – doch umso glühender sind die Gebete, die sie zur Gottesmutter emporsenden.
Bevor sie sich auf den Feind stürzen, tun sie Buße und unterziehen sich dabei einer erbarmungslosen Geißelung. Von Ekstase ergriffen, flehen sie den Himmel um Wunder an. Und die Wunder lassen nicht auf sich warten – der ganze Dusburg ist voll von Erzählungen darüber. Am Vorabend einer der blutigsten Schlachten gegen die aufständischen Pruzzen erscheint die Jungfrau Maria einem Ritter, der ihr besonders eifrig gedient hatte, und spricht: „Hermann, bald wirst du bei Meinem Sohn sein.“ Am nächsten Tag sagte Hermann, als er sich in die dichtesten Reihen der Feinde stürzte, zu seinen Gefährten: „Lebt wohl, Brüder, wir werden uns nicht wiedersehen! Die Gottesmutter ruft mich in die ewige Welt!“ Ein pruzzischer Bauer, der diese Schlacht gesehen hatte, in der die Ritter in die Flucht geschlagen wurden und haufenweise unter den Schlägen der Feinde fielen, schloss seinen Bericht darüber so: „Da sah ich Frauen und Engel, die die Seelen der Brüder zum Himmel trugen; am hellsten von allen strahlte die Seele Hermanns in den Händen der Heiligen Jungfrau.“ Ein andermal, am Abend nach einer Schlacht, machte sich die Frau eines der Kolonisten, als sie sah, dass ihr Mann nicht nach Hause zurückkehrte, auf, ihn auf dem Schlachtfeld zu suchen. Sie fand ihn noch lebend, konnte ihn aber nicht dazu bewegen, aufzustehen und mit ihr zu gehen. „Ich habe soeben die Heilige Jungfrau gesehen“, sagte er, „zwei Frauen begleiteten sie und trugen Lichter, und sie ging und räucherte über den Leibern der Toten; als sie zu mir kam, sprach sie: „Freue dich! Noch drei Tage, und du wirst ins ewige Leben auffahren.“ Und der Verwundete wollte auf dem Schlachtfeld sterben.
Ein kräftiger Schlag waren diese Eroberer. Ein Ritter trug in seinem Leben mehrere Kettenpanzer ab; und viele legten ihre Büßerketten weder bei Tag noch bei Nacht ab. Die Kolonisten – Männer und Frauen – waren aus demselben Holz geschnitzt wie die Ritter. Nach allgemeiner Regel mussten die Witwen der im Krieg Gefallenen sofort wieder den ersten besten Junggesellen heiraten, denn über allem stand die Rettung der Kolonie. Einmal sahen in Kulm zwei Frauen auf dem Weg zur Kirche einen ganz zerlumpten, aber sehr hübschen Burschen, der mit Knöcheln spielte. Beide wollten ihn mitnehmen. Es entstand ein Streit; schließlich gelang es der Gewandteren, ihn für sich zu erstreiten, sie führte ihn in ihr Haus und kleidete ihn anständig ein. Dann „verlobte der Priester dieses interessante Paar, und mit der Zeit wurde auch die Hochzeit gefeiert. Die Geschichte dieser beiden Frauen, die einander auf dem Weg zur Kirche in einem verlassenen Städtchen einen Mann abjagen, ist einer der auffallendsten Züge der ganzen Geschichte dieses Landes, in dem die Forderungen des „Kampfes ums Dasein“ die Christen des 13. Jahrhunderts zu den Bedingungen urzeitlichen Lebens zurückführen.
Gegen Ende des Jahrhunderts hatten die Kolonisten und Ritter ihre Sache endgültig gewonnen. Ihre Burgen und Städte standen fest auf preußischem Boden – und die Reste der Besiegten sollten sich nie wieder regen. Anfangs schonten die Eroberer die Pruzzen und ließen den Bauern ihre Freiheit und dem Adel seine Stellung, sofern sie nur die Taufe annahmen. Sie gaben einheimische Kinder in Klöster zur Erziehung; doch die dort erzogenen Pruzzen erwiesen sich später als die gefährlichsten Feinde der Ritter. Dafür wurden die Besiegten während der Aufstände und danach völlig außerhalb des Gesetzes gestellt. Eine gewaltige Zahl von ihnen rotteten die Deutschen mit dem Schwert aus, und die Überlebenden siedelten sie in verschiedenen Bezirken an, wo sie sie nicht mehr nach dem Grad ihres Adels, sondern nach ihrem früheren Verhalten gegenüber dem Orden in Klassen einteilten und so mit einem Schlag sowohl ihre Bindung an die Heimaterde als auch die alte Gesellschaftsordnung zerschlugen. Der Orden erwies jenen pruzzischen Adelsgeschlechtern eine gewisse Beachtung, die nicht an den Aufständen teilgenommen und sich damit das Recht auf Freiheit und Ehre verdient hatten. Er zog die Pruzzen auch zu einigen öffentlichen Ämtern heran; doch die Zahl dieser Bevorrechteten war verschwindend gering, die Masse der Besiegten aber geriet in eine Lage nahe der Sklaverei.
Diese christlichen Eroberer wollten in den Besiegten nicht einmal einfach Menschen sehen, die eine Seele hatten wie sie selbst und an deren Heil man hätte denken müssen. Schon seit Beginn des Krieges klagte der Papst, dass die Ritter die Pruzzen im Heidentum verharren ließen, und der Orden bewahrte diese Gleichgültigkeit bis zuletzt.
Dusburg erzählt in seiner Beschreibung der alten Sitten der Pruzzen, dass die Gastfreundschaft bei ihnen als unvollständig galt, wenn sich nicht das ganze Haus – Mann, Frau, Söhne und Töchter – zusammen mit dem Gast betrank; dass die Frauen bei ihnen nicht mehr waren als gekaufte Mägde, die nicht einmal mit ihren Männern speisten und jeden Tag dem Hausherrn und dem Gesinde die Füße wuschen; dass ein Vergleich im Fall eines Totschlags erst zugelassen wurde, nachdem der Mörder oder einer seiner Angehörigen selbst unter den Schlägen der Verwandten des Opfers gefallen war.
Diese Sitten des 13. Jahrhunderts finden wir auch im 15. Jahrhundert noch in Kraft. Nach jener Niederlage, die den Orden zwang, Vasall Polens zu werden, ließ der Hochmeister Paul von Rusdorf die Ursachen des tiefen Niedergangs seines Landes untersuchen und bat alle kundigen Personen, ihre Meinung darüber zu äußern. Ein Kartäusermönch schrieb damals eine Art Mahnschrift, in der er dem Orden seine Sünden vorhält, vor allem sein Verhalten gegenüber dem einfachen Volk, besonders gegenüber den Pruzzen, die er die armen Pruzzen nennt. Die Pruzzen, sagt dieser Zeuge, hätten ihre heidnischen Bräuche bewahrt, und wie hätte es auch anders sein können? Ihre Herren sagten zu den Priestern, die sie zum Christentum bekehren wollten: „Lasst die Pruzzen Pruzzen bleiben.“ Sie hinderten sie am Kirchgang, bürdeten ihnen selbst an Feiertagen Frondienste auf und sorgten sich nur darum, so viel Geld · und Arbeit wie möglich aus ihnen herauszupressen. Auf Schritt und Tritt nähmen sie ihnen Eide ab und verleiteten sie auf Schritt und Tritt zum Meineid, denn diese Sünde, die die ewige Verdammnis nach sich zieht, werde mit einer geringfügigen Buße gesühnt. An den Tagen pruzzischer Hochzeiten ließen sie satanische Tänze zu, bei denen sich die Frauen als Männer verkleideten; deshalb mehrten sich die Morde, „die in Preußen üblich sind“, denn der Glaube stehe so niedrig, dass es billiger sei, einen Menschen zu töten, als ein Pferd zu kaufen. Die Morde geschähen am häufigsten bei Gelagen, wenn ganze Familien sich betranken und miteinander in Streit gerieten. Dieser Kartäusermönch, ein Freund des Ordens, sagt dasselbe wie dessen Feinde. Etwa zur gleichen Zeit beschuldigt der Bischof von Posen die Ritter, sie ließen zwei Drittel der Pruzzen in den Irrtümern des Heidentums und schickten diese Barbaren in den Krieg gegen ihre christlichen Nachbarn. Tatsächlich nahm der Orden ständig Pruzzen als Soldaten, und die Aushebungen trugen nicht weniger als die Knechtschaft zum Aussterben der einheimischen Bevölkerung bei. Hinzuzufügen ist, dass die Pruzzen, wie es in solchen Fällen immer geschieht, all ihre barbarischen Laster bewahrten und sehr bald auch viele Laster der Sieger übernahmen. Unter dem Einfluss dieser zersetzenden Kräfte, zu denen im 15. Jahrhundert noch verheerende Kriege hinzukamen, deren Hauptlast gerade auf die Einheimischen fiel, begann das pruzzische Volk sehr rasch dahinzuschwinden. Es scheint, dass bis ins 16. Jahrhundert die Priester in manchen Dörfern noch Dolmetscher brauchten, um ihre Predigten in die Volkssprache zu übertragen. Mehr noch: Wir stoßen in dieser Epoche noch auf Reste des Heidentums: Wir hören von nächtlichen Versammlungen, bei denen heidnische Priester den alten Gottheiten Böcke opferten. Doch im 16. Jahrhundert verschwand die pruzzische Sprache vollständig. Was heute von ihr übrig ist, ist ebenso Gegenstand gelehrter philologischer Forschungen wie die Reste altgriechischer Mundarten. Ein ganzes Volk wurde vernichtet, um einer deutschen Kolonie Platz zu machen.
* Zwischen der Ankunft der ersten polnischen Gesandtschaft und dem Beginn der Eroberung vergingen einige Jahre. Diese Verzögerung erklärt sich zum Teil aus der vielfältigen Beschäftigung des Hochmeisters und seiner Teilnahme am Kreuzzug Friedrichs II.; doch zweifellos wollte auch Hermann selbst keineswegs eilen: Indem er die erbetene Hilfe auf sich warten ließ, rechnete er damit, Herzog Konrad und Bischof Christian für seine Bedingungen gefügiger zu machen. Christian träumte zunächst davon, sich aus Preußen ein ebenso unabhängiges Fürstentum zu schaffen, wie es Albert von Buxhoeveden in Livland besaß: Hermann wollte, dass ihm die Ritter nur als die für die Eroberung nötigen Soldaten dienten. In den Jahren, die die Entsendung der Gesandtschaft vom Beginn der Eroberung trennen, versuchte er, einen neuen, ihm unmittelbar unterstellten Ritterorden zu schaffen – die Dobriner Brüder. Hätte dieser Orden überlebt und sich weiterhin, wie anfangs, in slawischen Ländern ergänzt, so hätte sich das Schicksal Preußens völlig ändern können: Preußen wäre keine deutsche, sondern eine polnische Kolonie geworden. Doch der Orden entwickelte sich nicht schnell genug, die Gefahr drängte hartnäckig, und Christian musste, nachdem er sich reiche Besitzungen und wichtige Vorrechte gesichert hatte, gänzlich auf alle Hoheitsrechte über die Deutschordensritter, auf jede Gerichtsbarkeit über sie und auf das Recht verzichten, in den eroberten Ländern den Zehnten zu erheben.
** Die Vereinigung der beiden Orden war ebenfalls das Werk Hermanns von Salza. Bischof Albert und die Schwertbrüder erzielten in ihren Unternehmungen sehr rasch außergewöhnliche Erfolge. Doch schon zu Lebzeiten Alberts begannen große Gefahren den Bestand des von ihm gegründeten Ordens zu bedrohen. In Livland lag die oberste Gewalt beim Bischof und nicht beim Orden. Damit unzufrieden, begannen die Schwertbrüder besondere Privilegien und einen Teil der eroberten Länder für sich zu fordern. Der Bischof musste ihnen wichtige Zugeständnisse machen. Überdies wurde die deutsche Kolonie von Litauern und Russen bedroht. Von diesen Feinden hart bedrängt, rief Christian die Dänen zu Hilfe. Den Skandinaviern waren diese Länder schon früher bekannt, und als sie dorthin kamen, wurden sie unter der Führung Waldemars bald zu gefährlichen Rivalen des Ordens. 1219 gründete Waldemar Reval und bemächtigte sich eines Teils Estlands. Nach dem Tod Christians wuchsen die Schwierigkeiten noch: Litauer und Russen griffen mit doppelter Kraft an. Waldemar, der für einige Zeit seine Besitzungen verloren hatte, forderte Estland erneut für sich. Im Orden selbst war die Disziplin völlig zerrüttet, und er stand offenbar am Rand des Zerfalls. Da schickten die Schwertbrüder eine Gesandtschaft zu den Deutschordensrittern und boten ihnen an, sich mit ihnen zu vereinigen. Hermann ließ sich wie gewöhnlich Zeit. Er wollte von den Schwertbrüdern keineswegs all ihre verworrenen Verhältnisse erben. Besonders missfiel ihm der Krieg mit Dänemark. Er wartete darauf, dass irgendein großer Misserfolg der Schwertbrüder im Krieg mit den Litauern sie nachgiebiger machte, denn anfangs wollten sie von einer Abtretung Nordestlands an die Dänen nichts hören. Nach der Niederlage, die die Schwertbrüder 1236 erlitten, befahl der Papst von Viterbo aus, wo sich auch Hermann bei ihm befand, selbst die Vereinigung beider Orden zu einem. Als die Sache abgeschlossen war, teilte Hermann den Schwertbrüdern mit, er habe sich verpflichtet, Estland an Dänemark zurückzugeben. Für einen Protest war es zu spät. Die Schwertbrüder bildeten eine besondere Abteilung im Deutschen Orden, und Livland erhielt seinen eigenen Meister. Die Vereinigung der beiden Orden war überhaupt ein Ereignis von großer Bedeutung, und für uns ist sie von besonderem Interesse, weil in dieser alten Geschichte sowohl die Deutschen als auch die Skandinavier und die Russen auf die Bühne treten, das heißt alle Hauptbeteiligten des Kampfes um die Ostsee, der im Mittelalter begann, sich in der Neuzeit fortsetzte und bis heute noch nicht beendet ist.
Die Epoche der Macht des Deutschen Ordens
Der Hochmeister in Marienburg
Die ganze preußische Stadt Marienburg ist ein einziges Denkmal der einstigen Größe der Ritter, am eindrucksvollsten aber sind in ihr die beiden Burgen des Deutschen Ordens. Die ältere von ihnen bildet ein Rechteck von 60 Metern Länge und 53 Metern Breite. Ihre hohen Mauern waren einst von zwei Reihen spitzbogiger Arkaden durchbrochen, doch leider hat man sie zugemauert, als man den alten Palast seiner neuen Bestimmung anpasste – als Kornspeicher zu dienen. Nicht weniger hat die Burgkirche gelitten: Die Jesuiten haben sie mit geschnörkeltem Schnitzwerk mit Fackeln, flammenden Herzen und allerlei anderen katholischen Ungereimtheiten ausgeschmückt. Inmitten dieses ausschweifenden Rokokos sind auf dem Chor die eichenen Gestühle der Ritter erhalten; eines von ihnen, das dem Hochmeister gehörte, ist von einem eichenen Baldachin überdacht. Von außen erscheint die Kirche, deren reiner gotischer Stil unangetastet geblieben ist, wie ein gigantischer Reliquienschrein, der in das Palastgebäude eingelassen ist. Hinter dem Altar stellt ein riesiges Mosaik von blendenden Farben, acht Meter hoch, die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind dar, das sie spielend wie eine Feder auf dem linken Arm hält.
Es ist eine gewaltige Frau, die nicht Barmherzigkeit, sondern drohende Kraft ausstrahlt, wie es der Schutzherrin jener Deutschordensritter geziemt, von denen sie ein ganzes Volk als Opfer empfing, ohne einen Tropfen Gnade in ihre Herzen zu gießen.
Die zweite Burg bildet ein Trapez, das zur ersten hin offen ist, an die sie mit ihrem größten, 96 Meter langen Flügel grenzt. Der gegenüberliegende Flügel endet im Hochmeisterpalast, der sehr eigenartig gebaut ist: Über einem schweren Untergeschoss aus Steinquadern mit sechs Strebepfeilern und nur einer einzigen sehr niedrigen Tür erheben sich sechs leichte Arkaden auf Säulchen. In diesem ganzen oberen Teil, bis hinauf zu den zinnenartigen Rändern des gewaltigen Ziegeldachs, wird der dunkle Backstein durch Verzierungen aus weißem Stein belebt, die in die Ausschnitte des Daches greifen und es einfassen. Das Vorbild des Baus stammt aus Venedig: Es ist echte venezianische Architektur, die mit ihrem Reiz selbst dann bezaubert, wenn sie eine ungereimte Verbindung von Zerbrechlichem und Massivem eingeht. Die neue Burg hatte mehr Glück als die alte: Sie wurde restauriert. Sie besitzt drei herrliche Säle: In den zwei kleineren senkt sich das ganze Gewölbe wie Stalaktiten auf einen einzigen gedrungenen Granitpfeiler herab, und man meint, dieser Pfeiler werfe einen Wasserstrahl empor, der in die Höhe schießt, sich zum Gewölbe ausbreitet und in regelmäßigen Windungen an den Wänden herabrollt. Drei schlankere Säulen, gekrönt von Stuckkapitellen, tragen das Gewölbe des großen Saales, der von einer Seite durch vierzehn hohe Spitzbogenfenster erhellt wird.
Die Restaurierung dieser Burg ist das Werk von Verehrern der heimatlichen Vergangenheit. Vorwerfen kann man ihnen allenfalls, dass sie mit Kitt und Farbe allzu wenig gespart haben. Bedauern muss man auch, dass auf den Fensterscheiben die Namen und Wappen der Stifter prangen, die zur Deckung der Kosten beigetragen haben: Historische Denkmäler sind nicht dazu geschaffen, als Rechnungsbuch für Spenden zugunsten der Geschichte zu dienen. Man sollte auch die an den Wänden aufgehängten Lithographien und Photographien verschiedener Herren in Gehröcken entfernen. Der kleine Feldaltar der Hochmeister ist in diesem Palast zu Hause, doch wie wenig passen zu ihm die teppichbezogenen Sessel oder das von einer preußischen Prinzessin bestickte Tuch, das der Wächter aus dem Schrank holt und den Besuchern unter Zeichen tiefer Ehrerbietung zeigt. Vielleicht wird man mit der Zeit in dieser Burg eine Sammlung aller Gegenstände einrichten, die uns aus der Ritterzeit überkommen sind: Das wäre der Mühe wert. Von welcher Seite man die Burg auch betrachtet – vom Hof aus, vom Ufer der Nogat, von wo der Hochmeisterpalast wie eine hohe und düstere, mit Türmen gekrönte Zinnenfestung erscheint, oder vom Fuß der Statue Friedrichs, vor der sich die Hauptfassade entfaltet –, sie hinterlässt einen tiefen Eindruck und lässt staunen, wie der menschliche Geist den Stein zu verwandeln vermag. Denn die Deutschordensritter, diese Wanderer, die schließlich an den Ufern der Weichsel haltmachten, vereinten in ihrem Palast, der eine Mischung sarazenischer, italienischer und deutscher Architektur darstellt, Anklänge an Palästina, Deutschland und Italien. Die Geschichte dieser Mönche, die sich zum Schutz der Kirche bewaffneten und zu Herrschern wurden, atmet aus diesem ganzen gigantischen Denkmal – Kloster, Festung und Palast zugleich.
Eben in diese Marienburg verlegte der Hochmeister des Deutschen Ordens in den ersten Jahren des 14. Jahrhunderts seine Residenz*. Die Ungläubigen hatten den Christen im Heiligen Land alle Besitzungen bis zum letzten Fußbreit entrissen, und die Ritterorden mussten das Land verlassen, in dem sie entstanden waren.
Welches Los erwartete sie? Hervorgebracht hatten sie die Kreuzzüge, das heißt der Krieg, den die ganze christliche Welt ohne Unterschied der Völker auf den Ruf des Oberhaupts der Kirche, das damals mächtiger war als Kaiser und Könige, gegen die ungläubigen Besitzer des Heiligen Grabes unternommen hatte. Diese Mönche, die bald Krankenpfleger, bald Soldaten sind, bald Kranke und Verwundete pflegen, bald forsch auf die Sarazenen einhauen, waren wahre Söhne der barmherzigen und streitbaren Kirche des Mittelalters, wie es auch Ludwig der Heilige war, der den Armen die Füße wusch und meinte, im Streit mit den Ungläubigen gebe es kein besseres Argument als einen guten Schwerthieb. Die geistlichen Ritterorden waren vom universalen Geist der Kirche durchdrungen: Zumindest die Johanniter und die Templer gehörten keinem Land an, und wenn sie ein Vaterland hatten, so war es das Heilige Land. Nach seinem Verlust litten sie keinen Mangel an Zufluchtsorten, da ihnen unzählige Besitzungen in Europa gehörten.
Doch wie hatte sich Europa verändert! Zu der Zeit, als die Ritterorden entstanden, begann das Königtum in Frankreich bescheiden seine Laufbahn. Auf Philipp I., den König, der Kaufleute ausraubte, folgte Ludwig VI., Friedensrichter und Gendarm, der ständig über Berg und Tal streifte, unter seiner Rüstung vor Burgen schwitzte und die Begeisterung Sugers erregte, der uns stolz mitteilt, man habe seinen König sogar in der Tiefe des Berry gefürchtet. Zu der Zeit, als der Stern der Ritter zu sinken begann, war der Triumph des Königtums in Frankreich fast vollendet. Philipp der Schöne war damit beschäftigt, den Engländern die von ihnen besetzten Krongüter und den Feudalherren die von ihnen angemaßte königliche Autorität wieder abzunehmen. Seine Ratgeber und er selbst hegten einen kalten Hass gegen die Vergangenheit und verachteten ihre Vertreter. Der deutsche Kaiser kam auf den Gedanken, seine alten Rechte auf die burgundischen Lehen und Städte geltend zu machen. Auf die schwerfälligen Weitschweifigkeiten der deutschen Kanzlei antwortet Philipp mit so schlichten Worten – lateinisch im Klang, französisch im Geist: „Nimis germanice – das ist allzu deutsch.“ Der Papst kam auf den Gedanken, sich gewisse Rechte der königlichen Gewalt anzueignen; jedermann weiß, dass die Antwort darauf unerhörte Beleidigungen und das Attentat auf Bonifatius VIII. waren. Indem er sich diesem nach Macht und Geld gierenden Herrscher anvertraute und sich inmitten der Welt der Legisten niederließ, dieser „Ritter des Gesetzes“, der Todfeinde der wahren Ritter, handelte der Meister der Templer äußerst unbesonnen. Der Geist der Universalität war aus der europäischen Welt verschwunden; von den beiden obersten Führern der Christenheit war der eine, der Papst, in Gefangenschaft, der andere, der Kaiser, bloß ein Duodezfürst, der mit seinen kleinen Geschäften beschäftigt war. Von Kreuzzügen sprach man nur noch bei Festmählern und Gelagen. Die Templer aber dachten beständig weiter an das Heilige Land, instinktiv spürend, dass mit dem Ende der Kreuzzüge die Ritterorden untergehen mussten. Sie berieten über den Plan einer Expedition nach Palästina, als der Henker seine Hand auf sie legte.
Das Schicksal der Deutschordensritter war keineswegs so tragisch. Ihnen gehörten nicht nur an verschiedenen Orten verstreute Besitzungen, sondern die Eroberung hatte ihnen eine Heimat gegeben. Von einem Deutschen für Deutsche gegründet, war ihr Orden nie universal gewesen wie die beiden anderen, und das Werk, das die Deutschordensritter in Preußen unternommen hatten, wo deutsche Kaufleute und Siedler ihre Mitarbeiter waren, war ebenso deutsch wie christlich. Selbst nach der Vertreibung aus Palästina verlor ihr Dasein nicht seinen Sinn, und jeder verstand, wozu das Kreuz auf ihrem Mantel prangte, denn Litauen, der Nachbar ihres Preußen, blieb heidnisch und musste folglich erobert und zum Christentum bekehrt werden. Deshalb war das Los der Deutschordensritter dem Schicksal der Templer so unähnlich: Die einen verließen das Heilige Land, um unterzugehen, die anderen, um zu herrschen. Und der Marienburger Palast erhob sich zum Himmel zur selben Zeit wie der Scheiterhaufen der Templer.
Marienburg wurde zur Hauptstadt eines großen Staates. Der Orden zögerte nicht, seine Herrschaft über die Grenzen Preußens und Livlands hinaus auszudehnen: Er erwarb Pommern mit Danzig und behauptete diese Provinz nach einem dreißigjährigen Krieg mit Polen**, und die Eroberung Estlands von den Dänen verschob seine Grenzen bis an den Peipus, während sie im Westen bis an die Leba reichten.
In diesem Gebiet machte der Orden zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine sehr wichtige Erwerbung: Die deutsche Kolonisation in der Mark Brandenburg hatte sich bis an die Weichsel ausgedehnt, doch mit dem Erlöschen der askanischen Dynastie verfiel die Mark und wäre beinahe zugrunde gegangen. Da kaufte der Orden den Markgrafen die Neumark ab, dehnte so seine Besitzungen bis an die Oder aus und sicherte sich die Verbindung mit Deutschland***. Kein Staat in Osteuropa konnte sich an Vollkommenheit der Verwaltung mit jenem messen, an dessen Spitze die herrschende Körperschaft der Deutschordensritter stand.
* Im Jahr 1308.
** Wie sich diese Eroberung vollzog, haben wir oben dargelegt.
*** Bemerkenswert ist, dass die beiden Staaten, aus deren Vereinigung im 17. Jahrhundert Preußen hervorging, einander auf diese Weise mehrmals näherkamen und sich gegenseitig Dienste erwiesen. Als die Mark verfiel, erwarb der Orden von ihr die Neumark, die für Deutschland hätte verloren gehen können. Weiter unten werden wir sehen, dass, als der Orden seinerseits in Zerrüttung geriet, die unter den Hohenzollern erstarkte Mark die Neumark wieder an sich brachte. Die Einheit beider Geschichten beruht auf der Tatsache, dass die Markgrafen und die Ritter deutsche Kolonisatoren in fremdem Land waren.
Die Einrichtungen des Deutschen Ordens
Diese Körperschaft ist bei der Aufnahme ihrer Mitglieder frei von allen aristokratischen Vorurteilen. Von einem völlig unbekannten Mann gegründet, nach dem Fall des Königreichs Jerusalem den Lübecker Kaufleuten Unterstützung und Mittel zu neuem Aufstieg verdankend, selbst ebensolcher Kaufmann und zugleich Landwirt und Gewerbetreibender, kann der Orden nicht verächtlich auf das Bürgertum herabsehen. Ihm gehören geistliche und weltliche Brüder an. Die geistlichen Brüder, die in seinen Konventen als Priester dienen, braucht er, um so wenig wie möglich von den Bischöfen abhängig zu sein. Die weltlichen Brüder teilen sich in Ritter und einfache Brüder; nur die Ersteren tragen den weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuz und haben Anspruch auf die höchsten Stellen, die Letzteren, die sogenannten Graumäntel, bekleiden die kleinen Ämter, in denen sie dem Orden große Dienste leisten, da die Ritter völlig unfähig sind, sich in die Einzelheiten einer verwickelten Verwaltung zu vertiefen, die viel Pergament für Berichte und Rechenschaften verbraucht. Doch die einfachen Brüder verstecken sich nicht in den Kanzleien, und niemand sieht auf sie herab: Sie kämpfen im Krieg, gehören zur Ehrengarde des Hochmeisters, sitzen und stimmen im Kapitel, das ihn wählt.
Die Wahl des Ordensoberhaupts vollzieht sich mit feierlicher Schlichtheit. Wenn der Hochmeister stirbt, benachrichtigen Boten alle Kommenden in Preußen, Livland und Deutschland und rufen jeden Komtur auf, in Begleitung des „besten“ Bruders seiner Kommende nach Marienburg zu kommen.
Am festgesetzten Tag tritt das Kapitel zusammen. Der Ritter, der das Amt des Hochmeisters versieht, bestimmt einen „Wahlkomtur“; dieser wählt einen zweiten Wähler, der gemeinsam mit ihm einen dritten hinzuzieht und so fort, bis das ganze Kollegium gebildet ist. Insgesamt gehören ihm dreizehn Wähler an: ein Priester, acht Ritter und vier einfache Brüder. Bei der Wahl wird darauf geachtet, dass jede Provinz des Ordens ihren Vertreter hat und keine die Mehrheit. Die dreizehn Wähler schwören, weder einen unehelich Geborenen noch einen Ritter zu wählen, der wegen eines Vergehens gegen die Keuschheit oder wegen Diebstahls zu einem Jahr verurteilt worden ist. Dann nennt der Komtur seinen Kandidaten und fordert die anderen auf, die ihren mit völliger Offenheit und Freiheit zu nennen. Nach Abschluss der Wahl läutet man die Glocken, die geistlichen Brüder singen das Te Deum, und der neu Gewählte begibt sich in die Kirche. Dort hält man ihm eine Rede über die Pflichten, die seine Würde ihm auferlegt, damit er nicht in Unwissenheit bleibe und sich am Tag des Jüngsten Gerichts nicht mit dieser Unwissenheit entschuldigen könne. Dann empfängt er den Ring und die Abzeichen der Hochmeisterwürde aus den Händen des Priesters, den er küsst. Bei dieser ganzen Zeremonie ist weder ein Prälat noch ein Nuntius noch ein Gesandter zugegen; der Orden ist sein eigener Herr, er erledigt seine Angelegenheiten selbst, ohne jeden Zeugen, und diese Wahl ist ein Akt der höchsten Gewalt, so gestaltet, dass dem Zufall dabei fast kein Raum bleibt: Der Gewählte wird aus dem Kreis der Würdigsten nach deren eigener Wahl bestimmt.
Der Hochmeister ist kein Despot, er ist das Haupt einer aristokratischen Regierung. Die gesetzgebende Gewalt liegt beim Generalkapitel, mit dessen Zustimmung der Hochmeister die höchsten Würdenträger des Ordens ernennt. Die wichtigsten von ihnen sind die Meister von Deutschland und Livland. Mit dem Marienburger Kapitel wählt er die preußischen Würdenträger: den Großkomtur, den Großspittler und andere, die bei ihm so etwas wie einen Ministerrat bilden. Seiner alleinigen Entscheidung unterliegen nur die unbedeutendsten Angelegenheiten. So ist bei der Veräußerung von Besitz im Wert von 2000 Mark bereits die Zustimmung der Meister von Deutschland und Livland erforderlich; geht es um eine geringere Summe, bedarf es der Zustimmung der höchsten Würdenträger Preußens. Der Hochmeister hat nur einen der drei Schlüssel zur Schatzkammer bei sich.
Das Gebiet des Ordens ist in Kommenden geteilt, die ihrerseits in Bezirke untergliedert sind. Der Komtur wohnt in einer der Hauptburgen. Die Ritter-Beamten, die einen einzelnen Bezirk verwalten, heißen je nach der Beschaffenheit der Gegend Waldmeister oder Fischmeister. Sie versammeln ihren Rat jeden Freitag, der Komtur jeden Sonntag, denn der Orden hält sich streng an die Regel, dass die Geschäfte umso besser gehen, je gründlicher man sie berät. Die Disziplin im Orden wird durch seine religiöse Regel gesichert. Die Brüder haben das Gelübde der Keuschheit abgelegt – die Regel verbietet ihnen, selbst ihre leiblichen Schwestern und Mütter zu küssen; das Gelübde des Gehorsams – zum Zeichen ihrer Unterwerfung müssen sie das Haar kurz tragen; das Gelübde der Armut – und sie haben nichts Eigenes; sie tragen weder Gold noch Silber noch leuchtende Farben, keinerlei Unterscheidungszeichen, weder auf dem Schild noch auf der Rüstung; Waffen und Pferd können einem Bruder genommen und einem anderen gegeben werden – und wie sehr der Ritter sein Ross auch lieben mag, er darf nicht den geringsten Einwand erheben. Die kleinsten Einzelheiten der Kleidung sind durch die Regel bestimmt, und jede Minute des Lebens hat ihre Bestimmung. An der gemeinsamen Tafel hören die Brüder nach dem Gebet eine Lesung, deren Inhalt meist Erzählungen von den Taten der Krieger aus der Zeit Moses’ und Josuas oder von den Taten des Kriegers Judas Makkabäus und seiner Brüder bilden. Drei Tage in der Woche nähren sie sich von Milch und Eiern; am Freitag, einem dieser Tage, fasten sie, und nach dem Fastenmahl, zwischen Vesper und Komplet, bis zum Schlafengehen dürfen sie nur halblaut und nur über erbauliche Dinge sprechen.
Die Brüder schlafen in einem gemeinsamen Schlafsaal, der von einer Lampe erhellt wird. Sie legen sich halb bekleidet zu Bett und halten das Schwert griffbereit. Die Brüder dürfen vor ihren Oberen keine Geheimnisse haben und können ohne deren Wissen weder Nachrichten schreiben noch empfangen.
Es ist leicht zu verstehen, über welche Kräfte diese Körperschaft, in der sich der Einzelwille eines jeden dem obersten Willen des Hochmeisters und der Würdenträger des Ordens unterordnete, die ganze Zeit verfügte, solange in ihr der religiöse Eifer und der Gehorsam gegenüber der Regel lebendig blieben. Doch wie erklärt es sich, dass die Deutschordensritter nicht nur sich selbst gut regierten, sondern mit übergroßer Kunst auch andere beherrschten? – Damit, dass sie eine gewaltige Erfahrung besaßen: Sie begannen sie im Heiligen Land zu erwerben und vollendeten sie in Preußen, wohin Kolonisten und Kreuzfahrer aus allen Territorien Deutschlands und Europas strömten. Hinzu kommen weitverzweigte Handelsbeziehungen und regelmäßige Verbindungen mit den Kommenden und Meistertümern außerhalb Preußens. Wenn es auch heute noch wahr ist, dass das Reisen den geistigen Horizont erweitert und dass die Menschen mit dem Erlernen einer neuen Sprache eine neue Seele gewinnen, so galt das im Mittelalter erst recht. Wir haben Bücher, Zeitungen und die Schule, mit deren Hilfe Lichtstrahlen in die dunkelsten Winkel dringen; im Mittelalter aber kannten nur diejenigen die Welt, die sie mit eigenen Augen gesehen hatten. Die für uns kürzesten Entfernungen erschienen damals gewaltig. Als unter Ludwig VII. der Bischof von Gévaudan zum König kam, um ihm seine Ergebenheit zu bezeugen, war der König so erstaunt, lobte und dankte dem Bischof so herzlich, dass man hätte meinen können, das Gévaudan liege am Ende der Welt. Das Vaterland eines jeden ist so klein – und wie viel Erstaunliches erwartet diejenigen, die seine Grenzen überschreiten! Auf dem Weg ins Heilige Land fragen die Bauern vor jedem städtischen Glockenturm sogleich, ob das nicht Jerusalem selbst sei. Joinville, nach Ägypten gelangt, bildet sich ein, er stehe an den Pforten des irdischen Paradieses, aus dem der Nil fließt und auf seinen Wassern Ingwer, Rhabarber, Aloe und Zimt mitführt – Früchte von Bäumen, die der Wind im Paradies abreißt. Wehe dem, der die Quellen dieses Flusses aufsuchen wollte. Dort, auf einer nach allen Seiten steil abfallenden Höhe, die niemand ersteigen kann, sind allerlei Ungeheuer jeder Art und Gestalt versammelt – Löwen, Schlangen und Elefanten, die von oben auf das Wasser des Flusses blicken. So sagt Joinville, und er ist noch ein echter Skeptiker im Vergleich zu Ludwig dem Heiligen. Die Vorstellungen der Menschen jener Zeit waren eng wie ihre Heimat, und im Mittelalter war die Kirche gerade deshalb so mächtig, weil sie über die größte Summe von Ideen verfügte. Die Größe der Deutschordensritter beruhte auf denselben Ursachen: Ihre Universalität hilft ihnen in ihrer besonderen Aufgabe – der Verwaltung Preußens –, und kein Krümel ihrer vielfältigen Erfahrung konnte auf irgendeine Weise verloren gehen. Körperschaften trennen sich nie von dem, was einmal in ihre Hände gelangt ist.
Das unter der Herrschaft der Deutschordensritter stehende Volk bestand aus Pruzzen, Polen und Deutschen. Den Deutschen gebührte der erste Platz nach Zahl und Bedeutung; sie kamen aus allen Gegenden Deutschlands, und in Preußen konnte ein Deutscher alle Mundarten seiner Heimat hören: niederdeutsche in Danzig und hochdeutsche in Thorn. Die Kolonisten aus den verschiedenen Provinzen brachten auch ihre Abneigungen mit, die im Mittelalter sehr stark waren und sich bis heute nicht ganz verloren haben. Die Deutschen haben eine sehr hohe Meinung von ihrer Nation, achten einander aber nicht allzu sehr, und die verschiedenen deutschen Landschaften tauschen beständig derbe Spötteleien miteinander aus. Der Deutsche aus den nördlichen Provinzen ist unerschöpflich im Spott über den Schwaben und den Bayern. Schwaben nennt er die Wanzen und erzählt, wenn ein dicker Bayer von einer Fee das Recht erhielte, drei Wünsche zu äußern, so würde er sich zuerst Bier in Hülle und Fülle erbitten, dann einen Haufen Geld und dann, nach kurzem Nachdenken, noch mehr Bier. Eine solche Haltung gegenüber den Bayern gab es in Preußen schon im 14. Jahrhundert, und der gesetzte Dusburg, der offenbar am Rhein geboren war – so kann man wenigstens nach seinem Namen vermuten –, flicht schlechte Anekdoten in seine Erzählung ein, nur um das Vergnügen zu haben, die Bayern lächerlich zu machen. Diese kleinen landsmannschaftlichen Zwistigkeiten werden gefährlich werden, wenn der Orden seinem Untergang nahe ist, und in den Bürgerkriegen des 15. Jahrhunderts werden Bayer und Schwabe gegen die Rheinländer und Sachsen in den Kampf ziehen. Doch solange die schwarzen Tage noch nicht gekommen waren, erwiesen sich diese Menschen, die aus allen Enden Deutschlands nach Preußen strömten, mit ihren beruflichen Fähigkeiten als nützlich für die gemeinsame Sache.
Der Orden hatte Preußen geschaffen – darauf gründete sich sein Recht, über es zu gebieten. Den Bischöfen, den Freien, den Lehnsträgern, den Bürgern und den Bauern – allen wies er ihren Platz und ihre Pflichten zu. Er war früher da und stand über ihnen.
Papst und Kaiser, die das Pruzzenland Hermann von Salza überlassen hatten, waren in gewissem Maße Oberlehnsherren des Ordens; doch der Kaiser war nicht imstande, seine Rechte auszuüben, und die päpstliche Kurie beschränkte sich darauf, vom Orden Einkünfte zu beziehen. Der in Rom lebende Prokurator des Ordens geizte nicht mit Geld; er machte zu bestimmten feierlichen Anlässen großzügige Geschenke, etwa nach der Wahl eines Hochmeisters. Doch wenn die Deutschordensritter auch viel zahlten, so gaben sie doch keines ihrer Rechte preis. Niemals gestatteten sie der römischen Kurie, von der Ordensgeistlichkeit ein Prozent ihrer Einkünfte zu erheben, wie es anderswo geschah; niemals wurde in Preußen der Peterspfennig eingesammelt. Obwohl sie der Kirche angehören, fürchten diese Ritter sie nicht; wenn es sein muss, ertragen sie mannhaft den Bann, und wenn ihnen ein päpstlicher Spruch nicht gefällt, appellieren sie vom Papst, der einen Fehler begangen hat, an den besser unterrichteten Papst. Die Ansprüche des römischen Hohenpriesters brachten sie zuweilen in Raserei, und Hochmeister Wallenrode wiederholte gern, eigentlich würde für jeden Staat ein einziger Priester genügen, und auch den müsste man in einem eisernen Käfig halten, damit er niemandem schaden könne. Die Deutschordensritter hatten wenige Mönche. Die einzigen reichen Klöster, Oliva und Pelplin, lagen in Pommerellen, einer angegliederten Provinz, und waren schon vor der Angliederung entstanden. In Preußen selbst waren die Klöster klein und arm, und auch davon gab es nur wenige. Bei allen Eroberungen, die von Laien vollbracht wurden, zum Beispiel im merowingischen und karolingischen Deutschland, waren Bischof und Mönch sehr wichtige Personen, an die man bei der Teilung der Güter vor allem denken musste – und tatsächlich dachte: Die ersten Städte Norddeutschlands entstanden am Fuß von Klöstern oder Bischofskirchen. Die Deutschordensritter aber waren Mönche und Ritter zugleich, und sie wollten nichts davon hören, mit den „Kapuzenträgern“ zu teilen, wie sich ein Ordenspriester ausdrückte, der über die Völlerei und den Müßiggang der Mönche spottete. „Der Kapuzenträger“, sagt er, „könnte glücklich genug sein, wenn er sein Trinkwasser aus dem Fluss schöpfte und Gemüse ziehen wollte, doch der Abt lässt die Schüssel Bohnen stehen, sobald er Fisch erblickt, und lässt den Fisch stehen, sobald er Fleisch erblickt. Seine Kapuze wird ihn nicht in den Himmel bringen; was nützt die Strenge der Regel, wenn die Seele unrein ist?“
Die drei eigentlich preußischen Bistümer wurden bei ihrer Gründung reich mit Ländereien ausgestattet; doch um eine endlose Vermehrung unveräußerlicher Güter zu verhindern, gebot das Gesetz den Kirchen, jedes neue Gut, das in ihre Hände gelangte, spätestens nach Jahr und Tag zu verkaufen. Der Hochmeister begegnet den Bischöfen ehrerbietig und erlaubt sich ihnen gegenüber nicht jenen gebieterischen Ton, in dem er mit den Ordenswürdenträgern spricht. Dennoch regiert er in den bischöflichen Ländern, Livland nicht ausgenommen, wo der Bischof – der Gründer des Schwertbrüderordens – der Rigaer Kirche große Privilegien verliehen hatte. Auf einer Tagung in Danzig im Jahr 1366 baten die livländischen Bischöfe, man möge sie nicht zwingen, mit ihrem Aufgebot in den Krieg zu ziehen, wenn dieser ohne ihre Zustimmung erklärt worden sei. Darauf antworteten die Ritter: „Das geschieht nicht aus Zwang, sondern nach löblichem Brauch dieses Landes. Da wir gleichermaßen Nachbarn der Ungläubigen sind, pflegen wir und die Vasallen der Rigaer Kirche einander im Kampf gegen sie beizustehen, sowohl beim Angriff als auch bei der Verteidigung. Es ziemt sich und ist notwendig, dass es immer so bleibe.“ Der Rigaer Bischof fordert für sich und seine Vikare das Recht, zu den Litauern und Russen Gesandte zu schicken, insbesondere Missionare zur Predigt des Wortes Gottes. „Gebe Gott“, antworteten die Ritter, „dass Ihr möglichst oft Eure Missionare dorthin schickt und selbst hingeht, den Ungläubigen zu predigen; in allen anderen Fällen aber müssen Eure Gesandten, wenn sie nach Litauen gehen, mit den unseren gehen und nur, um auszuführen, was ihnen befohlen wird: So ist es immer gehalten worden.“ In Preußen ließ der Orden den Bischöfen nicht den Schatten eines Zweifels hinsichtlich ihrer Pflichten. Als einmal das Aufgebot des Bistums Ermland nicht zur festgesetzten Frist erschien, sagte der Hochmeister zu den Leuten des Bischofs: „Wisst, dass ihr uns den Dienst, den ihr uns schuldet, ebenso leisten müsst, wie es unsere Untertanen tun, denn der Orden hat die Bischöfe geschaffen und nicht die Bischöfe den Orden.“
Während der Orden von den Bischöfen unbeirrt die Erfüllung aller Verpflichtungen ihm gegenüber verlangte, ließ er ihnen andererseits volle Freiheit der Verwaltung in ihren reichen Besitzungen, in die sie Kolonisten zogen und wo sie, gleich den Rittern, Dörfer und Städte gründeten. Die bemerkenswerteste Eigenheit der Herrschaft der Deutschordensritter bestand gerade darin, dass sie, während sie streng auf den Rechten des Staates bestanden, zugleich den verschiedenen Klassen ihrer Untertanen weitgehende Unabhängigkeit gewährten.
So waren zum Beispiel die preußischen Städte fast Republiken. Diese ihre Freiheit erklärt sich aus den geschichtlichen Umständen: Die Lage eines Kolonisten in Preußen war in der Zeit der Eroberung gefährlich, und um Siedler anzulocken, musste man große Vergünstigungen versprechen; der Orden geizte nicht damit, und die ersten von ihm gegründeten Städte erhielten Urkunden, um die sie die freiesten deutschen Städte des 13. Jahrhunderts hätten beneiden können. Die Kulmer Handfeste von 1233 erkennt den Bürgern das Recht zu, ihre Richter selbst zu wählen. Sie bestimmt die Grenzen des städtischen Gebiets, das später erweitert werden soll, unter der Bedingung, dass die Bürger selbst für den Schutz ihrer Stadt sorgen. Innerhalb dieses Gebiets darf der Orden keine Häuser kaufen, und wenn er welche durch Vermächtnis erhält, muss er sich wie jeder andere Eigentümer den städtischen Abgaben und Ordnungen unterwerfen. Die Bürger besitzen ihr Vermögen als volles Eigentum, vererben es ihren Nachkommen auf ewig und dürfen es verkaufen, wobei nur verlangt wird, dass der Käufer imstande ist, den Kriegsdienst zu leisten, den das Gesetz entsprechend der Größe des Besitzes festlegt, und einen kleinen Grundzins zu zahlen, der ein Zeichen der Oberhoheit des Ordens ist – in recognitionem domini. Anfangs mussten die Bürger auf jede Anforderung des Ordens Kriegsdienst leisten, doch mit dem Ende der Eroberung verpflichteten sie sich nur noch, das Kulmerland zwischen Drewenz und Ossa zu verteidigen. Die Stadt war nicht verpflichtet, eine Besatzung aufzunehmen, war frei von Einquartierung und konnte sogar durchziehenden Truppen den Durchzug verweigern. Nur eine einzige Münze sollte in Kulm und in ganz Preußen im Umlauf sein, und ihr Wert sollte unveränderlich bleiben. Die Märkte sollten frei von allen Wege- und Zollabgaben sein. Das sind die wichtigsten Bestimmungen dieser Kulmischen Handfeste, deren Freiheiten sich in Preußen auf den größten Teil der Städte und der freien Bevölkerung der Dörfer ausdehnten und die so gleichsam zur großen Charta der preußischen Freiheiten wurden. Die größten Städte – Danzig, Elbing, Thorn, Kulm, Braunsberg, Königsberg – genossen natürlich auch die meisten Privilegien. Sie traten der Hanse bei, schickten ihre Abgeordneten zu den Hansetagen und hatten sogar ihre eigenen Tagfahrten und ihre eigenen Beziehungen, an denen der Orden keinerlei Anteil hatte; sie führten Krieg mit Staaten, mit denen der Orden in Frieden lebte. Einmal wandten sie sich an den Hochmeister um Vermittlung in einem Streit mit dem König von Dänemark; ein andermal boten sie ihm ihre Vermittlung an, um den Krieg mit den Litauern zu beenden.
Außerhalb der Städte lebten in Preußen ebenfalls recht viele freie Leute, eine Art Vasallen des Ordens. Es waren Deutsche, Pruzzen, die sich ihre Freiheit durch unerschütterliche Treue verdient hatten, und privilegierte Polen. Unmittelbar nach ihnen kamen die Bauern der deutschen Dörfer.
In Preußen wie in Brandenburg wurden die Dörfer durch Unternehmer angelegt. Der Unternehmer erhielt vom Hochmeister oder von einem der Komture die Konzession für ein Stück Land und verpflichtete sich, Kolonisten zu finden und die Zahlung des auf dem Land lastenden Grundzinses nach Ablauf einiger Freijahre zu gewährleisten; er selbst genoss das Kulmer Recht und wurde nach Gründung des Dorfes dessen erblicher Richter und Verwalter. Die Bauern erhielten ihr Land von ihm und nicht unmittelbar vom Orden wie die Kulmer Bürger, doch die dem Unternehmer ausgestellte Urkunde bestimmte die Bedingungen ihrer Abhängigkeit von ihm und schützte sie vor seiner Willkür. Die Bauern mussten den Grundzins zahlen und Kriegsdienst leisten, bald kam noch der staatliche Frondienst hinzu. Ihr Eigentum war also nicht völlig frei, doch sie genossen volle persönliche Freiheit. Die deutschen Bauern in Preußen gerieten erst nach den großen Verheerungen des 15. Jahrhunderts in Leibeigenschaft. Bis dahin waren nur die pruzzischen und polnischen Bauern rechtlos: Sie waren durch keinen Vertrag geschützt, man konnte sie tatsächlich nach Willkür mit Abgaben und Frondiensten belasten.
Die Ordensbeamten erheben in ihren Bezirken den durch die Stadt- und Dorfurkunden festgesetzten Grundzins sowie den Zehnten, der dem Orden kraft der mit den Bischöfen geschlossenen Vereinbarungen zusteht. Außerdem hat der Orden wie alle Landesherren fiskalische Rechte an Bergwerken, Gewässern und Wäldern, an Jagd und Fischfang, und seine gewaltigen Domänen bringen ihm vortreffliche Einkünfte. Die Ordensbeamten sind zugleich die militärischen Befehlshaber der Bezirke und sitzen in den städtischen und ländlichen Gerichten (Landgerichte), in denen die nach Kulmer Recht lebenden Freien von ihresgleichen unter dem Vorsitz eines gewählten Richters gerichtet werden. Allerdings haben die Komture und andere Vertrauensleute des Ordens nur das Recht, dem Gericht beizuwohnen, nicht aber, daran irgendwie teilzunehmen; der Orden kann nur seine eigenen Mitglieder und die ihm gehörenden polnischen und pruzzischen Bauern richten. Hier zeigt sich noch einmal ein höchst geschickter Ausgleich zwischen den Rechten des Landesherrn und den Privilegien der Untertanen.
In der Blütezeit des Ordens, also im 14. Jahrhundert, war seine Herrschaft für die Regierten leicht; weder Abgaben noch Kriegsdienste waren drückend, weil der Orden eigene große Mittel besaß und selbst ein stehendes Heer darstellte.
Die Verpflichtungen, die er auferlegte, waren eine Anerkennung jener Wohltaten, die er den Kolonisten erwiesen hatte, als er ihnen Land und Freiheit gab, und die er ihnen täglich durch seine Verwaltung erwies. Er entschädigt seine Untertanen für die ihnen durch den Krieg zugefügten Verluste, hilft bei Hungersnöten – und das sind noch nicht seine größten Verdienste. Schon jener eine Artikel der Kulmer Handfeste, in dem erklärt wird, dass es in ganz Preußen nur eine einzige Münze von beständigem Wert geben werde, genügte, um Kolonisten anzulocken zu einer Zeit, da jeder Fürst, jede große Stadt ihre eigene Münze hatte und der Kaufmann ständig zum Geldwechsel greifen musste und dabei großen Verlusten und der Gefahr des Ruins durch Falschmünzerei ausgesetzt war. Eine strenge Polizei der Kommenden schützte die Sicherheit der Land- und Wasserwege, und die Handelspolitik der Ritter öffnete den preußischen Kaufleuten Märkte in allen Richtungen. Schließlich gab der Orden selbst ein Beispiel landwirtschaftlicher und gewerblicher Arbeit. Die Geschichte kann fast dasselbe sagen, was ein Hochmeister im 14. Jahrhundert sagte, als er auf die Verdienste seiner Regierung hinwies: „Alle unsere Städte und das einfache Volk leben unter gutem Schutz; Prälaten, Vasallen und gemeines Volk können sich des Friedens und der Gerechtigkeit nicht genug freuen; wir bedrücken niemanden, erlegen niemandem ungesetzliche Lasten auf; wir fordern nicht, was uns nicht gehört, und alle werden, Gott sei Dank, von uns mit gleicher Wohlgesinnung und Gerechtigkeit regiert.“
Die Blüte der Ordenslande
Man würde die erstaunliche Blüte der Ordenslande kaum glauben, wäre sie nicht durch eine Vielzahl von Zeugnissen und unwiderlegbaren Tatsachen belegt. Wir werden ihnen im weiteren Verlauf der Darstellung noch mehrmals begegnen, doch die auffallendste dieser Tatsachen besteht darin, dass das eigentliche Preußen zu dieser Zeit 85 Städte zählt, von denen 60 im 14. Jahrhundert gegründet wurden, und 1400 deutsche Dörfer, die pruzzischen und polnischen nicht mitgerechnet. Überall herrscht eine erstaunliche Betriebsamkeit. Der Orden fördert mit allen Mitteln die Entwicklung der Landwirtschaft. Noch heute kann man unter den Steinstatuen, die die Brücke in Dirschau schmücken, die Statue eines Ritters sehen, der sich mit der Hand auf ein Rad stützt: Sie wurde zur Erinnerung an die großen Entwässerungsarbeiten in jenem sumpfigen, mit Wald und Schilf bewachsenen Gebiet errichtet, das sich zwischen Weichsel und Nogat erstreckte. Dort wurden Deiche gebaut, und unzählige Dörfchen drängten sich auf den Werdern, den trockengelegten Landstücken, die reiche Ernten gaben und noch heute geben. Auf dem ganzen preußischen Gebiet gab es besondere Verwaltungen für Ent- und Bewässerungsarbeiten, die vereidigten Personen anvertraut waren. Jedes Dorf war verpflichtet, über die Sauberkeit der Flüsse, Teiche und Brunnen zu wachen, und die Aufsicht darüber war besonderen vereidigten Aufsehern übertragen.
In Preußen säte man Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Bohnen, Erbsen und Möhren, die in der Volksernährung eine wichtige Rolle spielten. Die Ritter führten im Land bis dahin unbekannte Pflanzen ein. So verzeichnen ihre Rechnungsbücher Pfeffer und Safran, die zusammen mit Hopfen auf den fruchtbareren Böden Preußens angebaut wurden. Und nicht ohne Erstaunen lesen wir in der Chronik, dass im strengen Winter 1392 der Frost die Weinreben und Maulbeerbäume vernichtete.
Damals waren Thorner, Kulmer und Danziger Weine in Gebrauch, deren Fässer der Orden in seinen Kellern lagerte; man darf jedoch annehmen, dass man diese Weine trinken konnte, ohne in die Sünde der Völlerei zu verfallen.
In diesem Land der Soldaten und Bauern war die Pferdezucht Gegenstand besonderer Sorge. Neben der einheimischen Rasse, kleinwüchsig und unermüdlich, tauglich für den Postdienst und die leichte Reiterei, züchteten die Kolonisten Pferde für die Feldarbeit und die schwere Reiterei. Der Orden führte in seinen Ländern eine neue Rinderrasse ein, die aus Gotland eingeführt wurde. In Preußen gab es damals eine Menge Schafe, und wenn die Ausfuhr von Wolle verboten war, dann nicht deshalb, weil es zu wenig davon gab. Es war vielmehr so, dass Preußen selbst Tuche ausführte und der Orden den Rohstoff für die Handwerker seiner Städte erhalten wollte. Von den Eicheln der Eichenwälder nährte sich eine Menge Schweine. Auch Ziegen gab es sehr viele; da sie weniger Platz einnehmen und genügsamer sind als Kühe, hielt man sie bei den Burgen als Proviant für den Fall einer Belagerung. Geflügel gab es im Überfluss: Unter den Einkünften, die der Orden in Naturalien erhob, sind 60 000 Hähne verzeichnet. Nach den amtlichen Angaben der Rechnungsführung des Ordens kann man sich eine gewisse Vorstellung vom Reichtum des Landes zu Beginn des 15. Jahrhunderts machen. Der Orden besaß etwa 16 000 Pferde, 10 500 Stück Rindvieh, 61 000 Schafe, 19 000 Schweine. Seine Domänen umfassten etwa 1100 Quadratkilometer.
Die Getreideausfuhr war einer der wichtigsten Gegenstände des preußischen Handels, denn trotz der dichten Besiedlung erzeugte das Land mehr Getreide, als es verbrauchte. Das erklärt sich aus dem Vorherrschen des kleinen Grundbesitzes, der entstanden war, weil der Orden sehr früh darauf verzichtet hatte, große Besitzungen zu vergeben. Ist in unseren Tagen ein allzu kleiner Besitz ein Hindernis für die Entwicklung der Landwirtschaft, so wäre der Großgrundbesitz zu einer Zeit verderblich gewesen, da es keine Maschinen gab, die landwirtschaftliche Buchführung sehr unvollkommen und die Verkehrswege unzulänglich waren. Die Nutzung der Wälder war einträglich. Holz wurde in Form von Zaunpfählen oder Bogen ausgeführt. Außerdem gewann man in den Wäldern Teer, Pottasche und Asche. Neben dem Wild, das in den preußischen Wäldern noch heute vorkommt, erlegten die Jäger dort Wisent, Bär, Wolf, Biber, Eichhörnchen und Marder. Das Wild war so reichlich, dass es sogar zur Verpflegung der Heere diente. In den Wäldern sammelte man schließlich den Honig wilder Bienen, und von diesem Gewerbe lebten viele Dörfer, die am Eingang der Wildnis lagen – so nannte man damals das weite, bewaldete Gebiet zwischen Preußen und Litauen, eine gefährliche Gegend, in der dem Jäger, dem Fischer und dem Bienenzüchter Räuber auflauerten. Der Hochmeister zog oft mit zahlreichem Geleit dorthin und lud benachbarte Fürsten zu großen Jagden ein, die mitunter ganze Wochen dauerten.
In Preußen war das Gewerbe kein Vorrecht der Städte, denn die Burgen des Ordens benötigten Handwerker. Die zahlreichen Mühlen dienten nicht nur zum Mahlen des Getreides: Ihre Antriebskraft fand die vielfältigsten Anwendungen.
Den Rittern gehörten 390 Mühlen, für die sie keine Kosten scheuten. Einige dieser soliden Bauten kosteten 20 000 bis 30 000 Taler, und ihre Mahlleistung lässt sich auf 300 000 Hektoliter veranschlagen – genug, um 560 000 Menschen zu ernähren. Die Liste der Gewerbe ist dieselbe wie in allen Ländern: Bäcker, Fleischer, Schuhmacher, Brauer in gewaltiger Zahl – allein in Danzig zählte man ihrer 476; Barbiere und Wundärzte, Ärzte, deren Besuche teuer bezahlt wurden und unter denen sich Fachleute für Stein- und Augenleiden fanden; Apotheker-Zuckerbäcker, die Süßigkeiten herstellten, welche die Ritter auf ihre Feldzüge mitnahmen; Schiffbauer – es sind Fälle bekannt, in denen Schiffe an Engländer und Flamen verkauft wurden; See- und Flussschiffer. Für die Verwaltungsarbeit hielt der Orden Schreiber und Landmesser; für seine Feste Sänger, Mimen, Narren, Bärenführer, kurz alle mittelalterlichen höfischen Spaßmacher; für seine Kirchen und Burgen Orgelbauer, Bildhauer und Maler, die mitunter sehr freigebig entlohnt wurden: Einem Marienburger Maler zahlte man einmal für ein Gemälde 2 880 Taler.
Der preußische Handel befand sich im 14. Jahrhundert in blühendem Zustand. Dem Orden fiel es nicht schwer, den Transit der Waren, die aus Polen und Südrussland an die Küsten der Ostsee gingen, durch Preußen zu lenken. Obwohl die polnischen und russischen Städte sich eben erst zu entwickeln begannen, hatten sich dort bereits zahlreiche deutsche Familien niedergelassen – in Lemberg etwa zählte man ihrer 1200. Die deutschen Kolonisten in Preußen und in Polen verständigten sich leicht miteinander. Zudem fand der Orden das beste Werkzeug der Handelswerbung in seiner einheitlichen und verlässlichen Münze. Im 14. Jahrhundert drang diese Münze in alle nördlichen Provinzen Polens vor und erhielt dort volles Bürgerrecht. So knüpfte Thorn, an der Südgrenze Preußens gelegen, sehr lebhafte Beziehungen zu Krakau und Galizien an, und der Handelsweg von West nach Ost führte durch Preußen. Die schlesischen Städte waren voller deutscher Kolonisten, die Waren nach Russland schickten und von dort dessen Erzeugnisse ausführten. Und als der polnische König Kasimir den Breslauer Bürgern den Weg durch sein Reich verschloss, schlossen sie einen Vertrag mit dem Orden und reisten fortan durch Preußen. Im Mittelalter waren die kürzesten Wege keineswegs die bequemsten, und mit einem Umweg konnte man die Reise erheblich abkürzen, wenn er durch ein Land führte, in dem es weder Fehden noch Räuber gab. Wenn der polnische König klagt, der Orden ziehe den Verkehr an sich und schmälere dadurch seine königlichen Einkünfte, so stellt er damit der Deutschordensregierung ein lobendes Zeugnis aus. Doch der wichtigste Transithandel lief von Süden nach Norden auf dem natürlichen Weg – der Weichsel. Der Orden verbot Fremden die Schifffahrt auf diesem Fluss, und die mit seiner Zustimmung gegründete Körperschaft der Weichselschiffer erhielt von ihm große Vergünstigungen unter der Bedingung, alle Anlegestellen am rechten, also preußischen, Ufer des Flusses zu bauen. Dieses Monopol erbitterte die Polen. Doch die Weichsel war der kürzeste und zugleich sicherste Weg zur Ostsee, und die polnischen Kaufleute mussten ihre Waren preußischen Schiffern anvertrauen.
In heidnischer Zeit bestand der Handel des eigentlichen preußischen Gebiets – natürlich ein nahezu unbedeutender – in der Einfuhr von Salz und Eisen und der Ausfuhr von Bernstein und Marderfellen. Mit der Verwandlung Preußens in ein Kulturland begann er sich rasch zu entwickeln. Anfangs ernährte sich Preußen von polnischem Getreide, doch im 14. Jahrhundert führte es selbst bereits Getreide, Walderzeugnisse und sogar manche gewerblichen Waren aus – zum Beispiel Marienburger Tuche. Der Großhandel in Preußen lag in den Händen von Bürgern, die der Hanse angehörten*.
Dieser weitläufige Bund, der alle Städte jener Länder umfasste, deren Bevölkerung niederdeutsche Mundart sprach, gliederte sich in vier Bezirke: den rheinischen mit der Hauptstadt Köln; den sächsischen, dessen Hauptorte zuerst Magdeburg und später Braunschweig waren; den wendischen, in dem Lübeck herrschte; den preußischen, in dem Danzig Thorn bald in den Schatten stellte. Diese beiden letzten Städte wurden früher reich als andere, weil die Ostsee damals das fischreichste Meer Europas war. Lachs und Aal wimmelten in den Flussmündungen, und der Hering zog alljährlich in unzähliger Menge durch den Sund. Abenteuerlust und religiöser Eifer spielten bei der Kolonisierung der Ostseeküsten ohne Zweifel eine große Rolle. Man muss in der Geschichte den päpstlichen Bullen einen wichtigen Platz einräumen, welche die Christen ermahnten, zur Eroberung des Reiches der Heiligen Jungfrau auszuziehen. Doch auch den Hering darf man nicht vergessen – auch er war eine wichtige historische „Persönlichkeit“ von sehr launischem Charakter: Seine Grillen erregten mehr als einmal die ganze nordische Welt bis ins Innerste und kosteten Tausende von Menschen das Leben. Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts zog er an den pommerschen Küsten entlang, wo er in solchen Mengen vorkam, dass man nur einen Korb ins Meer zu werfen brauchte, und er war voller Fische. Damals stiegen Lübeck, Wismar, Rostock und Stralsund empor. Im 13. Jahrhundert änderte der Fisch seinen Weg und zog an Schonen und den norwegischen Küsten vorbei. Die nordischen Seeleute folgten ihm, und die Hansen behaupteten das Schlachtfeld, nachdem sie den Engländern, Schotten und Holländern eine Reihe von Gefechten geliefert, eine Menge dänischer Festungen zerstört und nicht wenige fremde Schiffe versenkt hatten.
Der Heringsfang begründete den Wohlstand der preußischen Städte. Sie besaßen einen Anteil an der berühmten Fischereianlage in Schonen, die die Hansen sich erkämpft und in einen befestigten Platz verwandelt hatten.
Jede Stadt oder jeder Städtebund hatte dort sein eigenes Viertel, durch einen Zaun von den anderen getrennt und nach den Gesetzen der Heimat verwaltet. Es gab dort eine Reihe steinerner Häuser, in denen der Fisch gesalzen und geräuchert wurde, und eine Menge hölzerner Schenken und Buden. Kirche und Friedhof in der Mitte waren gemeinsam. Während des Fischfangs, zwischen den Festen des heiligen Jakobus und des heiligen Martin, legten die Flotten der Nord- und Ostsee in Schonen an. Dann warf Tag und Nacht an der ganzen Küste, im Licht der Sonne oder der Fackel, der Fischer unermüdlich seine Netze aus, während am Ufer unaufhörlich der Böttcherhammer pochte. Schonen diente auch als Markt, auf dem allerlei Waren zusammenströmten: Hierher brachte man südliche Stoffe und Weine, morgenländische Gewürze. Nach dem Ende der Fangzeit verschwanden die Kolonisten, und in Schonen blieben nur eine Besatzung von Soldaten und jene furchterregenden Hunde zurück, die die Hansen zur Bewachung ihrer Faktoreien abrichteten.
Preußische Hansen begegnen uns auch in Nowgorod, wo die Deutschen sich in den befestigten Höfen St. Olaf und St. Peter drängten und Warenballen in solcher Menge sogar im Inneren der Kirchen aufstapelten, dass am Altar kaum noch ein wenig Platz frei blieb. Nach Regeln lebend, die an eine Klosterordnung erinnern, aßen diese Kolonisten zu festgesetzten Stunden an gemeinsamer Tafel, gingen schlafen, sobald der Wächter ausrief, es sei Zeit, die Feuer zu löschen, und verließen das Haus nur in Geschäften. Es war ihnen verboten, fremde Schenken zu besuchen und abends einen Unbekannten mit ins Viertel zu bringen – übrigens ließen die Hunde selbst keinen Fremden in ihr Viertel. Am anderen Ende Europas fuhren preußische Schiffe alljährlich in die Bucht von Bourgneuf nach Salz, das als das beste zum Einsalzen des Herings galt. Auch hierher brachten Kaufleute aus dem Süden Weine, Früchte und Seide, und an der Küste wurden große Märkte abgehalten. In London entfiel auf die preußischen Städte ein Drittel der Handelsumsätze der Hanse. Vom damaligen Reichtum und der Macht dieser Städte zeugt die Tatsache, dass ihnen die Verpflichtung oblag, in den grausamen Kriegen gegen die Seeräuber und die nordischen Könige ein Drittel des verfügbaren hansischen Kriegsvolks zu stellen. Noch heute bezeugt eine Reihe von Denkmälern ihre einstige Größe, und die Rathäuser der preußischen Städte sind nicht weniger bemerkenswert als die Burgen und Kirchen der Ritter.
Der Orden wurde zugleich mit seinen Untertanen und auf dieselbe Weise reich. Als großer Verbraucher und Erzeuger war er zugleich ein Handelshaus mit weitreichenden geschäftlichen Verbindungen.
Der dem Hochmeister beigeordnete Großschäffer war eine Art Handelsminister, und jede Komturei hatte ihren eigenen Schäffer. Diese Amtsträger schickten ihre Beauftragten an alle Handelsplätze und verfügten über ein beträchtliches Betriebskapital. In der Kasse des Marienburger Schäffers sammelten sich mitunter bis zu 4 320 000 Francs nach unserem Geld. Die weitgehende Selbständigkeit, die den Komturen gewährt war, förderte ihren kaufmännischen Unternehmungsgeist sehr. Der Komtur unterstand der Aufsicht der Ordensvisitatoren und war absetzbar. Doch Absetzungen kamen selten vor, und solange der Komtur auf seinem Posten blieb, war er ein kleiner König in seinem Bezirk, hatte seine eigene Kasse, bestritt aus ihr die örtlichen Ausgaben und behielt darin alle Ersparnisse. Wenn er starb oder aus dem Dienst schied, wurden diese Ersparnisse nach Marienburg abgeführt. Der Schatz der Ritter galt als der reichste der ganzen Christenheit, und die Kreuzfahrer, die durch Preußen nach Litauen zogen, staunten über das Gedeihen dieses Landes, in dem alle friedlich arbeiteten, in dem der Arbeitslohn, wie in jedem neuen, durch Arbeit befruchteten Land, sehr hoch war und in dem jedes Jahr Stadt um Stadt und Dorf um Dorf emporwuchsen. Ritter, die 1339 aus Metz kamen, berichten, sie hätten in Preußen 3 007 Städte gesehen! Die Sache ist die, dass sie die reichen Dörfer in den Werdern und im Kulmerland für Städte hielten. Und es war für sie auch nicht schwer, sich zu irren. Die Verzeichnisse der Schäden, die die in den Kriegen von 1411 und 1418 niedergebrannten Dörfer erlitten, mit genauen Preisen für Vieh und Getreide, teilen uns mit, dass sich für manche Dörfer die Verluste nach heutigem Geldwert auf 200 000 Francs beliefen!
* Auch der deutsche Handel hatte seine heroische Periode in jener Epoche, als die Markgrafen und Ritter im Osten neue Provinzen für Deutschland eroberten. Der Kaufmann ging sogar den Rittern voran und war wie sie ein Streiter Christi. Noch ehe der Orden das Banner der Heiligen Jungfrau nach Preußen brachte, war die Ostseeküste bereits unter den Schutz der Gottesmutter gestellt, und als das Papsttum zum ersten Mal seinen Blick auf die nordischen Sarazenen richtete, schrieb Innozenz III. dem Bischof von Riga, seinem Herzen stünden das Reich der Mutter und das Reich des Sohnes gleich nahe, das heißt die Küsten der Ostsee und das Heilige Land. Ein deutsches Schiff glich damals einem schwimmenden Kloster. Wenn eines dieser Schiffe, zu einer weiten Fahrt aufbrechend, sich einen halben Tagesweg vom Hafen entfernt hatte, versammelte der Schiffer Mannschaft und Fahrgäste und hielt an sie folgende Rede: „Nun sind wir Gott, den Winden und den Wellen anheimgegeben; vor Gott, dem Wind und den Wellen sind wir alle gleich. Gefahren umgeben uns, Stürme und Seeräuber drohen uns, und wir werden inmitten ihrer unser Ziel nicht erreichen, wenn wir uns nicht einer strengen gemeinsamen Ordnung unterwerfen. Beginnen wir mit Gebet und Gesang und bitten den Herrn um günstigen Wind und glückliche Fahrt, und dann wollen wir Richter wählen, die unparteiisch über uns richten sollen.“ Nach Gebet und Wahl wurde das Seerecht verlesen. In seinen ersten Artikeln hieß es, „es ist verboten, Gott zu lästern, den Teufel zu nennen und während des Gebets zu schlafen“. Diese christlichen Kaufleute waren an den nebligen Küsten der Ostsee dasselbe, was die alten Griechen für die sonnenüberfluteten Gestade des Mittelmeers gewesen waren, nämlich Boten der Zivilisation. Sie führten als Erste die rohen Heiden Osteuropas in die menschliche Gemeinschaft ein, indem sie an den Küsten Kontore gründeten, die sich später oft in Städte verwandelten. Ende des 12. Jahrhunderts landeten Bremer Kaufleute an der livländischen Küste und erbauten dort unter einem Hagel von Steinen, mit denen die Einheimischen sie überschütteten, die Feste Üxküll. Bei ihrer nächsten Ankunft brachten sie Missionare mit, dann einen Priester aus ihrem Dom – und Üxküll wurde zur Stadt Riga. Deutsche Kaufleute gründeten auch Reval unter dem Schutz einer Zitadelle, die der dänische König Waldemar der Sieger erbaut hatte, und Dorpat, angelegt an der Stelle einer von ihnen zerstörten Burg livländischer und russischer Seeräuber. Lübecker, die an der Weichselmündung landeten, bauten eine befestigte Faktorei in der Nähe der Hütten der Einheimischen, die sich mit Bernsteingewinnung und Heringsräucherei beschäftigten – aus der Faktorei erwuchs Danzig.
Die militärische Macht und die historische Bedeutung des Ordens
Der Hauptgegenstand der Bewunderung für Ausländer war ohne jeden Zweifel die Kriegsmacht der Deutschordensritter. Der Orden besaß eine Kriegsflotte auf der Ostsee und mehrere Flussflotten. Sein Heer bestand aus Bauern, die teils beim Tross, teils als Fußsoldaten auf Schiffen und Streitwagen dienten, aus der leichten Reiterei, in der die freien Prußen dienten, und aus der schweren Reiterei, in der die Ritter mit ihren Vasallen und Söldnern in „Spieße“ eingeteilt waren. Die Ordensartillerie wurde sehr früh zu einer furchtbaren Macht. Der Orden verfolgte sorgfältig alle Erfindungen auf dem Gebiet der Bewaffnung und übernahm sie sofort. Der Bogen, den die Ritter im Heiligen Land von den Sarazenen übernommen hatten, verhalf ihnen ebenso zu ihren ersten Siegen über die Prußen wie die Muskete Cortés zu seinen Siegen über die Mexikaner. Niemand hatte in seinen Zeughäusern so viele Kriegsgeräte alter Art versammelt, die die Antike dem Mittelalter vermacht hatte – Sturmböcke, Ballisten, bewegliche Türme und dergleichen. Kaum taucht die erste Erwähnung des Einsatzes einer Kanone in Europa auf (das war im Jahr 1324), so wird vier Jahre später bekannt, dass ein litauischer Fürst von einer Deutschordenskugel getötet worden ist. Der Orden hatte Feldartillerie, Schiffsartillerie und Belagerungsartillerie. Ein besonderer Gegenstand seines Stolzes war der Guss von Kanonen ungeheurer Größe: 1408 wurde in Marienburg ein Geschütz von 200 Zentnern Gewicht gegossen, das 135 000 Francs kostete. „Vergeblich würde man eine solche Kanone in Deutschland, in Polen und in Ungarn suchen“, erklärt ein Zeitgenosse voller Stolz. Als man Kugeln für dieses Ungeheuer anzufertigen begann, stellte sich heraus, dass in der Nähe keine Steine von ausreichender Größe zu finden waren, und die Arbeiter mussten nach Labiau ziehen, wo der Boden mit riesigen Findlingen bedeckt ist. Im folgenden Jahr wurde diese Riesenkanone an den Polen erprobt – und in vier Tagen waren die Mauern von Bobrowniki an der Weichsel in Stücke geschossen. Die Taktik der Ritter, durch Erfahrung unablässig vervollkommnet, steht ihrer Bewaffnung in nichts nach. Ist der Hochmeister selbst nicht zugegen, so führt der Ordensmarschall den Befehl: Ihm schulden alle Gehorsam – nicht nur die Söldner, die darauf vereidigt werden, sondern auch die Kreuzfahrer. Die Ordnung, in der die „Banner“ marschieren, ist im Voraus festgelegt. Das Heer wird durch Vorhut und Nachhut gesichert. Niemand darf ohne Erlaubnis aus der Reihe treten oder seine Rüstung ablegen. Angesichts des Feindes wird größte Vorsicht gewahrt: Die Ordensritter beginnen keine Schlacht, ohne eine Erkundung vorgenommen und die Stärke des Gegners genau erfahren zu haben (pensare exercitum).
Es ist schwer, die Stärke der Ordensheere zu bestimmen, doch kein Nachbarstaat, auf seine eigenen Kräfte gestellt, war imstande, mehr Krieger ins Feld zu führen. In besonders wichtigen Fällen konnte der Orden sein Aufgebot durch Söldner verstärken. So gab er 1411 für sie 10 Millionen Francs aus.
Wie aber nutzten die Ritter eine solche Macht? Um ihre Rolle in der Weltgeschichte zu würdigen, muss man bedenken, dass die Geschicke Osteuropas im 14. Jahrhundert noch nicht entschieden waren. Der Westen Europas besaß natürliche Gliederungen, gleichsam dazu bestimmt, Nationen in sich aufzunehmen. Und Nationen lebten auch darin. Zuerst waren sie einander fremd, dann vereinigten sie sich im Römischen Reich, darauf trennten sie sich wieder nach dem Einfall der Barbaren und fanden sich erneut unter dem Zepter Karls des Großen zusammen, um im 9. Jahrhundert noch einmal zu zerfallen. Doch auch nach dem Zerfall blieben ihnen gemeinsame Überlieferungen und gemeinsame Gefühle. Anders ist das Antlitz des Ostens, anders auch sein Schicksal. Auf der unermesslichen Ebene, die sich von der Elbe bis zum Ural erstreckt, gibt es keine Wiegen für Nationen; die Völker sind auf ihr verteilt wie Abteilungen eines Heeres, und je weiter vom Westen entfernt, desto roher sind sie. Keines erhebt sich über das andere, weil keines einen Anspruch auf Herrschaft hat. Das Übergewicht in Osteuropa gehört der slawischen Rasse, doch sie selbst ist in Stämme zersplittert, die einander kaum kennen. Hier gibt es weder einen gemeinsamen Geist noch eine gemeinsame Sprache, wie es das Lateinische im Westen war. Hier erschien kein Karl der Große: Damit ein Hirte der Völker erscheinen kann, müssen die Völker selbst sich zu einer Herde vereinigen können. Dieses ganze Gebiet lag der Eroberung offen. Deutsche Markgrafen und Kaufleute berührten es an den Ufern der Ostsee, der Elbe und der Donau, und vom anderen Ende her tobten in ihm die Einfälle von Horden, die es manchmal nur durchzogen, manchmal sich aber auch dort festsetzten – wie die Mongolen, Ungarn und Türken.
In diesem gewaltigen Gebiet muss man zwei Teile unterscheiden: den an den Westen grenzenden und den Asien benachbarten. Im ersten bilden sich früh drei Staaten – Ungarn, Böhmen und Polen. Nachdem sie das Christentum angenommen haben, treten sie in die Gemeinschaft der europäischen Völker ein und gelten als Nachbarn des Heiligen Römischen Reiches in der Zeit seiner Macht als dessen Vasallen; nach seinem Niedergang im 13. Jahrhundert aber erhebt das junge Haus Österreich Ansprüche auf Böhmen und Ungarn. Der andere Teil verharrt in Barbarei. Das zersplitterte Russland ist den Mongolen tributpflichtig, wird von deutschen und skandinavischen Kaufleuten schonungslos ausgebeutet und durch die Eroberungen Litauens stark beschnitten. Die Litauer bewohnten die Gebiete von Wilna und Kowno. Sie waren in der Nachhut der arischen Wanderer gekommen, und ihre Sprache stand dem Sanskrit näher als alle europäischen Mundarten und bewahrte Erinnerungen an den Osten. Es war ein urwüchsiges und rohes Volk im Vergleich zu den preußischen Deutschen, aber sehr begabt und auf dem Schlachtfeld der Schrecken seiner Feinde. Es siedelte sippenweise, in Weilern, in kleinen runden Hütten; jede Familie hatte ihre eigene Hütte, und außerdem gab es gemeinsame Hütten, in denen die Bewohner kochten, Bier brauten und Brot buken. Litauen konnte man für eine Horde eben erst sesshaft gewordener Nomaden halten. Geld kannte der Litauer nicht, und der Ackerbau steckte bei ihm in den Kinderschuhen: Er aß nur Schwarzbrot, und auch das reichte oft nicht. Den einzigen Reichtum bildeten dort die Pferde – im 14. Jahrhundert besaß der litauische Großfürst Witold ihrer 20 000. Vortreffliche Soldaten, Meister im Schanzen und wunderbare Reiter, lebten die Litauer vor allem von Kriegen, die sie ständig mit all ihren Nachbarn führten – mit den Polen, den preußischen Deutschen und besonders mit den Russen. Die einheimische Dynastie, die die Einheit des Landes geschaffen hatte, eroberte einen beträchtlichen Teil Russlands; und ein seltsames Schauspiel bot dieser heidnische Staat, der in der Zeit des Verfalls des alten mittelalterlichen Glaubens im Westen Osteuropa zu verschlingen drohte und den Mongolen das Land streitig machte, das später das Heilige Russland genannt wurde.
Die Deutschordensritter ließen sich an der Grenze dieser beiden Teile Osteuropas nieder, von denen der eine bereits stark von deutscher Eroberung oder deutscher Politik berührt war, während der andere weiter das dumpfe Leben urwüchsiger Völker lebte. Daraus erklären sich sowohl die Schwierigkeiten als auch die Größe der geschichtlichen Rolle des Ordens.
Von Papst und Kaiser gewissermaßen in den Rang eines Markgrafen der Christenheit erhoben, musste der Orden mit dem Gesicht nach Osten Stellung beziehen, und das Kreuz, das die Ritter auf der Brust trugen, verpflichtete sie zum beständigen Krieg gegen Litauen. Der Orden führte diesen Krieg auch tatsächlich, und die Ritter plünderten an der Spitze von Kreuzfahrern und Abenteurern ihre ungläubigen Nachbarn grausam aus; doch es gelang ihnen nur, ihnen ein Stückchen Küste abzunehmen, das Preußen von Litauen trennte. Den einzigen großen Sieg über Litauen errangen sie auf dem Gebiet des Ordens selbst. 1369 führten die Ritter und die Litauer wie gewöhnlich Krieg an den Ufern der Memel, nahmen einander Festungen ab, verloren sie, nahmen sie wieder – und beendeten den Feldzug schließlich mit einem Gefangenenaustausch, der bei einem Treffen des Ordensmarschalls mit dem litauischen Fürsten Kęstutis beschlossen wurde. Zum Abschied sagte der Litauer: „Im nächsten Winter gedenke ich den Hochmeister zu besuchen und ihn um Gastfreundschaft zu bitten.“ – „Bitte überlegt es Euch nicht anders“, antwortete der Marschall, „und seid gewiss, dass wir Euch mit den gebührenden Ehren empfangen werden.“ Kęstutis verlor keine Minute: Er sammelte ein Aufgebot bei sich und bei seinen Nachbarn, den Russen, und bat seinen Verbündeten Mamai, den großen Khan der Tataren, um Hilfe. Der Komtur der Grenzfestung Ragnit verfolgte die Vorbereitungen des Feindes. Ganz Preußen war in Aufruhr. Der Hochmeister begab sich mit einem großen Heer nach Königsberg, um den Einfall der Litauer zu verhindern. Doch er erwartete sie erst zu Ostern, Kęstutis und sein Bruder Algirdas aber täuschten die Ordensspäher, und der Hochmeister war noch in Königsberg, als dort in der Nacht die Nachricht eintraf, beide Fürsten seien bereits in Preußen eingedrungen – der eine durch die Galindische Wildnis, der andere über das Eis des Kurischen Haffs – und zögen durch das Land, ihren Weg mit Bränden erleuchtend. Der Hochmeister verließ die Stadt und schickte den Marschall zur Erkundung gegen den Feind, der bei Rudau haltgemacht hatte. Die Schlacht begann am frühen Morgen, und ihr Ausgang blieb bis zum Mittag ungewiss. Und als die heidnischen Scharen schließlich vor der besser gerüsteten Reiterei des Ordens und der Städte weichen mussten, war das ganze Schlachtfeld bereits mit toten Rittern übersät, unter denen sich auch der Ordensmarschall befand. Zum Gedächtnis der Gefallenen wurden drei Denkmäler errichtet und zwei Kapellen gebaut, in denen Priester beständig Messen für das Heil ihrer Seelen lesen sollten. Überdies wollte der Hochmeister an der Stelle, wo der Ordensmarschall gefallen war, eine steinerne Säule aufstellen lassen; sie steht dort bis heute.
Die Deutschordensritter waren im eigenen Land unbesiegbar wie die Litauer in Litauen. Dennoch versicherten die Hochmeister, und glaubten es auch selbst, dass der Tag kommen werde, an dem sie mit Litauen dasselbe tun würden, was sie mit Preußen getan hatten. Der Vorwurf, den ihnen im 14. Jahrhundert viele christliche Länder machten, sie zögen den litauischen Krieg absichtlich in die Länge, ist offenbar unbegründet. Jede Kraft hat ihre Grenzen, selbst die Ausbreitungskraft der deutschen Rasse. Und es ist ohnehin erstaunlich, wie dieses Volk, nachdem es die oberste Führung verloren hatte, die es in der Zeit Karls des Großen und Heinrichs des Voglers besessen hatte, und in einzelnen Abteilungen vorrückend – hier unter Markgrafen, dort unter hansischen Schiffsführern oder unter dem Banner der Ritter –, dennoch ein ganzes Land zwischen Elbe und Memel zu kolonisieren vermochte. Woher sollte diesen östlichen Kolonisten so rasch ein Bevölkerungsüberschuss erwachsen, der es ihnen erlaubt hätte, neue Scharen in die Ferne zu schicken? Zudem konnte der Orden nicht alle seine Kräfte dem Kampf gegen die östlichen Heiden widmen. Er konnte nicht gleichgültiger Zeuge eines anderen Kampfes bleiben, der zwischen Deutschen und Slawen in dem ersten der oben von uns umrissenen Teile des europäischen Ostens entbrannt war. Hatten die Slawen auch die Lausitz, Schlesien und Brandenburg, diese angestammten Besitzungen ihrer Rasse, für immer verloren, so kämpften sie doch noch in Pommern, und Polen wurde zeitweise zu einer wahrhaft furchtbaren Macht.
Als Vorhut der deutschen Kolonisation mussten sich die Deutschordensritter umwenden, um das Hauptheer zu decken, und der größte Teil ihrer Kraft richtete sich nicht gegen die Heiden, sondern gegen die christlichen Feinde der deutschen Rasse. Mit diesen Feinden kämpften sie würdig, und ihre ruhmreichsten Schlachten sicherten ihnen Siege über Polen.
Erinnern wir uns, dass der slawische Herzog Swantopolk von Pommern den Prußen bei ihren Aufständen im 13. Jahrhundert half und den Orden in große Gefahr brachte. Nach dem Tod seines Nachfolgers Mestwin besetzten die Polen dieses Gebiet, das ihnen der Orden und die brandenburgischen Markgrafen mit vereinten Kräften streitig machten. Der Orden handelte so erfolgreich, dass er nach der Eroberung Pommerellens Polen selbst zu bedrohen begann. Kasimir der Große beeilte sich, Verhandlungen aufzunehmen, und verzichtete 1343 in Kalisch auf die umstrittene Provinz bei einem feierlichen Treffen, bei dem der König und die Hochmeister schworen – der eine auf die Krone, der andere auf das Kreuz –, den Frieden heilig und unverbrüchlich zu halten. Diese Versöhnung währte, wie jeder ewige Friede, nur sehr kurz. Denn in diesem Krieg zwischen Deutschen und Slawen hatte der Kampf um Pommerellen die Bedeutung jener entscheidenden Schlachten, die eine kriegführende Partei dem Gegner liefert, um ihn von seiner Operationsbasis abzuschneiden und einzuschließen. Pommerellen verband Preußen mit Deutschland: Nach ihm wird Polen im Augenblick seines Triumphes als Erstes wieder greifen, und es wird Friedrich der Große bei der Teilung Polens als Erstes für sich fordern. Dieser Kampf endete erst mit dem Untergang eines der Gegner, und schon vor fünf Jahrhunderten war vielen klar, dass die deutsche Kolonie in Preußen und die mächtigste der slawischen Nationen unversöhnliche Feinde waren, von denen einer den anderen vernichten musste. Beweis dafür ist, dass schon damals von einer Teilung Polens die Rede war.
Das war gegen Ende des 14. Jahrhunderts, als in Ungarn und Böhmen zwei deutsche Prinzen aus dem Hause Luxemburg regierten – Sigismund und Wenzel. Ein schlesischer Herzog, der mit diesem Haus befreundet war, kam zum Hochmeister nach Thorn und hielt dort folgende Rede: „Mein Herr, der König von Ungarn, der Markgraf von Mähren, der Herzog von Görlitz, der Herzog von Österreich und ich haben nach sorgfältiger Erwägung der Sache vereinbart, den König von Polen anzugreifen. Der König von Böhmen wird uns helfen. Wir meinen, dass Ihr an unserer Sache teilnehmen könnt.“ Der Hochmeister sagte: „Offen gesagt, ich weiß nicht, was ich Euch antworten soll.“ – „Wartet“, fuhr der Herzog fort, „Ihr kennt unseren Plan noch nicht. Wir wollen, dass es in Polen keinen König mehr gibt. Alles, was diesseits von Kalisch liegt, samt Masowien, soll an Preußen fallen; das Land jenseits von Kalisch erhält Ungarn, und das ganze Land an der Warthe Brandenburg und der römische König Sigismund.“ Der Hochmeister wollte keine Verpflichtungen eingehen; er erklärte nur, er lebe mit dem König in Frieden, doch der König habe viele Male die Verträge gebrochen, und wenn der Heilige Vater einen Kreuzzug ausrufe und der römische König das Schwert gegen diesen Eidbrüchigen ziehe, so werde auch er seinerseits für die gerechte Sache kämpfen, ohne sein Leben zu schonen. Dieser Plan blieb ohne Folgen, doch es besteht kein Zweifel, dass er, hätte die Deutschordenskorporation länger gelebt, erneut auf die Bühne getreten wäre.
Darum atmet diese alte Geschichte der Deutschordensritter für uns Leben und ist der Gegenwart keineswegs so fern, wie es scheinen könnte. Die Deutschordensritter besaßen einen weiten politischen Blick, wie ein preußischer Schriftsteller bei dieser Gelegenheit bemerkt. Doch besser ist es, einfach zu sagen, dass sie handelnde Personen in einem Drama waren, das noch heute andauert und von seinem Abschluss noch weit entfernt ist – im Kampf der slawischen und der germanischen Rasse.
In diesem Drama gab es eine lange Pause: Vor hundert Jahren konnte man nicht einmal daran denken, dass es wieder aufleben würde. Der Osten des 18. Jahrhunderts glich keineswegs dem Osten des 14. Jahrhunderts. Die Gewalt hatte dort Ordnung geschaffen, indem sie die nach allen Seiten über diese Ebene auseinanderfließenden Völkerschaften in strenge Grenzen zwängte. Preußen, Österreich, die Türkei und Russland teilten sie unter sich auf. Die Stammesfeindschaft verstummte, und die Politik verfügte selbstherrlich über die Völker. Doch im 19. Jahrhundert fordern sie erneut das Recht, über sich selbst zu bestimmen, ihr inneres Gefühl protestiert und empört sich gegen die Politik – und die Rasse wird wieder zum Vaterland. Freilich erschweren die Beteiligung Russlands an der Teilung Polens und die Anwesenheit des Osmanenstaates auf dem europäischen Kontinent die Beziehungen zwischen Völkern und Regierungen sehr. Bis heute lässt sich hinter dem Spiel der politischen Kombinationen das Maß des ethnographischen Patriotismus nicht klar erkennen. Doch je mehr die Türkei geschwächt wurde, desto verständlicher wurde, dass in diesem Osten – dem Gebiet künftiger Gewitter – der Streit noch immer zwischen Germanen und Slawen geht wie zu jenen Zeiten, als die Ritter über das Eis litauischer Flüsse und Seen sprengten und ihre Kanonen mit Kugeln luden, die aus den Moränen vorgeschichtlicher Gletscher gehauen waren.
Der Untergang des Deutschen Ordens
Die Ursachen des Niedergangs des Ordens
Der Deutsche Orden erreicht zu Beginn des 15. Jahrhunderts den Zenit seiner Macht und stürzt dann, ohne jeden Übergang, jäh in den Abgrund. Nicht Feinde haben ihn gefällt – in sich selbst trug er die Keime des Todes. Er war nämlich eine Korporation, und warum die Schicksale von Korporationen den Schicksalen der Völker so unähnlich sind, hat Freytag vortrefflich erklärt. Das Leben eines Volkes, seine Anschauungen und Taten werden von einer Vielzahl von Ideen und Leidenschaften bestimmt: Es hat Augenblicke des Kräftezuwachses und der Schwäche, der Gesundheit und der Krankheit; viele Male kann es fallen und sich wieder aufrichten bis zu dem Tag, an dem sein Weg an die verhängnisvolle Grenze gelangt und endgültig unter der Asche seiner Gedanken und Taten verschwindet. Doch auch dann bleiben nach ihm noch Einzelne, die seine Zivilisation zu anderen Völkern tragen und so deren nationalen Gesichtskreis erweitern. So war es mit den Juden, so war es mit den Griechen. Eine Korporation dagegen lebt von einer einzigen Idee, und in der Stunde, da diese Idee der Welt, die in ihrer Bewegung keinen Stillstand kennt, fremd wird, stürzt sie auf einmal, und sie stürzt tief, ruhmlos, unter allgemeiner Gleichgültigkeit oder gar Verachtung und Hass, denn die Geschichte schätzt nur jene Völker und Personen, die von menschlichen Leidenschaften gelebt haben, und wendet sich von den durch kalte Vernunft geschaffenen Gebilden ab, die mit dem allgemeinen Gang der Entwicklung jeden vernünftigen Grund zu bestehen verloren haben.
Es ist interessant, das Los der deutschen Kolonie in Preußen mit dem Los der Kolonie in Brandenburg zu vergleichen. Der vom Orden gegründete Staat war ebenso künstlich wie der von den Markgrafen gegründete: Hier wie dort wurde ein ganzes Volk ausgerottet, um einer großen Gefahren ausgesetzten Kolonie Platz zu machen. Doch die brandenburgische Kolonie wurde von einer Dynastie regiert, das heißt von einer ununterbrochenen Reihe von Menschen, die, obwohl sie denselben Namen trugen und dasselbe Werk betrieben, dennoch fähig waren, mit der Zeit zu gehen und das Leben jeder neuen Menschengeneration mitzuleben, schon allein deshalb, weil sie einander folgten und dabei volle Handlungsfreiheit bewahrten. Im Mittelalter schaffen die Könige die Nationen. Sobald die Lehnsordnung fiel und der Herrschaft einiger Geschlechter Platz machte, begannen die Staaten sich in der Person der Herrscher zu verkörpern. Weder der Herrscher noch die Untertanen unterscheiden mehr zwischen den öffentlichen und den privaten Angelegenheiten des Herrschers. Die Familienfreuden der regierenden Häuser erfreuen auch die Untertanen: Die Erweiterung der fürstlichen Domänen ist eine Erweiterung des Staates selbst. Die ganze Verwaltung wird im Hause des Herrschers geführt: Dort wird Recht gesprochen, dort werden Gesetze erlassen, dort wird Münze geprägt. Die privaten Diener des Herrschers werden zu öffentlichen Beamten: Sein Stallmeister wird zum Befehlshaber der Reiterei, der Kammerherr leitet die königliche Kanzlei und sitzt im obersten Gericht. Hat eine solche Ordnung einmal Wurzeln geschlagen, so hören die Völker auf, sich auch nur die Möglichkeit einer anderen politischen Verfassung vorzustellen. Ihr ganzer Patriotismus verkörpert sich in der Treue zu ihrem Herrscher, und diese Treue wird Teil ihrer Religion. Es gab keinen Menschen, der in den Augen anderer der Gottheit so nahe gestanden hätte wie der französische König in den Augen der Franzosen des 14. Jahrhunderts. Heute ist die Mehrzahl der alten Königsdynastien verschwunden, und jene, die noch leben, haben ihr Dasein um den Preis tiefer Veränderungen erkauft: Sie sind vom Himmel auf die Erde herabgestiegen, die sie ebenfalls nicht ewig tragen wird. Der Historiker kann keinen wahnwitzigen Glauben an die Auferstehung dieser Toten hegen, doch auf ihr Grabmal muss er die Dienste schreiben, die sie geleistet haben. Nur jene Völker haben in neuester Zeit Größe erlangt, die im Mittelalter allgemein anerkannte Dynastien besaßen.
Böhmen, Polen und Ungarn verloren ihre Unabhängigkeit, weil sie sich den Zufällen der Königswahl anvertrauten, und der Deutschordensstaat ging unter, weil er von einer Korporation regiert wurde, die der deutschen Kolonie gleichsam aufgesetzt war, und nicht von Herrschern, die mit dem Volk zu einem Fleisch und Blut verschmolzen wären.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts befindet sich der Orden in offenkundigem Zwiespalt mit seinen Untertanen. Diese Untertanen – Bauern und Bürger, Freie und Vasallen, die in ihren durch besondere Handfesten bestimmten Städten, Dörfern und Gütern lebten – waren schließlich nahezu zu einem neuen Volk verschmolzen. Das Zusammenleben auf demselben Boden, der gemeinsame Dienst in den Ordenstruppen, die gemeinsamen gewerblichen und Handelsinteressen hatten sie einander nähergebracht. Es entstanden zwei Aristokratien: eine städtische und eine ländliche – und beide waren mit ihrem Gebieter sehr unzufrieden. Die Kaufleute murrten über die Konkurrenz des größten Kaufmanns im Land – des Ordens selbst, der seine Oberhoheit mitunter zum Vorteil seines Handels nutzte. So hielt er sich etwa, wenn er die Getreideausfuhr verbot, selbst nicht an dieses Verbot gebunden. Freilich beruhte die Überlegenheit der Handelspolitik des Ordens, die ihn selbst und das ganze Volk bereicherte, gerade darauf, dass er selbst Händler war. Doch seine Untertanen, die die Früchte dieser Politik ernteten, ärgerten sich umso mehr über seine Konkurrenz. Die Unzufriedenheit, die die Grausamkeit und Unvernunft einer Regierung hervorruft, lässt sich nicht mit der Undankbarkeit vergleichen, die ihre Wohltaten erzeugen, wenn sie nicht bis zum vollen Maß gewährt werden. Außerdem empörten sich Bürger und Lehnsleute darüber, dass eine fremde Kaste über sie herrschte. Sie strebten danach, in den Orden aufgenommen zu werden, doch der Orden konnte ihnen diese Genugtuung nicht gewähren. Hätte er den Söhnen der Bürger und der preußischen Lehnsleute den Zugang zu seinen Reihen geöffnet, so hätte man nicht lange warten müssen, bis sie sowohl die höchsten Würdenträger als auch Hochmeister geworden wären. Und was hätten dazu die Ritter Deutschlands, Österreichs und aller Länder gesagt? Eine Spaltung wäre dann unvermeidlich gewesen. Um sich selbst zu erhalten, musste der Orden eine nationale preußische Einrichtung werden; zugleich aber musste er unbedingt eine Institution von universalem oder wenigstens gesamtdeutschem Charakter bleiben, unverbrüchlich mit Deutschland verbunden, wo er seine Mitglieder warb und große Güter besaß. Aus einer solchen Lage gab es keinen Ausweg.
Gegen die murrenden Bürger, gegen die Lehnsleute, die Geheimbünde bildeten, konnte der Orden keine Stütze in den unteren Klassen suchen. Eine Monarchie kann demokratisch sein, eine Aristokratie aber nicht: Diese beiden Wörter begegnen einander nur als Gegensatz. Der französische König liebt die kleinen Leute, und die kleinen Leute lieben den französischen König, weil die großen Leute ebenso tief unter dem König stehen wie die kleinen und weil vor dem so hoch gestellten Thron etwas wie eine allgemeine Gleichheit entsteht. König und Volk haben denselben Feind – den Adel, und selbst in Augenblicken des Aufruhrs stürzt sich das Volk auf die Großen und nicht auf den König. „Als Adam grub und Eva spann“, singen die englischen Bauern, „wo war da der Edelmann?“ Doch kaum erscheint der König vor ihnen, so begrüßen sie ihn mit Freudenrufen. In Frankreich erhoben sich die Hirten auf die Nachricht hin, dass Ludwig der Heilige gefangen sei, und forderten, den König zurückzubringen. Nach Poitiers entlädt sich der Volkszorn auf die Edelleute, weil sie auf dem Schlachtfeld den König nicht zu schützen vermocht hatten, und das Volk erwartet seine Rettung von der Befreiung König Johanns, der doch selbst die ganze Sache verdorben hatte.
Eine Ritterkorporation, die ihre Mitglieder im Ausland warb, konnte dem Volk keine so leidenschaftliche Ergebenheit einflößen, und der Orden konnte sich zu seiner Verteidigung nur auf sich selbst verlassen.
Doch würde er die Kraft haben standzuhalten? In der Blüte seines Wohlergehens wurde er innerlich schwach. So weit verbreitet die mönchischen Tugenden im Orden in den Zeiten der Not und des Kampfes offenbar auch gewesen waren, überlebten sie diese Zeiten nicht. Die Zwistigkeiten, die Absetzung Karls von Trier und Heinrichs von Plauen, die Ermordung Werners von Orseln durch einen der Ritter zeigen, dass das Gelübde des Gehorsams vergessen war. Und war es möglich, das Gelübde der Armut inmitten solcher Reichtümer zu halten oder auch nur die Regeln strenger Enthaltsamkeit inmitten unablässiger Festlichkeiten zu beachten, mit denen bald Marienburg, bald andere Komtureien vornehme, nach Litauen ziehende Gäste ehrten? Ein Dichter des 14. Jahrhunderts sagt, in Marienburg sei das Geld zu Hause. Und wäre wenigstens nur der Orden reich gewesen, jeder Ritter aber arm geblieben! Doch die Ritter des 15. Jahrhunderts hinterlassen Testamente – also besaßen sie ein eigenes Vermögen. Was das Gelübde der Keuschheit betrifft, so wurde es auf Schritt und Tritt gebrochen. Im 14. Jahrhundert hatte der Kampf gegen die Lehre von der Abtötung des Fleisches und der Knechtung des Geistes, der bald die doppelte Gestalt von Renaissance und Reformation annehmen sollte, bereits begonnen, und das Fleisch lauschte überall den Rufen nach Befreiung, am bereitwilligsten aber gerade in Deutschland. Der Deutsche lebt gern angenehm und begann sehr früh, die Asketen zu verspotten, wobei er mit Hohn über die Ritter nicht sparte. Diese gaben dazu freilich nicht allzu viel Anlass. Das Gelübde der Keuschheit erschien ihnen schwer, und schon der strenge Dusburg sagte, zur Wahrung der Keuschheit bedürfe es einer besonderen Gnade Gottes: „castus nemo postus esse, nisi Deus det“. Ein Sprichwort rät dem Bauern, der Töchter hat, beim Anblick von Rittern die Türen gut zu verschließen. Und wir wissen, dass diese Männer, denen die Ordensregel verbot, selbst ihre Mütter zu küssen, oft, wenn sie in die Städte kamen, in ihren weißen Mänteln in solchen Vierteln erschienen, wo die Farbe der Unschuld ganz fehl am Platz war. Zu Beginn des
15. Jahrhunderts häufen sich unschöne Abenteuer immer mehr. In einer Burg sperrten Ritter polnische Frauen ein und vergewaltigten sie. Ein Komtur schenkte seiner Geliebten ein Landhaus, für das er viel Geld bezahlt hatte; ein anderer ließ einen Unschuldigen hinrichten, um sich seiner Frau zu bemächtigen. Und bald wird Długosz, wenn er das Bild eines Hochmeisters zeichnet, erzählen, dass dieser Bacchus und Venus unmäßig diente: in Bacchum et Venerem parum temperatus. So wächst die Skandalchronik des Ordens ständig zur großen Freude seiner Feinde, die sie durch Städte und Dörfer tragen.
Ein weiterer Gegenstand des Spottes war, dass die Ritter unwissend waren und die Unwissenheit für eine Bedingung des Seelenheils hielten. Sie waren nie sehr gebildet, und offenbar traten viele von ihnen in den Orden ein, ohne auch nur das „Vaterunser“ und das „Credo“ zu kennen. Jedenfalls gewährte die Ordensregel neuen Brüdern sechs Monate, um das wichtigste der Gebete und das Glaubensbekenntnis zu lernen. Doch die Regel verpflichtete die Ritter nicht zum Lernen, und wenn sie einem Bruder, der mit einiger Bildung in den Orden eingetreten war, erlaubte, seine Kenntnisse zu pflegen, so schrieb sie andererseits den Ungelehrten vor, es auch zu bleiben – gewiss, um zu verhindern, dass ein Ritter, gelehrt geworden, das Schwert hinwerfe und Priester werde. Noch weniger duldete sie in ihnen den Geist der Philosophie. Einer der Brüder, ein Herzog von Nassau, wurde nach geheimer Untersuchung und geheimem Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt, weil sich in ihm „der Geist des Zweifels“ zeigte.
Der preußische Bürger in den Städten dagegen lernte. Er besuchte ausländische Universitäten; er wusste, dass überall die große geistige Bewegung der Renaissance aufkam und dass sie der Stolz Deutschlands war; mit jenem Hochmut, den die erste Bekanntschaft mit der Wissenschaft dem Neuling verleiht, verachtete er die unwissenden Ritter und hielt es für erniedrigend, unter der Herrschaft solcher Hochmeister zu stehen, die weder lesen noch schreiben konnten.
Gegen die Gebrechen, auf die die Untertanen der Deutschordensritter hinwiesen, gab es kein Heilmittel, denn diese Gebrechen waren organisch. Die Grundregel erlaubte dem Orden nicht, zum Preußen zu werden. Sie verbot auch, Bürger und Lehnsleute an der Regierung zu beteiligen, da sie nicht wollte, dass die Brüder sich mit Laien berieten. Sie hütete und förderte auch die Unwissenheit. Die Regel fesselte den Orden an Händen und Füßen und ließ ihn sich nicht rühren. Und in diesem Zustand musste der Orden allen Gefahren des 15. Jahrhunderts begegnen – der Epoche des endgültigen Untergangs der großen Einrichtungen des Mittelalters. Seine alten Dienste waren vergessen, wie es immer geschieht, und man braucht sich darüber nicht über menschliche Undankbarkeit zu entsetzen. Völker können nicht gegen ihre eigenen Interessen dankbar sein: Sie müssen leben, und stoßen sie in ihrem Leben auf ein Hindernis, so können sie es nicht dulden. Es gab eine Zeit, da die Deutschordensburg Schutz und Zuflucht war, doch im 15. Jahrhundert dient sie den Kolonisten als Ort der Vergnügung und der Ausschweifung. Die Bürger von Danzig nennen die Ordensburg Lupanar. Es gab eine Zeit großer Gefahren, da die Ankunft der weißen Mäntel mit den schwarzen Kreuzen das Zeichen naher Erlösung aus der Not war, jetzt aber, da man keinen Feind mehr zu fürchten hat, da die Nachbarn sich selbst verteidigen müssen, ist der Ritter eine nutzlose Person geworden, die man ernähren muss, was teuer ist. In einem preußischen Lied heißt es: „Sich anziehen, sich ausziehen, trinken, essen, schlafen – das ist die ganze Arbeit der Herren Ritter!“
Im eigenen Land eine Kaste, war der Orden in der Christenheit ein Fremdling. Um die Ursachen seines Niedergangs zu erklären, muss man, trotz der Gefahr, sich zu wiederholen, noch einmal daran erinnern, was zu jener Zeit aus Papst und Kaiser geworden war, die im 13. Jahrhundert die Deutschordensritter zur Eroberung ausgesandt und gesegnet hatten. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts herrscht im Reich und in der Kirche Spaltung: Es gibt zwei Päpste und drei Kaiser. Die rivalisierenden Päpste belegen einander mit dem Bann und schließen einander aus der Kirche aus, zur großen Freude der Heiden. „Es kommt also heraus“, sagte man in Litauen, „dass die Christen jetzt zwei Götter haben: Wenn ihnen der eine die Sünden nicht vergibt, können sie sich an den anderen wenden.“ Verwirrt über diese Lage verlangen die Häupter der Christenheit selbst eine Reform der Kirche. Doch welche Verwirrung in den Köpfen der einfachen Leute! Um der Sünden der Reichen und Großen willen, sagen sie, ist diese Wirrnis über uns gekommen; um ihretwillen kommen auch andere Übel über uns, wie der schreckliche Schwarze Tod. Und dieser raffte damals die Bevölkerung Europas erbarmungslos dahin und bedeckte die Straßen der Städte mit Leichen, in denen der klagende Ruf erscholl: „Kyrie eleison!“ Im Volk war jedes Gefühl der Achtung vor den Höheren verschwunden. In einer deutschen Stadt schicken die öffentlichen Frauen eine Abordnung in den Rat mit der Beschwerde, die Töchter der Ratsherren untergrüben durch ihre Liederlichkeit ihr Gewerbe. Bauern und Gemeinden ziehen gegen die Ritter und schlagen sie. Die Flamen schmücken die Kirche in Kortrijk mit achttausend vergoldeten Sporen, die französischen Rittern abgenommen wurden. Schweizer Bauern singen, nachdem sie österreichische Ritter geschlagen haben: „Wir haben sie tüchtig verdroschen, und das ist ihnen nicht gut bekommen.“ Und sogar der preußische Bauer beginnt unruhig zu werden, sodass der Orden bewaffnete Zusammenkünfte verbieten muss. Der Zeitgeist, der die Deutschordensritter einst auf seinen Wellen getragen hatte, war von ihnen gewichen, und durch eine merkwürdige Wendung des Schicksals befand sich der Orden im 15. Jahrhundert in derselben Lage wie im 13. Jahrhundert die von ihm ausgerotteten Prußen: Er stellte eine verschwundene Zivilisation inmitten einer neuen Welt dar, war ein Denkmal der Vergangenheit, eine Ruine, bereit, bei der geringsten Erschütterung einzustürzen.
Die Kreuzzüge gegen Litauen
Dennoch verlor der Deutsche Orden offenbar bis zum Ende des 15. Jahrhunderts nicht seine Daseinsberechtigung: Der Krieg gegen das heidnische Litauen ging noch immer weiter. Es lohnt sich, ihn zu erwähnen, denn die Geschichte dieses Krieges stellt nicht nur ein merkwürdiges Kapitel in der Kulturgeschichte des 15. Jahrhunderts dar, sondern enthüllt auch die ganze Verwickeltheit der Lage des Deutschen Ordens, der, um sein Ansehen in der Welt zu wahren, gezwungen war, die Torheit des sterbenden Rittertums auszubeuten. Aus Deutschland und anderen christlichen Ländern strömen im 14. Jahrhundert eine Menge Fürsten, Barone und vornehme Abenteurer nach Preußen und ziehen von dort gegen Litauen. An eine einigermaßen ernsthafte Absicht ihrerseits, die Litauer zum Christentum zu bekehren, ist hier gar nicht zu denken: Sie lockte die Neugier, diesen Orden aus der Nähe zu sehen, den Stolz des Rittertums, der in dem den Ungläubigen entrissenen Land herrschte, vor allem aber die Jagd nach starken Eindrücken und interessanten Abenteuern, mit deren Erzählungen man später die Damen unterhalten konnte. Dieses Rittertum, das seine Tapferkeit noch nicht verloren hatte, aber voller Prahlerei und Putzsucht war und dem Rittertum des 13. Jahrhunderts so glich wie die Deklamation der Beredsamkeit, wählte Litauen zum Feld seiner Turniere, und die Deutschordensritter öffneten den Gästen feierlich die Tore der Arena.
Die berühmtesten dieser in Preußen einander ablösenden Gäste waren: die Könige Ottokar und Johann von Böhmen, Ludwig von Ungarn, die deutschen Könige Karl IV., Günther von Schwarzburg, Ruprecht von der Pfalz; der heldenhafte Bolingbroke, der später als Heinrich IV. den englischen Thron bestieg, der Graf von Warwick, zwei österreichische Herzöge, zwei holländische Grafen, der Franzose Boucicaut, der Schotte Douglas und schließlich der außergewöhnliche Abenteurer Oswald von Wolkenstein, der mit zehn Jahren das väterliche Schloss mit drei Pfennigen und einem Stück Brot im Reisesack verließ und zu Fuß den Rittern Albrechts von Österreich folgte, wobei er sich seinen Unterhalt mit der Pflege der Pferde und dem Putzen der Waffen verdiente. Er verbrachte acht Jahre in Preußen im Dienst der Ordenstruppen, wo er die Ritter mit seinen Liedern unterhielt. Dann wanderte er durch Europa und Asien, kämpfte bei Nikopolis, kehrte nach Preußen zurück und brach erneut zu Reisen auf, überall singend und kämpfend, wo es nur ging.
Man darf annehmen, dass diese fernen Fahrten tief in die ritterlichen Sitten eingedrungen sind. Viele deutsche Lieder beginnen mit den Worten: „Es war einmal ein Ritter, der zog nach Preußen.“ Viele französische Erzählungen bewahren uns die Erinnerung an die betrübliche Lage eines Ritters, der, nachdem er „an der allerheiligsten Fahrt nach Preußen“ teilgenommen hatte, sich als betrogener Ehemann wiederfand; und König Karl V., der keinerlei Unvernunft schätzte und seine Ritter im Kampf gegen die Engländer brauchte, verbot bei Todesstrafe, nach Preußen zu ziehen.
Doch diese Kreuzfahrer des 15. Jahrhunderts führten eine wahre Parodie auf die Kreuzzüge auf. Wilhelm IV. von Holland zog dreimal nach Preußen. Auf seiner zweiten Fahrt, 1344, hatte er in seinem Gefolge 38 Ritter, 55 Knappen und eine Menge Handwerker und Diener, unter denen wir Herolde, einen Maler, einen Schneider und einen Juden finden, der zum Kauf von Pferden, Tuchen und Pelzen mitgenommen worden war.
Wilhelm traf in Preußen mit Ludwig von Ungarn und Johann von Böhmen zusammen, jenem königlichen Abenteurer, der später kam, um in unseren Reihen bei Crécy zu sterben. Es war noch Winter, und da man die Zeit bis zum Feldzug irgendwie ausfüllen musste, spielten sie auf königliche Weise Würfel. Johann gewann von Ludwig von Ungarn 600 Gulden, das heißt etwa 30 000 Francs nach unserem Geld. Als der arme König den Verlust zu beklagen begann, nahm Johann die Goldstücke und warf sie dem Volk zu, um damit zu zeigen, mit welcher Verachtung ein wahrer Ritter dem Geld begegnen müsse. In dem Heer, mit dem diese Könige nach Litauen zogen, befanden sich drei Spielleute, die der Hochmeister zeitweilig überlassen hatte, sowie Fiedler, Trompeter, Tänzer, Narren, Ausrufer und Possenreißer. Übrigens waren auch Priester dabei. Wir lesen, dass Wilhelm von Holland seinem Kaplan Peter gut dafür bezahlte, dass er ihm erlaubte, die Fasten nicht einzuhalten.
Streng genommen waren diese Fahrten nach Litauen einfach Raubzüge, wie aus der Beschreibung des Feldzugs hervorgeht, den Herzog Albrecht von Österreich 1377 unternahm und die uns der Dichter Peter Suchenwirt hinterlassen hat. Wir geben sie hier fast wörtlich wieder.
Im Jahre des Herrn 1377 nahm der tapfere Herzog Albrecht das Kreuz gegen Litauen, um die Ritterwürde zu erlangen: Denn er meinte mit Recht, dass ihm die goldenen Sporen des Ritters weit besser stünden als die silbernen Sporen des Knappen. Mit ihm saßen fünf Grafen und eine Menge Ritter und Knappen auf. Ein so prächtiges Aufgebot hatte man noch nie gesehen: Waffen und Schmuck an Mensch und Ross blendeten mit ihrem Glanz die Augen. Keiner Stadt, keinem Land fügen die Kreuzfahrer auf ihrem Weg auch nur das geringste Leid zu. In Breslau lädt der Herzog schöne Damen zum Festmahl; sie sind geschmückt wie der Wald im blühenden Mai; und das Schloss ist voller Fröhlichkeit, Tanz und Lachen. Ein weiteres Fest gibt es in Thorn, in Preußen, wo rote Lippen und rosige Wangen, Perlen, Kränze und Bänder glänzen. Des Tanzens ist kein Ende, und alles geht in Zucht und Ehren zu. Von dort zieht das Aufgebot nach Marienburg, wo der Hochmeister Winrich von Kniprode wohnt. Der edle Hausherr empfängt den Herzog mit vollem Gepränge und bewirtet die Gäste reichlich mit guten Getränken und üppigen Speisen. Ein besonders freies und weites Leben aber, ganz wie an Höfen, begann in Königsberg. Der edle Herzog eröffnet eine Reihe von Festlichkeiten mit einem Mahl auf der Burg. Jeder Gang wird mit Trompetenschall angekündigt. Auf goldenem Geschirr trägt man Berge von Braten und Gebäck auf, in goldenen Bechern funkeln französische und österreichische Weine.
Endlich beginnen die Vorbereitungen für Litauen – seinetwegen sind die Gäste ja zusammengekommen. Der Marschall rät allen, sich mit Lebensmitteln für drei Wochen zu versorgen, und alle kaufen, ohne Geld zu scheuen, sogar mehr, als nötig ist. Der Hochmeister kündigt den Heerzug zu Ehren der Österreicher und der Gottesmutter an. Am Ufer der Memel sind 610 Barken bereitgestellt, und die Schiffer müssen unermüdlich arbeiten, vom Mittag bis zum Abend. Am anderen Ufer zieht ein Trupp von tausend Mann voraus und bahnt mit Äxten einen Weg durch das Dickicht, und das Heer bewegt sich hinterher über eine von Gräben, Bächen und Sümpfen zerfurchte Ebene. Ach, wie viel schöner ist es, über die ungarische Ebene zu reiten! Hier aber heißt es nur: vom Pferd herunter und wieder hinauf, über Gräben springen und sich im Wald über den Sattelbogen beugen, wo die Äste den Reiter immerzu am Kragen packen wollen. Hier ist keinem mehr nach Scherzen und Lachen zumute. Die Nacht ist gekommen; man muss sich zum Nachtlager einrichten. Es versteht sich von selbst, dass man schlafen musste, wo es eben ging. Doch am anderen Tag betreten die Ritter das Land der Heiden und lassen fröhlich die Pferde traben. Voran ist nach altem Brauch das Ragniter Banner, dann das Banner des heiligen Georg, danach das steirische, das des Hochmeisters und das österreichische. Und noch viele andere Banner wehen in der Luft. Die stolzen christlichen Helden haben ihre Helme mit Kränzen und Federbüschen geschmückt; Gold, Silber, Edelsteine und Perlen – Gaben edler Damen an ihre treuen Diener – funkeln in der Sonne. Doch da ist endlich ein Dorf. Die Ritter stürzen sich darauf wie Gäste, die man nicht zur Hochzeit geladen hat, und eröffnen mit den Heiden den „Ball“. Ein halbes Hundert dieser Unglücklichen wird erschlagen, das Dorf angezündet, und die Flammen schlagen hoch zum Himmel. Da zieht Graf Hermann von Cilli sein Schwert aus der Scheide, schwingt es in der Luft, sagt zum Herzog: „Besser Ritter als Knappe“ – und schlägt ihn zum Ritter. Der Herzog seinerseits zieht sein Schwert und schlägt zu Ehren der heiligen Christenheit und der allzeit reinen Jungfrau Maria alle zu Rittern, die sich ihm vorstellen. Danach beginnt die Plünderung des Landes. Gott erwies den Christen die Gnade, dass die Heiden sich überrumpeln ließen. Das kommt sie teuer zu stehen: Man sticht und schlachtet sie. In der Gegend gab es viele Menschen und viel Gut: Welch ein Schaden für die Heiden, welch eine Beute für die Christen! Ach, wie schön war es da!
Die Nacht war nicht so fröhlich. Die Litauer griffen an: Man musste Schläge einstecken, ohne die Feinde zu sehen. Dafür hörte man, wie sie brüllten, gleich wilden Tieren. Am anderen Tag stellte der Marschall das Heer auf; jeder trat unter sein Banner in seine Reihe. Die Heiden schrien weiter im Dickicht, doch das half ihnen nichts. Viele von ihnen wurden erschlagen, viele Frauen und Kinder wurden ihnen weggenommen.
Und lustig war es anzusehen, wie diesen Frauen je zwei Kinder angebunden waren – eines vorn, eines hinten, und wie diese Männer in Trupps gingen, aneinandergebunden wie an einer Koppel. Der Tag war erfolgreich gewesen, und darum hielt man am Abend ein fröhliches Gelage. Da trug man ohne Ende Gänse, Hühner, Hammel, Kühe und Met auf. Das Gelage dauerte bis zum Schlafengehen. Damit sich nicht dieselbe Geschichte wie am Vortag wiederhole, ließ der Marschall einen festen Verhau errichten und stellte Wachen auf, sodass man in dieser Nacht ruhig schlafen konnte.
Am dritten Tag betritt das Aufgebot einen anderen Bezirk. Hier dieselben Heldentaten: Die Heiden werden gehetzt wie Füchse oder Hasen, und am Abend bewirtet Graf Hermann von Cilli den Herzog von Österreich und die neuen Ritter. Die Vorräte für dieses Abendessen waren aus ziemlicher Ferne herbeigeschafft worden. Aufgetragen wurde ein Hirsch, der 200 Meilen vom Lager entfernt erjagt worden war, und die Weine stammten alle aus Wippach, Luttenberg und Reisal.
So verging eine Woche. Ganze drei Bezirke waren verwüstet. Der Rauch der verbrannten Dörfer verhüllte den ganzen Horizont. Doch nun kam Unwetter: Es regnete und hagelte, die Vorräte begannen zu verderben, und folglich konnte von Vergnügen keine Rede mehr sein. Da tritt das Aufgebot den Rückweg an, zur Memel, durch Schluchten und Sümpfe. In Königsberg trennen sich Ritter und Österreicher, nachdem sie einander zum Erfolg beglückwünscht haben, und es ist angenehm zu denken, wie gut alles ausgeht! In Riesenburg erhält der Herzog von der Herzogin die Nachricht, dass ihnen ein Sohn geboren ist. Welche Freude für Albrecht, dem dies das erste Kind ist! Wieder beginnen die Bälle. In Schweidnitz bereitet die Herzogin, selbst gebürtige Österreicherin, einen königlich freigebigen Empfang: Alles ist umsonst, für sein eigenes Geld kann man nicht einmal ein Ei kaufen. Damen und Fräulein sind die Liebenswürdigkeit selbst, und drei Tage vergehen bezaubernd. Doch da ist endlich Österreich. „Jedem edlen Mann rate ich, dem heiligen Georg zu dienen und der Worte eingedenk zu sein: Besser Ritter als Knappe – wenn er will, dass Lob seinen Namen schmücke. Das ist der Rat, den ich gebe, Peter Suchenwirt.“
Der Bericht des alten Dichters stimmt völlig mit den Zeugnissen überein, die uns die Geschichtsschreiber hinterlassen haben. Dieser Krieg, den die Ritter und ihre Gäste in Litauen führten, war für sie völlig ungefährlich und für die Litauer erbarmungslos. Gegen Heiden ist alles erlaubt. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder töten, Ernten und Wohnstätten verbrennen – das heißt, nach dem damaligen Ausdruck, Krieg zu Ehren des heiligen Georg führen, exercere militiam in honorem sancti Georgii.
Auf diese Heerzüge folgt ein regelrechter Handel mit Heiden: Die edlen Kreuzfahrer führen Gefangene mit nach Hause, um sie dort wie nie gesehene Tiere vorzuzeigen, und die Komture, ja sogar der Hochmeister, bringen ihre Gefangenen zum Verkauf. Manche Grenzbeamte leben geradezu von diesem Handel. Man muss wiederholen, dass diese Kreuzfahrer überhaupt nicht an die Bekehrung der Ungläubigen denken. Der Herzog von Österreich kam nur nach Litauen, um sich die Rittersporen zu verdienen, und durch welche Heldentaten, das haben wir eben gesehen. Was die Deutschordensritter betrifft, so ist es zwar ungerecht, ihnen vorzuwerfen, sie hätten Litauen absichtlich nicht erobern wollen, doch muss man zugeben, dass sie sehr froh waren, in der Nachbarschaft ein Jagdrevier für die Heidenjagd zu haben. Von Zeit zu Zeit, ein- oder zweimal im Jahr, meist im Sommer, manchmal aber auch im Winter, laden sie aus der ganzen Christenheit Liebhaber von Abenteuern ein, um gemeinsam zu jagen. Sie nehmen die Sorge um alles auf sich und vergessen auch den Jagdimbiss nicht: Mit ihnen fahren Proviant, Wein und Geschirr. Der Orden leitet den Heerzug, hält die Disziplin aufrecht, schickt Kundschafter aus, die Wege durch die Wälder bahnen, und Pontoniertrupps, die Brücken über die Flüsse schlagen. Jeder Kreuzzug kommt ihn teuer zu stehen: Die Gäste müssen auf großem Fuß empfangen werden – man muss ihnen Geschenke machen, ihnen Geld leihen, wenn ihre Taschen leer sind, und sie aus der Gefangenschaft loskaufen. Doch die Deutschordensritter sind gern zu all diesen Opfern bereit, wenn nur Europa nicht die Augen aufgehen, wenn es nur weiter glaubt, der Orden stehe als Grenzwächter der Christenheit. Das wirksamste Mittel dazu waren jene prunkvollen Feste, die er für die edlen Reisenden nach ihrer Rückkehr von den Heerzügen nach Litauen ausrichtete. In einem prächtigen Zelt wurde eine runde Tafel gedeckt, an die sich unter dem Klang von Trompeten und Zimbeln zehn als die tapfersten anerkannte Ritter setzten, und ihre Namen wurden dann von Dichtern in der ganzen Christenheit gepriesen. Diese gereimten Erzählungen entflammten den Mut ebenso wie einst die Predigt Peters des Einsiedlers oder des heiligen Bernhard. Dank dieser ganzen Komödie schien das Dasein des Ordens weiterhin notwendig. Doch als er mit der Bekehrung Litauens zum Christentum das Schauspiel einstellen musste, kam ganz Europa jener Gedanke in den Sinn, den Luther aussprach: „Wozu braucht man Kreuzritter, die nicht auf Kreuzzüge gehen?“
Kriege und Zwistigkeiten. Der Untergang des Ordens
Litauen nahm das Christentum im Jahr 1386 an. In diesem eigenartigen Land war damals ein erstaunlicher Mann Fürst, namens Jagiełło. Er war eine Art heidnischer Philosoph, ein strenger Freund der Gerechtigkeit, ein leidenschaftlicher Jäger, ein Verehrer der Wälder und des Nachtigallengesangs und zugleich ein tapferer und geschickter Krieger. Doch er suchte den Krieg nicht und lebte mit allen seinen Nachbarn in Frieden, mit Ausnahme des Ordens, der ihn unablässig zwang, zu den Waffen zu greifen. In diesem Heiden war kein Tropfen Fanatismus, er brachte es nicht über sich, die Hand gegen Missionare zu erheben, und er unterhielt diplomatische Beziehungen zur römischen Kurie. Ihn eben machte das Schicksal zu einem großen Herrscher, der Litauen rächte. Nach dem Tod König Ludwigs schickten die Polen, die Sigismund von Luxemburg nicht als König anerkennen wollten, eine Gesandtschaft zu ihrem Nachbarn Jagiełło und boten ihm die Krone an, wenn er sich bereit erkläre, das Christentum anzunehmen. Am 15. Februar 1386 ließ sich dieser Heide taufen. Drei Tage später heiratete er Hedwig, die Tochter des verstorbenen Königs, und einige Wochen danach wurde er gekrönt. In die Heimat zurückgekehrt, löschte er das heilige Feuer, das in Wilna brannte, erschlug die heiligen Schlangen und machte sich an die Bekehrung seines Volkes zum Christentum. Mit den Litauern ging es wie einst mit den Sachsen: Viele ließen sich allein wegen der Hemden taufen, die den Neubekehrten geschenkt wurden, und man musste darauf achten, dass allzu Eifrige sich nicht mehrmals taufen ließen, um ihre Garderobe aufzufüllen.
Für Litauen war jene Zeit gekommen, da die Götter von selbst verschwinden, und Jagiełło – oder Władysław Jagiełło, wie er sich nannte, als er Christ und König von Polen wurde – stieß in seinem Volk auf keinen ernsthaften Widerstand. Er ließ seine Untertanen scharenweise in Bäche steigen, wo man sie taufte und dabei allen Männern ein und denselben Namen und allen Frauen ein und denselben gab.
Auf diese Weise trat Litauen in die christliche Gemeinschaft ein. Einige Jahre später machte Jagiełło seinen Vetter Witold zum Großfürsten von Litauen, der ihm ein treuer Statthalter und Verbündeter war. Polen und Litauen bildeten gleichsam einen Staat, und ihre vereinten Kräfte richteten sich gegen die Deutschordensritter*.
Es besteht kein Zweifel, dass der große Krieg von 1410 ein Krieg des Hasses und der Rache gegen die Deutschen war. Witold wünscht ihren Untergang und erklärt das vor aller Welt. Dieser Fürst, dessen Macht über russische und tatarische Stämme sich weit in die Tiefe der russischen Ebenen erstreckt, ist eher ein Khan einer östlichen Horde als der Führer eines christlichen Volkes. Er möchte die Deutschordensritter ins Baltische Meer treiben und sie dort ertränken. Was den neuen polnischen König betrifft, so muss er den alten Streit um Pommerellen wieder aufnehmen. Zudem stacheln die im Deutschordensstaat zutage getretenen Wirren seinen Ehrgeiz an. Jagiełło gewährt weder Händlern noch Soldaten, die nach Preußen ziehen, den Durchzug durch seine Lande, und eine Menge ständig entstehender kleiner Zusammenstöße kündigt den entscheidenden Kampf an. Schließlich bestimmen König und Großfürst im Juli 1410 Preußen zum Ort ihres Treffens, wo sich auch ihre Heere vereinigen. Wir stehen am Vorabend einer wahren Völkerschlacht: Neben Litauern, Polen und Söldnern aus Böhmen und anderen Ländern begegnen wir im Heer Jagiełłos auch Tataren unter der Führung ihres Khans, als hätte sich der ganze europäische Osten, von der deutschen Eroberung berührt, nun gegen die Deutschen erhoben. Die heidnischen Tataren führen den Krieg erbarmungslos und erregen Entsetzen durch die Grausamkeit ihrer Plünderungen. Jagiełło hält die Disziplin aufrecht, so gut er kann; zwei Litauer, die Kirchen beraubt hatten, werden nach Landesbrauch dazu verurteilt, sich selbst zu erhängen. Mit dem Herannahen des Feindes werden die Vorsichtsmaßnahmen verdoppelt. Der Kriegsrat verbietet jedem, der Vorhut, die unter dem Befehl des Marschalls Zyndram marschierte, vorauszueilen und ins Horn zu blasen; im Heer darf nur der Klang des königlichen Horns ertönen: Beim ersten Signal stehen alle auf, beim zweiten sitzen sie auf, beim dritten rücken sie aus. Am Morgen des 15. Juli erfährt der polnische König auf dem Weg nach Tannenberg, dass das Deutschordensheer vor ihm steht. Er hört die Messe zu Ende, während Zyndram und Witold das Heer in Schlachtordnung aufstellen, wobei sie die Polen in 50 Banner und die Litauer, Russen und Tataren in 40 Abteilungen einteilen. Auf den litauischen Fahnen prangt das Bild eines Pferdes, das einst das heilige Tier der Litauer war, auf den tatarischen das Bild der Sonne, die sie noch heute verehren.
Nach dem Ende der Messe steigt Jagiełło auf einen Hügel, um das feindliche Heer zu überblicken. Hier schlägt er einige Polen zu Rittern, indem er sie mit einem vergoldeten Gürtel umgürtet, beichtet, ohne vom Pferd zu steigen, und setzt seinen Helm auf. Da erscheinen vor ihm zwei Herolde des Ordens mit blanken Schwertern und verlangen vom König, er solle das Feld für die Schlacht wählen. Der König antwortet, er nehme jenes an, das der Herr gewiesen habe, und lässt in die Hörner blasen.
Die Litauer, die auf dem rechten Flügel standen, stürzen sich mit Ingrimm auf das Deutschordensheer. Die Ordensritter halten dem Ansturm standhaft stand, und das Feuer ihrer Kanonen richtet in den Reihen der Feinde furchtbare Verwüstungen an, sodass diese nach einstündigem Kampf zurückweichen müssen. Die Litauer zerstreuen sich nach allen Seiten; viele fliehen bis nach Litauen, wo sie die Nachricht von Jagiełłos Niederlage verbreiten. Ein kleiner Teil des polnischen Heeres wurde ebenfalls in die Flucht mitgerissen. Das Banner des heiligen Georg wich zurück, und sogar das königliche Banner fiel zu Boden, wurde aber sogleich wieder erhoben. Die wankende Mitte hielt stand, und der linke Flügel war überhaupt nicht berührt worden. Indessen hatten sich die Ordensritter in der Verfolgung der Litauer zerstreut. Als sie die Feinde Christi fliehen sahen, stimmten sie freudig einen Siegeshymnus an. Doch indem sie ihre Hauptanstrengung gegen die litauischen Abteilungen richteten, brachten die Ordensritter ihre Schlachtordnung durcheinander und verdarben die ganze Sache. In dem Augenblick, als sie, die Verfolgung abbrechend, auf ihre Stellung zurückkehrten, griff Jagiełło von der Flanke an und warf sie über den Haufen. Bald musste der Hochmeister sechzehn Reservebanner einsetzen. Er selbst führte sie gegen die Mitte des polnischen Heeres, wo der König, wie im Kriegsrat beschlossen, in einer Wagenburg stand. Jagiełło wollte sich ins Getümmel stürzen, doch einer seiner Vertrauten ergriff sein Pferd am Zügel. Der König wies den Kühnen mit seiner Lanze zurück, erinnerte sich dann aber, dass er sich nicht von der Stelle rühren durfte, und blieb, wo er war. Er wollte wenigstens seine Garde von 60 „Spießen“ vorrücken lassen, doch seine Garde blieb bei ihm. Die Ordensritter konnten die Befestigung nicht durchbrechen; einer von ihnen hatte sich schon bis zum König durchgeschlagen, doch mit einem wohlgezielten Lanzenstoß streckte der königliche Notar und künftige Erzbischof Zbigniew diesen Kühnen tot zu Füßen des Königs nieder. Da erging der Befehl des Hochmeisters, nach rechts vorzurücken, wo sich das königliche Banner befand. Die kleine Heldenschar stürzte dorthin und wurde von allen Seiten eingeschlossen. Der Hochmeister bat nicht um Gnade und fiel mit fast allen seinen Offizieren.
Das Deutschordensheer war so zerrüttet, dass niemand diesen verzweifelten Angriff unterstützte. Die Flüchtenden füllten die Wagenburg, die oberhalb des Dorfes Tannenberg lag. Jagiełło verbot, die Verfolgung aufzunehmen, bevor dieses letzte Bollwerk genommen sei. Nach einer Viertelstunde fiel auch dieses. Da ritt der polnische König auf den Hügel, auf dem am Vortag der Hochmeister gestanden hatte, und vor ihm entfaltete sich das Bild der ungeordneten Flucht der Ordensritter, auf deren Waffen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spielten. Viele Ritter wurden gefangen genommen, viele ertranken in den Seen. Der Krakauer Domherr Długosz, der wahrhaftigste unter den Geschichtsschreibern dieses denkwürdigen Tages, sagt, wenn er selbst daran auch nicht recht glaubt, das preußische Heer habe damals 50 000 Mann an Toten und 40 000 an Gefangenen verloren. Diese Zahlen sind übertrieben, doch die Niederlage der Ordensritter war grausam. Am Abend nach der Schlacht warf sich der erschöpfte Jagiełło unter einen Baum, um zu warten, bis man ihm das Zelt bereitete, und gab Befehl, die Leichen der Komture in der kleinen Kirche von Tannenberg zu bestatten.
Am anderen Tag wehten während der Messe die erbeuteten Ordensbanner um den Feldaltar des polnischen Königs. Den ganzen Tag stellten sechs Schreiber das Verzeichnis der Gefangenen auf, während die siegreichen Soldaten ihre Beute zählten und inmitten eines Meeres von Wein dem Deutschen Orden den Leichenschmaus hielten.
Der Schlag war furchtbar; doch nicht an dieser Niederlage sollte der Orden sterben. Freilich glich der weitere Zug des Siegers zunächst einem Triumphzug. Jagiełło, der Gewalttaten vermied, bemühte sich, als Befreier zu erscheinen, und viele Untertanen der Ordensritter waren gern bereit, das zu glauben. Das Beispiel der Unterwerfung gaben die Bischöfe, die den Orden nicht liebten. Die Edelleute nahmen das Geschenk der ihnen versprochenen „polnischen Freiheiten“ an, und in Danzig wurde Jagiełłos Gesandter feierlich, unter dem Klang von Trompeten und Trommeln, empfangen. Doch es genügte, dass ein einziger tatkräftiger Mann entschlossenen Widerstand leistete, um den Ausgang des Feldzugs zu ändern. Heinrich von Plauen stand mit seinem Beobachtungskorps an der pommerschen Grenze, als ihn die Nachricht von dem hereingebrochenen Unheil erreichte. Ohne eine Minute zu verlieren, eilte er nach Marienburg und schloss sich in der Burg ein, nachdem er zuvor die Stadt niedergebrannt hatte. Jagiełło konnte gegen diese heldenhaft verteidigten Mauern nichts ausrichten. Nach zwei Monaten Blockade, Beschießung und vergeblicher Stürme hob er die Belagerung auf und kehrte in seine Lande zurück. Polen zeigte noch einmal seine Unfähigkeit zu langwährenden Anstrengungen. Aus Furcht vor einem Krieg mit Sigismund von Ungarn schloss es mit den Ordensrittern einen für sie so ehrenvollen Frieden, wie sie ihn gar nicht hatten erhoffen können**. Doch der Empfang, den die Untertanen der Besiegten den Eroberern bereitet hatten, offenbarte, dass die alte Korporation die Ursachen ihres Untergangs in sich selbst trug, der durch den äußeren Krieg nur beschleunigt wurde.
Heinrich von Plauen, Hochmeister geworden, wagte zur Rettung des Ordens einen sehr kühnen Schritt. Die Streitkräfte der Ritter hatten sich äußerst verringert; ihr bester Teil war bei Tannenberg geblieben, und bei seiner ersten Heerschau sah der neue Hochmeister vor sich ein Häuflein ermüdeter Greise und junge Leute, die, ohne bessere Tage gesehen zu haben, in die gelichteten Reihen einen Geist der Unruhe und Unordnung trugen. Und doch musste der in solchem Maß geschwächte Orden von seinen Untertanen große Opfer verlangen. Für den Loskauf der Gefangenen und die Besoldung der Söldnertruppen mussten dem durch den Einfall halb verwüsteten Land gewaltige Abgaben auferlegt werden. Die Rechnungen des Ordens zeigen, dass der Gewinn aus der Münzprägung nach der Schlacht bei Tannenberg ungeheuer anstieg: Folglich war die neue Münze von schlechter Güte. Und dies war eine schwere Zugabe zu allen übrigen Anklagen, die die preußischen Untertanen gegen die Ritter erhoben. Der Hochmeister gedachte, die Unzufriedenheit zu mildern, dem Widerstand zuvorzukommen und das Volk am Schicksal des Landesherrn zu beteiligen, indem er entgegen der Regel, die den Brüdern Beratungen mit Laien verbot, den Abgeordneten der Städte und des Adels vorschlug, eine Versammlung der preußischen Stände zu bilden. Doch bald sah er, dass das preußische Volk dem ihm angebotenen Bund nicht eher zustimmen würde, als bis alle seine Forderungen erfüllt wären. Als der Erlass über die Erhebung einer Kopfsteuer erging, weigerte sich Danzig zu zahlen und errichtete vor der Burg einen Turm, von dessen Höhe aus die Bürger beobachteten, was darin vorging. Dieser Turm hieß Kiek in de Kök, das heißt Blick in die Küche. Der Danziger Komtur, ein Bruder des Hochmeisters, musste mehrere Ratsmitglieder ergreifen und hinrichten lassen. Diese Grausamkeit haben die Bürger den Rittern nie verziehen. Zudem schien sich alles gegen Heinrich von Plauen verschworen zu haben: Die Pest wütet, die Ernte verdirbt, und das Volk, misstrauisch gegenüber Neuerungen, verdächtigt den Hochmeister, ein Hussit zu sein. Plauen mochte nämlich die Pfaffen nicht. Als die preußischen Bischöfe, die nach dem Rückzug des polnischen Königs geflohen waren, ihn baten, kraft der versprochenen Amnestie zurückkehren zu dürfen, lehnte er ab und sagte, er wolle keine Schlangen an seiner Brust wärmen.
Indessen verloren Jagiełło und Witold diese Unruhen nicht aus den Augen. Der Erste plündert die preußischen Grenzen und beraubt die auf den Straßen ergriffenen Kaufleute; der Zweite baut eine Burg auf Ordensgebiet, und als der Orden protestiert, antwortet er, er halte sich für berechtigt, frei über das Land zu verfügen, das von alters her seinem Volk gehört habe. Ein bedeutsames Wort, das man sich merken sollte. Es zeigt, dass die schreckliche Vergangenheit nicht vergessen ist und dass Witold ein Werk der Volksrache vollbringt.
Gereizt durch alle Schwierigkeiten der Lage und die Herausforderungen der Feinde, will Plauen den Krieg wieder beginnen, doch er hat nicht einmal Gewalt über die Ritter. Der Ordensmarschall Sternberg lässt das Heer dem Hochmeister nicht folgen. Plauen beruft ein Kapitel ein, um den Aufrührer abzusetzen; stattdessen aber setzt der Aufrührer den Hochmeister ab und erhält dessen Stelle. Der Held der Unglückstage war zum einfachen Komtur herabgesetzt und konnte sein Unglück nicht ertragen. Bald kam heraus, dass er mit dem polnischen König im Briefwechsel stand. Plauen wurde ins Gefängnis geworfen, wo er 16 Jahre verbrachte und darüber klagte, dass die Wächter ihn nicht einmal mit Brot und Gerste satt machten***.
Von welcher Disziplin kann die Rede sein, wo der Untergebene den Vorgesetzten verjagt und der Held mit Verrat endet? Die weitere Geschichte des Ordens bietet nur das Schauspiel eines langen Todeskampfes. Vergeblich sucht er Schutz beim Kaiser, beim Papst und bei den Konzilien, die in dieser Zeit an der Herstellung des Friedens in der Kirche arbeiteten. Das monarchische Europa des 15. Jahrhunderts verstand diese alte aristokratische Einrichtung nicht mehr. Der Papst verbot, Litauen anzugreifen, seit Litauen getauft war. Es ging darum, diese untätig gewordenen Kreuzfahrer nach Zypern oder an die Donau, gegen die Türken, zu verlegen. Indessen setzten die Slawen ruhig ihren Kampf gegen die Deutschen fort. Der polnische König verbündete sich mit den pommerschen Herzögen und sogar mit den böhmischen Hussiten, wobei er sich auf Blutsverwandtschaft berief. Die Polen predigten in Preußen die Ketzerei des Jan Hus; sie behaupteten, Preußen sei ein polnisches Land, und indem sie die Philologie zu Hilfe riefen, bewiesen sie das mit den Namen der Provinzen und Städte. Scharen von Hussiten, die mit Wut das Rittertum und alles Deutsche vertilgten, ergossen sich über das Ordensgebiet. Das Kloster Oliva, aus dem im 13. Jahrhundert der Mönch Christian zur Bekehrung Preußens ausgezogen war, wurde geplündert und niedergebrannt, gleichsam als Opfer für die Schatten der umgekommenen Prußen. Die Hussiten begrüßten die Ostsee mit böhmischen Liedern und füllten ihre Feldflaschen mit Wasser aus diesem Meer zum Zeichen, dass es wieder den Slawen gehöre. Der beste Beweis für die Unausweichlichkeit des Zerfalls des Ordens ist, dass nicht einmal solche Gefahren ihm die innere Eintracht zurückgeben konnten. Der Hochmeister stand auf Kriegsfuß mit dem Deutschmeister, der seinen Platz einnehmen wollte. Die niederdeutschen Ritter vertrugen sich nicht mit den schwäbischen und bayerischen. Je länger, desto mehr wandte sich das Volk von diesen Herrschern ab, die nicht einmal sich selbst zu regieren verstanden und ihren Untertanen keinerlei Schutz gewährten. Die Straßen waren unbewacht und wimmelten von Räubern. Hinzu kamen noch Übel, für die der Orden nicht mehr verantwortlich sein konnte. Die Hanse, in völliger Auflösung begriffen, ließ die Kalmarer Union zu und Skandinavien aus ihren Händen gleiten. Schließlich verließ 1425 der Hering die Küste von Schonen und zog an die Küsten Hollands, wo Amsterdam aufblühen sollte.
Die deutsche Kolonie beschloss, das Joch der Knechtschaft abzuwerfen. Hochmeister Paul von Rusdorf versuchte wie Plauen, sich auf den Adel und die Städte zu stützen. Die Städte erklärten sich bereit, ihn zu unterstützen, unter der Bedingung, dass er ihre Rechte und Freiheiten gegen die Ansprüche der Ordensgebietiger schütze. Rusdorf wagte nicht, eine solche Verpflichtung einzugehen. Da boten ihm die Städte ihre Hilfe an, um im Orden die Disziplin wiederherzustellen; doch er konnte keinen Entschluss fassen, aus Furcht, dem Deutschmeister den ersehnten Anlass zu geben, die Stelle des Hochmeisters einzunehmen. Der Deutsche Orden befand sich in völliger Auflösung. Da bildeten im Februar 1440 die Städte und ein Teil des preußischen Adels in Marienburg selbst einen Bund. Seine Mitglieder sprachen zunächst nur von der Wahrung der Rechte eines jeden, wählten dann aus ihrer Mitte einen Rat und legten eine eigene Kasse an. So erwuchs ein Staat im Staate. Die Verbündeten offenbarten ihre Absichten, indem sie nach der Wahl Konrads von Erlichshausen ihre Unterwerfung nicht mehr dem Orden, sondern persönlich dem Hochmeister bekundeten. Seinem Bruder und Nachfolger Ludwig von Erlichshausen wollten sie sie sogar ganz verweigern, sodass er die Erweiterung der Privilegien der Stände versprechen musste. In dieser äußersten Not nahmen Papsttum und Kaiserreich endlich Anteil am bitteren Los des Ordens. Doch diese alten, altersschwachen Herrscher fanden zur Verteidigung ihres untergehenden Altersgenossen nichts als Worte. Papst und Kaiser erklärten den Bund für wider göttliches und menschliches Recht. Als Antwort auf diese Berufung auf das Recht vergangener Zeiten verkündete der Bund laut sein Recht – das neue Recht der Völker, nach eigenem Ermessen über sich zu verfügen. Am 4. Februar 1454 unterzeichneten Adel und Städte die Urkunde ihrer Befreiung, und ein Diener des Thorner Rates brachte sie unverzüglich nach Marienburg.
Daraufhin beginnt der Krieg der Bürger gegen die Burgen. Die Thorner erstürmen und verbrennen ihre ehrwürdige Burg, eine der ersten in Preußen erbauten, die jahrhundertealte Beschützerin der Stadt.
Im Laufe weniger Wochen fallen 54 schlecht verteidigte Burgen in die Hände der Aufständischen, die sich zur Vollendung der Sache an den polnischen König wenden. Kasimir IV. feierte in Krakau seine Hochzeit, als Abgeordnete des Ordens und des Bundes bei ihm erschienen. In den vor dem König eröffneten Verhandlungen beriefen sich die Abgeordneten des Ordens, für die auch die päpstlichen Legaten eintraten, darauf, dass Orden und König einander im letzten Vertrag gegenseitig versprochen hätten, keine Aufstände ihrer Untertanen zu unterstützen. Doch die Mitglieder des Bundes boten an, die Oberhoheit des polnischen Königs anzuerkennen, und drohten für den Fall seiner Weigerung, sich dem böhmischen König zu ergeben. Kasimir nahm in Gegenwart des Erzbischofs von Gnesen den Eid der preußischen Abgeordneten entgegen, richtete Woiwodschaften in Thorn, Elbing, Danzig und Königsberg ein, befreite Städte und Adel von allen Lasten, verbot den Wiederaufbau der zerstörten Burgen und erklärte den Ordensrittern den Krieg. Am 23. Mai 1454 zog er feierlich in Thorn ein; dann begab er sich nach Elbing, um den Eid der Bischöfe, des Adels und der Städte entgegenzunehmen. Man hätte meinen können, der Orden habe sein Dasein beendet. Doch der Krieg dauerte noch 13 Jahre. Er zog sich ohne entscheidende Handlungen hin und war zugleich ein Bürgerkrieg, denn in jeder Stadt gab es feindliche Parteien. In Königsberg kämpften drei Stadtteile auf dem Fluss, der sie trennte; in Danzig vertilgten die Patrizier erbarmungslos die Handwerker. Der Bund warf den Polen Saumseligkeit vor und verlor die Geduld, als er sah, wie lange sich die Ordensritter und ihre Söldner hielten. Die Ritter hielten sich tatsächlich nur mit Hilfe dieser Soldaten, die aus allen Ländern der Welt geworben wurden. Als die Ritter schließlich kein Geld mehr hatten, sie zu bezahlen, mussten sie den Söldnern die Marienburg verpfänden. Als diese Banditen, meist Hussiten, dort eingezogen waren, tobten sie sich nach Herzenslust aus. Sie drangen in die Zellen ein, schnitten den alten Rittern, die sie dort fanden, die langen Bärte ab und trieben sie mit Peitschenhieben auf den Friedhof.
Der Hochmeister rettete sich in einem Boot und floh über die Nogat nach Königsberg, wo ihm der Rat für das der Stadt erwiesene Vertrauen ein Fass Bier zum Geschenk schickte. Die Söldner lieferten die Burg König Kasimir aus – er kam dorthin, um das Pfingstfest zu feiern.
Es war an der Zeit, vom Frieden zu sprechen. Das einst so reiche Land war so verwüstet, dass man nach den Worten eines Zeitgenossen von der Höhe der Stadtmauern nirgends ein Bäumchen sah, an das man eine Kuh hätte binden können. Selbst die „Verräter an Unserer Lieben Frau, der Jungfrau Maria“ jammerten dem polnischen König über das Elend vor, in das sie geraten waren. Als die Verhandlungen begannen, waren dem Orden Pommerellen und die westlichen Provinzen bereits entrissen. Die Verhandlungen zeigten noch einmal, dass der Deutschordensstaat an seinen inneren Zwistigkeiten zugrunde gegangen war und nicht an äußerer Gewalt. Auf der Tagung auf der Frische Nehrung wurde nicht zwischen dem Orden und dem König verhandelt, sondern zwischen den Feinden des Ordens und seinen Anhängern. Baysen, ein Anhänger des Königs, streitet mit Steinhaupt, dem Bürgermeister von Königsberg, das den Ordensrittern treu geblieben war. Es ist bemerkenswert zu sehen, mit welcher Anspannung diese feindlichen Brüder nach Mitteln der Verständigung suchen, um der deutschen Kolonie wenigstens eine gemeinsame Regierung zu sichern. Bleiben wir alle zusammen unter der Herrschaft eines Herrschers, sagte Baysen; der König wird Schutzherr und Lehnsherr des Ordens, dem ein Teil seiner Besitzungen erhalten bleibt. Steinhaupt antwortete, diejenigen, die für den Orden Blut vergossen hätten, würden nicht zulassen, dass man sie von ihm trenne. Er riet den Mitgliedern des Bundes, sich nicht allzu sehr auf den König zu verlassen, der alle seine Versprechungen sofort vergessen werde, sobald die Ritter ihre Besitzungen verloren hätten. Darauf rieten die Mitglieder des Bundes den Freunden des Ordens, den Schutz des Königs nicht zu verschmähen, da der Hochmeister seine Hilfe brauchen könnte, um die Ordensgebietiger selbst im Gehorsam zu halten. Gegenstand langer Erörterungen war folgender Vorschlag: Dem polnischen König wird eine Entschädigung für die Kriegskosten gezahlt; der Orden behält seine Unabhängigkeit und Oberhoheit, nimmt aber eine andere Verfassung an, nach der die Kolonisten die gleichen Rechte erhalten wie die Ritter, bis hin zur Teilnahme an der Wahl des Hochmeisters. Der Deutschordensstaat wäre dann deutsch geblieben, und das wäre nach so viel Unheil ein glücklicher Ausgang gewesen, „denn“, sagten die Anhänger der Ordensritter, „es ist nicht gut, von Leuten regiert zu werden, die nicht als Deutsche geboren sind“.
Diese Beschwörung im Namen des Vaterlandes beweist, dass die Kolonisten, die über ihr Schicksal berieten, die ganze Tragweite der ihnen bevorstehenden Entscheidung begriffen. Sie schwankten zwischen Patriotismus und Liebe zur Unabhängigkeit. Das letztere Gefühl gewann die Oberhand. Als 1466 in Thorn die für kurze Zeit unterbrochenen Beratungen wieder aufgenommen wurden, wurden im Namen des ewigen Friedens die Ergebnisse des Dreizehnjährigen Krieges geheiligt, das heißt die Niederlage des Ordens und die Teilung des Landes. Polen erhielt zu vollem Besitz das Land westlich von Weichsel und Nogat, wo Marienburg, Elbing und Danzig lagen, ferner das Kulmerland mit Thorn und Kulm sowie das Ermland, das sich wie ein Keil in die dem Orden als polnisches Lehen belassenen Provinzen schob. Der Vertrag bestimmte, dass der Hochmeister, der Orden und sein Gebiet für immer mit dem Königreich Polen vereinigt würden und mit ihm einen Leib, eine Familie und ein Volk bildeten, das in Freundschaft, Liebe und herzlicher Eintracht lebe; dass der Hochmeister auf dem polnischen Reichstag zur Rechten des Königs sitzen werde, als polnischer Fürst und Rat. Schwerlich findet man einen anderen Vertrag, der so voller Ironie klänge. Und mit Tränen in den Augen erschien der Hochmeister im Thorner Rathaus, um seinem König den Eid zu leisten.
* Jagiełło und Witold brachte vor allem ihr gemeinsamer Kampf gegen den Deutschen Orden einander näher. In anderer Hinsicht waren sie bekanntlich lange Zeit zuerst unversöhnliche Feinde und dann eifersüchtige Rivalen; Witold entriss Jagiełło gewaltsam die Würde des Großfürsten von Litauen, wobei er dafür nicht einmal vor einem Bündnis mit dem Orden zurückschreckte, und träumte gegen Ende seines Lebens von der Verwandlung Litauens in ein unabhängiges Königreich. (Anmerkung des Übersetzers).
** Im Ersten Thorner Frieden (1. Februar 1411) gab der polnische König dem Orden alle eroberten Burgen zurück. Der Orden seinerseits trat Witold Schamaiten ab, jedoch unter der Bedingung, dass es nach dem Tod Witolds und Jagiełłos wieder an den Orden zurückfalle, und verpflichtete sich, Polen 100 000 Mark für den Loskauf der Gefangenen und die Kriegskosten zu zahlen. (Anmerkung des Übersetzers).
*** Er wurde schließlich von Hochmeister Rusdorf aus der Haft befreit. Nach seinem Tod wurde er in der Marienburger Kapelle neben seinem glücklichen Rivalen Sternberg bestattet. (Anmerkung des Übersetzers).
Der zweite Triumph des deutschen Elements in Preußen
Wenn wir bedenken, dass Polen die Feindseligkeiten gegen den Orden 1454 eröffnete, in dem Augenblick, als die Türken soeben den Halbmond auf der Hagia Sophia aufgepflanzt hatten, und dass einer der christlichen Staaten einen so erbarmungslosen Krieg gegen die Deutschordenskreuzfahrer gerade zu der Zeit führte, als Papst Pius II. Italien vergeblich mit seinen Aufrufen an Herrscher und Völker erfüllte, sich gegen die Mohammedaner zu erheben, so wird klar, dass das Unglück des Ordens und die allgemeine Gleichgültigkeit ihm gegenüber eines der zahlreichen Anzeichen für das Ende des Mittelalters sind. Geboren zu einer Zeit, da die Christenheit stark war, sich unter der Herrschaft ihres geistlichen Oberhaupts vereinte und selbst gegen die Ungläubigen zum Angriff überging, fällt der Orden, als die Ungläubigen die uneinigen Christen überwinden, die nur noch an die Verteidigung ihrer angestammten Besitzungen denken müssen. Besonders wichtig aber ist der Fall des Ordens als Datum in der Geschichte des Kampfes der Deutschen mit den Slawen. Polen hatte endlich die Schlacht um Pommerellen gewonnen. Es unterbrach die Verbindung zwischen der deutschen Vorhut und dem Zentrum. Die Deutschen weichen gleichzeitig überall zurück: Am rechten Elbufer erkannte der schleswigsche Adel den König von Dänemark als Herzog von Schleswig-Holstein an; den Handel auf der Ostsee entreißen der Hanse die Skandinavier, neben denen dann das russische Volk auftritt.
Moskau bemächtigt sich Nowgorods, und gegenüber der deutschen Stadt Narva entsteht Iwangorod. Ungarn und Böhmen, die sich in den Netzen der deutschen Politik verstrickt hatten, befreien sich daraus und beginnen unter Podiebrad und Corvinus ihr nationales Leben.
Um die weitere Geschichte dieses Kampfes zweier Rassen zu verstehen, muss man mit besonderer Aufmerksamkeit betrachten, wie sich inmitten so verworrener Umstände der Kurfürst von Brandenburg, Friedrich von Hohenzollern, verhielt. Hier werden die zu Beginn unserer Skizzen von uns gesprochenen Worte ihre Rechtfertigung finden, dass die Kenntnis dieser alten Geschichte für jeden notwendig ist, der die Ursachen der wichtigsten gegenwärtigen Ereignisse verstehen will. Brandenburg hatte endlich wiedergefunden, was es mit dem Erlöschen des Hauses der Askanier verloren hatte, nämlich eine nationale Dynastie. Das askanische Erbe war stark geschrumpft, doch die Hohenzollern hegten den festen Entschluss, es zu sammeln und zu mehren. Erinnern wir uns, dass die Deutschordensritter in der Zeit ihrer Macht und Blüte die Neumark erworben und so diesen Gewinn deutscher Waffen für Deutschland bewahrt hatten. Das Ziel von Friedrichs Ehrgeiz war es, dieses Land zurückzugewinnen, das nun von Polen bedroht wurde. Er allein blieb dem Orden in der Stunde seines Unglücks ein Verbündeter. Hochmeister und Markgraf fühlten sich durch die Gemeinsamkeit ihrer Interessen verbunden; angesichts der gleichen Gefahr durch die Erfolge der Slawen waren sie beide wahre deutsche Patrioten. Am Rande des Untergangs beschwört der Hochmeister den Markgrafen, sich unvergänglichen Ruhm im ganzen Adel zu erwerben, indem er nicht zulasse, dass die Feinde die Ritter aus Preußen vertreiben. Und an eben dem Tag, an dem König Kasimir dem Orden den Krieg erklärte, machte sich ein Bote des Ordens mit einem Vertrag zu Friedrich auf, nach dem dieser die Neumark als Sicherheit für ein Darlehen von 40 000 Gulden erhielt. Und es war auch höchste Zeit. Die polnische Werbung hatte auch dort schon begonnen: Kasimir versprach Städten und Adel polnische Freiheiten. Und als der Gesandte des Ordens in der Kirche zu Friedberg erschien, wo die Stände zur Bestätigung des Vertrags versammelt waren, überlegten Adel und Bürger noch, bevor sie sich für ihren Anschluss an Brandenburg, also an Deutschland, aussprachen.
Friedrich war zu schwach und zu arm, um die Ordensritter zu retten. Er versuchte, seine Vermittlung anzubieten, und erreichte, dass der Kaiser ihn als seinen Bevollmächtigten nach Preußen schickte. Doch seine Bemühungen, die Stände mit dem Orden zu versöhnen, waren vergeblich, und er musste in sein Kurfürstentum zurückkehren, wobei die Söldner seine Wagen durchsuchten, um sich zu vergewissern, dass er den Marienburger Schatz nicht mit sich nahm. Da begann er, sich um Anleihen für den Orden zu bemühen. Der dänische König versprach auf sein Drängen, eine Flotte an die Weichselmündung zu schicken, um die preußischen Städte zu zwingen, sich vom polnischen Bund zu lösen. Der Kurfürst flehte den Kaiser an, 3000 Reiter zu schicken, denen er seine Truppen anschließen wollte, um in Polen eine Ablenkung durchzuführen. Der Kaiser erhörte ihn nicht, der dänische König hielt sein Versprechen nicht, und das Schicksal nahm seinen Lauf. Doch diese Fürsorge des deutschen Markgrafen für die deutschen Ritter gab Hoffnung für die Zukunft.
Tatsächlich war es Brandenburg beschieden, die Deutschordensritter zu rächen. Schon in den ersten Zeilen dieser Skizzen wurde auf eine merkwürdige Verkettung von Tatsachen hingewiesen. Dort war davon die Rede, wie einer der Hohenzollern, Albrecht von Brandenburg, 1511 zum Hochmeister gewählt, die Reformation annahm, die den Rittern nach dem Thorner Frieden verbliebenen Besitzungen säkularisierte und erblicher Herzog in Preußen wurde; wie nach dem Erlöschen dieser neuen herzoglichen Dynastie, etwa hundert Jahre nach ihrer Gründung, die brandenburgischen Hohenzollern ihre preußischen Verwandten beerbten; und wie schließlich die Geschichte des Ordenslandes mit der Geschichte des preußischen Staates verschmolz. Ein beträchtlicher Teil der Geschichte dieses neuen deutschen Staates besteht in der Forderung nach Rückgabe der von Polen in Besitz genommenen Lande. Doch damit dieser Forderung Achtung verschafft wurde, bedurfte es viel Zeit und Mühe. Lange war der Herzog in Preußen eine sehr unbedeutende Person im Kreis der regierenden Häupter. Gleich nach seiner Wahl zum Hochmeister versuchte Albrecht von Hohenzollern, die Lehnsabhängigkeit vom polnischen König abzuschütteln, da er meinte, es zieme sich nicht für einen Reichsfürsten, Vasall eines Fremden zu sein. Er rechnete dabei auf die Hilfe, die ihm der deutsche Kaiser Maximilian von Österreich versprochen hatte, und hoffte, in der alten deutschen Korporation den Stolz und den Patriotismus vergangener Zeiten zu wecken. Diese Rechnungen gingen jedoch nicht auf. Österreich war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, und Deutschland schickte dem Hochmeister in seinem Krieg mit Polen nur einige Abenteurerhaufen zu Hilfe, unter denen sich ein Sohn Franz von Sickingens, „des letzten Ritters“, befand. Nach seiner Niederlage zog Albrecht von Brandenburg aus, neue Hilfe zu suchen. Damals begegnete er Luther und hörte vom Reformator selbst die Predigt der neuen Lehre.
Indessen machte die Reformation in Preußen von selbst ebensolche Fortschritte wie in den deutschen Kernlanden. Zu Weihnachten 1523 verkündete im Königsberger Dom der Bischof den Gläubigen „die frohe Botschaft, dass der Herr zum zweiten Mal geboren ist!“
Ein Jahr später erschien in Preußen die erste Druckerei. Der Hauch der neuen Zeit brachte rasche Fortschritte. Die Ritter selbst erschienen zur protestantischen Predigt, und als über den Hochmeister das Licht kam – ebenso sehr durch Luthers Predigt wie durch den eigenen Ehrgeiz – und er sich entschloss, seine Besitzungen zu säkularisieren, stieß er von keiner Seite auf ernsthafte Hindernisse. Doch unabhängig wurde der Hochmeister dadurch nicht: Der Herzog musste die Bestätigung in seiner neuen Würde vom polnischen König erhalten, der mehr war als ein gewöhnlicher Lehnsherr, selbst nachdem die Kurfürsten von Brandenburg Herzöge in Preußen geworden waren. Dieser Lehnsherr verlangte, dass auf der Brust des schwarzen Adlers im herzoglichen Wappen – jenes Adlers, den einst Kaiser Friedrich dem Hochmeister Hermann von Salza verliehen hatte und der so große Erinnerungen weckte – der Anfangsbuchstabe des Namens des polnischen Königs prange. Er schaltete im Herzogtum, dessen Adel ihm ergeben war, so frei, dass er sogar Landtage einberief, ohne die Herzöge zu fragen. Diesem Adel zuliebe, der am strengen Luthertum festhielt, verhängte er in Preußen den Bann über den Calvinismus, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass die Kurfürsten-Herzöge selbst Calvinisten waren. Als 1640 Herzog Georg Wilhelm starb, musste sein Sohn den polnischen Hof um eine besondere Erlaubnis bitten, den Vater nach calvinistischem Ritus zu bestatten. Und dieser Sohn war Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, das heißt der Herrscher, der den modernen preußischen Staat begründete, indem er den Geist der landschaftlichen Absonderung in seinen zwischen Weichsel und Rhein verstreuten Besitzungen vernichtete. Nach ihm wurden Kleve, Brandenburg und Preußen Glieder eines Leibes, regiert von einem Haupt. Das von ihm besiegte Polen musste auf die Oberhoheit über Preußen verzichten. Und als der Sohn des Großen Kurfürsten König werden wollte, führte er als Hauptargument für seine Rechte darauf an, dass er außerhalb des Deutschen Reiches Besitzungen habe, in denen über ihm kein anderer Lehnsherr stehe als Gott.
So kehrte nach Ablauf von zwei Jahrhunderten ein Teil des Ordenslandes wieder in einen der deutschen Staaten zurück. Doch zwei große Stücke davon blieben in fremden Händen: die östlichen Provinzen, das heißt die alten Besitzungen der Schwertbrüder, die sich nach den Erschütterungen des 15. Jahrhunderts vom Orden getrennt hatten und nach und nach von dem unermesslichen Moskauer Staat verschlungen wurden, und die westlichen Provinzen, die im Thorner Frieden an Polen gefallen waren. Diese Letzteren wurden bald völlig polonisiert.
Danzig, das nahezu eine ganz freie Stadt blieb, erhält vom König als Gnade das Recht, die Königskrone in sein Wappen zu setzen. An anderen Orten verlor das Land seinen deutschen Charakter noch schneller. Menschen und Städte nehmen polnische Namen an: Kulm wird zu Chełmno und Marienburg zu Malbork.
Von ihren durch den Thorner Frieden verbürgten Privilegien machen diese Provinzen kaum Gebrauch, und gegen Ende des 16. Jahrhunderts gehen sie ganz im polnischen Königreich auf. Ihre Abgeordneten bilden keine gesonderte Versammlung mehr, sondern sitzen im polnischen Reichstag.
Doch all das hinderte Friedrich II. nicht, erneut die Hand auf das alte Ordensland zu legen. Freilich berief er sich, als er es 1772 für sich forderte, auf keinerlei vom Orden auf ihn übergegangene Rechte, und in der Rechtfertigungsschrift, die er nach der Besitznahme des polnischen Preußen veröffentlichte, wird der Orden mit keinem Wort erwähnt. Man gedachte seiner weder an dem Tag, an dem General Thadden vor den Toren Marienburgs erschien, noch an dem, an dem der König in dieser Stadt den Eid der Abgeordneten der Provinz entgegennahm. Friedrich liebte das Mittelalter nicht; seine Einrichtungen und seine Denkmäler waren ihm gleichermaßen zuwider, und die Marienburg verfiel unter seiner Regierung endgültig. Dieses Land war für ihn einfach Ackerland, dessen Besitz ihm die Weichselmündung und die freie Verbindung zwischen seinen deutschen und preußischen Provinzen sicherte. Doch wohl oder übel wurde der Philosoph von Sanssouci zum Fortsetzer dieser barbarischen Ritter. Nur dank dem Umstand, dass sie das rechte Weichselufer kolonisiert hatten, wurde Friedrich I. König und nahm Friedrich II. an der Teilung Polens teil. Recht haben die heutigen deutschen Historiker, wenn sie sagen, dass zwischen den Hochmeistern vergangener Zeiten und den preußischen Königen unserer Tage eine Kontinuität und innere Verwandtschaft besteht und dass die preußische Monarchie trotz ihres erstaunlich raschen Wachstums in den letzten Jahren nicht als Emporkömmlingsstaat gelten kann. Diesen beiden letzten Jahrhunderten ging eine lange geschichtliche Entwicklung voraus, und wie Treitschke sagt, auf dessen schöne Arbeit wir uns schon früher berufen haben, ist für das Verständnis der tiefen inneren Eigenschaften des preußischen Volkes und Staates eine gute Kenntnis der eben von uns erzählten Geschichte erbarmungsloser Kriege notwendig. Der Preuße hat, oft ohne es selbst zu ahnen, ihre Spuren in seinem ganzen Charakter, seinen Gewohnheiten und seinem Leben bewahrt.
Doch die Aufgabe, die einst von Deutschen kolonisierten Lande zurückzugewinnen, die sich der preußische Staat offenbar gestellt hat, ist noch nicht zu Ende geführt: Die Ostseeprovinzen bleiben noch in den Händen Russlands.
Es ist nicht ohne Interesse, bei dieser Gelegenheit zu bemerken, dass der oben von uns erwähnte Schriftsteller, der zugleich ein sehr angesehener Politiker war und zu den Koryphäen der nationalliberalen Partei in Literatur und Parlament gehörte, recht scharf ein Gefühl patriotischen Bedauerns äußert, wenn er auf die Ostseeprovinzen zu sprechen kommt. Er verflucht den schrecklichen Krieg Iwans des Schrecklichen mit den livländischen Rittern und deutet klar an, dass man Peter den Großen und Katharina, die die „deutsche Pflanzung“ dem russischen Zepter unterwarfen, als Usurpatoren betrachten müsse. Er bedauert, dass Livland und Estland nicht mehr nach alter Weise Herzogtümer heißen und dass die deutsche Bevölkerung dort abnimmt: Von einer Gesamtzahl von zwei Millionen einhunderttausend entfallen auf sie jetzt nur noch zweihunderttausend. Freilich sind in seinen Augen diese zweihunderttausend mehr wert als alles Übrige. „Aus diesen Provinzen“, sagt er, „zieht jährlich eine Menge Volk in die Tiefe Russlands und trägt die deutsche Kultur dorthin.“ Schließlich schimmern seine geheimsten Gedanken in der Freude durch, mit der er darauf hinweist, dass in den letzten Jahren die deutsche Pädagogik und die lutherische Kirche in Livland wieder Eroberungen zu machen begonnen haben. Meint er etwa, das Werk Albrechts von Brandenburg, des Großen Kurfürsten und Friedrichs des Großen sei nicht zu Ende geführt und müsse vollendet werden? Dass nach dem Erbgut der Deutschordensritter noch das Erbe der Schwertbrüder zurückzuerobern bleibe? Ja, gewiss stellen auch die baltischen Provinzen in seinen Augen „eine deutsche Kolonie dar, die von den Russen bedroht wird“. Doch das ist nur die Phantasie eines Gelehrten: Die Nachfolger der Markgrafen und Hochmeister haben längst aufgehört, mit der Brust gen Osten zu stehen, und bevor sie die Ostseeprovinzen zurückerobern, sollten sie dem preußischen Gebiet selbst, das die Wiege ihrer Monarchie war, mehr Aufmerksamkeit schenken. Treitschke klagt, dass dieses Land nie wieder einen solchen Wohlstand erreichen konnte, wie es ihn vor Tannenberg genoss, und Weber wiederholt am Schluss seines Buches „Preußen vor 500 Jahren“ dieselbe Klage mit noch größerer Leidenschaft. Er zeigt sogar Undank gegenüber Friedrich dem Großen selbst, indem er die Bemühungen dieses Herrschers um die Besiedlung Preußens vergisst. Doch mit Recht wirft er der Berliner Regierung vor, dass sie nach den Napoleonischen Kriegen dieses schwer geprüfte Land unter der Last der durch sie verursachten übermäßigen Steuern ersticken ließ. Die großen Städte, sagt er, haben ihre Schulden noch heute nicht ganz abgetragen; die Provinz stand lange am Rande des Bankrotts; der Boden hat seinen Wert verloren – bis 1807 war er in Preußen teurer als in Brandenburg und Pommern, jetzt wird er niedriger bewertet, obwohl er der Güte nach zweifellos besser ist. Die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes macht sich in der Auswanderung bemerkbar, die eine Menge Volk aus diesen Provinzen fortzieht und in scharfem Gegensatz zur Einwanderung vergangener Zeiten steht.
Zu bedauern, dass Preußen auf dem Weg der Rückgewinnung des Gebiets der alten deutschen Kolonien nicht weitergegangen ist, und zugleich zuzugeben, dass es sich um die angegliederten Teile dieses Gebiets überhaupt nicht kümmert – ist das nicht ein offenkundiger Widerspruch? Ist Treitschke denn nicht klar, warum die Ostseeprovinzen bei den Russen geblieben sind und warum das Ordensland so vernachlässigt ist? Beide Erscheinungen haben eine Ursache.
Es ist zutreffend bemerkt worden, dass seine Herrscher das alte Ordensland schlechter zu behandeln begannen, seit Preußen ein Königreich geworden war. Preußen nämlich verließ, als es eine europäische Großmacht wurde, das enge Feld seiner früheren Tätigkeit und stürzte sich stolz und ruhmvoll in die Arena der europäischen Politik.
Es handelte ebenso wie Österreich im 16. Jahrhundert. Auch Österreich begann als Mark; es verteidigte die deutsche Grenze gegen Slawen und Ungarn, wie die Markgrafen und Hochmeister sie gegen Slawen und Litauer verteidigten, und schob wie sie diese Grenze nach Osten vor. Nachdem die österreichischen Herrscher früher als die brandenburgischen Markgrafen große politische Bedeutung erlangt hatten, wurden sie deutsche Kaiser und traten zugleich aus ihren früheren Grenzen heraus, um von der Höhe ihres babylonischen Turms, erbaut von vielsprachigen Völkern, Deutschland und die ganze Welt zu regieren. Doch sie verbrauchten all ihre Kräfte und verloren die Herrschaft sowohl über Deutschland als auch über die Welt.
Für den Historiker ist es nun bemerkenswert zu beobachten, wie sie zu ihrer früheren Rolle als Verteidiger der deutschen Interessen im Donautal zurückkehren mussten. Die Allmacht Preußens hat sie dazu gebracht. Doch auch Preußen selbst hat seit dem Tag, an dem seine Könige auf der großen politischen Bühne erschienen, seinen Blick vom Osten abgewandt und auf Deutschland und das Rheintal gerichtet. Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts sind die Nachfolger der nördlichen Markgrafen zu westlichen Markgrafen geworden, und ihre Hauptfeinde sind nicht die Slawen, sondern wir, die Franzosen.
Niemand wird natürlich behaupten, dass Preußen das Schicksal Österreichs unausweichlich bevorstehe. Sein Gefüge ist einfacher und fester, als das seiner Rivalin es je war. Und fern ist ohne Zweifel die Zeit, da es bedauern wird, den früheren Boden verlassen zu haben, auf dem sich sein Wachstum langsam, aber sicher entwickelte. Doch wer so weit in die Vergangenheit zurückgeht, wie wir es eben getan haben, darf über die gegenwärtige Lage der Dinge hinweg in die ferne Zukunft blicken, und diese Kenntnis der Vergangenheit lässt vermuten, dass der Tag kommen wird, an dem es den Nachfolgern der Markgrafen und Hochmeister schwerfallen wird, Deutschland zu regieren und zugleich mit Erfolg sowohl die Mosel als auch die Memel zu hüten.
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Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

