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Die Seebäder Ostpreußens

Die Seebäder Ostpreußens

Ende der 1850er Jahre erschien in Danzig (Gdańsk) das Buch von Max Rosenheyn „Reiseskizzen aus Ost- und Westpreussen“ (1858). Mit freundlicher Genehmigung der Übersetzerin Tatjana Koliwai stellen wir Ihnen das Kapitel über die Seebäder Ostpreußens vor.

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.

Manche meinen, die Mode der Seebäder sei schon im Vergehen, doch diese Meinung steht im Widerspruch zur Wirklichkeit: Die Beliebtheit der Erholung am Meer wächst von Jahr zu Jahr. Das Meer bleibt für die Menschen nach wie vor ein starker Magnet; für sehr viele ist das Seewasser zu einem Allheilmittel geworden. Wenn Sie an dieser Behauptung noch zweifeln, werfen Sie einen Blick auf die Karte der Ostseeküste von Kiel bis Memel und zählen Sie, wie viele Seebäder in den letzten 20 Jahren entstanden sind und aufblühen.

Wo vor einigen Jahren zwischen dem Dünensand ärmliche Fischerhütten standen, ragen jetzt Villen empor, die kleinen Palästen gleichen.

So wie eine Reihe von Edelsteinen ein goldenes Armband schmückt, so schmückt ein breiter, ununterbrochener Gürtel von Seebädern die Ostsee.

Und die Küste des Samlands ist ein glänzender Beweis dafür. Vom Leuchtturm am Kap Brüsterort1, dem nördlichsten Punkt der preußischen Ostseeküste, bis Cranz (Cranz) am Anfang der Kurischen Nehrung, also auf einer Strecke von sechs Meilen, trifft man im Sommer in allen Küstendörfchen eine Menge Badegäste, zu Fuß wie zu Pferde – und Reiterinnen sind beinahe zahlreicher als Reiter.

Zu dieser Jahreszeit sieht man fast überall an der Küste Badekabinen aus Stroh oder Holz, bunte Segeltuchzelte, und all das erinnert uns oft an irgendwelche wilden afrikanischen Siedlungen.

Leuchtturm am Kap BrüsterortDer Leuchtturm am Kap Brüsterort (Taran).

Jeder wohlhabende Ostpreuße, jeder einigermaßen begüterte Königsberger hat sich längst ein Plätzchen am Meer ausgesucht, das er allen anderen vorzieht. Sobald der Juni zu Ende geht, setzt sich aus Königsberg und seiner Umgebung eine bunte Kette von Equipagen und Kaleschen, Fuhrwerken und Karren zur Küste in Bewegung; in endlosem Strom ziehen Menschen dahin und sprengen Reiter.

CranzCranz (Selenogradsk) im 19. Jahrhundert.

Bald jedoch teilt sich diese ganze Menschenmasse in zwei gleich große Ströme. Die eine Hälfte zieht nach Neukuhren oder weiter die Küste entlang nach Westen, die andere strebt nach Cranz. Folgen auch wir diesem Strom. Auf einer ausgezeichneten Straße führt er uns in das hiesige Eldorado – das gesegnete Cranz. Noch vor dreißig Jahren war es das vom Sand der Kurischen Nehrung verschüttete arme Fischerdorf Cranzkuhren.

Nur sehr wenige Misanthropen, die die Gesellschaft der Menschen mieden, kamen im Sommer aus der Hauptstadt hierher, um in der Einsamkeit die Erholung zu genießen, dem Rauschen der Wellen zu lauschen und sich regelmäßig mit Seebädern zu erfrischen. Doch allmählich erkannte man, dass die Brandungswellen gerade hier am stärksten an die Küste schlagen, was zweifellos der Gesundheit sehr zuträglich ist. Der Ort wurde sehr beliebt, die Erholungsuchenden richteten sich bequemer ein und bauten hier sogar das erste, recht primitive Gästehaus, das glücklicherweise zur rechten Zeit abbrannte, um einem geräumigen, komfortablen Hotel Platz zu machen.

Bald entstanden um es herum viele Villen, Pensionen und Gästehäuser für jeden Geschmack und Geldbeutel, und gegenwärtig wohnen in Cranz im Sommer gewöhnlich mehr als zweitausend Kurgäste.

Die im Grün der Bäume des Corso hervorlugenden Ziegeldächer der Häuschen, der große Kurpark „Plantage“, das Hotelgebäude, das eher einem Palast gleicht, die netten Häuschen im Schweizer Stil, das Gässchen Kirchengasse, das zur hiesigen Kirche führt, und die entzückenden Ausblicke auf die grenzenlose Weite des Meeres verschmelzen zu einem einheitlichen, für das Auge des Kurgastes sehr reizvollen Ganzen. Wer sparsam leben will, kommt zur Erholung in die strohgedeckten Bauernhäuser, während die Wirte, auf ihren Vorteil bedacht, für diese Zeit in den Stall ziehen und ihn fast den ganzen Sommer mit dem Vieh teilen ...

Von je zwölf Menschen ist hier nur einer wirklich krank, vier sind polnische Juden und die übrigen sieben müßige Erholungsuchende, die alle Vergnügungen suchen, die ihnen ein Seebad im Sommer bieten kann. Unvergessliche, glanzvolle Abende, Samstagsbälle und Konzerte, gemütliche Kinderfeste, gemeinsame Ausflüge in den nahen Wald von Sarkau und in die benachbarten Strandorte – selten verlässt ein Kurgast diesen Ort unzufrieden!

Neukuhren im 19. Jh.Neukuhren (Pionerski) Mitte des 19. Jahrhunderts.

Neben Cranz ist Neukuhren das beliebteste Seebad des Samlands. Der Weg dorthin ist sehr romantisch; er führt durch das im Walddickicht gelegene Dorf Eulenkrug und am berühmten „Kirchdorf“ Pobethen (Pobethen) vorbei, das für seine malerische Umgebung und die vielen alten Sagen, die sich um es ranken, weithin bekannt ist.

NeukuhrenNeukuhren (Pionerski) auf einer seiner ersten Fotografien.

Hier pulsiert ein reges, fast städtisches Leben. Wir lassen Pobethen hinter uns, und bald eröffnen sich uns entzückende Ausblicke auf Neukuhren, das meistbesuchte Seebad an der Küste des Samlands.

Es liegt recht hoch über dem Meeresspiegel und vereint alles, was ein Seebad so angenehm macht. Der Badebereich liegt ganz in der Nähe. Er ist bequem und sicher. Die Umgebung von Neukuhren ist angenehm und reich an Sehenswürdigkeiten. Mit nur geringer Mühe können wir sie in wenigen Tagen alle erwandern.

Eben deshalb wird dieser Badeort von Jahr zu Jahr beliebter. Noch vor drei Jahren zeichneten sich die hiesigen Häuser durch nichts Besonderes aus; jetzt aber verleihen vier prächtige, vor Kurzem mit viel Geschmack erbaute Häuser dem einstigen Fischerdorf Eleganz und Stil. Der Bau eines fünften steht vor dem Abschluss.

Man muss zugeben, dass das Leben in Neukuhren angenehmer ist als in Cranz, die Atmosphäre ist ungezwungener, und der Ort ist bei den Erholungsuchenden sehr beliebt.

Einer der Lieblingsausflüge der Kurgäste ist der Spaziergang zum „Lügenstein“, einem riesigen Findling inmitten einer Waldschlucht, der, wie man vermuten kann, durch einen Blitzschlag in zwei Teile gespalten wurde. Und wer kennt nicht die Sage, die sich um ihn rankt!

„Bei Neukuhren, im Wäldchen dort,
Nicht allzu fern von diesem Ort,

Doch abseits von den Häusern,
Liegt ein in zwei gespaltner Stein,
Von dem soll euch erzählet sein
In einer eignen Weise ...

... Kommt dann die Zeit der Liebe dir,
So führe deine Liebste hier

Zwischen den Steinen durchs Tal.
Die Sage spricht: Nur jene kann,
Die nie belog den lieben Mann,
Hindurchgehn ohne Qual.

Sonst rücken die Steine von der Stell’
Und pressen sie zu Tode schnell …“

„Der Lügenstein bei Neukuhren“. Vollständiger Text
Übersetzung von mir. T. K.

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Unweit von Neukuhren liegt Rantau (Rantau). Auch dies ist ein Seebad, obwohl es eine Viertelmeile von der Küste entfernt liegt. Doch der Weg vom Dorf zum Strand ist leicht und angenehm, und das Ufer ist ideal zum Baden.

Rantau ist besonders bei denen beliebt, die für die Erholung nicht viel ausgeben wollen, denn das Leben ist hier sehr billig. Aber ... die Umgebung des Badeorts ist öde und menschenleer. Gleich hinter Rantau beginnt eine Heide, ganz mit Moosen und Heidekraut bewachsen. Sie umgibt den Reisenden von allen Seiten: So weit das Auge reicht, erstreckt sich endlos die grenzenlose, trostlose Ebene. Doch auch in ihr pulsiert eigenes Leben: Rebhühner strecken scheu die Köpfe aus dem Gras und laufen in Völkern durch das dichte Gestrüpp, und hoch am Himmel kreisen mit weit ausgebreiteten Flügeln Habichte, die nach Beute spähen. Die Rufe der Wildgänse, die wie eine rosa Wolke in den Strahlen der Abendsonne dahinfliegen, hallen in den nahen Tälern und Schluchten wider, und irgendwo aus der Ferne ertönt das Pfeifen der Sumpfvögel, die zur Nachtruhe an einen der nahen Seen des Samlands eilen.

Rauschen im 19. Jh.Rauschen (Swetlogorsk) Mitte des 19. Jahrhunderts.

Über Wangenkrug (Wangenkrug) und Loppöhnen (Loppöhnen) erreicht man von Neukuhren in ein paar Stunden das große Fischerdorf Rauschen (Rauschen), das durch hohe Dünen vom Meer getrennt und dennoch herrlich gelegen ist. Es liegt am Ufer eines sehr malerischen Sees; hier und da sieht man an den Hängen der bewaldeten Hügel ringsum eine Menge ländlicher Häuschen.

Rauschen Anfang des 20. Jh.Rauschen (Swetlogorsk) zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Allerdings ist der Weg zum See selbst recht beschwerlich, denn obwohl er mit Bohlenstegen ausgelegt ist, führt er über eine hohe Sanddüne. Wahrlich, es gibt nichts Trostloseres als diesen eintönigen Pfad.

Doch bei aller Anerkennung der Vorzüge von Neukuhren und Cranz muss man gestehen, dass der reizvollste Ort nicht nur der Küste, sondern des ganzen Samlands zweifellos das Seebad Warnicken ist. Die Natur hat sich hier alle Mühe gegeben, um selbst den anspruchsvollsten Geschmack zufriedenzustellen. Es ist kein Geheimnis, dass ihre Gaben in unseren nördlichen Breiten karg und selten sind, doch in Warnicken verschwendet die Natur ihre Reichtümer so freigebig, dass man meint, in den gesegneten Süden geraten zu sein.

Bei Warnicken beginnt die schmale, tiefe, dicht bewaldete Wolfsschlucht (Wolfsschlucht). Sie ist die längste und malerischste Schlucht der samländischen Nordküste. Vom Aussichtspunkt „Jägerspitze“ (Jagerspitze) an der Ostseite der Schlucht eröffnen sich wahrhaft atemberaubende Ausblicke.

Wenn man hier oben steht, kann man beobachten, wie weit unten die Meereswellen gegen die spitzen Klippen schlagen. Hoch empor fliegt die schäumende Gischt, und die an den mächtigen Felsen zerschellten Wellen weichen eilig zurück, um einen neuen Angriff zu unternehmen, wütend und … wieder vergeblich.

Aus der Tiefe der Schlucht steigen – wohin man auch blickt – stufenweise die dichten Baumkronen zum Himmel empor, und irgendwo unten, unter dieser ganzen wogenden grünen Wand, hört man das freundliche Plätschern des Bergbachs, der über den Grund der Schlucht eilt. Er murmelt, rollt achtlos die Kieselsteinchen vor sich her und ahnt nicht, dass sein fröhliches junges Leben sehr bald zu Ende sein wird und das unermessliche Meer ihn mit weit geöffneten Armen in sich aufnehmen wird.

... Hier oben kann man stundenlang sitzen, dem Rauschen der an die Felsen schlagenden Wellen und dem Rascheln des Laubs der mächtigen Eichen in der Schlucht lauschen, ohne dieser geheimnisvollen ewigen Musik der Natur müde zu werden. Und selbst wenn das Meer, des Kampfes mit den Felsen müde, still wird und unten plätschert, sanft wie ein Lamm, in der Sonne wie geschmolzener Kristall funkelnd, erfüllt der Aufenthalt hier die Seelen der Sterblichen mit Harmonie und Frieden. Wahrlich, nichts auf der Welt heilt unsere Seele so wie das Meer ...

 

LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.


ANMERKUNG DER ÜBERSETZERIN

1. Heute Kap Taran. Der Leuchtturm Brüsterort (Brüsterort) wurde 1846 nach einem Entwurf von Alexander Veitmeyer (Ludwig Alexander Veitmeyer, 1820–99) erbaut.


Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.