LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
[ 1814 ]
Handel. – Fabriken. – Künste.
Der Handel, die Quelle des Wohlstands Königsbergs und die Haupttätigkeit seiner Einwohner, muss hier die Aufmerksamkeit des Reisenden auf sich ziehen. Deshalb habe ich es nicht versäumt, so viele Auskünfte wie möglich darüber einzuholen, und teile Ihnen sowohl meine eigenen Beobachtungen mit als auch das, was ich von hiesigen Kaufleuten erfahren habe.
Die glückliche Lage Königsbergs an der Mündung eines schiffbaren Flusses mit Zugang zum Meer hat es dieser Stadt ermöglicht, zum Kornspeicher Preußens zu werden – eines Küstenlandes, das mit seinen reichen natürlichen Ressourcen die Kornkammer Nordeuropas ist. Außer in Königsberg wird Getreide auch in Elbing und Danzig auf Schiffe verladen [heute die polnischen Städte Elbląg und Gdańsk – Red.].
Übrigens hat die Regierung in früheren Zeiten nicht immer die nötigen Maßnahmen zur Förderung des Handels ergriffen. Im Gegenteil, manche Vorschriften, die das Finanzministerium einführte, brachten eine Menge Unannehmlichkeiten mit sich. An den folgenden Tatsachen kann man sehen, dass die preußische Regierung, in allem Übrigen so weise und erfahren, im Laufe des 18. Jahrhunderts die Grundsätze des Handels nicht verstand.
Als es noch das große Königreich Polen gab, brachten die Bewohner der Woiwodschaften Samogitien und Podlachien sowie Litauens ihre Waren (vor allem Getreide, Flachs, Hanf, Lein- und Hanfsamen, Pottasche) auf großen Fahrzeugen nach Königsberg, verkauften sie dort an die Kaufleute und nahmen auf dem Rückweg in der Regel Salz mit, das zu allen Zeiten eine unentbehrliche Ware war.
Der Handel wurde folgendermaßen betrieben:
Der polnische Gutsbesitzer schickte seine Erzeugnisse zu verschiedenen Zeiten und so, wie es ihm nach seinen wirtschaftlichen Umständen am besten passte, an den Königsberger Kaufmann, mit dem er Handel trieb, und erhielt von ihm als Rückfracht Salz, Hering, Eisen und Luxuswaren, wobei das Salz stets an erster Stelle stand. Geld für seine Erzeugnisse bekam der Pole allerdings nicht sofort, und er schickte auch selbst keines; vielmehr führte der Königsberger Kaufmann in seinem Hauptbuch Rechnung über die empfangenen und versandten Waren und rechnete am Jahresende mit dem polnischen Gutsbesitzer ab.
Auch dem Portugiesen und dem Spanier, bei denen der Königsberger das Salz bezog, dem Holländer und dem Norweger, bei denen er den Hering kaufte, dem Schweden, dessen wichtigste Ausfuhrware Eisen war, zahlte er kein Bargeld, sondern schickte ihnen stattdessen polnische Waren.
Wenn am Jahresende mit dem Polen abgerechnet werden musste, hatte der Königsberger die Verkäufer aus Spanien, Holland, Norwegen und Schweden längst mit polnischen Waren bezahlt und dabei noch Gewinn gemacht, ohne je Bargeld in die Hand zu nehmen.
Wie vorteilhaft diese Art des Handels für den preußischen Kaufmann war, liegt auf der Hand. Alle polnischen Erzeugnisse, die nach Königsberg kamen, waren für den hiesigen Kaufmann ein Kapital, mit dem er Jahr für Jahr ohne Abgaben handelte und das er nutzte, um erstens den Ausländern Kredit zu geben und zweitens von ihnen Waren auf Treu und Glauben zu erhalten, denn den Holländern, Spaniern usw. war diese Zahlungsweise sehr bequem. Dadurch zog der Königsberger Kaufmann sie zu seinen bedeutenden Handelsgeschäften heran.
Friedrich der Große verfiel auf den unglücklichen Gedanken, ein Salzmonopol einzuführen, und vernichtete damit den Königsberger Handel auf viele Jahre nahezu völlig. Der König setzte in spanischen und portugiesischen Häfen seine Agenten ein, die dort das Salz gegen bar kaufen mussten. Natürlich zahlten sie dafür viel mehr, da sie im Unterschied zu den Königsberger Kaufleuten keine Handelsbeziehungen zu den Verkäufern hatten und über keinerlei Waren als Zahlungsmittel verfügten. Dieses gekaufte Salz verursachte außerdem erhebliche Frachtkosten, während die früheren Salzverkäufer, um ihren Königsberger Handelspartnern gefällig zu sein, sich bemüht hatten, das Salz einfach als Ballast an Bord nehmen zu lassen.
In Königsberg wurde es nun in Speicher ausgeladen, was Arbeit kostete und Unannehmlichkeiten bereitete, da man es sonst direkt von den Schiffen auf die polnischen Fuhrwerke hätte laden oder auf dem Ladeplatz liegen lassen müssen, bis die Polen es abholten. In Polen wie in Königsberg wurden Salzmagazine eingerichtet, ein Heer von Beamten angestellt … und das ganze Geschäft so verteuert, dass das Salz um 50 % teurer wurde.
Nun konnte der Pole, wenn er um Salz kam, es nur noch gegen Bargeld kaufen. Hatte er nicht genug Geld bei sich, war er gezwungen, seine Waren eilig zu verkaufen, und verlor so das Kapital, das er früher sinnvoll im Handel eingesetzt hatte.
Die Polen, denen der hohe Preis des königlichen Salzes und die Notwendigkeit, ihre Geschäfte mit Geld zu bezahlen, nicht passten, begannen nach anderen Handelswegen zu suchen. Sie wandten sich den kurländischen und russischen Häfen zu, vor allem Riga, dessen Handel einzig und allein dank dieser missglückten preußischen Reform aufblühte.
Das Salzmonopol ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie Friedrich II. [auch Friedrich der Große, auch der Alte Fritz – Red.], der in allen übrigen Staatsangelegenheiten Weisheit bewies, im Bereich des Handels Fehler beging.
Die Einführung eines staatlichen Salzmonopols war ein Fehler. Doch unter ihm wurden auch Getreidemagazine in mehreren günstig gelegenen Städten im ganzen Land errichtet, wo die Bauern Roggen – das Hauptnahrungsmittel des einfachen Volkes – zum Preis von 1 Taler je Scheffel1 abliefern konnten, wobei das Geld sofort ausgezahlt wurde; das sicherte einen stabilen Absatzmarkt, und das Getreide verlor bei einem übersättigten Markt nicht an Wert.
Stieg der Roggenpreis jedoch über 1 1/3 Taler je Scheffel, wurden die königlichen Getreidemagazine geöffnet, und jeder, der Getreide für den eigenen Bedarf brauchte, konnte es zum festen Preis von 1 1/3 Talern kaufen.
Mit diesem Bündel von Maßnahmen bewahrte der Alte Fritz Tausende seiner Untertanen vor dem Hungertod. So geschah es zum Beispiel in Sachsen, wo akuter Getreidemangel herrschte und die Krise mehrere Tausend Untertanen traf.
Unter Friedrich Wilhelm II. wurden diese Magazine unter dem Vorwand, den Getreideanbau fördern zu müssen, aufgehoben, was sofort zu einem steilen Anstieg der Getreidepreise führte. Eine erneute Missernte weckte Befürchtungen einer Hungersnot, und das zwang die Regierung, die Getreideausfuhr zu verbieten.
Dieses Verbot nahm den Kaufleuten die Möglichkeit gewinnbringender Spekulationen, sodass sie sich vor Einkäufen zu scheuen begannen. Ausländische Aufträge konnten daher nicht mehr rechtzeitig ausgeführt werden, was dazu führte, dass sich der Handel in andere Städte verlagerte.
Um die Entwicklung der einheimischen Fabriken zu fördern, verbot die Regierung die Einfuhr einer Reihe von Waren, die Königsberg früher nach Polen und Russland ausgeführt hatte, oder belegte sie mit hohen Zöllen.
Die einheimischen Waren, die die verbotenen eingeführten ersetzen sollten, konnten jedoch die vorhandene Nachfrage nicht befriedigen, weshalb die ausländischen Käufer die benötigten Waren entweder direkt oder über andere Handelsplätze zu beziehen begannen.
Dies führte dazu, dass Königsberg das einträgliche Vermittlungsgeschäft verlor.
Einen weiteren schweren Fehler beging die Regierung im vergangenen Jahr 1813. Nach der Aufhebung der Kontinentalsperre2 wurden in Preußen alle englischen Kolonial- und Industriewaren mit einem hohen Kriegszoll belegt. Infolgedessen verließen über 60 englische Schiffe den Hafen von Pillau und fuhren nach Riga, um diesen Verlusten zu entgehen.
Die aus dieser Lage gezogenen Lehren zwangen das Finanzministerium jedoch, von solchen Maßnahmen abzusehen, die den Handel Königsbergs zu zerstören drohten.
Darüber hinaus nannte man mir noch viele Beispiele unzweckmäßiger Verfügungen, die in früheren Zeiten aus Berlin kamen, oft ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse des Handels, doch fürchte ich, Ihre Geduld zu ermüden, wenn ich sie alle aufzähle. Erlauben Sie mir, nur noch einen Fall zu erwähnen, der die Inkompetenz des früheren Finanzministers anschaulich zeigt (jetzt werden in Handelsangelegenheiten zum Glück vernünftigere Entscheidungen getroffen).
In Berlin wurde eine Gesellschaft zur Versicherung von Schiffen und Ladungen gegründet, und den Königsberger Kaufleuten wurde vorgeschrieben, ihre Waren und Schiffe gerade bei ihr zu versichern. Das Vorhaben erwies sich jedoch als nicht lebensfähig, und nach den ersten misslungenen Versuchen musste man es aufgeben.
Trotzdem ist der hiesige Handel von großer Bedeutung und wird noch erfolgreicher werden, wenn die Regierung die Hindernisse für sein Gedeihen beseitigt und in Handelsfragen umsichtiger vorgeht.
Die jüngsten Verordnungen des Finanzministeriums geben Anlass zu der Annahme, dass die Sicht auf diese Fragen vernünftiger wird, und die Kaufleute hoffen auf eine günstige Zukunft.
Die wichtigsten Handelswaren Königsbergs sind: Getreide aller Art, Lein- und Hanfsamen, Flachs, Leinwand, Garn, Leder, Schiffsbauholz, Federn, Borsten, Pottasche, Waidasche und Branntwein.
Über einige dieser Waren will ich etwas ausführlicher berichten, um eine allgemeine Vorstellung vom Umfang des hiesigen Handels zu geben.
Ich beginne mit dem Getreide.
Weizen ist unter den Getreidearten der wichtigste Ausfuhrartikel und geht vorwiegend nach Holland und England. Der rote Weizen aus Königsberg ist an der Londoner Börse sehr gefragt, da er als eines der besten Getreide Europas gilt. Er ergibt nicht nur ein vorzügliches weißes Mehl, sondern liefert, da der rote Königsberger Weizen eine dünne Schale hat, auch mehr Mehl als andere Sorten.
Nur ein kleiner Teil des Weizens kommt aus den russisch-litauischen Gouvernements; der größte Teil wird im Lande selbst angebaut. Zudem ist er nicht so stark ausgetrocknet wie der Rigaer Weizen, der auf dem Londoner Markt nicht gefragt ist, weil trockener Weizen schlechtes Mehl ergibt. Früher wurde viel Weizen nach Frankreich ausgeführt, doch diese Ausfuhr hat jetzt ganz aufgehört. Künftig hofft man, Weizen nach Spanien zu liefern, wie es vor der Errichtung der Handelsschranke geschah.
Die Entwicklung verbesserter Methoden der Feldbestellung in England und Frankreich hat der Ausfuhr preußischen Getreides einen schweren Schlag versetzt, und dieser Markt wird sich wahrscheinlich nicht mehr erholen. Außerdem macht nordamerikanischer Weizen in den englischen Häfen der preußischen Ausfuhr jetzt ernsthafte Konkurrenz. Ein sehr kleiner Teil des Weizens geht nach Schweden und Norwegen.
Roggen dagegen wird vor allem auf Schiffe verladen, die eben dorthin fahren – nach Norwegen und Schweden. Beide Länder können auf preußischen Roggen nicht verzichten, da der Verlust Finnlands Schweden seiner früheren Getreidequellen beraubt hat. Außerdem kauft auch Amsterdam viel Roggen in Königsberg.
Gerste ist vor allem in Spanien und Portugal gefragt, wo man sie als Futtergetreide für Maultiere verwendet. Insgesamt ist die Gerstenausfuhr selbst in den besten Jahren nicht so bedeutend wie die Roggenausfuhr. Fast die gesamte Gerste wird im Lande selbst angebaut, während der größte Teil des Roggens aus dem russischen Litauen geliefert wird.
Hafer wird gewöhnlich nicht ausgeführt; man verschickt ihn nur in Ausnahmefällen, etwa bei akutem Mangel in anderen Ländern.
Erbsen werden nach Schweden, Norwegen, England und Holland ausgeführt. In Schweden und Norwegen kauft man sie als Proviant für die Seeleute. Die grauen Erbsen, die fast ausschließlich in Preußen angebaut werden, sind starken Preisschwankungen unterworfen: Oft lassen sie sich überhaupt nicht verkaufen, mitunter aber ist die Nachfrage sehr groß, und der Preis kann auf das Doppelte des Weizenpreises steigen.
Da diese Getreideart nur innerhalb eines Jahres verbraucht werden kann, ist sie eine sehr launische Ware.
Die Besonderheit und der praktische Nutzen des Königsberger Getreidehandels für Ausländer besteht darin, dass hier stets große Getreidevorräte vorhanden sind, während anderswo die Getreidehändler die Ware erst nach Eingang eines Auftrags einkaufen.
Vor dem Brand von 1811, der fast die Hälfte der Getreidespeicher vernichtete, lagerte in der Stadt Getreide im Wert von 2 116 000 Talern, das heißt kolossale zwei Millionen einhundertsechzehntausend Berliner Scheffel Getreide (etwa 275 000 Tonnen) – die größten Lagerbestände unter allen Handelsstädten, Danzig, Hamburg und Amsterdam nicht ausgenommen, obwohl der Getreidehandel in Danzig noch umfangreicher ist als in Königsberg. Deshalb kann sich in Königsberg Getreide in den Speichern ansammeln, und jeder Auftrag kann sofort verladen werden.
Lein- und Hanfsamen werden ausschließlich nach Holland ausgeführt, wo man sie in den Ölmühlen verwendet. Bemerkenswert ist, dass Preußen seine eigenen Fabriken eifrig fördert, die Ölmüllerei aber überhaupt nicht entwickelt.
Holland kauft die Saat für seine Ölmühlen in Preußen und verkauft dann das fertige Öl wieder nach Preußen zurück.
Es wäre weit vorteilhafter, eine eigene Ölmüllerei in Königsberg einzurichten, denn so blieben die Gelder für die Löhne der Arbeiter und für den Transport im Lande, und man müsste beim Wiederausführen keinen Zoll zahlen – ganz zu schweigen von dem Nutzen, den die Viehzucht aus den anfallenden Ölkuchen ziehen würde.
Branntwein wird zum Teil nach Schweden ausgeführt, doch ist dieser Ausfuhrartikel nicht sehr wichtig, da die schwedische Regierung seine Einfuhr häufig verbietet.
Flachs und Hanf werden nach England, vor allem aber nach Holland ausgeführt.
Der Flachs wird überwiegend in Preußen angebaut, der Hanf dagegen aus Litauen und Polen eingeführt. Beide Waren sind sehr gefragt, da man sie den russischen vorzieht. Königsberg führt mehr als doppelt so viel Flachs und Hanf aus wie alle übrigen preußischen Häfen zusammen.
Preußisches Schiffsbauholz (ebenso wie das Fassholz) wird sehr geschätzt, da es fest, biegsam und dauerhaft ist. Die Hauptabnehmer des Schiffsbauholzes sind Holland und England. Das Fassholz wird vor allem in die Häfen der Weinbauländer verschifft: nach Bordeaux, Porto und Cádiz. Die Ausfuhr von Balken und Brettern aus Königsberg ist im Vergleich zu anderen preußischen Häfen unbedeutend.
Bisweilen werden in Königsberg im Auftrag ausländischer Firmen Schiffe gebaut.
Leinwand wird nach Holland, Amerika, Spanien und England ausgeführt.
Die Ausfuhr nach England wird durch hohe Zölle erschwert, weshalb ein erheblicher Teil als Schmuggelware dorthin gelangt. Würde man in Preußen die Stoffe besser bleichen, wäre die Nachfrage nach der hiesigen Leinwand noch größer.
Garn wird in großen Mengen nach England ausgeführt, wo es in den dortigen Manufakturen zur Herstellung von Baumwollstoffen verwendet wird. Besonders viel Garn liefert die Provinz Ermland.
Pottasche und Waidasche sind sehr wichtige Waren, denn die Königsberger Asche wird allen anderen Sorten vorgezogen. Man sortiert die Asche hier sehr sorgfältig, sie wird durch Auswaschen nach Qualität klassifiziert, und das sichert eine hohe Nachfrage.
Andere Ausfuhrwaren aus Königsberg – Federn, Borsten, Wachs, Honig, Teer, Pelzwaren, Sackleinen, Leinwand, Lindenbast usw. – erwähne ich nicht, zumal sie einzeln keine große Bedeutung haben.
In die russisch-polnischen Gouvernements werden ausgeführt: Salz, Hering, Trockenfisch, Eisen, Kupfer, gegerbtes Leder, Kolonial- und Industriewaren sowie Kunstgegenstände und Luxuswaren aller Art.
Im Handel mit Manufakturwaren nimmt Königsberg den ersten Platz in ganz Nordeuropa ein, denn keine russische Stadt mit Zugang zum Meer kann sich darin mit ihm messen.
Selbst die strengen russischen Einfuhrverbote können diesen Handel nicht aufhalten, da er für den hiesigen Markt eine Goldgrube ist.
Einer der Königsberger Kaufleute, der ein großes Lager an Manufakturwaren besitzt, nannte mir ein Beispiel dafür, wie wenig strenge Maßnahmen gegen den Schmuggel ausrichten.
Nach den russischen Zollvorschriften haften für geschmuggelte Waren nicht nur die Zollbeamten und die Kosaken, die die Grenze bewachen, sondern auch die Bewohner der Grenzdörfer. Daher kann sich der Schmuggler nicht sicher fühlen, solange er die Waren nicht an seinem Wohnort versteckt hat.
Zu diesem Kaufmann kam einmal ein Jude, kaufte bei ihm Waren für 12 000 Taler, bezahlte sofort in bar und erzählte Folgendes: Er habe sich von seiner Frau scheiden lassen und ihr die Hälfte seines Vermögens gegeben. Die andere Hälfte habe er in diesen Wareneinkauf gesteckt. Werde er beim Schmuggel erwischt, schicke man ihn in die sibirischen Bergwerke, und sein Vermögen werde eingezogen. Deshalb habe er beschlossen, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und sein Vermögen vorsorglich zu teilen. Entgehe er aber der Festnahme, so habe die Vermögensteilung mit seiner Frau für ihn keine Bedeutung, und er könne an seiner Ware womöglich fünfzig bis sechzig Prozent Gewinn erzielen.
Die Gründe, weshalb der Handel mit Manufakturwaren in Königsberg so bedeutend ist, sind folgende:
Die geographische Lage – Königsberg ist der wichtigste Markt für die Provinzen Samogitien, Masowien, die Woiwodschaft Podlachien und für Litauen.
Das Entgegenkommen der hiesigen Kaufleute – sie sind bereit, mit geringem Aufschlag zu verkaufen, richten sich nach dem Geschmack der Käufer und lassen kein Mittel ungenutzt, um sie anzulocken, während die russischen Kaufleute, da die Einfuhr von Waren über die preußische Grenze verboten ist, ihre Käufer mit großer Willkür und Ungerechtigkeit behandeln.
Danzig kann auf diesem Gebiet nicht mit Königsberg konkurrieren, weil es zu weit von der Grenze entfernt liegt. Deshalb wenden sich die Bewohner Kujawiens und Mittelpolens lieber an die Händler in Breslau (Wrocław) oder Leipzig als nach Danzig.
Die Jahre 1808 bis einschließlich 1813 waren für den Königsberger Handel besonders erfolgreich. Zuverlässige Quellen versichern mir, dass allein dank dem Handel Königsbergs die wirtschaftliche Stabilität des Staates erhalten bleiben konnte.
Dazu erzählte man mir Folgendes:
Der Generalkonsul Clérembault, der in Königsberg wohnte, hatte ganz Preußen als Amtsbereich und war ein außerordentlich habgieriger Mann, der um jeden Preis durch sein Amt reich werden wollte. Hätte er befohlen, die Schiffe, die mit Kolonial- und Industriewaren in Pillau ankamen, ohne Umstände zu beschlagnahmen, so hätte er wenig Nutzen davon gehabt und sich keineswegs bereichert. Zudem bestand der König von Preußen fest darauf, dass die Erlöse aus dem Verkauf beschlagnahmter Handelsschiffe ihm zufließen sollten.
Clérembault tat also Folgendes:
Für jedes ankommende Schiff stellte er selbst Zertifikate aus, die der Eigentümer der Ladung ihm für viel Geld abkaufen musste, wenn er Herr seiner Waren bleiben wollte. Auf diese Weise nahm Clérembault von jedem Schiff zwei- bis dreitausend Louisdor, mitunter auch mehr, was die Ware stark verteuerte, aber nicht zum Schaden der Königsberger Kaufleute, die beim Verkauf die Verluste auszugleichen wussten.
Da Clérembault der einzige Konsul war, der solche Machenschaften so öffentlich und schamlos betrieb, beherrschte Königsberg bald den Handel auf einem riesigen Gebiet von der Memel bis zum Rhein, und Warschau, Breslau, Leipzig, Hamburg, Frankfurt und Wien erhielten ihre Waren ausschließlich über Königsberg.
Da die hiesigen Kaufleute die Preise selbst bestimmten, waren die Gewinne gewaltig und ließen die Leiden, die das Land infolge des unglückseligen Krieges erduldet hatte, teilweise vergessen.
Kleine Kaufleute, die vorher an der Börse kaum bekannt gewesen waren, wurden nun zu Großhändlern, die ihren Reichtum nach Hunderttausenden zählten. In kleinen Städten und sogar Dörfern entstanden Speditionskontore, die beträchtliche Gewinne erzielten. Die Bauern begannen damit viel Geld zu verdienen, und so gab das Schicksal dem verarmten Land ein Mittel, seine Wunden wenigstens teilweise zu heilen.
Der Zustrom an Fuhrwerken nach Deutschland nahm so zu, dass mitunter an einem Tag mehrere Hundert russische Fuhrleute in die Stadt kamen, um die Waren weiterzubefördern.
Eine Vorstellung von den Gewinnen der hiesigen Kaufleute vermittelt folgende Tatsache: Das jüdische Handelshaus F** verdiente 120 000 Taler an einer einzigen Partie Baumwollgarn, das die sächsischen Fabrikanten zur Herstellung von Baumwollwaren benötigten.
Zwei junge Kaufleute begannen ihr gemeinsames Unternehmen mit einem Kapital von 13 000 Talern, und als sie ihre Firma nach fünfjährigem Handel auflösten, erhielt jeder bei der Teilung fünfhunderttausend. Allerdings haben diese beiden Herren mit Hilfe des Generalkonsuls offenbar viele englische Handelshäuser betrogen, indem sie behaupteten, riesige Partien der von ihnen verkauften Waren von den angekommenen Schiffen seien beschlagnahmt worden.
Ihre Namen wurden an der Londoner Börse als die ausgemachter Betrüger bekannt gemacht. Die Königsberger Kaufleute, die im Ruf sehr redlicher Leute stehen, begegnen diesen unredlichen Menschen mit der großen Verachtung, die sie verdienen.
Ein Umstand, der den preußischen Handel begünstigte, war, dass der Generalkonsul seinen Sitz nicht in Pillau hatte. Wäre das der Fall gewesen, so wäre ihm nichts entgangen. In diesem Hafen hatte er jedoch nur einen ihm unterstellten Beamten, den man sehr leicht zum Schweigen bringen konnte. Daher kamen sehr viele Ladungen in den Hafen von Pillau, die Herr Clérembault nicht bemerkte.
Ermutigt durch die zahlreichen Beweise solcher Gutherzigkeit seitens des französischen Generalkonsuls, ließen die Engländer schließlich eine ganze Handelsflotte auf einmal in den Hafen von Pillau einlaufen.
Doch das war eine zu große Probe für die Nachsicht des Herrn Generalkonsuls. Zudem war der Konsul in Danzig, der ihm feind war, von der Ankunft der englischen Flotte unterrichtet worden. So sehr sich Herr Clérembault also sträubte, musste er doch zur Beschlagnahme der Ladungen der englischen Schiffe schreiten. Der König von Preußen erklärte sofort alle beschlagnahmten Ladungen für sein Eigentum, und Napoleon, der ebenfalls daran verdienen wollte, kaufte sie dem preußischen König für zwanzig Millionen Francs ab. Man erzählt, dass die Bewohner der preußischen Küste, als sie davon hörten, einen beträchtlichen Teil dieser Ladungen beiseiteschafften, denn sie konnten nicht zulassen, dass eine so gewaltige Menge begehrter Waren in die Hände der verhassten Franzosen fiel.
Der Handel mit Staatspapieren und die Devisenspekulation liegen hier überwiegend in den Händen der Juden, für die im preußischen Staat besonders gut gesorgt wird und die man beschützt. Es geht ihnen hier besser als in allen anderen deutschen Ländern. Die Juden besitzen alle Rechte der Christen und befassen sich nur mit dem, was ihnen sicheren Gewinn ohne jedes Risiko bringt. Die Handelshäuser Oppenheim, Schwarz, Caspar, Friedländer, Friedmann, Auerbach und andere treiben hier sehr einträgliche Geschäfte, und die christlichen Kaufleute klagen sehr über die ruinösen Börsenspekulationen, die ihrem Handel so verderblich sind. Ein sehr erfahrener Kaufmann sagte mir: „Die falsche Toleranz unserer Regierung deckt diese Wucherer, deren schädlicher Einfluss offenbar werden wird, wenn wir alle ruiniert sind.“
Zum Schluss will ich von den jüngsten Unglücksfällen berichten, die die Königsberger Kaufleute heimgesucht haben, damit man sich vorstellen kann, welche verheerenden Ereignisse eine Handelsstadt überstehen und dabei lebensfähig bleiben kann.
Im Jahr 1802 wehte ein starker und anhaltender Wind direkt in die Mündung des Pregels und verursachte einen so hohen Wasseranstieg, dass ein ganzer Stadtteil zu beiden Seiten des Flusses binnen weniger Stunden vollständig überflutet wurde.
Die Überschwemmung kam so schnell, dass nichts gerettet werden konnte. Keller, Häuser und Getreidespeicher standen unter Wasser. Die Menschen bewegten sich in Booten durch die Straßen. Mehrere Schiffe sanken, die Holzvorräte wurden auseinandergetrieben und fortgeschwemmt, die Ladebrücken stürzten ein, die Waren in den Lagern gerieten ins Wasser und wurden völlig vernichtet.
Den größten Schaden erlitt der Lizentpackhof (Lizentpakhof), wo Warenvorräte von gewaltigem Wert lagerten, und da der Lizentpackhof nur ein Geschoss hat, wurden alle Waren überflutet. An eine Überschwemmung solchen Ausmaßes konnte sich hier niemand erinnern, und da die Waren nicht gegen Hochwasser versichert waren, lastete der Schaden ganz auf den Schultern der hiesigen Kaufleute.
Im Sommer 1811 brach mittags an der Flachswaage neben den Getreidespeichern ein Feuer aus, das sich rasch ausbreitete, und als es die Speicher erfasste, war es nicht mehr zu löschen, denn diese acht- und neungeschossigen Fachwerkbauten waren alle mit Getreide gefüllt. Auch durch das Niederreißen einiger von ihnen ließ sich der Brand nicht aufhalten. Alle Speicher auf der einen Seite des Pregels und über hundert Häuser einer Vorstadt brannten mitsamt allem darin befindlichen Gut nieder, darunter 36 000 Berliner Last Getreide3. Gewaltige Vorräte an Flachs, Hanf, Talg, Öl, Tran, Rum, Wein und anderen Waren wurden ein Raub der Flammen, sodass der Schaden auf 6–7 Millionen Taler geschätzt wurde.
Fast alle diese abgebrannten Speicher liegen bis heute in Trümmern. In Königsberg gab es innerhalb von sechzig Jahren viermal Brände dieses Ausmaßes.
Über Fabriken und Manufakturen kann ich wenig berichten, denn es gibt hier sehr wenige, und diese wenigen sind von so bekannter Art, dass man in ihnen kaum etwas Besonderes finden dürfte.
Die Zuckerraffinerien stehen hier mit Recht an erster Stelle, da sie von großer Bedeutung sind.
Es gibt deren zwei; die eine besteht schon über dreißig Jahre, die andere wurde 1808 auf Betreiben des französischen Generalkonsuls Clérembault gegründet, der ebenfalls seinen Anteil am Fonds hatte. Beide sind Aktiengesellschaften, und die Dividenden betragen stets über zehn Prozent; trotzdem ist das Kapital der alten Raffinerie bereits verdoppelt und jedem Aktionär gutgeschrieben worden.
Die Bedingungen für den Besitz von Aktien der alten Zuckerraffinerie sind recht sonderbar: Gelehrte und Juden dürfen keine Aktien besitzen. Der Zucker übertrifft den Hamburger an Sorgfalt der Verarbeitung und an Weiße bei Weitem, und beide Raffinerien erzeugen so viel davon, wie die Provinz Ostpreußen braucht. Gegenwärtig baut eine Privatperson auf eigene Kosten eine dritte, kleinere Raffinerie. Die Aktionäre der beiden großen Raffinerien sind darüber sehr unzufrieden, denn sie befürchten, dass die Zuckerbäckerei hier ebenso ausgedehnt und im Kleinen betrieben werden wird wie in Hamburg, was den Preis stark drückt. Früher waren sie durch ihr Privileg vor solchen Konkurrenten geschützt, jetzt aber ist in den preußischen Staaten allgemein die Gewerbefreiheit eingeführt, sodass es verboten ist, Einzelnen Hindernisse in den Weg zu legen, wenn sie das Zuckerbäckergewerbe betreiben wollen.
Die berühmte Tabakfabrik Schimmelpfennig ist gegenwärtig mit zwei anderen vereinigt und wird von einer Gruppe von Aktionären geleitet. Der Absatz dieser Fabrik ist sehr groß.
Die Lederfabrik, die Leder für die Schuhherstellung erzeugt, gehört der hiesigen Firma Schumacher und betreibt ihr Geschäft in ziemlich bedeutendem Umfang. Die hiesige Herstellungsweise wird gelobt, doch wird nur wenig gegerbtes Leder erzeugt.
Die hiesige Fayencefabrik hat schon mehrere ihrer Besitzer ruiniert, was wahrscheinlich mit den sehr niedrigen Preisen der englischen Fabrik Wedgwood zusammenhängt, deren Erzeugnisse in großen Mengen eingeführt werden.
Außerdem gibt es eine Reihe von Lohgerbereien, Webereien, Reeperbahnen für Schiffstauwerk, Segeltuchfabriken, Wachsbleichen4 und dergleichen, die für den Bedarf des Landes produzieren. Da sie aber keinen Absatz ins Ausland haben oder dort nur wenig verkaufen, verdienen weder ihre Größe noch ihre Einrichtung besondere Erwähnung.
Wie man mir sagte, sind große Fabriken hier nie gediehen, teils weil die Kaufleute ihre Kapitalien im Handel besser nutzen können, teils weil es hier fast keine Arbeitslosigkeit und folglich nicht genügend billige Arbeitskräfte gibt.
Ich bin geneigt, dies eher für ein Glück als für ein Unglück zu halten: Denn der Handel bringt stets sichereren Gewinn als Fabriken, die in monarchischen Staaten in der Regel von den Regierungen finanziert werden. Überhaupt werden Fabriken in Preußen so lange nutzlos sein, wie es in der Landwirtschaft an Arbeitskräften fehlt; und das wird so bleiben, bis sich die gegenwärtige Bevölkerung verdoppelt hat.
Von Künstlern, deren Namen über die Grenzen des Vaterlandes hinaus bekannt wären, ist nichts zu hören, was meines Erachtens nicht so sehr am Mangel an Talent liegt als vielmehr am Mangel an Gelegenheit, es zu entfalten. Hier gibt es weder Malerei noch Kunstsammlungen, keine Kunstschulen und überhaupt keine Mittel, natürliche Talente zu bilden und zur Nachahmung anzuregen; deshalb kann sich ein hiesiges angehendes Genie nur im Ausland zur Vollkommenheit entwickeln, wo es dann auch Anerkennung findet. Außerdem sagt man den Preußen nach, dass sie Fremde stets den Einheimischen vorziehen, und so bewahrheitet sich hier das Sprichwort „Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande!“ vollkommen.
Eine Kunst, die man nirgends außer in Königsberg und Danzig findet und die vom Aussterben bedroht ist, ist die Bearbeitung des Bernsteins. In Königsberg gibt es anscheinend nur noch vier Fachleute in diesem Handwerk, in ganz Danzig nur zwei. Von ihnen allen verdienen nur zwei wirklich den Titel eines Meisters. Ich habe sehr schön gearbeitete Stücke gesehen, die für den Liebhaber großen Wert haben. Doch sie zu verkaufen ist fast unmöglich, da nur wenige ihren wahren Wert verstehen, weshalb sich selten Käufer finden.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN
1. Scheffel, Hohlmaß für Schüttgüter (dt. Scheffel) – bis 1872 Maß für Schüttgüter in verschiedenen deutschen Staaten. In Preußen entsprach ein Scheffel 54,9615 Litern.
2. Kontinentalsperre (frz. blocus continental) – von Napoleon I. Bonaparte gegen Großbritannien verhängte Wirtschaftssanktionen, um dessen Handelsbeziehungen mit den europäischen Staaten zu unterbinden.
Sie wurde durch das Dekret über die „Blockade der Britischen Inseln“ eingeführt, das Napoleon am 21. November 1806 erließ. Nach diesem Dekret waren jeglicher Handel und jeder Verkehr mit Großbritannien im gesamten Kaiserreich Napoleons sowie für seine Verbündeten und in den von seinen Truppen besetzten Gebieten verboten. Zur Überwachung der Blockade und zur Bekämpfung des Schmuggels wurde in allen Napoleon unterstehenden Ländern eine besondere Zollbehörde geschaffen, die vor Ort von französischen Konsuln geleitet wurde.
Eine wirksame Durchsetzung der Blockade war ohne die Beteiligung aller Staaten Kontinentaleuropas unmöglich, denn jede Ausnahme schuf eine Lücke, durch die englische Waren eindrangen und sich über den ganzen Kontinent verbreiteten. Daher wurde Napoleons Außenpolitik in den folgenden Jahren weitgehend von seinem Bestreben bestimmt, solche Schlupflöcher zu schließen. Russland und Preußen mussten sich der Blockade nach den Bedingungen des Friedens von Tilsit 1807 anschließen.
Nach der Niederlage Napoleons I. im Krieg gegen Russland 1812–13 verloren die französischen Behörden die Möglichkeit, die Einhaltung der Blockade durch andere Länder zu überwachen. Formell wurde die Kontinentalsperre 1814 aufgehoben.
3. Die Berliner Last Getreide (dt. Berliner Last Getreide, wobei Last wörtlich „Ladung“ bedeutet) war eine Maßeinheit der frühen Hansezeit und bezeichnete ursprünglich die Getreidemenge, die sich auf einem vierspännigen Wagen befördern ließ. 1 Last = etwa 2 Tonnen.
Später wurden die Lastmaße je nach Art des Produkts unterschieden, etwa Salzlast („Salzlast“), sowie je nach Ort, etwa Bremer Last („Bremer Last“), Ostseelast („Ostseelast“), Berliner Last („Berliner Last“), Preußische Last („Preußische Last“).
4. Das Wachsbleichen ist ein seit alters angewandtes Verfahren, um dem ursprünglich gelblichen Bienenwachs eine weiße oder elfenbeinfarbene Tönung zu geben, bevor man aus dem gebleichten Wachs zum Beispiel Kerzen herstellen konnte.
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

