LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
Preußen wird selten von Reisenden besucht, die ihre Kenntnisse über das Land erweitern wollen. Deshalb ist es in gewissem Maße noch immer eine terra incognita. Die wenigen Pilger, die über Preußen geschrieben haben, vermitteln meist eine völlig falsche Vorstellung davon. Fast alle schildern es als öde, trostlose Wildnis, deren Bewohner auf derselben Kulturstufe stünden wie ihre Nachbarn, die Polen und Russen. Die Franzosen glauben ohnehin, hier sei alles schrecklich. Dank meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Studium der Geschichte, hatte ich Gelegenheit, preußische Chroniken zu lesen, von denen manche längst zu bibliographischen Raritäten geworden sind: die von Simon Grunau, Caspar Hennenberger, Paul Weissel und Christoph Hartknoch. In jedem dieser alten Bücher fand ich ein Paradies namens Preußen, über das die Natur ihren Segen freigebig ausschüttet. Daher unternahm ich 1814 eine Reise durch Preußen, die mir eine vortreffliche Gelegenheit bot, den widersprüchlichen Behauptungen meiner Vorgänger auf den Grund zu gehen.
[ 1814 ]
Das Schloss. — Anekdoten. — Rustam. — Murat. — Der Widerruf einer Trostpredigt. — Die Aussicht vom Schlossturm. — Das „Blutgericht“ im Weinkeller. — Die geheime Gruft mit den Schädeln. — Der Einsturz im Schloss. — Der Dom. — Grabmäler. — Die Fürstengruft. — Das Universitätsgebäude. — Die Freistätte — Andere Kirchen. — Das Christusbild. — Das Große Theater. – Das Alte Theater. — Inschriften. — Die Börse. — Das Kneiphöfische Rathaus. — Andere öffentliche Gebäude.
Meine Kreditbriefe verschafften mir in Königsberg eine ausgezeichnete Aufnahme, die mir das Leben hier [im Jahr 1814 — Red.] sehr angenehm machte. Ehrlich gesagt hatte ich nichts weiter zu wünschen als vielleicht etwas mehr Ruhe und Stille, denn an Gutem fehlt es mir in dieser Stadt wahrlich nicht. Ich könnte viel über die hiesigen Einwohner, ihren Charakter, ihre Lebensweise und Gewohnheiten schreiben, da ich mich von morgens bis abends unter Menschen befinde. Ich habe auch einige interessante Bekanntschaften geschlossen, sodass es mir an Gelegenheit zu Beobachtungen nicht mangelt. Dennoch behalte ich meine Urteile lieber für mich, denn ich weiß, wie schwer es ist, den Charakter der Menschen wirklich kennenzulernen: Fremden zeigen sie sich in der Regel im Sonntagsstaat, unter dem sie ihr wahres Wesen verbergen. Ich mache Sie also lieber mit den Sehenswürdigkeiten Königsbergs bekannt.
Dank der Liebenswürdigkeit von Herrn R., einem Freund des Kastellans des Königsberger Schlosses, konnte ich, soweit es möglich war, alle seine zahlreichen Säle und Gemächer besichtigen; ich stieg endlose Treppen hinauf und hinab und verwendete fast einen ganzen Tag darauf, mir eine Vorstellung von diesem ungewöhnlichen Bauwerk zu machen, obwohl ich von vornherein wusste, dass ich darin wenig Bemerkenswertes finden würde.
Die Krönung des ersten preußischen Königs Friedrich I. im Schloss Königsberg (1701).
Diese steinerne Masse ist ein Musterbeispiel der Baustile der letzten fünf Jahrhunderte, die auf die wunderlichste Weise nach und nach aneinandergefügt wurden.
Der Schlosshof von Königsberg Mitte des 19. Jahrhunderts.
So ist ein Flügel mit den schönen Türmen und Verliesen des Schlosses, die im 13. Jahrhundert errichtet wurden, bis heute unberührt geblieben. Ihm gegenüber liegt der im 16. Jahrhundert erbaute Teil des Schlosses des Markgrafen Albrecht.
Die Kirche, die einen beträchtlichen Teil des Westflügels einnimmt, wurde im 17. Jahrhundert erbaut, die ihr gegenüberliegende Seite dagegen teils im 14., teils im 18. Jahrhundert. Hinzu kommt das vor etwa vier Jahren errichtete Gebäude des Oberlandesgerichts, das zweifellos der schlechteste Teil des Schlosses ist und so geschmacklos, dass ich nicht an der Stelle seines Erbauers sein möchte, der sich so sehr gegen den guten Stil versündigt hat.
Der Teil des Schlosses, der unter Friedrich I., einem König, der Glanz und Prunk liebte1, erbaut wurde, ist geschmackvoll und in gutem französischem Stil ausgeführt.
Der Plan, nach dem dieser Bau einer der prächtigsten Teile des Schlosses werden sollte, wurde jedoch recht bescheiden umgesetzt. Er ist bislang nicht verputzt und wirkt etwas bunt, da er aus rotem Stein errichtet ist, die Vorsprünge, Brüstungen und Gesimse dagegen aus grauem Sandstein.
In diesem Flügel, der ein an das große geschlossene Viereck des Schlosses angrenzendes Dreieck bildet, befindet sich in den beiden unteren Geschossen der Sitz der Königlichen Regierung von Ostpreußen; hier sind auch alle wichtigen Staatskassen untergebracht. Im dritten Geschoss liegen die königlichen Gemächer, die sehr einfach eingerichtet sind; manche haben nicht einmal Tapeten, und nichts verrät, dass hier lange Zeit eine große königliche Familie gewohnt hat. Dafür ist die Aussicht aus diesen Zimmern auf die Stadt und den Hafen außerordentlich schön.
Das Gemälde von Adolph Menzel „Die Krönung Wilhelms I. in Königsberg, 1861“.
Ich möchte Ihnen einige Anekdoten mitteilen, die mir der Kastellan erzählte, als ich die königlichen Gemächer besuchte, denn diese Geschichten helfen uns, eine Reihe bekannter Persönlichkeiten besser kennenzulernen.
Königliche Möbel im Fahnen- und Standartenzimmer.
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Die Könige von Preußen müssen in Königsberg gekrönt werden und nach der Krönungszeremonie einige Tage im Schloss wohnen. Bekanntlich ist Sparsamkeit einer der Grundsätze der hiesigen Herrscherdynastie; deshalb werden für den kurzen Aufenthalt der preußischen Königsfamilie im Schloss keine Möbel für ihre Gemächer angeschafft, sondern von den reichsten Einwohnern der Stadt zur Verfügung gestellt. Als Friedrich Wilhelm II.2 hier gekrönt wurde, glaubten die Juden, die dieser König sehr wenig mochte, sie würden sich die königliche Gunst erwerben, wenn sie die Ausstattung der königlichen Gemächer übernähmen. Die hiesige Regierung wusste nichts von der Abneigung des Königs gegen die Kinder Israels und erlaubte ihnen gern, die Zimmer einzurichten.
Nur zwei Tage vor der Ankunft des Königs traf der Hofmarschall ein, fand die Ausstattung der Gemächer prächtig und sparte nicht mit Lob. Darauf meldete man ihm, dies sei ganz und gar das Verdienst der hiesigen Juden, und einige der jüdischen Patriarchen traten bereits an ihn heran, um das ersehnte Lob persönlich zu vernehmen. Doch wie groß war das allgemeine Erstaunen, als der Hofmarschall befahl, sämtliche Möbel unverzüglich hinauszuschaffen und die königlichen Gemächer neu einzurichten! Obwohl nur sehr wenig Zeit blieb, musste man diesem Befehl gehorchen, worüber sich die christlichen Kaufleute, wie es heißt, ebenso freuten, wie die Juden betrübt waren – wenngleich sich die Schlüsse, die beide Seiten daraus zogen, mit der Zeit als falsch erwiesen.
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Im Jahr 1807, als der jetzige König und die Königin anwesend waren, rechneten es sich die reichsten Leute der Stadt zur Ehre an, die kostbarsten Möbel ins Schloss zu liefern. Unter anderen stellte Herr D**, ein Kaufmann, für die Königin ein ausgesucht schönes Bett aus Ebenholz mit Füßen in Gestalt von vier bronzenen Löwen zur Verfügung. Als die Franzosen in die Stadt einzogen und das Schloss für die Ankunft Napoleons hergerichtet wurde, befand sich dieses Bett zusammen mit anderen Möbelstücken noch dort. Unerwartet erschien Herr D** im Schloss in Begleitung einiger Träger und verlangte es zurück. Man verweigerte es ihm mit der Erklärung, in diesem Bett werde Napoleon selbst schlafen. Der Kaufmann aber erklärte, er werde es lieber zerschlagen, als zuzulassen, dass in demselben Bett, in dem seine Königin geruht hatte, der Tyrann schlafe. Er sah entschlossen aus, und alles deutete darauf hin, dass er seine Drohung wahr machen würde. Um einen unnötigen Skandal zu vermeiden, gab man daher der Forderung des patriotisch gesinnten Besitzers des königlichen Bettes nach.
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Während seiner Anwesenheit ließ Napoleon an allen Toren des Schlosses Wachen aufstellen, und niemand wurde in den Innenhof gelassen, obwohl durch ihn ein sehr beliebter Fußweg führte, der auf diese Weise gesperrt war.
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Rustam, Napoleons Leibmameluck3, war dem Bier nicht abgeneigt und ein leidenschaftlicher Tabakraucher; deshalb leistete ihm der Kastellan, der ihn mit Tabak versorgte, oft Gesellschaft, wenn der Mameluck untätig herumsaß. Rustam wollte sich dankbar zeigen und warnte den Kastellan vor den Dienern Napoleons, die sich gewöhnlich, wo immer sie hinkamen, das Tafelsilber aneigneten.
Der Kastellan, dem die Sorge für das gesamte Silbergeschirr anvertraut war, das die Stadt für Napoleons Tafel zur Verfügung gestellt hatte, eilte in den Speisesaal, wo man gerade gespeist hatte, und stellte mit Entsetzen fest, dass eine beträchtliche Menge Silber fehlte. Er beklagte sich bei Rustam, und dieser riet ihm, sofort alle benachbarten Zimmer abzuschließen und gründlich zu durchsuchen: Vielleicht werde sich etwas zurückgewinnen lassen, da die Diebe das Gestohlene kaum weit fortgeschafft haben konnten. Der Kastellan befolgte diesen Rat und fand tatsächlich den größten Teil des Silbers in Rauchfängen und Öfen versteckt; einige kleine Gegenstände jedoch, die sich leicht in den Taschen hinaustragen ließen, wurden nie gefunden. Was soll man sich da wundern? Wie der Herr, so’s Gescherr!
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Im Schloss stieg auch Murat4 ab, als er aus Russland floh, und er hatte offenbar vor, einige Zeit in Königsberg zu verweilen.
Ein Königsberger äußerte seinen Hass auf die Franzosen und wurde auf Befehl Seiner flüchtigen Majestät verhaftet, der der Vorfall sofort gemeldet worden war. Der Königsberger wurde zum Tod durch Erschießen verurteilt. Als sie davon hörten, versammelten sich Scharen von Bürgern um das Schloss, entschlossen, den Verurteilten den Soldaten mit Gewalt zu entreißen. Und dieser „Theaterkönig“ sah sich gezwungen, die Freilassung des Gefangenen zu befehlen, und verließ bald darauf selbst eilig die Stadt. Man erzählt, er habe in Elbing (heute die polnische Stadt Elbląg) gesagt, er bedaure, nicht befohlen zu haben, Königsberg niederzubrennen.
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In dem vom Markgrafen Albrecht erbauten Schlossflügel wohnt der Landhofmeister und Oberpräsident von Auerswald5, weshalb ich ihn nicht von innen besichtigen konnte. Es heißt, dort gebe es viele Säle und prächtig eingerichtete Zimmer, und es sei der behaglichste Teil des Schlosses.
Im Westflügel des Schlosses befindet sich unter der Erde ein weitläufiger Weinkeller, in dem eine gewaltige Menge von Fässern und Flaschen aus aller Welt lagert.
Blick auf den Westflügel des Schlosses Königsberg und das Häuschen Immanuel Kants (links).
In den beiden ungewöhnlich großen Ecktürmen, die an denselben Westflügel grenzen, befinden sich Gefängnisse; sie stehen jedoch leer, weil die hiesige Regierung aus Menschenfreundlichkeit beschlossen hat, sie nicht zur Unterbringung von Verbrechern zu nutzen.
In den Kellern unter dem Westflügel des Schlosses wurde Wein gelagert.
Der Raum im Erdgeschoss dient als Zeughaus6; er ist durch einen Durchgang abgetrennt, der in den Innenhof des Schlosses führt. Im zweiten Geschoss darüber befindet sich die Kirche. Sie ist einfach, aber geschmackvoll gestaltet, die königliche Betloge dagegen ist sehr reich geschmückt. An der Empore der Kirche hängen die Wappen der Ritter des Schwarzen Adlerordens, die Friedrich I. zu seinem Krönungstag anfertigen ließ. In dieser Kirche wurde er gesalbt und setzte sich die Krone eigenhändig aufs Haupt.
Eben hier hielt während des Siebenjährigen Krieges der Oberhofprediger Arnoldt eine Trostpredigt, in der er schlecht über die Russen sprach und behauptete, sie hätten damals in Preußen viele Untaten begangen. Der russische Gouverneur empfand dies als schwere Beleidigung und wollte den vornehmen Geistlichen ohne weitere Umstände festnehmen und nach Petersburg schicken, von wo man ihm vermutlich eine Reise nach Sibirien gestattet hätte.
Doch dank der Fürsprache des Magistrats gelang es, für ihn eine bedingte Begnadigung zu erwirken – unter der Bedingung, dass er am folgenden Sonntag seine aufrührerische Predigt öffentlich widerrufe.
Dem Prediger war das sehr zuwider, doch er hatte kaum eine Wahl – sein Wohlergehen stand auf dem Spiel –, und so musste er einwilligen. Der Sonntag kam, die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt, der Gouverneur selbst saß in der königlichen Loge, und alle warteten auf das Erscheinen des Geistlichen. Er bestieg die Kanzel, bleich und mit kummervoller Miene. Mit verhaltener Trauer sprach er die Eingangsworte und wollte eben mit dem schmachvollen Widerruf beginnen, als sich die Kirche mit Rauch füllte und die Leute von allen Seiten schrien: „Feuer, Feuer!“ Alle stürzten voller Angst hinaus, der Gouverneur eilte über die Galerie, die zu seinen Gemächern führte, davon, der Gottesdienst wurde unterbrochen, und so blieb dem Prediger der öffentliche Widerruf erspart. Allerdings kamen im Gedränge einige Menschen ums Leben. Den Rauch hatten einige Studenten mit Hilfe von Pulver und Kolophonium erzeugt, die ihrem Landsmann die Blamage ersparen wollten. Dass die Sache vertuscht wurde, zeigt, wie wenig nachtragend der russische Beamte war.
Blick auf das Schloss von der Brücke über den Schlossteich.
Im dritten Geschoss des Westflügels befindet sich der riesige Moskowitersaal, der doppelt so groß ist wie die Schlosskirche. Er ist einer der größten Säle Europas, was man daran ermessen kann, dass hier ein Ball zu Ehren Friedrich Wilhelms III.7 stattfand. Zu dem Ball kamen dreitausend Gäste, und doch wirkte der Saal fast leer.
Im Moskowitersaal war eine Sammlung alter Waffen ausgestellt.
Er ist sehr schlicht gestaltet und für seine Größe zu niedrig. Warum er diesen Namen erhielt, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Einen Saal über der Kirche zu bauen, ist ein seltsamer Einfall, zumal man, um in ihn zu gelangen, im Innern des Hauptturms des Schlosses über hundert Stufen hinaufsteigen muss.
Von der Galerie des Bergfrieds bietet sich ein Panoramablick auf die große Stadt mit ihrem Hafen und die malerische Umgebung, durch die der Pregel fließt. An dieser bezaubernden, einem blühenden Garten gleichenden Gegend kann man sich nicht sattsehen, und nur mit großer Mühe reißt man sich von dem reizvollen Anblick los. Der Horizont ist so klar, dass man mit dem Fernglas sogar Pillau sehen kann, obwohl diese Stadt sieben Meilen von Königsberg entfernt liegt.
Der im 13. Jahrhundert erbaute Teil des Schlosses trägt die Spuren seiner Epoche: weite gewölbte Säle, dunkle Gänge, geheime Treppen – alles ist in seiner unverwechselbaren Eigenart erhalten, die ins frühe Mittelalter zurückweist. Heute sind hier die Dienststellen des Kriminalkollegiums untergebracht, was ich für richtig halte, denn ein Gericht, das über Leben und Tod entscheidet, sollte sich in einer ernsten, feierlichen Umgebung befinden. Weniger passend ist, dass sich direkt unter den Räumen des Kriminalgerichts ein Weinkeller befindet, der dank seiner reichen Vorräte an ausgezeichnetem Wein bei den Bürgern sehr beliebt ist.
Seltsamerweise trägt dieser Weinkeller den Namen „Blutgericht“8.
Um mich nach den ermüdenden Aufstiegen über die Schlosstreppen auszuruhen und zu erfrischen, führte mich mein Freund R*** dorthin. Dieser Keller ist keineswegs der beste Ort der Stadt für Freunde des Trinkens, aber er ist für seine sehr reiche Weinkarte bekannt. Ich wollte wissen, warum der Weinkeller einen so seltsamen Namen erhalten hatte, und verhehlte nicht, dass ich ihn für unpassend hielt. Ein Mann, der sich kurz zuvor zu unserer Runde gesellt hatte, antwortete mir: „Es gibt keinen passenderen Namen, denn die Königsberger halten hier strenges Gericht über ihre Mitbürger.“
Der Kellner, der diese Antwort hörte, grinste und gab sogleich seine eigene Erklärung: In der Mitte des Kellers steht eine turmartige gemauerte Säule, die durch die ganze Höhe des Gebäudes reicht und auf allen Seiten fest vermauert ist, ohne jede sichtbare Öffnung.
Das Interieur des Hauptsaals des Restaurants „Blutgericht“.
Lange Zeit quälte man sich mit Vermutungen über den Zweck des seltsamen Schachts, bis man aus Neugier die Mauer durchbrach und dahinter eine Menge menschlicher Knochen fand, die die Vermutung bestätigten, dass sich in alten Zeiten in diesem Flügel ein Gericht befand und die Überreste der Hingerichteten in den steinernen Brunnen geworfen wurden. Daher der Name „Blutgericht“.
Details des berühmten Interieurs des „Blutgerichts“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Wie dem auch sei: Dass der Deutsche Orden seinen eigenen Sitz in einen Ort zur Beseitigung verwesender menschlicher Überreste verwandelte, ist ein Zeichen von Barbarei.
Das Oberlandesgericht, das in einer Flucht mit dem Kriminalkollegium liegt, wurde, wie man versichert, mit großem Aufwand erbaut, aber außen wie innen so schlecht und geschmacklos, dass man sagen kann, sein Entwerfer habe sich mit diesem Pfusch für Jahrhunderte „verewigt“. Wie der Leiter der hiesigen Bauverwaltung, der beim Bau des Neuen Theaters einen guten Geschmack bewiesen hat, dies zulassen konnte, ist mir ein Rätsel – zumal der Bau dieses kläglichen Machwerks vor seinen Augen geschah, denn er wohnt selbst hier im Schloss.
Man erzählt, das alte Gebäude, das noch zur Ritterzeit errichtet worden war und früher hier stand, sei in Anwesenheit des Königs eingestürzt, gerade als er die Nachricht von der Schlacht bei Pułtusk9 (Dezember 1806) erhalten hatte.
Es heißt, der Einsturz des damaligen Regierungssitzes habe den Monarchen tief erschüttert, und er habe darin ein böses Omen gesehen.
Vor dem Schloss, gegenüber der Hauptwache, steht eine schöne bronzene Statue Friedrichs I. auf einem Sockel aus weißem und grauem Marmor. Die Inschrift besagt, dass Friedrich Wilhelm III. die Statue seines Ahnherrn dem preußischen Volk widmet.
Das Königsberger Schloss ist der Sitz aller Kollegien der preußischen Provinz und aller ihrer Kassen. Hier fanden auch die Sitzungen der Königlichen Deutschen Gesellschaft und der Physikalisch-ökonomischen Gesellschaft statt. Im Saal der Letzteren sind gegenwärtig einige Gemälde von Philipp Hackert10 ausgestellt, die gegen Eintrittsgeld gezeigt werden. Da ich diese wunderbaren Bilder noch oft sehen werde, behalte ich mir vor, künftig ausführlicher über sie zu berichten, denn um Gemälde zu beurteilen, bedarf es mehr als eines flüchtigen Blicks, zumal wenn sie von einem Meister stammen, über den man wenig weiß.
Der Dom und der Große Domplatz.
Der im 14. Jahrhundert erbaute Dom ist ein Gebäude von sehr eindrucksvollen Ausmaßen, ohne jeglichen äußeren architektonischen Schmuck. Er ist von einer Menge Kasernen und Grabgewölben umgeben, die den Eindruck schwächen, den dieses Bauwerk machen könnte.
Das Mittelschiff des Doms. Einst saßen die Menschen hier mit dem Gesicht zum Altar ...
Wenn man eintritt, bemerkt man nicht sofort die außergewöhnlichen Ausmaße dieses Gotteshauses, doch verweilt man länger, verliert sich der Blick in den weiten, kühnen Gewölben. Die bei einem so gewaltigen Raum völlig überflüssigen Emporen, die bunten geschnitzten Beichtstühle und Betlogen, die vielen Grabmäler vermögen den überwältigenden Eindruck nicht zu schmälern, den diese verwegenen Hallen hervorrufen.
Hinter dem Altar beginnt der eigentliche Dom, an den sich die alte Fürstengruft anschließt, die ebenfalls beträchtlichen Raum einnimmt. Das Gewölbe des Chors ist höher als das Gewölbe des Kirchenschiffs, aber etwas schmaler. Die Orgel entspricht den Ausmaßen des Doms. Man sagt, sie habe 5000 Pfeifen, deren größte so dick seien wie ein Mensch. Ich weiß nicht, ob die Größe ein Vorzug ist, doch als die Orgel erklang, rollten donnernde Töne durch die weiten Gewölbe, erschütterten den ganzen Raum und machten auf mich einen außerordentlichen Eindruck, der noch lange in mir nachwirkte, nachdem ich das Gotteshaus verlassen hatte.
Der Bischofsstuhl und die Stühle der Domherren stehen noch heute im Chor des Doms. Es gibt auch eine Reihe von Grabmälern, von denen einige wertvoll und sehr kunstvoll gearbeitet sind. Vor allem zieht das Denkmal für von Wallenrodt11 und seine Gattin besondere Aufmerksamkeit auf sich. Es ist aus schwarzem Marmor gefertigt, mit korinthischen Säulen von schönen Proportionen und mehreren sehr gut ausgearbeiteten Statuen aus weißem Marmor. Die pausbäckigen Engel, die sich um das Grabmal gruppieren, zerstören den Gesamteindruck, den dieses kostbare Denkmal machen könnte, wenn sie nicht da wären oder mit größerer Meisterschaft gemeißelt wären.
Den Meister hat man vermutlich an der Arbeit am Grabmal gehindert, das dann irgendein Pfuscher vollendete.
Nicht weniger bemerkenswert ist das Grab des Kanzlers Cocceji12. Auf einem antiken Sarkophag aus schwarzem Marmor liegt die Statue des Verstorbenen. Er hat den Kopf auf die rechte Hand gestützt. Die Statue ist aus Alabaster und sehr fein ausgeführt. Die Trauer ist in den Zügen des Liegenden mit großer Wahrhaftigkeit ausgedrückt, die Proportionen des ganzen Körpers sind sehr genau eingehalten. Schade, dass dieses prächtige Denkmal zu niedrig aufgestellt und hinter den Chorbänken verborgen ist! Es hat durch den zerstörerischen Einfluss der Zeit erheblich gelitten und bedarf der Restaurierung. Die Legende besagt, dieser Kanzler habe leichtfertig ein Mädchen zum Tode verurteilt, das seiner Meinung nach einen wertvollen Ring gestohlen hatte.
Nach der Hinrichtung der Unglücklichen wurde der Ring in einem Dohlennest gefunden, was die Unschuld der Hingerichteten bewies. Der nachlässige Richter grämte sich bis zu seinem Tod über seinen blutigen Befehl, und deshalb legte der Bildhauer in die Züge der Statue ungeheuchelte Trauer.
Hier sehen wir auch das Denkmal für den Bischof von Samland Georg von Polentz13, einen herausragenden Staatsmann und eifrigen Förderer der Reformation in Preußen.
Außerdem befinden sich im Chor zahlreiche Denkmäler, Epitaphe und Grabplatten von Bischöfen, Rittern, Mönchen und Räten, die für den Altertumsforscher von größerem Interesse sind als für den Kunstliebhaber, denn sie wurden im Mittelalter geschaffen und bewahren den Geist jener Epoche.
Der Raum hinter dem Altar im Dom mit zahlreichen Grabmälern und Epitaphen.
Die Fürstengruft ist vom Chor durch ein eisernes Gitter getrennt (siehe oben). In ihr ruhen die Gebeine der sechs letzten Hochmeister von Preußen, die in Königsberg lebten, sowie des Markgrafen Albrecht, seines Sohnes Albrecht Friedrich, ihrer Familien und von Angehörigen einer Reihe anderer edler preußischer Geschlechter.
Das Grabmal Herzog Albrechts und seiner ersten Gemahlin, Herzogin Dorothea.
Sie alle befinden sich in verschiedenen unterirdischen Grüften, teils in kupfernen, teils in zinnernen Särgen. Oben stehen ihre Denkmäler. Die Sarkophage der Hochmeister zeichnen sich durch ungewöhnliche Größe aus: Sie sind zehn bis zwölf Fuß lang und ziemlich breit. Die Bildnisse der Verstorbenen auf Holztafeln, die im Grabsaal hängen, sind von der Zeit fast vollständig verblichen.
Markgraf Albrecht hat hier zwei Denkmäler; warum, ist nicht ganz klar. Eines steht über seiner Ruhestätte und ist ein würfelförmiger Altar aus grobem Sandstein, auf dem die Bildwerke des Markgrafen und seiner ersten Frau in schlafender Haltung liegen. Das andere Denkmal ist an der Giebelwand des Gruftgewölbes aufgestellt, mindestens fünfzig Fuß hoch und aus vielen Marmorsorten zusammengefügt. Natürlich darf man nichts Vollkommenes aus einer Epoche erwarten, in der die bildende Kunst des Nordens noch in den Kinderschuhen steckte. Misslungen kann man die Statue jedoch nicht nennen: Die in einer Nische aufgestellte Figur des Kurfürsten wirkt edel, und das Denkmal ist dank der vielen seltenen Marmorsorten sehr wertvoll.
Weniger anmutig, wenn auch einprägsam und recht kostspielig, sind die Grabmäler Albrecht Friedrichs und seiner Frau, deren kniende Sandsteinstatuen inmitten eines aus buntem Marmor errichteten Mausoleums stehen.
Die Alte Albertina und die Stoa Kantiana (rechts).
In einem in die Mauer eingelassenen Holzkasten ruhen die Gebeine des Hochmeisters Herzog Luther (Lothar) von Braunschweig14, des Gründers dieses Doms, bei dessen Tod die Mauer des Gotteshauses die Höhe hatte, in der jetzt sein Sarg zu sehen ist. Den Knochen nach zu urteilen, muss er ein Riese gewesen sein.
Die Wallenrodtsche Bibliothek im Dom.
In der Trostkammer werden viele reiche Priester- und Altargewänder aufbewahrt; es gibt dort auch eine Handschrift, in der ein Mensch seine Seele dem Teufel verschrieben hat, das Messer, das Satan diesem Menschen gab, damit er sich umbringe, und viele andere derartige Raritäten.
Im Turm dieses Gotteshauses befindet sich die berühmte Bibliothek von Wallenrodts, von der ich später erzählen werde. In einigen unteren Räumen befindet sich die Kirchenbibliothek, reich an Handschriften der Kirchenväter, Werken zur Kirchengeschichte und theologischer Literatur.
Neben dem Dom liegen die alten, geräumigen, aber unansehnlichen Universitätsgebäude, an die sich das Collegium Albertinum anschließt – eine Lehranstalt mit Internat für mittellose Studenten.
Auf dem von diesen Bauten umgebenen Platz steht der Grabstein eines im Duell getöteten Studenten, den einer der früheren Landesherren zu einer sogenannten „Freistätte“ erklärt hat. Dieses Privileg des Grabsteins wurde so sehr geachtet, dass noch zur Regierungszeit Friedrichs des Großen einmal ein unfreiwilliger Totschläger durch ihn gerettet wurde.
Heute ist kaum zu glauben, dass sich jemand retten kann, indem er einfach zu diesem Stein läuft.
Der Universitätssaal (auditorium maximum) ist mit recht mittelmäßigen Bildnissen von Landesherren und einer kunstvoll gearbeiteten Marmorbüste Kants geschmückt. Das ist das einzige und recht bescheidene Denkmal, das Königsberg dem großen Mann errichtet hat. Gewiss braucht der berühmte Philosoph das nicht, denn solange die Menschheit lebt, wird Kant nicht vergessen sein; doch die Ehre der Königsberger verlangt, dass sein Andenken „in Erz und Marmor“ geehrt wird, um die Stadt vom Verdacht der Undankbarkeit zu befreien.
Die Altstädtische Kirche, die früher als der Dom erbaut wurde, ist ein großes, schlichtes, ehrwürdiges Gebäude, das durch die beträchtliche Höhe seiner Kreuzgewölbe und die kühnen, himmelwärts strebenden Säulen einen unauslöschlichen Eindruck hinterlässt.
Der Baumeister verstand es, Schlichtheit so mit angemessener Anmut zu verbinden, dass einen im Halbdunkel dieser prächtigen Hallen ein religiös-erhabenes Gefühl ergreift und man sie stets mit einer gewissen Bewegung verlässt.
Blick auf das Schloss und die Altstädtische Kirche vom Paradeplatz.
Selten bin ich einer alten deutschen Kirche begegnet, die meine Gefühle so ergriffen hätte wie diese, und ich wünschte, ich besäße genug Kenntnisse über die Baukunst des Mittelalters, um den Grund für einen so starken Eindruck zu verstehen.

Die Reformierte Kirche, heute besser bekannt als Burgkirche. / So sollte sie nach dem Entwurf aussehen.
Von den unzähligen Grabmälern, die Boden und Wände dieser Kirche bedecken, erwähne ich nur zwei, die mir besonders denkwürdig erschienen. Darunter ist die Grabstätte des blinden Magisters Greisinger, der, obwohl er im vierzehnten Lebensjahr sein Augenlicht verloren hatte, einer der größten Gelehrten seiner Zeit war. Sein Bildnis auf dem Denkmal ist mit großer Meisterschaft ausgeführt. Greisinger lebte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Das andere Denkmal ist eine schlichte und recht unscheinbare Grabplatte, die direkt vor dem Altar liegt und dem einstigen Prediger dieser Kirche, Osiander15, gewidmet ist.
Dieser Geistliche kam aus Nürnberg nach Königsberg. Er spielte eine wichtige Rolle bei der Bekehrung der Brüder des Deutschen Ordens zum Luthertum. Der lutherischen Lehre leidenschaftlich ergeben, verfolgte er viele Geistliche wegen ihrer Meinungen, ließ sie einkerkern, schickte die ihm Missliebigen in die Verbannung, säte Zwietracht im Hofleben und im Leben des ganzen Landes, vergiftete die Ruhe der letzten Tage seines Landesherrn und trug nicht wenig dazu bei, dass dieser in eine Art Wahnsinn verfiel.
Mit seiner bis zur Grausamkeit gehenden Unduldsamkeit brachte er seine Gegner so sehr gegen sich auf, dass er sich nicht ohne Waffe auf die Straße wagte.
Nach Osianders Tod musste sein Leichnam heimlich bestattet werden, damit die Feinde ihn nicht schändeten.
Die Anfertigung des sehr großen, übermäßig mit Schnitzwerk und Vergoldung verzierten Altars kostete im 17. Jahrhundert rund 30 000 Gulden. Für diese Summe hätte man damals ein Gemälde von Correggio16 kaufen und die Kirche so würdiger schmücken können.
Die Orgel ist außerordentlich schön und wurde von Abbé Vogler17 als hervorragendes Meisterwerk anerkannt.
Die Reformierte Kirche ist ein schönes Gotteshaus, bei dem der Baumeister die Regeln der Perspektive sehr glücklich angewandt hat. Sie besteht aus fünf aneinandergrenzenden Rotunden, die alle von dorischen Pilastern umgeben sind. Betrachtet man die Kirche aus einiger Entfernung, glaubt man offene Säulenhallen zu sehen.
Der Turm ist nur zur Hälfte gebaut (siehe oben). Nach dem Entwurf sollte er vier übereinanderliegende Säulenreihen haben, doch es sind nur zwei. Die preußischen Landesherren haben Königsberg stets als ihr Stiefkind betrachtet, sodass die meisten Vorhaben, die die Stadt verschönern sollten, unvollendet blieben.
Die katholische Kirche auf dem Gemälde von Carl Storch „Anlegestelle am Neuen Pregel“.
Die katholische Kirche ist im neuen Stil und mit großem Geschmack erbaut. Sie zeichnet sich durch eine prächtige Kuppel aus, die in verkleinertem Maßstab nach dem Vorbild der Kuppel des Petersdoms in Rom errichtet wurde.
Die Löbenichtsche (links) und die katholische Kirche Königsbergs.
Innen ist dieses prächtige Gebäude mit geschmacklosen Altären, Gurkenmalereien an den Wänden und wertlosen Bildern ausgestattet. Es bleibt zu bedauern, dass dieses schöne Gotteshaus, das seinem Äußeren nach zu den Hauptzierden der Stadt gehört, im Innern keine angemessene Gestaltung erhalten hat.
Die Tragheimer Kirche hat die Form eines gleichseitigen Kreuzes, doch die Nachteile, die diese Bauart unweigerlich mit sich bringt, sind so weit wie möglich gemildert: Jeder der vier Arme des Kreuzes, das dem Gebäude zugrunde liegt, ist so ebenmäßig, dass man fast von jedem Punkt aus die ganze Kirche überblicken kann. Die Tonnengewölbe, die die Weite schaffen, werden in der Mitte durch eine Kreuzkuppel vereint, die auf vier gewaltigen Bögen mit Öffnungen an den Kreuzenden ruht.
Diese kühnen Gewölbe ohne Stützen erzeugen eine unbeschreiblich schöne Wirkung und verleihen der Kirche, die durch elf große Rundbogenfenster erhellt wird, nicht nur einen heiteren, sondern auch einen erhabenen Charakter, der so gut zu friedvollem, andächtigem Gebet passt. Die Ausstattung der Kirche ist schlicht und im Ganzen sehr harmonisch.
Kein Übermaß, kein leerer Zierrat stört den Eindruck, den diese heitere Kirche auf die Seele des Betenden macht.
An der Kanzel befindet sich ein altes Christusbild in einem Medaillon, das nach den Angaben des Kirchenarchivs die Kopie eines Gemäldes ist, das der Römer Lentus nach der Natur gemalt und an den römischen Senat geschickt haben soll. Christus ist im Profil dargestellt. Sein Bild ist in der Zeichnung von unübertroffener Schönheit. Das Profil hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Jupiterstatue im dritten Saal der Antikengalerie in Dresden. Göttliche Hoheit verbindet sich mit unsäglicher Milde, die treffend und beredt ausgedrückt ist; der Faltenwurf aber ist steif und unvollkommen und scheint das Werk eines ungeschickten Restaurators zu sein.
In den übrigen Kirchen fand ich nichts Bemerkenswertes, außer dass einige von ihnen ausgesucht schöne Türme haben, die der Stadt, von Weitem betrachtet, ein majestätisches Aussehen verleihen. Die meisten Kirchen brannten bei den großen Feuersbrünsten ab, die die Stadt im 18. Jahrhundert heimsuchten, deshalb wirkt ihr Äußeres noch neu. Auch haben sich nicht alle von der Verwüstung erholt, die sie 1807 erlitten, als sie als Lazarette dienen mussten.
Ausschnitt aus einem Königsberger Theaterzettel.
Das hiesige Neue Theater ist unbestreitbar das bemerkenswerteste Werk der Baukunst in Königsberg; an Schönheit können sich die Theater Wiens und Berlins nicht mit ihm messen. Es hat ganz ungewöhnliche Ausmaße und steht auf einem schönen Platz.
Das Theater am Paradeplatz. An seiner Stelle steht heute das Wohnhaus Uliza Uniwersitetskaja 4–10.
Man kann es von allen Seiten betrachten und über die Wirkung staunen, die dieses edle Kunstwerk hervorbringt. Die langgestreckte Fassade des Gebäudes wird von keinen Fensteröffnungen unterbrochen und hat an beiden Enden Portiken ägyptischer Ordnung. Bei der Größe des Bauwerks wäre jede andere Säulenordnung kleinlich und unpassend, denn nur Säulen von großem Durchmesser harmonieren mit dem architektonischen Gesamtentwurf. Dennoch wirkt die Fassade etwas eintönig und schwerfällig, denn die Reliefs, die an den Wänden angebracht werden sollen, fehlen.
Sie wurden bei Direktor Schadow in Berlin bestellt, sind aber aus Geldmangel bis heute nicht in Königsberg angekommen.
Von jedem Portikus führen drei Eingänge ins Innere: die linken zur Bühne und in die Garderobe, die rechten zu den Logen des zweiten und dritten Ranges sowie zur Galerie. Auf der Giebelseite, die zum Schlossteich blickt, gelangt man durch drei große Arkaden in ein offenes, geräumiges Vestibül, das zu den Zuschauergängen ins Parterre, zu den Logen des ersten Ranges, in den Konzertsaal und zum Büfett führt.
Die Korridore sind wie das Vestibül und die Treppe breit und bequem, sodass es selbst bei größtem Andrang nie Gedränge gibt und ein ganz voller Saal sich in fünf Minuten leert, wovon ich mich mit eigenen Augen überzeugt habe. In dieser Hinsicht verdient das Theater, als Vorbild angeführt zu werden. Das Büfett grenzt an das Vestibül und ist ebenso geräumig wie prächtig. Der Konzertsaal liegt über dem Vestibül und fasst reichlich 600 bis 700 Personen. Er ist so angelegt, dass die Musik aus ihm nicht in den Zuschauerraum des Theaters dringt, sodass Konzerte und Vorstellungen gleichzeitig stattfinden können.
Blick von der Bühne in den Saal. Ins Auge fällt die prunkvolle Königsloge.
Die Innenräume des Theaters sind reich und geschmackvoll gestaltet und übertreffen in dieser Hinsicht alles, was ich je gesehen habe. Alle Logen sind offen und durch keine Wände getrennt, in der Mitte befindet sich die prächtige Königsloge (siehe oben).
Déjà-vu: das Schillerdenkmal (links) auf dem Platz vor dem Theater.
Sie hat schön bemalte Seitenwände, die mit Wandleuchtern geschmückt sind, und ist von den übrigen Logen durch zwei reich vergoldete kannelierte korinthische Säulen getrennt, die die eleganten Deckenbalken tragen.
Die Logen reichen nicht bis zur Bühne, sondern sind auf jeder Seite durch 50 bis 60 Fuß lange Wände von ihr getrennt. In diesen Wänden gibt es zwei Nischen, in denen antike Blumenkörbe stehen. Hinter dem Orchester gibt es einen sogenannten „geschlossenen Bereich“ mit Zuschauerplätzen. Dort sitzen gewöhnlich die Kunstkritiker, weshalb Karten dafür selten verkauft werden. Die Größe des Parterres erlaubte es, die Sitze in drei Gruppen anzuordnen, zwischen denen Raum zum Stehen ist. Alle Sitze haben Lehnen, was wohl nötig ist, um während eines vierstündigen Theaterbesuchs nicht zu ermüden. Hinter dem Parterre liegt ein Podium, von dem aus man alles hervorragend hört und sieht. Dort befindet sich der Zuschauer in einer gewissen Abgeschiedenheit vom übrigen Saal18. Für diese Plätze zahlt man mehr als für das Parterre.
Links von der Bühne gibt es eine Uhr, und rechts steht in einem Halbkreis der Titel des Stücks, das am folgenden Tag gegeben wird.
Die Bühne ist sehr groß und hat im Unterschied zu allen deutschen Theatern folgende Besonderheit: Es gibt hier keine Kulissen, sondern stattdessen zwei schräge Seitenwände, die die Verwandlungen erleichtern, sich in der Perspektive besser ausnehmen und mit dem Geschehen auf der Bühne harmonieren.
Dieses prachtvolle Theater brannte 1808, kaum dass es erbaut war. Der berühmte Dekorationsmaler Breysig verlor dabei seine Sammlung von Zeichnungen der erlesensten Gebäude und Landschaften, die er in zwanzig Jahren Reisen durch Europa angefertigt hatte. Diese im Feuer untergegangene Sammlung war so reich, dass sich eine zweite, ihr ebenbürtige vielleicht nicht finden lässt; der Schaden war folglich unersetzlich. Die Brandursache wurde nie ermittelt, obwohl für jede glaubwürdige Auskunft eine Belohnung von tausend Talern ausgesetzt war. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um Brandstiftung, denn zuvor waren viele Fälle mutwilliger Beschädigung der Verzierungen und beweglichen Teile des Gebäudes sowie von Fenstern, Türen, Sitzen und dergleichen festgestellt worden, was eben auf böse Absicht hindeutet.
Die alte Königsberger Börse und der Turm des Grünen Tores (links) auf dem Kneiphof.
Das zweite Königsberger Theater heißt nur deshalb das Alte, um es vom neueren Theater zu unterscheiden. Es wurde erst vor etwa fünfzehn Jahren neu erbaut, nachdem es bis auf die Grundmauern abgebrannt war.

Das Grüne Tor und die alte Börse (rechts) auf dem Kneiphof. Die Hochstraßenbrücke hat diese Ansicht verdrängt.
Es ist Privateigentum eines Kaufmanns, der, obwohl er aus der Vermietung des Gebäudes großen Gewinn zog, es nach dem Brand mit offenkundiger Sparsamkeit und unter Missachtung aller Regeln der Baukunst wieder aufbaute. Es heißt, die Königsberger seien über diesen Geiz des Bauherrn äußerst verärgert gewesen, was den Anlass zum Bau des neuen großen Theaters gab.
Man erzählt, der Besitzer des Alten Theaters habe einen Professor, den die geschmacklose Bauweise des Gebäudes schon lange ärgerte, gebeten, ihm eine passende Inschrift zu verfassen. Dieser willigte ein und schickte, als man ihn an sein Versprechen erinnerte, Folgendes: „Dies ist ein Haus der Komödie und keine Kaserne.“
Herrn B. (so hieß der Besitzer) gefiel das natürlich nicht, und er wandte sich an Kant, der damals schon sehr alt war, mit der Bitte, eine passendere Widmung zu verfassen.
Kant fand diese Bitte unpassend und lästig. Professor Ring, der damals bei ihm zu Gast war, sah auf dem Tisch einen Band Vergil, schlug ihn aufs Geratewohl auf und las den erstbesten Satz: Amant alterna Camēnae19. Dieser wurde dann an der Fassade des Gebäudes angebracht, obwohl er, aus dem Text Vergils herausgerissen, in diesem Fall völlig sinnlos war.
Das Theatergebäude diente während der Mobilmachung der Armee als Montierungsdepot und steht gegenwärtig leer.
Die Börse im Kneiphof an der Grünen Brücke ist ein anmutiger Pavillon in edlem antikem Stil, der, wie es heißt, viel Geld gekostet hat, weil er auf seltsames Drängen der städtischen Kaufmannschaft auf dem Wasser, also auf Pfählen, errichtet wurde. Das Börsengebäude hat auf zwei Seiten schöne Peristyle mit ionischen Säulen und eine runde, mit Kupfer gedeckte Kuppel und sieht sehr schön aus.

Das Kneiphöfische Rathaus. Seit dem zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts befand sich darin
das Rathaus des vereinigten Königsberg.
Das Kneiphöfische Rathaus (siehe oben) ist ein solides, reich und elegant geschmücktes Gebäude mit einer prächtigen Treppe und einem anmutigen Säulenportal. Auch der große, mit Marmor verkleidete und mit Statuen geschmückte Magistratssaal ist einer alten Stadt würdig.
Das Interieur des Kneiphöfischen Rathauses.
Das Rathaus der Altstadt, das Königliche Waisenhaus, heute die Zellersche Lehranstalt, und die Königliche Bibliothek wurden Anfang des 18. Jahrhunderts in dem damals vorherrschenden französischen Stil erbaut, der entschieden edler ist als der Stil späterer Zeit. Die beiden letztgenannten Gebäude sehen besonders gut aus und haben das Aussehen von Palästen. Die Fassade des ersten verdirbt eine unverhältnismäßig hohe Treppe und einige unförmige Säulen.
Die übrigen öffentlichen Gebäude zeichnen sich ebenso wenig aus wie die Privatbauten, denn die ersten wurden mit äußerster Sparsamkeit errichtet, und bei den zweiten zählten nur Bequemlichkeit und Komfort ihrer Bewohner, weshalb ausdrucksvolle dekorative Lösungen nur in den Innenräumen zu finden sind. So ist es gewöhnlich in Handelsstädten. In Riga, Danzig, Hamburg, Amsterdam und London zum Beispiel sind geschmackvoll gebaute Häuser ebenso selten wie hier, obwohl hier wie dort nicht wenige reiche Leute wohnen.
LEGENDEN PREUSSENS im Blog von Tatjana Koliwai.
ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN
1. Friedrich I. (1657–1713) – ab 1688 als Friedrich III. Kurfürst von Brandenburg, ab 1701 erster König in Preußen, aus dem Haus Hohenzollern.
2. Friedrich Wilhelm II. von Preußen (1744–1797) – König von Preußen ab 1786. Sohn August Wilhelms und Luise Amalies von Braunschweig-Wolfenbüttel, Neffe Friedrichs II. des Großen.
3. Roustam Raza (frz. Roustam Raza, 1782–1845) – Mameluck, Leibwächter und Waffenträger Kaiser Napoleons.
4. Joachim Murat (frz. Joachim Murat; 1767 –1815) – napoleonischer Marschall, Großherzog von Berg 1806–1808, König von Neapel 1808–1815. Wegen seiner Vorliebe für theatralische Effekte und prunkvolle exotische Gewänder erhielt er den Spitznamen „Theaterkönig“ (siehe unten).
Der französische Historiker und Diplomat, Gesandter Frankreichs am Hof der russischen Kaiserin Katharina II., Graf Louis-Philippe de Ségur, beschrieb diesen Mann so: „Murat, durch die Erlesenheit seiner Kleidung ein Theaterkönig und durch seine Unbändigkeit und brodelnde Energie ein wahrer Monarch, war kühn wie ein verwegener Angriff und hatte stets eine Miene der Überlegenheit und drohender Verwegenheit, was beim Angriff die gefährlichste Waffe war.“
Murat nimmt die Parade ab. Zeichnung von Jacques Onfroy de Bréville, seinerzeit unter dem Pseudonym Job bekannt.
5. Hans Jakob von Auerswald (1757–1833) – preußischer General und Politiker. Als Vertrauter des Königs wurde von Auerswald wiederholt in verantwortungsvolle Ämter berufen: 1788 wurde ihm die Einrichtung des landwirtschaftlichen Kredits übertragen, 1797 war er Kammerpräsident in Westpreußen, 1802 bekleidete er dasselbe Amt in Ostpreußen, 1808 wurde er zum Oberpräsidenten von Ost- und Westpreußen ernannt. Als das Amt des Oberpräsidenten abgeschafft wurde, wurde Hans Jakob von Auerswald zum Präsidenten der Hauptverwaltung Ostpreußens ernannt und 1811 zum Landhofmeister des Königreichs Preußen erhoben. Als Kurator der Königsberger Universität erwies er seinem Heimatland ebenfalls große Dienste.
6. Zeughaus – Arsenal, Waffenkammer.
7. Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) – König von Preußen ab 1797. Sohn Friedrich Wilhelms II. und Friederike Luises von Hessen-Darmstadt, Großneffe Friedrichs II. des Großen, Vater der russischen Kaiserin Alexandra Fjodorowna (Charlotte von Preußen), Großvater des russischen Kaisers Alexander II. Teilnehmer der Kriege gegen Napoleon und des Wiener Kongresses, einer der führenden Köpfe und Begründer der Heiligen Allianz.
8. Das Restaurant „Blutgericht“ wird im heutigen Kaliningrad meist nicht mit der russischen Übersetzung, sondern mit seinem deutschen Namen bezeichnet. Der Ruhm des Blutgerichts lässt den Kaliningrader Gastronomen keine Ruhe, und sie unternehmen immer wieder Versuche, es wiederzubeleben.
9. Schlacht bei Pułtusk (Bataille de Pultusk) – Gefecht am 14. (26.) Dezember 1806 zwischen der russischen und der französischen Armee bei der polnischen Stadt Pułtusk während des Vierten Koalitionskrieges.
10. Jakob Philipp Hackert (1737 –1807) – deutscher Landschaftsmaler und Kupferstecher, Vertreter des Klassizismus und der Romantik in der westeuropäischen Kunst der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
11. Martin von Wallenrodt (1570–1632) war Jurist und Büchersammler. 1619 nahm die herzogliche Regierung in Königsberg den 49-jährigen Wallenrodt, damals Amtshauptmann von Tapiau, in ihre Reihen auf und übertrug ihm das wichtige Amt des Kanzlers von Preußen. Wallenrodt sammelte sein Leben lang Bücher und hinterließ 2000 wertvolle Bände. Sie bildeten den Grundstock der Wallenrodtschen Bibliothek, die er der Stadt und der Universität übergab.
12. Bei der Beschreibung (aus dem Gedächtnis?) der Epitaphe im Dom nannte der Verfasser irrtümlich den Namen des preußischen Kanzlers Cocceji (Samuel Freiherr von Coccej, 1679–1755, der in Berlin starb und begraben wurde). Im Königsberger Dom befand sich das Sarkophag-Epitaph des Kanzlers von Preußen der Jahre 1663–1665, Johann von Kospoth (Johann von Kospoth, 1601-1665).

Das Epitaph für Bischof von Polentz (links) befand sich an der Wand des Doms neben ähnlichen Denkmälern für Angehörige der Familie von Borck.
13. Georg von Polentz (George von Polentz; um 1478–1550) – Bischof von Samland und Pomesanien. Letzter Bischof von Samland 1518–1525, erster katholischer Bischof, der den protestantischen Glauben annahm.
14. Luther (Lothar) von Braunschweig (um 1275–1335) – 18. Hochmeister des Deutschen Ordens ab 1331. Er förderte den Bau des Königsberger Doms nicht als Wehrkirche, sondern als rein sakralen Bau im gotischen Stil: Am 13. September 1333 erteilte er die Genehmigung zur Fortsetzung des 1330 begonnenen Dombaus in Königsberg.
15. Andreas Osiander (1498–1552) – deutscher lutherischer Theologe und protestantischer Reformator. 1549 ließ er sich in Königsberg nieder und übernahm den Lehrstuhl für Theologie an der dortigen Universität. Er spielte eine entscheidende Rolle bei der Bekehrung der Deutschordensritter zum Luthertum. Osiander lebte und wirkte bis zu seinem Tod 1552 in Königsberg.
16. Antonio Allegri da Correggio (Correggio; Antonio Allegri; um 1489–1534) – italienischer Maler, einer der bedeutendsten Meister der Hochrenaissance.
17. Abbé Georg Joseph Vogler (1749–1814) – deutscher Komponist, Organist, Musiktheoretiker, Musikpädagoge und Musikwissenschaftler.
18. Offenbar ist das Amphitheater gemeint.
19. Amant alterna Camenae – „Die Camenen (Musen) lieben den Wechsel“. (Vergil, „Bucolica“, III, 59).
Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.

