/ Königsberg – Kaliningrad

Sieben Jahrhunderte Königsberg

Sieben Jahrhunderte Königsberg

Königsberg vor dem Krieg.

Blick über den Pregel auf die Altstadt. Am Ufer herrscht reges Treiben auf dem Fischmarkt. Über den Dächern der Häuser erhebt sich das Königsberger Schloss. Links das efeuumrankte alte Gebäude der Universität Albertina auf dem Kneiphof.

Die Geschichte Königsbergs beginnt im Januar 1255. Ich sehe die berechtigte Frage schon voraus: Und was ist mit dem prußischen Twangste? Haben hier nicht schon vor der Gründung der Burg am Ufer des Pregels durch den Deutschen Orden Menschen gelebt? Ich lege meine Position gleich offen: Zwischen Königsberg und Twangste besteht keine Kontinuität. Zwischen Kaliningrad und Königsberg gibt es sie, zwischen Twangste und Königsberg nicht. Die Ordensritter selbst taten alles, damit wir möglichst wenig über die vorchristliche Geschichte dieser Gegend erfahren. Indem sie sämtliche Zeugnisse einer prußischen Siedlung an diesem Ort zerstörten und keine eigenen Beschreibungen des prußischen Alltags hinterließen, schufen sie ein historisches Rätsel. Archäologen und Historiker sind sich bis heute nicht einig, ob Twangste ein Heiligtum oder lediglich eine befestigte Siedlung war, wie viele Prußen hier lebten und welche Rolle Twangste in der prußischen Geschichte spielte. Die Burg Königsberg war weder Erbin der prußischen Siedlung noch deren logische Fortsetzung, und deshalb wurde eben das Jahr 1255 zum Gründungsjahr Königsbergs im eigentlichen Sinne.

Die Geschichte Königsbergs beginnt im Januar 1255. Ich ahne schon die berechtigte Frage: Und was ist mit dem prußischen Twangste? Lebten hier denn nicht schon Menschen, bevor der Deutsche Orden am Ufer des Pregel seine Burg gründete? Ich lege meinen Standpunkt gleich offen: Zwischen Königsberg und Twangste gibt es keine Kontinuität. Zwischen Kaliningrad und Königsberg besteht sie, zwischen Twangste und Königsberg nicht. Die Ordensritter selbst taten alles, damit wir so wenig wie möglich über die vorchristliche Geschichte dieser Gegend erfahren. Sie vernichteten sämtliche Zeugnisse der hiesigen prußischen Siedlung und hinterließen keine eigenen Beschreibungen des prußischen Alltags – und schufen so ein historisches Rätsel. Archäologen und Historiker sind sich bis heute nicht einig, ob Twangste ein Heiligtum oder schlicht eine befestigte Siedlung war, wie viele Prußen hier lebten und welche Rolle Twangste in der prußischen Geschichte spielte. Die Burg Königsberg war weder Erbin der prußischen Siedlung noch deren logische Fortsetzung, und deshalb wurde eben 1255 zum Gründungsjahr Königsbergs als solchem.

DAS ERSTE JAHRHUNDERT – MIT FEUER UND SCHWERT

Ottokar II. Přemysl

(um 1230–1278)

Ab 1253 König von Böhmen. Stärkte die königliche Macht und die militärische Schlagkraft des böhmischen Staates. Führte 1254–55 ein Ritterheer an, um die prußischen Gebiete im Samland zu erobern. Plante in den 1260er Jahren einen weiteren Zug nach Preußen, konnte jedoch nicht daran teilnehmen. Fiel in der Schlacht bei Dürnkrut gegen die Truppen des römisch-deutschen Herrschers Rudolf I. Eine Statue Ottokars II. schmückt den Giebel des Königstors in Königsberg (heute Kaliningrad).

Die Gründung der Burg Königsberg erfolgte nach dem Kreuzzug ins Samland, bei dem der böhmische König Ottokar II. Přemysl die führende Rolle spielte. Das christliche Heer aus Rittern des Deutschen Ordens und Ottokars Kreuzfahrern zog im Winter 1254–55 über die Samländische Halbinsel und löschte ganze Dörfer von Heiden aus, bis die prußischen Anführer sich unterwarfen und um Frieden baten. Eine Kapitulation sah damals so aus: Die einheimischen Stammesführer gaben ihre Söhne als Geiseln, die Bevölkerung ließ sich taufen, und der örtliche Adel, der in der Regel seine Ländereien und Privilegien behielt, schlug sich auf die Seite der Sieger. Nach der Eroberung des Samlands wurde auf einer hohen Anhöhe an der Pregelmündung die Burg Königsberg gegründet.

Die wichtigste historische Quelle über die Ereignisse jener Jahre, die „Chronik des Preußenlandes“ Peters von Dusburg, berichtet recht knapp über die Gründung der Burg selbst:

„Nach dem Abzug des Herrn Königs von Böhmen bereiteten der Meister und die Brüder alles für den Bau Nötige mit gutem Erfolg vor, nahmen die ihnen treuen Prußen mit sich, zogen mit großem Heer aus im Jahre des Herrn 1255 und erbauten an jener Stelle, die heute die alte Burg genannt wird, die Burg Königsberg, die sie zu Ehren des Königs von Böhmen Königsburg nannten (bei den Prußen heißt sie Tuwangste, nach dem Namen des Waldes, der an diesem Ort stand), und ließen dort Bruder Burchard von Hornhausen als Komtur mit vielen Brüdern und Knappen zurück. Später wurde diese Burg an die Stelle verlegt, wo sie heute steht, auf jenen Berg, und mit zwei Mauern und neun steinernen Türmen umgeben.“

Es gibt allen Grund zu der Annahme, dass der Ort für die Burg nicht zufällig gewählt, sondern vom Orden im Voraus ausgesucht worden war. (Bekannt ist, dass auch Vertreter der Hanse schon früher den Wunsch geäußert hatten, an der Pregelmündung eine Stadt zu gründen.) Sehr wahrscheinlich erkannte die Ordensführung bereits damals ihre strategische Lage: Die Burg sollte zum Tor des Pregel werden, den Wasserweg ins Land der Prußen öffnen und ihn im Bedarfsfall auch versperren.

Eben deshalb entwickelte sich Königsberg später zu einer großen Stadt, während alle übrigen Ordensburgen auf dem Gebiet der heutigen Oblast Kaliningrad zwar im Laufe der Zeit von Siedlungen umgeben wurden, aber nie über den Rang kleiner Städtchen hinauskamen.

Konvent

Ein Gremium aus Ordensmitgliedern: zwölf Rittern und sechs Priestern. An der Spitze des Konvents stand der Komtur; der Konvent selbst war das höchste Machtorgan in der Komturei, der Verwaltungseinheit des Ordens.

Die Burg Königsberg, damals noch aus Erde und Holzstämmen, war also gegründet. Allerdings nicht an der Stelle, an der in unserer Zeit mithilfe von Baggern „archäologische“ Ausgrabungen durchgeführt wurden. Und auch nicht dort, wo sich der graue Koloss des Hauses der Sowjets erhebt. Die Burg lag etwas östlich davon, wo heute die vor der Fußball-Weltmeisterschaft angelegte Betontreppe zum Supermarkt „Moskowski“ beginnt; zuvor war dort ein verwahrloster, reichlich mit Ziegelschutt übersäter Hang. Neben der Burg floss der Katzbach, der heute in einem unterirdischen Kanal verschwunden ist. Praktisch zeitgleich mit dem Bau der ersten Burg wurde am Bach eine Mühle errichtet – ein zentrales Glied der Ordenswirtschaft im 13. Jahrhundert. In der Burg selbst blieb eine Besatzung unter dem Komtur Burchard von Hornhausen zurück. Entgegen einem verbreiteten Irrtum nahm König Ottokar selbst an der Gründung der Burg Königsberg nicht teil: Unmittelbar nach dem Ende des Samlandzuges eilte er zurück in seine Länder und war am 17. Januar 1255 bereits in Elbing (heute das polnische Elbląg).

An dieser Stelle ist ein kleiner Exkurs zum Namen der Burg angebracht. Seit langem reißt unter Historikern und Heimatforschern der Streit darüber nicht ab, „woher Königsberg seinen Namen hat“. Und obwohl Peter von Dusburg unmissverständlich schreibt, Königsberg habe seinen Namen in Anerkennung der Verdienste König Ottokars erhalten, gibt es auch die Ansicht, dass in dem Namen in Wahrheit die Tradition des Ordens zum Ausdruck kam, neue Burgen und Festungen nach früher in Palästina verlorenen zu benennen. Man darf annehmen, dass die Ordensbrüder in diesem Fall zwei Fliegen mit einer Klappe schlugen: Sie wahrten die Tradition und bekundeten zugleich ihre Dankbarkeit gegenüber dem böhmischen König. Im Orden (zumal in jener Zeit) war es üblich, solche Fragen gemeinschaftlich zu entscheiden, und höchstwahrscheinlich war die Mehrheit, wenn nicht alle, mit dem Namen Königsberg einverstanden.

Etwa zwei bis drei Jahre später begann der Bau einer neuen Burg Königsberg, diesmal bereits an der Stelle, die wir von Vorkriegsfotos kennen.

Deutscher Orden

Geistlicher Ritterorden, 1190 in Palästina gegründet und vor allem durch die Eroberung der prußischen Gebiete und den dort errichteten Staat (1309–1525) bekannt geworden. Ab Ende des 13. Jh. in militärische Konflikte mit Litauen und Polen verwickelt. Erlitt 1410 in der Schlacht bei Tannenberg eine Niederlage gegen das polnisch-litauische Heer und verlor bedeutende Gebiete. Nach der Niederlage im Dreizehnjährigen Krieg (1454–66) wurde er Vasall Polens. Als Staat wurde er 1525 mit der Gründung des Herzogtums Preußen aufgelöst. In nomineller Form besteht er bis heute.

Der Katzbach wurde oberhalb der alten Mühle aufgestaut, wodurch der Schlossteich (dt. Schloßteich) entstand, den wir heute als Unteren Teich kennen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass er das älteste erhaltene von Menschenhand geschaffene Bauwerk der Stadt ist. Zur gleichen Zeit entstand nördlich der Burg, im Bereich des heutigen Hotels „Kaliningrad“, die erste Siedlung deutscher Kolonisten. Daneben wurde die Nikolaikirche errichtet. Der Bau der Burg kam 1260 zum Erliegen, als der Prußenaufstand unter Führung von Herkus Monte (Mantas) ausbrach. Die Burg selbst überstand diesen Aufstand, wenn auch mit größter Mühe, die Siedlung und die Kirche jedoch wurden von den Prußen niedergebrannt. Die Belagerung der Burg dauerte bis Anfang 1262. Die Burg wurde über den Pregel von außen mit Proviant versorgt, obwohl die Prußen versuchten, den Fluss zu sperren. Am 22. Januar 1262 schließlich traf vor den Mauern Königsbergs ein vereinigtes Ritterheer aus Jülich und Brandenburg ein, was die Prußen zwang, die Belagerung aufzuheben. Endgültig niedergeschlagen wurde der Prußenaufstand 1270; im selben Jahr wurde an der Südgrenze der Burg eine neue Siedlung gegründet, die später den Namen Altstadt erhielt.

Dem aufmerksamen Leser wird natürlich sofort ein Widerspruch auffallen: Eine ganz neue Siedlung erhielt den Namen „Alte Stadt“. Daran ist jedoch nichts Erstaunliches. Der Name Altstadt taucht in den Chroniken erstmals 16 Jahre später auf – im Jahr 1286, als die Siedlung das Stadtrecht erhielt. Zu diesem Zeitpunkt gab es rund um die Burg Königsberg bereits mehrere solcher Kolonistensiedlungen – die Altstadt erhielt ihren Namen als die älteste von ihnen. Die nächste Stadt unter den Mauern der Burg Königsberg, Löbenicht, die im Jahr 1300 das Stadtrecht erhielt, hieß lange Zeit Neustadt – „Neue Stadt“.

Doch kehren wir vorerst zur Burg Königsberg zurück. In den Jahren 1280–90 entstand der Hauptbau – das viereckige Konventshaus, umgeben von einer Mauer aus Backstein und Feldstein mit Zwischentürmen an den Längsseiten (im Süden und Norden). Das Tor befand sich im Osten. An der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert hatte die Burg Königsberg ihre Gestalt als Festung gewonnen, und spätere Um- und Ausbauten dienten vor allem dem Ausbau ihrer Verwaltungsfunktionen.

Im Jahr 1312 trat im Leben der Burg Königsberg ein einschneidendes Ereignis ein – sie wurde Sitz des Marschalls des Deutschen Ordens, eines hohen Würdenträgers, der für die militärischen Belange der Ordensbrüder zuständig war.

Kulmer Recht

Rechtsdokument, das die Abgrenzung der Zuständigkeiten zwischen dem Deutschen Orden und den städtischen Gemeinwesen sowie die Rechte und Pflichten der auf dem Gebiet des Deutschen Ordens gegründeten Städte festlegte. Es entstand auf der Grundlage des ersten derartigen Vertrags, der 1233 mit der Stadt Kulm (Chełmno) geschlossen wurde. Auch Polen übernahm es. In Preußen galt es unmittelbar bis 1620, mittelbar (Kölmisch) in Bezug auf das Privateigentum der Bürger bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts.

Und wieder spielte bei der Wahl des Marschallsitzes die günstige geografische Lage Königsbergs als Stützpunkt für den bevorstehenden Vorstoß gegen Litauen die entscheidende Rolle: Die Burg lag am Schnittpunkt von Wasser- und Landwegen, war gegen eine kurze Belagerung gefeit und zugleich nicht allzu weit von den Schauplätzen der kommenden Kämpfe entfernt. In den folgenden Jahren sah Königsberg zahllose Ritter, von namenlosen Abenteurern bis zu Personen königlichen Geblüts, die als „Gäste“ kamen – so nannte man damals im Orden die Teilnehmer der Kreuzzüge in die litauischen Lande.

Auch die Siedlungen an den Mauern der Burg entwickelten sich. Bereits erwähnt wurden die Altstadt, die sich zwischen Burg und Pregel erstreckte, und Löbenicht, das nach heutiger Orientierung im Bereich der Saraiskaja-Straße und des Hochzeitspalastes lag. Die dritte Stadt entstand 1327 und erhielt im selben Jahr ihre Rechte – auf der Insel Kneiphof (heute Kantinsel), die sie genau vollständig einnahm. Drei Jahre später legte der örtliche Bischof Johannes Clare auf dem Kneiphof den Grundstein für den künftigen Dom, der bereits 1333 geweiht wurde und die ersten Gläubigen empfing, obwohl sein Bau erst 1380, nach Clares Tod, vollendet war.


Chronologie der wichtigsten Ereignisse

1226–1283 – Unterwerfung der Prußen durch den Deutschen Orden.

1255 – Gründung der Burg Königsberg.

1260-70 – Aufstand der Prußen unter Führung von Herkus Monte (Mantas).

26. Februar 1286 – Die Altstadt erhält das Stadtrecht.

5. Mai 1300 – Löbenicht erhält das Stadtrecht.

1309 – Verlegung des Hauptsitzes des Deutschen Ordens nach Preußen (Marienburg / Malbork).

1312 – Verlegung des Sitzes des Ordensmarschalls in die Burg Königsberg.

6. April 1327 – Kneiphof erhält das Stadtrecht.

1329 – Gründung des Hospitals St. Georg.

1330 – Baubeginn des Doms.

1339 – Erste Erwähnung des Seehafens von Königsberg und der Straßenpflasterung in der Altstadt.

1339–1340 – Altstadt, Kneiphof und Löbenicht treten der Hanse bei.

DAS ZWEITE JAHRHUNDERT – DER DEUTSCHE ORDEN

„Chronik des Preußenlandes“

Erste Chronik der Ereignisse in Preußen, verfasst vom Ordensbruder Peter von Dusburg (Duisburg); sie umfasst den Zeitraum von der Gründung des Ordens in Palästina bis 1326 (Tod des Autors). Die wichtigste historische Quelle zur Unterwerfung der Prußen und zu den Kriegen des Ordens mit Litauen.

Für den weniger bewanderten Leser sollte die Erzählung wohl mit einer Erläuterung zum Aufbau einer mittelalterlichen Stadt fortgesetzt werden, denn es stellt sich die Frage: Was sind das für Städtchen von anderthalb Häuserblocks, und warum lagen sie so dicht beieinander, ohne zu einer einzigen Stadt zu verschmelzen? Nun, eine mittelalterliche Stadt ist vor allem das Stadtrecht – ein Bündel von Rechten, Freiheiten und Pflichten, das das gesamte städtische Leben bestimmt. In Preußen war dies das Kulmer Recht, da die Verträge mit den Städten nach dem Muster jenes Vertrags abgefasst wurden, den der Deutsche Orden zuvor der Stadt Kulm (heute Chełmno in Polen) ausgestellt hatte. Ob in der Stadt 50 oder 5000 Menschen lebten, war unerheblich; entscheidend war, dass die Siedlung das Recht der inneren Selbstverwaltung besaß. Dieses Recht galt auf einem streng abgegrenzten Gebiet innerhalb der Stadtmauern. Ihre Grenzen erweitern konnte eine Stadt nur mit Zustimmung des Landesherrn, der in Preußen der Deutsche Orden war, und eine solche Erweiterung kam äußerst selten vor. Dafür entschied innerhalb der Stadtgrenzen der Magistrat praktisch über alles, abgesehen allenfalls von politischen und religiösen Fragen. Ihm floss auch der Großteil der Einnahmen aus allerlei Abgaben und Steuern zu. Nur in die Politik durften sich die Bürger (so hießen die vollberechtigten Stadtbewohner) keinesfalls einmischen. Hier herrschte uneingeschränkt der Landesherr (in unserem Fall der Orden), der als Garant der Rechte von Stadt und Bürgern auftrat und zugleich Schutz vor äußeren Bedrohungen bot. Allerdings waren die Städte im Fall eines größeren Konflikts verpflichtet, ein städtisches Aufgebot zu stellen oder eine bestimmte Anzahl von Berufssoldaten für das Ordensheer anzuwerben – oder beides zu tun. Und eine solche Gelegenheit bot sich der Altstadt, Löbenicht und dem Kneiphof im Jahr 1370, als ein Aufgebot zusammengezogen wurde, um in der Schlacht bei Rudau einem litauisch-russisch-tatarischen Heer entgegenzutreten. Der Legende nach tat sich in dieser Schlacht der Kneiphöfer Schuhmacher Hans Sagan hervor.

Das Konglomerat aus Burg Königsberg, Altstadt, Löbenicht und Kneiphof bestand recht wohlbehalten mehr als hundert Jahre lang – bis zum Beginn des Großen Krieges des Deutschen Ordens gegen das Königreich Polen und das Großfürstentum Litauen (1409–1411).

Nach und nach bildeten sich die „Spezialisierungen“ der Städte heraus: In der Altstadt blühte das Handwerk, im Kneiphof der Handel, Löbenicht betrieb eher Landwirtschaft auf den ihm gehörenden Ländereien. Später entstand das Sprichwort: „Der Altstadt die Macht, dem Kneiphof die Pracht, dem Löbenicht der Acker“ (dt. Der Altstadt die Macht, dem Kneiphof die Pracht, dem Löbenicht der Acker). Da sie sich nicht allein auf den Schutz hinter den Mauern der Burg verlassen wollten, legten sich die Städte eigene Befestigungsmauern zu. Am einfachsten gelang dies dem Kneiphof, der ein recht beachtliches natürliches Wasserhindernis besaß – die beiden Arme des Pregels und den Hundegatt dazwischen. An den Ufern der Insel errichtete man eine Mauer mit Türmen und Toren. Die Tore lagen gegenüber den Brücken, über die die Wege auf die Insel führten. Altstadt und Löbenicht schufen ein gemeinsames Befestigungssystem, das entlang der Stadtgrenze durch eine innere Wehrmauer geteilt war.

Die Schlacht bei Grunwald„Die Schlacht bei Grunwald“. Ausschnitt aus dem Gemälde des polnischen Malers Jan Matejko. Die Schlacht fand am 15. Juli 1410 statt, das Werk entstand 1878. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Leinwand in Lublin versteckt. Nach der Befreiung Polens kehrte das berühmte Gemälde ins Nationalmuseum in Warschau zurück.

Erster Thorner (Toruner) Frieden

Mit der Unterzeichnung des Ersten Thorner Friedensvertrags endete am 1. Februar 1411 der Große Krieg des Deutschen Ordens gegen Polen und Litauen. Dank der gut organisierten Verteidigung der Marienburg und anderer Burgen gelang es dem Deutschen Orden, trotz der Niederlage in der Hauptschlacht – der Schlacht bei Tannenberg – milde Friedensbedingungen auszuhandeln. Die härteste Bedingung war eine Kontribution von 100.000 böhmischen Groschen, die in der Folge die Wirtschaft des Ordensstaates untergrub.

Im Mai 1409 begann der Große Krieg des Deutschen Ordens gegen das Königreich Polen und das Großfürstentum Litauen, die die zuvor vom Orden eroberten Gebiete zurückgewinnen wollten. Der Ausgang des Krieges entschied sich in der Hauptschlacht – bei Tannenberg (15. Juli 1410), in der der Orden vollständig geschlagen wurde. Doch dank der Bemühungen Heinrichs IV. Reuß von Plauen, der (nach dem Tod Ulrichs von Jungingen) das Amt des Hochmeisters übernommen hatte, gelang es dem Ordensheer in der Folgezeit, die Schwere der Niederlage von Tannenberg einigermaßen auszugleichen, indem es den Angriff des polnischen Heeres auf seine Hauptstadt Marienburg (heute Malbork) erfolgreich abwehrte. Von Plauen selbst und seine Mitstreiter vermochten bei den anschließenden Verhandlungen über den Ersten Thorner Frieden (01.02.1411) für den Orden Bedingungen zu erwirken, die in politischer Hinsicht und bei den Gebietsabtretungen mehr als milde ausfielen. Der einzige Punkt, an dem sich die Unterhändler des Ordens gründlich verschätzten, war die Höhe der an das Königreich Polen zu zahlenden Kontribution. Da der Orden aus der vom Krieg geleerten Kasse neben der Kontribution zugleich die Schulden bei den Söldnertruppen begleichen musste, begann er in großem Umfang Landbesitz zu verkaufen und erhöhte die Steuerlast für die Bevölkerung und die Städte. Dies rief Widerstand hervor und führte 1440 zur Gründung des Preußischen Bundes, dessen Kern der Adel und die Geistlichkeit von Danzig, Thorn und Elbing bildeten.

Neben den häufigen Kriegen gegen äußere Gegner kam es in jener Zeit zwischen den Städten am Pregel nicht selten zu Handels- und Zollkriegen, die allerdings nie in bewaffnete Auseinandersetzungen mündeten. So drangen die Altstädter 1414 in das Gebiet des Löbenicht ein und rissen die an die innere Stadtmauer angrenzenden Häuser nieder, mit der Begründung, die Gebäude stellten eine Gefahr für die Altstadt dar. Die Löbenichter waren empört, konnten dem stärkeren Nachbarn jedoch nichts entgegensetzen und mussten sich fügen. Nur in äußersten Fällen wandten sich die Städte an die Ordensobrigkeit auf der Burg als Schiedsrichter. Kleinere Rechtsfälle, die nicht mit Aufruhr oder schweren Verbrechen zusammenhingen, wurden von den Stadtverwaltungen selbst verhandelt.


Chronologie der wichtigsten Ereignisse

1360–70 — Verstärkter Druck auf Litauen.

1370 — Schlacht bei Rudau.

1382 — Beginn des Baus des Königsberger Kanalsystems.

1409–11 — Großer Krieg des Deutschen Ordens gegen das Großfürstentum Litauen und das Königreich Polen.

15. Juli 1410 — Vernichtende Niederlage des Ordensheeres in der Schlacht bei Tannenberg.

1. Februar 1411 — Abschluss des Ersten Thorner (Toruner) Friedens.

1420 — Eröffnung der ersten Apotheke in der Altstadt.

28. Februar 1440 — Beginn der Versammlung von Vertretern der preußischen Städte in Elbing, in deren Ergebnis am 14. März der Preußische Städtebund gegründet wurde.

DAS DRITTE JAHRHUNDERT — SÄKULARISIERUNG

Zweiter Thorner (Toruner) Frieden

Mit der Unterzeichnung des Zweiten Thorner Friedensvertrags endete am 19. Oktober 1466 der Dreizehnjährige Krieg zwischen dem Deutschen Orden und dem Preußischen Städtebund. Nach den Bestimmungen des Vertrags verlor der Orden bedeutende Gebiete, darunter seine Hauptstadt Marienburg, und wurde selbst zum Vasallen Polens. Die Hauptstadt des Ordens wurde nach Königsberg verlegt.

Der Beginn der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts war von einer Verschlechterung der wirtschaftlichen und innenpolitischen Lage im Ordensstaat geprägt. Der Bund der preußischen Städte bereitete sich auf die offene Konfrontation mit dem Orden vor, und Emissäre des polnischen Königs verhandelten nahezu überall mit den Stadträten. Im März 1454 schickte der Bund der preußischen Städte eine repräsentative Delegation nach Krakau, um dem polnischen König eine Urkunde über den Übertritt unter seine Herrschaft zu überreichen. Im Gegenzug händigte der König den Delegierten eine Urkunde über die Inkorporation der Städte und der Ordenslande (auf denen sie lagen) in das Königreich Polen aus und sagte mündlich militärische Unterstützung zu. Es folgte die Ratifizierung der in Krakau getroffenen Vereinbarungen, was unweigerlich zum Krieg des Ordens gegen die aufständischen Städte führte, der über die preußischen Lande hinwegfegte. Tatsächlich kann man den Bürgern keinerlei Verrat oder Preisgabe nationaler Interessen vorwerfen. Denn der Staat des Deutschen Ordens war kein Nationalstaat wie etwa Frankreich oder England, wo die Völker nach dem Hundertjährigen Krieg durch ein nationales Selbstbewusstsein geeint waren, das sich um die Gestalt der Erbmonarchen herausgebildet hatte. In Preußen gab es nichts dergleichen. Die Städte verstanden sich als eigenständige Verwaltungseinheiten, die lediglich durch den Überbau des Ordens verbunden waren, der sich zudem noch eifrig von ihnen fernhielt. Gerade deshalb entschieden die Städte selbst, mit wem ein Bündnis für sie bequemer und vorteilhafter war.

Die Königsberger Städte, die sich zunächst über ihre Vertreter den Aufständischen angeschlossen hatten, änderten unter dem Druck der rebellierenden Zünfte ihre Haltung und blieben dem Orden treu.

Nur der Kneiphof versuchte anfangs, sich der propolnischen Koalition anzuschließen, und wurde daraufhin von den Truppen des Deutschen Ordens und der Altstadt belagert. Zu Kampfhandlungen kam es jedoch nicht – die Kneiphöfer erkannten ihre aussichtslose Lage und erklärten ihre Unterstützung für den Orden.

In der Anfangsphase konnte der Orden im Krieg gewisse Erfolge verbuchen, doch bald errangen das Aufgebot der im Preußischen Bund vereinten Städte, die polnischen Truppen und ihre Söldner einen Sieg nach dem anderen und brachten den Orden an den Rand einer militärischen Katastrophe. Die Ordensritter baten um Frieden, der mit dem Zweiten Thorner Friedensvertrag (19.10.1466) geschlossen wurde. Diesmal waren die Bedingungen für den Orden äußerst hart: Er verlor riesige Gebiete samt seiner Hauptstadt Marienburg (heute das polnische Malbork), die Städte erhielten erweiterte Befugnisse, und der Orden selbst wurde Vasall des polnischen Königs. Für uns ist diese Episode der Geschichte vor allem deshalb von Interesse, weil infolgedessen die Hauptstadt des Ordensstaates nach Königsberg verlegt wurde.

GesuchGesuch der Mitglieder des Preußischen Bundes an König Kasimir um die Eingliederung Preußens in das Königreich Polen. Aufbewahrt in Warschau im Hauptarchiv Alter Akten.

Albrecht von Brandenburg

(1490–1568)

Letzter (37.) Hochmeister des Deutschen Ordens (ab 1511); wandelte 1525 die Ordenslande in ein weltliches Herzogtum um und wurde der erste Herzog in Preußen. 1519–21 führte er mit wechselndem Erfolg Krieg gegen das Königreich Polen. Ab 1522–23 wurde er Anhänger des Luthertums und förderte danach dessen Verbreitung in Preußen. Am 10. April 1525 säkularisierte er nach dem Huldigungseid gegenüber dem polnischen König Sigismund I. in Krakau den Deutschen Orden und rief das Herzogtum Preußen aus. Er führte eine Staatsreform durch, schaffte die Ordensämter ab, führte vier Räte ein und teilte das Land in drei Bezirke (1560 kamen drei weitere hinzu). 1542 erließ er ein Gesetz, wonach die höchsten Amtsträger des Landes (die Oberräte) aus dem Adel zu wählen waren. Um die wirtschaftliche und demografische Lage zu verbessern, rief er (ab 1527) verfolgte Anhänger der Reformation ins Herzogtum. Er war ein Förderer von Wissenschaft, Kunst und Bildung. Er unterstützte die Gründung der ersten Königsberger Druckereien (1523, 1549, 1554). Er holte viele namhafte europäische Gelehrte, Künstler und Architekten sowie einfach gebildete Menschen ins Land. Auf seine Initiative entstanden zunächst ein Gymnasium (das Partikular, 1540) und danach die Königsberger Universität (1544). Mittellosen Studenten verschaffte er Unterkunft und Verpflegung an der Universität und stiftete für sie besondere Stipendien. Am Ende seines Lebens zog er sich weitgehend von den Regierungsgeschäften zurück. Er wurde im Dom beigesetzt. Nach Albrecht waren in Königsberg benannt: eine Straße (heute Uliza Pazajewa), eine Allee und eine Kirche in Maraunenhof (Uliza Telmana, um 1975 zerstört).

Von diesem Zeitpunkt an begann der Niedergang des Ordens. Seine politische und finanzielle Macht war untergraben, und immer häufiger war von der Auflösung des Ordensstaates selbst und der Eingliederung seines Gebiets in Polen die Rede. In verzweifelten Versuchen, dem Druck standzuhalten, begann der Orden, seine Hochmeister aus den Reihen hochgestellter Persönlichkeiten zu wählen, damit diese mit ihrem hohen Rang (ihrer Herkunft, ihren Verbindungen) den Bestrebungen, den Orden aufzulösen, entgegentreten konnten.

Die letzte solche Persönlichkeit wurde 1511 Albrecht von Brandenburg (1490–1568) aus dem Geschlecht der Hohenzollern. Albrecht ging sein Amt als Hochmeister des Ordens sehr entschlossen an. Er weigerte sich, nach Krakau zu reisen, um dem polnischen König, dessen Neffe er übrigens war, den Lehnseid zu leisten. Stattdessen provozierte er 1519 mit der Forderung nach Rückgabe der preußischen Gebiete und einer Entschädigung für deren Nutzung den sogenannten Reiterkrieg (1519–1521) – eine Reihe wechselseitiger verheerender Feldzüge der Ordensritter und der Polen. Die polnische Seite war damals aufgrund einer ganzen Reihe von Umständen nicht in der Lage, entschiedene Kriegshandlungen zu führen, sodass sich im Verlauf der Kämpfe für beide Seiten Siege und Niederlagen abwechselten. Dennoch war Albrecht klar, dass dies alles nur eine Frage der Zeit war. Seine Versuche, ein Bündnis mit dem deutschen Kaiser Maximilian I. und dem Moskauer Zaren Wassili III. zu schließen, stießen zwar nicht auf Ablehnung, mündeten aber auch in nichts Konkretes. Mehr noch: Der neue Kaiser Karl V. nahm eine gänzlich neutrale Haltung ein und verlangte, den Krieg unter Christen zu beenden. Unter diesen Umständen war Albrecht bereits bereit, auf das Hochmeisteramt zu verzichten und den Orden sogar Polen zu überlassen, als sich in seinem Leben plötzlich zwei wichtige Ereignisse zutrugen.

Das erste ist recht ausführlich beschrieben: Im November 1523 traf Albrecht mit den Begründern des deutschen Protestantismus zusammen – Martin Luther, Philipp Melanchthon und Andreas Osiander.

Die Väter des Luthertums überzeugten Albrecht in vertraulichen Gesprächen, das scheinbar Unmögliche zu wagen: den Orden als solchen zu säkularisieren, Preußen in einen weltlichen Staat zu verwandeln und den Protestantismus zur Staatsreligion zu erheben.

Das zweite Ereignis wird weit weniger beleuchtet: Noch als Hochmeister des Ordens lernte Albrecht die dänische Prinzessin Dorothea kennen. Offensichtlich hängen das Scheitern ihrer geplanten Ehe mit einem englischen Herzog im Jahr 1523, der Erwerb des weltlichen Herzogstitels durch Albrecht im Jahr 1525, der ihm eine rechtmäßige Ehe ermöglichte, und die Hochzeit von Albrecht und Dorothea im Jahr 1526 irgendwie miteinander zusammen.

Seit 1523, als der Prediger Briesmann im Dom den ersten lutherischen Gottesdienst hielt, breitete sich die neue Religion in Preußen aus. Und 1525 nahm Albrecht über Mittelsmänner Verbindung zum polnischen König Sigismund I. auf, der der Umwandlung des Ordens in das Herzogtum Preußen zustimmte, wobei der Herzog dem polnischen König lehnspflichtig blieb. Im selben Jahr 1525 wurde darüber in Krakau ein Vertrag unterzeichnet. All dies bedeutete für Königsberg eine Kehrtwende um genau 180 Grad – aus einem Bollwerk des Katholizismus im Osten Europas wurde die Hauptstadt des ersten weltlichen lutherischen Staates.

Anfangs nahmen die Umwälzungen bisweilen extremistische Züge an, mit der Zerstörung katholischer Klöster und der Verfolgung von Katholiken. Doch die Abhängigkeit vom katholischen polnischen König, der vom Herzogtum gewisse Zugeständnisse für die katholische Bevölkerung verlangte, spielte paradoxerweise eine positive Rolle: Bald wurde Königsberg zu einer der tolerantesten Städte Europas, in der Lutheraner, Calvinisten, Katholiken und sogar Juden miteinander auskamen. Die Toleranz trug sofort Früchte: In großer Zahl zogen um ihres Glaubens willen Verfolgte nach Königsberg – Franzosen, Holländer, Juden und viele andere. Man kann nicht behaupten, dass die Einheimischen, für die die Zugezogenen zweifellos eine Konkurrenz darstellten, über die Neuankömmlinge uneingeschränkt erfreut waren. Doch dass dies der Entwicklung verschiedenster Handwerke und Gewerbe einen kräftigen Schub verlieh, lässt sich nicht bestreiten.

Die drei Städte am Pregel konnten nicht mehr alle Zuzugswilligen aufnehmen, daher begannen sich in diesen Jahren die Vorstädte auszudehnen: die Burgfreiheit im Bereich des heutigen Unteren Teichs und die Nahe Vorstadt – das Gebiet am heutigen Leninski-Prospekt von der Estakadny-Brücke bis zur Krasnooktjabrskaja-Straße samt den angrenzenden Gassen.

Martin Luther

(1483–1546)

Anführer der Reformation in Deutschland, die mit seinem Auftreten in Wittenberg (1517) mit 95 Thesen gegen den Ablass, welche grundlegende Dogmen des Katholizismus verwarfen, ihren Anfang nahm. Begründer des Luthertums, Ideologe des konservativen Teils des Bürgertums. 1536 führte er eine vom katholischen Ritus abweichende Gottesdienstordnung ein. Er übersetzte die Bibel ins Deutsche und prägte die Normen der deutschen Schriftsprache. 1523 wandte er sich mit dem offenen Brief „An die Herren Deutschordens [des Deutschen Ordens – A.P.]“ an die Ordensritter und suchte sie davon zu überzeugen, dass der Orden sich als geistliche wie als weltliche Organisation überlebt habe. Ab April 1523 verhandelte er (über Mittelsmänner) mit Albrecht von Brandenburg über die Säkularisierung des Ordens und die Bildung eines weltlichen protestantischen Staates, und am 29. November 1523 traf er Albrecht persönlich. 1544 wirkte er an der Vorbereitung der Eröffnung der Königsberger Universität mit und empfahl eine Reihe von Gelehrten für ihre Professuren.

Mit Bestimmtheit lässt sich sagen, dass die Regierungszeit Albrechts von Brandenburg die an Neuerungen reichste in der Geschichte Königsbergs war. Dabei verdient die Rolle seiner Gemahlin Dorothea, die die Entwicklung der Künste und der Bildung in der Stadt nach Kräften förderte, eine angemessene Würdigung. Vielfach auf ihr Betreiben hin holte der Herzog Meister der Malerei und der Musik nach Königsberg und gründete die Neue Bibliothek (Nova Bibliotheca, 1529), die 1540 zur öffentlichen Schlossbibliothek wurde. Dorotheas eigene Bücher gingen nach ihrem Tod in den Bestand der Kammerbibliothek ein.


Chronologie der wichtigsten Ereignisse

1454-66 — Dreizehnjähriger Krieg des Deutschen Ordens gegen den Preußischen Bund.

1457 — Verlegung der Hauptstadt des Deutschen Ordens nach Königsberg.

19. Oktober 1466 — Abschluss des Zweiten Thorner Friedens (Frieden von Toruń) – der Deutsche Orden wird Vasall des polnischen Königs.

1510 — Wahl Albrechts von Brandenburg zum Hochmeister des Deutschen Ordens.

1521-23 — Reiterkrieg zwischen dem Deutschen Orden und Polen.

1525 — Auflösung des Ordensstaates, Gründung des Herzogtums Preußen.

1540 — Eröffnung der ersten öffentlichen Bibliothek im Königsberger Schloss.

17. August 1544 — Eröffnung der Königsberger Universität.

29. Mai 1549 — Eröffnung der ersten Druckerei in Königsberg durch Hans Lufft.

DAS VIERTE JAHRHUNDERT — UNTER DER HERRSCHAFT DER BRANDENBURGISCHEN KURFÜRSTEN

Die Universität in Königsberg wurde in erster Linie zur Ausbildung von Theologen und protestantischen Predigern gegründet. Eben deshalb war die theologische Fakultät lange Zeit die wichtigste (oberste), und auch später überwogen in ihrer Tätigkeit die theologische und die philosophische Richtung gegenüber den übrigen. Erst im 19. Jahrhundert sollten sich die exakten Wissenschaften und die Naturwissenschaften entfalten.

Welchen Einfluss die Universität auf das städtische Leben zu nehmen begann, zeigt anschaulich die Geschichte der sogenannten „Osiandrischen Ketzerei“, als ein theologischer Disput vom Katheder der Universität auf die Stadt übergriff und die Bürgerschaft in zwei Lager spaltete. Dies geschah, als Andreas Osiander, der aufgrund seiner früheren Verdienste um die Durchsetzung des Protestantismus großes Ansehen genoss, den christlichen Begriff der Rechtfertigung recht eigenwillig auszulegen begann. Diese Geschichte endete übrigens ganz und gar nicht wissenschaftlich: Die Bürger öffneten das Grab des inzwischen verstorbenen Osiander, um sich zu vergewissern, ob ihm nicht der Teufel den Hals umgedreht habe, und eine eigens in die Stadt entsandte Kommission des polnischen Königs verurteilte drei Anhänger Osianders – den Rat Funck und seine Mitstreiter Horst und Schnell – zum Tode. Diese düstere Episode markierte den Beginn des zweiten Abschnitts der Regierung Herzog Albrechts, der grob gesagt mit dem Tod seiner ersten Frau Dorothea im Jahr 1547 einsetzte. Ihre Ehe war in jeder Hinsicht glücklich, nur nicht, was einen Thronfolger betraf – ihre beiden Söhne starben im Säuglingsalter.

15391539. Ausschnitt aus einer Karte der Ostsee.

Die Hohenzollern

Dynastie mit mehreren Nebenlinien in deutschen und anderen europäischen Staaten. Ab 1410 Markgrafen von Brandenburg, ab 1525 Herzöge in Preußen, ab 1618 Oberhäupter des brandenburgisch-preußischen Staates, ab 1701 preußische Könige, ab 1870 deutsche Kaiser. 1918 im Zuge der Novemberrevolution in Deutschland gestürzt.

Aus dieser Ehe blieben nur drei Töchter. Drei Jahre nach Dorotheas Tod, im Jahr 1550, heiratete Albrecht ein zweites Mal: Anna Maria von Braunschweig, die 42 Jahre jünger war als er und seine Großnichte. Diese Ehe war das genaue Gegenteil der ersten. Sanftmut zählte nicht zu Anna Marias Eigenschaften. Sie war eigensinnig und zänkisch und bekam häufig hysterische Anfälle. Am Ende lebten die Eheleute nebeneinanderher, obwohl sie dem Herzog noch eine Tochter und den ersehnten Erben schenkte.

Hier muss man anmerken: Die Frage des Erben, ohnehin für jeden Monarchen wichtig, war für das Herzogtum Preußen eine Frage von Leben und Tod des Staates. Nach dem Krakauer Vertrag mit Polen wurde das Herzogtum nämlich nur in direkter männlicher Linie vererbt und fiel beim Erlöschen dieser Linie an Polen. Dieser so unglücklich abgefasste Vertrag hätte beinahe schon mit dem Tod des ersten Herrschers zum Untergang des Staates geführt. Doch 1553 brachte die Herzogin glücklich einen Sohn zur Welt, und die Gefahr, dass die Hohenzollern Preußen verlieren könnten, schien gebannt. Als der Erbe Albrecht Friedrich jedoch zehn Jahre alt war, teilte sein Erzieher dem Herzog mit, dass der Junge in seiner Entwicklung deutlich zurückgeblieben sei, was auch die Hofärzte bestätigten. Der Herzog war bereits 73 Jahre alt, und diese Nachricht traf ihn schwer. Das bewegte Leben und das hohe Alter begannen Albrechts Verstand zu trüben. Im Königsberger Schloss gab es in jener Zeit faktisch zwei Höfe, den des Herzogs und den der Herzogin. Die Adligen wechselten hektisch zwischen beiden hin und her und wogen ab, welche Gefolgschaft ihnen größeren Vorteil bringen würde. Die tatsächliche Macht ging allmählich auf allerlei Günstlinge über. Die polnische Seite sah dem eine Zeit lang durch die Finger und griff nur ein einziges Mal ein, als ein gewisser Abenteurer aus Kroatien, Paul Skalich, versuchte, noch zu Lebzeiten des Herzogs zur grauen Eminenz zu werden. Die Geschichte Skalichs verflocht sich zudem mit der Sache der oben erwähnten Anhänger Osianders, doch Paul begriff rechtzeitig, was ihm bald bevorstand, und floh, ohne den Prozess abzuwarten.

Am 20. März 1568 ereignete sich eines der rätselhaftesten Geschehnisse der preußischen Geschichte: Im Schloss Tapiau (heute Gwardeisk) starb Herzog Albrecht im Alter von 78 Jahren. Am selben Tag verschied 30 km von Tapiau entfernt im Schloss Neuhausen (Gurjewsk) auch seine Gemahlin Anna Maria, die zu diesem Zeitpunkt erst 38 Jahre alt war.

Die Braunschweiger

Deutsche Dynastie, deren Vertreter Herrscher verschiedener europäischer Staaten wurden (u. a. Russlands). Sie geht auf das älteste fränkische Geschlecht Europas zurück, die Welfen (7. Jh.). Zur Linie Braunschweig-Calenberg gehörte die zweite Frau Herzog Albrechts, Anna Maria.

Die Chronisten jener Zeit behaupten, Anna Maria sei an dem Schock gestorben, den die Nachricht vom Tod ihres Gemahls bei ihr ausgelöst habe. Damals stellte diese Erklärung alle zufrieden: die Höflinge, die Bürger, den polnischen König. Aber können wir glauben, dass eine junge Frau voller Kraft und Pläne, die schon lange unter der Ehe mit dem greisen Herzog gelitten hatte, dessen Tod zudem zu erwarten war, bei einer solchen Nachricht vor lauter Gefühlen starb? Natürlich nicht. Die Herzogin wurde getötet, vermutlich vergiftet. Die Witwenschaft hätte Anna Maria den Weg zur Regentschaft für ihren kranken Sohn und Erben eröffnet und damit dem ganzen einflussreichen Haus Braunschweig den Weg auf den preußischen Thron. Die Geschichte kennt viele Beispiele, in denen schon eine entfernte Verwandtschaft zur Krone führte, und auf dem Weg der Braunschweiger stand nur ein einziges Hindernis: das brandenburgische Haus Hohenzollern. Dieses erwies sich als unüberwindlich. Wer von dem Mord profitierte, liegt auf der Hand. Unbekannt sind nur die Einzelheiten: Wer beging die Untat? War es ein spontaner Entschluss, oder gab es schon lange einen bis ins Detail ausgearbeiteten Plan? Warum hatte Anna Maria die Möglichkeit, gewaltsam beseitigt zu werden, nicht bedacht? Antworten auf diese Fragen werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit niemals erhalten.

Mit dem Tod Herzog Albrechts begann die vielleicht interessanteste und rätselhafteste Epoche in der Geschichte Königsbergs. In der historischen und heimatkundlichen Literatur ist sie nur recht spärlich beleuchtet und birgt noch viele Entdeckungen.

Den Titel des Herzogs in Preußen erbte nach Albrecht sein psychisch kranker Sohn Albrecht Friedrich. Beim Tod des Vaters war er erst 15 Jahre alt, was schon für sich genommen seine Geschäftsfähigkeit einschränkte. Der Schwachsinn des Erben aber machte die Ernennung eines Regenten erforderlich.

Der Königsberger Adel schlug zaghaft einen eigenen Kandidaten vor. Dieser wurde jedoch entschieden abgelehnt, denn sogleich tauchten am Horizont die Verwandten Albrecht Friedrichs aus der Mark Brandenburg auf. Ihr Anspruch auf die Regentschaft lag auf der Hand, doch die nicht direkte Verwandtschaft verlieh ihnen keinerlei Rechte auf den Herzogstitel selbst. Deshalb rief das Erscheinen der Hohenzollern auf der politischen Bühne der Region bei der polnischen Seite keine Einwände hervor. Die Polen konnten nicht ahnen, wie virtuos die Brandenburger ihnen das Herzogtum vor der Nase wegschnappen würden. Doch greifen wir nicht vor.

15701570. Preußen (von der Weichsel bis zur Memel) auf einer alten polnischen Karte.

Mark Brandenburg

Deutsche Markgrafschaft, 1157 auf dem Gebiet der Elbslawen gegründet. Der Kurfürst von Brandenburg gehörte zu den sieben „Kurfürsten“, die den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wählten. Seit 1415 unter der Herrschaft der Hohenzollern. 1417 wurde Berlin Hauptstadt. Ab 1618 Teil des brandenburgisch-preußischen Staates.

Zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung wurde Albrecht Friedrich für volljährig erklärt. An der Regierung des Herzogtums nahm er jedoch nie tatsächlich teil. Sein Vater hatte in seiner langen Regierungszeit einen recht vollkommenen Staatsapparat geschaffen, und die Trägheit dieser Staatsmaschinerie erlaubte es, eine Zeit lang ohne Mitwirkung des Staatsoberhaupts auszukommen. 1573 heiratete Albrecht Friedrich Maria Eleonore, die älteste Tochter Herzog Wilhelms von Jülich-Kleve-Berg. In Königsberg wurde eine prunkvolle Hochzeit gefeiert, doch nichts konnte den Herzog mehr zu den Staatsgeschäften bewegen. Körperliches Unwohlsein, Melancholie und Apathie wuchsen sich bei Albrecht Friedrich zu einer regelrechten psychischen Erkrankung aus.

Man muss bemerken, dass auf die langen Jahre des politischen und wirtschaftlichen Aufschwungs im Herzogtum ein natürlicher Niedergang folgte. Im Alter hatte sich Albrecht mit recht zweifelhaften Gestalten umgeben. Der Kampf um Einfluss am herzoglichen Hof, der sich in Albrechts letzten Lebensjahren verschärft hatte, erreichte nach seinem Tod den Höhepunkt. Der preußische Adel witterte die Schwäche und bemühte sich, das Herzogtum in eine Adelsrepublik umzuwandeln. Weder Albrecht Friedrich noch seine Frau Maria Eleonore konnten dem allmählichen Übergang der Macht an die adlige Oberschicht etwas entgegensetzen. Maria Eleonore mischte sich nicht in das politische Leben des Herzogtums ein und widmete ihr Leben der Pflege des Herzogs, der Erziehung ihrer Töchter und deren vorteilhafter Verheiratung. Unterdessen wurde die Lage der Machtlosigkeit in Preußen allen gründlich leid.

Auf dem polnischen Thron hatte sich inzwischen Stephan Báthory eingerichtet. Ihm war klar, dass in dem „betreuten“ Gebiet etwas geschehen musste, und so kam Báthory dem Wunsch Georg Friedrichs von Brandenburg-Ansbach entgegen, die Vormundschaft über seinen Vetter zu übernehmen.

Hanse

Politischer und wirtschaftlicher Bund nordeuropäischer (vor allem deutscher) Städte im 13.–17. Jh. unter Führung des deutschen Lübeck. In der Blütezeit (14.–15. Jh.) umfasste er bis zu 160 Städte, darunter 130 Hafenstädte. Er monopolisierte faktisch den Seehandel von London bis [Welikij] Nowgorod. Er griff aktiv in die europäische Politik ein, bis hin zur Kriegführung aus eigener Kraft.

Am 21. Mai 1578 leisteten die Einwohner Königsbergs auf dem Platz vor dem Schloss Georg Friedrich den Treueid. Sie taten es, offen gesagt, recht widerwillig. Die Vertreter der Stände spürten beim Regenten eine starke Hand, eine prodeutsche Gesinnung und die Unterstützung des polnischen Königs. Das bedeutete in vielem eine Beschneidung der lokalen Freiheiten, die sich während des Jahrzehnts der Machtlosigkeit entwickelt hatten.

Georg Friedrich bestätigte mit seinem Wirken die Befürchtungen der preußischen Adelsspitze. Erstens setzte er der Willkür und Eigenmächtigkeit der Hofbeamten, die der gebotenen Kontrolle entglitten waren, sofort ein Ende. Zweitens entstand in Königsberg faktisch ein neuer Hof, denn Georg Friedrich holte Landsleute aus Ansbach herbei. Übrigens war es gerade das Nebeneinander zweier Höfe – des bescheideneren von Maria Eleonore und des repräsentativeren seines eigenen –, das Georg Friedrich dazu bewog, das Königsberger Schloss umzubauen.

Am unangenehmsten aber war für die Stände Georg Friedrichs Bestreben, seine Stellung als Oberhaupt des Herzogtums zu festigen. Der einfachste Weg dazu bestand darin, sich der Unterstützung des polnischen Königs zu versichern. Báthory selbst war durchaus nicht abgeneigt, sein Wohlwollen gegen einen handfesten Beweis der Ergebenheit des Regenten einzutauschen. So beteiligten sich die Truppen des preußischen Herzogtums an der Schlussphase des Livländischen Krieges, und die von den Ständen erhobenen Steuern flossen in den Unterhalt des polnischen Heeres. Es heißt sogar, Georg Friedrich habe ein paar Mal mehr gezahlt, als Stephan Báthory verlangt hatte.

Das blieb nicht unbemerkt, und als Lohn für den zur rechten Zeit erwiesenen Dienst erhielt Georg Friedrich das uneingeschränkte Recht, im Herzogtum eine eigenständige Innenpolitik zu betreiben.

Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach

(1539–1603)

Herzog, Neffe Albrechts von Brandenburg, Markgraf von Brandenburg-Ansbach. Erlangte 1575 die Vormundschaft über Albrecht Friedrich. Verfolgte eine von Polen weitgehend unabhängige Politik. Indem er die Ordnungen zahlreicher Zünfte ausarbeiten ließ, verringerte er die Konflikte im Herzogtum und hob das Niveau des Handwerks. In den Jahren seiner Regentschaft erlebte Preußen einen relativen wirtschaftlichen Wohlstand. In Königsberg lebte er mit Unterbrechungen acht Jahre, die übrige Zeit regierte er von Ansbach aus.

Die Reformen Georg Friedrichs waren nicht radikal und trafen nicht die Interessen der Mehrheit der Bürger. Vielmehr brachte er lediglich Ordnung in das, was im Grunde bereits bestand. Eine der wichtigsten Aufgaben war die Ausarbeitung von Zunftordnungen.

Heute mutet es etwas seltsam an, dass sich das Staatsoberhaupt damit befasste. Bedenkt man jedoch, dass das zünftische Handwerk damals die Grundlage der Wirtschaft der europäischen Länder bildete, so lässt sich sagen, dass dies eine wichtige und recht schwierige Aufgabe war und die getroffenen Entscheidungen viele Kompromisse erforderten. Doch auch das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: Die Ordnung der Beziehungen innerhalb der Zünfte und zwischen ihnen führte sehr bald zu einem wirtschaftlichen Aufschwung im Herzogtum. Georg Friedrichs Ansehen als Herrscher festigte sich auf allen Gebieten. Er reformierte das Hofgericht, ordnete die kirchlichen Angelegenheiten und verlieh der heruntergekommenen Universität neue Kraft. Das wichtigste Ergebnis von Georg Friedrichs Wirken war eine durchdachte Abgrenzung der Zuständigkeiten zwischen zentraler und städtischer Gewalt und infolgedessen eine sich abzeichnende Hinwendung zum absolutistischen Staat. Als ein Beispiel für seine Erfolge im Kleinen lassen sich die vielfältigen Feste nennen, die damals besonders aufblühten – meist mit handwerklich-zünftischen Themen, eine Art Branchenfeste. Georg Friedrich lebte insgesamt etwa acht Jahre in Königsberg und erwarb sich in dieser Zeit durch seine Tatkraft und Gerechtigkeit die uneingeschränkte Achtung des örtlichen Bürgertums.

Selbst die schreckliche Pestepidemie von 1601–1602 vermochte das Bild nicht zu trüben, das man im Volk von der Regierungszeit Georg Friedrichs bewahrte. Und das ist wohl der wichtigste Punkt: Im Unterschied zu allen späteren Regenten in Preußen und den Herrschern des später entstandenen brandenburgisch-preußischen Staates regierte Georg Friedrich zwei staatliche Gebilde zugleich (Preußen und Ansbach), ohne die Politik des einen den Interessen des anderen unterzuordnen. Von einer Verschmelzung konnte keine Rede sein. Georg Friedrich spielte gewissenhaft zwei Rollen in zwei verschiedenen Stücken.

15811581. Königsberg auf dem als „Braun-Plan“ bekannten Kupferstich.

Die Regentschaft Georg Friedrichs ist noch durch ein weiteres Ereignis bemerkenswert. Um 1581 entstand der älteste erhaltene Plan Königsbergs, der uns als „Braun-Plan“ bekannt ist (siehe oben). Bezeichnenderweise sind darauf das Schloss Königsberg, die Altstadt, der Löbenicht und der Kneiphof als ein einheitliches Gebilde dargestellt. Und obwohl zu erkennen ist, dass die Städte noch innere Stadtmauern besitzen, bezeichnen die Zeitgenossen mit dem Wort „Königsberg“ immer häufiger alle drei Städte zusammen, einschließlich der angrenzenden Vorstädte. Nebenbei bemerkt begannen die aufstrebenden Vororte wie Steindamm (die Gegend um das Hotel „Kaliningrad“ und die Schitomirskaja-Straße), Vorstadt (die Gegend um die Krasnooktjabrskaja-Straße), Roßgarten (die Gegend um die Klinitscheskaja-Straße), Tragheim (die Gegend um die Sommera-Straße) und andere bereits selbst Stadtrechte zu beanspruchen. Einige von ihnen erhielten eigene Siegel, Gerichte und andere Attribute städtischer Selbstverwaltung, doch zu ihrer Anerkennung als selbstständige Städte kam es nicht.

Joachim III. Friedrich von Brandenburg

(1546–1606)

Kurfürst von Brandenburg (seit 1598), Vater Johann Sigismunds, Schwiegersohn Herzog Albrecht Friedrichs. Durch verschiedene Zugeständnisse erlangte er 1603 die Regentschaft in Preußen und 1605 die Anerkennung seiner Rechte auf den preußischen Thron durch Polen, jedoch ohne Erbrecht; wenige Monate später übertrug er die Verwaltung des Herzogtums jedoch den Oberräten. Während seiner Herrschaft verlor Preußen seine politische Eigenständigkeit und wurde den politischen Interessen Brandenburgs untergeordnet.

Der Tod Georg Friedrichs im Jahr 1603 bewies einmal mehr, dass der relative Wohlstand im Herzogtum keine dauerhafte Entwicklung war, sondern allein auf den persönlichen Qualitäten des Regenten beruht hatte.

Die Frage nach einem neuen Vormund für Albrecht Friedrich stellte sich nicht lange. Bereits 1594 hatte Johann Sigismund, der Sohn des brandenburgischen Kurfürsten, eine Tochter Albrecht Friedrichs geheiratet. Und 1604 heiratete der Kurfürst Joachim Friedrich selbst die jüngste Tochter ebendieses Albrecht Friedrich, wodurch er seine Verwandtschaft mit dem Herzog erheblich festigte. Da die Fürsorge der Verwandten für den kranken Albrecht Friedrich bereits zu einer Art Tradition geworden war, ist es nicht verwunderlich, dass er 1605 zum Anwärter Nummer eins auf das Amt des Regenten wurde. Danach kamen schlichte Bestechung von Räten aus der Umgebung des polnischen Königs (hierin taten sich der Burggraf Fabian zu Dohna und der Kneiphofer Bürgermeister Michael Friese hervor) und politische Zugeständnisse zum Einsatz. Zudem sah der polnische König Sigismund III. Wasa bereits einen künftigen Krieg mit Russland voraus, und die Brandenburger zu Verbündeten zu haben, war äußerst verlockend ... Wie dem auch sei, als Ergebnis dieses komplizierten Spiels wurde jedenfalls Joachim Friedrich Regent.

Das Wirken Joachim Friedrichs als Regent zu beschreiben, ist schwierig – vor allem deshalb, weil es ein solches Wirken eigentlich gar nicht gab. Nachdem er einige Monate in Preußen verbracht hatte, übergab der Kurfürst die Zügel der Regierung im Herzogtum einfach den Räten und kehrte in sein heimisches Brandenburg zurück. Vielleicht wäre er noch einmal nach Königsberg gekommen, doch der polnische König berief sich auf eine Bedingung des Vertrags und verweigerte ihm die Erlaubnis zu einem Besuch. Der Zeiger des politischen Barometers in Preußen schlug scharf in Richtung „Adelsrepublik“ aus. Noch nie hat eine Herrschaft aus dem Ausland, zumal mithilfe gaunerhafter Räte, einem Herrscher Beliebtheit eingebracht. Auch Joachim Friedrich brachte sie keine ein.

Er starb drei Jahre nach Übernahme der Regentschaft und hinterließ in Preußen nur recht verschwommene Erinnerungen.

Naturgemäß erhob nun Johann Sigismund Anspruch auf die Regentschaft, der Sohn Joachim Friedrichs, der nach dem Tod seines Vaters Kurfürst von Brandenburg geworden war. Er beschritt den vom Vater gebahnten Weg: Im Austausch für die Regentschaft gewährte er beträchtliche politische und finanzielle Zugeständnisse.

Das wichtigste politische Zugeständnis war die Einführung des gregorianischen Kalenders. Das mag wie eine Kleinigkeit erscheinen, doch man bedenke, dass Preußen ein protestantischer Staat war; die Einführung des vom Papst festgelegten Kalenders war folglich ein erhebliches Zugeständnis an die Katholiken und stärkte die Position der gegenreformatorischen Kräfte im Herzogtum. Außerdem versprach der künftige Regent dem polnischen König, in Königsberg eine katholische Kirche zu errichten. Die finanzielle Seite der Zugeständnisse bestand in der Bereitschaft, Polen einen jährlichen Tribut zu zahlen. Zuvor war das Herzogtum nach dem Krakauer Vertrag lediglich verpflichtet gewesen, sich am Unterhalt des Heeres zu beteiligen, und auch das nur im Falle von Kriegshandlungen. Am Vorabend des bereits erwarteten Krieges zwischen der katholischen Liga und der protestantischen Union steigerten diese Schritte das Ansehen des polnischen Königs in seiner Heimat spürbar, stießen bei den Bewohnern Preußens hingegen auf kein Verständnis. Im Grunde kümmerte das Johann Sigismund wenig. Offenbar gedachte er das Herzogtum ebenso zu regieren wie sein Vater, und sein Calvinismus erlaubte es ihm, sich über die ethische Seite der Benachteiligung der Lutheraner nicht den Kopf zu zerbrechen. 1609 erhielt Johann Sigismund vom polnischen König endlich die Vormundschaft über seinen Schwiegervater Albrecht Friedrich. Und schon 1610 verlangte Sigismund III. von ihm, hundert Reiter für das polnische Heer zu stellen.

16131613. Königsberg auf dem „Bering-Plan“.

1611 erhält Johann Sigismund vom polnischen Monarchen das Lehnsrecht über Preußen, und am 16. Oktober 1612 huldigten ihm die preußischen Stände. Das calvinistische Bekenntnis Johann Sigismunds rief deutlichen Unmut bei der örtlichen Geistlichkeit hervor, denn nach der Lehre Luthers galt es als offene Ketzerei. Seit dem Tod Georg Friedrichs hatte sich unter den Untertanen des Herzogtums jedoch eine deutlich spürbare Apathie breitgemacht. Die Lage wirkte hoffnungslos: Das Herzogtum stand in Lehnsabhängigkeit von einem Staat anderen Bekenntnisses, der rechtmäßige Herrscher war unheilbar krank, und der Regent weilte in weiter Ferne und regierte das Land über seine Räte. Das förderte die politische Aktivität der Bürger keineswegs. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Preußen vom Tod Albrechts von Brandenburg (oder sogar etwas früher) bis zur Zeit des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm in eine Art „Zeit der Wirren“ versank, wenn auch mit eigenen charakteristischen Zügen.

Den wirtschaftlichen und politischen Aufschwung, der sich unter der Herrschaft Georg Friedrichs abgezeichnet hatte, die Autorität der Zentralgewalt und die Ansätze eines Übergangs von der adligen Libertät zum Absolutismus verspielte Johann Sigismund leichtfertig.

Johann III. Sigismund von Brandenburg

(1572–1619)

Kurfürst von Brandenburg (seit 1608), seit 1609 Regent für Herzog Albrecht Friedrich. Für das Recht, Preußen zu regieren, machte er Zugeständnisse zugunsten Polens. Unter ihm kam es am 18. Juli 1618 zur endgültigen Vereinigung Brandenburgs und Preußens auf dynastischer Grundlage.

Aus der Regentschaft Johann Sigismunds etwas Interessantes hervorzuheben, ist schwer, etwas Positives noch schwerer. Am stärksten in Erinnerung geblieben ist wohl der berühmte Bering-Plan (siehe oben), der die drei Königsberger Städte zeigt. (Eine farbige Stadtkarte auf Grundlage dieses Plans ist in einem der Museumssäle im Dom zu sehen.) Und noch etwas: Johann Sigismund war der erste brandenburgische Kurfürst, der die Macht in Preußen (wenn auch nur als Regent) durch Erbfolge erlangte.

1618 starb der rechtmäßige Herzog von Preußen, Albrecht Friedrich. Die auf Albrecht von Brandenburg zurückgehende männliche Linie erlosch. Nach den Bestimmungen des Krakauer Vertrags hätte das Herzogtum nun in den vollen Besitz des polnischen Königs übergehen müssen. Doch der ausbrechende Dreißigjährige Krieg brachte alles durcheinander. König Sigismund III. wollte sich mit der Angliederung eines protestantischen Herzogtums keine unnötigen Probleme aufladen, und überhaupt hatte er andere Sorgen. Für Johann Sigismund war die Zeit gekommen, rasch zu handeln. Er ging auf sämtliche Bedingungen der polnischen Seite ein, mit einem einzigen Ziel: sich nach dem Tod Albrecht Friedrichs auf dem preußischen Thron festzusetzen. Die wichtigste Bedingung lautete, dass sich die herzogliche Gewalt nur auf die Zeit erstreckte, in der sich der Kurfürst auf preußischem Gebiet aufhielt („Herzog in Preußen“).

Der Herzog in Preußen Johann Sigismund starb bereits im folgenden Jahr 1619. Die Macht ging auf seinen Sohn Georg Wilhelm über. Wieder gab es gewisse Schwierigkeiten bei der Huldigung der Stände, doch diesmal wurden sie etwas schneller überwunden. Die gesamte Regierungszeit Georg Wilhelms stand im Zeichen des Dreißigjährigen Krieges. Und hier stellt sich eine recht interessante Frage. Georg Wilhelm gilt als ein an Gesundheit wie an Willen schwacher Herrscher, als wenig ehrgeiziger Politiker und als recht mittelmäßiger Staatsmann. War das nun gut oder schlecht? Wäre es für das Herzogtum besser gewesen, wenn Georg Wilhelm auf die Seite der protestantischen Koalition oder, wie es der Lehnsvertrag vorsah, auf die Seite seines Lehnsherrn getreten wäre?

Kriegshandlungen im eigenen Land konnten in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts den völligen Ruin bedeuten, versprachen im Falle eines Sieges aber kaum wirtschaftlichen Aufschwung oder Gebietsgewinne.

Georg Wilhelm

(1572–1619)

Kurfürst von Brandenburg (seit 1608), seit 1609 Regent für Herzog Albrecht Friedrich. Für das Recht, Preußen zu regieren, machte er Zugeständnisse zugunsten Polens. Unter ihm kam es am 18. Juli 1618 zur endgültigen Vereinigung Brandenburgs und Preußens auf dynastischer Grundlage.

Die Armeen, die damals bereits Zehntausende Soldaten zählten, richteten den größten Schaden nicht einmal durch die zerstörerische Kraft ihrer Waffen an, sondern schlicht dadurch, dass sie sich jeden Tag verpflegen und einen großen Bestand an Kriegs- und Trosspferden füttern mussten. Schon die kurze Anwesenheit der Armee des schwedischen Königs Gustav II. Adolf in Preußen hatte vielen Landstrichen jahrelange Verödung und Niedergang gebracht. Die bereits erwähnte Apathie der preußischen Bürger gegenüber politischen Ereignissen von europäischer Tragweite, gepaart mit der Untätigkeit Georg Wilhelms, ermöglichte es Preußen, in diesem Krieg neutral zu bleiben.

Ja, Georg Wilhelm beteiligte sich nicht in gebührendem Maße an der Regierung des Herzogtums; alle bedeutenden Ereignisse geschahen, wenn nicht gegen seinen Willen, so doch auch nicht dank ihm. Der Bau moderner Befestigungen in Pillau und Königsberg wurde in diesen Jahren entweder auf Initiative des schwedischen Königs oder nach den Plänen der örtlichen Obrigkeit vorangetrieben. Auch die Entscheidung über die Neutralität im gesamteuropäischen Gemetzel trafen die Magistrate selbstständig, wenn auch unter dem Druck eben jenes Gustav II. Adolf.

Ohne Mitwirkung Georg Wilhelms wurde auch die Stadtordnung angenommen, die sogenannte „Transaktion von 1620“, die das Kulmer Recht ablöste. Mit ihrer Hilfe gelang es nach langen Streitigkeiten und unter Vermittlung des preußischen Hofgerichts, die Gegensätze zwischen den Magistraten und der Bürgerschaft auszugleichen. Ratsherren und Schöffen wurden wie zu Zeiten des Deutschen Ordens gewählt. Neu war nur, dass der Stadtschreiber den Eid abnahm und der Oberburggraf ihn lediglich bestätigte. Jeder neue Bürger leistete den Eid, indem er mit erhobenem Finger den Hut des Bürgermeisters berührte. In der „Transaktion“ wurde erstmals zwischen „Bürgern im eigentlichen Sinne“, „Schutzverwandten“ (diese leisteten den Schutzverwandteneid und standen unter dem Schutz der städtischen Polizei) und „Fremden“ unterschieden. Die „Schutzverwandten“ durften kein eigenes Gewerbe betreiben. Zu ihnen gehörten Handwerksgesellen und -lehrlinge, Knechte und Mägde, Tagelöhner und Arbeiter, entlassene Soldaten u. a.

Zu den „Fremden“ zählten auswärtige Kaufleute, Hausierer und Seeleute, die ihre Waren direkt auf dem Schiff verkauften oder durch die Straßen trugen. Sie durften sich nur während der Schifffahrtssaison in der Stadt aufhalten.

1627 verschärften sich die Beziehungen zwischen den Magistraten der Königsberger Städte und dem Kurfürsten. Anlass war ein Vertrag zwischen dem Oberburggrafen und dem schwedischen König Gustav II. Adolf über die Neutralität der Stadt (der sogenannte Marienburger Vertrag von 1626). Natürlich protestierte dagegen der polnische König Sigismund III., der die ganze Zeit über versucht hatte, die Bürger zur Teilnahme an den Kriegshandlungen zu bewegen. Die Neutralität Königsbergs sicherte eine vom Magistrat angeworbene Truppe von 300 Soldaten. Georg Wilhelm war der Ansicht, dass eine solche Truppe die städtischen Rechte überschreite. Im Februar 1627 erschien er mit einem Heer von fünfhundert Mann vor den Mauern der Pregelstädte. Die Konfrontation mündete nicht in Blutvergießen. Der Kurfürst zog wieder ab, ohne seine Ziele erreicht zu haben. Danach versuchten sowohl der polnische als auch der schwedische König, die Souveränität der Städte anzutasten. Letzterer wollte Königsberg samt Umgebung sogar ganz unter seine Hoheit bringen, da die Stadt seiner Ansicht nach „vom Kurfürsten verlassen und von Polen bedrängt“ sei. Erst der Waffenstillstand von 1629 entschärfte die Spannungen zwischen den vier Parteien.

16491649. Ausschnitt aus einer Karte Preußens.

Auf ein bereits oben erwähntes Ereignis sollte etwas ausführlicher eingegangen werden. Es geht um das erste umfassende Verteidigungssystem Königsbergs, den sogenannten ersten Wallring. Initiator des Baus war wiederum Gustav II. Adolf. Er war der Ansicht, dass die mittelalterlichen Befestigungen, die noch aus der Ordenszeit stammten, die Stadt nicht vor einem auch nur halbwegs ernsthaften militärischen Angriff schützen konnten. Dies gefährdete die von ihm angestrebte „bewaffnete Neutralität“ Königsbergs im Dreißigjährigen Krieg. Ohne große Mühe fanden sich auch unter den Bürgern Befürworter des Wallrings. Den Entwurf erstellte der hiesige Mathematikprofessor Johann Strauß, ein Schüler des berühmten Kepler. Die Bauleitung hatte Abraham zu Dohna inne, die technische Leitung lag beim kurfürstlichen Landmesser und Architekten Konrad Burk. Der Entwurf von Strauß erwies sich als so gelungen, dass der zweite Wallring, der wesentlich später (1843–62) errichtet wurde, größtenteils der Linie der alten Befestigungen folgte. Die Hauptarbeiten am Bastionsring wurden 1626–1635 ausgeführt. Der Ring bestand aus einem System von Holz-Erde-Bastionen, Halbbastionen und Toren. Faktisch diente er bis 1843. Feindlichen Angriffen war er nur ein einziges Mal ausgesetzt, im Juni 1807, als er bereits als hoffnungslos veraltet galt. Dennoch hielten die hastig darauf errichteten Verteidigungsanlagen mehreren Angriffen stand, und erst Bennigsens Befehl an L’Estocq, die Stadt zu räumen und sich mit den Hauptkräften zu vereinigen, setzte der Verteidigung ein Ende.

Zur Zeit seiner Errichtung war der Königsberger Bastionsring wohl die größte Festung Europas. Es genügt zu sagen, dass eine voll aufgestellte Garnison 15.000 Soldaten umfassen sollte.

Etwa so groß war die Armee der gesamten brandenburgisch-preußischen Personalunion – und auch das erst etwas später. Die wichtigste Folge des einheitlichen Verteidigungssystems war ein noch engerer Zusammenschluss von Altstadt, Löbenicht und Kneiphof. Darüber hinaus umschloss der Ring die Freiheiten und Vorstädte Alt- und Neuroßgarten, Sackheim, Tragheim, Haberberg, Vorstadt, Neue Sorge u. a. Damit waren die Grenzen Königsbergs für fast 300 Jahre festgelegt. Reste dieser Erdwerke sind noch heute zu finden: Der Hügel, auf dem sich das Grab Friedrich Bessels befindet, ist nichts anderes als eine durch Erosion zerstörte Erdbastion. Die Senke zwischen ihm und dem Reduit der Bastion Sternwarte ist ein Überrest des Festungsgrabens aus dem 17. Jahrhundert. Und schließlich gehören dazu die Wallreste an der Olschtynskaja-Straße.

Friedrich Wilhelm

(1620–1688)

Kurfürst von Brandenburg ab 1640, der sogenannte Große Kurfürst aus dem Haus Hohenzollern. Nahm am Dreißigjährigen Krieg (1618–48) und am polnisch-schwedischen Nordischen Krieg (1655–60) teil. Befreite Preußen 1657 mit politischen Mitteln aus der polnischen Lehnsabhängigkeit. Schuf den brandenburgisch-preußischen Staat, dem er eine Reihe weiterer Gebiete anschloss. Legte die Grundlagen des preußischen Absolutismus. Erließ das Edikt von Potsdam (1685), mit dem er alle in Europa um ihres Glaubens willen Verfolgten in den brandenburgisch-preußischen Staat einlud.

Friedrich Wilhelm, der 1640 seinem Vater Georg Wilhelm nachfolgte, erbte ein vom Krieg verwüstetes Brandenburg, ein von Polen abhängiges und den Brandenburgern feindlich gesinntes Preußen sowie eine Reihe weiterer Gebiete, die ebenfalls keineswegs in voller Blüte standen. Die Hauptaufgabe des Herrschers über den brandenburgisch-preußischen Staat bestand darin, die Unabhängigkeit Preußens zu erlangen und Preußen und Brandenburg durch die Eroberung Vorpommerns geografisch zu vereinen. Erschwert wurde dies durch die große Zahl polenfreundlich gesinnter Untertanen in Preußen sowie durch ein Bürgertum und einen Adel, die sich der Zentralgewalt nicht unterwerfen wollten.


Chronologie der wichtigsten Ereignisse

1568 — Tod Herzog Albrechts und seiner Gemahlin Anna Maria.

1575–1603 — Regentschaft Georg Friedrichs.

1605–08 — Regentschaft Joachim Friedrichs.

1609–18 — Regentschaft Johann Sigismunds.

1618–40 — Herrschaft Georg Wilhelms.

1620 — Annahme der Königsberger Stadtordnung.

1626–27 — Hauptarbeiten am Bau der Königsberger Bastionsbefestigungen.

1641 — Eröffnung der ersten Bernsteinwerkstatt in Königsberg.

1650 — Übergabe der Wallenrodtschen Bibliothek an den Dom.

DAS FÜNFTE JAHRHUNDERT — FRIEDRICH FOLGT AUF FRIEDRICH

Von 1655 bis 1660 tobte der polnisch-schwedische Krieg. Friedrich Wilhelm beschloss, das Ringen der beiden Mächte um die Vorherrschaft im Ostseeraum für seine eigenen Zwecke zu nutzen. Schon zu Beginn des Krieges zeigte sich, dass weder Schweden noch Polen die vor Ausbruch der Kampfhandlungen gesteckten Ziele aus eigener Kraft erreichen konnten. Über den Erfolg entschied, ob die eine oder die andere Seite Verbündete fand. Sowohl Polen als auch Schweden waren bereit, für ein Bündnis mit Friedrich Wilhelm einen hohen Preis zu zahlen. Dieser ließ nicht lange auf sich warten. Anders als Polen setzte Schweden dem Kurfürsten keine Grenzen bei der Stärke der auf preußischem Boden stehenden Armee, weshalb Friedrich Wilhelm sich auf die Seite Schwedens schlägt. Ohne an nennenswerten Kampfhandlungen teilzunehmen, erhält er die Möglichkeit, das militärische Potenzial des Herzogtums erheblich zu stärken. 1656 schließt er in Königsberg mit Karl X. einen Vertrag zu Bedingungen, die noch härter waren als die der Krakauer Vereinbarungen. Doch das kümmerte Friedrich Wilhelm wenig — er hatte ohnehin nicht vor, sich lange an diesen Vertrag zu halten. Er nutzte ihn, um die Armee in Preußen auf das Fünffache, auf 22.000 Soldaten, zu vergrößern. Über Polen schwebte, besonders nach der Niederlage in der Schlacht bei Warschau, die Gefahr des militärischen Zusammenbruchs.

Vermutlich bereute der polnische König Johann Kasimir mehr als einmal, Friedrich Wilhelm nicht durch weitreichende Zugeständnisse auf seine Seite gezogen zu haben. Doch auch für Schweden begann recht unerwartet eine Pechsträhne.

Russland trat auf polnischer Seite in den Krieg ein, und auch Dänemark rüstete sich, an der Seite Polens in die Kämpfe einzugreifen. Friedrich Wilhelm wählte den richtigen Moment und erklärte, die Bedingung für die Fortsetzung des Militärbündnisses sei die Aufhebung der Lehnsabhängigkeit Preußens von Schweden. Karl X. blieb keine Wahl. Am 20. November 1656 schließt er in Labiau mit dem Kurfürsten einen „ewigen“ Vertrag gegen Polen und erkennt darin die volle Unabhängigkeit Preußens an. Außerdem erhielt Preußen das Polen entrissene Ermland (dt. Ermland, poln. Warmia). Aus diesem „Doppelzug“ ging Friedrich Wilhelm als eindeutiger Gewinner hervor: Er verfügte nun über die schlagkräftigste Armee im Ostseeraum, und die Lehnsabhängigkeit Preußens von Polen war nicht mehr allgemein anerkannt. Anschließend beginnt Friedrich Wilhelm ein diplomatisches Spiel und geheime Verhandlungen mit Polen. Als Gegenleistung für die Aufkündigung der preußisch-schwedischen Abmachungen und den Übertritt ins Lager des einstigen Gegners verlangte er vom polnischen König die Anerkennung der Unabhängigkeit Preußens.

Der Große Kurfürst1679. Friedrich Wilhelm überquert bei der Verfolgung der Schweden mit seiner Armee das zugefrorene Kurische Haff.

Vertrag von Wehlau (Verträge von Wehlau und Bromberg)

Verträge zwischen Polen und Brandenburg, die während des polnisch-schwedischen Krieges 1655–60 in Wehlau und Bromberg geschlossen wurden. Durch sie erlangte das Herzogtum Preußen die Souveränität gegenüber Polen, während Brandenburg das Bündnis mit Schweden aufkündigte und auf polnischer Seite ein Heer von 6000 Mann stellte.

Johann Kasimir war sich sehr wohl bewusst, dass der Ausgang des polnisch-schwedischen Krieges maßgeblich davon abhing, auf welche Seite sich der brandenburgisch-preußische Staat stellen würde. Am 13. September 1657 arrangierte er in Wehlau ein geheimes, als Jagd getarntes Treffen zwischen dem Kurfürsten und seinem Gesandten Gosiewski. Dort wurde der Vertrag von Wehlau unterzeichnet (in der russischen Literatur als Wehlau-Bromberger Verträge bezeichnet), durch den Preußen die lang ersehnte Unabhängigkeit von der polnischen Krone erlangte.

Anschließend unternimmt Friedrich Wilhelm eine Reihe von Schritten, um die brandenburgisch-preußischen Bindungen zu festigen und einen zentralisierten Staat zu schaffen. Ihm war klar, dass er die Liebe des Volkes ohnehin nicht gewinnen würde und dass die tatsächliche Macht bei dem liegt, der die Wirtschaft und die Finanzströme kontrolliert und diese Kontrolle mit militärischer Stärke absichern kann. So errichtet Friedrich Wilhelm 1657 unterhalb Königsbergs am Pregel das Fort Friedrichsburg, dessen Geschütze im Bedarfsfall den Fluss sperren und die Stadt von der Außenwelt abschneiden konnten. Es ist durchaus verständlich, dass die Bürger den Bau der Festung ohne Begeisterung aufnahmen. Noch offener stellte sich der Adel dagegen. Die Maßnahmen des Kurfürsten zielten unverkennbar darauf ab, der adligen Eigenmächtigkeit ein Ende zu setzen. In den Jahren 1661–1663 erreichte die Konfrontation ihren Höhepunkt. Bürgertum und Adel stellten ihre Wortführer auf. Es bahnte sich etwas Ähnliches an wie zur Zeit des Dreizehnjährigen Krieges und des Preußischen Bundes.

Vertreter des Adels nahmen geheime Verhandlungen mit der polnischen Seite auf, um Unterstützung im Kampf gegen den brandenburgischen Kurfürsten zu gewinnen. Doch man steigt nicht zweimal in denselben Fluss. Der polnische König besaß nicht genug Zynismus, um den erst wenige Jahre zuvor unterzeichneten Vertrag von Wehlau so einfach und offen zu brechen.

Doch auch dem Kurfürsten gelang es nicht, über seine Räte Otto von Schwerin und Bogusław Radziwiłł Ordnung zu schaffen. Die Lage erforderte die persönliche Anwesenheit Friedrich Wilhelms. Und er ließ nicht lange auf sich warten: 1662 erschien er in Königsberg, begleitet von einer großen Truppenabteilung. Die Bürger wagten keinen offenen Widerstand, und nach einigen Anstrengungen gelang es Friedrich Wilhelm, den Anführer der Aufrührer, Hieronymus Roth, festzunehmen und bis an dessen Lebensende im Gefängnis festzusetzen. Die feste Hand des Kurfürsten spürend und die Aussichtslosigkeit des Widerstands erkennend, leisteten ihm die preußischen Stände am 17. und 18. Oktober 1663 den Treueid. Mit dem Adel, der sich 1669 erneut gegen den Kurfürsten erhob, verfuhr Friedrich Wilhelm weitaus härter. Der Anführer der Aufrührer, Oberst Kalckstein, wurde unmittelbar vor geplanten Verhandlungen mit dem polnischen König über militärische Hilfe verhaftet. Friedrich Wilhelm wertete sein Handeln als Eidbruch und Hochverrat: Kalckstein wurde hingerichtet. Damit endete die Zeit der Unruhen und Zerrissenheit in Preußen, und das Land schlug gemeinsam mit Brandenburg entschlossen den Weg zum Absolutismus ein – was man aus historischer Perspektive als durchaus fortschrittliche Entwicklung betrachten kann.

Den abschließenden Teil der preußischen Frage – die territoriale Vereinigung mit Brandenburg – versuchte Friedrich Wilhelm Mitte der 1670er Jahre zu lösen. Mit seiner Teilnahme am Holländischen Krieg rechnete er zweifellos auf die Hilfe Frankreichs im Kampf gegen Schweden um Pommern. Frankreich jedoch weigerte sich, gegen seinen Verbündeten Krieg zu führen, und Friedrich Wilhelm trat aus dem Bündnis mit Frankreich aus und begann die Kampfhandlungen in Pommern aus eigener Kraft. Er setzte darauf, dass das vom Krieg in Anspruch genommene Frankreich Schweden nicht beistehen würde. Nach einer Reihe kleinerer Siege in Pommern musste sich der Kurfürst gegen die von Livland her vorrückenden Schweden verteidigen. Die Waagschale neigte sich bereits zugunsten des brandenburgisch-preußischen Staates, doch Frankreich schloss mit seinen Gegnern einen Waffenstillstand und forderte die sofortige und bedingungslose Rückgabe der eroberten Gebiete an Schweden.

Im 17. Jahrhundert konnten Preußen und Brandenburg Frankreich noch nicht auf Augenhöhe die Stirn bieten. Die Frage wurde auf bessere Zeiten vertagt.

Für Friedrich Wilhelm war die Zeit gekommen, sich von militärischen Siegen der Gestaltung des friedlichen Lebens im Herzogtum zuzuwenden. Auch auf diesem Gebiet erzielte er, das muss man sagen, beachtliche Erfolge. Den Anlass gab eine Eingabe der Bürger, in der zu Recht bemängelt wurde, das Herzogtum sei von seiner Fürsorge übergangen worden. Beigefügt war eine Beschreibung der preußischen Lande – eine Art geografisch-wirtschaftlicher Abriss. In der Eingabe war zudem von der Notwendigkeit eines wirtschaftlichen Aufschwungs des Herzogtums nach langen Jahren der Kriege und inneren Auseinandersetzungen die Rede.

1685 unterzeichnet Friedrich Wilhelm im Zuge seiner Bemühungen um den Aufbau Preußens das Edikt von Potsdam, mit dem aus religiösen Gründen verfolgte Europäer, vor allem französische Calvinisten, eingeladen wurden, sich im Herzogtum niederzulassen. In den folgenden Jahren zogen rund 20.000 Menschen in den brandenburgisch-preußischen Staat, überwiegend wirtschaftlich aktive Bevölkerung. Unter den Eingeladenen waren neben den erwähnten Calvinisten auch Lutheraner, Katholiken und Juden. Den Neuankömmlingen wurden wirtschaftliche Vergünstigungen für den Aufbau einer Warenproduktion gewährt. All diese Maßnahmen trugen in höchstem Maße zur Lösung sowohl der demografischen als auch der wirtschaftlichen Probleme des Herzogtums bei.

Zum Zeitpunkt des Todes des Großen Kurfürsten war der brandenburgisch-preußische Staat somit ein politisch geschlossenes Gebilde, das entschlossen den Weg der Zentralisierung und des Absolutismus eingeschlagen hatte und über einen effizienten staatlichen Verwaltungsapparat sowie eine schlagkräftige Armee verfügte.

Friedrich Wilhelm schuf den einheitlichen brandenburgisch-preußischen Staat, doch damit „schaltete“ er Preußen zugleich aus der großen Politik aus, indem er die Hauptstadt endgültig nach Berlin verlegte. Unter seinem Sohn, dem Kurfürsten von Brandenburg und Herzog von Preußen Friedrich III., geriet das Leben an den Ufern des Pregels endgültig in provinzielle Bahnen. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ereignete sich nur ein bedeutendes Ereignis: Königsberg wurde von der „Großen Gesandtschaft“ unter Führung von Zar Pjotr Alexejewitsch besucht, der seine Identität demonstrativ unter dem Namen eines Unteroffiziers des Preobraschenski-Regiments, Pjotr Michailow, verbarg. Das Inkognito des Zaren war allerdings schon vor seiner Ankunft gelüftet. Unter anderem besichtigte Peter die Festungsanlagen und legte im Fort Friedrichsburg eine Schießprüfung mit Kanonen und Mörsern ab, wofür er ein Diplom als Meister der Feuerwerkskunst erhielt.

17401740. Die Skyline von Königsberg.

Kurfürst Friedrich III. / König Friedrich I.

(1657–1713)

Kurfürst von Brandenburg und „Herzog in Preußen“ unter dem Namen Friedrich III. (1688–1701), erster „König in Preußen“ (1701–1713), Sohn Friedrich Wilhelms. Krönte sich am 18. Januar 1701 in Königsberg. Während seiner Regierungszeit versuchte er, den französischen Hof nachzuahmen, und gab dafür beträchtliche Mittel aus. Empfing die Große Gesandtschaft Peters I. (1697). Im Großen Nordischen Krieg (1700–21) lavierte er zwischen den Kriegsparteien und schloss Bündnisse mal mit Russland, mal mit Schweden.

Das nächste Mal kehrte die große Politik am 18. Januar 1701 in das Königsberger Schloss zurück, als hier die Krönung des ersten preußischen Königs stattfand. Kurfürst Friedrich III., der sich sein Leben lang am Hof von Versailles orientiert hatte, setzte sich, gestützt auf die Zustimmung des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches, eigenhändig die preußische Krone aufs Haupt und nannte sich fortan König Friedrich I. Die prunkvolle Krönung leerte die preußische Staatskasse beträchtlich, doch an solchen Dingen wollte der neue König nicht sparen. Seine gesamte weitere Regierungszeit verging in einer ruinösen Folge von Bällen, Empfängen und Festlichkeiten.

In die Regierungszeit Friedrichs I. fiel eine der größten Tragödien in der Geschichte dieses Landes – die Pestepidemie von 1709–11.

Die Stadttore wurden verriegelt, der Adel hatte sich größtenteils rechtzeitig auf seine Stammgüter auf dem Land geflüchtet, wo er sich sorgfältig von der Außenwelt abschottete. Hospitäler und Lazarette waren überfüllt, ein Pestfriedhof nach dem anderen entstand. Von den 40.000 Einwohnern der Stadt starb etwa ein Drittel an der Pest. Noch schlimmer stand es in den kleinen Städten und Dörfern: In manchen Städtchen blieben nicht mehr als 10 % der früheren Bevölkerung übrig, einige Dörfer starben vollständig aus.

Zwei Jahre nach dem Ende der Pest bestieg ein König von völlig anderer Denkart und völlig anderem Charakter den preußischen Thron: Friedrich Wilhelm I. Der „Soldatenkönig“, wie man ihn nannte, war bei allem außer den Militärausgaben äußerst geizig. 1713 ließ er sich im Königsberger Schloss krönen, und seither galt es für die Dynastie der Hohenzollern als unumstößliche Tradition, die preußische Krone gerade dort aufzusetzen. Die Kosten dieser Zeremonie rechnete Friedrich Wilhelm persönlich auf den Pfennig genau aus. Insgesamt war die Regierungszeit dieses Monarchen für Preußen eher eine gute Zeit. Friedrich Wilhelm ergriff eine Reihe von Maßnahmen, um die von der Pest verwüsteten Gebiete wiederaufzubauen, und lud zu günstigen Bedingungen Siedler hierher ein, vor allem aus Salzburg, Nassau und der Schweiz. Mehreren Orten auf dem Gebiet der heutigen Oblast Kaliningrad wurde 1722–24 das Stadtrecht verliehen. Am 13. Juni 1724 schließlich wurden Altstadt, Löbenicht und Kneiphof samt den zahlreichen zu ihnen gehörenden Freiheiten und Vorstädten zu einer einzigen Stadt Königsberg vereinigt. Kurz zuvor, am 22. April 1724, hatte sich ein Ereignis zugetragen, das damals kaum einer der Bürger bemerkte ...

Friedrich Wilhelm I.

(1688–1740)

Preußischer König aus dem Haus Hohenzollern ab 1713. Erhielt den Beinamen „Soldatenkönig“, abschätzig auch „Kommisskönig“. Bekannt als Verfechter strenger Sparsamkeit im Umgang mit Staatsgeldern und einer Politik der Militarisierung des Staates. Führte im Land ein militärisch-polizeiliches Regiment und allgegenwärtige Körperstrafen ein. Unter seiner Herrschaft wurde die Armee auch durch Verhaftungen aufgefüllt, weshalb Studenten und Gelehrte das Land zu verlassen begannen. Förderte den Wiederaufbau Ostpreußens nach der Pest von 1709–10 durch Binnenmigration (6000 Menschen) und Zuwanderung von außen (40 000 Menschen) sowie durch wirtschaftliche Vergünstigungen. Vergrößerte die preußische Armee während seiner Regierungszeit von 38 000 auf 80 000 Soldaten, zugleich herrschten in der Armee jedoch Willkür und Drill und in der Folge massenhafte Desertion. Löste die städtische Selbstverwaltung auf und führte vom König ernannte Magistrate ein (1716). Initiator des Städtebaus und der Gründung von fünfzehn neuen Städten auf preußischem Gebiet. Vereinigte die drei Pregelstädte mit ihren Vorstädten zu einem einheitlichen Königsberg (1724). Empfing mehrfach (1713, 1716, 1717) den russischen Zaren Peter I. und schenkte ihm das Bernsteinzimmer (1716). Der wichtigste Beitrag Friedrich Wilhelms I. zur Innenpolitik Preußens bestand in der Schaffung jener staatsrechtlichen und sozioökonomischen Grundlage, auf der die militärische Außenpolitik des Landes in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beruhte.

In Königsberg wurde Immanuel Kant geboren, der größte Mensch, der je in dieser Stadt gelebt hat.

Erwähnt werden sollte auch, dass 1736 erneut Arbeiten zur Vertiefung des Pregelbetts durchgeführt wurden, wonach große (nach damaligen Maßstäben) Seeschiffe den Königsberger Hafen anlaufen konnten.

Die Regierungszeit Friedrichs II. des Großen, der später den Beinamen „Alter Fritz“ erhielt, erwies sich für Königsberg als ereignisreich. Dabei hegte er, als er 1740 den preußischen Thron bestieg, für diese Stadt wie für ganz Preußen keinerlei besonderes Interesse. Gewiss, er finanzierte den Bau einiger Pfarrkirchen und Dorfschulen und setzte die Politik fort, Siedler in den Osten Preußens zu holen, doch tat er dies gleichsam nebenbei, neben seinen eigentlichen Angelegenheiten.


Chronik der wichtigsten Ereignisse

1657 — Unterzeichnung der Verträge von Wehlau und Bromberg. Befreiung des Herzogtums Preußen von der polnischen Lehnshoheit.

1657 — Bau des Forts Friedrichsburg.

23. April 1660 — Unterzeichnung des Friedens von Oliva, der die Souveränität Preußens festschrieb.

7. Mai 1697 — Ankunft der „Großen Gesandtschaft“ unter Peter I. in Königsberg.

18. Januar 1701 — Krönung Friedrichs I. im Königsberger Schloss.

1709–11 — Pestepidemien. In Königsberg stirbt ein Drittel der Bevölkerung.

22. April 1724 — Geburtstag Immanuel Kants.

13. Juni 1724 — Offizielle Vereinigung der drei Pregelstädte (Altstadt, Löbenicht und Kneiphof) zu einer einzigen Stadt Königsberg.

1736 — Arbeiten zur Vertiefung des Pregelbetts für die Durchfahrt von Seeschiffen.

20. Juli 1740 — Huldigung für Friedrich II. im Königsberger Schloss.

DAS SECHSTE JAHRHUNDERT — DIE EPOCHE KANTS UND ZWEIER KRIEGE

Zu Beginn des Siebenjährigen Krieges (1756–63) war der „Alte Fritz“ bereit, die Provinz Preußen zu opfern, um auf den übrigen Kriegsschauplätzen Zeit zu gewinnen. Und im zweiten Anlauf wurde ganz Preußen von der russischen Armee besetzt.

Am 11. Januar 1758 kapitulierte die Festung Königsberg, ohne einen einzigen Schuss auf den Gegner abgegeben zu haben; im Gegenteil, die städtischen Behörden begaben sich zur Burg Kaymen (heute Saretschje), wo sie dem russischen Oberkommando die Schlüssel der Stadt und des Forts Friedrichsburg überreichten.

Nach der Einnahme der Stadt ließ das russische Oberkommando unter Wilhelm von Fermor die Stadtbevölkerung den Treueid auf Kaiserin Elisabeth leisten. Es begann die mildeste Besatzung in der gesamten Geschichte der europäischen Kriege. Die Rechte und Freiheiten der Bürger wurden nicht nur gewahrt, sondern sogar erweitert. Im vollen Sinne kann man die Ereignisse von 1758–62 allerdings nicht als Besatzung bezeichnen: In Königsberg lebten nun Untertanen des Russischen Reiches, und Preußen selbst war zu einem russischen Gouvernement geworden.

Friedrich II.

(1712–1786)

Preußischer König ab 1740, bedeutender Feldherr, den die Zeitgenossen hinter vorgehaltener Hand respektvoll Friedrich den Großen oder den Alten Fritz nannten. Infolge seiner Eroberungspolitik (Schlesische Kriege 1740–42 und 1744–45, Teilnahme am Siebenjährigen Krieg 1756–63 und an der Ersten Teilung Polens 1772) verdoppelte sich das Territorium Preußens nahezu, und Ostpreußen wurde 1772 mit dem übrigen Staatsgebiet verbunden. Die Regierungszeit Friedrichs II. gilt als Blütezeit des aufgeklärten Absolutismus in Preußen. In manchen Ländern versuchte man sogar, ihm nachzueifern ...

Diese Geschichte verzieh Friedrich II. Königsberg nach dem Abzug der russischen Truppen 1762 bis an sein Lebensende nicht. Die Leichtigkeit, mit der die Provinz die russische Untertanenschaft angenommen hatte, erfüllte ihn mit Verachtung, und deshalb besuchte er sie nie wieder. Der Abzug der russischen Armee und Verwaltung aus Königsberg erfolgte nach der Thronbesteigung Kaiser Peters III., der Friedrich II. nicht nur als großen Politiker und Vorbild verehrte, sondern auch beabsichtigte, im Bündnis mit Preußen Dänemark sein heimatliches Schleswig wieder abzuringen. Peter III. stellte die Kampfhandlungen sofort ein, woraufhin die Übergabe der Macht in Königsberg an preußische Beamte begann. Dieser Prozess zog sich bis zum nächsten Palastumsturz in Sankt Petersburg hin; alle erwarteten, dass Kaiserin Katharina II. die Entscheidung ihres früheren Gatten widerrufen und den Krieg gegen Preußen wieder aufnehmen würde. Eine solche Entscheidung blieb jedoch aus, und bald wurde die Macht in der Stadt auf friedlichem Wege und mit nur unbedeutenden Zwischenfällen an die Preußen zurückgegeben. 1763 ging auch der Siebenjährige Krieg selbst zu Ende.

In Königsberg hingegen stand die gesamte zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zeichen Kants. Zahlreiche aufgeklärte Menschen aus ganz Europa kamen nach Königsberg, um mit Kant persönlich zu sprechen oder seine Vorlesungen zu hören. Zweifellos war Kant eine herausragende Erscheinung in der Geschichte Königsbergs, eine Erscheinung, die für immer ihre Spuren in diesem Land hinterlassen und die hiesige Universität auf zuvor unerreichte Höhen gehoben hat.

Der Geist Kants lebte in der Königsberger Gelehrtenwelt auch nach seinem Tod fort – in seinen Schülern, in der von ihm begründeten Schule, in seinen Kollegen und Gegnern. Und mag dieses Land der Welt auch keine zweite ebenso berühmte Gestalt mehr geschenkt haben, so trugen doch viele von Kant inspirierte Absolventen der Königsberger Universität Albertina den Ruhm ihrer Heimatstadt durch ganz Europa.

Kants HausDas Haus Immanuel Kants im Zentrum Königsbergs.

Friedrich Wilhelm II.

(1744–1797)

Preußischer König aus dem Haus Hohenzollern ab 1786. Verschärfte in Preußen die Zensur (Religionsedikt 1788, Zensuredikt 1792). Schloss 1792 ein Militärbündnis mit Österreich gegen das revolutionäre Frankreich. Unterzeichnete mit Russland den Vertrag über die Zweite Teilung Polens (1793) und mit Russland und Österreich den über die Dritte Teilung Polens (1795). Führte Krieg gegen die polnischen Aufständischen (1794).

Im Jahr 1786 starb König Friedrich II., der keine Kinder hinterließ. Den Thron bestieg sein Neffe, König Friedrich Wilhelm II., dessen zehnjährige Regierungszeit für Königsberg von keinen nennenswerten Ereignissen geprägt war. Der König selbst blieb durch seine erfolgreiche Außenpolitik in Erinnerung (unter ihm kam es zur Zweiten Teilung Polens und zu einem beträchtlichen Gebietszuwachs des Königreichs Preußen), durch seine Ablehnung der Französischen Revolution und durch seine Liebesabenteuer, über die man sich in ganz Europa Anekdoten erzählte. Doch all das spielte sich fern von Königsberg ab. Die Regierungszeit des nächsten Königs, Friedrich Wilhelms III., wollen wir dagegen aufmerksam und ausführlich betrachten – zu viel Gutes und Schlechtes ereignete sich in dieser Zeit in Ostpreußen.

In der Geschichtsliteratur und im Film wird Friedrich Wilhelm III. als mittelmäßiger Herrscher dargestellt, der jedoch in einer großen Zeit lebte – und das kommt der Wahrheit sehr nahe. Sein so gut wie einziger Vorzug bestand darin, dass er kein Despot war, auf den Rat seiner fähigen Höflinge und Militärs zu hören vermochte und nicht hartnäckig auf seiner Mittelmäßigkeit beharrte.

In den ersten Regierungsjahren Friedrich Wilhelms III. führte Königsberg sein gewohntes Provinzleben weiter. 1804 starb Immanuel Kant. Alles änderte sich schlagartig, als der Bündnisvertrag mit Frankreich aufgekündigt und Frankreich am 9. Oktober 1806 der Krieg erklärt wurde.

Selbst wenn Friedrich Wilhelm Napoleon nicht den Krieg erklärt hätte, wären Kampfhandlungen auf preußischem Boden kaum zu vermeiden gewesen. In Wirklichkeit aber geriet das Ganze zu einer regelrechten Lektion: Genau fünf Tage lang nach der Kriegserklärung schwadronierten die preußischen Generäle selbstgefällig über die Überlegenheit der preußischen Armee gegenüber dem Heer des korsischen Emporkömmlings. Am 14. Oktober 1806 wurde die preußische Armee bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen.

Daraufhin übergaben preußische Garnisonen kampflos eine Festung nach der anderen, am 27. Oktober besetzten Napoleons Truppen Berlin, und die preußische Hauptstadt wurde eilends nach Königsberg verlegt, wohin das Königspaar geflohen war.

Friedrich Wilhelm III.

(1770–1840)

Preußischer König aus dem Hause Hohenzollern seit 1797. 1805 trat er der antinapoleonischen Koalition bei. Nach der Niederlage der preußischen Truppen bei Jena und Auerstedt (1806) floh er nach Königsberg, später nach Memel. Nach der von der russisch-preußischen Armee verlorenen Schlacht bei Friedland trat er im Frieden von Tilsit 1807 die Hälfte des preußischen Staatsgebiets an Napoleon I. ab. In seiner Regierungszeit wurde eine Reihe fortschrittlicher Reformen durchgeführt: das Oktoberedikt (1807) über die persönliche Freiheit der Bauern; die Städtereform (1808), die die städtische Selbstverwaltung einführte; die Gewerbereform (1810–11), durch die das Zunftwesen durch Korporationen ersetzt wurde; die Heeresreform (1808), die die allgemeine Wehrpflicht einführte und die Prügelstrafe abschaffte. Gemäß dem Vertrag mit Frankreich mobilisierte er 1812 21.000 Soldaten für den Feldzug gegen Russland. 1813 unterzeichnete er den russisch-preußischen Vertrag von Kalisch, der die Wiederherstellung des preußischen Staatsgebiets in den Grenzen von 1806 vorsah.

Selbstverständlich muss hier von Königin Luise die Rede sein, der Gemahlin Friedrich Wilhelms III. Die Königin, die wenig später in Königsberg verehrt wurde wie Pallas Athene in Athen, besaß zwei unbestreitbare Vorzüge: Sie war schön, was für eine Frau zu jener Zeit bereits genügte, und sie ließ es zu, verehrt und als Symbol der patriotischen Bewegung angesehen zu werden. Im Zeitalter des verlöschenden Absolutismus konnten sich Patrioten nur um die Gestalt des Monarchen scharen. Und wenn ihnen der Monarch selbst als nicht ganz geeigneter Mittelpunkt erschien, so war seine Gemahlin in dieser Hinsicht über jeden Zweifel erhaben.

Nach dem Verlust eines erheblichen Teils seines Landes war der preußische König zwar nicht in bester Stimmung, gab die Hoffnung aber noch nicht endgültig auf. Sein wichtigster Verbündeter, der russische Kaiser Alexander I., hatte ihm feste Zusicherungen gegeben, Preußen militärisch zu verteidigen – ungeachtet aller Kosten und Verluste.

Zweifellos hatte Russland ein eigenes Interesse daran, Napoleon in die Grenzen Frankreichs zurückzudrängen. Dieses Interesse ergab sich vor allem aus der Ausrichtung des Reiches auf den Handel mit England, den kein anderer europäischer Markt ersetzen konnte. Die russische Wirtschaft hing so stark vom Englandhandel ab, dass selbst das später mit Napoleons Unterstützung angegliederte Finnland den Verlust des englischen Marktes infolge der Kontinentalsperre nicht ausgleichen konnte. All das führte schließlich zum Vaterländischen Krieg von 1812. Vorerst jedoch wurden Russlands Interessen auf preußischem Boden verteidigt. Allerdings hatte Alexander I. noch ein weiteres Interesse – Königin Luise, deren Schönheit gegenüber der russische Kaiser zumindest nicht gleichgültig war.

Am Vorabend des Feldzugs von 1807 herrschte zwischen der napoleonischen Armee und den russisch-preußischen Kräften ein zahlenmäßiges Gleichgewicht. Oberbefehlshaber der russischen Truppen in Preußen (ca. 60.000 Soldaten und Offiziere) wurde General der Kavallerie Levin August von Bennigsen. Das preußische Korps (ca. 6.000 Soldaten und Offiziere) befehligte Generalleutnant Anton Wilhelm von L’Estocq. Königsberg wurde zur Versorgungsbasis der verbündeten Armee; hier befanden sich Militär- und Proviantlager, später auch Lazarette. Alle Anstrengungen der russisch-preußischen Koalition zielten darauf ab, die Einnahme Königsbergs durch Napoleon zu verhindern, denn nach dem Fall der Stadt hätte der Widerstand gegen die napoleonische Armee in Ostpreußen jede Aussicht verloren.

Das Königspaar hatte Königsberg rechtzeitig verlassen, bereits im Januar 1807. Die Hauptstadt wurde vorübergehend von Königsberg nach Memel (heute die litauische Stadt Klaipėda) verlegt.

In unmittelbarer Nähe Königsbergs begann der Feldzug mit der Schlacht bei Preußisch Eylau (Bagrationowsk): Die zahlenmäßig gleich starken Armeen – die Koalition hatte lediglich einen leichten Vorteil an Artillerie – fügten einander in dem blutigen Ringen empfindliche Verluste an Toten und Verwundeten in Höhe eines Drittels ihrer Mannschaftsstärke zu, ohne dass ein Sieger feststand. Bis zum Sommer hatte Bennigsen seine Armee wieder auf 65.000 Mann aufgefüllt, Napoleon seine militärische Präsenz in der Region auf 80.000 Mann verstärkt. Die wechselseitigen Manöver führten dazu, dass Bennigsen Gefahr lief, von Königsberg abgeschnitten zu werden, was insgesamt die Niederlage bedeutet hätte. Gerade diese Gefahr zwang den russischen Befehlshaber, sich auf die verhängnisvolle Schlacht bei Friedland (Prawdinsk) einzulassen. Dabei war das Kräfteverhältnis im Sommer 1807 so beschaffen, dass die Siegchancen der russischen Armee minimal waren. Es blieb nur die theoretische Möglichkeit, die französische Armee Stück für Stück zu schlagen. Als Bennigsen in Friedland einrückte, das gerade vom französischen Korps des Marschalls Lannes besetzt wurde, bot sich ihm unverhofft eine solche Gelegenheit; doch er verlor einen ganzen Tag (nach eigener Aussage wegen Unwohlseins), sodass er schließlich gegen die gesamte französische Armee kämpfen musste – in äußerst ungünstiger Stellung und mit durch den Fluss Alle (heute Lawa) abgeschnittenen Rückzugswegen. Obwohl die russischen Soldaten bis zu einem gewissen Zeitpunkt vorbildliche Standhaftigkeit bewiesen, ließ sich die Niederlage nicht abwenden.

Frieden von Tilsit1807. Napoleon und Alexander I. verhandeln auf dem berühmten Floß mitten auf der Memel.

Königin Luise

(1776–1810)

Luise Auguste Wilhelmine Amalie, Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz.

Preußische Königin, gebürtig aus Hannover, seit 1793 Gemahlin Friedrich Wilhelms III. Sie war beim Militär beliebt und stand an der Spitze der Kräfte, die für einen möglichst raschen Kriegseintritt Preußens gegen Napoleon eintraten. Bei den Königsbergern war sie außerordentlich populär; diese wussten geradezu Legenden über ihre Tugendhaftigkeit zu erzählen. Nach ihr wurden Straßen, Brücken, Ortschaften, Stadtteile, eine Kirche, das Fort Nr. 6 und vieles andere benannt.

Neben den beträchtlichen Verlusten war die Armee Bennigsens nun endgültig von Königsberg abgeschnitten, das sich gleichwohl darauf vorbereitete, den Franzosen die Stirn zu bieten. Während sich bei Friedland die dramatischen Ereignisse abspielten, rückten die Korps der französischen Marschälle Murat und Soult auf Königsberg vor. Die Garnison der Festung Königsberg bestand aus dem preußischen Korps L’Estocqs und dem russischen Korps Kamenskis, das drei Tage vor der Schlacht bei Friedland zur Verstärkung Königsbergs hierher entsandt worden war. Das Korps legte binnen eines Tages 55 km zurück und bezog Stellung im gefährdetsten, südlichen Abschnitt zwischen dem Friedländer und dem Brandenburger Tor. Die zweihundert Jahre alten Festungswälle und Bastionen, vom Regen ausgewaschen, stark mit Gebüsch überwuchert und stellenweise sogar von Ackerbauern in Beschlag genommen, wurden in aller Eile zur Verteidigung hergerichtet und verhinderten, dass die Franzosen die Stadt im ersten Ansturm einnahmen.

Die französischen Truppen griffen die Stadt ausgerechnet am Tag der Schlacht bei Friedland an und wurden mit Gewehr- und Kanonenfeuer empfangen, das ihren Ansturm zum Stehen brachte. Daraufhin begannen die Franzosen, einen ernsthaften Artillerieangriff auf den Festungswall vorzubereiten. Dafür brauchten sie Zeit, um Belagerungsartillerie heranzuführen, über die die Korps vor Königsberg nicht verfügten.

Soult schildert die Ereignisse so: „...es sind viele Geschütze vorhanden, weshalb der Wall gut verteidigt ist, der Graben ist ganz mit Wasser gefüllt und der gedeckte Weg mit Palisaden versehen. In der kommenden Nacht werde ich einige Granaten in die Stadt werfen, um ihre Garnison und die Stadt zu erschüttern, doch ich habe wenig Munition, sie reicht kaum für ein vierstündiges Gefecht... Die Sorge, zu weit zu gehen und womöglich viele Leute zu verlieren, ohne des Erfolgs sicher zu sein, zwingt mich, mich auf die Beobachtung zu beschränken...“ Auf die Aufforderung General Belliards, die Stadt kampflos zu übergeben, antwortete Kamenski mit dem eleganten Satz: „Sie sehen an mir eine russische Uniform und wagen es, die Übergabe zu fordern?“ Doch schon am nächsten Tag erhielt die Königsberger Garnison den Befehl, die Stadt zu verlassen und sich den nach Osten zurückweichenden Truppen anzuschließen. Am 16. Juni 1807 zogen die Franzosen in Königsberg ein.

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass in Königsberg noch betagte Bürger lebten, die sich an die russische Besetzung der Stadt erinnerten und sie daher mit der französischen vergleichen konnten. Diesmal waren die Lebensbedingungen weit weniger günstig: Überall wurden die Bürger drangsaliert, man requirierte ihre Wertgegenstände für den Bedarf der Armee und richtete in Kirchen Pferdeställe und Lazarette ein. Offene Ausschreitungen gab es allerdings nicht, denn Napoleon und seine Marschälle wussten sehr wohl, dass man die Armee im Zaum halten musste. Nach der Unterzeichnung des Friedens von Tilsit am 7. Juli 1807 verblieben die Reservekorps von Victor und Augereau mit insgesamt rund 70 000 Soldaten in Preußen. In Königsberg selbst wurden viele öffentliche Gebäude als Lazarette genutzt, in denen verwundete französische Soldaten gepflegt wurden.

Die Besatzung Königsbergs im vollen Sinne dauerte bis zum Abschluss des Bündnisvertrags zwischen Frankreich und Preußen am 24. Februar 1812. Er richtete sich gegen Russland, das die Bedingungen des Friedens von Tilsit hinsichtlich der Kontinentalsperre gegen England nicht mehr einhielt. Danach blieben die französischen Truppen zwar weiterhin in der Stadt, nun aber als Verbündete Preußens.

Unterdessen entstand in Preußen selbst eine Bewegung für eine grundlegende Reform des Staates. Ein beträchtlicher Teil der militärischen und zivilen Aristokratie erkannte, dass nur eine tiefgreifende Erneuerung der erstarrten preußischen Ordnung dem Land die Unabhängigkeit zurückgeben und Preußen selbst zu einem der führenden Staaten Europas machen konnte. Zur Galionsfigur der Reformer wurde Königin Luise. Schon 1807, während des Aufenthalts des Königspaares in Königsberg und Memel, war Luise bei den Bewohnern Königsbergs und der Umgebung außerordentlich populär geworden, ja sie wurde geradezu verehrt. Kaum verstand sie das Wesen der bevorstehenden Reformen und die Mechanismen ihrer Umsetzung, doch sie tat das Wichtigste, was in ihrer Macht stand: Sie ließ zu, dass die Reformer sie zum Symbol und zur Schirmherrin der Reformen wählten. In Zeiten des Absolutismus neigt eine Nation dazu, sich um die Person des Monarchen zu scharen, doch Friedrich Wilhelm III. zögerte, blieb untätig und widersetzte sich sogar der patriotischen Stimmung in der Gesellschaft – und so scharte sich die Nation um seine Gemahlin.

Luise und Napoleon1807. Königin Luise und Napoleon in Tilsit.

Frieden von Tilsit

Der Friedensvertrag, der im Zuge der Verhandlungen vom 25. Juni bis 7. Juli 1807 in Tilsit (Sowetsk) unterzeichnet wurde, beendete den Krieg der Vierten Koalition. Nach den Friedensbedingungen wurde Russland Verbündeter Frankreichs, erkannte alle seine Eroberungen und die Neuordnung der Grenzen in Europa an und trat der Kontinentalsperre gegen England bei. Der Frieden von Tilsit erhielt Preußen als Staat, jedoch unter erheblichen Gebietsverlusten.

So seltsam es klingen mag: Die Jahre der französischen Besatzung waren für Königsberg und Preußen insgesamt überaus fruchtbar. Am 9. Oktober 1807 trat Preußen in eine neue Epoche ein, indem es das wichtigste Erbe des Feudalismus abschaffte – die Leibeigenschaft im Sinne der persönlichen Abhängigkeit der Bauern von den Grundherren. Ein Jahr später, am 19. November 1808, folgte die Städtereform. Fortan wurden die städtischen Angelegenheiten in Königsberg von einem gewählten Magistrat und einer Stadtverordnetenversammlung verwaltet. 1808 wurde in der besetzten Stadt das Stadttheater am Paradeplatz (heute Uniwersitetskaja-Straße) eröffnet. Und schließlich wurde 1809 der große deutsche Gelehrte, Mathematiker und Astronom Friedrich Bessel nach Königsberg berufen, um die hiesige Universität voranzubringen. Bessel wurde angeboten, an der Universität eine astronomische Sternwarte einzurichten, deren Grundstein 1811 auf der alten Erdbastion „Butterberg“ gelegt wurde. Wegen der Kontributionszahlungen und der Kriegsausgaben zog sich der Bau etwas in die Länge. Napoleon, der 1812 nach Königsberg kam, zeigte sich jedenfalls aufrichtig erstaunt, dass der preußische König sich in so kritischer Zeit mit astronomischen Dingen befasste.

In der Königsberger Sternwarte, die 1813 ihre Arbeit aufnahm, gelangen Bessel, seinen Kollegen und Nachfolgern herausragende wissenschaftliche Entdeckungen.

Friedrich Wilhelm IV.

(1795–1861)

Preußischer König ab 1840, aus dem Haus Hohenzollern. Unter ihm entfaltete sich 1848–49 die deutsche bürgerliche Revolution. 1849 lehnte er demonstrativ den Titel eines Kaisers von Deutschland ab und verzögerte damit die Vereinigung der deutschen Staaten. Im selben Jahr wurde von ihm das erste gesamtdeutsche Parlament einberufen. 1850 sah er sich gezwungen, in Preußen eine gemäßigte Verfassung einzuführen. 1841 setzte Friedrich Wilhelm IV. eine Kommission zur Modernisierung der Königsberger Befestigungen ein; danach (ab 1843) wurde während seiner Regierungszeit der zweite Wallring der Stadt im Wesentlichen errichtet. Ab 1857 zog er sich infolge einer Reihe von Schlaganfällen von den Staatsgeschäften zurück.

Zunächst schloss Bessel 1834 aus Beobachtungen von Sternbedeckungen durch den Mond, dass der Mond keine nennenswerte Atmosphäre besitzt. Dann wurde 1838 zum zweiten Mal weltweit und erstmals mit verlässlicher Genauigkeit die Entfernung von der Erde zu einem Stern (61 Cygni) bestimmt. Und schließlich entdeckte Bessel nach jahrelanger Erforschung der Bewegung der Sterne Sirius und Prokyon bei ihnen unsichtbare Begleiter, die die Sterne durch ihre Schwerkraft zwangen, eine Bahn im Raum zu beschreiben, die in ihrer Form an eine sanfte Spirale erinnerte. Nach Bessels Berechnungen besaßen diese Begleiter eine beachtliche Masse, vergleichbar mit der eines gewöhnlichen Sterns, und waren dennoch in den Teleskopen nicht zu sehen, was mit ihrer äußerst geringen Größe erklärt wurde. So wurde eine neue Klasse von Sternen mit außerordentlich hoher Materiedichte entdeckt – die Weißen Zwerge. Die übrige Zeit diente die Sternwarte praktischen Zwecken: Sie erstellte umfangreiche und genaue Sternkataloge, nach denen auf der gesamten Nordhalbkugel der Zeitdienst arbeitete und die geografischen Koordinaten von Objekten auf der Erde bestimmt wurden. Ebenfalls in der Königsberger Sternwarte entstand die weltweit erste Fotografie (Daguerreotypie) einer Sonnenfinsternis. Das geschah am 28. Juli 1851, als Königsberg im Streifen der totalen Phase einer Sonnenfinsternis lag.

Doch kehren wir ins Jahr 1812 zurück. Dieses Jahr, das man bei uns vor allem mit dem Vaterländischen Krieg verbindet, wurde für die preußische Staatsführung zu einem Jahr der Schande. Napoleon verlangte von Friedrich Wilhelm III., innerhalb der Grande Armée ein preußisches Korps zu stellen, das in Richtung Sankt Petersburg vorgehen sollte. Der preußische König wagte es nicht, sich der Teilnahme am Krieg gegen seinen bis vor Kurzem einzigen treuen Verbündeten zu widersetzen, der für den Erhalt der preußischen Staatlichkeit Zehntausende seiner Soldaten geopfert hatte. Diese Entscheidung rief ebenso wie zuvor schon die Politik der Aussöhnung mit Napoleon den Protest vieler preußischer Militärs hervor. Seit 1807 nahmen preußische Offiziere und Generäle ihren Abschied, weil sie an dieser Schmach nicht mitwirken wollten. Einige von ihnen (Carl von Clausewitz, Johann Karl Friedrich Anton von Diebitsch, Leopold Hermann Ludwig von Boyen, Karl von der Groeben, Ludwig von Wolzogen und andere) dienten fortan in der russischen Armee. Dennoch zog das preußische Hilfskorps unter dem Kommando von General Yorck in nördlicher Richtung (gegen Sankt Petersburg) ins Feld, wo es sich keinen besonderen Ruhm erwarb. Königsberg wiederum diente das ganze Jahr 1812 hindurch als Umschlag- und Nachschubbasis der französischen Armee.

Bis der Krieg samt den Resten der Grande Armée an die preußischen Grenzen zurückrollte. Danach überschlugen sich die Ereignisse. Bereits am 21. Dezember 1812 überschritten die vordersten Kosakenabteilungen die Grenze Preußens.

Am 23. Dezember rückten russische Truppen in Tilsit (heute Sowetsk) ein, am 26. Dezember in Gumbinnen und Insterburg (die heutigen russischen Städte Gussew bzw. Tschernjachowsk). Am 27. Dezember operierten Kosakenschwadronen bei Allenburg (heute Siedlung Druschba) und Kreuzburg (heute Siedlung Slawskoje). Am 30. Dezember 1812 unterzeichnete der preußische General in russischen Diensten Diebitsch mit dem preußischen General Yorck die Konvention von Tauroggen über den Austritt des preußischen Hilfskorps aus dem Krieg und dessen Neutralität. Diese ohne Wissen des preußischen Königs unterzeichnete Konvention machte jede wirksame Verteidigung Ostpreußens faktisch zunichte, denn nach dem französischen Verteidigungsplan entfielen auf das preußische Korps etwa drei Viertel der dafür vorgesehenen Mannschaften und Artillerie. Die Franzosen traten einen überstürzten Rückzug aus Ostpreußen an. In der Nacht zum 5. Januar 1813 verließen sie Königsberg, und bereits um zwei Uhr nachts begannen russische Truppen in die Stadt einzurücken.

Albertina

So hieß die 1544 gegründete Königsberger Universität. Ursprünglich befand sie sich im Nordosten der Insel Kneiphof neben dem Dom. Im 19. Jahrhundert wurde das Hauptgebäude am Paradeplatz (heute Uliza Uniwersitetskaja, s. oben) eröffnet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand die Universität aus mehreren Instituten, deren Gebäude über das gesamte Stadtzentrum verstreut waren. Zu ihren bekanntesten Professoren gehörten Immanuel Kant, Friedrich Bessel, Andreas Osiander, Karl Gottfried Hagen, David Hilbert, Karl Ernst von Baer u. a.

Zeitschrift „Syn Otetschestwa“ („Sohn des Vaterlandes“) Nr. 3 von 1813

„Königsberg. Beim Einzug der kaiserlich russischen Truppen in diese Stadt machte der hiesige Magistrat folgende Bekanntmachung öffentlich: „Die russischen Krieger befinden sich in unserer Mitte. Sie versetzen den friedliebenden Bürger nicht in Schrecken, denn sie haben öffentlich erklärt, dass sie die persönliche Freiheit, die Sicherheit und das Eigentum der Einwohner achten. Viele Städte Preußens haben bereits durch die Erfahrung bewiesen, wie heilig sie ihr Versprechen halten, und so wollen auch wir im Gefühl unseres Glücks und unserer Verwunderung ausrufen: ‚Die Russen verfahren edel im Frieden und mit den Friedliebenden.‘ Werte Einwohner dieser Stadt! Lasst uns bemüht sein, dieses Wohlwollen durch unser Betragen zu verdienen! Lasst uns unsere Dankbarkeit bezeugen, indem wir ihnen Freundschaft, Liebe und wahre Achtung erweisen und unser geringes Hab und Gut zu ihrem Nutzen verwenden. Ruhe und Sicherheit werden uns beschirmen.“ Infolge eines Befehls, den Marschall Berthier am 18. Dezember in Gumbinnen erteilte, wurden die Festungen Danzig und Marienburg sowie die Brückenköpfe in Marienwerder und Thorn in Belagerungszustand erklärt, und den Kommandanten wurde aufgetragen, sie unverzüglich in gehörigen Stand zu setzen. Zeit und Mittel werden es nicht erlauben, sie zur Abwehr einer Belagerung tauglich zu machen. Man sagt, die Danziger Garnison habe viele Außenwerke ihrer Festung in die Luft gesprengt, da sie sich zu schwach fühlte, diese ausgedehnten Befestigungen zu verteidigen. Der König von Preußen befindet sich mit seiner Garde in Potsdam. Augereau steht mit den Resten seines Korps, insgesamt 10.000 Mann, in Berlin. Die Festung Spandau haben die Franzosen schon im Sommer durch List besetzt. Graudenz ist in den Händen der Preußen. In der Umgebung dieser Stadt haben sich bis zu 30.000 Mann preußischer Truppen versammelt.“

Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege war die politische Lage in Preußen vom Ringen zwischen liberalen und konservativen Kräften geprägt. Bürgertum, Intelligenz und ein Teil der Offiziere waren der Ansicht, dass die während des Krieges begonnenen Reformen fortgesetzt werden müssten: Die Monarchie sollte konstitutionell werden, Preußen selbst sollte die Einigung der deutschen Länder vorantreiben, und die gesetzgebende Gewalt sollte einem gesamtdeutschen Parlament übertragen werden.

Restaurant "Blutgericht"1827. Innenansicht des Restaurants „Blutgericht“ im Keller des Königlichen Schlosses.

Die aristokratische Oberschicht hingegen vertrat die Auffassung, der Staat sei ohnehin schon liberal genug geworden, und ein geeinter deutscher Staat müsse ohne Beteiligung der revolutionär gesinnten Gesellschaftsschichten entstehen, also ausschließlich auf Initiative von oben. Die Gegensätze mündeten schließlich in die bürgerliche Revolution von 1848/49, die in Königsberg ohne Barrikaden und Blutvergießen verlief. Um Konfrontationen und Provokationen zu vermeiden, zog der Kommandeur der Königsberger Garnison die ihm unterstellten Truppen aus der Stadt ab und überließ es den Polizeikräften, sich zu bewähren. Zunächst schlugen die „Aufständischen“ die Fensterscheiben des städtischen Magistrats ein. Dann ging das Gerücht um, der preußische König habe dem russischen Kaiser Nikolaus I. eine Depesche geschickt, in der er die russische Armee bitte, im Nachbarstaat für Ordnung zu sorgen.

Die Menge stürmte das Postamt und zwang den Postmeister, ihr das Staatsschreiben auszuhändigen. Nach kurzem Widerstand gelangten die Revolutionäre in den Besitz des Briefes, doch niemand brachte den Mut auf, den königlichen Umschlag zu öffnen.

Sein Inhalt blieb ein Geheimnis, doch einigen Zeugnissen zufolge enthielt er eine Beschreibung der neuesten europäischen Modetrends für die russische Kaiserin. Damit waren die wesentlichen revolutionären Ereignisse in Königsberg eigentlich auch schon beendet.

Verlief die Revolution in Königsberg, gelinde gesagt, eher kläglich, so waren die Ereignisse des kulturellen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens der Stadt in den Jahren 1815–1850 weitaus bedeutender und vielfältiger. 1830 nahm in der Stadt die Wasserleitung den Betrieb auf. Im selben Jahr gründete der Industrielle Steinfurt in Königsberg eine Maschinenfabrik, die spätere Waggonfabrik. 1849 wurde das Königsberger Krankenhaus der Barmherzigkeit eröffnet.

KneiphofDie alte Albertina neben dem Dom (unten rechts).

Wilhelm I.

(1797–1888)

Regent für Friedrich Wilhelm IV. (ab 1857). König von Preußen ab 1861 und Deutscher Kaiser ab 1871. Aus dem Haus Hohenzollern. 1862 ernannte er Bismarck zum Chef der preußischen Regierung. Während seiner Herrschaft vollzog sich die Einigung der deutschen Staaten, zunächst im Norddeutschen Bund (1867), dann im Deutschen Reich (1871). Preußen nahm am Deutsch-Dänischen (1864), am Preußisch-Österreichischen (1866) und am Deutsch-Französischen Krieg (1870–71) teil. 1882 trat es dem Dreibund bei, später einer der Koalitionen des Ersten Weltkriegs. Das Denkmal für Wilhelm I. wurde 1884 an der Südwestecke des Königsberger Schlosses aufgestellt.

Die Königsberger Universität erlebte in diesen Jahren ihre Blütezeit. An der „Albertina“ wirkten damals zahlreiche Gelehrte von Weltruf: der Mathematiker und Astronom Friedrich Bessel, der Physiologe und Anatom Friedrich Burdach, der Biologe und Anthropologe Karl von Baer, der Chemiker und Botaniker Karl Hagen, die Philosophen Johann Herbart und Christian Lobeck und viele andere. An der Universität entwickelte sich auch die Erforschung der litauischen Ethnografie und Literatur, deren herausragende Vertreter Georg Nesselmann, Ludwig Rhesa und Friedrich Kurschat waren. Auch das Theaterleben der Provinz erhielt neuen Auftrieb; es war in dieser Zeit mit dem Theaterdirektor und bedeutenden deutschen Komponisten Richard Wagner und seiner Ehefrau, der Schauspielerin Minna Planer, verbunden.

Schließlich begann 1843 auf Betreiben der militärischen und zivilen Behörden der Bau des zweiten Wallgürtels oder, wie man mitunter sagt, des zweiten Bastionsrings der Stadt.

Die Notwendigkeit, die Befestigungen Königsbergs zu erneuern, war schon lange erörtert worden. 1834 kam eine eigens eingesetzte Kommission zu dem Schluss, dass die Befestigungen neu errichtet werden müssten, da die alten sich nicht mehr modernisieren ließen. Noch im selben Jahr begann ihre Planung unter der Leitung des Teilnehmers der Napoleonischen Kriege und Chefs des preußischen Ingenieurkorps, Generalleutnant Ernst Ludwig von Aster. 1843 wurden die Defensivkaserne Kronprinz und das Königstor gegründet. Innerhalb von 23 Jahren entstanden insgesamt neun Haupttore der Stadt, zehn Bastionen, zwei Türme und drei Ravelins. Zum Wallgürtel gehörten außerdem die Kaserne Kronprinz und das erneuerte Fort Friedrichsburg. Zu Napoleons Zeiten hätten diese Befestigungen einem Sturmangriff zweifellos recht lange standhalten können. Doch schon bei Abschluss der Bauarbeiten entsprachen sie angesichts der rasanten Fortschritte der Artillerie Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr den Erfordernissen der Zeit.


Chronologie der wichtigsten Ereignisse

1756–63 — Siebenjähriger Krieg.

11. Januar 1758 — Einzug der russischen Armee in Königsberg.

1758–62 — Königsberg als Teil des Russischen Reiches.

1764, 1769, 1775, 1783, 1811 – Große Brände in Königsberg.

12. Februar 1804 – Tod Immanuel Kants.

27. Oktober 1806 – Nach der Einnahme Berlins durch die französische Armee wird Königsberg vorübergehend zur Hauptstadt.

16. Juni 1807 – Einnahme Königsbergs durch die Armee Napoleons.

Friedrich III.

(1831–88)

Deutscher Kaiser ab 1888. Aus dem Haus Hohenzollern. Befürworter demokratischer Reformen. Als Thronfolger, als Kronprinz, erwies er sich als besonnener Politiker und begabter Feldherr. Nahm unmittelbar am Deutsch-Französischen Krieg 1870–71 teil. Unheilbar erkrankt, war er 1888 nur drei Monate lang Kaiser.

7.–9. Juli 1807 – Verhandlungen über den Abschluss des Friedens von Tilsit.

1811–13 – Bau der Königsberger Sternwarte.

5. Januar 1813 – Zweite Einnahme Königsbergs durch die russische Armee.

1830 – Inbetriebnahme der ersten Königsberger Wasserleitung.

1830 – Gründung der Maschinenbaufabrik Steinfurt (heute Kaliningrader Waggonbauwerk).

1849 – Eröffnung des Krankenhauses der Barmherzigkeit in Königsberg.

DAS SIEBTE JAHRHUNDERT – DAS ENDE DER GESCHICHTE

Dass die Stadt zu ihrer Verteidigung völlig andere Befestigungsanlagen brauchte, zeigte der Deutsch-Französische Krieg 1870–71 in aller Deutlichkeit. Mit dem Sieg in diesem Krieg vollendete Preußen die Vereinigung der deutschen Staaten zu einem Ganzen, und der preußische König Wilhelm I. erklärte sich zum Kaiser des Deutschen Reiches. Zugleich entstanden im deutschen Generalstab Pläne für einen möglichen Zweifrontenkrieg. Das rasche Erstarken Deutschlands beunruhigte die führenden Mächte Europas; die russisch-deutschen Beziehungen kühlten spürbar ab, und damit wurde auch die Ostrichtung für Königsberg militärisch potenziell gefährlich. Um die Verteidigungsfähigkeit der Stadt zu stärken, begann man daher 1874 mit dem Bau eines Fortgürtels in 5–7 km Entfernung vom Zentrum. Außerdem entstanden bis 1873 die Kaserne und die Reithalle des 1. Kürassierregiments (heute das Gebäude der Fabrik „Oktawia“ und der Zentralmarkt).

Stich "Ausfahrt des Königspaares"1890. Stich „Ausfahrt des Kaiserpaares“.

Deutsches Reich

Vereinigter deutscher Staat in den Jahren 1871–1918. Das Deutsche Reich wurde am 18. Januar 1871 nach dem Sieg Preußens im Deutsch-Französischen Krieg 1870–71 ausgerufen. Die führende Rolle bei der Reichsgründung spielte der preußische Kanzler Otto von Bismarck. Die Vereinigung der deutschen Staaten (4 Königreiche, 6 Großherzogtümer, 6 Herzogtümer, 7 Fürstentümer und 3 freie Städte) vollzog sich um Preußen herum; der preußische König wurde zugleich Deutscher Kaiser und behielt dabei seinen Königstitel. Fast unmittelbar nach der Reichsgründung zeichnete sich die Gegnerschaft zu England und Frankreich ab, denen sich später auch Russland anschloss. 1914–18 war das Deutsche Reich einer der Hauptbeteiligten des Ersten Weltkriegs; nach der Niederlage wurde es im Zuge der Novemberrevolution 1918 aufgelöst.

Selbstverständlich ging auch der zivile Bau weiter. 1873 nahm ein neues städtisches Wasserleitungssystem den Betrieb auf, zur selben Zeit wurde die Universitätsklinik an der Langen Reihe (heute Barnaulskaja-Straße) eröffnet. 1875 entstand das neue (bereits vierte) Börsengebäude. Jenseits der offiziellen Stadtgrenze – des Bastionsrings – wuchsen derweil die Vororte weiter, die überwiegend aus Villen bestanden. Dort entstanden allerdings auch große öffentliche Anlagen – das Stadion „Walter-Simon-Platz“ (1892) und der Tiergarten (1896).

Zum wichtigsten Element der städtischen Infrastruktur wurde schließlich die 1881 eröffnete Pferdebahn. Bis 1895 nahm die erste Linie der elektrischen Straßenbahn vom Pillauer Bahnhof (beim heutigen Museum des Weltozeans) bis zum Neuen Markt (Gegend der Sarajskaja-Straße) den Betrieb auf. Anfangs verkehrte diese Linie parallel zu fünf Pferdebahnstrecken.

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstand eine paradoxe Lage: Manche Stadtteile Königsbergs, die weit über die Stadtgrenze hinausgewachsen waren, galten rechtlich als Vororte, und der Verkehr mit ihnen wurde durch Kontrollen beim Passieren der Stadttore unterbrochen. Allen war längst klar, dass die Wallbefestigungen keinerlei militärische Bedeutung mehr hatten: Erreichte ein Gegner die Linie des Bastionsrings, so könnte die moderne Belagerungsartillerie die Stadt durch und durch unter Beschuss nehmen, ohne einen einzigen sicheren Ort übrig zu lassen – an eine erfolgreiche Verteidigung auf dieser Linie war also gar nicht zu denken. Dennoch dauerte es noch zehn Jahre, bis die Militärbehörden dem zustimmten und den Bastionsring Königsbergs als Befestigungsanlage aufhoben. 1911 schließlich trat die Stadt offiziell aus dem „Panzer“ heraus, der sie so lange eingeengt hatte. Leider führte die rasche Ausdehnung Königsbergs in dieser Zeit zum Verlust vieler architektonischer und fortifikatorischer Bauwerke. Drei Stadttore wurden abgerissen – das Steindammer, das Tragheimer Tor und der Holländerbaum –, sämtliche Bastionen außer der Bastion Grolman wurden teilweise oder ganz geschleift, und der Stadtwall blieb nur im Abschnitt der heutigen Straße Litowski Wal unversehrt erhalten.

Am 3. Mai 1908 ereignete sich in Königsberg im Stadion „Walter-Simon-Platz“ (heute „Baltika“) ein denkwürdiges Ereignis: Der örtliche Fußballklub „Königsberg“ gab sein Debüt in der Deutschen Meisterschaft. Die Premiere verlief nicht ganz glücklich, genauer gesagt – ganz und gar unglücklich. „Königsberg“ unterlag dem ältesten deutschen Klub „Viktoria 89“ aus Berlin mit 0:7. Und da damals im K.-o.-System gespielt wurde, war das erste Spiel der Saison für „Königsberg“ zugleich das letzte.

In der folgenden Saison wiederholte sich das Ganze: Sein erstes Spiel bestritt „Königsberg“ auswärts gegen ebendiese „Viktoria 89“ und verlor diesmal noch vernichtender mit 1:12. Später vertrat der Klub „Prussia-Samland“ Königsberg in der Meisterschaft, doch auch er erzielte keine nennenswerten Erfolge.

Das sich gerade abzeichnende stürmische Wachstum der Provinzstadt wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrochen. Seine zerstörerische Kraft bekam Deutschland zuerst hier zu spüren, auf dem Gebiet Ostpreußens.

Wilhelm II.

(1859–1941)

König von Preußen und Deutscher Kaiser 1888-1918 aus dem Haus Hohenzollern, Enkel Wilhelms I. Entließ Bismarck (1890). Einer der Urheber und aktiven Beteiligten des Ersten Weltkriegs (1914–18). Verkündete 1917 die „Osterbotschaft“ über die Absicht, das Wahlsystem zu demokratisieren. Durch die Novemberrevolution 1918 gestürzt.

Erstaunlicherweise gab es zwischen Russland und Deutschland bis 1914 keine unlösbaren Gegensätze, die zwangsläufig in einen Krieg hätten münden müssen. Doch das seit den 1850er-Jahren wachsende gegenseitige Misstrauen, das zunächst zu einer Abkühlung der russisch-deutschen Beziehungen und später dazu führte, dass beide Länder sich unterschiedlichen Militärbündnissen anschlossen, machte die Kriegsgefahr mehr als real. Dabei waren es letztlich gerade die Bündnisse Russlands mit der Entente und Deutschlands mit Österreich-Ungarn, die zur Eröffnung der russisch-deutschen Front führten. In Ostpreußen, das sich im Kriegsfall in einer äußerst verwundbaren Lage befand, begannen die Vorbereitungen auf mögliche Kampfhandlungen lange vor Beginn der Ostpreußischen Operation der russischen Armee im Jahr 1914. In Königsberg selbst wurden die Fortbefestigungen modernisiert. Die Kasematten erhielten eine zusätzliche Sandschicht und eine Betonverstärkung, die schwere Artillerie wurde aus den Forts abgezogen und in angrenzende Feldstellungen verlegt. Das Entscheidende an den Vorbereitungen lag jedoch woanders. Gemäß der deutschen Militärdoktrin setzte man nicht auf den Bau von Verteidigungsanlagen, sondern auf den Ausbau des Eisenbahn- und Straßennetzes, das es erlaubte, Truppen rasch entlang der Frontlinie zu verlegen und so in den Hauptstoßrichtungen eine örtliche zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen. Hier sei daran erinnert, dass der berühmte „Schlieffen-Plan“ von 1905 einen asymmetrischen Zweifrontenkrieg vorsah. Die Hauptereignisse der ersten Kriegsphase sollten sich in Frankreich abspielen, für dessen Zerschlagung und Kapitulation 42 Tage veranschlagt waren. Man ging davon aus, dass Russland bis dahin gerade erst seine Mobilmachung abgeschlossen haben würde und seine beginnende Offensive mit recht geringen Kräften durch Truppenmanöver aufgehalten werden könnte. Der Plan sah die Preisgabe eines Teils des Gebiets an der Ostfront vor. Nach der Kapitulation Frankreichs und der Verlegung der Hauptkräfte des deutschen Heeres nach Osten sollte dann jedoch auch die russische Armee geschlagen werden. 1906 veränderte der neue Chef des deutschen Generalstabs, Helmuth von Moltke der Ältere, den Schlieffen-Plan leicht, indem er die Heeresgruppe im Osten verstärkte.

Nach Ansicht der meisten Militärhistoriker verschlechterten diese Änderungen den Schlieffen-Plan und machten ihn völlig undurchführbar. Für uns folgt daraus, dass die anfänglichen Erfolge der russischen Armee vom deutschen Generalstab eingeplant waren und für die Deutschen keine militärische Katastrophe bedeuteten.

Anders als der deutsche entstand der russische Operationsplan im August 1914 recht spontan. Im Großen und Ganzen lässt er sich mit einer damaligen Redensart zusammenfassen: „Ihr nach Paris, wir nach Berlin“. Man nahm an, die russische Armee werde den Widerstand der ostpreußischen Verteidigungskräfte mühelos brechen, sie in wenigen Schlachten zerschlagen und die Hauptstadt des Deutschen Reiches erreichen, noch bevor die deutschen Truppen nach den Kämpfen gegen die Franzosen frei würden. Dieser Plan wäre gut gewesen, hätte Russland über eine hochmobile Armee, die nötigen Transportmittel für ihre Verlegung und eine starke Kriegsflotte verfügt. Praktisch zu Fuß in so kurzer Zeit bis nach Berlin zu gelangen, war jedoch unmöglich.

Russisches Plakat1914. Russisches Propagandaplakat.

Paul von Hindenburg

(1847–1934)

Reichspräsident ab 1925, Ehrendoktor aller vier Fakultäten der Albertina. Generalfeldmarschall. Im Ersten Weltkrieg ab November 1914 Oberbefehlshaber der Truppen an der Ostfront. Gemeinsam mit seinem Stabschef Ludendorff wendete er den Verlauf der Kämpfe in Ostpreußen zugunsten Deutschlands, was Hindenburg zum Nationalhelden machte. Ab August 1916 Chef des Generalstabs und faktisch Oberbefehlshaber. Als Reichspräsident übergab er am 30. Januar 1933 die Macht in die Hände der Faschisten, indem er Hitler mit der Regierungsbildung beauftragte.

Dieser kurze militärgeschichtliche Exkurs erklärt den gesamten Verlauf der Ostpreußischen Operation der russischen Armee recht gut. Russland eröffnete die Offensive mit zwei Armeen unter dem Befehl erfahrener, im Russisch-Japanischen Krieg erprobter Generäle: Rennenkampf (1. Armee) und Samsonow (2. Armee). Beide Armeen rückten auf nahezu parallelen Linien vor, getrennt durch die Masurischen Seen. Zusammen waren sie der deutschen 8. Armee überlegen (250.000 Soldaten und Offiziere gegenüber 173.000), jede für sich genommen jedoch unterlegen. Am 20. August erreichte die 1. Armee nach Grenzgefechten die Stadt Gumbinnen (Gussew), wo sie den deutschen Truppen eine Schlacht unter für diese ungünstigen Bedingungen aufzwang. Die deutsche 8. Armee musste stückweise in die Schlacht eingreifen und erlitt trotz einzelner Erfolge in der Hauptstoßrichtung im Zentrum der Front eine Niederlage, woraufhin sie sich zurückziehen musste. Rennenkampf wiederum erkannte nicht die Möglichkeit, den Erfolg auszubauen und die Schlacht bei Gumbinnen zur entscheidenden Hauptschlacht zu machen; er unternahm keinen Versuch, den zurückweichenden Gegner einzuholen, einzukesseln und die Ostpreußen verteidigenden Verbände der deutschen 8. Armee vollständig zu vernichten. Dennoch meldete der Oberbefehlshaber der 8. Armee, Prittwitz, dem deutschen Generalstab, es drohe eine Einkesselung, weshalb er beschlossen habe, Ostpreußen preiszugeben und sich hinter die Weichsel zurückzuziehen.

Angesichts der drohenden Besetzung beginnt etwa die Hälfte der deutschen Zivilbevölkerung im Vormarschgebiet der russischen Armee, nach Westen zu fliehen, vor allem in Richtung Königsberg. Am 21. August enthebt Helmuth von Moltke Prittwitz und dessen Stabschef Waldersee ihres Kommandos und ernennt an ihrer Stelle die künftigen „Retter Ostpreußens“ und Nationalhelden Paul von Hindenburg und Erich von Ludendorff.

Bei den Truppen eingetroffen, beschlossen Hindenburg und Ludendorff, eine örtliche Variante des „Schlieffen-Plans“ umzusetzen. Gegen die russische 1. Armee blieb nur eine kleine Truppengruppe zurück, die deren Vormarsch durch ständigen Beschuss und Manöver binden sollte. Die Hauptkräfte hingegen wurden eilig gegen die Armee Samsonows verlegt, der keinesfalls mit Angriffen des gerade erst geschlagenen Gegners rechnete. Durch eine bittere Ironie des Schicksals erkannte Rennenkampf in der hastigen Truppenverlegung nicht die Bedrohung für Samsonows Armee, sondern glaubte, die deutschen Truppen zögen sich hinter die Weichsel zurück. Er meldete dies dem Oberbefehlshaber der Nordwestfront, Schilinski, und erhielt daraufhin die Weisung, der deutschen Gruppierung den Weg nach Königsberg abzuschneiden. Damit änderte sich die Marschrichtung der russischen 1. Armee: Statt sich der Armee Samsonows anzunähern, entfernte sie sich nun von ihr.

Erich Ludendorff

(1865–1937)

Deutscher General der Infanterie. Weggefährte Paul von Hindenburgs im Ersten Weltkrieg, später einer der Ideologen des deutschen Militarismus. 1914 nach einer Reihe von Misserfolgen des deutschen Heeres in Ostpreußen zum Stabschef ernannt. Unter seiner unmittelbaren Mitwirkung an der Truppenführung fügten die Deutschen den russischen Armeen eine Reihe von Niederlagen zu und zwangen sie, sich aus Ostpreußen zurückzuziehen. Später war er Gehilfe von Generalfeldmarschall Hindenburg, leitete 1914–16 faktisch die Kampfhandlungen an der Ostfront und 1916–18 die gesamten Streitkräfte Deutschlands. Teilnehmer am Kapp-Putsch (1920). Führte gemeinsam mit Hitler den faschistischen Putsch in München an (1923). 1924–28 Abgeordneter der NSDAP im Reichstag. Entschiedener Befürworter eines neuen Weltkriegs als Revanche für die Niederlage im vorangegangenen, Urheber des Konzepts des „totalen Krieges“.

Am 26. und 27. August zerschlugen die deutschen Korps nacheinander den rechten und den linken Flügel der Armee Samsonows. Die Hauptgruppierung der russischen Truppen setzte dabei ihren ursprünglichen Vormarsch fort – geradewegs in die sich abzeichnende Umklammerung. Der Oberbefehlshaber war über die Lage an den Flanken nur unvollständig informiert. Den Befehl des Frontstabs zum sofortigen Rückzug erhielt er nicht, weshalb er den Rückzugsbefehl erst am Abend des 28. August gab, als die Zerschlagung der Armee nicht mehr abzuwenden war. Am 29. August griffen die Deutschen die Hauptkräfte der Armee an; die Gruppierung, in der sich Samsonow und sein Stab befanden, wurde eingekesselt.

Am 30. August erschoss sich General Samsonow, wodurch die Truppenführung endgültig zusammenbrach. Etwa sechstausend Soldaten und Offiziere fielen, 50.000 Mann gerieten (zum Teil verwundet) in Gefangenschaft. Die Reste der Armee erreichten die Grenze des Russischen Reiches im Gebiet der (heute polnischen) Stadt Mława.

Nun drohte der Armee Rennenkampfs die Zerschlagung, die bereits bis in das weitere Vorfeld Königsbergs vorgedrungen war. Aus dem Frontstab kam der Befehl zum sofortigen Rückzug. Rennenkampf organisierte den Rückzug seiner Armee nach allen Regeln der Kunst, deckte mit Nachhuten die Abschnitte, an denen deutsche Truppen durchbrechen konnten, und entging so erfolgreich der Einkesselung. Die Ostpreußische Operation endete am 15. September 1914. Für den Rest des Ersten Weltkriegs war Königsberg keiner echten Gefahr einer Belagerung oder eines Sturmangriffs mehr ausgesetzt, auch wenn die Stadt bis 1918 frontnah blieb und die wichtigste Versorgungsbasis der deutschen Armee war.

Die Kapitulation des Deutschen Kaiserreichs im November 1918 und die darauf folgende Novemberrevolution 1918/19 berührten Ostpreußen kaum. Alle wesentlichen Ereignisse spielten sich Hunderte Kilometer von Königsberg entfernt ab. Hier bemühte man sich vielmehr, die Wunden des Krieges rasch zu heilen und zum friedlichen Leben zurückzukehren. Die wirtschaftliche Lage in der neu gegründeten Weimarer Republik war dem Wiederaufbau der Betriebe und dem Erreichen des Vorkriegsniveaus der Produktion jedoch wenig förderlich. Dennoch fanden sich Mittel, um die Erinnerung an die gefallenen Bewohner der Provinz wachzuhalten und den im Krieg zerstörten Städten zu helfen, für die in dieser Zeit Städte aus dem Inneren des Reiches Patenschaften übernahmen.

Nach dem Versailler Vertrag war Ostpreußen nun durch den „Danziger Korridor“ vom übrigen Deutschland getrennt, was zusätzliche Schwierigkeiten mit sich brachte. Um den Handel mit dem Reich wiederzubeleben, wurde 1920 die Deutsche Ostmesse (dt. Deutsche Ostmesse) gegründet. Im ersten Jahr fand sie auf dem Gelände des Tiergartens statt, zugleich begann jedoch am Hansaplatz (heute Platz des Sieges) und am Wallring (heute Uliza Professora Baranowa) der Bau von Messehallen. Die Messe weckte das Interesse der baltischen Staaten, aber auch Ungarns und der Türkei. Ab 1922 nahm auch Sowjetrussland, später die UdSSR, daran teil. Die Ostmesse wurde bald zu einer der größten Messen Deutschlands und stand im Umsatz nur der Leipziger nach. Der wachsende Handel zog den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur nach sich: der Straßen und Eisenbahnen, aber auch des 1919 eröffneten Flughafens Devau, der übrigens einer der ersten zivilen Flughäfen der Welt war.

Flughafen Devau

Erster ziviler Flughafen Europas und einer der ersten Flughäfen der Welt. 1919 auf dem Gelände eines Militärflugplatzes eröffnet. 1922 wurde das Abfertigungsgebäude errichtet, im selben Jahr begann der Linienverkehr auf der Route Königsberg–Riga–Moskau. Es bestanden außerdem Flugverbindungen nach Berlin und Leningrad. Nach dem Krieg wurde er bis in die 1970er Jahre für Inlandsflüge genutzt und danach zum Flugplatz der DOSAAF.

1922 wurde die Flugverbindung mit Moskau eröffnet, von wo aus auf dem Höhepunkt ihres Ruhms Jessenin und Majakowski nach Königsberg flogen.

Was die Eisenbahn betrifft, so wurde 1929 der Hauptbahnhof (heute Südbahnhof) gebaut und gleich danach, 1930, der Nordbahnhof. Dennoch ließ sich die Lage in Deutschland in diesen Jahren insgesamt kaum als rosig bezeichnen. Die Weltwirtschaftskrise, die enormen Reparationszahlungen und die harten Bedingungen des Versailler Friedensvertrags führten zu einer Wirtschaftskrise im Land, zur Verarmung eines großen Teils der Bevölkerung, zu Inflation und Arbeitslosigkeit. Die Bürger neigten immer stärker den äußeren Rändern des politischen Spektrums zu – den Kommunisten und Ultralinken auf der einen, den Revanchisten und Nationalsozialisten auf der anderen Seite. Im Land entstand eine Unzahl großer und kleiner extremistischer Gruppierungen und Bewegungen. Immer wieder kam es zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten, zu Unruhen mit der Besetzung von Verwaltungsgebäuden, zu Aufständen, Aufmärschen und anderen Aktionen. Die Welle der Konfrontation und Gewalt erreichte auch Ostpreußen, doch insgesamt fanden Linke und Rechte hier weniger Rückhalt als im deutschen Durchschnitt. 1925 wurde in Königsberg eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet und ein kleiner SA-Trupp aufgestellt, zweimal kam der Chefpropagandist der Nationalsozialisten, Goebbels, in die Stadt, doch in zwei Jahren überstieg die Zahl der Parteimitglieder nicht 80 Personen.

Königsberg auf der Karte1928. Das Zentrum Königsbergs auf einer Karte aus der Zeit der Weimarer Republik.

NSDAP

Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, gegründet 1920. Sie vereinte Anhänger der Ideen von Rassenüberlegenheit, Antisemitismus, Antikommunismus und Revanchismus. Erster Vorsitzender der Partei war Karl Harrer, ab 1921 wurde sie von Adolf Hitler geführt. Im Mai 1933 siegte sie bei den Parlamentswahlen, von Juli 1933 bis 1945 war sie die einzige zugelassene Partei Deutschlands. Parteifunktionäre wurden faktisch zu Leitern der regionalen und kommunalen Behörden des Reiches. 1945 vom Alliierten Kontrollrat aufgelöst. Im Nürnberger Prozess wurde sie zur verbrecherischen Organisation erklärt, zur Hauptschuldigen am entfesselten Weltkrieg und an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

1928 wurde der NSDAP-Aktivist Erich Koch, der in allem dem Führer nacheifern wollte, zum Gauleiter Ostpreußens ernannt. Als seine Hauptaufgabe betrachtete Koch die Verbreitung der nationalsozialistischen Ideen in der Provinz, die in der Unterstützung Hitlers weit hinter anderen deutschen Regionen zurücklag. Den örtlichen Nationalsozialisten kamen jedoch die Krisenerscheinungen in der ostpreußischen Wirtschaft zugute. In den Jahren 1929–31 schlossen in Königsberg 513 Betriebe, rund 33.000 Menschen verloren ihre Arbeit. Die NS-Propaganda machte für alles Unglück die Juden und Kommunisten verantwortlich, ebenso die demokratische Regierung, die ihnen nichts entgegenzusetzen vermöge. 1929 kam der Führer selbst zu einer Reihe von Auftritten nach Königsberg, ein Jahr später erschien die örtliche NS-Zeitung „Preußische Zeitung“. All das führte dazu, dass die Nationalsozialisten im Mai 1933 bei den Wahlen zur Königsberger Volksvertretung 43,73 % der Stimmen erhielten (1932 waren es 32,85 %). Das war etwas weniger als im deutschen Durchschnitt, doch die für die Mehrheit fehlenden Stimmen „holte“ sich der Führer nach dem Verbot der Kommunistischen Partei und der Annullierung der für ihre Vertreter abgegebenen Stimmen.

Danach verlief alles wie in anderen deutschen Städten: Die nationalsozialistische Ideologie wurde für alle Verwaltungsorgane verbindlich, sämtliche oppositionellen Zeitungen wurden geschlossen, es entstanden örtliche Einheiten der SS, der Hitlerjugend, der Arbeitsfront und anderer NS-Organisationen.

Der Gauleiter wiederum wurde vom Parteiführer zum Verwaltungschef der ihm anvertrauten Provinz und war zugleich deren Oberpräsident. So stand ab 1933 Erich Koch an der Spitze Ostpreußens, und alle weiteren Ereignisse dort vollzogen sich unter seiner unmittelbaren Leitung.

Den Höhepunkt des nationalsozialistischen Triumphs in Königsberg bildete die „Kristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938, als bei den Pogromen mehrere Dutzend Juden ermordet, ihre Wohnungen und Geschäfte verwüstet und die Synagoge auf der Lomse niedergebrannt wurden. Im selben Jahr 1938 wurden in Königsberg zahlreiche Straßen und Plätze umbenannt: Statt ihrer historischen Namen erhielten sie neue zu Ehren der Führer des Dritten Reiches und der im Kampf gegen die Kommunisten gefallenen NSDAP-Mitglieder. In den ersten fünf Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft halbierte sich die Zahl der Studenten an der Königsberger Universität – das Land brauchte eher Soldaten, und ein Hochschulstudium für Frauen war bei den Ideologen Hitlers überhaupt nicht gern gesehen.

Der von Hitler entfesselte große Krieg in Europa brachte zunächst keine grundlegenden Veränderungen in das Leben der Königsberger. Gewiss, auf den Straßen sah man mehr Soldaten, darunter Verwundete, die hier ausheilten, die Familien der an die Front gezogenen jungen Männer erhielten Todesnachrichten, doch im Großen und Ganzen war der Krieg irgendwo weit weg. Alles änderte sich nach dem 22. Juni 1941. Ostpreußen war eines der Aufmarschgebiete, von denen aus der Überfall auf die UdSSR begann.

Dabei war Königsberg nahezu die einzige deutsche Großstadt, die die Fernfliegerkräfte der Roten Armee mit voll beladenen Bombenschächten erreichen konnten. Zum ersten Mal bombardierten sie die Stadt am 23. Juni 1941.

Ziel dieses Angriffs war es eher, psychologischen Druck auf den Gegner auszuüben, als irgendwelche militärischen Aufgaben zu lösen, und weder seine Art noch seine Intensität konnten die Lage an der Front in irgendeiner Weise beeinflussen. Um fünf Uhr morgens warfen 15 Bomber vom Typ DB-3 ihre Bomben recht verstreut über dem Gebiet der Hornstraße (Uliza Serschanta Koloskowa), Hindenburgstraße (Uliza Kosmonawta Leonowa), Tiergartenstraße (Soologitscheskaja), Wagnerstraße (Uliza Wagnera), Schillerstraße (Uliza Schillera), Luisenallee (Komsomolskaja) und Hufenallee (Prospekt Mira) ab. Acht Gebäude wurden zerstört, 23 beschädigt, 16 Einwohner kamen ums Leben.

Der nächste Angriff erfolgte einen Tag später, doch die Bomben fielen auf unbebautes Gelände; am Abend des 24. Juni folgte eine weitere Attacke. Auch sie war nicht sonderlich erfolgreich: Die Bomben zerstörten 3 Häuser, 3 Menschen kamen ums Leben. Zudem fingen aufgestiegene Jagdflugzeuge die russischen Maschinen im Raum Groß Skaisgirren (heute Bolschakowo) ab und schossen drei von ihnen ab. Später tauchten sowjetische Bomber nur noch sporadisch über Königsberg auf und warfen vor allem Flugblätter ab. Gefechtsmeldungen über Bombardierungen gingen im Juli, August und September 1941 ein, jedes Mal meldeten die Piloten Treffer und einzelne Brände, doch deutsche Quellen bestätigen keine Treffer. Erst für den 13. November 1941 sind Bombeneinschläge im Stadtgebiet belegt: Damals warf eine einzelne Pe-8 ihre Bomben ab, wobei ein Mensch ums Leben kam und sechs verletzt wurden.

Immanuel Kant

(1724–1804)

Deutscher Philosoph und Mathematiker, Begründer der klassischen deutschen Philosophie. Privatdozent (ab 1756), Professor an der Albertina (ab 1770), auswärtiges Ehrenmitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften (ab 1794). Geboren in Königsberg als Sohn eines Riemermeisters. Besuchte 1732–40 das Collegium Fridericianum. 1740 nahm er das Studium an der Königsberger Universität auf. 1746 verließ er nach dem Tod seines Vaters die Universität, ohne Prüfungen abzulegen und den Magistergrad zu erwerben. 1746–55 war er als Hauslehrer tätig und entwickelte nebenbei eine kosmogonische Theorie über die Entstehung des Sonnensystems aus einem Urnebel („Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“, 1755). 1755 kehrte er an die Universität zurück und erwarb den Magistergrad (Dissertation „Über das Feuer“). Dekan der Philosophischen Fakultät (ab 1776). In seiner „kritischen Philosophie“ wandte er sich gegen den Dogmatismus der spekulativen Metaphysik und gegen den Skeptizismus, mit seiner dualistischen Lehre von den unerkennbaren „Dingen an sich“ (der objektiven Quelle der Empfindungen) und den erkennbaren Erscheinungen, die den Bereich unendlicher möglicher Erfahrung bilden. Zentrales Prinzip der auf dem Begriff der Pflicht gründenden Ethik Kants ist der kategorische Imperativ. Kants Lehre von den Antinomien der theoretischen Vernunft spielte eine große Rolle für die Entwicklung der Dialektik. 1796 hielt er seine letzte Vorlesung an der Universität. Beigesetzt an der Mauer des Doms. In Königsberg wurde eine Straße nach Kant benannt (an der Stelle des heutigen Zentralplatzes), heute trägt die Universität in Kaliningrad seinen Namen.

Der wahre Albtraum für Königsberg begann Ende August 1944. Zunächst freilich fand nur seine Generalprobe statt.

Am 27. August 1944 erschienen 174 Bomber der britischen Luftwaffe über Königsberg, einige kamen jedoch vom Kurs ab und warfen ihre Bomben über den dünn besiedelten östlichen Stadtteilen ab. Die Hölle brach nur drei Tage später los. Am 30. August warfen bereits 189 „Lancaster“ ihre Bomben in einem breiten Streifen direkt auf die zentralen Stadtteile Königsbergs.

Von den Bränden betroffen waren die Vorstadt (Gegend der heutigen Uliza Serpuchowskaja und Polozkaja), die Lastadie (Gegend des Sportkomplexes „Junost“), der Kneiphof (Kant-Insel), die Altstadt (das Gebiet zwischen Schloss und Pregel), das Königsberger Schloss selbst und die umliegenden Viertel, der Löbenicht (Gegend der Uliza Sarajskaja), der Tragheim (Gegend der Uliza Proletarskaja und Sergejewa) und der Roßgarten (Gegend der Uliza Klinitscheskaja). Insgesamt wurden bei den zwei Angriffen 350 Tonnen Fliegerbomben abgeworfen, 840 Einwohner kamen ums Leben, rund 1000 galten als vermisst, weitere 120.000–150.000 wurden obdachlos – faktisch verlor ein Drittel der Bevölkerung das Dach über dem Kopf. Hier ist anzumerken, dass die Bombardierung Königsbergs an sich keine außergewöhnliche Aktion war – andere deutsche Städte waren sowohl massiveren als auch häufigeren Luftangriffen ausgesetzt, doch selbst in dieser Form wurde der britische Angriff für die Stadt zur Katastrophe. Die vergleichsweise geringe Zahl der Todesopfer erklärt sich dadurch, dass zuvor, im Frühjahr und Sommer 1944, die Luftabwehr verstärkt, in großer Zahl Luftschutzbunker errichtet und ein Warnsystem für die Bevölkerung eingerichtet worden war. Nach den Angriffen gelang es den städtischen Diensten in relativ kurzer Zeit, die Strom- und Wasserversorgung und danach auch den Straßenbahnverkehr wiederherzustellen. Der Mehrheit der Bevölkerung war jedoch bereits klar, dass dies erst der Anfang war...

Als die Rote Armee im Herbst 1944 die Grenzen Ostpreußens erreichte, liefen auf beiden Seiten der Front die Propagandamaschinen auf Hochtouren.

In den sowjetischen Truppen erklärte man den Soldaten, die Rote Armee stehe vor den Toren der Höhle des Feindes, der Quelle jahrhundertelanger Aggression gegen den Osten, der Zitadelle des deutschen Militarismus, in der man den deutschen Hochmut ersticken müsse. Zur gleichen Zeit verkündete die NS-Propaganda, der Feind werde sich an Ostpreußen die Zähne ausbeißen, die tapfere deutsche Wehrmacht werde den Bolschewiken nicht erlauben, den Boden des Reiches zu betreten, und von hier aus werde der Krieg sogar wieder nach Osten zurückrollen. Insgesamt entsprach weder das eine noch das andere der Wirklichkeit. Gewiss, den Deutschen gelang es, an der Grenze Ostpreußens eine recht starke Truppengruppierung zusammenzuziehen, und gewiss wurden auf dem Weg nach Königsberg mehrere Verteidigungslinien angelegt, doch die Überlegenheit der Roten Armee an Personal und Bewaffnung war unbestreitbar, und die deutschen Verteidigungslinien wiesen Lücken und Schwachstellen auf, die ohne große Mühe aufzuspüren waren. Nach dem gescheiterten Versuch, die Grenze aus der Bewegung heraus zu überschreiten, wurde bis Januar 1945 ein gründlicher Plan für die Ostpreußische Operation ausgearbeitet, und die Rote Armee durchbrach die feindliche Verteidigung in weniger als einer Woche. Eine weitere Woche brauchten unsere Truppen, um die Vororte Königsbergs zu erreichen. Eine Woche für all die vielgepriesenen Verteidigungsstellungen! Man kann mit Bestimmtheit sagen, dass die Angriffskraft der Roten Armee in dieser Zeit die Verteidigungsmöglichkeiten des Gegners erheblich übertraf.

19451945. Offiziere der Roten Armee im Zentrum des gefallenen Königsberg.

Der Festungsring von Königsberg

Ein Verteidigungsgürtel aus zwölf großen (Standard-) und drei kleinen Forts, der 1873–78 in einer Entfernung von 5–7 km vom Stadtzentrum um Königsberg herum errichtet wurde. Der Bau der Forts entsprach dem damals gültigen Konzept der Fortfestung: Die Artillerie der Forts sollte die belagernden Truppen auf einer Distanz halten, die einen Artilleriebeschuss der Stadtviertel verhinderte. Infolge der Entwicklung der Artilleriewaffen entsprach der Fortgürtel jedoch bereits in den 1890er-Jahren nicht mehr den Anforderungen der Zeit und hatte trotz zweimaliger Modernisierung zu Beginn des Ersten Weltkriegs seine Bedeutung endgültig verloren. Bei der Verteidigung der Stadt während des Sturms der Roten Armee im April 1945 dienten die Forts Königsbergs als Stützpunkte, obwohl die schwere Artillerie wegen ihrer Verwundbarkeit in den Fort-Innenhöfen abgezogen worden war. Die Forts sind mehr oder weniger gut bis heute erhalten. Die Forts 5 und 11 und teilweise auch Fort 1 werden als Museen genutzt, die Forts 6, 7 und 12 sind von Einrichtungen des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation belegt.

Wie der Kommandant der Festung Königsberg, Otto Lasch, bezeugt, verfügte er am 27./28. Januar 1945 praktisch über keine Truppen zur Verteidigung der Stadt, weshalb die Verbände der 3. Weißrussischen Front aus der Bewegung heraus in die Stadt hätten eindringen können, ohne dass jemand sie hätte aufhalten können. Allerdings ist Laschs Memoiren mit großer Vorsicht zu begegnen, denn ihr Leitmotiv ist die Selbstrechtfertigung und der Gedanke, er, Otto Lasch, sei ein sehr guter und erfahrener Soldat gewesen, den man in eine ausweglose Lage gebracht und mit Dilettanten wie Erich Koch und Kreisleiter Wagner umgeben habe – und wären diese beiden Umstände nicht gewesen, wer weiß, wie es ausgegangen wäre.

Ende Januar erreichten die Armeen der 3. Weißrussischen und der 1. Baltischen Front Königsberg völlig erschöpft, mit zurückgebliebenen rückwärtigen Diensten, unvollständiger Munitionsausstattung und einem noch lückenhafteren Personalbestand. Südlich von Königsberg tobten noch erbitterte Kämpfe mit der eingeschlossenen Heilsberger Gruppierung des Gegners.

Die am 30. Januar vor Königsberg angelangten Armeen konnten die Stadt recht mühelos vollständig abriegeln, wodurch ihre Verteidigung zu einem völlig aussichtslosen Unterfangen wurde. Am 19. Februar 1945 gelang es den Deutschen allerdings, die Lage durch gleichzeitige Angriffe aus der belagerten Stadt und von der abgeschnittenen Gruppierung auf der Halbinsel Samland aus erheblich zu verbessern. Infolge dieser Operation, die beiden Seiten schwere Verluste brachte, wurde der Einschließungsring durchbrochen und die Verbindung Königsbergs mit Pillau (Baltijsk) wiederhergestellt. Über sie konnte die Garnison mit Mannschaften, Waffen und Munition aufgefüllt werden. Zudem eröffnete sich die Möglichkeit, die Bevölkerung aus der belagerten Stadt zu evakuieren.

Dieser Zustand hielt anderthalb Monate bis Anfang April 1945 an, während der endgültige Sturm auf die Festungsstadt vorbereitet wurde. Er war für den 5. April geplant, wurde jedoch wegen Wetterbedingungen, die einen Einsatz der Luftwaffe ausschlossen, um einen Tag verschoben. Bereits am 30. März begann die Artillerie, sich auf die Stellungen einzuschießen, und ab dem 2. April entfaltete sich eine massive Artillerieoffensive. Tagsüber feuerten ununterbrochen schwere Geschütze großen Kalibers sowie Artillerie großer und besonderer Leistung (bis 305 mm), nachts unterhielt die Artillerie mittleren Kalibers das sogenannte „Störfeuer“, das es den Pionieren unmöglich machte, die Schäden an den Befestigungen zu beheben. Insgesamt wurden rund 350.000 Tonnen (!) Granaten und Minen verschossen. Laut Lasch fanden sich am dritten Tag des Sturms selbst die Einheimischen in der Stadt nicht mehr zurecht, so gewaltig waren die Zerstörungen.

Am 6. April 1945 begann der eigentliche Sturm auf Königsberg. In der Literatur wird er nicht selten als „mustergültiger Sturm“ bezeichnet. Die gewählte Taktik kleiner Sturmgruppen, unterstützt von jeweils ein paar Panzern oder Selbstfahrlafetten, ermöglichte es, die Stadt rasch und mit – für eine so schwierige Operation – geringen Verlusten einzunehmen.

Die angreifenden Armeen umgingen die Forts von Königsberg und stellten zu deren Blockade je ein bis zwei Bataillone pro Fort ab, während die übrigen Kräfte den Sturm fortsetzten. Die 39. Armee schnitt unterdessen die Chaussee nach Pillau ab. Die Stadt selbst wurde von der 11. Gardearmee (von Süden) sowie der 43. und 50. Armee (von Norden) gestürmt. Viertel um Viertel unter ihre Kontrolle bringend, zogen die sowjetischen Truppen den Einschließungsring immer enger. In der Nacht vom 8. auf den 9. April unternahm die deutsche Garnison einen Ausbruchsversuch nach Westen, in Richtung Pillau, der von den sowjetischen Truppen abgewehrt wurde. Damit schwanden selbst die letzten trügerischen Hoffnungen auf eine erfolgreiche Verteidigung, auch wenn einzelne feindliche Gruppen es vorzogen, statt sich zu ergeben, bis zur letzten Patrone zu kämpfen. Am 9. April begab sich nach Funkverhandlungen eine Delegation sowjetischer Parlamentäre in den Bunker von General Lasch und erreichte eine Vereinbarung über die Kapitulation Königsbergs. Am Morgen des 10. April begannen die Reste der Garnison, sich in Gefangenschaft zu begeben. Und obwohl die Stadt noch etwas mehr als ein Jahr den Namen Königsberg trug, endete damit ihre deutsche Geschichte.


Medaille „Für die Einnahme Königsbergs“

Staatliche Auszeichnung der UdSSR, gestiftet am 9. Juli 1945. Verliehen wurde die Medaille an Angehörige der Roten Armee, die an der Ostpreußischen Operation teilgenommen hatten, darunter auch am Sturm auf Königsberg. Insgesamt wurden 760.000 Personen ausgezeichnet.

Chronik der wichtigsten Ereignisse

2. August 1853 – Eröffnung der Eisenbahnverbindung Königsberg–Berlin.

1858 – Einrichtung der Feuerwehr in Königsberg.

1873 – Bau des Universitätsklinikums an der Langen Reihe (heute Uliza Barnaulskaja).

1873 – Fertigstellung der städtischen Wasserleitung.

1874-91 – Bau des Königsberger Fortgürtels und dessen Umbau, der fast unmittelbar nach Abschluss der Bauarbeiten erfolgte.

31. Mai 1895 – Inbetriebnahme der ersten elektrischen Straßenbahnlinie.

1898 – Inbetriebnahme der Königsberger Kanalisation.

1901 – Vertiefung des Seekanals zum Königsberger Hafen.

17. August – 15. September 1914 – Ostpreußische Operation der russischen Armee.

26. September 1920 – Eröffnung der ersten Deutschen Ostmesse.

1926 – Archäologische Ausgrabungen auf dem Gelände des Königsberger Schlosses unter der Leitung von Friedrich Lahrs.

9.–10. November 1938 – „Kristallnacht“ – Judenpogrome in Königsberg.

27. und 30. August 1944 – Britische Luftangriffe auf Königsberg.

6.-9. April 1945 – Sturm auf die Stadt im Großen Vaterländischen Krieg.

STATT EINES SCHLUSSWORTS

Zwölf Jahre Nationalsozialismus und fünfeinhalb Jahre Krieg sind nur ein Tropfen im Meer, gemessen an dem Weg, den Königsberg zurückgelegt hat. Doch gerade dieser giftige Tropfen vergiftete fast 700 Jahre ruhmreicher Geschichte, in denen sich die Stadt von einem kleinen Dorf am Rande der Welt zu einer der fortschrittlichsten Hauptstädte Europas entwickelt hatte. Er vernichtete die Früchte der Arbeit Dutzender Generationen von Königsbergern. Er verbrannte Bücher und Archive, zerstörte Bauwerke und Denkmäler, zerstreute die Schönheit und hinterließ eine Brandstätte. Er erlaubte es, die Wiege der deutschen Staatlichkeit und der klassischen Philosophie als „Zitadelle der Aggression und des preußischen Militarismus“ zu bezeichnen. Jenes einstige Königsberg lässt sich nicht zurückholen, so wie sich die Dutzenden Millionen Menschen nicht ins Leben zurückrufen lassen, die im Zweiten Weltkrieg umgekommen sind. Doch wir sollten die Lehre der Geschichte mit größter Aufmerksamkeit beherzigen. Denn jeder von uns kann Teil eines solchen Tropfens werden, der alles vom Antlitz der Erde tilgt, was seine Vorfahren geschaffen haben. Und deshalb muss jeder danach streben, dies nicht zuzulassen.



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Aus dem Russischen übersetzt mit Hilfe von KI (Claude, Anthropic), Oktober 2026.